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DEUTSCHE ALTERTHÜMSKUNDE
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FRANZ PFEIFFER.
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MIT EUnOI UaiSIXR zun I.-^U. JAHRSAHe.
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v^' STUTTGART.
VERLAG DER J. B. METZLER'SCHEN BUCHHANDLUNG.
1858.
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I N HALT.
Seite
Hlid. Scelb. Drep. Von Jacob Grimm 1
Ober Mnspilli. Von Karl Bartsch 7
Des Tenfels Netz. Von Franz Pfeiffer . 21
Über Garel Tom blühenden Thal. Von I. Y. Zingerle 23
Über germanische Personennamen. 3.4.5. Von Franz Stark '41.120
Zu den altdentschen Gesprächen. Von Jacob Grimm 48
Nibelungen, Bruchstück R. Von Adolf Holtzmann 51
Die geistUchen Lilien. Von Hof f mann von Fallersleben 56
^n Über Gottfried Yon Strassburg. Von Franz Pfeiffer 59
Wolfram von Eschenbach and Chrestiens de Troyes. Von Alfred Roch at .... 81
r Bath der Nachtigall. Von Ludwig ühl and 129
Die ahd. Praeterita. Von Jacob Grimm 147
Der deutsche Instrumentalis. Von Demselben 151
Lieder Herzogs Jan L Yon Brabant. Von Hotfmann von Fallersleben 154
Stabat Hater in dnitsche. Von Demselben 161
Die Nibelungensage. Von Max Rieger 163-
Die dankbaren Todten und der gute Gerhard. Von Reinhold Köhler ..... 199
Der Weinschwelg. Von Theodor Vernaleken 210
Angelsächsische Glossen. Von Hoffmann tou Fallersieben 221
^ Sprüche deutscher Mystiker. Von Franz Pfeiffer 225
Konrad von Würzburg ans Würzburg oder aus Basel? Von Wilhelm Waekernagel 257
Über ein geistliches Schauspiel des XV. Jahrhunderts. Von Karl Bartsch . . . . 267
Über germanische Personennamen. 6 — 14. Von Franz Stark 297
Zu Heinrich Yon Morungen. Von Karl Bartsch 304
Meistergesänge des XV. Jahrhunderts. Von Adolf Holtzmann 308
Sprachliche Erläuterungen zu dem von K. Bartsch herausgegebenen Gedichte „die Er-
lösung*. VonFedorBech . . 328
Bruchstücke aus Iwein und dem armen Heinrich. Von Fr. Pfeiffer 338
Kleine Mittheilungen. Von Joseph D lern er 351
^Deutsche Predigtentwürfe aus dem Xin. Jahrhundert. Von Demselben .... 361
Entgegnung. Von Franz Pfeiffer 367
priameln. Von Moriz Rodler 868
IV INHALT.
Seite
Beitrftge zur Keimtniss der QaantitAtsTerhftltnisse der Thüringischen Mundart im XY.
Jahrhundert Von Reinhold Bechstein 385
Zwei Geq>rftche zwischen Seele ond Leib. Von Max Rieger 396
* Predigtm&rlein. Von Franz Pfeiffer 407
Wolfram ron Eschenbach nnd Gniot von ProTins. Von SanMarte (A. Schulz) . . 445
Die Prager Handschrift der Erlösung. Von Joh. Kelle 465
Uosezzel. Von Franz Pfeiffer 480
LITTERATÜR.
Becensionen:
Van den Vos Beinaerde, door Jonckbloet Von A. Holtzmann ' . 121
Th. O. T. Karajan , zwei bisher unbekannte deutsche Sprachdenkmale aus heidnischer
Zeit. Von Franz Stark 123
Ferdinand Wolf, über die beiden wiederaufgefundenen niederländischen Volksbücher
von der Königin Sibille und von Haon Ton Bordeaux. Von W. L. Holland 244
Dr. Hdnr. Rückert« Lohengrin^ Von Karl Bartsch 244
JAgerbrevier. Jagdalterthümer: Waidsprüche und Jftgerschreie , Jagdkalender, J&ger-
künste und JAgeraberglauben, Jägersagen. Von Reinhold Köhler .... 253
Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau IL Von I. V. Zingerle 253
Dr. Vonbun, die Sagen Vorarlbergs. Von I. V. Zingerle 254
Theodor Vemaleken, Alpensagen. ' Von I. V. Zingerle 255
Ritter T. Alpenbnrg, Mythen nnd Sagen Tirols. Von I. V. Zingerle '256
Dr. K. A. Barack, die Werke der HrotsTitha. Von Karl Bartsch 375
D. Georg Wilh. Hopf, Hans Sachs. Von Karl Bartsch 381
C. Sachs, la vie de Sainte Enimie von Bertran von Marseille. Von Karl Bartsch 353
Karl Lachmann und Moriz Haupt, des Minnesangs Frühling. Von Karl Bartsch und
Franz Pfeiffer 481
HL ID. SCELB. DR EP.
Die in Haupts Zeitschrift 5 , 194-^198 eingerückten glossen standen
aas derselben Leidener handschrifb schon vollständiger in den symbolis ad
lit tent. ant p. 362 — 382, woher sich einzelne hätten berichtigen lassen»
z. b. 196^ heiszt es falsch 'rogus beel vel acccf statt 'beel vel aa<f
symb. 374.
Sehr merkwürdig ist die glosse *fornice scelb vel drep' 196', symb.373
zu einer stelle des Ensebius, sie ist auch in die Schietstädter Sammlung 16,. 7
(5, 342*) eingetragen, blosz dasz hier für drep 'dreb' steht, fornice scelp
*Trancice^ und scelf camaram pastomm hat noch Graff 6, 479. 480 ans an-
dern glossen, und 'in clida bisciibit' aus glossen znm ripuarischen gesetz,
Diut. 1, 342^ die teztstelle müssen wir vor allem aufschlagen.
Sie findet sich im titel de homine furbattudo (al. furbannito), es ist der
72 oder nach andrer Zählung 77ste und handelt von unvorsätzlicher tödtung
eines auf brennender that (iu flagranti) betretnen menschen : si quis homi-
nem super rebus suis comprehenderit et eum ligare voluerit aut super uxo-
rem seu super filiam vel his similibns , et non praevaluerit ligare, sed colpus
ei excesserit, et eum interfecerit, coram testibus in quadruvio in clida
eum levare debet, et sie quadraginta seu quatuordecim noctes custodire
et tunc ante judicem in haraho conjuret, qnod eum de vita forfactum inter-
fecisset.
Das selbe legen oder heben auf die clida begegnet anderwärts im pactns
Alamannomm 2, 34 (Merkel seite 36): si quis alterius ingenuam de crimina
seu Stria aut herbaria sisit (al. sistit) et ipsam in clida miserit et ipsam
cum duodecim medicus electus (al. medios electos) ant cum spata tracta qui-
libet de parentes adunaverit, DCCC solides componat. si ancilla fuerit, quin-
decim solidos componatur. si in clida misa non fuerit, et pnusa et temptata
fuerit, quadraginta solidos componat. et si in clida non fuerit, sex solidos
solvat. et si ipsam vir contra steterit culpabilem , et ille propter quem ei
reputator mortuos fuerit, illi qui feminam contra steterit, wiregildum ejus
desolvat. Hier aber wird keine leiche auf die clida gelegt, sondern eine der
Zauberei beschuldigte lebende freie, in gegenwart der verwandten, die das
«EKMAXnA. ni.
2 JACOB GRIMM
Schwert ziehen und vor zwölf zeugen aus dem mittelstand , medii electi. die
absieht kann nur sein, entweder sie zum bekenntnis des Verbrechens zu brin-
gen oder zeichen, dasz sie eine hexe sei, an ihrem leib zu finden, denkbar
wäre , dasz deshalb ärzte , wenn die lesart medici gelten kann , zugezogen
wurden , obgleich die zwölfzahl bedenken macht. *) wahrscheinlich kam im
heidenthum diese an einer freien frau verübte schmachvolle gewaltthat vor,
das gesetz untersagt sie bei hoher busze , das alamannische wergeld betrug
160 sol. und erschiene hier verfünffacht, für eine unfreie wurden nur 15 sol.
entrichtet, war aber die freie nicht auf die clida gelegt, blosz gefangen ge-
nommen und untersucht, so trat busze von 40 so]., ja von 6 sol. ein, wenn
die gewaltsame temptatio unterblieb, so wenigstens suche ich mir das in
barbarischem stil abgefaszte gesetz deutlich zu machen.
Die dritte gesetzstelle redet , gleich der ersten , von einem erschlagnen,
wenn auch nicht in flagranti, es ist auffallend, dasz die älteren angelsächsi-
schen gesetze eines brauchs geschweigen, den uns die leges Henrici I. cap, 92,
8 bewahren: si mordram inveniatur alicubi , conveniat ibi hundredum cum
praeposito et vicinis, et sive cognoscatur sive non, custodiatur septem diebus
super cletam un^m elevatus, lignis nocte circum accensis.*)
Diese gewohnheiten gehen in hohes alterthum zurück , wie wir hernach
sehen werden, noch weit über Clodovechs capitulare und das ripuarische recht
hinauf, um vollends in ihren gehalt einzudringen, ist eine Untersuchung djes
ausdrucks clida unerläszlich.
Seine eigentliche bedeutung lebt im französischen claie , cleie fort , ge-
flecht von weiden oder dörnern, prov, cleda, mlat. cleda, clida, zu thüren,
bänken, stuhlen und brücken dienend :
perdesotz la tor fetz de cledas un gran pon. Ferabras 3313.
Italienern und Spaniern ist das wort unbekannt, wol aber den Reiten geläufig,
ir. gal. cliath corbis, clathrum, a hurdle of wattles, gal. cliath-bharraich cra-
tes e betulae viminibus texta, cliathuinneig , ir. cliathfuinneig, podium, bal-
con;. welsch clwyd, arraor. kloued. Aus unsern sprachen gehört hierher das
altn. hlid ostium, porta, schwed. dän. led, ohne dasz die ursprüngliche be-
Ziehung auf reisig wach geblieben ist, doch drückt das norwegische Hd nach
Aasen noch grind = clathri, cancelli aus. ags. hlid ostium, ceasterhlid
ostium castri, exon. 20, 7 ; ofer heafona gehlidu, over heavens vaults. 32, 25.
ahd. hlit, lit opercului;n, tegmen^ übrig in nnserm augenlid , deckel des auges,
0 för medii entscheidet minoflidis im cap. Clodoyechi (Perts 2, 4 zeile 38).
') hierzu halte man die noch in den anfang des sechsten jahrh. zurückgehende Verord-
nung des capit. Clodoyechi (Pertz leges 2, 4) de homine inter duas villas occiso: tanc
▼'.cini ilU in quoram campo corpus inventum est, dehent facere bargum quinos pedes in
altum et in praesentia judicis ibilevare corpus, dieser bargus, pargus ist wiederum
septum ex cratibus quo grex inclnditur , unser pferdi. Ducange b. t. baregum und pargns,
ags. pearroc.
HLID. SCELB. DREP. 3
die bedeutung von thür, gitter und reisig haben wir verloren, unmittelbar
verwandt allen diesen formen mit kurzem vocal müssen aber die mit langem
sein, ags. hlid clivus, altn. hlid latus montis, abd. blita, mhd. lite, gotb.
hlei])ra cxtjvij, hütte und zusammen flieszen sie aus dem starken verbum ags.
hlidan hläd gehliden tegere, alts. hlidan hled gehlidan, die auch entspre-
chende altn. ahd. und goth. erwarten lassen, decken ist zugleich beschatten
und die eine seite des bergs, der abhang, die neige, wie die hütte liegen im
schatten.
Dasz auch Wörter der classiscl^en sprachen zutrefifen leuchtet ein.
xXfj&QoVy xXetd'Qov gleichen dem hleijjra, bedeuten aber gleich dem lat pl.
clathri, clathra oder clatra riegel, gitter und thür, vielleicht ist xXiqd^Qa
alnus beizufügen, wenn aus erlenzweigen gitter geflochten wird, xXeCg, clavis
wiederum sind riegel, Schlüssel und ruderbank, xhtvgy clivus, goth. hlaiv; ahd.
hleo, abhang, hügel wie hled, hlita, führen jedoch zunächst 2L\ki xlCveiv , nei-
gen, biegen, lat. clinare, ahd. hlinen, nhd. lehnen, wohin auch goth. hlains
collis gehört, xliaia ist hütte, xhaicig thür, thorweg; es würde zu weit füh-
ren , hier in die Verwandtschaft von hlidan und claudere , xXbCbiv näher ein-
zugehn.
Mehr liegt uns an darauf zu achten , dasz im alterthum gitter , thüren,
bänke , gerüste , brücken aus zweigen geflochten , nachher erst aus bretern,
tafeln , balken gefugt und aufgeschlagen wurden, den pferch unserer hirten
flechten noch heute ruthen, den wildpark hegen stangen und breter. das lat.
crates, craticula, wie ich anderemal gewiesen habe, entspricht buchstäblich
dem goth. haurds d-vQUy wobei man bald nicht mehr ans geflecht daclite, so
wenig als beim ags. hlid ostium an den eigentlichen sinn von clida ; das mhd.
hurt rogus und engl, hurdle behaupteten ihn besser, bei Verbrennung der
leichen musten dörner und reiser nothwendig angewandt werden, die clidä,
der bargus, worauf der gemordete oder die angeschuldigte Zauberin erhoben
wurden, war ein solches geflecht, wenn man auch später. breter und balken
dazu gebrauchte. Gregor von Tours 7 , 37 fuhrt an plaustra cum arietibus,
clitellis et axibus texta, sub quibus exercitus properaret ad destruendos muros.
unter fornix wird eine structura curvata et convexa, arcus oder tabulatum, ein
gewölbter böge verstanden. Merkel gibt im alamannischen gesetz statt clida
oder clita auch die lesart clinata , die sich aus xXCvri , lectistemium erklären
liesze.
Bedeutsam aber mahnt an die clida der gallische scheiterhaufe , wie ihn
Caesar 6, 16 schildert und es ist anzunehmen, dasz damals schon dafür
das keltische wort clith oder clitha im gebrauch war. . alii immani magni-
tudine simulacra habent, quorum contexta viminibus membra vivis hominibus
complent, quibus succensis circumventi flamma exanimantur homines. sup-
plicio eorum, qui in furto aut in latrocinio aut aliqua noxia sint comprehensi,
gratiora dis immortalibus esse arbitrantur; sed, cum ejus generis copia defe-
l*
4 JACOB GRIMM
cit, etiam ad innocentium supplicia descendunt. Ungeheuern götterbildem
wurden hier die dargebrachten opfer auf diQ mit zweigen durchflochtnen glie-
der gelegt und entzündet; als dieser götterdienst aufgehört hatte, behielt
das Volk noch die geflochtnen gerüste für den rechtsgebrauch bei, es ist glaub-
lich , dasz im heidnischen Ripuarien den über die clida gelegten ermordeten,
nachdem er eine Zeitlang gehütet worden war, auf ihr die flamme verzehrte
und vielleicht sollte auch unter den Alamannen die vermeinte Zauberin ur-
sprünglich verbrannt werden. Noch lange im mittelalter pflegte man misse-
thäter und Selbstmörder auf einer clida zum grab zu schleifen.
Der aber, ungefähr im neunten Jahrhundert, das ripuarische gesetz
glossierte, schrieb zu dem damals schon unverständlichen 'in clida levat'
die erklärung biscilbit, die auf ein ahd. starkes verbum scelpan scalp
sculpum scolpan leitet, aus welchem nicht nur das bereits angeführte scelp
fomix , sondern auch sculpa gleba und der ortsname Biuginscelp , wie ich
für Bughenscelp im cod. Lauresh. 2597 lese, stammen. pisceJpan heiszt
ganz richtig auf den fomix, auf die clida legen, wie aber ist das einfache
sc61pan oder ein unerhörtes goth. skilban zu fassen?
Altn. gibt es skialfa skalf, norweg. skjelva skalv, schwed. skälfva
skalf, dän. skjälve skjalv, durchgehends mit der bedeutung tremere, beben,
ein ags. scylfan vacillare wird von Lye ohne beleg angeführt, dafür jedoch^
bedeutet scylfe pl. scylfan scamnun, abacus, tabulatum, wie noch engl,
shelf, bei Caedmon 79, 4 liest man gescype scylfan on scipes bosme, exstrue
scamna in navis gremio, ruderbänke, claves, jenes ahd. sculpa könnte so
viel als cespes , rasenbank ausdrücken, ferner sind altn. Skelfir und Skilf-
ingr alte mythische heldennamen, Skilfingr selbst ein narae Odins, aus
dem Beovulf bekannt die Scilfingas, die auf einfaches Scilfe zurückgehen;
Scilpunc ist ahd. mannsname (Förstemann 1080), in den Nibelungen er-
scheinen Schilbunc und Nibelunc nebeneinander, wie folgen alle diese be-
nennungen aus der Vorstellung des bebens?
Was nun am meisten überraschst, Odins sitz im himmel, von wo er
wie aus einem fenster (jenem cliathfuinneoch) zur erde niederschaut, heiszt
in der eddaHlidskialf, denn hier haben wir beide bisher besprochne gleich-
bedeutende Wörter hlid und scelp verbunden zusammen, offenbar im sinn
eines sitzes, einer bank, eines gerüstes in den wölken, Biörn gibt zu Hlid-
skialf die erklärung porta coeli tremens , unterschieden davon ist in einem
liede der edda Saem. 246* lidskialf, und 41 steht der name Valaskialf; der
gewöhnliche ausdruck für erdbeben lautet iardskialfti oder landskialfti. bei
Hlidskialf denkt man auch an die eddische benennung des regenbogens Bif-
röst , gleichsam die bebende rast , die bebende brücke , über welche die göt-
ter steigen , wie eine hängende , geflochtne brücke unter den tritten bebt ;
diese Vorstellung ist uns nicht fremd, ein ort unweit Osnabrück, d. i. der
Asenbrücke, wo eine brücke über die Hase geschlagen ist, heiszt Quakenbrück,
HLID. SCELB. DREP. 5
bebende brücke, von quaken, ags. cvacian tremere, und vorhin im Fera-
bras hatten wir un gran pon fetz de cledas. in dieser altsächsischen ~ge*
gend, wie die beiden namen Osnabrück und Quakenbrück darthun^ mögen
Überlieferungen gehaftet haben , die denen von der nordischen Bifröst nahe
kommen.
Gleich der schwebenden, schwankenden brücke kann aber auch eine
geflochtne bank die bebende heiszen,*) oder eine rasenbank, wenn die von
sculpa versuchte deutung annehmbar ist; dem altn. f. skialf würde ein ahd.
scelpa entsprechen, wofür auch ein m. oder n. scelp zulässig war. Biugin-
scelp , von biugo sinus , convexitas gebildet scheint eine überaus passende
örtliche benennung. Schwerer zu deuten föllt es die männlichen namen
Scilfe und Scilfing, Scilpi und Scilpunc, Scelfir und Scilfingr, weil uns die
mythen entgehen, doch würde Odin als Hlidskialfar gramr (könig der
Hlidskialf), wie er ausdrücklich heiszt, fuglich den namen Skilfingr führen.
Skelfir, wenn es den vocal e, nicht e hat und zum transitiven skelfa terrere
gehört, wäre ein erschreckender, erschütterer; wie gesagt, die fabel dazu,
welche alles bestätigen oder anders auslegen würde, mangelt. Doch ge-
zeigt zu haben glaube ich, dasz scelp sehr wol fornix übertragen und dabM
bebend bedeuten kann.
Übrig ist noch drep, das dritte synonyme wort, zunächst läge der
form nach altn. drep ictus, unser nhd. tref, nur will die bedeutung eines
Schlags sich kaum einigen niit der von fornix, clida und scelp, es moste eine
ältere, sinnliche und sächliche ausgestorben sein, nach Graff 5, 525 besagt
trefan für sich schon was unser nhd. übertreflfen, prominere, excellere, tref
also könnte etwas hervorragendes , eine Wölbung oder ein gerüst bezeichnen.
Ich war aber verwundert bei Villemarque auf ein armorisches draf, pl.
drefen init der bedeutung von claie, barriere, guichet zu stoszen, im welschen
zeigt sich dref bündle, bündel, folglich anklang an das ags. ])reaf, engl,
thrave manipulus, man sagt a thrave of com, ein gebund kornähren. die
galische, irische spräche bieten nichts ähnliches dar. sowol bündle weist auf
hurdle, als claie, guichet (engl, wicket) auf clida; ich lasse auszer acht, dasz
ein litauisches drebeti beben , zittern dem skialfa begegnen könnte , es liegt
allzuweit ab. näher träte zu drep das lat trabs, franz. tref, balke und Zelt-
stange. Ducange s. v. treflfa.
In der erwartung, dasz sich vielleicht noch einmal ein ahd. mhd. tref
im sinne des ahd. dreb oder drep finden werde , dürfte ich schlieszen ; wenn
ich ein bisher verworfnes wort herstellen kann , hat es sich bereits gefun-
den, mir scheint, dasz Walth. 106> 21 sehr mit unrecht reife an die
^) eben gewahre ich, dasz Lye leider ohne zu sagen woher anführt scealfingstöl, cathe-
dra in qua rizosae malleres sedentes aqnis demergebantur, was dem setzen der zauberin auf
die clida nahe käme.
6 JACOB GRIMM, HLID. SGELB. DBEP.
stelle des urkandlicben treffe gesetzt worden ist. dasz man nun sagt
'die reife treiben' leugne ich gar nicht und will hier noch einige stellen mehr
daf&r beibringen :
der sal man die reiphe triebe mit knnteln auf dem libe.
Stephans stoflieferungen s. 141 ;
wir wend dir nu die houptreif triben. Mones schausp. 2 , 277 ;
tribent im die houptreif basz. das. 2, 301.
nirgends lese ich die reife Vertreiben', die faszbinder fuhren ihren triebel
zu mancherlei dingen , zu den reifen und zu den dauben. ich vermag aus den
büchern, die ich über das bötticherhandwerk aufschlug, das wort tref,
treffe zwar nicht aufzuweisen , es wird verloren gegangen sein , ist aber in
jener stelle eines mhd. dichters wirklich vorhanden, 'die treffe vertriben*
will sagen die faszdauben fügen oder treiben, tref bedeutet tabula, bret,
gerade wie hlit oder clida erst geflecht , allmälich nur bret und tafel aus-
drückte, doch wie der sinn von fornix und hlit schwankt, dürfte sich auch
mit tref irgend ein anderer, uns^etzt unbekannter verbinden.
Lachmann hat die lieder seite 106 — 108 dem Singenberg genommen,
welcher sie nach der handschrift dichtete , wie bei der schluszstrophe augen-
scheinlich ist. die lieder sind in Walthers art und weise, nach der sich der
truchsesz von S. Gallen ausbildete, sie stellt Lachmann in sein drittes buch
als unzweifelhaft waltherische, während ihm alle lieder seines vierten buchs
zweifelhaft erscheinen, unter welchen doch das schöne letzte s. 124 die deut-
lichsten zeichen von Walthers poesie an sich trägt.
Beim wiederlesen der singenbergischen lieder habe ich einiges wahrge-
nommen, was mich glauben macht, dasz auch die s. 106 — 108 Singenberg
und nicht Walther gehören. 106, 35 steht *sin selbes man' wie MS. 1, 156*
'min selber frouwe'. Singenberg liebt die adverbia daher, dahin, hinnen hin,
so: hinnen hin HO**; al daher 149*; hinnan hin als euch daher; hinnan
dar 152*; von hinnen 156'; das 'da hin daher' Walth. 107, wahrschein-
lich auf ein damals übliches gesellschaftsspiel bezüglich, scheint also sin-
genbergisch. *als do' 106, 26 steht sonst nicht bei Walther. der politische
blick in diesen liedem geht weiter als in dem was wir sonst von Singen-
berg kennen, entscheidend wäre, wenn sich die 'treffe' in der Schweiz auf-
spüren lieszen,
JACOB GRIMM.
KARL BAKTSCH , ÜBER MÜSPILU.
ÜBER MüSPILLI.
ro«
KARL BARTSCH.
Aus dem Cyclus mythologischer Lieder, den unsere Vorfahren so gut
wie ihre nordischen Stammverwandten besessen haben, ist das Denkmal,
dessen Besprechung dieser Aufsatz gilt , eines der wichtigsten und umfang-
reichsten Bruchstücke. Zwar in christlicher Zeit aufgezeichnet, nicht mit der
Scheu vor dem alten Glauben, der den Sammler der nordischen Götterlieder
leitete, sondern mit christlichen Ideen durchflochten und untermischt, trägt
€s trotzdem unverkennbar heidnisches Gepräge. Der Aufzeichner, wer er
auch gewesen sei, benutzte, entweder nach der Erinnerung , oder nach ge-
schriebener Vorlage Lieder, deren Entstehen weit über seine Zeit zurück
reicht. Zeugniss dafür ist zunächst die Sprache. Das Gedicht enthält Worte
und Sprachformen , die im Althochdeutschen überhaupt sehr selten und im
neunten Jahrhundert wenig oder gar nicht mehr üblich w^aren. Dahin gehören
himilzungalon V. 8, das als Jdmilzungal himilzungla in Glossen des 8. Jhd.
bei Graff 5, 683 vorkommt, atuatago (vgl. gothisch atatiastoU) V. 109, das
Dur hier vorkommt, während das Verbum stuSa öfter begegnet,*) endlich'
fnu»pilU selbst, dessen Deutung noch immer schwankt, V. 1 1 3.
In grammatischer Beziehung sind zwei höchst merkwürdige Formen
hervorzuheben, V. 20 dazt und V. 27 dari, deren i sich aus dem Bereiche
des Althochdeutschen nicht erklären lässt, das aber in den gothischen Formen
thatei und tharei seine Erklärung findet. Wir dürfen demnach die Abfas-
sungszeit der heidnischen Lieder, die dem Muspilli zu Grunde liegen, in
die früheste Zeit des Althochdeutschen , wenn nicht noch in die gothische,
setzen.
Die Alliteration, die wir in den uns erhaltenen Denkmälern gegen das
Ende des 9. Jahrhunderts bereits durch den Reim verdrängt sehen , die aber
in der Volkspoesie wohl geraume Zeit länger sich erhielt , ist im Muspilli
durchgängig noch angewendet Die Langzeilen haben, wie es im Altsächsi-
ßchen. Angelsächsischen und Altnordischen auch ist, theils drei, theils zwei
Stabe. Daß jedoch die Aufzeichnung des Bruchstückes zu einer Zeit ge-
schah, wo bereits das Gefühl für die Alliteration im Erlöschen war, beweisen
einerseits einige Langzeilen, in denen sie fehlt, andererseits das Durch-
0 Das Wort muß mit langem ü, ttüen , stüadago , gesehrieben werden, üa bUdet zwei
Silbeo, wie am^ V . 99 ^ zweisilbig m nehmen ist.
8 KAEL BARTSCH
brechen des Reimes. Beides wird in dem älteren Gedichte nicht vorgekom-
men sein, und gehört dem Bearbeiter des 9. Jahrh. an. Die Alliteration fehlt
V. 26. 26. die prinpent sie aar üf in himilo rthhi.
V. 120. 121. diu marha ist fa/rprtmnan, diu s4la st^ pidvungom.
V. 167. 166. derme varainJt engild uper diö marhä,
denn uper zum Hanptstabe zu machen, ist unstatthaft. In den beiden letzten
Beispielen sehen wir zugleich das Durchbrechen des Reimes. Schon der In-
halt der sechs Zeilen zeigt, daß sie dem älteren Liede nicht angehörten. Auch
4!wei andere Zeilen mit Reim scheinen der Alliteration zu entbehren, V. 122.
123.
ni weiz mit wiu piioz^: sär verit si za wize,
wo Wackernagel in der ersten Halbzeile nur einen Stab (luiu) annimmt.
Der Reim findet sich neben der Alliteration in folgenden Versen.
V. 14. za weder emo hevje si gihalot werdS,
wo, wenn man hwederemo liest, ein dritter Stab gewonnen wird.
' V. 64. 56. wdnit sich kinddd diu wSnaga s^ä^
V. 72. 73. daz hortih rahhon die weroltrehtwtson,
V. 166. 166. ddr wirdit diu suona dia man dar ä) sagita.
V. 173. 174. denne st^ ddr umpi engild menigL
Darunter sind Verse, die gewiss alt sind. Lachraann hat den Reim be-
reits im Hiidebrandsliede nachgewiesen , aber fraglich, ist es doch noch,
ob nicht dort wie in den meisten angeführten Versen des Muspilli der
Reim mehr zufällig als Absicht ist. Die einzigen Verse , bei denen Ab-
sichtlichkeit des Heimes erwiesen ist und die dem 9. Jahrhundert angehören,
sind V. 120—123.
diu marha ist farprunnan^ . diu s^la st^ pidvungan.
ni weiz mit wiu puoz4\ sdr verit si za wize.
Das sind in Reim und Versmaß vollkommen Otfridische Verse.
Vergleicht man die Verse des Muspilli mit den nicht viel späteren Ot-
frids , so springt der bedeutende unterschied gleich in die Augen. Die häu-
fige WeglassuDg der Senkungen , das Ruhen der Hebungen auf tieftohigen
oder unbetonten Silben, das bei Otfried fast gar nicht mehr vorkommt, ist
im Muspilli sogar häufiger, als in dem älteren Hiidebrandsliede. Im Allge-
meinen steht der Rhythmus dem der eddischen Verse am nächsten. Am häu-
figsten findet sich die Weglassung der Senkungen in der zweiten Halbzeile
wie in folgenden Versen:
V. 6. 7. enti si den Ithhamun likkan Idzzit,
wo Wackernagel likkan zur ersten Hälfte hinüberzieht und vor Idzzit eine
Lücke annimmt, allein dann wird die erste Halbzeile überladen, auch eignet
sich Idzzit als Hilfsverbum am wenigsten ^um Hauptstabe.
23. 24. enti si dero engilö eigan wirdit.
ÜBER MÜSPILU §
31 . 32. denneder man in pardtm% pü kiwinmt
90. 91. pidtü 8€<d er in dem wtcateU wunt pivaUan.
134. 135. daz der tiuval dofir pt kitamit stentit
145. 146. 80 daz Mmilisca harn hUdiMt udrdit
149. 150. denne hevit sih mit imo herjS metsta.
166 — 168. daz er sin reht aUaz kirahhon muozzt
end imo afier sin^n tälin arteilit werdi.
191. 192. mz alfora demo hhuninge kikkundit werdi,
Daza vergleiche man die ebenso gebauten Verse aus dem Hildebrands-
Uede (nach Wackernagels Lesebache) :
63, 2. dhat sih urk^ttun aen&n muotin.
65, 1 . ck&d was her ♦ ♦ chSnAn mcmnum.
66, 1. da£ du hdb4s hAne hSrron gSten,
66, 13. nü scal mih wdsai chind &vertä hauwan.
66, 23. der »t doch nu argostd SstarliiUS.
67, 1. d6 laettun »e aerist aackim acrttan.
68, 1. heufwun hamdicco kvtt^ sciW.
Lässt sich auch in mehreren Versen des Muspilli durch Umstellung die
metrische Unregelmäßigkeit beseitigen, wie V. 135. 146. 166. 168. 192,
wenn man das Hilfsverbum voranstellt, so bleibt doch noch eine ziemliche
Anzahl von Versen übrig, die keine metrische Berichtigung zulassen, und
zwar ist der gröftte Theil der dem Muspilli entnommenen so gebauten Verse
dem altem Liede angehörig. Solche Verse erklärt Lachmann (zum Hilde*
brandsliede) für viermal gehobene, in denen die zweite Hebung auf unbetonter
Silbe ruht. Allein diese Annahme scheint bei dem häufigen Vorkommen die-
ser Unregelmäßigkeit in so kurzen Zwischenräumen sehr bedenklich. Ver-
gleicht man das altnordische fomyrdarlag, so wie die angelsächsischen
Langzeilen, in denen solche Verse ebensohäufig oder noch häufiger vorkom-
men , 80 wird man ihnen kaum noch vier Hebungen zuerkennen. Holtzmann
(Untersuchungen über das Nibelungenlied S. 79) hat bemerkt, daß es in dem
Wesen des epischen Verses liegt, der ersten Halbzeile ein größeres Gewicht
zu geben als der zweiten. Wie in der spätem Nibelungenstrophe die zweite
Hälfte einer Langzeile um eine Hebung verkürzt wird und nur die vierte
Langzeile der Strophe (nach einem andern Zuge der Strophenbildung, den
Schloß zu verlängern) die ursprüngliche Zahl von acht Hebungen bewahrt, so
schon in der ältesten deutschen Poesie. Mir scheint es daher kaum fraglich,
daß alle die erwähnten Halbzeilen nur mit drei Hebungen zu lesen sind. Zu
den aufgeführten Beispielen ist noch zu rechnen Musp. V. 38
daz er kotes willun kerno tuo,
wo die zweite Halbzeile nur zwei Hebungen zu haben scheint : doch ist , wie
ich oben schon bemerkte, tuo zu schreiben.
Der umgekehrte Fall, daß die erste Halbzeile um eine Hebung verkürzt
10 KARL BARTSCH
ist, währeud die zweite das richtige Maß von vier Hebungen hat, ist ungleich
seltener.
Masp. 42. pehhes p^na, dar pivtit der Satanaz.
„ 46. 8org4n dräto, der sih sunäffan wetz.
„ 104. maor varsmOiit dk, 8viliz6t Umgjü der himiL
„ 106. mdno vcMit, prinmt mittilagarL
^ 159. wechani deotd^ w^esant ze dinge,
Hildebr. 63, 16 W. f6h4m wortma hver dnfater wärt.
67, 3. ecarpSn eciarim dat in d4m aciltim st&nt.
Auch hier haben wir eine Halbzeile, die nur zwei Hebungen zu haben
scheint.
Masp. 44. heizzan laue, so mae huckan za diu;
es ist aber die vorhergehende Langzeile zu verkürzen und zu theiien
pehhes ptncLj dar phitit der Satanaz
altist heizzan latic.
aitist ist Beiwort zu Satana^z : Sathanas der uralte. Daß dieses zu der näch-
sten Langzeile gezogen wird, findet seine Berechtigung in der Neigung der
Alliterationspoesie, einen Begriff aus der vorhergehenden Langzeile in der
folgenden zu wiederholen, und so eine Verkettung der Langzeilen durch die
Aliiteration zu bewirken.
Beide Halbzeilen haben nur je drei Hebungen
Musp. 40. 41. enti helldfuir harto wtst.
Abgesehen von diesen Beispielen verkürzter Halbzeilen sind die Verse des
Muspilli wie die des Hildebrandsliedes regelmäßig , d. h. aus vier Hebungen
gebildet. Doch ist die Überlieferung beim Muspilli nicht so treu und zuver-
lässig, als beim Hildebrandsliede. Namentlich findet sich eine größere Menge
von Flickwörtern, die einerseits die Darstellung schwächen, andererseits das
Metrum stören. Besonders auffallend ist dies gegeu den Schluß des Bruch-
stückes, wo J. Grimm (Germ. 1 , 237) das viermal wiederholte defme be^
merkt hat Diese Partikel namentlich ist es , die das Metrum vieler Verse
beirrt,
V. 60. s6 [denane] der mahtigo khuninc.
V. 64. [^denne wej kitar pamS nohhein.
V. 181. dar scal [denne] hani sprehhan.
V. 199. [demw] augit er dia mdsun,
wiewohl hier nicht npthwendig ans metrischen Gründen.
Noch einige Beispiele führe ich an, wo durch Einschiebnng überflüssiger
Zusätze das Versmaß gestört ist :
V. 20. dazt ist [rehto] viriftMh ding.
V. 77. [denne~\ wirdit [miJtar in\ wtk arhapan,
V^IOO. [s61i inprinnant di^pergdy
wiewohl hier nicht ootbwendig.
ÜBER MUSPILU. 11
V. 112. [ddr] m mac \denne] mäc andremo.
V. 1 19. dar man [dar €o] mit s^n^ mägon piec.
In zwei Versen ist das demonstrative Pronomen ^a streichen.
V. 186. waz er untar [desen] mamwm.
V. 205. diu er durah [desea] mancunnes.
Am häufigsten aber stört der Artikel :
V. 68. dar ßcal er vora [demo] rthke.
V. 90. ptdiÜL scal er in [deru] wiesteti.
V. 96. daz H^ltas in [demo] xvige.
V. 113. helfan vora [demo\ muspiUe,
wo lieber, schon der Alliteration wegen (da dem Hauptstabe der Regel nach
nur maifyliing vorhergehen darf), umzustellen ist
vora mitspille helfan,
163. loasan sih ar dero Uw6 vazzSn^
wo zu schreiben sein wird
ISssan sih ar l^on,
177. dara quhnit ze [deru] rihtunpa.
vielleicht auch
162. fona [deru] vnoUu arst^.
191. niz alfora [demö\ khuninge.
Daß die Tilgung des Artikels zur Berichtigung des Metrums beiträgt, ist, so
unbedeutend der Umstand an und für sich scheinen mag, ein Beweis fiir das
hohe Alter des zu Grunde liegenden Gedichtes , indem zur Zeit der Abfas-
sung desselben der Gebrauch des Artikels (wie im Gothischen) noch nicht
nothwendig war.
Auch außer diesen metrischen Unrichtigkeiten , die dem Bearbeiter des
9. Jahrh. zur Last fallen , ist der Text des MuspilK vielfach nachläftig und
schlecht öberiiefert. Nach V. 36 ist eine alliterierende Halbzeile ausgefallen,
in V. 95 ist, wie schon das Metrum und die mangelnde Alliteration zeigt, ein
Wort weggeblieben : vermuthlich ist zu lesen
doch wänit des vüa wiserS ffotmatmo.
Auch Y. 138 fehlen einige Silben, die Schmeller ergänzt :
daz der man 4r enti sid upiles Jdfrumita,
die ich aber mit anoerer Alliteration lieber ergänzen möchte
daa der man inferahe upiles hifrumiia.
V. 143 scheint nur Wiederholung der letzten Worte der vorhergehenden
Zeile und zu streichen: es alliterieren V. 142. 144. V. 178 ist wohl auch ein
Wort ausgefallen 9 das mit rihbanga alliteriert hätte, oder es ist eine allite-
rationslose Zeile, wie die oben angeführten.
V. 188. 189 schließt megi beidemal den Vers, was an sich schon schlep-
pend ist. Außerdem aber stört das Hilfsverbura wenigstens im ersten Verse
das Versmaß, daher ist wohl zu lesen
12 VLABJj BARTSCH
der dar iowiht arliu^e,
daz er kitame täto dehh^nä,
V. 193 ff. sind von J. Grimm (Genuania 1, 237) folgendermaßen ergänzt
worden
uzzan er iz mit cdamuscma furi Üit rehto
enü mit fastun dio firma kijpuazit*
derme der man gipuazit hap^t dermer ze dem miseu gigangity
wirdit denne furi gitragaia daa frSno chrudy
da/r der h^igo Christ ana arhangan ward.
derme augit er dio mdsun dio er in dem memdshi intfiang^
dia er duruh deses mancunmes minna ana sih ginam.
Es unterscheiden sich, wie sich aas den Beispielen ergibt, die späteren
christlichen Zuthaten des 9. Jahrh. von dem ursprünglichen mythischen Kerne
des Liedes oder der Lieder in der Form dadurch, daß die älteren Verse sich
im Rhythmus mehr dem nordischen fornyrdarlag nähern, während die jungem
nach Weise der Otfridischen Verse gebildet sind.
Ich habe bisher nur von der Form, in der uns Muspilli überliefert ist,
gehandelt und den Inhalt unberücksichtigt gelassen. Wenn ich vorher mehr-
mals von Liedern gesprochen , die der Aufzeichner des Bruchstückes ent-
weder vor sich oder im Gedächtniss hatte, so will ich nun versuchen , durch
Zerlegung des Gedichtes diese Ansicht zu rechtfertigen. Es ergibt sich bei
genauerer Betrachtung, daß das Bruchstück aus zwei oder drei Abschnitten
besteht, die in einander geschoben «ind. Ohne auf den Anfang, der ohne-
dies ja unvollständig ist, Rücksicht zu nehmen, wollen wir vorläufig von
V. 72 ausgehen, wo in jedem Falle ein neuer Abschnitt beginnt Die alt-
epische Formel daz hortih rahhSny die ebensa im Eingänge des Hildebrands-
liedes und öfter wiederkehrt, deutet daraufhin, daß wir hier den Beginn
eines Liedes vor uns haben. Zwar kommt die Formel auch in der Mitte vor,
aber immer zu Anfang eines Abschnittes, der etwas Neues einfuhrt. Zu dem
unmittelbar Vorhergegangenen passt das, was dieser Formel folgt, durchaus
nicht. Im Vorausgehenden ist von einem mahal des mächtigen Königs die
Rede (V. 60), es folgt die Beschreibung des Weltunterganges , nämlich der
Kampf zwischen Elias und dem Antichrist und der Weltbrand ; hierauf
(V. 125 ff.) wird wieder von dem mahal erzählt. Es ist also offenbar, daß
V. 125 die durch die Schilderung des Weltunterganges unterbrochene Be-
schreibung (V. 71) wieder aufnimmt. Dadurch wird das eine der beiden
Lieder, welches nicht weiter unterbrochen ist, auf V. 72— 123 begränzt.
Voa diesen sind aber die vier letzten (120 — 123) zu streichen, die ^chon
durch ihren Reim sich als späteren Zusatz erweisen (S. oben S. 8). Sie
sind hinzugedichtet, um einen Übergang zu dem Folgenden zu gewinnen.
Dem Geiste d6r epischen Volkspoesie widerspricht es gänzlich, auf eine
Frage, wie sieV. 118. 119 enthalten, eine Antwort zu erwarten. Sieist viel-
thm MüsttLtt 13
mehr ein Ausruf als eine Frage. Das mdhal, welches in V. 125 iF. geschil-
dert wird, ist zuerst in V. 61 flf. erwähnt. Was diesem vorhergeht, passt
nicht zu der Schilderung des mahal, denn im Vorhergehenden ist Von Beloh-
nung und Bestrafung, die auf dem Dinge entschieden werden soll, als von
einer schon vollzogenen die Rede. Wo ein Streit um di^ Seele zwischen
Engeln und Teufeln bereits entschieden hat, die einen dahin, die andern
dortbin gegangen sind, kann da noch ein Gericht erfolgen? Eher wäre das
umgekehrte denkbar. Die Anfange beider Abschnitte, um noch nicht zu
sagen Lieder, würden demnach in Y. 60 und 72 zu suchen sein. Was nach
V. 124, sich genau anschließend an V. 71 , folgt, gehört zu der Schilderung
des mahal, des jüngsten Gerichtes, Es bleibt also nur noch übrig, von dem
ersten Theile des Gedichtes (V. 1 — 69) zu reden, der zwar in der Form
(denn es ist eine Ermahnung an den sündigen Mann [V. 47], mit einer War-
nung vor der Hölle) zu dem folgenden passt, dessen Inhalt aber, wie wir
eben sahen, eher nach dem folgenden Abschnitt zu setzen ist. Gerade in
diesenf Abschnitte kommen mehrere Formen vor, wie dart, dazi, himüzun-
galon, die es wahrscheinlich machen^ daß auch hier ein älteres Lied benutzt
wurde. Die in Otfrieds Evangelienbuch ebenfalls ohne Beim wiederholte
alliterierende Langzeile
dart ist Itp dno tdd Höht äno finstri
gehört diesem ersten Abschnitt an. Otfried müßte entweder das Muspilli in
der Form, wie es uns vorliegt, gekannt haben, und das ist wenig wahrschein-
lich, oder beide, das Muspilli und Otfried, nahmen den Vers aus einem im
9. Jahrh. noch im Munde des Volkes lebenden Liede auf. Dieses Lied
schilderte den Aufenthalt der Seligen und den der Verdammten und war ur-
sprünglich unabhängig von der Schilderung des Weltunterganges.
Zur Veranschaulichung will ich die drei Abschnitte oder Lieder, aus
denen Muspilli zusammen gesetzt ist, soviel als möglich mit Ausscheidung
späterer Zuthat [durch Klanmiern] in der von mir aufgestellten Anordnung
hersetzen. Ich benutze dabei eine von Schmeller und eine zweite von Mafi-
mann angefertigte Abschrift, beide mir von letzterem anvertraut. W bezeich-
net den Text in Wackernagels altdeutschem Lesebuche.
I.
[sin tac piqueme, daz er touujan scal,
wanta] sär so sih diu sela in den sind arhevit
enti si den lihhamun likkan läzzit,
so quimit ein heri fona himilzungalon,
5. daz andar fona pehhe : dar pägant siu umpi.
sorgen mac diu sela, unzi diu suona arget,
1. tonuan H», — 6. wgee S,
14 KARL BARTSCH
za hwederemo heqe si gihaiot werde.
[wanta] ipu sia daz satanazses kisindi kiwinnit^
daz leitit sia sär dar ira leid wirdit,
10. in fair enti in finstri: dazi ist [rehto] virinlich ding.
api sia avar kihalont die, die dar fona himile quemant»
enti si dero engilo eigan wirdit,
die pringent sia sar üf in himilo rihhi :
däri ist lip äno tod, lioht äno finstri,
15. selida äno sorgun: dar nist neo man siuh,
denne der man in paradisu pa kiwinnit,
faüs in himile, dar quimit imo hilfä kinuok.
pidia^st dürft mihhil allero manne welihhemo,
dazin es sin maot kispane
20. daz er kotes willun kerne tüo
enti hellä fair harte wise,
pehhes pina. dar piatit der satanaz ~ V
altist heizzan laue. so mac hnckan za diu,
sorgen dräto, der sih suntigan weiz.
25. we demo in vinstri scal sino virinä stuen,
prinnan in pehhe : daz ist rehto palwic dink,
[daz der man haret ze gote enti imo hilfa ni quimit.
wänit sich kinädä diu wenaga sela :
ni ist in kihuctin himiliskin gote,
30. wanta hiar in werolti after ni werkota].
IL
Daz hortih rahhön diä weroltrehtwison,
daz sculi der antichristo mit Eliase pägan.
der wacch ist kiwäfanit, [denne] wirdit [untar in] wik arhapan.
[khenfun sint so kreftic, dia kösa ist so mihhil.J
35. Hellas stritit pi den ewigen lip,
wili den rehtkemön daz rihhi kistarkan :
pidiu scal imo helfan der himiles kiwaltit.
der antichristo st^t pi demo altfiante,
stet pi demo Satanäse, der inan varsenkan scal.
40. pidiu scal er in [deru] wicsteti wunt pivallan
enti in demo sinde sigalös werdan.
7. nnederemo Es, nerde ffs. — 10. ret Hs, — 11. hauar Hs^ — 13. pringant S,
rihi Hs, — 14. lihot Et. — 16. pardisü W, — 18. alero &, aiielibemo H$, — 23. hnc-
kann M, — 24. suntigon M, — 25. staen W. — 33. unnfcar M, nardit 8, — 35. heuni-
gon Hs. — 36. daz, gweimal, Hb, — 39. farsenkan TK — 40. der nncsteti S»» unat 3f.
pinalla ßs, — 41. donfo ffs^
t)B£B HUSPILLI. 15
doch wänit des vila wieerö gotmanno,
daz Hellas in [demo] wige arwartit werdS.
sär so daz Heliases pluot in erda kitriafit,
45. [so] inprinnant die pergä, poom ni kistentit
dnich in erdu. ah& artruknent,
mnor varswilhit sib, svilizöt lougjü der faimil.
mano vallit, prinnit mittilagart,
sten ni kistentit denne stäatago in lant
50. verit mit [diu] vuiru virihö wisön,
dar ni mac [denne] mäk andremo helfan vora [demo] muspille.
denne daz preite wasal allaz varprennit
enti vair enti luft iz allaz arfurpit :
war ist denne diu marha dar man [dar eo] mit^sinen mägon piech ?
55. [diu marha ist farprunnan, diu sela stet pidwungan,
ni weiz mit wiü puaze: sä verit si za wize.]
III.
So [denne] der mahtigo khnninc daz mahal kipannlt,
dara scal qaeman chunnö kilihhaz :
[denne] ni kitar parno nohhein den pan funsizzan,
60. ni aliero manne welih ze demo mahale sculi.
dar scal er vora [demo] rihhe az rahhu stantan
pi daz er in werolti kiwerköt hapeta.
pidiii ist [demo] manne so guot, denner ze demo mahale quimit,
daz er rahhönd welihha rehto arteile.
65. denne ni darf er sorgen, denne er ze dem süonu quimit.
iii weiz der wenaga man wielihhan urteil er habet:
denner mit den miatön marrit daz rehta,
daz der tiuval dar pi kitarnit stentit,
der hapet in ruovu rahhönö welihha,
70. daz der man in ferahe npiles kitrumita,
daz er iz allaz kisaget, denne er ze deru suonu quimit.
ni scolta [sid] mannö nohhein miat&n intfahan.
42. nnla F#. wiserö f^klL — 46. %o fehle S, do M. mprainan ff». — 46, enifac B».
einic W. artniknnet ffi. — 49. steiD W. nach kistentit /o/(7/ eik in erda. nerit denne st. in
l mit u. #. w. Hi, stnatago W. — 62. oarprinnit ff$. — 63. uogr ^., nugir M, — 64. heo Hs,
piehe Hm, , piec W. — 66. pidnngan H». , piduongan W. — 66. niz 8. pnozd W, s&r W.
eniit Hb. — 68. kilihaz H». — 60. alero H». uelih H$. — 61. uuora H». — 62. kkiuer-
kota H hapftt W. — 63. demanne B». — 64. rahono neliha Hb. reto Hb. — 66. dena Hb.
— 66. ueiz Hb. «lielihan iF«. — 67. az If. reta Hb, — 69. rahono neliha Hb, ~ 70. in ferKlie
fthlt. — 72. ni scolta nd mannobhein miatnn enü er dio (dia M.) nietua aatfieng as erda |
den icolta (az «r tad ni scolta M.) manne nohhein miataa intfahan SM.
so daz himilisca hom kihliitit wirdit,
enti sih [der] in [den] sind arhfevit, der dar snonnan scal :
75. denne hevit sih mit imo herjo meista :
daz ist allaz so pald, daz imo nioman kipagan ni mak.
denne verit er ze [dem] mahalsteti dem dar kimarchöt ist.
dar wirdit diu suona, dia man dar io sag^ta. V
denne varant engilä uper diö marhä,
80. wechant deotä, wissant ze dinge.
denne scal manno gilih fona dem moltu arsten,
Idssan sich ar [dero] lewo vazzön : scal imo avar sin lip piqueman,
daz er sin reht allaz kirahhon muozzi,
enti imo after [sinen] tätin arteilit werde.
85. denne der gisizzit, der dar suonnan scal
enti arteillan scal toten enti quekkhen:
denne stet dar umpi engilo menigi,
guotero gomono gart stet mihhil.
dara quimit ze [dem] rihtungu so vila diä dar arstent,
90. so dar manno nohhein wiht pimidan ni mak.
dar scal [denne] hant sprehhan, houpit sagen,
allerö lidö welich unzi in den luzigun vingar,
waz er untar [desen] mannun mordes kifrumita.
dar ni is eo so listic man, der dar iowiht arliugan niegi,-
95. daz er kitarnan megi täto dehheina,
niz al fora [demo] khupinge kichundit werde,
uzzan er iz mit alamusanu fori . . . megi
. . . enti mit fastun diö virinä kipuazta.
denne . . . der gipuazzit hapet, denner ze deru suonu . . .
100. wirdit [denne] furi kitragan daz frono chruci,
dar der heligo Christ ana arhangan ward.
[denne] augit er dio mäsun, dio er in [deru] menniski intfiang,
dio er duruh [deses] mancunnes ^ minna ginam.
Von diesen drei Liedern trägt das mittlere am meisten den unveränder-
ten mythologischen Charakter. Es schildert den Weltuntergang, die Götter-
dämmerung, ragnarokr, und zwar in Form eines Kampfes, der nach mittel-
alterlicher Sitte den Streit zwischen den zwei feindlichen Heeren, den Göttern
73. himilisc B», kilatit ffs. — 74. der suanari S. der Christ ee demo send M. —
78. hio ffs. — 79. uuaraDtiT«. dia Hsi — 81. mano Hg. uona S. — 82. dem Es. hauar Ar.
— 86. nach scal : toten enti lepenten. — 88. girust so mihhil S. — 90. uht S, uiht M. —
92.uuelihc ffs,, aiielih W. — 93. uaz if. — 94. ist W. heo ffs. hiouuiht ffs, — 96. kichan-
dit ffs,, kikhmidit W, — 97. megi Ä, diegi M, — 98. uurina ffs. kipuazti S:, kipuazzi M,
— 102. . . . fene M S, -^ 103. dia W, dio SM, desse ffs. mina f ar . . . ^. minna
gin . . . M,
ÜBER MÜSPILLI. 17
und Biesen, schlichten soll. Als die beiden Hauptkämpfer werden Elias von
der einen , der Antichrist von der andern genannt. J. Grimm hat nachge-
wiesen, daß in christlicher Zeit jElias an die Stelle des Thörr getreten ist.
Nach der nordischen Überlieferung kämpft Thorr mit der Midgardsschlange,
Odin mit dem Fenriswolf, auch von den übrigen Äsen ist jedem ein Kämpfer
zagetheilt.
Völuspa 53 : ]>d kemr Hlinair harmr atmarrfram,
er Odinn/err vid ülf vega.
and von Thörr heiftt es Völuspa 66 :
]>ä kemr inn moeri mögr JHlSdynjar,
drepr orm af m6di imdgards V^orr^
nepprfrd nadri ntds Skvidnum.
Ich glaube indess, daß unser Lied zunächst nicht Thors Kampf geschildert
hat. Was mich zu der Vermuthnng veranlasst, ist Folgendes: wenn der
christliche Bearbeiter des 9. Jahrhunderts das ältere Lied möglichst treu
beibehalten hat, wie ^r im Folgenden aus Vergleichung der nordischen
Überlieferung sehen werden , daß fast wörtliche Übereinstimmung sich zeigt,
so liegt die Folgerung nahe , die an die Stelle der heidnischen Götter getre-
tenen christlichen Namen durch heidnische ebenfalls alliterierende zu ersetzen.
Dazu bieten sich aber Wuotan und Wulf als zunächst liegend dar. V. 74. 75
werden also in dem alten Liede etwa gelautet haben
daz sculi Wuotan mit demo Wulfe pägan.
Vergleicht man die folgende Zeile :
der warch ist hiwd/anU,
und nimmt warch in seiner ursprünglichen Bedeutung 'Wolf, so gewinnt die
Vermuthnng noch mehr an Wahrscheinlichkeit. Die Verse 78. 79, die an
sich nichts Verdächtiges enthalten , werden nur wegen des fremdländischen
kSsa als dem alten Liede angehörig zu bezweifeln sein. Auf sie kommt f&r
ansem Zweck nichts an. Die beiden nächsten Zeilen 80. 81 ;
HdSas strftit pt den ^wigon Itp
fugen sich ebenfalls wieder leicht in die Alliteration , wenn Wuotan an die
Stelle des Helias tritt und für 'das ewige Leben* etwa Walhalla als der Sitz
der Seligen gesetzt wird. Auch die Verse 84. 85
pidiü scal imo Keif an der Mmiles kiwalMt,
zeigen eine merkwürdige Übereinstimmung mit der nordischen Überlieferung.
In der Jüngern Edda 51 heißt es von Odin 'So eilt er dem Fenriswolf ent-
gegen und Thörr schreitet an seiner Seite, mag ihm aber wenig helfen,
denn er hat vollauf zu thun mit der Midgardsschlange.* 'Wenn der des Him-
mels waltet kein anderer wäre als Dunar? und wenn es in dem alten Liede
demgemäß gelautet hätte
pidvCb »cal imo hel/an der hamaree kiwaltit^ — ?
18 -, - KARL BA&TSCH
Es bat also der christliche Bearbeiter den Wuotan an die Stelle des Donar
gesetzt.
Auch in den nächsten Zeilen lässt sich wenigstens noch ein mythologi-
scher Name mit Hilfe der Alliteration ziemlich gewiss herstellen. Zwar muß
unentschieden bleiben, wer mit dem cUtßant (V. 87) bezeichnet ist, bei dem
der Antichrist steht. Zu vergleichen ist Völ. 51 'des ünthiers Abkunft ist
all mit dem Wolf ; darnach wäre der aüf^ant Lokl Möglich wäre aber auch,
daß hier durch Missverständniss des alten Liedes der Aitfeind an die Stelle
eines Äsen, nämlich des nordischen Widar getreten ist, der nach Odins Fall
den Kampf mit dem Feuriswolfe zu Ende führt, so daß das Stehen bei ihm
den Kampf, das Gegenüberstehen, bezeichnete und Widar-Wolf alliterier-
ten. So ungewiss dies , so ist ziemlich sicher , daß in dem folgenden Satanas
Niemand anders als der nordische Surtr verborgen ist, zu welcher Vertau-
schung er sich als Feuergott besonders eignet. Daß er gemeint ist, geht aus
dem Zusatz ''der inan farsenkan scaP hervor: denn am Ende des Kampfes
schleudert Surtr Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. Auch
der Ausdruck yarsenkan stimmt zu der nordischen Mythe, es heißt Völ. 56
siffrfold tmavy und Sn. Edda 53 *die Erde taucht aus der See auf.' Wie
der deutsche Name des Surtr gelautet hat, wissen wir nicht: in jedem Falle
aber wird nicht nur das Vorhandensein dieser Gottheit selbst, sondern auch
seines ähnlichen Namens im deutschen Mythus durch diese Vermuthung
bestätigt. Von Thors Kampfe ist in dem Liede, mit Ausnahme der Beziehung
in V. 85 , noch gar nicht die Rede gewesen , wiewohl seine Bedeutung beim
Weltuntergange in den nordischen MyÜien sehr hervorgehoben wird. Es
heißt VöL 55, nachdem Thorr die Midgardsschlange getödtet,
Oengrfet ntu Fjörgynjar burr, . .
mimu halir allir heimstöd rydja.
801 tekr sortna u. s. w,
ganz ebenso wie im deutschen Liede an Elias herabtriefendes Blut , nachdem
er den Antichrist erschlagen, der Weltuntergang sich unmittelbar anschließt.
Wenn in dem Liede etwas ausgefallen ist, so ist es gewiss an dieser Stelle,
indem der Übergang zu Dunars Kampfe fehlt. Elias wäre hier also Dunar,
vorher Wuotan. Abgesehen davon, daß diese Vertauschung schon ihre
Schwierigkeit hat, spricht dagegen auch V. 96. 97 :
daz Helios in demo wtffe arwartit wirdit^
wo durch Substituierung Wuotans wiederum die Alliteration sich sehr gut
fügt,
dcu Wuotan in mge arwartit wirdit
Es bleibt demnach nichts übrig , als hier eine Abweichung des nordischen
vom deutschen Mythus anzunehmen.
Die Schilderung des Weltbrandes schließt sich sehr genau an die nor-
dische Darstellung an. Völuspä 51 :
ÜBEB MÜSPILLI. .• .j
und Völ.66:
ffrjSa^Srg gnata . . . en Mminn klofnar.
S6l fefcr tortna, tigr fold t mar,
hverfa af Umd heiiar atfämur.
geiaar eimr vii aldmdra,
leikr här hUi vid himin mätfan.
Vergleicht man damit folgende Verse des Mnspilli:
stein ni kistenHt.
mätw vallit, prirmit tmUHlagart
avilizöt lougjü der Mmil,
so ist die fast wörtliche Übereinstimmung Zeuge von der Treue mit A.. a
AufzeichnerdesMuspniianein.^^^^^
logischen Liedes beibehalten hat. lurmo-
Das erste Lied enthält so genaue mythische Beziehungen nicht als das
zweite Die m mittelalterlichen Dichtungen häufig wiederkehrende Sage von
ZXl 79Tff1 b ".f ""' ?'n^^"'^' "" *^ «««'« ''- Gestorbenen (^1
MythoL 796 ff.) beruht, wie J.Grimm (ebd. 392, Anm.797) gelehrt hat
Walkü^In "'"':?'• ^'^ ^'"' *'^"'"'«^'» ""*«^ ^- Heer de'r Enlel ; ;
Wan^üren zu verstehen, die Odin entsendet, um alle im Kampfe geffuenen
Helden zu empfangen und in seinen Himmel zu leiten (vgl. V. 25 rf«, H-
gminasär^finl^nälo rihM. MythoL 800). Aber an Stelle der IZl
könnten auch wenn man auf die Alliteration Rücksicht nehmen will, dieEin- -
herjer gestanden haben. Es heifit im Wafthrüdnismäl 41 : - "'* '"**'"^
AUir einherjar Odins tünum t
höggvask kverjan dag :
val Peir kj^sa ok rfda vSgi/rä,
«itja meir tan sättir «aman.
Hiemach haben die Einheqer, d.h. die im Kampfe gefallenen und in Walhall
^benden Helden, ein ähnliches Amt wie die Walküren, den Wal zu kiesen
üaB unter den Engeln wirklich die Einheijer zu verstehen sind, werden wir
noch bei Betrachtmig des dritten Liedes sehen. Wenn bei der Schilderung
wamallas V. 30 besonders hervorgehoben wird, daß daselbst niemand siech
sei, so scheint das ebenfalls nicht bedeutungslos, wenn man bedenkt, daß nur
die Seelen der auf der Walstatt gefallenen Helden nach Walhalla kamen,
»atirend die am Siechthnm auf dem Krankenlager Gestorbenen der Hei
anheun fallen. Im alten Liede mochte es an dieser Stelle etwa heißen 'dahin
kommt kern siecher Mann.* — Die Schilderung der Hölle gemahnt am meisten
an die christlichen Vorstellungen, besonders das Buffen der verdammten
öeelen zu Gott, das an die Erzählung vom. armen Lazarus erinnert. Wenn
dieser Abschnitt nicht ganz dem Bearbeiter des 9.Jahrh. angehört, so ist
wenigstens die getreue Überlieferung hier aufgegeben.
Im dritten Liede erfolgt die Schilderung des jüngsten Gerichtes. Aodi
20 KARL BARTSCH, ÜBER MÜSPILLI.
diese ist im Wesentlichen aus christlichen Elementen zusammengesetzt:
einige Beziehungen auf die Mythe sind indess auch hier zu erkennen. Vor
allem erinnert das himmlische Hörn das geläutet wird (V. 146) an Heimdall,
der mit seinem Gjallarhorn die Götterdämmerung ankündigt. Völ. 47 :
Leika Myms synir en mjötudr hyndisk
at enu gamla OjaUarhorrä ;
hau hlaess HeimdaUr, hom er d loj^ti.
In der That hat auch hier die Substituierung des heidnischen Göttemamens
in Bezug auf die Alliteration keine Schwierigkeit :
80 daz Heimtalles hom kihlütit mrdit,
oder wie die deutsche Form des Namens gelautet haben mag. Beim
Tönen des Homs erhebt sich der sühnen soll mit dem größten der Heere.
Er fährt zu der bestimmten Mahlstätte , die Engel fahren über die Mark.
Auch hier haben wir wörtliche Übereinstimmung mit dem nordischen Mythus.
Grimnismäl 23 heißt es bei der Schilderung Walhalls, die 540 Thüren hat:
ätta hundrud einherja ganga senn or einum durum^
}>d erpeirfara vid vitni at vega,
und in der Jüngern Edda, Gylfagynn 51 *die Äsen wappnen sich zum Kampf
und alle Einherjer eilen zur Walstatt. Zuvorderst reitet Odinn mit dem
Goldhelm, dem schönen Harnisch und dem Spieß, der Gungnir heißt.* Der
mächtige König also , der ''daz mahal kipanmf (V. 62), ist niemand anders
^Is Wuotan, der beim Rufe, des Gjallarhornes mit dem größten der Heere
(,hefjS meista 150), den Einherjern, zur Walstatt zieht. Ebenso sind wieder
wie im ersten Liede V. 157 unter den Engeln die Einherjer zu verstehen,
die über die Mark fahren : und somit bestätigt sich durch die Alliteration
auch fürs Deutsche das Vorhandensein dieses Namens.
Das dritte Lied steht, wie $ich aus diesen Beziehungen ergibt, in un-
mittelbarem Zusammenhange mit dem zweiten und geht demselben vorauf.
In dem altern Liede waren wohl beide Stücke eins und der christliche Bear-
beiter benutzte an verschiedenen Stellen, was ihm für seine Schilderung
brauchbar war. Den Hauptinhalt des ersten Liedes bildet die Belohnung der
Guten» die Bestrafung der Missethäter. Von einem derartigen Gerichte, das
am Ende aller Dinge erfolgt, weiß die deutsche Mythologie Nichts. Zwar wird
in der Völuspa, nachdem die Erde neu aus dem Meere emporgetaucht ist und
ein neues Geschlecht von Göttern sie beherrscht, gesagt, St. 63,
ßd kemr irm riki at regindSmiy
öflv^r ofan, sd er öllu raedr.
semr hcmn d6ma/r ok sakar leggr,
vSsköp 8€tr pau er vera skolu.
Aber der Schluß der Völuspa ist zu verdächtig und streift zu sehr an christ-
liche Vorstellungen, als daß er zu weiteren Vergleichongen heran gezogen
werden könnte. Die Bestrafung der Verbrecher in Nästi;and, namentlich der
FRANZ PFEIFFER, DES TEUFELS NETZ. 21
Meineidigen, entsprechend dem Richter im deutschen Gedichte, der sich be-
stechen lässt und um der Miete willen das Recht beirrt (V. 130), der
Meuchelmörder, deren auch im Muspilli gedacht wird (V. 186) waz er untar
marmun mordes hifrundta) kennt die Edda in einer Strophe der Völuspa,:
die Weinhold für jünger erklärt, Str. 43, ^
JSä hon ßar vctda ]>ünga atrauma
menn meinsvara - ok mardvargay
ok ßarm cmnar» glepr eyrartmu,
]>a/r saug Ntähöggr ndi framgengna^
sleii vargr vera : vitad Sr enn eda hvai ?
Fassen wir noch einmal zusammen, welche mythologischen Reste uns im
Muspilli erhalten sind , so ist der Inhalt der beiden Lieder (denn zwei und
drei fallen nun zusammen) in Kürze folgender :
I. Die Seele des Braven holen die von Walhall kommenden Einherjer
und leiten sie hinauf in des Himmels Reich. Dort ist ewiger Tag, keine
Nacht, dort gibt es kein Siechthum. Eine weitere Schilderung Walhalls wird
sich in dem alten Liede , entsprechend der in Grimnismäl gegebenen , ange-
schlossen haben.
It. Heimdalls Hörn ertönt. Wuotan macht sich auf den Weg, mit ihm
die Einherjer, und fährt zu der Walstatt. Wuotan kämpft mit dem Wolfe,
Ihm zur Seite steht der Beherrscher des Hammers, Dunar ; neben dem Wolfe
steht Loki und Surtr, der die Welt versenken soll. Der Wolf fallt, aber auch
Wuotan sinkt verwundet darnieder. Sobald sein Blut auf die Erde trieft, ent-
brennen die Berge, kein Baum bleibt stehen, die Wasser ertrocknen, das
Meer wird verschlungen , Mond und Sterne fallen , es erfolgt der Weltbrand,
die Götterdämmerung.
NÜRNBERG, Juli 1867.
DES TEUFELS NETZ.
EIN LEHRGEDICHT AUS DEM XV. JAHRH.
Unter den didaktischen Gedichten des 15. Jahrh. möchte künftig Er-
wähnung verdienen de€ tii/ds sege (sege , segin , sagena, Fischernetz), ein
ziemlich umfangreiches Werk, das in der Form eines Gespräches zwischen
dem Teufel und einem Einsiedler eine nachdrückliche Geisselung der Laster
und Thorheiten aller Stände , geistlicher wie weltlicher, enthält. Roh und
kunstlos in der Form entbehrt es jedes dichterischen Weythes; dagegen
möchte es als reiche lebendige Schilderung des Lebens und der Sitten des
beginnenden 1 5. Jahrh. Beachtung verdienen. Die einzige bekannte Hand-
schrift besaß Laßberg, sie befindet sich nun mit den übrigen Schätzen seiner
22 FBANZ PFEIPFJBB, DES TEUFELS NETZ.
Bibliothek in f&rstl. förstenbergifichem Besitz zu Donaueschingen ; frftherer
Besitzer var der Beichtiger der Klosterfrauen zn Bregenz , Herr von Weiz-
zeneggy von welchem L. sie erwarb. Sie ist im J. 1441 auf P24>ier in gr.Fol.
geschrieben und zählt 367 Seiten. Das Gedicht enthält in dieser Hs. etwa
13,700 Zeilen, öfter siud leere Räume für Bilder darin gelassen; aber nur
das Titelbild ist vorhanden : eine Schaar von Teufeln zieht in einem groften
Netze (== aegi) eine Anzahl Menschen, worunter ein Kaiser, Papst u. s.w.
ans dem Wasser in die Höhe. Nach einer brieflichen Mittheilung Lafibergs
stellt die am Fuße dieses Bildes befindliche Zeichnung das Thor der obern
Stadt zu Bregenz vor, was den Schluß erlaubt , daß das Buch dort wo nicht
gemacht, doch gewiss geschrieben wurde. Wohl durch diesen Umstand veran-
lasst, war Laßberg geneigt, in dem Knappen des Grafen Hang von Mo]^ort
und Herrn zu Bregenz, Burg Mangolt, den im Gedichte selbst nirgends ge«
nannten Verfasser zu vermuthen.
Ich gebe hier den Anfang und das Ende.
Hörend, hörend arm vnd reich,
Jung vnd alt gemainleich,
Er sy wip oder man.
Es gät menglichen an,
Gaistlich oder weltlich,
Sy sigend arm oder rieh,
Herren und euch frouwen,
So werdent ir wunder schowen,
Wan ich wil hie ain wärhait sagen
(Die weit sölt es billich clagen),
Wie ainero ainsydeln ist beschehen.
Die wil er got ze lob verjehen
Und die weit warnen tfin.
Wer komen wil ze frid und sfin,
Der sol diser lere achten
Und sy dik betrachten.
So wirt er hören ain wärhait,
Wie der tüfel die weit verlait
Vnd wie er hat gemacht ain garn u. s. w.
Die Vorrede (so wird sie bezeichnet V. 63 : hiemit wil ich die vorrede
Ion) zählt 78 Zeilen, darauf beginnt das Gedicht :
Ains mäls vor wihennächten
Saß ain ainsidel dichten und betrachten.
Was got dem menschen hat gfitz geta*n,
Das es nieman als gesagen kan
Für alles das er ye hat geschaffen,
Das sprechent alle lerer vnd pfaffen u. s. w.
L V. ZINGERLE, ÜBER GABEL VOM BLÜHENDEN THAL. |
Schlaß S. 367 :
der tafel sprach :
Ich tun den minen laid und ungemach,
Sy Tvolteod dich nit für ogen ha*n.
Des müßends yemer jn lideu sta'o,
Ynd wirßt her an jn gerochen,
Hand ßy ie wider dich geta'n ald gesprochen.
Hiemitt ker ich mit den minen hin
In die bittren hellepin, Amen.
Amen das ist wa'r
Göt geb uns ain gnt ia*r. XH°.
fEANZ PFEIFFEH.
ÜBEE GAREL YOM BLÜHE^^DEN THAI
VON DEM FLEIER,
Unter den Helden der Artnsromane wird Ritter Garel öfters genannt. -
Konrad von Stoffeln zählt ihn zn den Tafcvfrunderu : Daz was min her Yban
Partzifal twrf Qahan Er^^gk ind her Walban Wiffalai» vnd Tristant Sodüies
tTid Kardtant Segrimors von Pariripan Partiuir vnd Lerdal vndDaniel von
Pbtental Melianiz vnd Melermvtz^ Lützelot tmd EdelanU Kar ei vnd her
Eamunp von Simden am ritterjung.^) Hartmann nennt ihn neben Tristan, ')
ond Wimt lässt seinen Tod beklagen.*)
Am öftesten nennt und preist ihn Wolfram, der ihn zu den besten Rit-
tern zählt:
mcaz der werde Lannlöt
{(/ der siü€rthrit4:]ce erleit
unt »tt mit Meljacanze streit^
daz was gein dirre not ein niht m
unt des man Gär eile phi^ . "
dem stolzen künege riche^
der ahß rtterltche
den lernen von dem palas
warft der dd ze Nantes was.
') Wackemagel altd. Lesebuch. I. Aufl, 8.850.
*) TTttirum wFide Gdrel Erec 1649.
*) <^uch miitoz ich von schulden klagen
mnen. künict der lU hie ertlag^m
Odr$l vpn Mirmid4n0 WigaJoiü 221, 1^3.
I
24 I. V. ZINGERLE
Gdrel ouchz mezzer holte,
da von er humher dolte
in der mamieltnen sül. (Parz. 583, 8 tf.)
Oarel unt Gaherj4t
und rols Meljanz de Barhigoel
unde Jo/reitßz Idoel
die aint hin üf gevangen,
i der huhurt wcere ergangen. (Parz. 664, 30 ff.)
Artus sprach: ^diner muomen sitn
Oaherji^en ai dort hat
unt Odreln, der riters tat
in manegem poynder worhte,
mir wart der unrevorhte
an mtner siten genomen. (Parz. 673, 2 ff.)
Daß dieser gefeierte Ritter der Tafelrunde auch seinen Sänger gefunden
habe, berichtet Ptiterich von Reicherzfaausen in seinem Ehrenbriefe mit den
Worten :
Serr ungileuaz vom Roth
Wtrent von (jhrafenbergkh
Voltichtet sein gethat
Samb hat gethan der Plair auch das werckh
Vom Pliudenthal Herr Oarell auch betüchtet^)
In den dreißiger Jahren fand Herr von Karajan den einzigen erhaltenen
Codex dieses bisher nur dem Namen nach bekannten Gedichtes im vater-
ländischen Museum zu Linz.') Es ist eine Papierhandschrift, klein Folio, mit
169 Blättern. Jede Seite hat zwei Columnen, deren eine 30—36 Verse
zählt. Der Codex besteht aus Lagen 2u je 10 Blättern, von denen das letzte
ganz unten in der Mitte die Nummer XVII ° al« Reihenummer der 17. Lage
träigt. Jede Lage ist an ihrer Stelle numeriert und zwar von der Hand des
Abschreibers. Dadurch erhält man die angenehme Versicherung , daß vom
Anfange nur ein einziges Blatt fehlt. Die Schrift ist durchaus von einer
Hand, obwohl nicht gleich zierlich geschrieben. In der Mitte ist sie ain
schönsten, gegen Ende am größten und unsaubersten, obwohl nicht unge-
nauer, als alles übrige. Die Initialen sind schwarz. Herr von Karajan ließ
von dem Gedichte eine sorgfältige Abschrift nehmen, die mir gütigst zu
Diensten gestellt wurde ,'als ich an der Erklärung der Runkelsteiner Fresken
schrieb. In derselben theile ich einen Auszug des Pleier'schen Romans und
Probestellen daraus mit, worauf ich hier vorläufig verweise. Da aber Pleiers
^) Haupts Zeitschrift 6, 50.
^ Vergl. Frühlingsgabe 1839 S. IV.
ÜBER GAREL VOM BLÜHENDEN THAL. 25
Gedicht den meisten Freunden mittelhochdeutscher Litteratur unzugäng-
lich ist, dürften einige nähere Mittheilungen über dasselbe und den Dichter
vielen nicht unwillkommen sein. Die kurze Frist, die mir zur Benützung der
Handschrift gegönnt war, mag das Skizzenmäßige dieser Zeilen entschuldi-
gen. — Der Verfasser des Garel nennt selbst am Schlüsse des Gedichtes
seinen Namen :
lEe hat daz buoch ein ende, ^
swä nu hävesche liute stn^
die tuon ir zuht dar an schin, (Bl. 169')
daz si mit hövescJdichen alten
dem tihteer gelückes btten,
der da^ buoch getihlet hat
tsnd die liute wizzen lät,
me Oärel mit manheit
vil ma,nigen höhen prte erstreit,
der daz buoch hat getihtety
der ist noch unberihtet
ganzer sinne, wan daz er stn muot
niewan *) durch kurzwtle tuot
und ze Srenfrumen Hüten,
ich unl iuch rekte bediuten
swd ir in hoeret nennen,
daa ir in mugt erkennen :
man heizet in den Pleiaere,
hie hob ein ende daz maere,
got Idz uns allen wol geschehen,
daz wir noch milezen gesehen
stn gendde in himelrtche,
daz vAr dd iwicltche
miiezen btvwen iemer mS^e,
des helf uns got durch siner marter Sre,
Über die Lebensumstände und Bildung des Dichters enthält das Ge-
dicht wenig Aufschlüfise. Wenn folgender Rede des König Artus (Bl. 146"):
jd herre got der guote
waer ez min neve Oärel,
den hat ie doch daz pantel
von Sure geerbet an
unbedingtes Vertrauen zu schenken wäre , würde man Fleiers Heimath in
oder bei Steier zu suchen haben.*) Mehr Aufschlüsse gibt uns das Gedicht
*) nienicMt^ Es. — ^ VgL Germania 2, 398. 500. Aach später anzoführende Stcdlen,
▼gl. S. 31, 32, können dahin gedeutet werden.
28 I.y.ZIKWELB
über dk BiMong des Verfassers. Er war, wie er selbst sagt, des Lesens
kündig (aU ich an der äventiure las Bl 53^). Gleich am Beginn des Ge-
ächtea zeigt er, daß er Hartmanns Iwein kenne.
Nu hoeret einfremdez mmre,
Hartman der Ouwwre
hat uns S wol geseit
für eine rekte wärheit
an einen^ buoche, deist wol behani,
deiet der riter mit dem Uwen genant,
daa Artus was sin wip genomen
tmd wie ez dar zuo was kamen. Bl. 1 ^.
Garel nimmt von einer Stelle des Iwein, 4555 iL s. f. den Ausgang
und erinnert oft durch Ton und Sprache und einzelne Scenen an Hartmanns
Gedicht. Ja manche Verse wiederholen sich fast wörtlich in Fleiers Er-
zählung. Ich führe beispielshalber nur folgende sm :
Garel : Iwein :
D6 erniht langer woUe und do ich niene wolde
noch heltben aalte. 2007. n^ch helthen eolde. 358.
Wie da gesanc gesange galt, 2149. swie da eanc ea/nge galt. 620.
Arthua het ein hochztt ein ah6 schoene hochzit,
daa er vordea noch att daz er vordea noch att
nie kein achoener gewan. Bl. 1 \ deheine achoener nie gewa/n. 35 flf.
d6 hat er vräveltche dg hat er ala ein vrävel man
der riter ellenariche daz er mUeae viieren dan
den künic um die künigin, atn wip die bitneginne. 4585.
daz er die miieae vüeren hin. Bl. V.
die ai vüeren aähen, die at dd viieren adhen.
die hegunden alle gähen " dd wart michel gdheni
nach dem riter {rf die vcurt, ez rief dirre und rief der :
daz in ahneiatic wart. (?) Bl. 1 \ 'hamaach unde roa hen^ :
und awer ie gereit wart,
der jagte nach üf die vart 4623 flf.
Derartige ähnliche Stellen, die wie Reminiscenzen klingen, findet man
in großer Anzahl.
Nebst Iwein kannte der Fleier auch Gottfrieds Tristan. Dies bezeugt fol-
gende, bei den Haaren herbeigezogene Stelle, die dem Herzog GilÄn in den
Mund gelegt ist :
zeinen zUen mich her Triatan Bl. 19\
von grozem kumber loate.
Ober gabel vom blühbnden thal. fi
der kam mir auch ze irdHe,
ufon er mir einen rüen sluoc,
der tet mir leides gevMoe
mit raube und mit brande
dd heim in minem lande.
den eluag er durch den willen min,
ich gah im ein hundelin^
daz was PefStcriü *) genant,
daz mir durch mirme het geeant
ein rtchiu gatinne
mit UsUelichem sinne.
ein zünel was gehangen dran,
den dS erharte dehein man,
swie truric sSn herze wcere,
ez bencmne im eine swcere :
swerme er den klanc erhörte,
sin trwren sich zerstörte
und gewan ze vreuden guaten muat.
dtn trSst mir verre scmfter tuet,
den ich van dir vemamen hdn.
Man vergleiche damit Tristan H. 15794—16287. <■
An Zatzikhovens Lanzelet wurde ich erinnert durch das so oft vorkom-
mende breite heide , das zwar auch in andern Gedichten , doch nicht in so
stehender Weise sich findet. — An Zatzikhoven undWimt gemahnt auch das
häufige Verweisen auf die Quelle. Nicht leicht weist ein Dichter so oft, ja
in ermüdender Weise, auf dieselbe hin, wie Pleier. Ich führe aus Garel nur
einige Beispiele an:
als mir diu dventiure giht^) Bl. 1*, 2\ 41*, 63*, 6*I\ 88*, 92*,
106\
als mir diu ävenUure sagt Bl. 7', 11', 72^ 85% 110\
nach der Oventiure sage •) Bl. 15*, 111*, 116*, 24*, 56*, 84*, 165%
166-.
als mir diu ävenUure seit Bl. 27', 58*, 70*, 88*, 97*, 127\
als mir diu äventiure ja>ch Bl. 38% 57', 145*.
als uns diu dvenHure seit^) Bl. 73*, 102*, 113*, 169*.
diu dvenJtiure uns wizzen Idt Bl. 87*, 131 *.
ich hört die dventiure sagen Bl. 126*.
*) bitffriur Hs.
*) als uns diu dventiure giht Wimt 178, 232.
^ Lanz«]et 1894.
•) Wirat203,26e,26.
2S I. V. ZIN6ERLE
als mir diu dventmre mvuor BL 72 *.
diu dventiure mir daz niht sumOr Bl. 42*.
mich enkabe diu dventiure betrogen B1.38*.
Wichtiger ist der schon früher angeführte Vers :
als ich an der dventiure las Bl. 53*,
weil daraus die Lesekonst des Dichters erhellt. Neben diesen Berofangen auf
die Aventiure finden sich zahlreich die Formen :
als ich daz nuBre hdn vemamen Bl. 6*, 41*, 49*, 48* u. *, 62*,
66*, 81*, 92«, 107*, 108% 110% 112*, 123*.
als mir daz masre ist worden kunt Bl. 63% 81 *.
so daz moßre giht Bl. 44*.
als ich daz masre verrumten hdn 35*, 40*, 86% 102*.
als uns ditze masre seit 158*.
s6 wart mir gesagt 7* u. *, 35% 54*.
s6 m^tm saget 7% 58% 104 '.
als ich hdn vernommen 24 \
sus hdn ich vernommen 39*, 115*, 167*.
ich sag iu als ich hdn vemamen *) 74*, 84*, 112% 166*.
sus h$rte ich sagen 99*.
von im wart mir niht m^ geseit 169 *.
Die Quelle, auf die sich der Pleier so oft beruft, war zweifelsohne ein wäl-
sches Buch. Denn Garel ist ein Artusroman, der den übrigen Werken dieser
Art gleichsieht, wie ein Ei dem andern. Garel zieht aus, um den Riesen
Karabin zu verfolgen, und besteht nun ein Abenteuer nach dem Andern,
bis der Sieg über den König Ekunaver die lose Kette seiner Heldenthaten
ruhmvoll schliefit. Riesen und Zwerge, Meerungethüme und ellenthafte
Recken werden vom blühenden Ritter besiegt. Die im Garel vorkommenden
Personen sind großentheils aus andern Artusromanen mehr oder weniger
bekannt, und tragen der Mehrzahl nach wälsche Namen, z. B. Eskilaban,
Oandtn, Oamuret, Oaloes, Cflarine, Claris ^ Duzabel^ Lanzilet, Gloutite,
CHlan, Oawan u. s. w. Die wenigen deutschen Namen: Albeurtn, Helferich^
Bupreht, Robert, Fidegarte (ähnlich der Vodelgarte im Eckenliede), öer-
hart kommen nur selten vor und können Zathat des Dichters sein. Über-
haupt scheint der Pleier sich nicht strenge an die Vorlage gehalten, sondern
manches aus ihm bekannten Sagen und Dichtungen hinzugefügt zu haben.
So dünken mich die Züge von den Zwergen und den wilden Fräulein von
deutschem Grund und Boden zu stammen. Ich glaube, daß an den Stellen»
wo er gewandt und mit Behagen erzählt, er sich nicht streng an die
Aventiure halte und sich freier bewege. Gerade die so oftmalige , beinahe
i) Unzelet 6^.
ÜBER GAREL VOM BLÜffEKDEN THAL. (JS9
ängstliclie Yersichernng , daft er Gehörte« treu wieder gebe, könnte auf
andere Handlungsweise schliefien lassen.
Die mit großem Fleiße ausgeführten Bilder deutschen Lebens und deut-
scher Sitte sind zweifelsohne Eigenthum des Dichters, während die plumpe
Darstellung vieler blutigen Abenteuer treuere Wiedergabe des Originals sein
möchte. Merkwürdig ist die auf^erordentliche Seltenheit von Reflexionen.
Wenige mittelalterliche Dichter verstanden darin so Maß zu halten, wie
der Pleier. Ich führe einige der wenigen reflectierenden Stellen beispiels-
halber an :
ez tuot vil w4^ des dutiket mich^
swer ffrSzer ^en ist gewon^
daz mau in scheide da von
und in dar nach swache hdty
ich wcBne, dem schäme vil nähen gdt
oder : swer ie rehte was gemttot
der ist dem biderben maimie holt Bl. 40*.
oiteh kund er sich des wol bewam Bl. 85 *,
da^ ieman sprceche : er spart daz guot
mit ergcy als nu vil maniger tuot^
dem guot so nähe ze herzen gdt,
da^z er ez michels lieber hat
dcmne iht üf der erde,
doch geltt in swachem werde
sin lip, swie lieb im ist daz guot
swer mit grSzem guote tuot
nieman deheine Sre,
dem wirt sin doch niht mSre
niwan ein tuoch für stne schäm,,
künigen vrowen geschiht alsam,
wir müezen alle sterben :
wol im der so kan werben,
dOjZ er mit dem guote hie begät,
da^z dort diu sSle ruowe hat.
swer hie daz guot s6 minnet,
daz diu s^le dar umbe brinnet,
der hdt niht rehte gevam,
dd vor mileze got bewam
die stnen oMe geliche !
swelch man ist guotes riche
der mac hie 4re erwerben wol,
mit guote man verdienen «oZ Bl. 65 *
werUlich ^e und gotes hulde
so !. V. 2lKdfiftL£
äaz ist alles ffuotes überfftdde,
dd gedenken an die riehen
und wizzen sickerltchen,
ewelch herre guot ze s&re
mimkjet^ daz st im^e. ^)
er sol o%Ach sS gur niht hm gehen,
er sol in rekter mdze leben,
daz er wol herre wiige gesin,
und habe daz üf die trixve min
daz Wirt im/rum und ire,
Gärel der gar hSre
künde wol bedenken daz,
stn herze fügende nie vergaz.
er hmde h^Uchen geben
und wol nach hümiges rehte leben,
'Swaz er gespra>ch, daz was eit
Ganz weicht vom gewöhnlichen Tone der Erzählung folgende Stelle ab:
EskilahSn der degen klär
werte wol stne bluomen liehi,
ich het ir da gebrochen nieht,
WiXT ich gewesen als ich na bin :
ich haste gehabet wol den sin,
dojs ich stner bluomen het vermiten,
ich wcere in den walt geriten
und haste ir dd gebrochen vil,
für wdr ich iu da^z sagen wil,
ich hßte im sine bluomen Idn,
^ ich in mit strite hcßte bestdn,
als Odrel von dem JBlüenden tal,
der het doch maniger bluomen wol
uf dem velde amderswd. Bl. 28*.
Der Dichter versteht, wo er sich freier bewegt , geläutig zu erzählen.
Als Verstoß fiel mir nur das öftere Vorkommen des Wortes verkam nach-
einander auf. Der Dichter braucht es Bl. 167' und wird dann einige Seiten
lang nicht müde, es zu wiederholen. Von außergewöhnlichen Spracheigen-
heiten und Reimen konnte ich bei der mir so kurz gestatteten Benützung der
Handschrift nichts entdecken.
Zum Schluße lasse ich einige Stellen folgen , die theils des Inhaltes,
theils der Darstellung wegen Beachtung verdienen und das in der Schrift :
„Runkelstein und seine Fresken^ Mitgetheiite ergänzen mögen. Die Reihe
^ dag Hn unir Hs.
Ober GAfi£L VOM BLÜinSNBEK tflAL 81
dieser Stücke mag eine Steile eröffiien, die nach meinem Daftürhalten mit
den früher mitgetheilten Versen aus Parzival (583, 8 ff.) in Beziehung
steht.
EnmiUen im fürt st4t ein lewe,
' der pifU ufti mit itner klewe,
dem stehet xe aUer stunde
ein ballier in dem miunde
und ist üz ere gegozzen dar
mit lietj des suU ir nemen war.
swen des gekoste und des gesimt^
dcLz er die bamer nimi
dem lewen uz dem munde,
s6 kumt im an der stunde
üz dem halse ein solieh dSz^
daz ist s6 miehel und s6 gr6z Bl. 109\
daz manz hoeret vaste breit
herre, daz si iu geseit:
swer ddbt ist ndken^
der muoz vil balde gähen
dan od er hat den Kp verlorn
von dem döz (der) degen üzerkom.
Über Gareis Abknnfb gibt nns das Gedicht folgende Aufschlüsse :
M^n ene der was genennet
von Anschotve der hünig GandSn^
ich nenne dir zw^ne der oeheim tnün.
Odmuret *) der werde man
der was m£n oeheim sunder fJttän
und Galoes der bruoder sin,
der was auch der oeheim min,
Artus der vcUsehes laz
und Oäwän, der tagende nie vergaz,
die sint mir mdgen beide,
für war ich dir be^cheide,
s6 ist der werde Parcivai
der ist herre überai,
mtnes oeheimes hint,
mtn geslaht was ie gein valsche UinL
ich bin gebom von Stire *)
m£n muoter kiez LamAre,
von Ansehowe Qandin
') Gahmert Hs. — *) Skiger : lamgtt Bi.
32 I.V.ZINGERLE
Mez n ze Stire frowe stn.
m£n vaier heizet Meleranz,
des prts mit werdicheit ist ganz^
dem dienet Stire daz lant,
sS bin ich Qdrel genant BL 32 *.
YoD seinem Prädic^te theilt Garel selbst Folgendes mit :
Ein insel in dem mere Ut
wfkd ein hure wmfndzen wU,
diu ist zem Blüenden ') tal genant
M dem namen wil ich sin bekani,
die ISch mir der kümc hSr,
wol tüsent mark oder m^
gilt si zemjdre oder baz.
daz tet der künic umbe daz,
daz mir min lant ist verre.
ndn mdg und auch m£n herre
hiez mich daz ich nwm^e darahe
swes ich bedorfte cm vamder habe,
wem mir min guot niht m4ic gefrwmen
noch von St^re in Britcurge kamen,
wan n^n laM ist verre.
daz bedähte an mir min herre.
von Britanje bin ich her geriten BL 33 \
Folgendes Bruchstück schildert Gareis Fahrt zu Eskilabons Gartea :
Stbs riten si mit vreuden gar
durch vmlt unde heide. *)
in lichter ougenweide
lie sich der meie schouwen.
in walt und in den ouwen
diu kleinen vogeUn sungen,
üf dem anger drungen
die lichten bluom^n durch daz gras,
der meie in höher wirde was
nach des unnters grise körnen,
den kleinen vogelin was benomen
mit vreuden al ir swasre,
diu zU was vreuden beere,
sus riten si dö beide
mit vreuden Über die heide
von der wilde hin ze tal.
^) zu dem bk$cm0n'ß». — ') durch dm waU ein heid$ 0s.
ÜBER ÖAREL VOM BLÜHENDEN THAL. 33
dS hSrten si die nahJtigal
den meien schöne grüezen
mit ir gescmge süezen.
diu zU was sileze unde guot,
die ritter wären hSchffemuot,
in beiden was ze prtse gäch,
nu volfften si der strOze nach
von dem walde iU>er den plan,
nu sähen si dort vor in stän
JSdamunt die geMrtey
diu was mit tilmen geArte
und mit einem palas rtchen
gemiäret meisterliehen, BL26*.
diu venster wU unde hSch.
der tac gein mittem morgen zSoh,
diu burc was wol erbouwen,
Oärel hegunde schouwen^
in sifiem herzen er des jach,
daz er nie schoener hure gesaoh
weder vordes noch *ft.
si was veste unde wtt,
ein schefrtBtez wazzerdä vür vlöz,
daz was ze guoter mdze gr6z.
disehaibe ein anger lao,
dar üfe man vil strites pßac,
Oärel sa^h den garten stän
vor im üf dem grüenen plan,
den umbe vie ein mwre hoch,
dar inne man vil bhjuymen zSch,
die nieman brechen soUe^
wan der da striten wolte.
in dem garten stuont diu linde breit,
da von im Oilan häte geseit,
dar under stuont der sparwcere
der dd brähte daz mxjtre
üf des Wirtes palas,
s6 der kränz gebrochen wcls,
der wurzgarten was wol behuot
da bt stuont ein knappe guot,
den het der wirt geschaffet dar,
daz er nam des garten war
hidiu naht unde tac
34 I* V. 2IKOEBLE
und auch des sparwares pßac.
der garten was wol bespart Bl. 26^.
und die bluomen wol bewoH.
der knappe des garten slüzzel truoc^
der was s6 hövesch und s6 kluoCj
daz er die bluomen und daz gras .
von unkrüte gar erlas»
Mehr als in andern Gedichten von der Tafelrande treten die Zwerge
hervor. Beinahe all die Züge, die in der deutschen Zwergensage vorkommen,
werden hier von Albewin und seinen Gefährten berichtet. Im Walde wohnt
der klage, reiche Zwergenkönig, der schön and höflich ist and grofte Künste
besitzt. Gefeite Schwerter and Zauberringe hat und verfertigt er. Ich
theile hier einige darauf bezügliche Brachstücke mit. Nachdem der Biese
erschlagen war, zerstören die Zwerge dessen Barg.
si vuaren hinz der kluse.
von des risen k&se
vuorten diu getwerc ze hant
einen grSzen hart, den man da vani^
den het der starke PureMn B].ö6^
sicherltchen äne wdn
lange ze.samene geleit,
dS si die grSzen rteheit
brähten iiz dem hüae,
do verbranten si die kMse^
daz gem^vre si zebrdchen,
ir zom si wol rächen
und swa^z in ze leit het getan
daz übel tvfp imde ir man.
diu swert und ouch das isengwant^
daa man noch bt den tSten vant,
da^ ndm^n ouch diu getwerc
und brähten ez in ir berc.
dar üz worhten sit diu getwerc
zwo hosen und einen haisberCy 0
den dehein swert versneit,
Oäreln dem ritter gemeit
und einen heim vesten
den schoensten und den besten^
den ie mxin dif sin houbet gebani.
des was wol wert der wigant^
Odrelf dem ez wart geddhU
^) ha/meieh Ht.
Ober garel vom blühenden thal. SS
«ft wart ez im ze päbe brdht
von Albeuj^n dem werden man.
Jue 8uln wir diz moere lAn.
Die Zwerge sind im Besitze von Tarokäpplein :
Nu kom in die burc dwr
zuo dem werden degen klär
selbe vierde der künie Albewtn.
die truogen tamkäppeUn, *)
dar inne sie meman sack BI. 63 \
und dö kam der wMge man
für stn {OdreU) bette gegän,
die tamkappen ') er ahe zieh 63*.
und später stn tamkappen leit er an^
nieman sack den kleinen mm. 63".
ez ist umb mich als6 gewcmt,
swd ich wil varen in diu tant^
daz ist schiere getan,
s6 ich mSn tamkappen hän. BI. 67'.
Alhewtn der kleine man,
der leit sfn tamkappen an,
dS sach an Gdrel niM mir. BI. 67'.
daa getwere Albewtn
zach ah die tamkappen sin,
daz in min her Gärel sa^h. BL70".
Wie in unzählichen alten. Sagen, sind auch hier die Zwerge des Waffen-
schmiedens wohl kundig. Der König Albewin spricht, nachdem das Meer-
angethüm Walganns ') erlegt ist :
diu AiU sol niht hie bestdn,
diu ist harte veste,
ein kursU daz hesie
wil ich dar Üz machen
mit lisUcUehen eaehen
und einen heim und einen schilt,
daz wizzet, werdet degen miU,
daz nieman ma>e versr^den
und eüiu wdffen mUezenmtden
dise hüt, diu ie wurden gesmit,
daz erziuffe ich wol dd mit,
daz ir daz swert niht ersneit Bi. 67'.
*) t€tmehnäppel Hs. — *) tameknappen Hs.
') WlffOMui Hs. Das Ungethüm mahnt an den Wnnn Pfstän in Wigalois. — Walga-
t h«i0t b6i Gottfried Tön Monmoath Gawan : San-lCarte Arthnxsage S. 161. . ^
8*
86 I- V. ZmCEBLE
Daft des Zwergenkönigs That hinter seinen Worten nicht zarfickblieb,
bezeugt folgende Stelle :
Innen des^ do ei dzen,
dS leimen geriten iiber velt
vür des körn ff es gezelt
zwei/ geiwerc h&lichf
ir aUer kUider wären rtch,
tr phärit sohoene und guat genuoc.
ein starker soumwr mdt in truoc
ein hamasch, daz si brdhten dar
schoene unde wol gevwr.
diu geiwerc vrdgten nuS&re^
wd der kütnc wcsre,
man seite in, daz der käme was
mit Mchztten df dem gras,
diu getwerc gein dem ringe riten.
man enpße si dd mit schoenen siten,
si erbeizten fdder üf daz gras,
swas Volkes an dem ringe was,
diu schauten diu getwergeUn^
der kleider gäben lichten schin,
diu wären spwhelich gesmten.
do si cm den rine körnten geriten,
ir scumoBT enluaden si ze haut,
si wären niema/n da bekant.
' ' dctr ab nämen diu getwerc
zwo hosen und einen haisbero,
den schoensteny den ie man gesachj
und auch den besten, des man jach, BL 82**.
und einen schilt und ein curstt
und einen hehn äne strtt,
den besten, den ie mam gebant *)
'^f sin houbet mit stner hant
diu vier winige man
truogen für den käme dan
disiu prisewt riche
vil gezogefdiche,
als schdere, als si der kiinec sack,
er lachte vroelich unde sprach:
*got willekomen, Albewtn,
und auch die gesellen din,
*) bekant Hs.
ÜBER GAREL VOM BLÜHENDEN THAL. $7
die 8uln mir we9&n mlUhomen,
ich Koste oueh geriM vemomen,
wdz iuwer geverte meinet
Albewtn der kleine
sprach : 'gnäde, lieber herre min,
ich hdn die hSchzit din
und ouch dich seihen gerne gesehen.
swaz iu ^en m^ic geschehen,
des bin ich von herzen vrS*
des dankte int der kikue d6
mit triuwen minnicUche,
Albewtn der riche
hiez den hamasch tragen dar.
schoene imde lieht gevar
was daz h^rUche werc.
Mbewin daz getwerc
sprach : 'vil lieber herre min, Bl. 82 *•
diser hamasch sol wesen din,
den hdn ich dir ze stiure brdkt,
ich weiz wol, daz dir ist geddht,
daz du in kurzen ziten
wild einen stürm striten,
dd nrnoz dir got den Itp bewam
und Idz dich soßUcUche gevcum.
ich sage dir, lieber herre, daz
me ritter warf gewdpent baz
darme du, swenn du dich an geleist
und disen hehn üf dim houbet freist
und den schilt vor diner hant:
nu wizze, küener uftganf,
s6 mac dich mht versniden,
aUiu wdfen milezen miden
disen hamasch, diu ie wurden gesmit:
ich hdn dir wol den Up gevrit
vor spers suchen und swertes siegen.
daz wizze, üz erweiter degen,
dir kan nu nieman schade sin :
s6 sprach der kümo Mbewtn.
des gendt im vltzidtche
Cfärel, der künic riche
wart der gäbe hofie vr6.
den hamasch scluyaweten alle d6.
3g I. y. ZINGEBLE
die hosen und der hahhere \
was daz cdlersohoenste wre,
daz ie ouge ane each. *)
dem heim %md dem schilt manjüch B1.82'.
und auch dar zUlo dem cursU,
si wceren gar dn äilen stiHt
schoeme %mde veete
in allen wts daz beste,
daz ie dehein inan an gelit ')
wedei' ze enpe noch ze wit
was der heim rtche
gem^achet listicUche
üz stdl von AräMd,
üzer haU> wa^ er Ud *)
diu varwe diu gab liehten sohtn,
mit einer Mute weiUn^)
was er bezogen schöne,
um den heim lag ein kröne,
die ziertfi manic edel siein.
die vische hut rnohte kein
wdfen wol gewimien.
mit lisUclichen sinnen
was der heim da mit bezogen.
der kvmc was des U7d>etrogen :
der heim was veste wnde guot,
des wart gehoehet im der muot
ouch was dem helde unervorht
uz der Mute ein cutrstt geworlU
mit vil grSzer spasheit.
mit listen was dar in geleit
smwragde und manic edel stein.
daz hdr von der Mute schein
vü bläwer danne ldz4r gar, Bi.83'.
rote meiteßwer vor ^
reht alsam die sterne,
m>an mohte ez sehen gerne.
diu varwe gab s6 liektez brehen,
si m^hte niemmi an gesehen
mit ougen keine Icmge vrist.
*) über ioeh Ha. — *) kein man an tieh geleit Hä. — ') a9$0r lab Hs. — *) vgl. Wi-
galois 25, 25. von einer Mute \i$chfn^ der hdr da» wae weiHn.
Ober gabel vom blühenden thal. 39
w<m der getwerge epcsher list^
86 vmre « immer dd vor vri,
daz kein emit eö hümsüich et,
der die liste filnde,
der dar lie iht künde
gemachen von ir herte, *)
wan ei sich des erwerte,
daz si dehein wäffen sneit
ze rehte lanc, ze rehte breit
was ein schilt dar üz gewarht
Odreln dem degen unervorht,
mit der Mute bezogen,
mich enhabe diu äventiure betrogen,
der was harte rtche,
dar üf vil meisterliche,
guldtn Spangen wären geslagen
dl umbe den rant, hörte ich sagen, *)
die zierte manic edel stein,
emnitten ii/ dem schilte schein
ein pantel, daz was sn£ wiz^
dar an la>c vil grözer vltz.
dar ob ein buckel guldtn
von Ardbe, diu güh schin Bl. 83*.
von roete als ein grSziu gluot
des nahtes Hz der vinster tuot
des schiltes und der wdppen kleit
der was der werde kiinic gemmU
er moht ouch stn von schulden vr6,
wem in keinem riche d6
man nindert bezzer. hamasch vant,
des jähen die ritter aUe sa/nt
und swer den guoten hamasch sach.
ich wcme der oüch des selben jach,
er geswhe nie wäppenkleit s6 rieh
und ander guot dem gelieh.
Oärel €un der selben stai
den hamasch schöne behalten bat
und dankte AU^ewine ')
dem lieben vriunt sine.
An die alte Mythe von Medusa klingt das über Walganus Erzählte an.
"^ hauteBM, — *) alumbe a^ dmBM. — ^ A^eiheBM.
40 I- V. ZINQERLE, ÜBER GABEL YOM BLÜHENDEN THAL.
Wer das Haupt dieses Unkunders erblickte, war verlören. Um es unschädlich
zu machen , lässt es Gäxel auf des klugen Zwergenkönigs Rath in die Tiefe
des Meeres versenken :
Der mcmwsr vuorte daz houbet hin
in ein vil wildez lernte
daz ist noch diu Satellege genant
da koment ze samen geliche
diu vier met sicherltche^
daz ist noch manigem manne hunt
d6 warf erz houbet an den grünt.
dS ez was an den grünt komen, *)
ich sage iu, als ich hän vemomen,
daz mer huob sich von gründe y
wüeten ez begunde
s6 s^rCy daz der wise man
8in leben brähte kume dan,
daz ist noch manigem man erkanU
ze der Wolfsatellege genant
ist diu stat, dd das houbet Itt
daz m£r dd wiletet zaller zit,
dd muoz er unz an suontac geligen. Bl. 74*.
Eine reiche Ausbeute gibt Garel für Althumskunde. Denn mit besonde-
rer Vorliebe schildert der Pleier das Leben und die Sitten der damaligen
Zeit, es]wäre demnach gewiss wünsch enswerth, daß dies Gedicht, das sich
mit andern, bereits veröffentlichten . Artusromanen gar wohl messen kann,
endlich herausgegeben werde.
Wir schließen diese Skizze mit einer Stelle, die der Pleier der Königin
Gloutite in den Mund legt und deren Inhalt in den Rittergedichten des Mit-
telalters so oft wiederkehrt :
Min muot stuont niht nach minne,
ich gedäht in minem sinne :
minne ist ein sendiu nSt, .
von minnen ist gelegen tSt
Tnin swester unde manic vdp.
auch hat verlorn stnen Itp
von der mimte vil m>amc man.
vil o/te ich da^ vemomen hän.
ich dähte, ich wil der mkme kraft
fliehen und ir geselleschaft.
*) d^dojf hintb^t Ufas Hä, — *) iwmtag Hs.
FRANZ STARK, ÜBER GERMANISCHE PERSONENNAMEN. 4I
8US woUe ich mirme mich verwegen
und wolte keines kumbera pflegen
nach liebe, als noch vil manic wip
queU nach herzeUeb ir Up.
I. V. ZINGERLE.
ÜBER GERMMISCHE PERSONEMAMEN.
Der altD. Name Sdmr im Über originum Islandiae und historia HrafnkeUs
Godi (Saxo ed. Müller S. 377 Note 2) darf wohl ohne Bedenken durch altn.
*dmr lupus ; giga& (eigentlich ftiscus) erklärt werden. Daß Sambar (Saxo VIII.
S. 377) gleichfalls dazu gehöre, scheint Müller a. a. 0. anzunehmen, ob-
gleich der Vokal in «am- nicht als lang bezeichnet ist. Den Auslaut ftar
bestätigen JBwriy Scumbar, Orombar (Saxo VIII. S. 378, 382, 383).
Mehr als zweifelhaft ist es, ob in gleicher Weise zu erklären seien die
ahd. Namen
Samo a. 827 Neug. n. 228,
Samdrud a. 821 Ried n. 21 manc.
JSamuuih a. 812 Dronke Corp. trad. Fuld. n. 269 manc.
Samuin sec. 9. Pol. Rem, 22, 6; 44, 20.
Sammdldis sec. 8. Pol. Irra. 22 [A].
Samanolt a. 838 Schann. Corp. tr. F. n. 434.
da sich der Stamm sämi in den in der nordischen Sprache üblichen Be*
deutungen im ahd. nicht nachweisen lässt. Auch die Sprache der Gothen,
Angelsachsen, Sachsen und Friesen hat das Wort nicht gekannt oder früh
verloren. Es muß daher für den Anlaut der genannten Namen ein andreres
Etymon gesucht werden.
Förstemann ist S. 1070 nicht abgeneigt ahd. samo idem, »qualis her*
beizuziehen und glaubt für diese Annahme eine Stütze zu finden in den mit
ebcm aequqs zusammengesetzten Namen. Doch abgesehen davon , daß die
Bedeutung dieser beiden »Stämme zur Namenbildung wenig geeignet erscheint,
wird nicht überflüssig sein zu sehen, in welchen Namen das Adj. eban be-
gegnet. Förstemann nennt S. 360 :
Ebeno a. 864 Schann. Corp tr. Fuld. n. 497 und
Ebaxdeob sec. 9. Dronke, Corp. tr. Fuld. nr. 640 (mancip.).
Auch findet sich bei Dronke nr. 447 a. 824 JEIbanolt; da Schannat
nr. 359 JEbaroU liest, so wird jene Form zweifelhaft Auch Ebeno ist nicht
minder auöicher, denn Dronke nr. 587 hat dafür AeboenOt das wohl = Äbuin
42 FBANZ STARK
zu fassen ist, und es bleibt nur Eb€mleob unangefochten. Lassen wir aber die
Formen £5^0, JEbanleob and £&csno2^ als richtig gelten, ihre Erklärung durch
eban aequus ist desshalb nicht gesichert, auch nicht nothwendig. Sollten diese
Namen nicht vielmehr zu einem Stamme eb, 2^ zu stellen sein, deriaEbcmleob
uad Ebanolt, erweitert auftritt ? Ähnliche Bildung zeigen Hagwaolf a. 875
Dronke Trad. etantiquit. Fuld. II. c. 4. 5, 171, Hddamih a. 804 Dronke,
Cod. tr. Fuld. n. 219, InganulfPol. Irm., 136, 21, Madamdf das. 276,
35, auch SamamÜxnid Samanolt; mit Ebeno aber smd zu vergleichen die
Formen Ageno Cod. Lauresh. ed. Manh. III. n. 3800, Ägeno Pol. Irm. 13,
51 , Dagena das. 120, 5, Dadenu» a. 828 das. App. s. 345 n. 9, Hadena
das. 26, 13, ar^Z/mtw a. 786 Schöpflm Älsat. dipl. n. 62, Hemmus das. n.75
a. 810 , Eagenus PoL Irm. 69 , 81 ; 206, 46. Die Annahme eines Stammes
eban für germanische Namen ist demnach ganz ungerechtfertigt, und es wird
aus ihm dem Etymon samo sequalis durchaus keine Stütze erwachsen kön-
nen. Geeigneter für die Erklärung obiger Namen erscheint das von Forste-
mann verschmähte ahd. sämo , falls , wie bei adal genus und burf partus« *)
eine Erweiterung der Begriffe semen, origo zu prosapia, nobilitas, trotz der
fehlenden Belege , angenommen werden darf. Nicht zu übersehen ist gleich-
£aUs, wenn es auch weiter abliegt, goth. samjan ä^cfxsi^v gefallen, sich ge-
fallig machen, altn. semja pacem facere, moderare, temperare, sami m. pac-
tum, fcedus. Ein der Bedeutung nach analoges Etymon zeigen die mit etiU ^)
componierten Namen, und wenn die Hinweisung auf sie dieser Erklärung eine
Stütze zu bieten vermag, so ist sie gewiss haltbarer, 'als die von eban. Nicht
unwichtig in diesem Falle ist femer, daß im Altnordischen das Appellativ
sermngr pacificator (vgl. altn. sUUir moderator, poetisch rex) auch als Manns-
name erscheint.
Ob nun sdm oder sam als Stamm anzusetzen sei, soll noch unentschie-
den bleiben. Für ersteren spricht vielleicht, daß in den bis jetzt bekannten,
hieher gehörigen Namen der Vokal des anlautenden Stammes keinen Umlaut
zeigt.
Niemand, der mit unserer Lautlehre auch nur halb vertraut ist, ^rd die
Mannsnamen
Brado a. 615 Pardessu I. s. 211 n. 230,
Sizimbradus Pol. Rem. 85, 29,
Ermbradua Pol. Irm. 11, 33; 36, 32; 197, 7,
und die Frauennamen
*) Vergl. meine Beiträge zur Kunde germanischer Personennamen , Sitzongsberichte d.
philos.-histor. Ol. der kais. Akademie der Wissenschaften. XXIII. Bd. s. 666 fg.
') Veigl. ahd. $HlH<m mitigan» med^ri, compriawe. Beitrilge a. 8. w. a. a. O. ».672 %,
ÜBER GERMANISCHE PERSONENNAMEN. 43
JßLambrada Pol. Irm. 85, 32,
Ermbrada (Tochter des Ermbradus) Pol. Irm. 197, 7; 213, 46,
Memhrada Pol. Rem. 46, 35,
mit den ahd. Eigennamen Bruohbraht, Drudpraht, Erlapraht, Folapraht,
Hunpraht, Bumpraht, Swarmpraht, Werpraht zusammenstellen. Nichts
desto weniger könnte geltend gemacht werden, daß der bei Moser, Osnabr.
Gesch. n. s. 73 n. 58 a. 1160, unter den Ministerialen der osnabrtickischen
Kirche genannte Wicbrad s. 80 n. 61 Wiebert geschrieben wird, und daß
vielleicht auch das westfränkische -brad als dialectische Eigenheit aufzu^
fassen sei. Dem gegenüber ist die Verschiedenheit der Urkunden nach Zeit
and Ort zu berücksichtigen und nicht zu übersehen, daß die beiden Typtychen,
denen die bezüglichen Namen zufallen, und auch die Urkunden bei Pardessus
statt des ahd. peraht, praht u. s. w. an- und auslautend stets die Formen
pert, bert, häufig auch vert, doch dieses nur im Auslaute, nachweisen, während
in den Osnabr. Urkunden brath, brat, brad, breth, brecht und bert neben ein-
ander stehen und durch einander laufen. Man vergleiche GHstlbrath, Hue^
braih, Beginbrath s. 19 n. 21 a. 1049, Adelbreth s. 26 n. 26 a. 1070, AdaU
brath b. 45 n. 38 a. 1068—1088, EilbraU, Werenbraht, Äthelbertas, EngeU
bertus s. 69 n. 55 a. 1149, Äthelbrat, Eilbrat, Lantbrat, Botbrat, Buti>rat
S.71 n.56 a.1150, Botbertus n. 57 a. 1150, Lambrecht s. 60 n. 50 a. 1120,
Lambrad s. 73 n. 58 a. 1 160 u. a.
Aber ist denn in obigen Namen ein Namen brad anzunehmen, oder
nicht vielmehr mit Förstemann Bardo zu lesen statt Brado, in den übrigen
Namen jedoch das inlautende b als euphonische Einschaltung und radue^ rada
als auslautender Stamm zu nehmen? Auch in Ambla, Amblard^ Amblulf^
Orimblandy Orambricua wird von dem Verfasser des Althochdeutschen
Namenbuches s. 193 anorganisches b gesehen, bestimmt den Zusammenstoß
der Liquiden zu verhindern, und Hilmptrud und Ahnpni werden als ähn-
liche Bildungen angeschlossen.
Ehe nun der Versuch gemacht wird, dieser Ansicht gegenüber den
Stamm brad sicher zu stellen, sollen die zuletzt genannten Namen vorerst
genauer besehen und geprüft werden.
Es sei mit Ahnpni Verbrüderungsbuch v. St. Peter 43 , 7 der Anfang
gemacht*) Das Verderbniss dieses Namens ist zweifellos, die sichere
0 Das Verbrüdeningsbach enthftit noch mehrere, schon in der Handschrift verderblt
Namen ; die richtige Form einiger herzustellen mag hier yersucht werden.
wirminhiU 40, 21, Ton FOrstemann, der sich vielleicht durch Wctrinentildü Irm. 186 , 58
iire leiten lieft, s. 1270 zu WiMrihilt gestellt, ist wahrscheinlicher in hirminhilt zu bessern.
VgL das. hirminperht S7, 9 hirminhart 58, 2 hirmintuind 76, 30.
asohreo 40, 57, Ton Förstemann s. 110 als Äsoricho aufgefasst, möchte ich in oiohroc
Terbessem. Vgl. das. wiwoh 43, 8 uuolfroc 22, 24 hrohinc 68, 6 hrohhart 54, 19 roaeh&ri
96, 23 hraveholfdS, 16 roeeolf^l, 18 hrocholflh, 12 und 35.
hütm 42, 9> schwerlich eine Abkürzung yon hUtmuot, ist, wenn mtümlich, gleich deu
44 FRANZ STARK
Herstellung der rechten Form ist bedingt durch das Geschlecht seines
Trägers. Als Frauenname ist er Alpni zu lesen, wie 41, 6 und 9;
104, 36; 106, 10, als Mannsname Alpwd, wie 66, 9 ein Priester, oder
Almurd statt Änuduni, wie in den trad. Wizeburg. a. 740. Man ver-
gleiche Almdbertm a. 579 Pard. n. 186, Almeprcmd (Langobarde) sec. 9
Pertz III. 253, 3 (Hlud. et Hloth. capit.), Ahmrich a.l083 Hontheim, hist.
Trevir. I. n. 286, Almerich a. 970 Lupus II. n. 296 und Honth. 1. n. 194 a. 975
— sodann im Yerbrüderungsbuch adaluni 7, 19, alhvni 52, 33, astum 94,
38, perhtuni 33, 7, hehmmi 88, 30. Von einem euphonischen Labial kann
in Ahnpni durchwegs keine Rede sein. Ebenso wenig bei dem Namen Ambla
Pol. Rem. 60, 71, wo offenbar eine aus dem Stamme amb gebildete, jedoch
verkürzte Diminutivform vorliegt. Das Typt. Rem. weist solche Bildungen
in ziemlicher Menge, so Aitlus 42, 4 AiÜa 60, 74 Dainla 51, 79 Gerla 64,
8 Goala 50, 67 Hainda 55, 118 Hroikis 70, 28 Hrotla 35, 19 Wanla 50,
74,*) nicht minder das typt. Irm. in Aitlua 96, 147 AiÜa 9, 18; 77* Dada
261, 120 Dedla 139, 42 Herlus 229, 8 Äia92, 115 HisU 111, 278 Mer-
lu8 142, 59 Serlua 134, 12 und der App. Marc» Hispan. in den Manna-
namen Danla (presb.) s. 899 n. 112 a. 972, ErirOa 8.811 n. 41 a. 879,
SwaU und Sparda s. 801 n. 37 a. 878 iSpanila s.*802 n. 87 a. 878; s. 804
n, 39 u. s. 806 n. 40 a. 879) Vsla s. 824 n. 52 a. 890.
Zu dem früher genannten Stamm amb , der in nr. 3 meiner Beiträge
nachgewiesen ist, gehören auch Amblardus (ep. Lugdun.) Pertz X, 322, 3
(Hugonis chron.) und a. 933 Hist. de Langued. IL n. 66 und Amblul/tta sec. 9»
Pertz IX, 104, 32; 129', 18; 132, 36 (Chron. Novalic. und app.), Ampltd-
fvs das. s. J07, 44, aber auch -^imWmt«« (decanus) a. 854 Pertz III, 429, 43
(Kar. II. capit.), bei Förstemann s. 72 zu AmdLimis gestellt. Wegen 4»>ftK-
rms sind zu vergleichen im Pol. Rem. Hrodelina 35, 19 Marcliima 43, 11
Morlenus 22, 4 Norlinus 50, 71 Wandelina 34, 17 u. v, a. ; in den l>eiden
ersteren Namen ist aber nicht 6, sondern l der eingeschaltete Buchstabe, und
letzeres gehört wahrscheinlich zu der Erweiterung des anlautenden Stammes
mittelst der Silbe -le oder «7, deren Vokal abgefallen ist Belege für
Namen cJ/pun 99, ^pasim 66, 21 ferhttmZ^, 23, hiltun, wenn weiblich, hiltini 107, 13;
160, 36 zu lesen.
numhari 83, 6, welchen Namen Förstemann, der im Anlaate num eine Erweiterang
des Stammes nor sieht, identisch hält mit noriher (mancip.) Cod. Laaresh. (Ed. Maoh.) I.
n. 809, halte ich für verderbt ans uwrmhari, ygl. das. mvrmheri 42, 49; 90, 24, und
utwmhart 42, 23; 91, 33. In den Namen des Verbrüderungsbuches wechseln an- und aus-
lautend heri und hari. Vgl. umnidhari l7, 6 uMlUhari 2(T, 4 uitdldhaH 89, 30 u. ▼. a.
0 Nicht ungewöhnlich sind dameben die yollen Formen ÄeUlo 51, 78 Ändela 48, 56;
61, 15 Anelut 96, 17 An^Ua 64, 6 Avila 57, 127 JBadila^, 47 und 49 Bavilo 96 , 20
Bovila 50, 69 Dahüo 49, 62 Danla 51, 82 Dedela 73, 43 Dodilo 58» Dodüa 46, 33; 54,
110; 65, 14 jEdüa 78, 73 Euuila 4, 5 Oodila 86, 36 Hrodüa 9, 2X ; 49, 59 Ideh 60 11
Odile 33, 7 Od4lu9 86, 36 EadUa 67 13.
ÜBER GERMANISCHE PERSONENNAMEN. 46
dieses l sind kaum nöthig, doch mögen einige Beispiele hier Platz finden.
Aus dem Polypt Irm. Airlildis 137, 30 Frotlildia 119, 3; 150, 109 Ghir-
lildis 160, 110 Gauaildisl41, 87; 160 110 Waäul/US, 94; 149, 108
Wiclelm 188, 72 WicUldis 146, 84, dann GartMf a.. 700 Pard. H. s. 257
n.472, libertns (testaih. Ermentradis), Ohirhdfua a. 780 — 810 Verbrüde-
rungsbuch 115, 5 Otmdlold a. 812 Neugart n. 175.
Was noch besonders Ämhltdfus, den Namen des abbas Novalicensis,
betrifPt, so ist zu bemerken, daß dessen reine Form Aimhulfua in der vita
Heldradi c. 1, 4 acta SS. Martins tom. IL s. 333 e f. enthalten ist.
Wenden "wir uns nun zu dem Namen Ghromhricus Polypt. Irm. 209, 8,
Pörstemann stellt ihn 8.562 zu „ahd.^^m viridis, vielleicht in einer älteren
Bedeutung blühend," und setzt als seine eigentliche Form Orönricus an,
übersieht aber, daß er, um das eingeschaltete h halbwegs rechtfertigen zu
können, ^r&t Or6mricu8 muß entstehen lassen, wozu durchaus kein Grund
vorhanden ist , wie die Namen des Polypt. Rem. Ainrada 40 , 6 Hdinradus
37, 62 Hainricusy Ermenricus 9, 24 Ermenrada 13 2, Onrada 84, 20 ge-
nügend darthun. Meiner Ansicht nach gehört Qrombricus durch seinen An-
laut zu ChimpaZt? a. 808 Ried s. 10 n. 14 — Cfrumbaldus de Raute c. a. 1220
trad. Ranshof. Mon. boica in. s. 281 n. 130 — Orumbolt (Henr. de Gr.)
a. 1277 Wenk ürkb. z. 3. Bd. der Hess. Landesgesch. L, s. 48 n. 67 — Orom-
bertua Polypt. Irm. 209, 5, und ist es sicher verfehlt, daß ]^örstemann diese
Namen nicht auseinander hält von Oroon a. 782Meichelb. I. s. 85 n. 1 Orucm
a. 816 das. s. 184 n.346 — Cfruna a. 964 Honth. 1. 180 (manc.) — Croant
(mancip.) a. 817 Meichelb. s. 191 n. 364 — Oronhart das. s. 166 n. 312 —
OrutmharfB,, 816 das. s. 184 n. 346 — Oruonmuot Goldast, rer. Alam. scr. IL
100*, welche Namen durch ahd. cröni arrogantia (Graff 4, 612 fg.), doch
wahrscheinlich in der Bedeutung superbia, gloria, eine passende Erklärung
finden. Zwar liegt es nahe anzunehmen, daß in ersterer Namenreihe m durch
den folgenden Labial 6 aus ursprünglichem n entstanden sei; allein es bietet
sich auch Orumoldus a. 667 Pard. s. 145 n. 358, und es wird der Annahme
eines Stammes ffrum kaum ein gegründetes Bedenken entgegentreten , wenn
er auch vorläufig ohne Erklärung bleibt. Was aber Orombricus anbelangt,
so steht dieser Name mit Rücksicht auf den Auslaut im Polypt. Irm. keines-
wegs vereinzelt; dort steht auch Ainbricus 206, 45, bei Förstemann nicht
angefahrt, und Ambricus 72, 18, dort unter einen Stamm ambr gestellt.*)
Mag nun letzterer Name wie Förstemann will oder = Amb-ricus aufgefasst
werden, Ainbricus lässt sich weder als Am-b-ricus , noch weniger als Ainb--
^) In meinen Beiträgen habe ieh Ambrico = Amb-riehtts genommen. Dagegen
spricht, daß jener Name mit wenigen Ausnahmen stets in schwaeher Form auftritt • die
in den betreffenden Urkunden nur der Koseform eigen ist. V^ird daher in Ambrieo eine solche
erkannt und demzufolge ein Stamm ambr zugelassen , so hat sich dieser sonderbarer Weise
einzig in diesem Namen erhalten.
46 FRANZ STARK
ricus nehmen, sondern nur als Ain-^mcus. Man vergleiche bei Irm. AMMl-
du8 115, 301, Ainbodus, Ainildis 259 ^ 108, Ainradus 234, 65 und vor
allen Atnricus 230, 24. Die Namen Bricia Pol. Irm. 207, 48 BricealdFol
Rem. 33, 3 und Brecosind a. 931 Hist. de Langaed. IL, s. 66 n. 52 zeigen
gleichfalls den Stamm hric^ dessen Erklärung für später aufbewahrt bleibt
Albricus Irm. 84 , 50 , dessen Bruder Alhuinua heißt , schlieOt sich hier
nicht an.
Wir kommen nun zu dem Namen der ancilla Hilmptrud sec. 11 Moa.
boica VI. s. 59. Hier lässt sich p kaum als euphonische Einschaltung
betrachten; meine Sprachwerkzeuge widerstreben dieser Annahme. Viel-
leicht ist Hilmtrud, Hilptrud, Hildtrud oder Himildrud zu lesen. Letzte-
ren Namen führt eine Leibeigene das. s. 34 n. 5 a. 1048 — 1068.
Es bleibt somit als Beispiel eines zwischen m und l eingeschalteten b
nur der Name des Kanzlers Lothar des II., ÖWmWanrfa« a. 867 Muratori,
antiquit. Italiae II. s. 122, der bei Pertz I. 477. ad a. 868 und in der epi-
stola Lotharii regis ad Nicolaum I. papam a. 867 (Bouquet VIL, 669*)
GfrindandtJts geschrieben wird. Dieser eine, Fall aber wird zu ausgedehnten
Folgerungen um so weniger berechtigen , da Bildungen wie OrimUndia Irm,.
183, 35; 221, 50; 250, 33; 159, 108 Emdint sec. 11 Mon. boica VI. ß. 17
n, 2 Hainüa Polypt. Rem. 55, 118 nicht ungewöhnlich sind, obigem Namen
dagegen kein weiterer Beleg hinzugefugt werden kann.
Doch auch bei Hontheim I. n. 106 a. 868 unterzeichnet in einer exemtio
monasterii S. Maximini per Lotharium regem ein Notar OrinüamdvSy der aber
nach der Ansicht des Herausgebers in Note c niemand anders sein soll , als
der St. Galler Abt Grimcdd, welcher ebendas.n. 107 a.870 als Kanzler des
König Ludwig unterschreibt, und bei Kausler, Pertz I., Mon. boica VI. und
sonst noch öfter gefunden wird. Bouquet erklärt VIII., 413 diese Urkunde
für unächt und bemerkt nebst anderem, indem er den Namen Orimland fest-
hält ^ daß im Jahre 868 nicht Notar sein könne, wer ein Jahr vorher K^az-
1er war.
Nach dieser Würdigung des inlautenden b in den besprochenen Namen
gelangen wir endlich zu jenen, die an der Spitze dieser Untersuchung stehen.
Die beleuchteten,^ von Förstemann mit Ermbrada u.'s. w. als analog be-
zeichneten Beispiele sind, wie ich dargelegt zu haben glaube, keineswegs
geignet, auch bei diesem die Annahme eines euphonischen b zu kräftigen.
Überdies zeigen Bildungen der beiden Typtychen, wie JErmenrada Rem, 13,
2 Irm. 104, 207 Haimerada Rem. 54, 113, Hilmeradus das. 86, 39 JFVa-
mericus Rem. 82, 5 Irm. 107, 236, Haimericus Rem. 55, 118 u. v» a. deat-
lieh genug, durch welche Mittel der Zusammenstoß der Liquiden m und r
vermieden wurde, wenn man ihn vermeiden wollte , Warmedrarrnua Irm. 45,
59 und Hmmirada Rem. 73 , 45 aber lehren uns den Consonanten kennen,
der in diesem Falle zwischen die beiden Namenglieder bisweilen eingeschaltet
ÜBER GERMANISCHE PERSONENNAMEN. 47
Würde. Aber m nnd r sind nicht so unverträglich , daß sie eines vermitteln- .
den h nothwendig bedürften, den Beweis dafür liefern Haimrad a. 757 Trad.
Wizeb. n. 139, Heimrad sec. 8 Cod. Lauresh. (Ed. Manh.) n. 3i3, Heim-
raat Verbrüderungsb. 42, 36, Heimram das. 110, 40, Heimrammus a. 710
Ried n. 1 und a. 772 Meichlb. 1. s. 43 n. 26, Haimricua 810 Pertz I. 198, 9,
Bramradus Polypt. Rem. 40, 4 sicher zur Genüge.
Was also steht denn im Wege in den bezeichneten Namen einen Stamm
hrad anzuerkennen? Stichhaltige lautliche Gründe können nicht geltend
gemacht werden ; es müßte sonst in Ermbrandua Irm. 72, 9 und Maimhrunus
Rem. 54, 110 in denen -^anc^ nnd -6run durch anderweitige Gründe gesichert
sind, ein eingeschaltet h vermuthet werden, und andere Bedenken sind nicht
zum Vorschein gekommen. Ja das anlautende b eignet gerade diesen Stamm
ganz besonders zum Anschlüsse an ein mit m, auslautendes Compositions-
glied , da ja bekanntlich diese beiden Labiale gerne sich binden , und in
Haimhrady Urmirad, Memhrad ist die Verbindung gewiss nicht weniger
natürlich als in Ermbertas Irm. 44, 55 Ermholdus 80 , 25 Ermholda 202,
23 Hambertas Rem. 32 , 4 Maimbodo Irm. app. s. 357 n. 21 Ermhrandus,
Maimbranus.
Die anfangs genannten sechs Namen sind aber nicht die einzigen, welche
diesen Stamm nachweisen, noch schließt sich hier an Bradm^ondus (Notar)
a. 850 Herg. Geneal. dipl. ang. gentis Habsburg II. s. 29 n.52 ^) und Bror-
dila (masc.) a. 879 Marca Hisp. s. 806 n. 39 und a. 901 s. 835 n. 60. Auch
die neuhochdeutschen Familiennamen Brade, Breitet heranzuziehea wird
nicht überflüssig sein.
SoH endlich brad erklärt werden , so wird ahd. prat, eigentlich prart,
prort ora, prora, labium (Graff 3, 313), altn. broddr aculeus, telum (vergl.
nr. 5 meiner Beiträge) keine Berücksichtigung finden können. Viel näher
liegt nnd auch begründeter ist die Vermuthung, daß die mit brad gebilde-
ten Namen an ahd. prddam, ags. brad odor, jedoch in der übertragenen Be-
deutung fervor animi, m^nti», gleich furor, Kriegswuth, anfgefasst, sich
anlehnen, doch will ich auch erinnern an altn. l^rodEir citus , brada accel-
lerare" (Gramm. 1 **, 456), das freilich in den verwandten Sprachen ver-
misst wird.
WIEN. FRANZ STARK.
*) Naeh Kopp Palaeogr. I. 429 ist diese ürknnde Bnächt.
48 JACOB GRIMM
ZU DEN ALTDEUTSCHEN GESPRÄCHEN.
Dies dem Inhalt und der spräche nach sehr rohe, dem naiven colloquium
Älfrici weit nachstehende denkmal enthält doch einige sonst unbekannte, le-
bendige Wörter und reicht gleichfalls in das zehnte Jahrhundert zurück, ein
glücklicher zufall hat die beiden blätter aus Rom und Paris wieder zusammen
geführt und man wird gereizt ihren sinn völlig herauszubringen, vieles ist
schon von meinem bruder gut erklärt, einiges aber, wie mir scheint, nicht
getroffen worden.
15. guare uengelinaz selida gueselle, ubi abuisti mansionem ac nocte com-*
pagn. das versuchte wärun gelina az selido ist unstatthaft, leicht sieht man,
dasz nazselida zusammen gehört und nachtherberge bedeutet , dem mansio-
nem hac nocte entsprechend, wie z überhaupt hervorgieng aus th (gesch. der
d. spr. 395), so ist hier naz geschrieben für nath und dies für naht, zur vol-
len bestätigung dient inaz 24 = hinaht, ja man könnte in unsrer stelle das-
selbe inaz vermuten, liesze sich dann uengil deuten, nahtselida verbindet
sich wie hüsselida in der folgenden zeile oder sonst burgselida, fahan aber
ist das verbum dazu, Parz. 638, 6 vom stern :
wand er der naht herberge vienc.
das u in uenge ist v oder f , wie in gauathere 101 und das e ist 6 , wie in
guez, enbez = weiz, enbei^ wiezuverstehn ist aber das angehängte li? ich
suche darin eine enclitische partikel und vergleiche zunächst das ahd. le, lio
bei Graff 2, 31, 33, auch die Schlettstädter glossen bei Haupt 5, 343 geben:
interjectio deprecantis, quod in nostra lingua dicitur le Vel leo, sicut est lio
duadaz, und bei Notker Boeth. 46 heiszt es: waz muost tu mih lio tage-
liches mit tinen chlagon, quid tu o homo ream me eotidianis agis querelis?
noch heute ist dem kärntnerischen dialect geläufig lei einzuwerfen, wovon
Lexer in Frommans Zeitschrift 3, 309, 310 beispiele gibt, er vergleicht es
dem bekannten halt. Schmeller 2, 405 hat vom ojbern Inn und aus dem Zil-
lerthal her ein ähnliches la: schau la! gula! was ans ags. lä, westföl. la, lo,
Schweiz, lo (gramuL 4, 290) mahnt, der ruf kann leicht in fra^e übergehen,
in unsrer stelle ist li deutlich fragend und dem li gleich, das die Slaven bei
der frage ans verbum hängen, es genügt auf Jungmann und Linde zu ver-
weisen, unsere alten fragpartikeln sind meistens erloschen, nach dem Wechsel
zwischen 1 und n dürfte man li, la selbst dem ahd. na (gramm.3, 765) ver-
gleichen, reinahd. ausgedrückt lautet der satz : hwärfiengili nahtselida gisello?
16. ist sicher ze, nicht te zu lesen, t für z widerstrebt dem ganzen,
offenbar fränkischen denkmal und der zug am fusze des buchstabs drückt das
z aus. die Schreibung geraben garaben ist wie terue, semauda, canet und
gibt keinen aufschlusz über grävo.
18. e cunt simino dodon'H, de domo dominimei. vorerst will ichdodon'
Zu DEN ALTDEUTSCHEN QESFRÄCHEN. 49
erklären, das zu lesen ist dodones, wie lat t€p' man' f&r tempos manns
steht, dodones aber ist gen. von dod$n = goth. ]>iadans, ags. ]>eoden, alts«
tbiodan theodan rex, domina^, Totonis villa heiszt in Urkunden Thion-
ville. das o oder besser ö in der ersten silbe zeigt verengtes in, io wie
in ör vester f&r iawar, inr, im Essener bmchsttick findet sich hddigö f&r
hintn, hiutagfi. cont f&r cnma oder cume venio, wie nochmals in der nach*-
sten zeile, fällt auf, gleicht aber dem habent f&r habSm oder hab£n 48, wo
die flexion en das t herbeigerufen haben könnte, wie das m in cume zu cunt
wurde, m hätte freilich ein cump veranlassen können, wie in kompt f&r kommt,
man musz bei knnt fiir knmu den unterdrückten vocalauslaut anschlagen, der
hier consonantisch vergröbert nachwirkt (vgl. nnl. boompje und boomtje,*
bäumchen), das folgende si scheint Verkürzung der praep. üzsi, uz, bedarf
aber noch mehr belege, mmo dodones hds zieht das possessivum von dodones
zu faüs, wie auch wol sonst geschieht, vgl. 43.
19. e cunt mer min erre us, (venio)de domo senioris mei. hier ist dem cunt
= cume noch der dat. des persönlichen pronomens beigef>, ganz wie guas
mer 21 f&r was mir steht, und enbSz mer 23 für enbeiz (gramm. 4, 34. 36).
noch später heiszt es in einem liede (bergreien s. 121):
ich kam mir zfi einem tanze,
hinter dem mer scheint aber die zu min erre us erforderliche praep. ausge-
fallen, wie auch erre f&r herren oder herron steht, wäre das vermutete si
fär nzsi richtig, so sollte es heiszen: si mines herren hus. der hdrro senior
untersch^et sich vom diotan dominus, und auch 28. 31. 33. 43. 49. 63. 64.
71. 72. 80. 81 drückt hSrro immer senior, inder formelfrdmin 14 fir6 gleich-
falls dominus aus^.
24* guaren ger inaz ze mettina, ohne latein, welches lauten müste :
fuisti hac nocte ad matntinas ?
guaren ist wären für w&ret, ihaz ist hinaht, heint. in hinaht zi mettina liegt
nichts unrechtes, da wir ganz gewöhnlich sagen heute zu tag, heint nacht,
mhd. hinaht bi dirre naht, hinaht dise naht» so ist hinaht zi mettina voll-
kommen zulässig.
43. minerro guillo tinesprachen, senior mens vult loqui tecum. ist rich-
tig gegeben : min herro wille (wili) dina sprächun, er verlangt deine spräche
für verlangt dich zu sprechen, so sagen wir heute noch: ich wünsche mir
deinen nmgang, deine Unterhaltung statt ich wünsche mit dir umzugehn, mit
dir mich zu unterhalten, gerade so in der edda Ssm. 172^
her er madr &ti dkndr kominn,
sä vill, fylkir, fund ]>inn hafa.
48. 74. ne tropfen für nihil bestätigt meine gramm. 3, 730 gegebenen
erklänmgen , die GraffS, 627.529 übel in zweifei zog, so deutlich schon das
französische ne goutte (gramm. 3, 749), das churwälsche nagutta = nihil
zustimmt* heiszt es doch im mnl. Brandanus 380 enen dropel niet
vmatAMiA. HL ^
1^. y JACOB aBIMM, Zu DEN ALTDEUTSCHEN GESPRÄCHEN.
63« gaez or erre az pede semauda geren sclephen pedez nip sesterai
rebulga, si sciuerit hoc senior tuas iratus erit tibi per menm caput pi dia
siQahida aus pede semauda wird falsch geraten sein, semanda ist smauda
uiid der diphthong au begeignet in anren anres 3 , in frau 106 so wie dem
bedenklichen frauma 85. da nun Schmelier 3, 465 schmauehi, schmandelo, 3,
466 schinudeln, 3, 462 schmanzeln für liebkosen, schmeicheln, tändeln, ver-
liebt scherzen und.schmudel für ein verliebtes weib anfahrt; so magpi dia
smauda entweder kosend» tändelnd, im liebesscherz ausdrücken oder smauda
selbst synonym mit dem folgenden pi daz wip stehn und ein zuchtloses weib
Qi€fineQ. niederdeutsch ist smudden, smuddel, smuUen gleichviel mit sudelo
und schmausen, die auf erre folgende partikel az ist deutlich die conjunc-
tion dasz und der heutige alemannische dialect kennt noch asz fiir dasz. in
$jBsterai, das eine betheuerung ausdrücken musz, wie sie in per menm caput
liegt, ist zwar terai = triwe im sinn von traun enthalten, das vorangehende
ses aber beinahe unverständlich, denn sehr gewagt wäre an ses, senio im
Würfelspiel zu denken und das heutige 'meiner sechs' (Schm.3, 194) zu ver-
gleichen, wobei sacbsn» tausend sachsn (Schm.3, 193) in betracht käme,
doch das nachfolgende triwe sich nicht recht fügte, wir sind in die alten be-
theuerungen unvollständig eingeweiht ses in so es aufzulösen hilft auch
nichts, rebulga meint irasceretur, der indicativ guez zu eingang kann füg-
lich si sciyerit bedeuten.
65. in den Worten aba de tiiien rose nehme ich de nicht für die latei-
nische Präposition , sondern für den artikel de oder diu. aba dd dinen rosse
£=i von dem deinen rosse.
78. buzze mine sco, er^a meä cabatctam, hier sind die deutschen worte
klar, * die iateinischen verderbt, ich lese: remenda meami eavatam, remendare
lebt noch im it. rimendare, sp. remendar, und cavata vetus calceus findet sich
bei pucange^ iti ciabätta, &anz. saväte, jsp. zapato.
80« fehlt im deutschen gistra ne casai das wort hiuda, wie es im lat.
nee heri nee hodie vorliegt, in der frage ist iuda, 87 eutho, 96 eutp, heuto
für hiuta geschrieben, nach 18 könnte auch höda oda stehen. '
. : 83. guanoa,' quot vices könnte sich mit dem alts. huand Hei. 87, 6 und
dem lat. quantum berühren, das goth. hvelauds quantus gemahnt ans ags.
hnald quptus (Haupt 5, 196), lauter noch dunkle pronomina» man erwäge den
eben s. 48 angeregten Wechsel zwischen u und 1.
85. abtotgot (mit Übergeschriebnein hu) fraume, nach andrer lesart
mtergote ist schwer zu entwirren , das latein dazu lautet deus vos saldöm,
wofür wol salvet zu lesen ist. im deutschen ist got sicher , fraume , wenn es
frua sein Kann; seltsam, vielleicht soll es fraiuwe laetificet sein.
lÖO. scheint klar und nur für inbiz zu lesen inbez, d. i. inbez, inbei^,
welche« wie zeile 23 mer == mir bei sich bat. inbeiz mer dige heiszt edi
sufiraginein oder partem suffiraginiaf dige isttlas ahd< deohi mhd. diechi nnl«
ADOLF HOLTZMAN^/NIBELÜNOEN, BRÜCHSTÜCK R. ßl
dij, dije schenke], vgl. ohsendiech. HelbL 1, 430; aüeze hirn und die MS. 2,
192'', nnl. dijstuk schenkelstück« wie ribstok rippenstück.
102. inmethi thi scheint richtig und die vennutung unmez ih dih ver-
werflich, inmethi wäre imperativ von inmethan, wenn es solch ein verbum
gab, das gotL inmaidjan ist matare, inmaidei })uk, muta te, permuta vices«
was dem Zusammenhang nach hier einen obscoenen sinn haben könnte, läse
man mit geringer änderung inmith thi , so käme ein züchtiges schäme dich
heraus, denn ahd. sih midan ist erubescere, Graff 2, 676.
106. 107. heiszt es ip der erUärung, dasz mine für minna auf ein ags.
myne weise , dies aber ist männlich wie das altn. munr, welche freilich alle
miteinander zu man und munan gehören, das KN hat sich unorganisch ent*
faltet (gesch. d. d. spr. 904). die schluszworte des denktnals sind in voller
Unordnung. JACOB GRIMM.
NIBELUNGEN, BRUCHSTÜCK R.
Die 8 und/, v und u genau nach der Handschrift, i hat fast immer den
Strich, auch r hat meistens einen Strich nach oben. Das ^ geht unter die
Zeile herab. Linien mit dem Stift gezogen.
Die ersten Buchstaben der Strophen sind abwechselnd roth und blau,
der erste der Aventiure ist golden. Roth die Überschrift und der Strich,
der die überflüssigen Worte herübemimmt. Auch der leere Raum am Ende
der Strophen ist mit rothen Strichen ausgefällt. Die großen Buchstaben
haben meistens einen rothen Beistrich. Die nicht mehr mit völliger Sicher-
heit zu lesenden Buchstaben und Worte sind cursiv gedruckt.
Es waren 29 Zeilen, die 29ste, 28ste und mehr oder weniger die 27ste
sind weggeschnitten. Ebenso ist die äufiere Spalte des Yorderblatts wegge-
schnitten.
Das Doppelblatt war zum Einband eines Exemplars von Bebeis Facetien,
Tübingen 1550, gebraucht. Der Antiquar Kirchhoff in Leipzig erkannte es;
von ihm kam es durch Kauf in meinen Besitz.
Erstes Blatt, Vorderseite, erste Spalte.
c
1346, 3. da bi was ouch ir muter des Mkrfi
ven wip mit libe wart gegrvzzet
vil manger ivnchftowen lip.
1347. Si viettgen Geh bi den henden vnde
giengfen dan . in einen palas . witd
der was- . vil wol getan . da div tv
nowe . vnden hin« v^o^ ß foz ge0
A. HOLTZMANN.
|S2 A. HOLTZHANN
gen dem Ivfte vn h - - chvrzewi
1348. Wes fi nv mere pflaegS [le groz
des chan ich niht gefagen . daz in
fo vbel zogete daz horte man do
chlagen . die Ghrimh' reken . wft
daz was in leit. Hey waz gut' de
gene mit in von Bechelaren reit.
1349. Vil minnekliche dienft der Mar
krave in bot . do gap div kvnegf
ne zwelf povge rot . d* Gotelinde
tohter vn alfo gut gewant . daz
fi niht bezzers brahte in des kvneg
1350. Svne ir genom^ waere [ezlen lant
d* Nibelvnge golt . alle die fi gefa
hen . die machte fi ir holt noch mit
dem chleinen gute daz fi da moh
te han . des Wirtes ingefinde w
art michel gäbe getan.
1351* Da wider bot do ere.. div frowe ,
Gotelint . den gelten von -
Rückseite, zweite Spalte.
1362, 4. daz fchvf des kv - - milte daz 1*
man in allen gap genu -
Aventivr . v^ie Chrimh' vn Ezel brv .
ten ze wiae in der ftat. \ )
Si *) was ze Treyfen mf re . vntz
an den vierden tach . div molte vf
der ftraze die wile nie gelach • tun
ftube fam - - vnne allenthalben
dan . da riten durch Olterriche . des
riehen kvnec ezlen man.
1364. Do wären ovch dem kvnge div maere
nv gefeit . de^ im von gedanchen fwn
den finiv leit . wie h'renlichen Chrim
hilt da chome durch div lant . er be
gunde vafte gaben da er di minnek
1365. Von vil manger fpra [liehen vant
che fach man vf den wegen . vor ')
kvnec Ezeln rite vil mangen chv
nen degen . ehriften vn beiden . vil
*) S mit Gold gezchrith&A* '-^ ^datx aw^/elha/t.
NIBELUNGEN» BRÜCHSTÜCK R. 53
manec witiv fchar . da fi ir frowfi
fvnden fi riteo frolichen dar .
1866. Von Rivzzen vü von Chrichen reit
da . vil manec man . Polanen v&
Vla^hen . den fah man eben gan.
ir pfaert vü örs div guten . da fi
mit chreften riten • fwaz fi der fit
VÜ-.
Zweites Blatty Vorderseite, erste Spalte.
1499, 2. wer lant ^) man mag iv michel Ikf 2*
- - ofen hie div pfant . danne da
- en Hvnen inweiz wiez da geftat.
er fvlt bei - - n herre daz ilt mit
tnwen min rat.
1500. Wir enwellen niht beliben tpvach
- gemot . fit daz vns min fwefb*
fo firivntlich enbot . vA Ezele der
riebe zwiv folden wir daz lan . d*
dar niht gerne welle der mach
hie heime bellan.
1501 . £n triwen fprach do Rvmolt ich
fols d' eine fin . der durch Ezlen bohge
zit cbvmt imm' vber Bin . zwiv folde
ich daz wagen • da^ ich ') waeg* ban.
die wille ich mag imnC ') wil ich mich
1602. Des reiben wil ich vol [felbe lebe Ift.
gen fprach ortwin der degn . ich wil
des gefchaeftes hie heime mit iv
i^fiegn *) do fpracben ir genvge fi wol
dens ovch bewam • got lazz ivch
liebe herren - - vnen wol gevoflrn *)
1503. Der kvnec begvnde zumen do er daz
g^och - - Aeime wolden
fehaSen ir gemach d!arvmbe wirz
. - - . . en an die vart
alle
Zweite Spalte.
1504, 2. dar vmbe (Wie halt iv gefchiht . ich 2^
rat iv an den triwQ weit ir ivch wol
*) sehr nomfelhafL — •) sehr abgtrUbm^ — •) kaum 0u erkennen, — •) Diese Buch'
tiohen umrden friiher von Pfeifer und mir erkannt, jeUt bin ieh nicht mehr im Stand, sie
fu erkennen.
64 ADOLF HOLTZMANN
bewam . fo fvlt ir zv den hvnen vil .
gewaerlicheü varn.
1505. Sit ir niht weit erwinden . fo befö
det iw' man . die bellten dir ir vindö
ed' Inder muget han . fo wel ich vz in
allen tvfent ritter gut . fon chan vns
niht gewerren d* argen Chrimh' mvt
1506. Des wil ich gerne volgen fprach der
kvnec zehant . do hiez er boten ritö
witen in fin iant . do braht man der
helde driv tf fent vn mer . fi wandö
niht er werben alfo gremlichiv fer.
1507. Si riten wUlechliche in 6vnth*es Ut.-
man hiez in geben allen rod un g&
want . di mit in varen wolden zv
den Hvnen dan . der kvnec in gat6
willen der vil mangen gewan.
1508* Do hiez von Tronge Hagne . J)>anch
wart der brader fin . ir bed' Reken
fehzec brringen («o) an den Bin .die chom
ritt'liche harnafch vfl gewant . des
brahten vil die degene in des Gvnth^es .
1509. Do chon\ d* herre volker ein [Iant .
chvne fpilman . hinze hove nach erd . .
drizzec finer man die heten
Rückseite, erste Spalte;
1510. Wer der volker waere daz wil ich_ 2*
ivch wilTen lau . er was eined^l her
re im was Qvch vnd*t^n , vil d' gutfi
reken in Bürgenden laat . durch
daz er vidleb kvnde yfä,fk er ipilmi . : .
1511. Tufent weit do hagene £genat
die het er wol bechant . vü wa.:i in ...
ftarchen ftnrmen het geframet ir
hant . vnd fwaz fi ie begiengen des
het er vil gefehn . in chvnd ovch an
der niemen niwan frUmcheit i^hn. : ^.
1512. Die boten von den hvnen., vil fere
da v'droz . wan ir vorht zi 0 herren
^) ziy 90 ; $s/eMt nichts.
J
NIBELUI^QEK , BRUCHSTÜCK R. 55
div was harte groz • fi gerten tae
geliche vrloubeB von dan . des en
gvnde niht Hagene . daz was durch
1513. Er fprach ze ßnem h'r€ [lifte getan
wir fvbx daz wol bewarn . daz
wirs ih *) lazzen rite e daz wir febe (so)
vam . dar nach in tagen fibenen
wider in ir lant . trit (so^ uns iemen
argen mät tlaz wirt vns defte baz
1514. Son chan avch fi^ ieo) vro ehrt [bechant
hilt bereiten niht dar zf . daz vns
durch ir raete iemen fchaden tfl , hat
aV fi den willen ez mag ir leid er
gan wan wir füren hinnen mft *)
Zweite Spalte.
1515, 2. lant . daz was nu gar bereitet vil 2'
mangem cbvnen man . die Ezien vide
laere die hiez man do ze hove gan.
1516; Do ß die furften fah - - do fprach
Gernot . der kvnc wil nv leiften daz . .
Ezel VHS enbot . wir wellen ch - -
gerne ze finer hobgezit • vA feh - *
vnfer fwefter daz ir des ane zwiuel
1517. Do fprach d' kvneo Gvnth' . ir [fit.
Mt vns wizzen lan . wenne fi die . .
hobgezit . zen Hvnen wellen han.
des antwrtt . dem kvnege der böte
fwaemeliu . zen naehften fvnewen
den fo fol fi ficherlichen fin.
1518. Der kynch in erlovbte . des was noch
niht gefchehn . ob fi gerne woldfi
BrVhilden fehn . daz fi fvr fi foiden . .
mit finem willen gan . daz vnder
ftynt do Volker daz was ir liebe ge
1519. Jan ift fprach Volker ein [tA
ein edel ritt* gät. Brvnh* min frowe nu
niht wolgemut . bitet voze morge
fo lat mans ivch fehn . do fi fie wft
^ Ven dtr UUft^ Z^ «# mm4 SMfiß ¥fW^ohf^im» **«• irföW afU$ ii^.
66 HOFFVANNTOKFALLraSLEBEN
den fchiwen . donen chvod es niht
1520. Do hiez der kvnic riche . d' [gefchelm
was den boten holt . durch ßnes h*
zen tvgende *)
DIE GEISTIICHEN LILIEN.
HTTGETHEILT
▼ov
HOFFMANN VON FALLERSLEBEN.
Ein erbauliches Werk des 12. Jahrhunderts, worin Verse und Prosa mit
einander abwechseln. Der Verfasser knüpft an die Lilie seine frommen Be-
trachtungen; alle einzelnen Theile dieser schönen Blume werden berücksich-
tigt: die Wurzel, der Stiel und seine grünen Blätter, der Kelch und seine
weißen Blütbenblätter, die gelbe Farbe darin u. s. w. Leider fehlt der
Anfang, und so schließe ich den Titel nur aus dem Werke selbst, vergl.
B1.20'.
Die Handschrift wird aufbewahrt in der herzoglichen Landesbibliothek
zu Wiesbaden und stammt nach der Meinung des Herrn Bibliotheksecretärs
Ebenau wahrscheinlich aus Kloster Eberbach, einer Cistercienser Abtei im
Rheingau, gestiftet 1 1 16. Es ist eine Pergamenthandschrift aus dem 13. Jhd.,
jetzt 126 Blätter in kleinem Format, die beiden ersten Blätter sind ausge-
schnitten, und auch das letzte Blatt.
Zur näheren Kenntniss des Ganzen mögen hier einige Auszüge folgen.
Anfang :
ze got. wie der gerechte m& dieser lilien si gelich. Ich wenen dat die
wrcele die vnder der erden [verborgen is. bezeichen den gedanc in deme
herzen, den nieman inbekennit. also de wise man sprichet. We weiz wat in
des menschen hercen is. wan des menschen geist. So sal de gedanc der
wrcelen geliehen, he sal nfize sin. Dat is. he sal reine sin. Wan ave.
van vleislichen. inde wereltlichen. inde duuelichen gedenken, üleisliche ge-
denke sint die. dere dat vleisch gelüstet. Also die man na vrowen. inde
vrowen na mannen, uncuscheliche denkent. ove ein iewelich mensche na ge-
lustelicher spisen. ave na senften cleideren denkent. de gedant (sie) en is
niet wiz want he beulecket die sele sere. Werltliche gedenke sint die na
wereltlicher haue steint, den niet genfigö in mach, die also viele me gereut.
*) Auch hm litor <Sa4 cbwe BSi^U der BwhitäbHi Mucnrhrnnm.
DIE GEISTLICHEN LILIEN. 57
SO si me hauet (2*) inde en wizen niet weme si dät lazen sfilen. dar umbe
si di sele geuent.
(6*) hie sprich van der lilie stille an. Wir hauen gesien der lilien
uurcele. Dat is des gerehten mannes gedanc. nu sien wir den stam. De
stam de uzer der uurcelen geit. bezeichenet steidö willen zA g&den werken,
dis wille cämet van gfiden gedenken ane zuiuel.
BL 9' geht es in Verse über :
Lerne dit dat widermfide is en zeichen der minnen.
an den die sint gudes wilen.
Lerne dat man den penninc sere siehe
die münze wale.entfe. ,
Dv salt den hamer minnen.
wolt du des cunninges antlize gewinnen.
3och dat du wolt ungeneme were.
it in wrde geiaget sere.
Dann wieder Prosa, und so wechselt es ab zwischen Prosa und Versen.
Hin und wieder finden sich niederdeutsche Wörter, sogar niederländische,
z.B.^onm, 3L42»:
Vvider allen zorn inde al ungemäde,
so mach dit ^lat zonen sine gude.
Biliös
Na langen umbegengen mäzen
wir doch dat ende suchen.
dat ende wir al eines sfllen ruchen. / '
dat ende des nimer ende in wirt.
dat ende des niman wisef inbirt.
dat ouer alle dinc is cuninc inde wirt.
Dat ende is die heilige driueldicheit.
die alle dinc eruuUet inde umbeveit.
der bezeichenisse wir vonden an der driecgehter blumen.
die uns nu is zesprechene zu Climen.
B1.122»:
Sal got din herce (122*) buen.
So must du der werelde minne sehnen.
Sine sint nit gerne ze samene beide.
- Id is gut dat man si shede.
Inde sieh halde an die minne ih*c crist.
vonde (1. wand^) sine minne noch sAzer is,
dan die werflt so wat si minnen het.
58 HOFFMANN V. FAIXEBSLEBEN, DIE GEISTLICHEN LILIEN.
kioder den minnet dat is mi (1. min) rait.
So man in iemer minnet.
So man iemer me liuen zA ime gewimiet.
So man baz in versuchet.
So man sin iemer gemcfaet.
So man in baz beschonnet.
So man me na ime dowet.
Sine minne is der (123^ werilde minne ungelich.
Di so schire hat gelegit sich.
Si is hnde suze si is mome sur.
Si is hnde ein eis. si is mome ein fnr.
Si is hude eine blume. si is morne ein hör.
Si suret binden und sAzet for.
Si is hude grüne, si is mome valle.
Si is hude ein ere si is mome ein scende.
Si is hude wiz. Si is morne roit.
Si is hude gesunt si is mome doit
Si is hude ein stail. Si is mome ein gelas.
Si is (hud*) ein bom. Si is mome ein vvl gras.
Si is hude lis (1. liep). Si is mome leit.
So we sich keret (123^) an ir unstadicheit.
De mAz unstede mit ir wesen.
vnd sal an der seien kume genesen.
Si zugit in na ir in den mist.
Dat is der werilde beste list.
Schluß, B1.126^
Dar ane gedenket ir vrowen min.
vnd zürnet nit unsin thretin.
Inde in uerliset m't sine hulde.
he is aller frouden ein ouergulde.
Sin loin de is uch allen gereith.
Behaget ime ur arbeith.
kranker gelüste solt in berrin.
dit leuen in mach nit lange weren.
vnreine
FRANZ PFEIFFER, ÜBER GOTTFRIED VON STRASSBÜRG. 59
ÜlBER GOTTFRIED VON STRASSBÜRG.
TOir
FRANZ PFEIFFER.
Zorn Niederschreiben der nachfolgenden Untersuchung bin ich znnäoh$i
durch die unlängst erschienene kleine Schrift von J. M. Watterich ^Gottfried
von Straftburgy ein Sänger der Gottesminne^ Leipzig 1858 veranlasst wor-
den. Beim Durchlesen derselben sind mir nämlich , nicht UoB Zweifel an
der Richtigkeit dessen, was der Verfasser zur Begründung seiner Hypothese
vorbringt y sondern alte, nie aufgegebene Zweifel neu vor die Seele getreten,
Zweifel daran, ob Gottfried wirklich der Dichter des ihm zugeschriebenen
Lobgesangs auf Christus und Maria sei. unter den deutschen Philologen
sind darüber nie die geringsten Bedenken laut geworden : v. d. Hagen sowohl
(in s^ner Ausgabe von Gottfrieds Werken und den Minnesingern), als auch
W. Grimm (in seiner Ausgabe von Konrads gold. Schmiede , Berlin 1840),
W. Wackemagel (im altd Lesebuch S. 431—440 und Litt-Gesch. S. 243)
und Haupt, dep 1844 in seiner Zeitschrift 4, 513 — 555 das Gedicht neu be-
arbeitet und vervollständigt hat, nehmen es als ausgemachte Sache an, daß
6. den Lobgesang gedichtet habe. Herr Watt^rich war demnach in seinem
vollen Rechte, wenn er im Vertrauen auf diese Autoritäten Gottfrieds Verfas-
serschaft als unzweifelhafte Thatsache hinnahm und auf diesem Grunde seine
Hypothese , die über das bisher in tiefes Dunkel gehüllte Schicksal des J)e-
r&hmten Dichters plötzlich helles Licht verbreiten soll, aufrichtete.
Für diejenigen Leser dieser Zeitschrift, denen das Büchlein des Herrn
Watterich noch unbekannt ist, will ich das Ergebniss seiner Untersuchung hier
mit kurzen Worten darlegen. Dem Verfasser ist nämlich der grelle Gegen-
satz, in welchem der Tristan und der Lobgesang zu einander stehen, ein
ungelöstes Räthsel, zwischen beiden Gedichten gähnt ihm eine ungeheure
Kluft, die nur durch die Annahme ausgefdllt werden könne, Gottfried habe,
bevor er den Lobgesang gedichtet, mit seinem frühern Leben völlig gebrochen
und es sei eine gänzliche sittliphe Umwandlung mit ihm vorgegangen. Die
bisherige, auf die Zeugnisse der beiden Fortsetzer des Tristan gegründete
Meinung, G. sei durch den Tod an der Vollendung des großen Gedichtes ver-
hindert worden, beruhe auf einem Irrthum: Ulrich von Türheim wie Heinrich
von Freiberg hätten viel zu spät gelebt, um den wahren Grund wissen zu
können, und ihre Aussagen seien allzu unbestimmt; was sie gewusstybeschräidLe
sich darauf, daß Gottfried den Tristan unvollendet hinterlassen habe. Der
nächste Grund der Unterbrechung sei jedoch nicht der Tod gewesen, sondern
ein Exeuzzug, den G. auf den Befehl seiner Geliebten mitgemacht habe. In
60 FRANZ PFEIFFER
dem einzigen Minnelied, das sich unter seinem Namen erhalten hat, erklärt
er nämlich Str. 4, er sei ihr zu jedem Dienste bereit und würde, wenn sie es
ihm geböte, um ihres Lohnes theilhaftig zu werden, seihst ze Babylöne gerne
vam. unter diesem Babylon habe man nicht das asiatische, sondern (Neu-)
Babylon, Kairo, zu verstehen; ans dem Scherze, aus der dichterischen Re-
densart sei Ernst geworden : die Geliebte habe ihn beim Worte genommen
und ihm befohlen, nach jener Stadt zu fahren, mit andern Worten, das Kreuz
zu nehmen.
Der Kreuzzug, dem Gottfried sich angeschlossen, kann natürlich kein
andrer gewesen sein, als der vierte, der 1215-16 vorbereitet im nächstfolgenden
Jahre zur Ausführung kam und im Jahre 1221 mit der Eroberung von Da-
miette sein Ende erreichte. Diesem Zuge habe sich G. zugesellt; „in dem
christlichen Heere, das vom Sommer 1218 an diese Feste belagerte, befand
sich neben Otto von Botenlauben , Neidhard von Reuenthal und andern be-
rühmten Minnesängern auch der Dichter des Tristan. Von irdischen, weltlichen
Wünschen erfüllt, hatte G. den Kreuzzug angetreten, als ein völlig Anderer,
als Gottesminnesänger sah er die Heimath wieder. Aber noch mehr. Nicht
bloß innerlich, sondern auch äußerlich umgewandelt kehrte er von der Fahrt
zurück^ (S. 33). Darüber gebe uns das zweite geistliche, unter Gottfrieds
Namen von der Pariser Hs. überlieferte Lied, das Lied von der „willigen",
von der „geistlichen Armuth", den bestimmtesten Aufschluss. Der mystische
sanfte Ton, in welchem hier das Lob der demüthigen Tugend gesungen
werde, lasse keinen Zweifel darüber, daß der Sänger (d. i. Gottfried) eben
selbst ein williglicher, geistlicher Armer gewesen, daß er, mit andern Wor-
ten; dem gerade in den Jahren 1217—1221 mächtig aufblühenden Orden
des hl. Franz von Assisi angehört habe. Hiebei bleibe nur die Frage, ob G.
erst nach seiner Rückkehr in Deutschland selbst oder schon früher, auf der
Kreuzfahrt, das Kleid des hl. Franciscus genommen habe. Der Verfasser
hält das Letztere fax das Wahrscheinlichere. „Einmal wäre der Eintritt des
überall bekannten Meisters in den geringen Orden in Deutschland ein Er-
eigniss gewesen, das nimmer ohne das größte Aufsehen hätte vor sich gehen
können" (während doch-alle, die G. kennen, wie von der sittlichen Verände-
rung des Dichters so auch von diesem Schritte schweigen) , sodann „weise
der Charakter der außerordentlichen That selbst auf die Kreuzfahrt hin, als
die Zeit , in welcher am wenigsten die Anregungen zu einem so fronunen,
hochherzigen Entschlüsse fehlen konnten". Das Alles genügt dem Verfasser
noch nicht, es stellt sich ihm „dieNothwendigkeit heraus, daß dem entschie-
den weltlichen Charakter Gottfrieds ein übermächtiges Ereigniss entgegen
getreten sein, daß eine höhere Gewalt in sein Leben eingegriffen haben
müße". Nichts erscheint ihm daher „so geeigneTi, eine Wirkung, wie sie in
Gottfrieds Bekehrung und Ordensannahme vor uns steht, zu erklären**, als
die Annahme, „der hl. Franciscus selbst habe nnsem Meister der Welt ab-
ÜBER GOTTFRIED VON STRASSBUR6. 61
wendig gemacht und unter seine Jünger aufgenommen^ (S.38). Daß unter
solchen Umständen von einer Vollendung des Tristan keine Rede mehr war,
versteht sich von selbst.
Dies in Kürze der wesentlichste Inhalt der Schrift des Herrn Watterich,
die, was man auch immer gegen seine oft mehr als kühnen Schlüsse sagen
mag, mit hinreißendem Schwünge geschrieben ist. Ich habe, so verlockend
es wäre, keine Lust, dem Verfasser in das Reich seiner luftigen Phantasieen
zu folgen , sondern werde , statt einer eingehenden Widerlegung , den zwar
nicht kurzem oder leichtern, wohl aber sicherem Weg einschlagen; ich werde
seiner Hypothese einfach die Grandlage unter den Füßen wegziehen, indem
ich darthue, daß Gottfried weder den Lobgesang noch das Lied von der Ar-
muth gedichtet hat, daß er beide unmöglich gedichtet haben kann. Dieser
Beweis lässt sich, wie ich glaube, mit vollster Sicherheit fahren.
Seit es in der altdeutschen Philologie eine wissenschaftliche Kritik gibt,
hat bei Fragen über die IdentitäC zwischen Dichtem und den ihnen zugeschrie-
benen Werken die Betrachtung und Prüfung von Vers und Reim stets als
eines der ersten und wichtigsten Kriterien gegolten , und dieses Kriterium
wird auch, so lange eine Kritik besteht, die den Namen wirklich verdient, in
Geltung bleiben. Mit Hilfe dieses Kriteriums wurden, um hier nur Ein Bei-
spiel anzuführen, dem Konrad von Würzburg durch Lachmann die ihm unter-
schobenen Erzählungen von der halben Birn (s. Auswahl S. III) und
von alten Weibes List (Gesammtabenteuer 1, 189 jQf., s. zur Klage 816),
femer durch Lachmann und Wilh. Grimm das in v. d. Hagens MS. 3, 337
— 344 abgedruckte Ave Maria (s. gold. Schmiede S. XII.) abgesprochen,
auf der andern Seite demselben Dichter mehrere ohne seinen Namen über-
lieferte Gedichte zugesprochen , so das Tumier von Nantes durch Docen , so
Partinopier und Meliur durch Wilh. Wackernagel (Litt-Gesch. S. 213, vor
ihm schon durch Lachmann zu d. Nib. 682) : beides das Nehmen und Geben
konnte mit zweifelloser Sicherheit geschehen. Die Beispiele ähnlicher Schei-
dungen ließen sich häufen.
Um so größere Verwunderung muß es erregen, daß bisher noch keiner,
selbst der neueste Herausgeber nicht, der doch dazu die meiste Veranlassung
hatte, an den Lobgesang den Maßstab dieses Kriteriums gelegt hat ; der Irr-
thum hätte Niemand verborgen bleiben können. In der That ist es kaum zu
begreifen, daß eine Kritik, der sonst ein einziger, mit erträumten metrischen
Regeln im Widersprach stehender Versschluß (z. B. was ich, tet ich) hin-
reicht, um Walthern oder Reinmar ein Lied abzusprechen, an diesem Ge-
dichte, als einem gottMedischen, keinen Anstoß genommen hat. Unter allen
Dichtern aus der klassischen Zeit der mhd. Poesie hat. Hartmann und Walt-
her Aicht ausgenonunen, keiner sich von dialectischen Eigenheiten so frei zu
.halten gewusst, keiner ist dem Ideal der höfischen Sprache, wie die Gram-
matik sie darstellt, so nahe gekommen als Gottfried von Straßbürg. Versbau
ff^ PEANZ PFEIPFEB
und Beim iA seinem Tristan sind von tadelloser Reinheit ; in den nahezu
20^000 Versen dieses Gedichtes findet sich kein einziger angenauer Reim,
nicht einmal a:ä, eine Freiheit , die sich alle, auch die genaustreimenden
Dichter, jezuweilen gestattet haben. ^) Vergleicht man nun den Tristan in
Versbau und Reim mit dem Lobgesang (ich habe es zunächst mit diesem zu
thun und werde das Lied von der Armuth später besprechen), so muß man
verstaunen über den Unterschied, der sich zwischen beiden Gedichten sogleich
bemerkbar macht. Während dort, in dem umfangreichen Epos, durchweg
die größte Genauigkeit und Gorrectheit waltet, herrscht hier in den wenigen
Strophen eine Verwilderung, ja Rohheit des Verses und Reimes, wie sie
nicht größer sein kann. Beide Gedichte verhalten sich in dieser Beziehung
zu einander wie Tag und Nacht, sie bilden in ihrer äußern Form Gegensätze
von einer Grelle und Unversöhnlichkeit, wie sie sich im Inhalt selbst kaum
schärfer ausspricht. Und diese Gedichte sollten emerlei Verfasser haben ?
Betrachten wir zuerst den R^im , wie er im Lobgesang erscheint. Da
begegnen uns, obwohl nur selten und aufa: ä beschränkt, folgende ungenaue
Reime: hdnt: genant 3, 5. rät: sät: etat 26, 5. än\ kan: man: dwn 35,
12. — Sodann finden wir ziemlich häufig m; n im Reime gebunden : twm\
Sturm: hwrm: wurm 19, 9. stein: helfenbein: honicseim2\, 1. swofn: zan:
stam: gan 23, 12. laden: gadem: baden 34, 5. lobeaam: m>an: bran: kan
34, 9. zam: man.: kan 38, 3» wünnesam: an: man 4^3, 6. hanicseim: rein:
mein 90, 5. seime: reine 65 , S, bön (= boum) : I6n: dSn 92, 3. Auf die
beiden zuletzt verzeichneten werde ich später noch zu reden kommen. Ver-
einzelt erscheinen solche Reime schon bei Dichtem der klassischen Zeit; bei
Hartmann mehrmal im Erec, einmal im Gregor (s. Haupts Erec S. XV) 971
und l.Biichlein, in seinen spätem GedichLen, im a. Heinrich und Iwein, mei-
det er sie; Walther zweimal genam: spilman 63, 3. 5. heim: stein 30, 16.
bei Wolfram, einmal rCim: poulvnVzxz, *77, 28. bei Bernger von Horheim
kam: wän u. s. w. MF. 112, 2. beim Freidank zweimal ruam: tuon 99, 3,
oeheim: dehein 141, 3. bei Singenberg arm: vam MSH. 1, 298'. Gottfried
von Neifen gram: kan 14, 25. bei Rudolf A^m: ein Bari. 16, 39. ebd. leim:
stein 321, 21: dehein 386, 24. ruom: tuon g. Gerh. 6901. bei Burkhart
von Hohenfels arw ; vam MSH. 1, 204*. tum: stürm ebd. 1, 209'. Mai man:
nam 86, 4. bei Konrad heim: schein Troj.5722. stein: heim ebd. 13682.
nam: Indian 18701 (vgl. Silvester zu 80) und öfter. Von den Dichtern aus
der ersten Hälfte des 13. Jahrh. gebraucht diese Reime wohl am häufigsten
*) Selbst die einzige Ansnahme , die er sich öfter erlaubt , indem er vcm neben von im
Behne braucht z. B. 6, 19. 9. 1. 13. 23. 16, 25. 116. 2. 118, 39 u. s. w., verräth, da sie
sieh auch bei andern Dichtem (vgl. Flore 239, Teicbner: Liedersaal 1, 423. 439. 469, Kara-
jan S. 17. Seifried Helbiing 8, 1014: Haapts Zeitschrift 4, 191 und Ottokar: Wackemageli
LB. 1» 827, 25) trifil, keine besondere Mondart, sondern ist Überrest des ahd. -an fUr -on: ■•
Grammatik 1*, 85. 336. 450.
ÜBER GOTTTRIED VON STRASSBÜRG. $^
der Spicker, die Fälle verzeichnet Bartsch im Karl S^LIII. Etst gegen
Ende des Jahrhunderts fangen sie an zahlreicher bei den einzelnen Dichtem
anfzutreten. Im Heinzelin Jieim: enein 136. an: Ufünnesam 203. kam: an
1227: wol^etdn 2231* kan: wünneaam 211. nam: manVlb. arm:vam
1113. 2429: gevaan 2371. rwm: tuen R. 131. 301. hl. Martina ruom:
tuon Is 21. vemim: hin 7, 109 und öfter. Littauer lobemm: man 63. ffe^
nam: man 304. Sigenot nam: mänb^l, 25,2. genam: ^a»911. nam:
an 18) 1 : dan 23, 7. lobesam: dem 19, 13. heim: siein 32, 13. Eggenlied
nam: dan 7, 4: man 83, 2. 221, 2. lobesam: man 29, 4. 76, 7: an 33, 4:
bran 106, 7: tan 136, 6: gän 63, 11. bekam: man 55, 4. Femer bei Had-
laub nam: häm 2, 6. kam: an 8, 3. fUrkam: ergdn 6, 1. wünnesam: kan,
lobesam : kan : man : hdn u. s. w. Bei Gottfried findet sich nur ein einziges
Beispiel o^Äirfiwi: alein 291, 23, während 111, 31 oeheim mf heim reimt.
Reime mit Wegfall des auslautenden ch: vrS: h6: s6 26, 5. hStvrS:
alsS 42, 3. gdind: dd 66; 7. nä: dd\ sd 82, 6. <ddd: sld 94, 3. ho und
nd gebrauchen, mit Ausnahme Gottfrieds, viele Dichter, z. B. Hartmann,
Walther (dieser nur h6^ nicht nd) und Andre mehr, vgl. die Gramm. 4, 935
gesammelten Belegstellen ; nur gd für gdch ist aus hochdeutschen Dichtem
sonst nicht nachzuweisen und kann auch das mhd. W.B. 1, 453 nur aus dem
Lobgesang belegen. In mitteldeutschen Sprachdenkmälern dagegen wird
diese Form öfter getroffen , ja sie ist dort die regelmäßige , z. B. Her-
bort 2401. 4222. 8015 u. s. w. Vergl. Frommann zu 179 und Jeroschin
S.LXVIIJ.
Ein auffallender, bei oberdeutschen Dichtem ebenso seltener, als bei den,
der Spirans entschieden abgeneigten Mittel- und Niederdeutschen häufiger Fall
(vgl. Frommann zu Herbort 179. W.Grimm zöAthisS. 1 5. Jeroschin S.LXVIII.
Parz.222, 26 unervorht: ort, 182, 6. ^porten: vorhten, s. Gramm. 1*, 351.
437 ; ferner das Miederrheinische) ist die Unterdrückung des inlautenden h
in vorhte: parte 33, 4. Doch fehlt es auch bei entschieden alamannischen
Schriftstellern hiefür nicht ganz an Beispielen : er wirt dd M hie unde dort
gesichert gar von arger vorht : Bruchstücke eines großem Gedichtes auf K.
Ludwig den Baicr, in meinem Besitz; ferner in einem mit Unrecht deni
Marner zugeschriebenen Liede: wuohs: m««o^MSH.2,253\ missetdt: brdht
ebd. 256 ^ hdte: brdhte: ddhte Rudolf von Fenis MF. 80, 13. lieht: verriet:
nieht: gesehiet ebd. 82, 20. Auch die bei altem und jungem Dichtern aus
diesen Gegenden so häufig erscheinenden Reime von niet = niht auf liet
n. 8. w. (ein Beispiel noch aus dem 14. Jahrh. bei Hadlaub niet: liet MSH.
2, 288') sind hieher zu ziehen, vgl. Grammatik P, 351. 439.
Im Tristan zeigt sich natürlich kein solcher Reim. Noch auffallender
als die im vorstehenden besprochenen Erscheinungen sind die im Lobgesang
mehrfach vorkommenden Reime, in denen s mit z gebunden wird, glas:
besaz: vaz: laz4, 12: bau: hag 16, 11 : vaz: adamas 93, 1. vaa: adamas:
54 FRANZ PFEIFFEB
Mpiegelghu 25, 1: was\ erlas 31, 5: was: dajp: haz: saz 52, 13: huwef'
gazi haz: glae 92, 9—13. vltzi wie: rSe 18, 5. rie: prie 40, 6. dmis: prie
85,3. genSzelSe: gSz: genöz: gr6zA7, 12. Mit einer einzigen Ausnahme
(Wigalois 288, 29. 30: verlos: sUz) hat sich kein Dichter aus der klassi-
schen Zeit je einen solchen Reim erlaubt, Weder Gottfried, Hartmann, Walt-
her, Flec, noch selbst Wolfram, der es mit dem reinen Reim doch sonst
nicht so genau zu nehmen pflegt, noch der Stricker und Andere (die in der
Gramm. 1*, 414 aus dem Parz.434, 15. 434, 25. 485, 12. Flore 7. 8.
Boppe MSH. 2, 385^ beigebrachten Beispiele fallen sämmtlich weg).^) Ge-
gen die Mitte des Jhd. fangen diese ungenauen Heime an durchzpbrechen,
obwohl noch in mäßiger Zahl und nicht bei Dichtern , die sich die guten
alten Meister zum Vorbild genommen haben, wie z.B. Rudolf und Eonrad.
Gottfried von Neifen (1234 — 1255) gras: saz: daz 48, 19. Ulrich von
Winterstetten (1239: Staelin2, 615) kös: grSz: genSz MSH. 1, 136. Mar-
ter (in einem liede, das ihm aber wohl nicht gehört, vgl. MSH. 4, 536) be-
saz: las MSH. 2, 253'. 254' ff. ris: vUz. ebd. 255 \ Konrad von Altstetten
was: laz ebd. 2, 65'. wtz: pris ebd. Teschler ha^s: glas: was ebd. 2, 126*.
was: vergaz: ba^ 130'. erkös: bUz: genöz 125*: gr6z 126' u. s.w. Erst
zu Ende des Jhd. nimmt diese Reiniverwilderung überhand Heinzelein was:
daz 129. wirs: mirz 2093. vUz: prts 845. Hz: aUus R. 367 u. s. f. (vergl.
die gesammelten Stellen ^. 138 meiner Ausgabe). Hl. Martina Spiegelglas:
baz 209, 73. gelas: haz 3, 37. was: vaz 3, 107. genas: haz 4, 20. daz:
was 7, 75. daz: was ^73, 51. 282, 27 u. s. f. Sigenot was: daz 37 , 4:
naz Eggenlied 114, 7. vergaz: gelas 43, 7. Eggenlied wts: vliz 44, 9. hiJts:
üz 45, 7. saz: was 101, 1. HadlaubtrerW«; grSz MSH. 2, 285*. was: baz
278*. 276* und öfter, wtz: pris 280*. müs: il? 281*. ^: hüs 283*. Lit-
taxier palas: saz 306. ^: hüs 53. 295.
Schon aus diesen Reimen allein wäre der zwingende Beweis zu fuhren,
da0 Gottfried unmöglich der Verfasser des Lobgesangs sein kann. Wir sind
aber noch lange nicht zu Ende.
Von der Apokope des Dativs im Reim, selbst bei Wörtern, wo sie alt-
hergebracht ist und andere Dichter sie sich zuweilen gestattet haben, wird
sich im Tristan kein Beispiel finden. Im Lobgesang tritt sie nur einmal ein
64, 9 in dem reinen muot: guot: bluot: tuot, wo indess Wohl besser du
jestim den reinen nmot zu lesen ist. Dagegen finden sich, was viel
/) I^ gleicher Weise sind die von Scholl in seiner Ausgabe der Krone von Heinrich Tom
Türlein (Stuttgart 1852) aus einem Gedichte tou 30,000 Versen (S. XIII) angemerkten drei
Fälle , wo z und 4 mit einander gereimt werden , folgendermaßen zu bessern. V. 649 lies
lowkM unkunders (: Lunders) nie geworhu meisteri hant: ein ungethttmeres Werk schuf nie
eines Meisters Hand; die Hss. haben des Werkes unkimdirs. — 2745. künee und her, mich
dunkei des (; wes) ; Beispiele Tom Genitiv der Sache bei dunksn stehen im mhd. W. B. 1,
360» oben. — 25,580 lies und an vrö'uden was so laz (die Hs« so krank was), so arm an
Freuden ; vgl. Para. 662, 8. diu magst wart an/reuden laz.
ÜBER GOTTFRIED VOK STRASSBUB6. g5
schlimmer und ein handgreifliches Zeichen von der Rohheit späterer Zeit ist,
eine Anzahl Reime, in denen das auslautende tonlose e, was nur höchst sel-
ten und von keinem correcten Dichter geschieht, gegen allen Sprachgebrauch
unterdrückt wird. Solche Reime sind man: getan: plan 23, 5. 89, !. dn:
kam man: dan 35, 12. rein: honicsein: mein 90, 6. klein: nein: enein 43,
13. Stern: wem: entwem 20, 1. 29, 1. 63, 1. für m>äne, äne, reine, kleine,
Sterne. Beispiele dieser tadelnswerthen Apocope des auslautenden tonlosen
e weiß ich erst um die Mitte des 13. Jhd. und nur bei 6inem Dichter nach-
zuweisen: bei Reinbot von Turne, der in seinem hl, Qeorg s^l: MchaMl
4875. 6082: IsraM 3063. ffot: bot (=bote) 484. ffert (= fferte): swert
1616: ffewert 6604. gema^^Ket: erwacket(e) 1817. unwrzaget: sagetie)
5276 reimt. Gebildete und genau reimende Dichter dagegen haben sich
später noch, so Konrad von Würzburg (vgl. Haupt zu Engelhard 420), dieser
und ähnlicher fehlerhafter Kürzungen enthalten. Selbst zu Ende des Jahr-
hunderts sind sie nur selten und vereinzelt zu treffen, z. B. Wartburgskrieg
MSH. 2, 17*: wert: gerüe). Bruder Eberhard von Sax ebd. 1, 69 dornen
an: heilsam. Häufiger begegnen sie erst bei Heinzelein (s. die zu S. 139
meiner Ausgabe verzeichneten Fälle) und im 14. Jahrh.
Ein weiteres, sehr merkwürdiges Zeugniss von dem Mangel aller künst«
ierischen Bildung gewährt folgender, schon oben im Vorbeigehen aufgeführter
Reim i'siistein wehe des lebenden honeges seine (: reine) 65, 8. Zuerst steht
hier gegen allen Gebrauch inlautend n statt m, denn bei allen Dichtern, die
auslautend m mit n im Reime binden , wird im Inlaut das unorganische n
wieder zu m (vgl. Grammatik 1', 386). Beispiele aus altern, noch ungenau
reimenden Dichtem, z.B. ^tJ^^n^ (wofür jedoch eben so gut bilgerime gele-
sen werden könnte): Urne Kolmas MF. 121 , 3. schöne : kSme Dietmar von
Aist ebd. 32, 3. BiUgrimen: erschtnen Biterolf 9237. Seime: eine ebd.
12,894 können ebenso wenig dagegen gehalten werden, als der bei Wolfram
WUh. 46, 6. Wigalois 14, 1 und Wigamur 2518 erscheinende, altherge-
brachte und gleichsam typisch gewordene Reim künic : frümic (vgl. K. Ruther
6. 7. kumige: frumige: Benecke zu Wigalois S.4.38 und Gramm. 1*, 386).
Dieser Reim ist aber noch in anderer Beziehung merkwürdig, seine muß hier
nothwendig Genitiv sein ; als Genitiv Flur, erklärt es Wackemagel im Glos-
sar S. 470*, also mit Auflösung des Satzes: si ist ein wabe der seime des
Inenden honeges. Diese Erklärung scheint mir nicht richtig, seim heifit
zwar schon für sich allein der ans der Wabe fließende reine Honig, nectar.
Viel häufiger erscheint jedoch das zusammengesetzte Wort honicseim^ so
auch im LG. selbst 21 , 1. 90, 5, und ich zweifle, ob seim im Mhd. je im
Plural gebraucht wurde* seim steht gewiss auch 65, 8 im Sing. ; da aber der
Dichter den Genitiv nicht im Reime B,uf reine brauchen konnte, so suchte er
sich dadurch zu hßlfen , daß er die Genitivflexion dem ersten Wort der Zu^
saannensetzung zutheüte: des lebenden honeges seine steht statt des lebenden
okumawä. m. 5
66 FRANZ PFEIFrER
hanecseimes. Anailoge Fälle stehen mir zwar im Augenblicke keine za Ge-
bote, ich zweifle aber nicht, daß sie sich in späterer Zeit, wo das Gefahl für
Reinheit und Correctheit der Sprache und Form mehr und mehr zu schwin-
den begann, irgendwo werden nachweisen lassen.
Mundartlich, nicht der höfischen Sprache gemä» ist har für her: ir
hemden himel, neigt iueh har: war: enbar 12, 1. In schweizerischen und
elsässischen Urkunden und Hss. kann man dieser Form auf jedem Blatte be-^
gegnen« Gereimt finde ich sie nur : sine mohte hin noch har (: war) Rem-
hart 1171. lanffe har Q.gevar) Ulrich von Winter stetten (MSH, 1, 136*).
werg^ dd har i:dar) Burggraf von Luenz (ebd. 1, 211). bizhar: ewar Ru-
dolf von Rottenburg (eb. 1, 86). er kSrt ez hin^ er hM ez har (: war) Bo-
ner 38, 15. daz ich zuo dir bin kamen har Q.war) Liedersaal 1, 177. sage
waz hat dich har (:dar) ge/üert in dise auwe ebd. 1, 678. vgl. Gramm. 1",
130. 3, 179, wo noch auf die mir gerade nicht zugänglichen Fragmente 36%
37* (in Müllers Sammlung Bd. 3) verwiesen ist. Im Reime kommt har so
wenig bei Gottfried als bei Rudolf von Ems und den übrigen altern höfischen
Dichtern vor.
Hiezu stelle ich das 92, 3 im Reime erscheinende bön (: ISn: dSn), das
für bäum steht , und bis jetzt nur noch einmal durch den Reim belegt ist in
dem zu Ende der Weingartner Liederhandschrift (S. 333) hinter der Minne-
lehre von Heinzelein folgenden kleinen Gedichte: so wissent da>z ich min
craft wider gewinne als der bon (: Ion). bSn = boum ist eine, zwar auch an-
dern Dialecten , z.B. dem niederrheinischen (sieh Wemher 37, 4 bSngart)
nicht völlig fremde , doch vorzugsweise ostschweizerische und ob^rschwäbi-
sehe , noch heute in diesen Gegenden gebräuchliche Form. Im habsburgi-
schen Urbar lesen die Hss. durchweg bongarte für boumgarte (s. die Les-
arten S. 113, 25. 124,29. 160,28. 222,33. 293, 9), und in Oberschwaben
lautet des Wort noch jetzt bongert. Ebenso begegnet in der unzweifelhaft
in der Ostschweiz geschriebenen Pariser Hs. neben boun (z.B. bown-gartegin
MS. 1, 7\ boun 109') zuweilen auch b6n (MF. zu 111, 12). Diesem Über-
gang des ou in 6 (worüber Gramm. 1', 193 zu vergleichen) entspricht im
nämlichen Worte in der österreichisch-baierischen Mundart d = aie : der Teich-
ner reimt pdm: kam, im Plural kam: pcBm, kcemen: pasmen (s. Earajan
S. 17, vgl. Schmellers Gramm. S. 43). Übrigens ist in der Mundart der öst-
lichen Schweizerkantone so wenig als in der österreichischen (auch der
Teichner reimt Idft: sldft, sa>ch: dch, offen: raffen) d = ou oder d^=au auf
dieses einzelne Wort beschränkt ; wie noch jetzt ög, gUbe^ hopt (auch dieses
findet sich im niederrheinischen: gelobet: höbet: tobet Heinrich von Yeldeke
MF. 63, 29 ff.), köf, 16b, lof, sömn, s.w. (vgl. Stalders Dialect. S.36), so
wurde schon im 13. Jahrhund, in den Bodenseegege^den regelmäßig urU}b:
höbet y 16/ u, s. w. nicht nur geschrieben, sondern gewiss auch gesprochen.
Die Hss. des habsb. Urbarbuches lesen rdchhaber 235, 20. 23. r6/et 141, 3.
ÜBER GOTTFBIM) VOWf STRASSBUBG. 67
lip$€h^ 130, 18. s6m, söme 238, 16. 229, 7. 235, 32, und weitere Bei-
spiele kann die nächste beste ürkandensammlung die Fülle liefern. Obwohl
ich nun nicht behaupten will, dieses 6 für ou sei der elsässischen Mundart
gänzlich fremd, so ist doch soviel sicher, daß es sich hier bei weitem nicht so
häufig findet Man wird daher nicht weit neben das Ziel schießen, wenn man
die Heimat eines Dichters , der neben har (= her) bäum mit Idn im Reime
bindet, in der Nähe des Bodensees sucht, der ihm nicht unbekannt ist und zu
einem hübschen Bilde dient, indem er sagt: wan nUner Sünden der ut mt
dem wäge$ in dem Boden»i 7, 5. 6.
Ich verzeichne noch einige eigenthümliche Reime, die ebenfalls auf diese
Gegend deuten, ich bin der wrnier eine Okieine) 6, 10. Hier steht eine
vielleicht statt einer^ wahrscheinlicher jedoch statt ein (vgl. sS bin ich dach
der werden ein Walther 66, 37. atner junkherren ein Barlaam 377, 34),
und dann haben wir hier dieselbe Erscheinung, auf die schon Holtzmann in
Betreff der Laßberg. Nibelungen Hs. (Nibel.-Lied S. IX) aufmerksam ge-
macht hat, die Neigung nämlich , gewissen Wertem auslautend ein unorga-
nisches ^ anzuhängen , z.B.knehtey Menge ^ der hofe, ein biecho/e \x.s.vr.
Aach in andern Hss. aus diesen Gegenden beoierkt man diese Eigenheit.
Im Reim braucht eine in dieser Form sonst nur noch Eonrad Flec, ein Dich-
ter also, der vermuthlich ebendort zu Hause war, in Flore 3368 er waa der
rtchsten eine (: kleine), 6786 daz er waa der besten eine (isteine).
Ebenso verhält es sich wohl mit dem schwachen adverbialen Genitiv
V\uT, der toffen (vgl. Gramm. 3, 135): daz ich der tagen 0 klagen: sagen)
s6 lützel hete der mitme 6,3, wovon sich zwar vereinzelte Beispiele auch
bei andern Dichtern (vgl. Gramm. 4, 585. 509. Hahn 1, 93), doch nirgend
so häufig treffen, als in Handschriften, die aus der Ostschweiz stammen
(vgl. die von Lachmann zu den Nibelungen 461 , 2. aus den Hss. ABC ge-
sammelten Belege).
Indem ich unerlaubte rührende Reime (ßtn: dtn 12, 9. gewan: gewan
31, 2. ansehen: ansehen 84, 9. 13), Wörtformen wie anUiit 88, 9 (vom Her-
ansgeber unnöthig in anUiUz verändert und verkürzt, denn wer bön: I6n
reimt, dem darf man auch die altschweizerische Wortbildung anÜiU, anUit
zutrauen) und anderes der Art übergehe, will ich zum Schlüsse nur noch
etwas, scheinbar Unwichtiges, in Wirklichkeit aber sehr Bezeichnendes her-
vorheben, ich meine das Wort urünne, das bekanntlich von einigen Dichtern
mit, von den andern ohne Umlaut gebraucht wird. Im Lobgesang erscheint
es sehr oft, stets mit Mnn^ (15, 10. 17, 4. 40, 10. 58, 10. 79, 10. 90, 4),
nie mit brunne oder «unn^ gebunden, die nur unter sich gereimt werden:
13, 10. 38, 10. 60, 10. 62, 10. Daraus erhellt, daß der Verfasser des Lob-
gesangs wünne mit dem Umlaut sprach. Umgekehrt reimt Gottfried im
Tristan umtme nur mit sunne 8, 16. 9, 33. 42, 15. 277, 11. 316, 11. 421,
3. 431, 11. 441, 29. und brtmne 436, 19, nie mit hünnef das wenn ich
5»
$8 FfiANZ PFEIFFER
richtig beobachtet nur einmal mit ^^m^ gereimt wird, und beweist dadarch,
daß er das Wort nar in der alten unumgelantenden Form kannte und
brauchte. So geringfügig dies vielleicht Manchem scheinen wird , so liegt
doch auch darin ein so strenger Beweis, als irgend einer der vorausgehen-
den, der Beweis nämlich, daß Gottfried nicht der Verfasser des Lobgesangs
sein kann.
So viel über den Reim. Der Yersbaa ist um nichts sorgfaltiger und
entspricht der Incorrectheit und Verwilderung, die wir in jenem gefunden
haben, während die Verse im Tristan mit einer Kunst» einer Zierlichkeit und
einem feinen Gehör fiir Wohllaut gebaut sind, wie in keinem andern epischen
Gedichte des Mittelalters. Lachmann freilich hatte sich darüber eine andere
Ansicht gebildet, indem er behauptete, Gottfried „habe bei den genauesten
Reimen und bei scheinbar regelmäßigem Silbenfali gröblich gegen die in-
nere Reinheit der Verse gesündigt" (zu den Nibelungen S. 4). Wenn man
aber sieht und weiß , daß sich die sämmtlichen Ausstellungen , die er gegen
Gottfrieds Verse aufzubringen im Stande war, auf ein paar Punkte beschrän-
ken, auf Versschlüsse z. B. wie was er^ mac des iht^ waz red ich, leb ich,
lag er, nu sag Ofa, daz tet &r, den hat ich (s, zu Iwein 4098), oder minnet er,
erwachst er, und Betonungen wie verirreter Tristan 481 , 10. der verirreU
Marke 383, 33. der verwdzene w^ 210, 5 (vgl Iwein S. 532 zu den Nib. 305,
1. 1193, I. zur Klage S.318), auf einige Fälle also, die mit dreien seiner
metrischen Regeln nicht im Einklang stehen , so wird man fragen dürfen, ob
jener herbe Tadel irgend damit begründet ist, und ob wir uns in Benrthei-
Inng der gottfriedischen, und überhaupt der mhd. Verskunst für alle Zukunft
nach jenem Machtspruche zu richten haben.
Ich meine nämlich, wenn es sich um Reim und Versbau, wenn es sich
um das Abstrahieren metrischer Regeln handelt, so könne Gottfried mit
Recht verlangen , in erster Reihe und vor allen Andern darum befragt zu
werden. Angenommen auch, Gottfried habe sich Neuerungen, Abweichun-
gen vom Herkömmlichen erlaubt, so war es zu allen Zeiten und bei allen
Völkern in diesen Dingen ein Vorrecht ausgezeichneter Geister, nicht bloß
Gesetze zu empfangen , sondern selbst Gesetze zu geben , und dadurch auf
Mit- und Nachwelt maßgebend und bestimmend einzuwirken. Bekanntlich
war es Gottfried, der den vollkommen reinen Reim einführte, und „ihm
schlössen sich die kunstreichsten unter den übrigen Dichtern an "* (W.Grimm,
Gescih. des Reims S. 184). Einem Manne, der ein so feines Gefühl für den
Gleichklang an den Tag legte, wird man im Voraus zutrauen, daß er auch in-
nerhalb des Verses Alles vermieden haben werde, was ein gebildetes Ohr in
, damaliger Zeit hätte verletzen können. Das ist auch, wie schon bemerkt, in
hohem Maße der Fall.
Nun stellt aber Lachmann die Regel auf: „im Auslaut der letzten Sen-
Itung oder vorletzten Hebung vor vocalisch anlautender letzter Hebung dürfen
ÜBER GOTTFRIED VON STRASSBURG. ^9
naph betontem kurzem Vokal nur Liqnidäe , dann chy seh, z und alle Conso*
nantenverbindungen, nicht aber eine Media h^g\d, eine Tennis p» h^ % (die
Präposition mit allein mache Jbiier eine Ausnahme, also mit im,, mit ort sei
zulässig), einfache Aspirata/, A," auch 8 nicht Falsch seien daher, obwohl
im Tristan vorkommend, Versschlüsse wie die oben angeführten; erlaubt da-
gegen dar vor ich, v6n der drt, üf den 4it, tdt sich in, daz hdmasch an,
Jcdmpf an, gienc dh rdht dhe, den h^c dbe, wdz daz ist u. s. w. Der eigent-
liche Grund, warum dem einen Gonsonanten erlaubt sein soll, was dem an-
dern verboten ist, wird wie gewöhnlich verschwiegen, wohl aus dem eia-
fachen Grunde, weil es gar keinen stichhaltigen Grund dafür gibt. Lach-
mann hat beobachtet, daß bei einigen Dichtern, bei Hartmann, Wolfram,
Ulrich von Zatzighofen, und ein paar andern, auch in der Nibelungen Hs. A,
Versschlüsse wie die getadelten gar nicht oder nur selten vorkommen ; da-
mit war die Regel fertig. Nun steht aber jenen eine ganze Reihe anderer,
darunter gerade die kunstreichsten Dichter gegenüber, die so frei waren sich
an die Regel nicht zu kehren: außer Gottfried, der freilich am öftesten sich
dagegen versündigt und desshalb fiir alle andern büßen muß, Walther von
der Vogelweide (ßäz wa^^ch 40, 30), Reinmar der Alte vrö wa^ ich MSH«
1, 189^ sich des dn 192\ ddz tetich 196*. d^s bai ich 199*), Bligger von
Steinach (nti sag an: Umhang 29, s. meine Untersuchungen S. 19), Wirnt
irok an Wigalois 41 , 2), Neithart Xjddnne oft ^ 36, 4. ich was ie 37, 2),
der Stricker (s. die von Bartsch Karl. S.LXXVII verzeichneten Fälle, wd
im Versschlufl auch/, s, t steht), Flec (fach des dbe Flore 4069. sich des 4
6171. sehend, daz vingerUn was ir 7028. ddz lob ich 1014, so ist zu lesen,
nicht da^ lobe ich), Rudolf von Ems (öfter), Ulrich von Winterstetten (s6
stvig ich MSH. 1, 171 *), Rubm Qd^s Mt ich ebd. 1, 3150> Konrad von Würz-
burg und andere mehr. Ja selbst Hartmann hat einmal (der dewederen mag
ilcÄ Iwein 4098), ebenso Türheim (diu lac öbe Wilh. 1830, dieser sogar noch
öfter (tind was ie, dSr was ie, Mdhmet ist), die Regel verletzt (Lachmann
sucht sie freilich durch die sinnreiche Schreibung macch ich : zu 4098 zu
retten) , und dadurch schrumpfen die Hauptstützen dieser Regel auf einige
wenige zusammen. Unter diesen Umständen wird es keines weitem Be^
weises bedürfen, daß diese angebliche Regel, die überall gläubig wiederholt
wirä und mit deren Hülfe man Walther (zu 44, 34), Wolfram (S.XH) und
Reinmar dem Alten (zu Iwein S.476, MF. S. 310) Lieder, die solche Vers-
schlüsse zeigen, als unecht und unterschoben abgesprochen hat, daß .diese
Regel sag' ich, weil ihr jede Begründung fehlt, gar keine Regel ist, sondern
höchstens den Werth einer Beobachtung hat.
Die zweite Regel, gegen die sich Gottfried versündigt haben soll,
schreibt vor, daß bei Wörtern, „die der vocalisch anlautenden letzten Hebung
vorangehen und nicht vollständig, sondern- abgekürzt sind, die Kürzung nur
nach einer langen Silbe oder Liquida eintreten dürfe^. Hiezu.will ich hWf
70 FRANZ PFEIFFER
80 viel bemerken, da6 auch hier keine Regel vorliegt, die irgend eine allge-
meine Gültigkeit hat. Es ist bekannt, dafi einzehie Dichter die überschla-
genden Beime eben so lieben und suchen*, als andere sie meiden. Letztere,
die besonders daraus zu erkennen sind, daß sie sich keiner dreisilbigen Par-
ticipia Praesentis im Beime bedienen, pflegen nicht nur die kurz-*, sondern auch
die langsilbigen Yerba der zweiten schwachen Gonjugation zu kürzen, indem
sie dankte^ lacJUe, fluochte^ nUnn!te,u^He,l6nte, zeigte, vrdffte,betrdfftexi,B.vf,
schreiben, mit Syncopierung des Ableitungsvocals , so Hartmann, Wolfram,
der Stricker und Andere. Diese , die Hauptpfeiler jener Begel , haben sich
solcher Yersschlüsse, wie mbwiet er, erlachet er, allerdings, und zwar aas
Scheu vor dem überschlagenden Beim, enthalten, während Gottfried, Ru-
dolf von Ems und diejenigen, die mit diesen die Neigung zum überschlagen-
den Beime theilen , sie sich ohne Bedenken gestattet haben. Es ist aach
gar nicht einzusehen, warum ein Dichter, der im Beime die vollen Formen
Idchete: machete, sitmeteni mirmeten, vrägeieni i^^d^^^en u. s. w. braucht,
nicht auch airmeter, minneter, erwacheter, erlacheter für metrisch und gram-
matisch zulässig halten sollte: zwischen beiden besteht lediglich kein Unter-
schied.
Ich komme zur dritten und schwersten Versündigung, deren sich Gott-
fried gegen Lachmanns Metrik schuldig gemacht hat. Die Begel langet:
„auf eine kurzsilbige Hebung mit unbetontem e muß ebenfalls eine Sen-
kung mit unbetontem e folgen. In diesem Falle aber darf das unbetonte e
der Senkung nicht Auslaut eines Wortes sein, auch keinen andern Conso-
nanten nach sich haben als n". Danach ist also des andren tägea, ivurn
dnd^en vdnt, gdr verzwMUn Ute, dehHnen UehSren tdo richtig und gut;
der dnd&e vdnt, ünde in kürz^em zil, oder auch ilmde in hirz^me zil ganz
falsch. „Der Grund dieser Begel"i fügt Lachmann hinzu, „sei unbekannt,
sie finde sich aber bei allen guten Dichtern, bei Wolfram, Hartmann, in den
Nibelungen, bei den Verfassern der Klage und des Biterolf , bei Zatzighofen
(beiläufig ; seit wann werden die drei letzten zu den 'guten Dichtem' gerech-
net?) beobachtet." Nur Gottfried, der demnach zu den schlechten Dichtern
gehört, „hatte kein Ohr für die feinern Begeln des Versbaus", denn er
schreibt der verirr Ae Mdrke39ib, 33. dA* verwdzSne nit 210, 15. verirrikf
2VÄ^n481, 10 und, setze ich noch bei, ^niw^fe ^o^(^436, 25. müif
v%ng4re zwein 275, 30. Zum Glücke steht er aber darin doch nicht ganz
allein: „die altem Dichtern haben alle diesen Fehler gemacht, am häufigsten
Heinrich von Veldeke, und auch Konrad begeht diese Nachlässigkeit**,
ebenso der Stricker (vergl. kleine Gedichte ed. Hahn S. XV). Selbst mit
Ulrich von Zatzighofen ist es nicht ganz richtig (daz Verworrdne tan lesen
Lan«. 6062 beide Hss., wie 6789 für daz Verworrene tan, wofür der Heraus-
geber auf Lachmanns Antrieb dd zem Verworrenen tan und für daz Verwor-
rentansetzi)i und auch der Verfasser der Klage scheint zu schwanken: 1355
ÜBER GOTTFBIED VON STBASSBUBO. 71
haben alle Hss. bis auf A, die zergangen liest, zergdngine luünne. Da aber
„dies wider die za Iwein 6675 aufgestellte Regel verstößt, so fällt es (wie
natürlich) schwer, dem Dichter der Klage diesen Fehler zuzutrauen^' (Lach-
mann zur Klage S. 318); es liege daher am nächsten, zu bessern zergangen
ir vrüzme. Noch mehr: in Hartmanns Iwein 6575, an der eben angeführten
Stelle lesen die Haupthandschriften übereinstimmend ime 8^b4me saget; „da
aber der nach der Anmerkung S. 340 (d. h. nach obiger Regel) mangelhafte Vers
nothwendig zu verlängern war", so hat Lachmann „die einfachste £rgän->
zang gewählt" und nun lautet im Texte der Vers : iemer ime selben sagt;
ievner ist von Lachmann hinzugefügt, natürlich ohne Handschrift.
Das beste konunt noch. Zur Klage S. 318 sagt Lachmann: „im Par-
zival 300, 18 war vmd uf geM>Aer pin leicht zu verbessern, so daß Wolf-
rams beide Werke nun auch die Regel bestätigen." Jetzt heiftt es in Lach-
manns Ausgabe :
ungezalMu sippe in gar
achiet von den mtzen sine,
wfide 'df gerbete pine
von vater und von nmoter art.
Diese vorgebliche leichte Verbesserung ist nun aber nicht mehr und
nicht weniger als ein grammatischer Fehler. Entweder muß es heißen
von den tvitzen sitnen oder aber, da das dem Substantivum nachgesetzte Pro«
nomen Possessi vum gewöhnlich unflectiert bleibt, von den mtzen sin: so ver-
langt es die Grammatik und so, nämlich sin: üf geerdeter pin, lesen ohne
Ausnahme aHe Handschriften des Parzival. Diese Änderung erinnert an
jenen Ynerkwürdigen Ausspruch Lachmanns in Betreff der Nibelungenzeile
851, 1, wo A liegt: d6 sprach der starke Sifrit mit h^lichen site: „här-
Uchen (statt hMtchem) sei eigentlich ungrammatisch, aber (nach der Regel
nämlich , wonach der adjectivische Dativ auf m in der letzten Senkung nicht
gebraucht werden dürfe) metrisch richtig." Ich für meinen Theil bin der
Ansicht, eine metrische Regel, die mit der Grammatik im Widerspruch steht«
tauge gar nichts.
Gewiss ist es in hohem Grade lehrreich, zu sehen, auf welchen Grund-
lagen ein großer Theil der lachmannischen Metrik aufgebaut ist , und wie
sich die Überlieferung sowohl als die Grammatik biegen und fügen müßen,
nur um eine willkührlich ersonnene Regel aufrecht zu halten. In der That,
man weiß nicht, worüber man mehr erstaunen muß: über die Willkühr und
Gewaltthätigkeit, womit Lachmann seine metrischen Gesetze aufstellte und
durchführte, oder über die Leichtgläubigkeit, womit dieselben, ohne alle Prü-
ftmg, hingenommen und als unumstößliche Wahrheit bis zur Stunde verkün-
det werden.
Nach obiger Darstellung wird es wohl kaum noch der Versichei?ung
bedürfen, daß alle drei Regeln, deren Verletzung Gottfried zum Vorwurf
72 FRANZ PFEIFFER
gemacht wird , jeder thatsächlichen Begründung entbehren. Nur der Voll-
gtändigkeit wegen will ich der zuletzt besprochenen noch beifugeu, daß Verse
wie bt AnhfiO brürmAi, mittMmofingdre rüz, thes k^Sres zins^a^tkerm&a
bieudrffAa tkäz^ Verse also, die jenen von Lacbmann als falsch erklärten
genau entsprechen, schon im Althochdeutschen häufig vorkommen, woraus
dann nothwendig folgt , daß die so bitter getadelten Verse^ Gottfrieds , weit
entfernt, verwerfliche , von ungebildetem Gehör zeugende Neuerung zu sein,
vielmehr auf altherkömmlichen, durch jahrhundertlange Uebufig geheiligten
metrischen Gesetzen beruhen. Gottfried und seine ihn bewundernden Zeit-
genossen haben sich gewiss nicht träumen lassen, daß man ihn um desswilien
einst einen Stümper in der Verskunst heißen würde.
Ein großer nicht wegzuläugnender Vorzug in den Versen des Tristan
besteht in der grammatischen Correctheit, worin Gottfried alle epischen
Dichter des 13. Jahrh. weit übertrifft. Grammatisch correct nenne ich Verse,
in denen die Worte mit ihren vollen Formen, wie die Grammatik sie verlangt,
und unverkürzt gelesen werden können. Das Gegentheil sind Verse, bei
denen der Leser ganze Silben und Flexionen zu verschlucken genöthigt ist.
Meister in dieser letztem Art von Versen ist Wolfram, dessen Verse dämm
als die Blüthe der höfischen metrischen Kunst bezeichnet zu werden pflegen.
Verse wie folgende: sS müeze mir allez daz zergdn 114, 7. nämendaz
kleine weiseUn 47, 24. den wart ouch da gekoufei dwreh in 57, 13. Ue
imte strichen die kiele hin 293, 1 L ouch wären diu lieht wnd ir achin 380,
22. mit diseme zwtvel enweste er war 383, 15, sind überaus selten im Tri-
stan, sie sind so selten, daß überall bei ihrem Vorkommen die Frage ent-
steht, ob nicht Verderbnisse vorliegen. So dürfte 114, 7 al da^, 293, 11.
kie mite die kiele strichen hin, 57, 13 mit M da wojrt gekaufet ouch durch
in zu lesen sein. In der That ist in Gottfrieds Versen der Silbenfall nicht
bloß scheinbar, wie Lachmann behauptet, sondern wirklich so regelmäßig
tind correct, wie bei keinem andern Dichter, seinen Nachahmer Koarad etwa
ausgenommen.
Auch hierin bildet der Lobgesang das gerade Gegentheil zum Tristan.
Es versteht sich, daß ein Dichter, der im Reime die Unterdrückung des aus-
lautenden unbetonten e nicht scheut, im Innern des Verses gegen solche
Kürzungen noch weniger bedenklich ist. Wir finden daher nicht nur geboßr
du 1 718. wer möht din 63, 2. enw(Br dtn 72, 6, sondern diu sil die 74, 6.
Husch 28, 5 ff. sechsmal in ^iner Strophe, Am^38, 1. 5. 9. 39, 1 ff. 40,
1 ff. sechsmal, 64, 2. 86, 2. Itht 48, 7. Ferner Syncope in si^ribn diu leide
1, 8. in dem herzn daz höchste guot 2,11 (wo die Änderung herze dez,
obwohl diese Kürzung des Dat. Sing, sich zuweilen findet, unnöthig ist).
neigt iuch har 12,1. Wt dine 78, 6. 7. 12. gewizzmu 94, 5. 68, 3 steht
überbreit statt Überbreitet, eine Kürzung, die sich Hartmann noch im Erec,
in seinen spätem Arbeiten nie mehr erlaubt hat. Merkwürdiger als alles
ÜBER GOTTFRIED VON STRASSBÜRG. 73
das sind aber die im Übermaß gebrauoliten dreisilbigen l*articipia Praesentis
mit langer Antepenaltima,. die aber nicht drei-, sondern immer nur zweisilbig
gelesen werden müssen: ivibrmndiu minne 15, 2. du hrirmder stem, du
brinnder man 23, 6. du wahsdez liep 32, 1. in walhder sünde umnuoze
36, 8. hrirmder dunst 57, 5. din süeziu brirmdiu minneghwt b%y 12. du
brirmdinrnrnme 64, 2. den minne minnden wandeis frt 74, 12, der hrinn-
den nmmefluz ; der vmmde giuzet ; in brinndiu fmrmdiu herzen; diu mivm^
diu hluQtX&y 1. 2. 4, 7. ach wahsdiu tugerd, ach wahsdez guotÜ, 11. öwrÄ
wahsedez liep 88, 1, ach klingder ba^h 88^ 7. a<?& brinnder man 89, 1. acK
glenzder wnn^ 89, 2. Diese Participia kommen im Tristan ebenfalls häufig,
doch nie zwei-, sondern immer nmr, wie sichs gehört, dreisilbig vor, z. B. dur
ruowe w^nSndenider 66,21. die selbe wdiyndennum67, 29. 70, 9L mit nähe
mA'kAider spehe 164, 32. mit w^in^nden herzen <m 165, 36. rmt vUegSnden
schenkein 173, 6. geltche vUegSnde her 173, 24. Tristan doz ndhtfyide wart
367, 19, wa der vUehSnden schar 22Q 9 10. undschieterw^nMdedan 442,23.
swiewirz verswig^nde sin 447, 7.. da^ Mut der minn^hdenhol 417, 27. Ist
die Antepennltina kurz, so versteht es sich, daß das Wort zweisilbig gelesen
wird : in disen tobenden ünden 63, 5. und klagende spra^cher wider sich 60,
39 u. s. w. Von jenen barbarischen Eürzangen (oder klingt wahsder, kling--
der, glenzder, wo die Schreibung allerdings vom Herausgeber herrührt, nicht
bai^barisch ?) gewährt der Tristan auch nicht ein einziges Beispiel.
Eine, wenn auch nicht geradezu seltene, doch jedenfalls ungenaue und
nachlässige Betonung zeigt sich mehreremal im Lobgesang in zweisilbigen,
mit den Partikeln un- und in^ zusammengesetzten Wörtern auf der letzten
Hebung und Senkung: und alle imz&ht 15, 7. die mht verderbet kein im-'
gunst 35, 6. so enüiuhtet ime der süeze ingdnc 10, 11. Hier wird un- und
m- in die Senkung gesetzt, was gegen die Hauptregel der altdeutschen Be-
tonung verstößt und eine Verwilderung verräth , deren sich kein sorgfaltiger
und gebildeter Dicliter schuldig gemacht hätte. Gottfried betont solche Sub-
stantiva im Tristan stets regelrecht, indem er sie als zwei Hebungen mit
fehlender Senkung braucht, ^us lac si in der tinmdht 34, 24. an zwtvel unde
am untrSst 176, 39. ünmuot 383, 13. inziht 384, 14. 387, 12. 388, 9.
vgl. femer tirsprunc 285, 6. 297, 40. 451, 30 u. s. w. Etwas anderes ist es
mit dreisilbigen Wörtern, deren erster Silbe schon seit Otfried häufig def
Ton entzogen wird (vgl. Lachmann über ahd. Betonung S. 18 ff.), und die
auch bei Gottfried meist in die Senkung fallt, z. B. imwdrhSt 390, 26. in-
grilAie 426, 21. immüoze 430, 29.
Hier will ich noch die Betrachtung einiger ungewöhnlicher Wortbildun-
gen .anfügen, sus gtstu blilender bluomen ber dn aJle wer dtm liebsten in-
gesmde 61, 12. ber scheint ein Feminiiium zu sein und Wachsthum, Trieb zu
bedeuten. Das Wort kann in diesem Sinne nirgends sonst nachgewiesen werden^
vgl.mhd.'W. B. 1, 144. — dazoMer liebste spUwil ich/iir eUiu spilfl&rieren
^4 FBANZ PFEIFFEB
81 , 4. ßMtren heiSt sonst (vgl. mhd. W. B. 3, 354) schmücken, zieren,
hier (durch Blnmen der Rede?) rühmen, preisen. Gottfried, so geneigter
auch der Anwendung französischer Ausdrücke ist, -braucht das Wort weder
in dem einen, noch im andern Sinne. — inbrünstiu hersien hiUe 15, 4. tn-
bfünste steht hier für inbrünstic, eine offenbar fehlerhafte WortbilduDg, denn
man kann inbrümte so wenig sagen, als etwa tmffünste, imkünste für irngh-
sHo, unkümtic, oder kSnfte für kUnftic; das mhd. W.B. 1, 253 hat nur
diesen einen Beleg. — Noch wunderlicher ist der Ausdruck jm^^^i <wli
fugendiu juffefd, dchjugenier mt«o<87, 9. jugende scheint Participium Pr»s.
zu sein und setzt dann ein Verbum jugen (jung werden oder veqüngen?)
votaus, aber ein solches Wort hat es wohl nie gegeben. Wahrscheinlich steht
es indess verkürzt ^xjwfigende, veqüngende, und reiht sich dann den oben an-
geführten barbarischen Verkürzungen an = jtmgnde. Im mhd. W. B. 1,
777 finde ich es nicht verzeichnet und der Herausgeber hat es unerklärt ge-
lassen.
Mehrere andere auffällige und wohl kaum einem höfischen Dichter ge-
läufige Ausdrücke übergehe ich als von minderm Belang, um hier nur noch
einer eigenthümlichen Erscheinung zu gedenken.
Eine ganz besondere Vorliebe hat nämlich der Verfasser des LG. ^
das Participium bemde und er wird nicht müde , dasselbe in seiner einfachen
Form und allen möglichen, grammatisch öfter bedenklichen Zusammensetzun-
gen anzubringen, ir bemdiu /ruht hat hemden regen 3, 9. bemdez 1^ 9»
7. in stner bemden wünne 11, 10. ir bemden Mmel 12, 1. mä bernder
mrde 13, 1, von berndes regena güete 13, 4. üf bemde bluot 13, 7. da»
bemde mbmetranc 14, 9. bernder gndde ein f ruht 15, 6. bemdef^S^
ein edel kHU 21, 5. diner bernder fugende zivt 29, 9. bernder A'en zwi 30,
6. bernder fröude ein anevanc 30^ 9. din bernder sunnen scMn 33, 5. diu
bemde stunde 34, 2. ^enbemde bklete 47, 14. iemer bemdess leben 53, 1-
ein bernder bornn 64, 11. bemdiu minnebluot67, 1. dine bemde güete oli •
bemdiu bluot 73, 13. diner bernder gnaden zwt 81, 12. dtn berndi'^ eüe^J
«6, 14. bemdiu heide 89, 4. der bemden Hgende güete 93, 4. der fro^^
bernder sunne 13, 10. reinebemder muot 14, 1. Uehtebemder taci^i^*
wimnebemdez hergengeU 17, 2. Uehtebemder morgewröt 17, 5. wünneberndefi
fröuden taoh 19, 5. helfebemder kraft ein tum 19,9. ein sceldebemat^
stunde 21, 8. wünnebernden ein 22, 11. frövdenberndiu vrWnne 40,
von herzenbemdem (?) leide 45, 10. fröudebemder rät49, 1. dermnd^^'
bemden lüste 49, 14. in vil atrengebemder n6t 57, 2. wünnebernder scm
69, 6. ufünnebemden sin 59, 11. ein fröudebemder sunne 60, 10. *'*^J^
nebemdem werde 64, 8. din minnebemder nmot 72, 5. dich mnnehe^
nUnnebluot 74, l. von wcmdelbemdem sinne 81, 14. für ^'^^^^ ii^
smerzen 88, 8. vol der wünnebernden wikme 90, 4. ein fröidebernd^
82,2. ach wünnebernder e^efdac 93,3. DemVerfasser des mhd. Wörterbuco
ÜBER GOTTFRIED VOK STRASSBURQ. t6
hftt der LG. allein mehr Beispiele dieses Compositams gewährt, als die übri-
gen von ihm gelesenen mhd. Sprachdenkmäler zusammengenommen. Die
ftinfzigmalige Wiederholung eines und desselben Ausdrucks in einem Ge-
dichte von 1300 Versen geht aber fast über das Maß des Erlaubten hinaus ;
wer möchte einem Meister der Rede wie Gottfried, der das Wort im Tristan,
in 20,000 Versen, nur ein paar Mal (diu sunnebemden veneterltn 430 y 19.
tV imrmehemde luise 4.36, 14), gebraucht, eine solche Armseligkeit und Ge«
schmacklosigkeit zutrauen ?
Noch mehr, wer möchte einem Dichter von Gottfrieds poetischer Be-
gabung ein Gedicht von dieser Form und Anlage überhaupt zutrauen? So
wenig Jemand in Abrede stellen wird, daß der Lobgesang, namentlich zu
Anfang, manch tiefen Gedanken, manch schönes, ergreifendes Bild enthält,
und daß es ihm im Einzelnen auch nicht an einer gewissen Wärme und In-
nigkeit des Gefühls fehlt, ebensowenig kann geläugnet werden, daß das Ge-
dicht, als Ganzes betrachtet, das gerade Gegentheil eines poetischen Kunst-
werks ist. Darüber sind, bis auf Herrn Wattierich, alle Litterarhistoriker,
selbst diejenigen, deren ürtheile sonst, besonders über geistliche Poesie, weit
auseinander zu gehen pflegen, einerlei Meinung. In der That, wie sollte auch
diese Häufung und unvermittelte Aneinanderreihung von Bildern und Gleich-
nissen , wie sollten diese Wortspiele und Tändeleien , die nirgends ungehöri-
ger erscheinen als in einem geistlichen Llede, wie das durchs Ganze gehende
erzwungene Pathos einen andern als erkältenden, ja peinlichen Eindruck her-
vorbringen können ? Mit jeder neuen Strophe nimmt der Verfasser unter ge-
waltigen Anstrengungen einen neuen Anlauf, und dennoch gewahrt man,
trotz aller Unruhe und Bewegung, nirgends einen Fortschritt des Gedan-
kens: der Leser hat fortwährend das Gef&hl eines Träumenden, dereine
Reise antreten soll und ungeachtet alles Drängens und Treibens nicht von
der Stelle kommt.
Jene Bilder, Gleichnisse und Attribute der hl. Jungfrau hat der Ver-
fasser des Lobgesangs allerdings ebensowenig selbst erfunden , als Eonrad
von Würzbarg in der goldenen Schmiede : sie beruhen hier wie dort auf ur-
alter Überlieferung. Wohl aber sind beide für den Gebrauch verantwortlich,
den sie davon gemacht haben. Was bei andern deutschen Dichtem, welche
Lieder zum Preise der Jungfrau Maria gesungen , nur mäßig und eben da-
durch den Eindruck verstärkend gebraucht wurde> das ist hier zu einem Blu-
menstrauß zusammengebunden, der in seiner bunten, betäubenden Überfälle
nicht mehr erfreut, sondern die Sinne verwirrt und keinen reinen Genuß auf-
kommen läset. Einer solchen maßlosen und allem Geschmack widersprechen-
den Häufung zerstreuter Bilder und Gleichnisse wird Niemand einen wahren
Dichter von künstlerischem Bewusstsein und poetischer Schöpferkraft für
fähig halten. Mit Recht hat man dem Lobgesang und der goldenen Schmiede
den herrlichen Leich Walthers von der Vogelweide (nffot^ iiUner trifutäte\i,s.yf.
76 FBANZ PFEIFFER
S, 3 — 8) gegenübergestellt, der durch die wahre Frömmigkeit und feurige
Innigkeit, durch die stäte Frische der Gedanken und Bilder und durch das
schone Maß, das der Dichter zu bewahren weiß , eben so wohlthuend an-
spricht und ergreift, als die Überladung in den beiden Andern verletzt und
zurückstößt. Gewiss würde Gottfried, die Walthern allein von allen eben-
bürtige Dichtematnr, hätte er sein Talent je einem solchen Gegenstande zu-
gewendet, nicht hinter diesem zurückgeblieben sein.
Um den Lobgesang gedichtet zu haben, müßten noch ganz andere, nicht
weniger wunderbare, viel tiefer greifende Veränderungen , als die sind, von
denen Herr Watterich uns berichtet, mit Gottfried vorgegangen sein : er, der
eigentliche Schöpfer des genauen Reims ^ „der in solcher Reinheit und Vol-
lendung nie wiederkehren wird'' (s. W. Grimm, Geschichte des Reims S. 184),
müßte mit dem sündigen Menschen zugleich auch den Dichter ausgezogen,
er müßte die früher so meisterhaft geübte, ihm gewiss nicht bloß angebildete,
sondern angeborne Kunst abgestreift und wie ein getragenes Kleid bis.
auf die Erinnerung von sich geworfen haben , und derselbe Dichter, dessen
Tristan den Glanzpunkt der höfischen Poesie bezeichnet, wäre dann auch der
erste Urheber ihres Verfalles, eines Verfalles, wie er nach unsern bisher ge-
machten Beobachtungen erst fün&ig und mehr Jahre später sich in der Poe-
sie zu zeigen beginnt.
Veränderungen dieser Art wird Niemand bei Gottfried für möglich hal-
ten, selbst Herr Watterich nicht. Denn obwohl er S. 5 den „begeisterten
Freunden und Bewunderern'* des Tristan mit „dem züchtigenden Urtheil der
Creschichte" droht, so weiß er doch den Kunstwerth dieses Gedichtes sehr
wohl zu würdigen und verräth sich an manchen Stellen seiner Schrift als
einen viel größeren Verehrer des Tristan, als er sich selbst zu gestehen
scheint. In. der That gilt seine Begeisterung zum großen Tfaeil weit weniger
dem „Sänger der Gottesminne " als dem „Sänger derFräuenminne", und wir
hegen starke Zweifel, ob er je zu seiner Schrift sich hätte anregen lassen,
ohne die Überzeugung, der Verfasser des Lobgesangs sei eins mit 4em Dich-
ter des vielgeschmähten und doch wieder so hoch gerühmten Tristan.
Daß dieser Annahme nicht weniger als Alles widerstreitet , glaube ich
in überzeugender Weise dargethan zu haben.
Wie aber, wird man mir einwenden , verträgt sich dieses Ergebniss mit
der Angabe der Pariser Handschrift, welche uns den Lobgesang unter Gott-
frieds Namen überliefert, und mit dem Zeugnisse Konrads von Würzburg, der
in der goldnen Schmiede das Gedicht dem Gottfried ausdrücklich zuschreibt?
Was die erstere betrifft, so dürfte es zur Genüge bekannt sein, wie wenig in
Bezug auf die Namen den häufig unsichern und sich gegenseitig widerspre-
chenden Angaben unserer Liederhandschriften zu trauen ist, und mit Recht
hat man sich bisher nie dadurch abhalten lassen, sobald sich gewichtig€t
Gründe. dagegen aufdräqgten, einem Dichter Lieder abzusprechen. Weit'
ÜBER GOTTtHnSD VON STRASSBURG. Y7
wichtiger ist Konrads Zeiignids, and allerdings sclieint nur dieses den Blick
80 mancher Grelehrten getrübt oder doch von einer genauen Untersuchung
abgehalten zu haben, die den Irrthum und die Wahrheit unzweifelhaft längst
hätte an den Tag bringen niöfien. Aber auch angenommen, jene Stelle ent-
hielte wirklich, was man bisher aus ihr herausgelesen hat, so blieben nichts
destoweniger meine Beweise in voller Kraft bestehen und nur so viel liefte
sich daraus folgern, daß man dem Dichter des Tristan schon zu Konrads Zeit
den Lobgesang unterschoben habe. — Nachdem Konrad den Wunsch ausge-
sprochen , der hohen Himmelskönigin in der Schmiede seines Herzens ein
Lied aus Gold und Edelsteinen zu wiirken, gesteht er, nicht diejenige Kunst
und Meisterschaft zu besitzen, um sie nach voller Würdigkeit loben und prei-
sen zu können. Das wäre selbst ^ann unmöglich, wenn seine Bede wie ein
Adler sich in die Höhe zu schwingen vermöchte. Nun sei aber seine Wort-
fügung ungelenk, er sei fremd in dem Frühlingsgarten der Kunst', wo die
(Rede-) Blumen gebrochen werden , wie sie zu einem ihrer würdigen Kranze
gehören; der Glanz erhabener Gedanken lasse ihn ungeblendet, seltene Reime
kommen bei ihm nicht zur Blüthe und eben so wenig klinge in ihm der un-*
unterbrochen leise dahin rauschende Strom klarer Erfindung. Dann fährt
er fort (94—103) :
ich sitze auch rdht üf grüenem kl4
van süezer rede tauwes naz^
da wirdeeUchen vfe eaz
van Strdzburc meister Gotfrit,
der als ein wacher haubetemU
guldin getihte warhte,
der hety dn alle varhUj
dich gerüemet, vrawe, haz
denn ich, vil reine z tugenivaz^
immer künne dich getuan.
Wenn ich nicht irre, so war es Docen (Museum fftr altd. Litteratur 1,
164), der zuerst aus dieser Stelle auf das Vorhandensein von Gedichten
Gottfrieds anf die lil. Jungfrau den Schlaß gezogen hat: der Lobgesang, von
dem bei Bodmer 2, 183. 184 blo0 neun Strophen abgedruckt waren, erschien
nämlich vollständig, d. h. so weit er in der Pariser Hs. enthalten ist, erst in
V. d.Hagens Ausgabe Gottfrieds 2, 102—115. V.d. Hagen pflichtete dieser
Vermnthung Docens bei, indem er die Anspielung auf den Lobgesang bezog,
und seitdem galt die Sache, ohne alle weitere Prüfung, einfach für ausge-
macht. Wir mäßen desshalb die Stelle genauer ansehen, und es wird zu die-
sem Ende nöthig sein, sie zu übersetzen.
Nicht blofi der Mangel glänzender Gedanken und reicher Erfindungs-
gabe ist es, den Konrad beklagt: er entbehre auch der süßen thaufrischen
Y8 FRANZ PFEIFFER
R»de, wie sie Gottfried von Straftbarg in so hohem Hafte besessen babe,
der wie ein rechter Meister der Kunst, als erster der Schmiede, d. h. der
Dichter, ein goldnes, kostbares Gedicht geschaffen; „der würde, ohne
allen Zweifel, dich besser gerfihmt haben, als ich es jemals zu thun im
Stande bin". Dies ist nach meiner Überzeugung der grammatisch einzig zu-
lässige Sinn. Wie ist es möglich, daraus auf geistliche Gedichte zu schliefteo,
die Gottfried verfasst habe? Dann könnte es nicht het, das anbedingt nur der
Coiyunctiv des PraBteritums sein kann, der bei Konrad hete und ha^ lautet,
sondern es müßte lUU heißen. Iiet, Kette lesen aber mit Ausnahme der
Würzburger Hs. alle übrigen Hss. , neun an der Zahl. In jener Würzbur-
ger Hs. (auf die, zu seiner Entschuldigung sei es gesagt, Docen sich damals
berief) hat aber die Stelle folgende Änderung erfahren :
der ie, an alle vorhte,
dich vil reine tagende vaz
hat gerüemet hezzer unde haz
derme ich, vrouMe, milge getuon.
Und 80 etwa müftte die Stelle allerdings lauten, wenn sie den Sinn enthalten
sollte, den man bisher hineingelegt hat Wir haben hier die, vielleicht unbe-
dachte, vielleicht absichtliche Änderung eines Schreibers, der die Stelle ent-
weder missverstanden hat, oder wirklich der Meinung war, Konrad sage hier,
Gottfried habe zum Lobe der Jungfrau Maria bessere Gedichte als er im
Stande sei gemacht. Ein ähnliches Missverständniss obiger , keiner andern
Deutung fähigen Verse ist dann ohne Zweifel Veranlassung gewesen , Gott-
fried schon zu Anfang des 14. Jahrh. den Lobgesang eines Namenlosen
unterzuschieben. Hieraus erhellt auch , wie ungegründet der von W. Grimm
(gold. Schmiede S. XVII) gegen Konrad erhobene Vorwurf war: „in der
Äußerung seines Bedauerns, seinem Gegenstande nicht gewachsen zu sem,
wie in der zur Schau gelegten Bescheidenheit , womit er seinen Vorgänger
über sich stelle, liege nur eine versteckte Eitelkeit : er habe diesen in glän-
zender Rede zu übertreffen gehofft." Soweit wir Konrads Charakter aus
seinen Werken zu beurtheilen vermögen , lag ihm eine solche eitle Selbst-
überhebung ferne, und wenn er seinen Meister und sein Vorbild, dem er
nachzueifern so sichtlich bemüht war , über sich stellt und ihn als gröftern
Dichter anerkennt, so war es ihm damit gewbs vollkommen Ernst. Unter
dem goldenen Gedichte (so konnte er, beim Bilde bleibend, es nennen, wie
er Gottfried einen kunstreichen Hauptschmied nennt, ohne Furcht mißsver-
standen zu werden), kann nur der Tristan gemeint sein, aufweichen gerafle
die beiden Zeilen
ich sitze auch niht üf grüenem kU
von eüezer rede touwes naz
eine unverkennbare Anspielung enthalten. Konrad hatte dabei jene pr&ch-
ÜBER GOTTFRIED TON STEASSBÜRG. '\ "79
tige Stelle im Sinne (Tristan 123, 13 ff,)» worin der Dichter in seiner
Dzinacbahmlichen Weise iim die Gabe der Rede flehend sich zum Eelikon
wendet, zu dem Wohnsitze des AppoUo und der neun MuBen,
von dem die brunnen die^mtr '
<b den die gäbe vliej^ent
der Worte unt der ainne (123, 2*T — ^29),
zu dem obersten Throne,
von dem diu wort entspring^at^
diu durch d<iz 6re klingent
und in da^ herze lachent (124, 19—21).
Sie, die Musen, haben den Quell der Hede und der Gedanken (die Hip-
pokrene) schon manchem Mann in so reicher Fülle zu Theil werden lassen,
daü sie ihm einen Tropfen daraus mit Ehren nicht vemagen können* Nun
angenommen auch^ fügt der Dichter am Schiasse hinzu, das sei geschehen
und ich meiner Bitte um die Gabe der Hede reichlich gewährt : ich sei ira
Stande , meine Worte allen Ohren süß zn machen und alle Herzen damit zu
erquicken ; angenommen, meine Rede schreite so rein und zierlich einher,
— d€LZ d niwan {{fem hU , i
unde nf liehten hluomen ^^ (125, 1 . 2),
äenuoch könne er sich nicht entschließen, seine Gedanken einem Gegenstand
ZD^uwenden, an dessen Preis sich schon so mancher vergeblich bemüht habe.
Der Nachdruck , den Konrad auf die süße Rede legt, die Gottfried in der
That wie keinem zweiten Dichter des Mittelalters eigen war, und die Wie-
derholnng des Bildes vom grünen Klee beweisen es aufs deutlichste , daß
ihm bei seiner preisenden Erwähnung des Meisters gerade diese Stelle aus
dem Tristan vorgeschwebt hat. Von geistlicheD Xiedern zum Lobe der Jung-
frau Maria ist überall gar keine Hede.
Ich werfe noch einen Blick auf das von der Pariser Es, allein und eben-
falls unter Gottfrieds Namen überlieferte Lied von der Armuth, das allem
Angcheiii Hm. Watterich ^ura Ausgangspunkt seiner Hypothese gedient hat.
Es ist bei dem geringen umfang dieses Gedichtes selbstverständlich , daß es
einer Untersuchung in Beziehung auf Reim und Metrik nicht so viel Stoff ge-
währen kann als der Lobgesaug, Indessen reicht das Wenige, was es in
dieser Beziehung darbietet, vollkommen hin, um 2:u zeigen, daß auch hier
nicht an Gottfried zu denken ist. Nachdem ihm einmal der Lobgesang unter-
schoben war, gieng es in einem hin , noch ein zweites Lied geistlichen Inhalts
mit seinem Kamen zu schmückeD. Zuerst Mit das Adjectivum geile b^ 7 auf,
das bei allen höfischen Dichtern, auch hei Gottfried, geil lautet Es scheint
eine mundartliche Form zu sein, die das mhd. Wörterbuch 1, 494 nur noch
tinmal, in eioem Liede des tugendhaften Schreibers (MSH. 1, 149'), nachzu-
T^eisen vermag. Ebenfalls mundartlich und im Mhd, unerhört (das mhd. W. B,
80 . FBANZ PFEirPEB, ÜBER GOITFBIED TON STRASSBUBG.
1, 181 hat diesen einzigen Beleg) ist das zweimal 7, 4 und 1 1, 6 im Reime mit
liiUen : iriuten erscheinende erbixden (goth. hiudwn , ahd. piotan) statt er-
bieten, wie es bei allen andern Dichtem sonst lautet. Auffallend ist ferner
das Adjectivum umwende 13, 6. für unwendec, die bei Gottfried (38, 25 diu
toedec unde unwendec sint 65 , 36. dS ime diu vart unwendec wart) UDd
sonst y auch im ahd. (vgl. Graff 1, 763 unwendic) gebräuchliche Form; es
scheint österreichisch: deist unwende Neidhart 28, 35 (s. Haupt zu 50, 10),
Helbl. 1, 547. Urst. 124, 2. Auf ein paar andere, minder bedeutende Reime
will ich weiter kein Gewicht legen, in der Meinung, die besprochenen werden
zum Beweise meiner obigeu Behauptung genügen.
In Einem Punkte bin ich indess Hrn. Watterichs Ansicht, darin nämlich,
daß ich in Übereinstimmung mit ihm die Verfasser beider Gedichte, des Lob-
gesangs sowohl als des Liedes von der Armuth, für Elostergeistliche halte.
Die langathmige Form der Strophen, die ünkunst im Versbau und Reim, das
Hereinbrechen und Sichbreitmacheu des Dialektischen, endlich der Inhalt
selbst machen Dichter dieses Standes wahrscheinlich. Der Lobgesang zeigt
große (auch Hrn.W.S. 36 und vor ihm schon v. d. Hagen MS. 4, 99 aufge-
fallene) Ähnlichkeit mit einem Gedichte des Dominikanerbruders Eberhard
von Sax (MSH. 1 , 68 ff.) aus dem Rheinthal unweit Feldkirch, das aber viel
reiner gereimt ist und leicht jenem (nicht umgekehrt, wie Hr. W. meint) zum
Vorbild gedient haben könnte. Der LG. wird kaum weit über das letzte
Viertel des 13. Jahrh. zurückreichen. Etwas älter scheint das Lied von der
Armuth zu sein: daß es ein Mitglied des Franciscaner-Ordens zum Verfasser
habe, lässt allerdmgs der Inhalt vermuthen. —
In der vorstehenden kleinen Untersuchung habe ich, auf dem einzig
möglichen, aber auch allein zum sichern Ziele führenden Wege den Beweis
m liefern mich bemüht, daß und warum Gottfried von Straßburg der Ver-
fasser der beiden ihm beigelegten Gedichte nicht sein kann. Ich habe mir zu
diesem Behufe nichts zurecht zu legen oder für meine Zwecke zu drehen und
zu wenden nöthig gehabt, sondern an den Gegenstand der Untersuchung ein-
fach den Maßstab der Prüfung und Vergleichung gelegt. Hoffentlich ist mir
der überzeugende Beweis gelungen; ob auch m den Augen desjenigen, der
mich zur Ausfuhrung der Arbeit veranlasst hat, muß ich dahin gestellt sein
lassen. Leider vertragen sich, zumal in sprachlichen Dingen, überströmende
Begeisterung und nüchterne Forschung nur selten gut mit einander ; diese
strebt und trachtet nach festen Grundlagen, während jene in ihrem hohen
Fluge leicht das Wesen preisgibt, um einem täuschenden Scheine nachzu-
jagen. Unter der Berührung der Kritik ist das blendende Bild, das Herrn
Watterichs rege Phantasie mit lebhaften Farben vor unsern Blicken hinge-
zaubert hat, in Nebel zerronnen, und über dem Leben des großen Dichters
waltat das frühere undurchdringliche Dunkel.
"WIEN, Februar 1858.
iir. ROCHAT, WOLFRAM V. ESCHENBACH DKD CHRESTIEKS DE TB0YE8. gt
WOLFRAM VON ESCIIENBACII UND CIIRESTIENS DE
TROYES.
von
ALFRED ROCHAT. ^
Die folgende ÜEtersucliutig hat den Zweck , neues Lieht 211 werfen auf
emen bedeutenden Pankt der mittelalterlichen Litteraturgeschichte , welcher
zwar vielfech behandelt, bis jetzt aber weder aufgeklärt, noch auch einiger-
' maöen befriedigend erörtert worden ist. Es ist in der That keine unbedeu-
tende Sache zu erfahren, aufweiche Weise ein Werk wie Wolframs Parzival
entstanden ist, welcher Grundlage es seine Existenz verdankt, ob und in wie
fern sein Rnhni durch ein anderes, ähnliches Werk bedingt ist, oder ob sein
Dichter in allen Punkten selbständig und schöpferisch auftrat. Zwar sollte
es scheinen , als sei diese Frage schon lange beantwortet worden , da uos
Wolfram selbst, wie man meint, die Mittel dazu gibt; und so ist man
auch aof Schlüsse gerathen, die, weno sie berechtigt sind, der sogenannten
ersten klassischen Periode der deutschen Poesie wahriich nicht viel Gutefl
übriglassen. Denn, angenommen, daß wir Wolframs Angaben über seine
QaeUe glauben dürfen, so hat er aeioeo Parzival übersetzt und abgeschrieben,
keineswegs verfassL Immerhin käme ihm so noch der Eingang, Gahmurets
Geschichte, zu; allein auch diesen sogar scheint man ihm absprechen zu
wollen, nnd SanMartes geistreiche Bemerkungen darüber (Germ. 2, 386 &J)
berechtigen ihn zu keiner andern Annahme als dieser: nicht nur das Gedicht
selbst, sondern auch die ganze Einleitung ist Kiots Werk, und demnach wäre
der rechte Titel des deutschen Gedichtes: „Parzival ins Mittelhochdeutsche
übersetzt von W. von Eschenbach." — So weit ist man gegangen! — Da-
her scheint es an der Zeit zu sein, eine neue Untersuchung über diesea
Gegenstand zu beginnen. Ein glücklicher Zufall hat mich darauf hingeführt;
ich durfte die Gelegenheit nicht verpassen. Eioe längst bekannte Thatsache
ist es zwar, daö nicht i^ur der Anfang von Chrestiens Contes del Graal» der
vielfach abgedruckt ist , sondern auch der weitere Verlauf dieses Gedichtes,
wie man ihn aus den Capitelöberschriften der Pariser Handschriften bis jetzt
hat kennen gelernt, eine auffallende Übereinstimmung mit Wolframs Parzival
beurkunden; allein man hat sich damit begnügt, diese Thatsache darzuthun,
ohne daran zn denken, daß eine solche Äholicbkeit zwischen zwei Gedichten
verschiedener Verfasser dem bloßen Zufall unmöglich beigeschrieben werden
dürfe. In seineo „Contes populaires des anc. B," hat la Villemarquo einen
bedeateöden Theil aus dem Anfang des C. del G, abdrucken lassen, wor-
aus man ohne viel Phantasie zu dem Schlüsse kommen kann, daß der
82 ALFRED ROCHAT
Anfang des deutschen Gedichtes (ich lasse den ganzen Eingang bei Seite)
beinahe \?örtlich mit dem Anfange des französischen zus^mmensüinpit. Ich
verschaffte mir eine Abschrift letztern Gedichtes, wie es in der Berner Hs.
364 vorliegt; ich wnrde überrascht durch die Ähnlichkeit, welche schon in
den ersten 100 Versen zwischen beiden Bearbeitungen herrscht, nnd anf jedem
folgenden Blatte erkannte ich Wolfram wieder. Inzwischen bekam ich die
dritte Ausgabe von Simrocks „Parcival und Titurel", und seine dort nieder-
gelegte neue Ansicht über die Entstehung des deutschen Gedichtes ermuthigte
mich zu weiterer, genauerer Vergleichung. So ist die Untersuchung entstan-
den, welche ich auf folgenden Blättern mittheile; sie folgt Schritt för Schritt
der deutschen und französischen Erzählung. Den deutseben Text schrieb
ich, als den bekannten, zuerst nieder, um den unbekannten französischen da-
mit zu vergleichen. Ich glaube nichts Erhebliches ausgelassen zu haben;
auf jede Einzelheit einzugehen besaß ich den Muth und die Zeit nicht, und
weiß nicht, wie sich das thun ließe, ohne den zusammenhängenden Über-
blick zu stören, der für mich, vor der Hand, die Hauptsache ist Je^en Satz,
jeden Vers anzügeben, den Wolfram benützt hat, ist eine Arbeit, der sieb
die wenigsten unterziehen möchten, wenn man bedenkt, daß er Chrestiens
nicht bloß abschreibt , sondern überall wählt und sondert , und wter löö
Versen nicht selten der letzte im französischen Teufte ^um ersten im deut-
schen wird, sobald es eben dem Dichter gut dünkt, ihn nicht fahren «u las-
sen. Vorausgreifen darf ich übrigens nicht; dasErgebniss der Untersuchung
kann erst auf diese folgen. Chrestiens tritt in den Vordergrund, Kiot zurück,
er ist ja so schon unbekannt genug. —
WOLFRAM. CHRESTIENS.
V. 118—120, 10. Parcivals Erziehung in der Wüste, seine Jagdliebe,
werden in Chrestiens Bearbeitung nur angedeutet und zwar hie und da im
Laufe der Erzählung, wie z.B. die Lehre über Gott und Teufel, welche die
Mutter ihrem Sohne ertheilt, nicht wie bei Wolfram in den Mund der Mutter
gelegt, sondern erst später angeführt wird, als Parzival gelegentlich der-
selben gedenkt. Hingegen fängt eine genaue Übereinstimmung an Vers
120,10 — 126,29. 65—338.
Begegnung mit den Rittern ; woraus als wörtlich übereinstimmefld in
beiden Bearbeitungen folgende Stellen hervorzuheben sind. Vers 73 bei
Chrestiens: de la gaste foret soltaine entspricht dem früheren Vers bei
Wolfram 118, 1 0er waste in Soltäne; alsdann
120, 15. da hörter schal van huofslegen, 98. tani quil oit parmi lo gaut
sin gabylot begunder wegen: venir 5 chevalieps armes . . . . .
dd sprach er ' waz hän ich vernomn ? li valles ot, et ne voit pas
wan wolt et nu der tiuvel koflui ces qui vienent plus que lo pa« J
mit grimme zomecliche ! si se merveiUe et dit „par m'mel
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND CHRESTIENS DE TROYES.
8a
den bestüende ich sicherlicbe.
min muoter freisen ron im sagt :
ich wame ir eilen si rerzagt.'
alsus stuont er in stiites ger.
120, 24. nu seht, dort kom geschiuftet her
dri ritter nach wünsche yar,
ron faoze üf gewapent gar.
der knappe wände sunder spot,
daz ieslicher w»re ein got.
do stuont ouch er niht langer hie,
in den phat viel er üf siniu knie,
lüte rief der knappe sän
'hilf, got : du mäht wol helfe hän.'
121, 7. ein pris den wir Baier tragen
muoz ich von W&leisen sagen :
die sint toerscher denne Beierscb her,
nnt doch bi manlicher wer.
122, 25. öd rief er Inte sunder spot
'nu hilf mir, hüfencher got'.
vil dicke ril an sin gebet
Fil li Toy Gahmuret.
der fürste sprach ich pin niht got,
ich leiste ab gerne sin gebot.
123,3. der knappe fragte fiirbaz
'du nennest ritter, waz ist daz ?
hastu niht gotlicher kraft,
so sage mir, wer gßi ritterschaft ?'
'daz tuet der künec Artus.
juncfaSrre, komt'ir in des hüs,
der bringet iuch an ritters namn,
daz irs iueh nimmer dürfet schamn .
Yoir me dit ma mere, ma dame,
qui me dit que deiable sont
plus effraee chose do mont
et si dist, por moi engaigner,
que por aus se doit on saigner ;
mais ia voir ne m*en saignerai,
que cest engin desdegnerai,
ains ferrai lo cop lo plus fort
d un des iarelots que ie port,
que il n*aprocheront de moi ....
123. et quant il les vit en apert,
que do bois furent descovert,
si vit les haubers fremiens,
et les hiaumes clers et luisans,
et yit lo vert et lo yermoil
relqire contre le soloil
et l'or et Tazur et Targent ;
si li fil moult tres bei et gent
et dit „biaux sire dex, merci !
ce sont ange que ie yoi ci etc.**
149. maintenant yers terre se lance
et a dit toute sa creance
et oroisons que il sayoit.
236. sire, sachiez bien entresatt,
que Gualois sont tuit par nature
plus fol que bestes en pasture.
168. 'estes yos dex?' „nenit par foi".
'Qui estes yos?' „cheyaliers sui**.
170. 'ains mes cheyalier ne conui,
fiiit li yalles, ne nul n'en yi,
n*onques mes parier n*en oi,
mes yos estes plus hex que dex f . .
275. et eil qui petit fu senes
li dist : 'fustes yos ensi nes f
'nenil, yalles, ce ne puet estre
que cheyaliers puisse ensi nestre .
„qui yos atorna donc ansi ?"
'yalles, ie te dirai bien qui.'
„dites lo donc** ; 'moult yolentiers,
n'a pas eneor einq iors antiera
0»
84
ALFRED ROCHAT
123, 25. alda begreif des knappen hant
swaz er isers ame fursten rant :
dez harnasch begunder schouwen.
124, 11. aber sprach der knappe snel
'ob die hirze trüegen sus ir Tel
so verwunt ir niht min gabylöt.
der Teilet manger Tor mir tot .
125, 17. die büliute Terzagten,
dö die beide für si jagten.
si sprachen * wiest uns sus geschehen?
hat unser juncherre ersehen
üf disen rittern helme schart,
sone han wir uns niht wol bewart.
wir sulen der küniginne haz
Ton schulden hoeren . . .
125, 29 — 129, 5.
Perchevals Auszug, Tod seiner Matter. Bei Chrest. ist die Erzählnng
umständlicher als bei Wolfram, obwohl in den Hanptzügen ganz dieselbe;
der einzige Unterschied ist der, daß die Mutter den Pergheval über das Un-
glück seiner Familie ziemlich lange belehrt, während Wolfram karz sagt:
ein dinfii/rste Turkentäls den t6t von atner Aent^^ (Lähelins) enpMenc. Als
genau übereinstimmend in beiden Erzäl^ungen hebe ich folgendes hervor:
125, 29. er huop sich gein der muot^r 338. et li Talles ne s'est pas fiiinz
que tot oe hamois me dona
li rois Artus qui m*adoba'.
252. et li Talles lo tenoit pris
au pan de haubert, si lo tire,
. et li Talles conmauce a dire :
'quest ce que tos aTes Testu ?
267. 'dans cheTaliers, de tes haubers
guart dex les biches et les cers,
que nul ocire n*en porroie,
ne iamais apres ne corroie f
305. et quant il Tirent lor signor
si tranblerent tuit de paor,
et saTos por coi il lo firent :
por les cheTaliers que il Tirent,
et lor signor aToques Toient,
et bien sorent s'il 11 aToient
lor afaire dit et lor estre
que il Todroit cheTaliers estre
et sa mere istroit do san . . .
338—691.
widr.
126, l.siner werte si s6 sere erschrac,
daz si unTersunnen Tor im lac.
9. muoter, ich sach Tier man
noch liehter danne got getan.
127, 1. diu firowe nam ein sactuoch: .
si sneit im hemde unde bruoch,
daz doch an eime stücke erschein . •
5. ein gugel man obene drüfe Tant.
127, 7. al frisch ruch kelberin
Ton einer hüt zwei ribbalin
nach sinen beinen wart gesnitn.
13. Mune solt niht hinnen keren,
ich wil dich list e ISren.'
de repairier a son jnenoir.
377. la mere se pasme a ce mot
quant cheTalier nomer li ot.
367. 'quil sont plus bei, si con ie cuit,
que dex ne que si ange tuit.'
464. et si li aparoiller Tient
de cheneTaz grosse chemise
et braies faites a la guise
de Gualois, o Ten fait ensanble
braies et chauces, ce me sanble;
et si ot cote et chaperon.
568. a la maniere et a la guise
de Gualois fu apparoillies ;
uns roTelins ot an ses pies.
493. „biauz fils un san tos toH apanre.
WOLFRAH VON ESCHENBACH UND CHRESTIENS DE TROYES.
86
21. 'op dich ein grä wiser man
zaht wil l^rn als er wol kan.
dem soltu gerne rolgen,
und wis im niht erbolgen/
25. 'sun 14 dir bevolhen sin,
sy4 du guotes wibes fingerlin
mügest erwerben und ir gruoz,
daz nim : ez tuet dir kumbers buoz.
du solt zir küsse gaben,
und ir lip yast umbefahen :
128, 1. daz git gelücke unde höhen muot,
op si kiusdie ist unde guot.'
16. frou Herzeloyde in kuste und lief im
nach.
128, 20. d6 Yiel diu firouwe yalsches laz
üf die erde, alda si j4mer sneit
80 daz se ein sterben niht rermett.
129,5 — 138,9.
529. „biaux fils a prodomes parlez
et conpaignie lor tenez ;
prodome ne forconsoille mie
ces qui tienent sa conpaignie.**
512. „de pucele a monlt, qui la baise,
se lo baisier vos en consent;
lo soreplus yos en deffant,
se laissier lo rolez por moi ;
mais s'ele a agnel en son doi
ou ceinture ou aumoniere,
se par amor ou par proiere
la TOS done, moult en est bei
se TOS enportez son anel.**
580. plorant lo baise au departir
la mere qui moult chier Tavoit.
588. si se retome et Yoit chaue
sa mere au chief do pont ariere,
et git pasmee en tel meniere
con s'ele Aist chaoite morte.
592—796.
Die Dame im Zelte und Parzivals erstes Abenteuer. Die Namen : Je-
schnte und Oriins begegnen bei Ghrestiens nicht; Erst später erfahren wir,
daß der Ritter li orgueiUeus hei(t :
129, 5. d6 kert der knabe wol getan
gein dem forest in Prizlian.
U. er beleip die naht swier mohte,
nnz im der liebte tag erschein.
1%, da was anderhalp der plan
mit eime gezelt geheret,
grdz richeit dran gekeret ;
Yon drier varwe samit
ez was hdh unde wit :
üf den nsten lagen borten guot.
da hienc ein liderin huot,
den man drüber ziehen solte
immer swenne ez regenen wolte.
27. duc 0rilu8~de Laiander
des wip dort unde Yander
592. et eil sille de sa reorte
son chaceor par mi la crope,
et eil s*en Ya qui pas ne sope,
ains Ten porte grant aleure
parmi la grant foret oscure.
599. en la foret cele nuit iut,
tant que li clers iors apparut.
604. . . . il Yit un tref tendu
en une praerie bele
lez lo sort d'une fontenele,
li tres fu gens a grant merYeille ;
Tune partie fu Yermoille
et Tautre fu d*or fin doree.
desus ot une aigle doree
en Taigle feroit li solaus
qui moult estoit clers et Yermaus,
et reluisoient tuit li pre
de Tanluminemant dou tre.
631. a mi lo tref un lit coYert
d*une coute de paile i Yoit ;
86
•alfbed rochat
ligende wünnecliche . . .
diu frouwe was entsläfen.
131, 11. diu frouwe lüte klagte:
em ruoclite waz si sagte,
ir munt er an den sinen twano.
da nach was dd niht ze lanc,
er druct an sich die herzogin
und nam ir och ein vingerlin.
an ir hemde ein fürspan er da sach :
ungefuoge erz dannen brach,
diu frouwe was mit wibes wer :
ir was sin kraft ein ganzez her ;
doch wart da ringens yil getan.
131,23. der knappe kiagte*n hunger
sän . . .
132. ern mochte wa diu wirtin saz:
einen guoten kröpf er az,
darnach er swaere trünke trank.
132, 9. iedoch sprach diu herzogin
el lit une dame gisoit
qui estoit iqui endormie.
653. la pucele de paor tranble
por le yallet qui fol li sanble . . .
„yalles, fait-ele, tien ta roie,
fui que mes amis ne te roie**
ains Yos baiserai par mon chief,
fait li valles, cui que seit grief,
que ma mere lo m'enseigna* . . .
li valles avoit les bras fors,
si Tenbraca moult nicement,
quil ne Iq sot faire autrement ;
el iut sor le lit estandue,
et cele s*est bien deffandu e
et gandilla quant qu*ele pot,
mais deffance mestier ni et,
que li yalles tot de tandon
la baisa, vosist ele, o non . . .
tant cun andl en son doi yit
a une esmeraude moult clere.
ansin, fait il, me dist ma mere
qan Yostre doi Tanel preiste,
mais que rien plus ne vos feisse.
Or 9a Tanel, ie 1 voil avoir.'
mon anel n'auras tu ia roir.'
li yalles parle poing la prent,
a force lo doi li estant,
si a Tanel en son doi pris,
et ou sien doi meisme mis.
698. li yalles a son euer ne met
rien nule de ce que il ot,
mais de ce que geune ot
moroit de faim a male fin.
un bocel troye plein de yin
et un enap d*argent selonc,
et yoit sor un trossel de ionc
une toaille blanche nueye ;
il la soulieye et si trueye
trois bons pastes d'un cheyroil free .
un des pastes devant lui froisse,
si maniue par grant talent,
et yerse en la cope d*argent
do yin qui n*estoit mie leiz,
si en boit soyent, et grans trais.
693. et cele plore et dit, „yallet
WOLFBAM VON ESCHENBACH UND CHRESTIENS DE TROYES.
87
'junolidrtlB, ir sult min viDg^fliA
hie la«en ant min fdrspan.
hebt iuoh enwee : wan kumt min man,
ir müezet z^nen liden,
daz ir gerner möhtet miden/
132, 22. der knappe an urloup dannen
reit:
iedoch sprach er 'got hüete din .
26. do er eine wil ron dan gereit,
wol nach gein der mile zil,
dö kom Ton dem ich sprechen wil.
der spürte an dem touwe
daz gesuoehet was sin ürouwe . .
133, 1. der fürste wert unt erkant
an wip dort unde al trüric yant
133, 6. 'öwe frowe,, wie hän ich sus
min dienst gein in gewendet !
mir ist nach laster gendet
manec vHerlicher pris.
ir habt ein ander amis.'
15. iedoch sprach si mdi forhten »iten
Ma kom ein tdr her zno geriten : . . .
mm furspaa nnde ein vingerlin
nam er äse den willen min.'
137, 1. 'iwer zoum muoz sin bästfn seil,
iwer phert bejagt wol hungers teil,
iwer satel wol gezieret
der Wirt enschumphieret.'
136, 29. *ir enphdhetmer dehein gewant,
wan sls ich iuoh sitzen vant.'
138,9^147, 11.
Parzival begegnet bei Wolfram
trauemden Sigime. Chrestiens erwähnt
n'enportez pas mon agnelet,
que ien seroie mal ballie,
et tu en perdroies la yie,
que quil tardast, io te promet !**
727. et pris oongie tot maintenant
et eonmanda a den oeli
cui ses Salus point n*abeli,
'dex Yos saut, fait il, bele amie\
746. puis n'ala gaires demorant
que ses amis do bois rerint ;
do yallet, qui sa yoie tint,
yoit les esclos, si li greya ;
et sa mie plorant troya.
751. ^dame, dame, fait il, ie croi
a ces ensaignes que ie yoi,
que cheyalier a au ci.'
754. nuou a, sire, io yos afi,
mais un yallet Qualois i et
enieus et yilain et sot
qui de yostre yin a beu
tant con li plot et bon li fu . . .
mes agnes est en la querele,
qui Io m*a tolu, si Tenporte."
Das folgende ist bei Chrestiens be-
deotend kürzer.
785. 'ne ia ne mangera d*avaine
yostre cheyaux, ne n'iert ferrez
tant que eil estera tuez . . .
si muert (das Pferd), yos me siurez a
pie.'
788. 'ne jamais ne seront cangie
li drap dont yos estes yestue,
ains me siurez a pie et nue.
Chrestiens lässt nicht den Ritter
Parzeval verfolgen, wie Wolfram.
796—862.
der um den todten Schianatulander
beide nicht, sondern lässt, gleich nach
88
ALFRED ROCHAT
788, Percbeval auf einen Kohlenbrenner treffen, der ihni den Weg weist nach
Arthurs Hof; bei Wolfram ist es ein Fischer, in dessen Hütte Parzival die
Nacht zubringt Von Nantes ist bei Cbrestiens die Bede nicht. Die Begeg-
nung mit dem rpthen Ritter ist in beiden Bearbeitungen ziemlich überein-
stimmend :
145, 7. im kom ein liter widerriteo,
17. sin harnasch was gar so röt,
daz ez den ougen roete bot :
29. al rdt von golde üf siner hant
146. stuont ein köpf yil wol ergrabn.
827. et vit issir par mi la porte
un cheyalier qui, armes, porte
une cope d*or en sa main $
sa lance tenoit et son frain
et son esGU a la senestre,
et la cope d*or an la destre ;
et ses armes bleu li seoient
qui totes yermoilles estoient.
In beiden Bearbeitungen erzählt der rothe Ritter, wie er zu dem Becher
gekommen sei; bei Wolfram umständlicher.
147,11 — 161,9. 862—1259.
Ankunft an Arthurs Hof, Empfang. Cunnewäre und Antenor, Key.
Parzival besteht den ersten Zweikampf mit dem rothen Ritter, der bei Chre-
stens li vermaua Chevaliers de la foret de Guingueron heißt. Völlige Über-
einstimmung zwischen beiden Erzählungen :
147, 16. Twanet dar naher spränc : 877. tant qu Yrones contre lui Tint
der knappe valsohes vrie • qui ün costel en sa'main tint.
derböt im kumpanie. ' Valles , fait il (Percheyal) , tu qui 9a
Der knappe sprach ; gdt halde dich yiens.
bat reden min muoter mich,
e daz ich schiede yon ir hüs.
ich sihe hie mangen Artus :
wer sol mich ritter machen?
Yyänet begunde lachen . . .
er fuort in in zem pälas,
d4 diu werde massenie was.
sus yil kund er in schalle,
er sprach 'got halde iuch alle'.
148, 19. der knappe unbetwungen
wart harte yil gedrungen,
gehurtet her unde dar.
si namen siner yarwe war.
diz was selpschouwet,
geh^rret noch gefrouwet
wart nie minneclicher fruht.
151, 11. da saz frou Cunnewäre,
diu fiere und diu clare.
diu enlachte decheinen wis,
qui td costel en ta main tiens,
mostre moi liques est li rois'.
Yyones, qui moult fu cortois,
li dist, 'amis, yees le la .
et eil tantost yers lui ala,
sei* salue, si con il sot.
936. der et^rient furent si oil
an la teste au yallet salyaige ;
nus ne Tot, ne lo taigne a saige,
mais tuit eil qui lo regardoient
por bei et por gent lo tenoient.
994. et li yalles qui s'an aloit
a une pucele yeue,
bele et gente, si la salue.
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND CHRESTIENS DE TBOTES. 89
sine NBhe in, der den höhsten pris
hete od solt erwerben :
si wolt e 8US ersterben.
aller lachen si yerm^&it,
uoz daz der knappe für si reit ;
do erlachte'ir minnedicher munt.
151, 21. D6 nam Keye schenesohlant
froun Cunewaren de lalant . . .
27. ir rüke wart kein eit gestabt,
doch wart ein stab so dran gehabt,
unz daz sin siusen gar yerswanc,
durch die wat nnt dnrch ir yel ez dranc.
et cele lui, et si li rist
et an rient itant li dist :
Valles se tu Tis par aaige
ie pans et cait en mon ooraige
quen trestot le monde n*aura,
n*il n*i est, ne Ten n*i saura
nul cheyalier meillor de toi,
ensin lo pans, et ouit, et croi'.
et la pucele n'ayoit ris
ans ayoit passes plus de dis.
1008. — et Key saut
cui la parole enuia moult,
si li done un cop si estout
de la paume en la face tendre
que il la fist a terre estendre.
Der vermvigen Antanor Wolframs heifit bei Chrestiens nur un sot^ der
zu sagen pflegte : ceste pucele ne rira^ \ jusgue tani que ele verra \ celm qui
de chevalerie \ antra tote la aetgnarie. Es folgt der Kampf mit dem rothen
Ritter:
154, 27. der riter umbekdrt den schaft,
und stach den knappen s6 mit kraft,
daz er und sin piardelin
nmosen y allende üf die bluomen sin.
155, 4. Porziyal der knappe guot
stnont al zomec üf dem plan.
^ gabyl6t begreif er San.
da der heim unt diu barbier
sich locheten ob dem härsnier,
durchz ooge in sneit dez gabyldt^
unt durch den nao, sd daz er tdt
Tiel, der ralseheit widersatz.
155, 19. Parziral der tumbe
kert in dicke al umbe.
er künde im ab geziehen niht :
daz was 4in wunderlich geschiht ;
helmes snüer, noch siniu schinnelier,
mit sjnen blanken banden fier
1063. la lance a en 2 poings leyee,
et si Ten done grant colee
par les espaules en trayers
par la ou n'estoit pas li fers,
quil lo fist enbronchier a yal
jusque sor lo col do cheyal.
1069. et li yalles s*est correcies
quant il senti que fu blecies
de la colee quil ot prise.
a l'oil, au mielz que puet, Tayise
et laisse aler lo jayelot ;
eil qui n'entent, ne yoit, ne ot (?)
lo fiert tres par mi lo ceryel,
si que li fet ou haterel (nac)
saignier, et la oeryele espant.
de la dolor li cuers li mant,
si yerse, et chiet tos estandus.
1083. mais il ne set yenir a chief
do hiaume qu*il ot sor le chief,
qu'il ne set conmant il lo preigne
et Tespee qu'il li desceigne
maintenant, mes il no set fetire,
ne do desanner a chief traire.
90
ALFRED ROCHAT
kund ers mhi uf gestrkken . . .
27. vil dideerz doch yersnocfate.
156, 29/dd spmch der knappe g^ter:
'swaz mir gap o^ muoter,
des sei yil wenic yon mit kottin'.
158, 17. dö sprach er ze Twanete säü:
'lieber friunt, min kumpan,
ich faän hie' rworben des ich pat.
du solt nun dienst in die stat
dem künege Artuse sagen
und euch min hdhez laster klagen,
bring im widr sin goltraz«
ein ritter sich an mir yergaz,
daz er die juncfirouwen sluoc
durch daz si lachens min gewuoc.
mich aiüent ir JtBmerliehen vort.
Es kann hier bemerkt werden , daß bei Chrestiens die Episode dadurch
endet, daß Artus den Kex bitter über sein Benehmen tfidelt. Es folgt nun:
V.161, 9 — 179, 12. 1269—1661.
Parzivals Aufenthalt bei Garnemans de Gräharz, der von Chrestiens
zuerst li prodome^ dann Gornemans de Groort genannt wird.
161, 23. hin gein dem abent er dersach 1275. sur une röche en un pendant
1108. mais li yalies sa yesteure
ne yost laissier, ne ne preist
per rien que Yyones deisfc ,
une cote bien aaisiee . . .
que desus son hauberc yestoit
li cheyaliers quant yis estoit. etc.
1149. encois que Tvanes s'en aille,
dist li yalies : 'ami prenes
mon chaeeot« si Teiittieiies
et partes ia cope lo rol ;
si lo salues de par moi,
et toJit dites a la ptteeie
que Kej feri sos la maise]«,
%iie se ie yif, tuns que ie muife
li cuit ie mentre moult bien nuire
que poi* yangiee se teniu'.
eins turnes gupfen unt des dach
den tumben dühte sere,
wie der turne wiiehse mere :
der stuont da yil üf eime hüs.
162, 27. »US antwurt im d^ PariSiyal'
üz tumbea witzen suader twal :
mich pat min muoter «eaM^n rat
ze dem der grawe locke hat^
170, 9. der wirt sprach zem gasten sin
^ir redet aler ein kindelin.
wan geswigt ir iwerr muoter gar,
und nemet anderr msere war ?
habt iuch an minen rät :
der scheidet iuch yon missetat*.
171, 17. Sra sult niht yil gefragen: ^
ouch sol ittoh niht betva^iiMi
qui yers mer aloit descendant
ot un castel et bei et fort ;
si con Teye aloit au regort
torna li yalies a senestre
et yit les tors do castel nestre,
ayis li fu quelles nessoient,
1354. 'dire^ ayentuife m'ensaigna
et m^mere» que ie alaase
aus prodones et me cMtoiUaaie'.
1637. or ne dites iamais, biaus frere,
que ce yos aprist yostre mere,
ne quele yos ait enseignie . . .
que se yos plus lo diseiez»
a folie yos tanroib an^
porce» yos pri, gardez yos an.
1610% ^et gavdez que yos ne Sifies
trop pa^ns, ne trop iwtöli«»;
WOLFRAM VON ESCEffiNBACH UND CHRESTIENS DE TROYES. 91
bedähter gegenrede, diu gd nus ne puet estre trop parliers
reht als jenes Tragen st^, que sorent tel chose ne die
der iuch wil mit Worten spehen'. que Tan li torne a vilenie ; \
et li saiges dit et retrait : \
qui trop parole pechie fait'. \
Bei Chrestiens sind die Lehren kürzer gefasst; dieLiäze wird nicht\r-
wähnt, auch fehlt die letzte Rede des Gurnemanz.
179, 13 — 216. 1661—2693.
Aufenthalt Parzivals in BeUrepaire bei Gonduiramurs (Blancheflor bei
Chrestiens). Kampf gegen Kingrun (Agningueron) und Glamide (Clamadex).
182, 13. einen rinc er an der porte yant : 1684. tant a hurte, en el lo pas
den ruorter yaste mit der hant. yint aus fenestres de la saie
sins rüefens nam da nieman war une pucele tainte et pale
wan ein juncfrouwe wol geyar. et dit: qui est qui 9a apele?
üz einem yenster sach diu magt
den helt Lalden unyerzagt.
184, 8. sine beten kaßse, yleiscb noch 1730. ne ni ayoit pain ne gastel,
prdt, ne rien nule qui fust a yendre
si liezen zenstfiren sin, don Ten poist un denier pendre.
und smalzten ouch defa einen win ensin troya lo chastel gaste
mit ir munde, so si trunken. quil ni toya ne pain ne paste,
ne yin, ne cidre, ne ceryoise.
188, 15. sin manlich zuht was im sd ganz, 1819. porce de parier se tenoit,
Sit in der werde Gurnamanz que do chasti li sovenoit
Ton siner tumpheit geschiet que li prodom Ü ayoit fait.
unde im yrägen widerriet,
ez enwflBTe bescheidenliche,
bi der kimeginne riebe
saz sin munt gar äne wort.
189, 13. ^herre, icb yrage iuch maßre, 1844. et dit moult debonairement,
wannen iwer reise wsßre' ? 'sire dont yenistes vos hui ?
So folgt Wolfram getreu seinem Vorbilde und wir vermissen bei Chre-
stiens keinen Zug, der uns bei jenem begegnet. So will auch Parzival den
besiegten Augningerons zur Königin Blancheflur und zum Gurnemanz schicken,
allem Auguinguerons fürchtet von den Leuten der Burg getödtet zu werden,
und er hat Gumemans bruder im Kampfe das Leben genommen; daher
schickt ihn Percheval an Arthurs Hof.
198, 23; 'so fiier yon diesem plane 2256. et eil li dist : „donc iras tu
inz laut ze Bertäne en la prison lo roi Artu
din ritterliche Sicherheit et me salueras lo roi,
einer magt, diu durch mich leit et si li diras de par moi
des si niht liden solde, quil te face mostrer oeli
92 ALFRED BOOHAIV
der fuoge erkennen wolde ; que Key li senechans feri
und sag ir, swaz halt mir geschehe, porce que ele m*ayoit ris ;
daz 4ii mich nimmer yrö gesehe, et a oeli te randras pris,
d daz ich si gereche et si li diras, se toi piaist,
alda ich schilt durchsteche. que ia des morir ne me laist
tant quen aie yengence prise.
In beiden Erzählungen meldet ein Knappe (un volles) dem Glamadez,
daß ein Ritter, der in Bel-repaire eingetroffen sei, den Angingaerona besiegt
habe (bei Wolfram nennt er ihn Ither v.Kuknmerlant). AberClamides achtet
nicht auf seine Worte und belagert Bel-repaire; indessen wird ihm gemeldet,
dafi in der Stadt Überfluß an Lebensmitteln herrsche ,*
vergleiche dazu und
200, 10. zwSne segele brüne 2467. cel ior meisme un grans yens
die kds man yon der wer hin abe : et par mer chacie une bärge
die sluoc gröz wint yast in die habe. qui de froment porte une charge,
die kiele wären geladen s6, et d'autre yitaille estoit plaine.
des die burg«r wurden yrö : si con De plot, entiere et saine
sine truogen niht wan spise. est de van t lo chastel yenue,
daz fuogte got der wise.
und daher entschließt sich Glamadez zu einem Zweikampf mit Percheval, da
das Belagern zu nichts nütze. Er wird besiegt, und, da er sich weigert, der
Königin oder dem Gumamanz sich zu übergeben , an Arthurs Hof geschickt
Dasselbe wie früher lässt Percheval der Jungfrau (Cunneware) dort melden.
216—224. 2693—2916.
Clämadex und Auguinguerons an Arthus Hof. Percheval nimmt Ab-
schied von der Blancheflor (Konduiramur).
216, 2. Clamide der werde 2693. Mais Aguinguerons totes voies
reit gein Löyer üf die erde. s*en ya, et Clamadex apres
ensamt, niht besnnder, siuit trois nuis tot pres a pres
die yon der tayelrunder as otex o eil ot geu,
warn ze Dianazdrün bien Ta par les esclos seu,
bi Artuse dem Bertün. iusqua Dinasdaroa en Guales
ou li reis Artus en ses sales
cort moult efforcie tenoit.
Bei Chrestiens zuerst eine Erkennungsscene zwischen Auguinguerons
und Glamade, dann Erscheinung des letztem vor dem König, und erst nach-
her wird Clamades von Ywains und Giufles.der Cunneware (la pucele) vor-
gestellt Die Wiedererkennungsscene folgt bei Wolfram erst dann. Die
beiden Dichter kehren wieder zu Percheval zurück, der Behrapeire verlässt:
223, 15. eins morgens er mit zühten 2861. mais d*une rien mult plus li tient^
sprach ... que de sa mere li sovient
ob ir gebietet, frouwe, que il vit pasmee cheoir ...
mit urloube ich schouwe
WOLFRAM VON ESGHEKBACH UND CHRKSTIENS DE TBOTES,
98
wiez umbe mine muoter stS,
ob der wol oder we
si, daz ist mir harte onkunt»
dar wil ich zeiner kurzen stunt
uod ottch durch aventiure zil.
2898. 'ne cuides pas que ce soit biens
se ma mere reVeoir vois,
qui ayiau mi meint en ce bois
qui la gaste foret a non ?
je revenrai Toille ele o non .
224—248, 17. 2916—3362.
Percheval besacht den Fischerkönig und sieht den Gral. Die ganze Er-
zäiÜQDg ist bei Chrestiens kürzer gehalten.
Vergleiche bei Wolfram 225—226, 10.
225, 1. er kom des äbnts an einen se.
Ak beten geankert weideman:
den was daz wazzer undertan.
do si in riten sahen,
si warn dem Stade sd nahen
daz si wol hörten swaz er sprach.
2940. tant quil yit par Teye araler
une nef qui d*amont yenoit,
dos omes en la nef ayoit,
et il s*areste et atent,
si cuida qnil alassent tant
que il yenissent iusca lui ;
et il s'arestent amedui,
a mi Teye tuit coi esturent,
que mult bien aencre se ftirent.
Bei Chrestiens heifit es blofi» dafi einer von beiden Männern fischte;
und dafi Percheval diesen anredete. Wolfram 225, 8 — 12 wird im Gontes
d. 6. nicht erwähnt.
225, 25. ndort an des yelses ende
da k^rt zer zeswen hende.
so'r üf hin kernet an den grabn,
ich wen da müezet ir stille habn.**
226, 3. er sprach, \omt ir rehte dar,
ich nim iwer hint selbe war .
2968. et eil respont: 'de ce et d'el
aureies vos mestier, ce cuit,
ie yos esbergerai a nuit.
montes yos en par cele frete
qui est en cele röche fete,
et quant yos la amont venrois
deyant yos an un yal yerrois
une maison ou ie estois'.
Das folgende wird bei Chrestiens sehr kurz erzählt: Percheval wird
sogleich mit einem Scharlachmantel bekleidet nnd dem seiffnor vorge-
bracht:
230, 25. in bat der wirt näher gen
nnd sitzen, 'zno mir da her an ;
sazte i'uch verre dort hin dan,
daz wasre iu alze gastlich'.
231. der wirt het durii siechheit
gr6ziu fimr, und an im warmiu kleit.
^t und lanc zobelin,
aus muose üze und inne sin
der pelliz und der mantel drohe.
3054. li prodom tant por lui se grieve,
que tant con il puet se sos lieye
et dit 'amis, ^a yos traies,
ne de moi ne yos esmaies,
si seies ci seurement
lez moi, que ie 1 yoil et oomant'.
3026. en mi la sale ayoit un lit,
un prodome seoir i yit,
qui estoit de chienes melles ;
et eil estoit enchapeies
d*un sebelin noir come more
94
ALFREB ROCHAT
der sweohest balc w»r wol ze lobe : d'une porpre rert par desore,
der was doch swarz unde gra : et noire fti sa robe touie.
des delben was ein hübe da
üf sime houbte zwivalt,
Yon zobele den man tiure galt.
Die Feuerstätte wird auch beschrieben, aber kein Wort von dem lign
alS^ hei Chrestiens. Nun kommt im Cd. G. ein Diener, der ein kostbares
Schwert trägt und es dem Herrn des Hauses überreicht; dieser schenkt es
dem Percheval. Bei Wolfram wird auch dem Parzival ein Schwert geschenkt,
aber erst 239, 18 — 240, 1 wird seiner erwähnt. Nun kommt die blutende
Lanze :
231, 20. an der sniden huop sich pluot
und lief den schaft unz uf die hant,
deiz in dem ermel wider want.
3189. 8*en ist nne goute de sanc
do fer de la lance en sommet
que iusqua la main au vallet
corroit cele goutte yermoille.
Bei Chrestiens heißt es aber nicht: da warf geweinet und geschrtt
Das folgende ist auch bedeutend kürzer; die Kerzen werden von Dienern ge-
tragen. Gleich daraufkommt eine Jungfrau mit dem Gral (un Oraal); und
dann wird die Tafel gedeckt.
239, 8. wol gemarcte Parciväl
die richeit und daz wunder groz :
durch zuht in Tragens doch verdroz,
er dahte ^mir riet Gumamanz
mit grozen tri wen ane schranz
ich solte vil gevragen niht.'
3233. ne 11 valles ne demanda
do graal cui Tan en servoit ;
por lo prodome se tenoit
qni docoment lo chastia
de trop parier, et il i a
toz iors son'cuer, si Ten sovient ;
mais plus se taist quil ne eovient.
Endlich vergleichen wir noch folgende Stellen (Parzival verlässt die
Gralburg) ;
246, 23. er tet aiser tuon sol :
von fuoz uf wäpent er sich wol
durch strites antwurte,
zwei swert er umbe gurte,
zer tür üz gienc der werde degen :
da was sin ors an die Stegen
geheftet, schilt unde sper
lent derbi : daz was sin ger.
e Parzival der wigant
sich des orses underwant,
mangez er der gadem erlief,
86 daz er nach den liuten rief,
nieman er hörte noch ensach.
3301. si Testut par lui sol lever;
queque il li deust grever,
des que voit que faire Testuet
sl se lieve, quant mielz ne puet,
et chauce sans aide atendre,
et puis reva ses armes prendre,
cau Chief d*un dois les a trovees,
ou Ten les li a aportees.
quant il ot bien armes ses menbres
si s*en va par les hnis des canbres
que la nuit ot overts veüs ;
mais por noient en est venus,
quil les trova moult bien fermes.
s*apele et böte et hurte asses ;
nus ne li oevre, ne dit mot.
WOLFEAM VON ESCHEXBACB ITSD OEIRESTIENS DE TBOTES.
95
247, 16. — die pprtpn
Tander wit offen sten
derdorch üz gröze^U gen :
niht langer er dd lial^te
rast nf die brükke er drabte.
ein YerboFgen knappe*z seil
z6ch, daz der slagebrüken teil
hetz ors yil nach gevellet nidr.
Parziräl, der sach sich widr ;
dd Wolter han geyraget baz.
'ir sult Taren der sunnen haz,
sprach der knappe, ir sit ein gans.
möht ir gerüeret han den flans,
und het den wirt geyraget !' . . .
nach den noieren schrei der gast :
gegenrede im gar gebrasi.
248, 17 — 256.
^aat asses apele i ot,
si s'en ya a Tiiis de la sal«,
oyert lo troeye, si ayale ^
trestos les degres contr« yal«
et troye ensele soa cheyal
et yoit sa lanoe et son escu
qui au mur apoiee fu.
3326. ai s'enTa a la port« droit,
et troye lo pont abaissie
con li ayoit trestot laissie
pofroe que riens no retenist . . .
lors s*en 13t ors par mi la porte ;
mais ains quil Aist outre lo pont
des pies de son cboTal amont
santi quil leyerent en haut,
et ses cheyals fist un grant saut,
et s*il n*aust si bien saiUi
a mi 1 eye fussent failli
li cheyaus et eil qui sus lere,
et li yallefi torna sa ohiere
por yeoir que ce ot ette,
et yoit qu*on ot lo pont leye :
8*apele, et nuos ne li respont.
*diya! £ut U, tu qui lo pont
as leye, car parole a moi ;
OH ies tu , quant ie ne te yoi ?
trai toi ayaiut, si te yerrai . . .'
ansin de parier se foloie,
que nus respondre ne li yiaut.
3362—3631.
Parzival und die Sigune (Chrestiens nennt sie bloß une pucele).
248, 17. Parciyal der huop sich nach
rast uf die $14, dier da sach.
249, 1. der valscheite widersaz
kSrt df der huo£ilege kraz.
249, 11. do erh6rte der degen eüens rieh
einer firouwen stinune jämmerlich,
ez was dennoch yon touwe naz.
▼or im M einer linden saz
ein magt» der fuogte ir triwe n6t.
ein gebalaa»i ritter t6t
lest ir zwiaebenn amen.
3362. ensin yers la foret s*aquiaut,
si entre en un sentier ...(?)
ou il ot une estreite yoie
de cheyaus qui ale eatoient.
3368. lors s'eslaisse par mi lo bois
tant con cele trace li dure.
3370. tant que il yit par ayenture
une pucele sos un chaisne ;
et crie et plore et si blasme
come chaitiye dolereuse . . .
3393. ensin son doel de ce menoit
d'un oheyalier quele tenoit
qui ayoit tranchiee la teste*
96 ALFRED BOCHAT
Parzivai erzählt seine Reise und wie er im Schlosse übernachtete. Cbre-
stiens lässt aber keinesweges die Grälsbnrg unsichtbar sein, anch ist in seiner
Erzählung keine Rede von Montsalvaige, Titurel und Primutel; überhaupt ist
bei ihm das Ganze etwas kürzer gefasst. Es mag bemerkt werden, daß Per-
cheval erst bei dieser Gelegenheit seinen Namen bekommt und zwar anf
merkwürdige Weise, V.3512; die Pucele fragt: comMird a^ea vos non amisl
darauf heifit es : et eil qui son non ne eavoit devine et dit que il avoit Per-
cheva/us U Oualoia a non, ne ne set eil dit voir, o non; mais il dist voir, et
ai no 80t Zu vergleichen sind nun folgende Stellen aus beiden ErzähloDgen:
252, 14. ^dune darft dich niht der sippe 3540. ^ie sui ta germaine cosine,
schamn, et tu ies mes cosin» germains.'
daz din muoter ist min muome.
253, 24« 'du füerst euch umbe dich sSn 3594. 'maier ou fu cele espee prise
swert : qui tos pant au senestre flaue,
bekennestu des swertes segen, qui onques d'home ne traist sanc
du mäht an äugest strites pflegen. onques ne fu a besoin traite ?
sin ecke ligent im rehte : ie sai bien ou ele fu faite
Yon edelem geslehte et si sai bien qui la forja' . . .
worhtez Trebuchetes hant. 3600. *dites moi, fragt Perchevali
ein brunne stet pi Karnant, se 9a yenoit quele fust fraite
dar nach der künec heizet Lac. s'ele seroit iamais refaite f
daz swert gestet gang einen slac, *oil, mais graut peine i auroit,
am andern ez zeyellet gar : qui la roie tenir sauroit ;
wilt duz dan wider bringen dar, au lac qui est sos Gototatre (?)
ez wirt ganz von des wazers trän.* la la porrez faire rebatre
et retamprer et faire saine
se ayenture la yos maine ;
-r- — — ? Trabuche non
uns feures qui ansin a non
que eil la flst et refera,
ou iamais faite ne sera.'
Die einzige noch anzufahrende Abweichung von Chrestiens Texte ist
die , dafi dort Perchevat liber den Tod seiner Mutter benachrichtigt wird,
während Wolfram dieses übergeht, um es später zu erwähnen, als Parzivai
in Trevizents Klause sich befindet.
256—271, 24. 3631—3933.
Percheval begegnet der Jeschute und besiegt im Zweikampfe den Orilus
de Laiander (im Contes del Graal heißt er; Orgueilleus de la Lande). Die
Frau Jeschute kennt Chrestiens nicht unter diesem Namen: er nennt sie
bloß ; la damoiselle.
256, 10. er kom üf eine niwe slä. 3631. eil tote sa sante s'en ya,
Wandez gienc vor im ald» toz Ies esclos, que il trova
WOLFBAM VON ESCHENBACH UND CHRESTIENS DE TROTTES. 97
ein ors daz was wol beslagen, un palefroi et maigre et las
und ein barftiozpjQlretdaEmuose tragen qui devant lui aloit lo pas.
eine frouwen, die er sach, do palefroi estoit ayis,
nach der ze riten im geschach. tant estoit maigres et chaitis,
ir pfart gein kumber was yerselt : quil fust en males mains chaus,
man het im wol durch hüt gezelt bien travailles et mal paus
elliu siniu rippe gar. sanbloit que il au st este
als ein härm ez was gevar. si con Ten fait cheyal^ preste
ein bästin halfber lac dar an. qui lo ior est bien traveillies
tinz üf den huof swanc im diu man, et la nuit mal appareillies ;
sin ougen tiet, die gruoben wit. autel do palefroi sanbloit.
euch was der frouwen runzit tant estoit foibles quil tranbloit,
vertwalet unde yertrecket, ans in con sil fust anfondus,
durch hunger dicke erwecket, tos li yentres li fust fondus,
ez was dürre als ein zunder. et les oreilles li pandoient.
sin gen daz was wunder. curie et past i atandoient
et li mastin et 11 gaignon,
que il n*ayoit se lo cuir non
tant solement desos les os.
une sanbue sor son dos
et lorain ayoit en la teste
tel con coyient aitel beste.
Entsprechend ist in beiden Texten die Beschreibung der Frau, die auf
dem Pferde sitzt. Bei Ghrestiens erkennt sie aber Percheval nicht.
259, 11. 'weit ir uns toetens machen yri, 3747. *ha sire, fiait ele, merci,
sd Titet daz i'u yerre bV taisiez yos en, fuiez de ci,
si mi laissiez en pais ester.'
Darauf erscheint Orilus, Orgueilleux; bei Chrestiens aber erzählt er zu-
erst dem Percheval, warum er die Frau so hart gestraft hat, worauf Perche-
val sich zu erkennen gibt und der Zweikampf erst erfolgt; dann versöhnt
sich der besiegte Orguilleux mit seiner Gattin „rfo fnal que ie li <d fait
t^aire cd ie lo euer et triste et noir^>
Einige Verse lasse ich noch zur Vergleichung hier folgen :
267, 25. 'dar zuo wil ich schouwen 3873. si dist, 'cheyaliers, par ma foi,
in dinen hulden dise frouwen ie n*aurai ia merci de toi
mit suone ane vire : ^ iusque tu l'aies de ta mie ;
ode du muost ein bare que lo mal n*ayoit ele mie]
\&i hinnen riten, deservi, ce pues tu iurer,
wiltu michs widerstHten.' que tu li as foM andurer.
Endlich unter manchen andern die letzten Worte des Orilus bei Wolfram,
welche im französischen Texte die Rede des Orgueilleux beginnen, in welcher
er dem Percheval die Untreue seiner Frau und die ihr deswegen zugefügte
Strafe erzählt.
9M3käMlA. UI. • 7
98 ALFRED ROGHAT
271, 8. 'FüT2 föresi in BrizljAii 3781. 'oen en bois ales esioie,
reit ich dö in joyen jpojs.* et cett« damöi^lö aroie
laissiee en tm pareiOon* eto«
Beiden Erzählungen ist der Zug auch gemein, daß PercheVal dem Orilus
die gewöhnliche Botschaft an Cunnewäre mitgibt; diese heißt im französi-
schen Texte immer ^une pucele. Ich bemerke endlich, daß Chrestiens von
Trevrizent nichts sagt.
271, 24 - 280. 3983--4090.
Der Orgueilleux begibt sich an Arthurs Hoi^ — sein Aufenttatt daselbst.
272, 4. er nam die herzoginne kluoc 3934. et eil la nuit sa mie &it
und fuorte se an die suonstat yestir et baigni^ ricfaenieBt*
und hiez bereiten in zwei bat.
Chrestiens erzählt das Ganze etwas kürzer} daß Ofihis der Broder
Cunnewarens ist, erwähnt er flicht. Die Namen: PKiflizo6l, lofreit Fiz
Idoei, Karnant, Kanedic etc. finde ich im französischen Texte ebensowenig
als den Claniidex und den Kingrun, deren Wolfram gedenkt.
280—312. 4090—4536.
Artus verlässt Karidoel (Karlion), um mit seiner ganzen Massenie Per-
cheval aufzusuchen. Tjoste Perchevals mit Sagremors, dann mit Kex. End-
lich bringt ihn Gawain zum König — • Perchevals Empfang — f*ösrtli(äikeiten.
Ich übergehe die ersten Verse , welche in beidiöü BearbÄituögeü völlig
übereinstimmend sind, und erwähne zur Vergleichong eine b(di:aiuite Stelle:
28^, 4. do Parziral den tac erkds, 4098. au matin ot Itttilt bi€i|i ftegf^
im was yersnit sins pfades pan: que froide estoit la matiniee;
yil ungevertes reit er dan et Percheyaus par la momee
über ronen und manegen stein. fü leyes, si con il soloit,
der tac ie lanc hoher schein. que querre et encontrer voloit
euch begunde liühten sich der walt, avantute et cheyalerie ;
"wan daz ein rone was geyalt, et Vint droit vers la präerlö
üf eineih plan, zuo dem er sleich : qtii fü gfelee et an^gie^,
Artus yalke af mite streich; o los lo roi estoit logi^e,
da wol tüsent gense lägen ; mais ains que il yenist as gentes,
da wart ein michel gagen ; yoloit une rote de gentes,
mit hurte vlouger under sie, que la nois les a esboies ;
der yalke, und sluog ir eine hie, * yeues les a et oies
daz sim harte küme entbrast queles s'en aloient bruiant
linder des geyallen ronen ast. por un faucon qui ya yolaat
an ir hohem fluge wart ir wie : apres eles de grant randon,
üz \t wunden üfen sne i yint ataignant äbaiidon
yieln dri bluotes zäher rdt, une fors des autres sevree,
die Parziy&le fuogten ndt. si la ferne et matee
yon sinen triwen daz geschach» que contre terre l'abati;
WOLFRAM VON ESCHEKBACH ÜKD CBRESTIENS DE TR0TE8.
99
do er die blnote» zäher sfteli
uf dem 8iie (der was al wf s),
dö dahter 'wer hä« stnen Tita
gewant an diM tarwe ol&r ?
Cundwieramurs, sich mac für w4r
disiu rarwe dir geliehen,
mich wil got sffilden riehen
sit ich dir hie gelichez vant' etc.
des heldes ougen mazen,
als ez dort was ergangen,
zwen zäher an ir wangen,
den dritten an ir kinne
8U8 begunder sich verdenken.
mats trop par fti neis, si perA,
que ne si vost Her ne ioindre.
et Percevaus conmence a poindre
la u il ot veu lo yol :
la gente fa navree 61 ool,
si saigna trois goutes de sano
qui espandirent sor lo blanc,
si sanbla naturel color.
quant Percevaus vit defolee
la noif sor coi la gente iut,
et lo sanc qui entor parut,
si sapoia desus sa lance
por esgarder cele sanblance:
et li Sans et la nois ensanble
la fresce color li resanble
qui est en la face sa mie ;
et pause tant que tos s'oblie.
Dazu nocli einige Stellen, die ich hie nnd da hervorheben will.
285, 13. der werde künec vaste slief.
. Segramors im durch die snüere lief,
zer poulüns tür dranger in,
em declachen zobelin
zuet er ab in diu 14gen
und süezes slllfes pflägen,
s6 daz si muosen wachen.
290, 2. Keje der küene man
brahtz msre für den kunec sin,
Sagremors w»re gestochen abe,
nnt dort uze hielt ein strenger knabe,
der gefte ijoste reht als ^,
4165. tot maintenant Sagremors cort
au tref lo roi, et si Fesvoille.
4207. et Kex qui onques ne se pot
tenir de vilenie dire,
s'en guabe et dit au roi ^biax sire,
veez con Sagremors revient :
lo Chevalier par lo frein tient,
si Ten amoine mal gre suen !'
4227. et eil li cria moult de loing
Vasaus, vasaus,' venes au roi,
vos i venrez ia, par ma foi,
ou vos lo conparrez moult fort*.
293. 30. 'hdrre, sit iu sus gesdiach,
daz ir den künec gelästert h4t,
weit ir mir rolgen, s^ ist min r&t
unt dunct mieh iwer bestez heil,
Demt iueh selben an ein brackenseil,
unt lat iuch für in ziehen.
iien megt mir niht enpfliehen,
ich bringe iueh doeh betwungen dar*.
Es versteht sich von selbst, daft das vorhergehende Gespräch mit frau
Mnne bei Wolfram im französischen Texte fehlt. Sonst herrscht völlige
Übereinstimmung ; hie mid da ist Chrestiens kürzer.
295, 23. 2wiflobem Sattelbogen und eime 4240. et Percevaus pas ne se faint,
stein desus la face Ta ataint,
Keyn zeswer ana und winster bein si Tabati sor une roiche
7»
100
ALFBED ROCHAT
zebrach yon idisem geyelle.
298,3. sine friunt befunden in da klagen,
yil frouwen unde manec man.
300, 6. sus kom Gawän zuo zun geriten,
sunder kalopieren
unt äne punieren :
er wolde güetliche ersehen,
von wem der strit da waßre geschehen.
303, 28. 'Gäwan mich die nennent*.
304, 1. D6 sprach er'bistuz Gawän?. ..
4. ich hörte von dir sprechen ie — '
que la ohanole li estoiche
et qu*antre lo code et Taissele
ensin con une seiche estele
los do bras destre li brisa.
4259. lors conmance un diaus si fors
que sor lui firent tuit et totes.
4365. et mes sire Gawains se tait,
vers lui tot soavet enblant
Sans faire nul felon sanblant.
4417. *sire sachiez veraiement
que ie ai non en baptestire
Gawains*. 'Gawains?' 'voire, biax sire'.
Perchevaus moult sen esiol,
et dit 'sire, bien ai oi
de TOS parier en plusors leus*.
Das folgende hat Wolfram erweitert und aasgeschmückt; GhrestieDS er-
zählt kürzer.
312—319, 20. 4536—4677.
Cundrie la sorciere erscheint an Arthur's Hof.
312, 6. nu hoert wie diu juncfrouwe reit. 4543. jusque lendemain que il virent'
ein mül hdch als ein kastelan,
val, und dennoch sus getan,
nassnitec unt verbrant,
als ungerschiu marc erkannt . . .
313, 17. über den huot ein zopf ir swanc
unz üf den mül : der was so lanc,
swarz, herte und niht ze dar,
linde als eins swines rückehär.
si was genaset als ein hunt :
zwen ebers zene ir für den munt
giengen wol spannen lanc.
ietweder wintpra sich dranc
mit Zöpfen für die härsnuor . . .
29. Gundri truoc 6ren als ein her . .
314.'riich was ir antlütze erkant.
ein geisel fuorte se in der haut . . .
5. gevar als eines äffen hüt
truoc hende diz gsebe trut
une damoisele qui vint
sor une fiiuve mule, et tint
en sa main destre une escorgiee.
la damoisele fu treciee
a deus treces tortes et noires.
4553. ains ne veistes si noir fer
con ele ot lo cors et les mains,
mais encor estoit ce do mains
a Tautre ledece quele ot,
que si oü estoient dui crot
petit ensin com oil de rat.
ses nes ^ de singe o de chat
et ses levres d*asne o de buef.
ses dens resanblent moiel d'uef
de color, tant estoient ros ;
et s'avoit barbe come bos.
a mi Iq pis ot une boce
devers Teschine, sanbloit crosce,
et s'ot les mains et les espaules
trop bien faites por mener baules;
s*ot boce el dos et anches tortes,
qui vont ansin come reortes.
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND CHRESTTENS DE TROYES. 101
Zn bemerken ist, daß Chrestiens den Namen Oundrie la sorei^e nicht
kennt.
318, 13. si sprach ^ist bi'e kein ritter wert.
4615. 'rois, ie m*enrois de tos a Duit
et me corient encor a nuit
mon ostel panre loing de oi.
ne sai se tob ayez oi
do Chastel Orgoilleus parier,
car anuit m'i coyient aler.
26. por ce tos en di la novele
qae la ne faut nus qui i aille
qu*il ne truisse ioste ou bataille ;
qui viaut faire cbeyalerie,
se la la quiert, n'i faura mie.'
des eilen prises hat gegert,
iuit dar zuo höher minne ?
ich weiz yier köneginne,
ont yier hundert juncfronwen,
die man gerne mOhte schouwen
ze Schastel maryeil die sint :
al arentiure ist ein wint,
wan die man da bezalen mao
hoher minne wert bejac.
al hab ich der reise pin,
ich wil doch hinte druife sin*.
Nach dem französischen Texte sind im Gastel Org. 670 Ritter. Cnndrie
(ladcanoUeüe) meldet aber noch dazu, daft wer den höchsten Preis der Rit-
terschaft erkämpfen wolle, anfeinen Berg sich begeben müfte: au ptä qui
eH 80S Moni JEselmref a ttne damoüele assise, und die daselbst gefangene
Jangfran erretten. Nun erhebt sich Gawains und schwört, er werde dahin
gehen; Percheval aber will denGraal aufsuchen. Hier kommt nun Vers 4651
ein Quifl€9 fils do vor, wohl degenige, den Wolfram „Jofreit filz Jdoel"
nennt, obwohl Jofreit einem Godefrois entsprechen würde; der Vers helft t:
^ Gmfies lifils do redist; vielleicht lißUDol? Es scheint, daß der Chastel
Org., dessen Chrestiens gedenkt, kein anderer ist als die Burg der Orgueil-
leuse, welche Malcreatüre in ihrem Dienste hat. Daft Gawains später hin
nach Montesclaire gelangte, erhellt aus der Capitelübersicht bei Holland
und in meinem PerchevaL
319, 20 — 337, 30. 4677—4743.
An Arthur's Hof erscheint ein Ritter, Kingrimursel (Guinguebresil) ge-
nannt, der den Gawan zum Kampfe auffordert, weil er seinen Herrn ermor-
det habe.
^20, 22. 'got halt den künec Artiis,
darzoo frottwen unde man.
8W&Z ich der hie gesehen hän,
den biut ich dienstlichen gmoz
^an einem tuet min dienst huoz,
dem Wirt min dienst ninuner schin.'
321, 5. 'daz ist hie hSr Gäwan,
8. Qopns sin het aldä gewalt.
dö in sin gir darzuo yertmoc,
üne gmozer minen herren sluoc.
ein kus, den Judas teilte,
im solhen willen ycilte.*
4685. Guinguebresils lo roi conut,
so salua, si com il dut,
mais Oawain ne salae mie,
ains Tapele de felenie.
4689. et dit, „Gawains, tu oceis
mon seignor, et si lo feis
ensin oonques nol' deffias :
honte et reproche et blame i as,
si t*en apel de traison.**
102 ALFRBD ROCTAT
821, 16. ^l««C^ni dee heg G&wmi, ' 4718. ei eil dit, que lo proTem
des antwurte üf kampfes slac de tralsson laide et yilaine
Ten hiute den yierzegisten tac» iusqu'au chief de ]a quarantaine
Yor dem künec yon Ascalihi.' deyant lo roi de Assalon.
Statt des Beacars tritt auf im französischen Texte der Agrewains, wel-
cher auch Gawain's Brader genannt wird. Cap. 325 — 336 bei Wolfram sind
von diesem hinzugefügt worden ; für seinen Zweck war ihm Chrestiens zu
kurz. Cap. 335 findet sich im französischen Texte wieder; dort aber keine
Erwähnung von Angram und Oraste Gentesin, auch begnügt sich Gawain mit
einem einzigen Begleiter. Cap. 336 — 337, 30 sind ebenfalls Wolframs
Zuthat.
338—397, 30. 4743—5680.
Hier beginnen Gawans Abenteuer, von dem Ohrestiens sagt: des avm-
tutes guil trava marrois ocwter mouü hnffuement und Wolfram: ein wil zuo
shan handeuy eol ««t Jdse äverUiwre hän der werde isrhtmU Oa/wäHy «in Ver-
spireehen, das anoh beide Dichter halten. Chrestien's Erzählung ist kürzer,
er ergeht sioh bei Weitem nicht so in die Einzelheiten wie Wolfram, wekher
eine Menge Episoden hinzudichtet, und da ihm Chrestiens nicht Names genug
darbietet, «ine Uazabl davoo ersinnt, die man umsonst im französisehen
Texte sucht. Die in den oben angegebenen Yerszahlen eingefsisste Eiizählung
schildert Gawans erstes Abentheuer, ein Turnier vor dem Schlosse des Kö-
nig« Ljppaut, den Chrestiens Tlribaut de Tintagueil nennt Von den beiden
Töchtern Thibauts weiß auch Chrestiens viel zu erzählen, ohne daß er ihnen
besopdere Namen gibt; Obilot neunter bloß lapetite und Obie la grande,
MeJjanz von Liz heißt bei ihm ebenfalls Melians de L4s ; den 'burcgr4ven
von der 8tat\ der bei Wolfram Scherules heißt, nennt er €rara4n UßU Ber^
tain. Es mag auffallen, daß im französischen Texte der Name von. Gawans
Pferd Gringuliet nicht zu finden ist, und dies um so mehr, als Roquefort
den Namen Gringalet aus dem Eoman de Percheval anführt ; ich finde ihn
indessen Vers 6135 und zwar in der Form Guingalet, die vielleicht vom
Schreiber herrührt Den Hauptinhalt dieser Erzählung findet man, wie ge-
sagt, bei Chrestiens, so wie auch einzelne Züge, die Wolfram nicht aufge-
nommen hat- Es bleibt nur noch auf einige wenige Stellen aufmerksam zu
machen :
353, 23. dö sprach Obie, 4989. *et une autre U disfc apres
vor zorDe niht diu frie, marcheans est, no dites mes
'sin fuaxe ist mir uamwre. qu*il doie a toraeter entendr^ ;
dort sitzt ein wehselaere: tos ces chevaus maine il por vaadre.*
des market muoz lue werdea guot 'ains est changieres, iatt la quarte,
sin soum «chrin sint »6 behuot, il n'a taleat que il depaffte
dins ritters, toerschiu sweater nun^ as poTtes chevalieri anoid
er wil ir selbe goumel sin'. ses armes ^'ii a aW«« kii ;
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND CHRESTIENS DE TROYES.
103
375, 4. L^paut biez balde sniden
siner tohter kleider :
er miste gern ir beider,
der boesten unt der besten,
einen pfeU mit golde Testen
den sneit hmui an daz freawelin.
ir muose ein arm gebloezet sin:
da was ein eimel Ton genomn,
der solte fiawane komn.
ne cuidez pas que ie tos mente,
c*est monnoie ou yaiselemante,
an ces ibrres et en ces males.'
'moult paraT«s les langnes males'
fait la petite etc.
5378. et il (der Tater) feit un Termoil
samit
' d*un sien cofre maintenant traire,
si en a feit taillier et feire
une manche moult longue et lee,
et 61 Ta sa fille bailliee.
Si dist li sire 'or tos leTes *
demain matin et si ales
au cbeTalier ains que se moeTe ;
por amor ceste maadie nooTe
li donrez' —
398—432, 30. 6681—6141.
Fortsetzung von Gäwäns Abenteuern. Hier stimmen beide Erzählungen
80 sehr uberein, daß ich mir füglich die Mühe sparen könnte, einzelne Stellen
ZH citiren ; zum Beweise meiner Behauptung ist dies aber nothwendig. Vor-
her aber, japch einige Bemerkungen : den König Vergulaht nennt Chrestiens
uns iovenciax sor tos lea autrea li plus hiaoß* Schloß und Stadt haben auch
keinen Namen; daß jedoch unter letzterer die Hauptstadt des Königs von
Aficalojj gemeiut sei, geht daraus hervor, daß, wenn Guinguenbresils er-
scheint, er hier, wie auch bei Wolfram, über die Behandlung Parzivals sich
empört, d^«i er sicheres Geleite ver8prochen hatte. Ebensowenig wird Lid-
damas erwähnt, der ohne Zweifel eine und dieselbe Person ist mit einem
vavassor de« Chrestieos, der ebenfalls dem König von Ascalon räth, Gawain
auszusenden, mn für ihn den Gräl zu gewinnen. Wolfram, der alles moti-
virt, konat« jedoch Clirestiens Erzählung in einem Punkte nicht genügen;
denn der vmvasear (Liddamus) sagt zum König: 'ihr wäret verpflichtet, ihn
zubeschfitzen, da ihm Ouinguenbresils Sicherheit versprochen hatte, weil
dies aber nicht geschehen ist und man Verrath an ihm geübt hat, so kann
GninguenbresTi vor dem Verfluß eines Jahres (gerade wie bei Wolfram) keine
Genugthnnng von ihm verlangen. Da er jedoch euern Vater getödtet und er
dafür eine Strafe verdient, so heißet ihn ein Jahr lang nach dem Gräle
forschen.* Warum Gawain gerade diese Buße auferlegt wird, begreift man
nim nicht, und so mußte Wolfram durch eine kleine Abweichung dieses näher
begründen. Davon, daß Ehkunat, und nicht Gäwän, den Kingrism getödtet,
sagt Chrestiens nichts.
402, 7. dd sprach der künec Vergulaht. 5643. et eil seus mon seignor Gawain
'herre, ich hän mich des bedäht, salua et prist par lo frain
ir sult riten dort hin in. , et dit 'sire, io tos retaäng.
104
ALFRED ROCHAT
magez mit iweren holden sin,
ich priche ixi nu gesellekeit.
20. HSrre, ir seht wol Sehamfanzün,
d4 ist min swester üf ein magt :
swaz munt yon schoene hat gesagt,
des hat si yoUeclichen teil,
weit irz iu prüeven für ein heil,
deisw^r, sd muoz si sich bewegen
daz se iwer unz an mich sol pflegen/
407, 11. dd gienc zer tür in alda
ein ritter blanc : wand er was gra.
in wafenheiz er nante
Gawänen, do em erkante.
d£^ bi er dicke lüte schrei :
'owe unde heia hei
mins herren den ir sluoget,
daz iuch des niht genuoget,
im ndtzogt och sin tohter hie*.
408, 19. do yant diu maget reine
ein scfaächzabelgesteine
und ein bret, wol erleit, wit;
daz braht si Gawane in den strit.
an eim iseninem ringez bienc,
da mit ez Gawan enpfienc.
üf disen yierecken schilt
was Schachzabels yil gespilt.
432, 24. urloup nam der degen snel.
Gringuljet wart gewäpent san,
daz ors, und min her Gawan.
er kust sin mag diu kindelin
und ouch diu werden knappen sin.
ales yo8 en la dont ie yaing,
si descendes en mes maisons;
il est huimais tans et saisons
de esbergier, s'or ne yos poise.
j'ai une seror moult cortoise
qui de yos grant ioie fera' etc.
5758. uns yayasors endemantiers
entra laians qui moult lor nut,
qui mon seignor Gawain eonut.
si les troya entre baisant
et grant ioie entredemenant;
et des que il yit tele ioie
ne pot tenir sa boche coie,
ains s*escria a grant yertu :
^Fame, honie soies tu
et X)eux te destruie et confonde,
que Tome de trestot lo monde
que tu deyroies plus hair
te laisses ensin conioir!' etc.
5819. si fist escu d*un eschaquier,
et dist : ^amie ie nä quier
que yos m'aillies' autre eScu querre '
lors yersa les eschecs a terre ;
d'yvoire furent dos tans gros
que autre eschas et de dur os.
*or mais qui que doie yenir
cuiderai bien contre tenir*.
6131. a la pucele congie prist
et a trestos ses yalles dist,
que en sa terre s*en alassent
et ses <;heyax en remenassent
trestos, fors sol son guingalet.
Bei Chrestiens ist guingalet (wohl gringalet) keinesweges der Name
seines Pferdes, aber Wolfram hat daraus den Gringuljet gemacht. Es ist
beinahe unnöthig noch anzuführen, daß die Namen cona Laiz fiz TinaSy duc
Oa/ndilusfiz Ourzgri^ Schoydelacurt, Laehtamris, wenn nicht geradezu von
Wolfram, selbst ersonnen, doch jedenfalls nicht im französischen Texte vor-
kommen. Vielleicht ist es nicht ganz überflüssig zu bemerken, daß Wolfram
X' sich auf Kiot zufällig gerade an einer Stelle beruft, wo er von Chrestiens
abweicht, indem er den Liddamns nenot, was seinem Vorgeben, er habe einen
Dichter Kyot benutzt, um so größere Glaubwürdigkeit verleihen mußte.
WOLFRAH VON ESCHENBACA UND CHRESTIENS DE TROTES. 10&*
433—446.
Nach dieser Erzählung von Gäwäns Abentheuern kehren beide Dichter,
Chrestjens und Wolfram, ztim Parzival wieder zurück. Hier findet sich die
erste Abweichung zwischen beiden Gedichten. Von Cap. 433—446 erzählt
Wolfram wie Parzival die Sigune als Klausnerin wieder findet, welche das
Grab Schianatnlanders hütet; sie zeigt dem irrenden Ritter eine Spur des
Weges, den Cundrie la sorciere nach Montsalvaige genommen. Darauf trifft
Parzival auf einen Templeisen, der ihn seines Pferdes beraubt. Dieses sucht
man nun vergebens bei Gbrestiens. Woher diese plötzliche Abweichung? Man
wird sie auf verschiedenartige Weise erklären können, je nach der Ansicht,
die man über das Verhältniss beider Dichtungen zu einander hegen wird.
Mir scheint der Grund dazu sehr einfach zu seili : nimmt man wirklich an,
daß Wolfram auf Grundlage des Contes del Graal gearbeitet habe , so be-
greift man auch sehr gut, daß Ghrestiens die Sigune, mit der er nichts anzu-
fangen wnsste, nicht mehr erwähnt; Wolfram aber, der einen Zweck hatte
und alles motiviert, diente die Sigune als das Bild der idealen Liebe, und ab-
sichtlich schildert er ihr in Gott versenktes, einsames Leben, nachdem er
Gawans weltliches Treiben uns vor Augen geführt hat. Diesen Zug in
Chrestiens Bearbeitung wieder zu finden , muß man als eine Unmöglichkeit
betrachten, sobald man seine Darstellungsweise kennt; daß Wolfram ihn hat,
kann nicht auffallen, selbst wenn er sonst auf Ghrestiens fußt. Indessen
bleibt der deutsche Dichter nicht gar lange von seinem französischen Vor-
bilde entfernt und ihrer beiden Wege vereinen sich bald wieder.
446—452. 6141—6257.
Percheval trifft auf einen Zug von Büßenden, die ihn zu eines Einsied-
lers Klause weisen. Bei Chrestiens besteht dieser Zug aus drei Rittern und
zehn Damen. Ich füge noch die Bemerkung bei, daß die ersten Worte, welche
im französischen Texte die Erzählung von Percheval wieder beginnen , den
Versen 434, 11—25 bei Wolfram entsprechen.
447, 13. cl6 was des grawen riters klage, 6179. et li uns des trois Chevaliers
daz im die heileclichen tage Tareste et dit 'biaux sire obiers,
niht hülfen gein alselhem site, dont ne crees tos Jeshu Chrift
daz er sunder wapen rite qui la norele loi escrist,
ode daz er harfooz gienge si la dooa as chrestiens ?
tmt des tages zit begienge. certes, ce n*est raisons ne bions
d'armes porter, ains est grans tors
au ior que Jeshu Grist fu mors*.
447, 19. Parzival sprach zim dd 6187. et eil qui n'ayoit nul espans
'her, ich erkenne sus noch sd, de ior ne de nul autre tans,
wie des jars urbap gestet . tant avoit en son euer enui,
ode wie der wocben zal get. respont 'quel ior est il donc hui' ?
10«
ALFRED BOCHIT
8wie die tage sint genant,
daz ist mir allez unbekant.'
448, 7. 'ez i3t iiiute der karfntao,
des al diu werlt sieb freun mac
unt da bi mit angest siufzec sin.
wa wart ie hober triwe scbin,
dau die got durch uns begienc,
den man durch uns anz kriuze hienc' ?
etc. etc.
448, 21. 'ritet furbaz iif unser spor;
iu ensitzet nibt ze verre vor
ein heilec man ; der ^t iu rät,
wandel für iwer missetät.
weit ir im riwe künden,
er scheidet iucb yon sünden .
6192. 'c'est li rendlrcdis aoires,
Li iors que Tan doit aorer
la crois et ses pechies plorer,
car hui fU eil en crois pendus
qui fu trente deniers yendus,
eil qui de tos pecbies fu mondes'
etc. etc.
6227, 'dont venes tos eres ensi?
fait Perchevaus', *sire de ci,
d*un bon bome, d*un saint ermite
qul en ceste forest habite' . . .
'de nos pechies li demandasmes
consoil, et eonfesse preismes* . . .
• Ce fue Perchevaas oi ot
I9 feit plorer, et si li plot
q«e an sai«i bome lUast parlor«
'la Toldroie, &ut ü, aier
a Termite, se ie aayoie
tenir lo santier et la ypie' —
'sire, qui aler i yoldrpit^
si tenist cest sentier tot droit
ensin con nos somes yenu , etc.
452—502, 30. 6257—6434.
Percbeval beim Eremiten (Trevrizens) , seinem Onkel. Hier ist Chre-
stiens bedeutend kürzer als Wolfram; was dieser 452 — 462 erzählt, findet
sich im französischen Texte nicht, geschweige denn «eine erdichteten An-
gaben über Kiot und Flegetanis; natürlich wird auch ebensowenig im fran-
zösischen Texte daran erinnert, daß Percheva! in derselben Klause früher
einen Eid geschworen habe , denn in der bezüglichen Stelle sagt Chrestiens
nicht, daß Orilus uad seine Gattin in eiuß Klause ^ich bj^eben, *wi^rn ia
ein menoir. Bei genauer Vergleichung aller einz^en Bh&llim 2eigt moh i^-
dessen «och hier sogar, daß Wolfram dem Ghrdsti^fi doch im Grtiade, oft
unscheinbar, folgt, sobald sich d«is mit seinem Zwedie y^rträgt Gap. 460,
22, 23 sagt Trevizent , es seien bereits fünf Jahre dahingegangen , «eit dem
Parzival in der Klause gewesen sei und 461, 3—9 sagt Parzival:
herre, ich tuon in mer noch kuont :
swa kirchen ode münster stuont,
da man gotes ere sprach,
kein ouge mieh da nie gesach
Sit denselben ziten :
ichn suochte niht wan striten.'
;<
WOLFRAM VON ESCHEOTACH UND CBÄESTDENS DE TROYES. i07
dire^itnB 4«gt nuü ebenfalls, früher Y. 6147« genau dasselt^e :
€e 60Bt oiaq ans irestuit entier
atas que il entra en mostier,
De D«u, ne sa crois aora.
tot ensln 5 ans demora ;
poTce ne relaissoit il mie
a requerre cheyalerie,
que les estranges ayentures . . . aloit querant.
An solchen zerstreuten Stellen erspäht man erst recht die Art und
Weise, wie Wolfram den französischen Text benützte: er gebrauchte alles
was ihm vorlag, selbst das unbedeutendste, nur ließ er sich dadurch nirgends
hemmen noch einschränken ; sobald die rechte Gelegenheit sich darbietet,
da mag alles seinen Platz finden, vorher nicht; und (um bei diesem so unbe-
deutenden Zuge noch zu verweilen) es ist in der That ganz richtig, daß
Wolfram Chrestiens Angabe früher nicht gebrauchen konnte, wenigstens da
nicht, wo sie im Original steht; denn, wenn gesagt wird, daß Percheval seit
fdnf Jahren in keinem Münster , oder überhaupt an keiner geweihten Stätte
gewesen ist, so erwartet man doch, daß er in dem Angenblicke, wo das ge-
sagt wird« an einer solches »ich befindet, was im französischen Texte nicht
der Fall ist. 462 — 468, 22 ist bei Chrestiens viel kürzer und in so fern an-
ders erzählt^ als Percheval gleich im Anfang sagt, er habe sich gegen Gott
versündigt und die Thorheit begangen, nicht nach dem Gräle zu fragen. Das
Übrige, von 468, 22 an, lautet ebenfalls ganz verschieden im. französischen
Texte, wo in ungefähr 10 Versen der Eremite alles über den Gräi berichtet,
was Chrestiens zu wissen für nöthig hielt. Hier erfährt auch Percheval zum
zweiten Male, daß seine Mutter gestorben ist, und dann , daß sie des Eremi-
ten Schwester war. Was ihm sein Onkel ganz besonders auf das Herz legt,
ist überall Messe zu hören und den Priestern Ehrerbietigkeit zu zeigen. Was
einzebie Stellen betrifft, so hat schon San Marte darauf aufinerksam
gemacht, daß Wolfram 491, 12 — 19 auf eine Stelle des Contes del Graal
V. 6345 : ne ne cuide pas que il ait \ luz ne lamproies ne salmon Bezug
nimmt, in welcher übrigens Chrestiens sich gewaltig widerspricht, denn
froher hatte er Mühe^ alle kostbaren Gerichte aufzuzählen, die dem Gräl-
köoige vQf^e&et^t wurden, und wovon er reichlich genoß. Es lassen sich
noch foj^geode Vers« nut «inander vergleichen :
485, 21. der w^ gni«p im würzeliö: 6421. « mangier ot
daz muefire W beste spätre sin. ioe qu'au saint kermite plet,
mas il n*i ot s erbetes nmi
cexfiiel, laitues et creson.
503—507, 25. 6434^-6570.
Zum GawaB kehren nun beide Dichter wieder «urüek , nm das zu er-
zählen, was ikn begegnete, seit dem er Kingriowiröel (Verga^aht and Anti-
108 ALFRED ROCHA^T
konie) verlassen hatte. Beide Erzählangen stimmen überein : Gawän findet
unter einem Baume ein trauerndes Weib , welches einen verwundeten Bitter
verpflegt. Auch Wolfram führt hier keine Namen an , was begreiflich ist;
daß jedoch ein gewisser Lishoys Gwelljus den Ritter verwundet habe, sagt
Ghrestiens nicht; auch spricht er nicht von Gawans Heilmethode; vielmehr
zeigt dieser wenig Mitleid und will durchaus den Ritter wecken , um von ihm
über Land und Leute benachrichtigt zu werden. Der Erwachte dankt ihm
dafür , daß er ihn^ wieder zur Besinnung gebracht habe und räth ihm , wie bei
Wolfram, lieber zurück als vorwärts zu gehen , denn wer das Land Galvoie
(nicht Logroy) betrete, der komme gewiss nicht heil davon. Darum kümmert
sich Gawains aber sehr wenig. Außer diesen wenigen Abweichungen folgt
Wolfram getreu dem französischen Texte und bis in das Einzelne hinein,
z. B. verwundert sich auch Gawain hier sehr, neben einem Damenpferd Schild
und Speer zu erblicken. Auch ist bei Ghrestiens der Stamm des Baumes sehr
dick , so daß Gawains die Frau und den Ritter nicht sogleich wahrnimmt.
Stellen anzuführen ist hier der Mühe nicht werth.
. 507, 25 — 525, 10. 6570—7057.
Orgueilleuse. Anfang. Die Orgueilleuse führt hier im fipanzösischen
Texte keinen Namen. Der einzige Unterschied zwischen beiden Erzählungen
ist der, daß Gawain im C. d. G. zum verwundeten Ritter zurückkehrt, bevor
er Mälcreature von seinem Pferde auf den Boden geworfen hat. Nachdem
er nämlich den Ritter wieder geheilt hat, so sagt ihm dieser, er solle ihm
doch das Pfe^d verschaffen , welches dort beritten komme ; Gawain willigt
ein , wirft Mälcreature (der keinen Namen führt) hinunter und bringt sein
Pferd zurück; während dessen ist jedoch der geheilte Ritter auf Gawains
Ross gestiegen. Im Übrigen klappen beide Erzählungen genau zusammen;
ich' bemerke noch, daß der Ritter nicht üriens, wie bei Wolfram, sondern
Oreorreas heißt, und daß 518 — 520 im deutschen Parzival Wolframs Zuthat
ist. Hier nun zur Vergleichung einige Stellen :
513, 20. dar nach begunder nahen 6688 et messire Gawains s adrece
einem ölboum: d4 stuont dez pfert: au palefroi et tant sa main,
euch was maneger marke wert si lo vost prendre par lo frain,
der zoum unt sin gereite. que frains, ne sele n*i falloit;
mit einem harte breite, mas^uns grans Chevalier seoit
wol geflöhten unde gra, sos un olirier rerdoiant,
stuont derbi ein ritter da et dit 'chevaliers, par neant
über eine krücken gleinet : ies Venus por lo palefroi,
von dem wart ez beweinet or n'i tandras tu ia lo doi
daz Gaw&n zuo dem pfärde gienc. - qu*il te viendroit de grant orgeÜ ;
mit süezer rede ern doch enpfienc et ne porquant dire te voil
514. er sprach weit ir rätes pflegn, que ia no le t'irai defliändre
ir sult diss pfärdes iuch bewegn. se tu as grant talent dou prendre
J
WOLFRAM TON ESCHENBACH ÜKD CHRESTIENS DE TROTES.
109
ezn wert iu doch niemen hie.
get&t ab ir dez waegest ie,
80 sali irz pfärt hie lazen.'
514, 6. 'nun frouwe si yerw&zen,
daz si s6 manegen werden man
Ton dem libe scheiden kan f
mas ie te lo que tu t*en ailles
qu'aillors de ci se tu lo bailles
trop graut deffance i treue ras*.
6662. * tuit deable tardent
pucele qui tant mal as foit,
li tuens cors male arenture ait,
qu'onques prodome n'aus chier,
tant cheralier as fait tranchier
la teste — — — *
516, 22. ein krutGawan da stende sach,
des würze er wunden helfen jach,
do rebeizte der werde
nider zuo der erde :
er gruob se, wider üf er saz.
524, 17. Vier wochen er des niht Tergaz :
die zit ich mit den hunden az.'
6823. et messire Gawains savoit
plus que nus hom de garir plaie ;
une herbe Yoit, en une haie,
qu'il conoissoit, lonc tens aroit . . .
et il Fa moult bien esgardee . .
l'erbe a coillie, si s'en Ta.
7025. *ne te sorient U de celui
cui tu feis gi grant henui
que li feis contre son pois
avec les chiens mangier un mois f
Ich bemerke noch nacbtrftgUch, dall ich 2om Yer8 521, 28 bei Wolfram
keinen ähnlichen im französischen Texte gefanden habe; vielleicht hat hier
der Abschreiber etwas ausgelassen.
525, 10 • 536, 10. 70ß7-7245,
Orgneilleuse. Fortsetzung. Gawan reitet auf Malcreaturs Gaul mit
Orgueilleuse davon; sie gelangen an einen breiten Strom, jenseits desselben
ein prächtiges Schloß sich erhebt, an dessen Fenstern Frauen und Mädchen
sitzen. Orgueilleuse lässt sich hinüber fahren. Gawain bleibt am Ufer und
rüstet sich zum Kampfe gegen einen Ritter , den er so eben auf sich kommen
sieht. Ich bemerke, um nichts zu vergessen, daß 525, 10 — 629, 16 und
532—534, 9 Wolframs ?:uthat ist.
530, 21. al stunde bi der frouwen
daz marc begunder schouwen.
daz was ze drster tjoste
ein harte krankiu koste,
diu sticleder yon baste.
dem edeln werden gaste
was etswenne gesatelt baz.
üf sitzen meit er umbe daz,
er forht daz er zeftrste
des saieles gewagte.
531. dem pfärde was der rücke junc:
waer draf ergangen da sin sprunc,
im w»re der rücke gar zevarn.
7075. 61 roncin ot moult laide beste
graisle ot Ie col, grosse la teste,
longues oreilles et pendans . . .
li roncins fu grailles et Ions,
s'ot maigre cropo et torte eschine,
les resnes et la chevetine
del firain Airent d'une cordele,
et descoverte fu la sele,
que pieca n'avoit este nueve,
les estriers cors, et Si les trueve
foibles que fichier ne s'i ose.
110
ALFRED ROCHAT
534, 17. — <^ u£s pmn et S42.
ez tniof in kdm« ftrbas,
anderhalp üe in etbiiwen laute
eine bürg er oik den ougen vast 2
sin herze unt diu ougen j4hen
daz si erkanten nodi gesahen ^
decheine bnrc nie der gelicb.
si was alumbe riterlich :
tüme unde palas
manegez üf der bürge was.
dar zuo muoser schouwen
in den renstem manege fronwen :
der was vier hundfett ode m^r,
yietö undr in von arde h^r.
535. Von passäsehen ungeverte gr6z
gienc an ein wazzet daz da Hdz,
schefrffich, snel nnd« breit«
535, 8. Gawän der degen snel
sach einen riter nach im varn,
der schilt noch sper iHht künde spam.
7137. ensi s'efi >« Mr lo rottein
par forests gastes et se^ignes,
tant que il vint a terres pkitgtles
sor une riviere paribnde,
ensi lee que nule fonde
de mangonel ne de perciere
ne gitust outre la riviere,
ne harbaleste n'i traissist.
de l'autre part sor Teve sist
- uns chastiaus trop bien conpasses,
trop fors et trop riches asses,
ie ne cuit que mentir me loise.
li chastiaus sor une faloise
fu fermes par si grant richesse,
q'onques si riebe forteresse
ne virent oil d'ome qui vive . , .
0 palais fenestrea overtes
ot bien cinq cent, totes covertes
de dames et de damoiseles
qui esgardoient devant eles
1«8 pres et les vergiers fioris.
7199. messire Ganvains maintenant
torne sa chiere, et voit v^etiant
un Chevalier par mi la luide
trestot arme — - — —
Zum Schlüsse kann noch bemerkt weiden, daß dieser Ritter keinesvegs
Lischoys Gwelljus bei Chrestiens genannt wird, und daß er hier kein anderer
ist, als der Neflfe des Georreas, der übrigens nicht auf dem Guingalet reitet.
Aus einer spätem Stelle V. 8657 ergibt es sich, daß er li orgoilleux heißt
de la röche ä Vestroite voie, qui ^arde les pors de Oalvoie,
7245—7286.
Zweikampf Gawans mit dem Ritter (Li-
536, 10 — 543, 30.
Orgueilleuse. Fortsetzung,
schoys Gwelljus). Im französischen Texte ist die Erzählung viel kürzer als
im deutschen , denn Gawäin begnügt sich damit , seinen Gegner mit einem
Lanzenstich zu Boden zu werfen, wobei allerdings gesagt wird ; 8Z lurte, si
que il li passe lescu et lo Kavhero en masse; dies scheint auch in der That
genügend gewesen zu sein, denn der Ritter gibt sich sogleich gefangen.
543, 30 — 662, 30. 7286—7408.
Orgueilleuse. Foilsetzung. Kaum ist der Kampf zu Ende, da erscheint
der Fährmann, derselbe, welcher die Orgueilleuse hinüber gefahren hatte,
und fordert als Zins des Kampffeldes das Ross des Besiegten. Gäwan aber,
er auf das Ross hält, denn er besitzt kein anders, das laufen kann, überlässt
WOLFRAM VON ESCHENBAGH tlND CHBESTIENS DE TROTES. Hl
dem FäbrinaiiD anstatt desBen den Besiegten selbst, worüber je»er hflcbst
erfreut ist. Alie drei fahren nun über den Flufi, and Gavain übernachtet
beim Fährmann, dessen Namen Chrestiens nicht erwähnt
547, 3. dd sprach er 'lieber htm min, 7373. 'mas se croire m'en yoleieg,
darzita tuotfhet selbe shi hnimais heibcrgier tenreies
mit mir hkie daroh gemach\ a tel hoste! com est U nriens.'
548, 10. 'gar äventiure isft al dhs lant; 7378. 'que c'est une terre salraige,
ais Wert e« naht und otich den tao'. tote pleine de grans mervoilles.'
Daß übrigens Clinschor der Herr des Landes sei, sagt Chrestiens nicht.
Von 549 an hat Wolfram die Erzählung verschönert und in die Länge gezo-
gen; der französische Text ist kürzer, obwohl er in wenigen Worten alles
enthält, was Wolfram berichtet, nur wird die Bene nicht erwähnt :
653—582, 30. 7408—8178.
Abentheaer im ChAstel Marveiile ~ lü de Uu Merveiüe. 553 — 556
wird im fraasdacheik Texte natürlich nicht erwähnt« Auf Gairains Fragen
antwortet d»r Wfarth zientlich nmständlich : dieses Schloß liefr nänfiNeh eme
Königin banen, welche eine andere Königin, eine FremiÄn rtm ihr, hierher
mit sich brachte ; in dem Schlosse selbst ließ sie durch einen cUn'cs saiges
älastronorme ein großes Wunderwerk machen, das größte auf Erden. Außer
den beiden Königinnen wohnen noch hier viele Frauen und Ritter im Zauber-
bann gefangen. Wie die Königui des Schlosses heißt, wird im Gontes d. G.
noch nicht erwähnt. Auch ist sie eigentlich die Herrin des Landes und kei-
nesweges der Zanberer, welcher vielmehr in ihren Diensten zu stehen scheint.
558, 15. 'op daz get erzeige 7506. 'mas ains iert mers tote de glace
daz ir niht sil ^^Ag^^ que Tan ud tel cheyalier truisse
s6 wert ir h^r diss landes : qui en cest leu remanoir puisse,
swaz fronwen bie st^t pfandes, qu'il lo coraDroit a devise
die starkez wunder her betwanc, large et preu sans coveitise,
daz noch nie riters piis erranc, bei et bardi, franc et leial,
mantf saijant, edelin riterschaft, sans coyeitise et san mal ;
op die hielrk^eset iwer kraft, s'uns tex en i pooit Tenir
sd sit ir prfiss gdb^ret si porroit lo pais tenir,
und hat iuch got wol g^ret : ' eil rendrpit as dames lor terres . . .
ir muget mit freuden herre sin et hosteroit sans nul relais
über manchen liebten schin« les enchantemants del palais.'
frouwen Yon manegen landen.'
Über dM besiegten Ritter erfahrt Gawains nichts fan C. d. 6.; hingegen
kaum bat er des Fährmanns Erzählung gehört, so schickt er sich an, das
Scbloß zo besuchen; seines Wirthes Thränen und Ermahnungen nützen zu
nichts. Etwas abweichend ist bei Wolfram das Folgende, denn in Chrestiens
Erzählung begleitet der Fährmann seinen Gast bis in das Schloß hinein» und
112
ALFRED ROCHAT
der Krämer Wolframs ist hier ein esohacier, 0t sol seant qm camt esehace
cCargefd • . . n'twait mie les maina oUeasee U eachadera, car il tenoit m
canivet, st entandoit a doler tm boMon de fraisvie^ dessen Rolle höchst unbe-
deutend ist. Vom Wunderbette weiß Gawains' noch nichts, erst jetzt wird
er dessen gewahr und erfahrt : que cest U lis de la mervoiUe, ou fms ne dort
ne ne aomaiUey ne ne repoae, ne ne stet, que iamaid eains ne saus en liet.
Trotz allen Ermahnungen des Wirthes , der ihn vom Bette fern zu halten
sucht, beschließt Gawains das Wagestück zu versuchen, worauf der zitternde
Fährmann sich alsobald entfernt.
566, 11. er gienc ^er kemenaten in;
der was ir estriches schin
lüter, hsle, als ein glas,
da. lit maryeile was,
daz bette von dem wunder.
vier schiben liefen drunder,
von rubbin lieht sinewel,
daz der wint wart nie so snel;
d4 warn die stoUen üf geklobn.
den estriofa muoz ich iu lohn :
von Jaspis, von crisolte , . ,
7608. li pavemens dou palais fu
vers et vermeus, nides et pers,
de totes coleurs fu divers,
moult bien ovres et bien polis.
en mi lo palais fu uns 11s
ou n'avoit nule rien de fast,
ne rien nule qui d'or ne fast,
fors que les cordes solement
qui totes estoient d*argent.
del lit nule fable ne fas
que a chascun des antrelas
ot une campane pendue;
desos lo lit ot estandue
uiie gfrans ceute de samis.
a chascun des quepous del lit
ot une escharboucle ferme
qui randoit tres si grant clarte
cun quatre cierge bien espris.
li lis fii soT goces assis
qui moult recbinnoient lor ioes,
et li goces sor quatres roes
si isneles et si mouvans,
Ca un sol doi partot leians
de Tun ahief iusoa l!autTe alast
li lis qui un po vos botast.
Ich lasse noch eine Stelle aus dem Kampf mit dem Löwen hier folgen:
571, 24. sin erster grif was als6 komn, 7773. par Tuis ors d'une vote saut.
durch den schilt mit al den klan.
von tiere ist selten e getan
sin grif durch solhe herte.
Gawän sich zuckes werte :
ein bein hin ab er im swanc.
der lewe üf drien föezen spranc:
ime Schilde beleip der vierde fuoz.
et mon seignor Gawain assaut
par grant fierte et par grant ire,
et tot ausin come par cire
totes ses ongles li enbat
en son escu, et si Fabat,
si qu'as genos venir lo &it ;
mais il saut sus tantost et trait
ors do fuerre sa bone espee
et fiert si qu*il li a copee
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND CHTOSTIENS DE TEOTES. 113
1a teste et amedeus les pies.
lors fti messire Gawains lies ;
et li pie remestrent pendu
par les ongles a son escu.
Die „Hinfliuodert Armbrust^ bei Wolfram entsprechen den „cinq cent
arbelestre^ bei Cbrestieus. Von Cap. 673, 26 an bis zum Schlüsse der Er-
zählung weicht W'olfram in mehreren Punkten von Chrestiens Darstellung
ab. Dieser weiß vielmehr zu erzählen und schickt Gawain nicht sogleich
ins Bett wie Wolfram. Hervorzuheben ist , daß im französischen Texte die
Königin sich ungemein für Artus und die ganze Tafelrunde interessiert; ihrer
Fragen ist kein £nde ; sie erkundigt sich über Gawains Vater und Brüder
und über ihn selbst, doch erfahrt sie seinen Namen nicht.
683—626, 30. 8178-8842.
Orgueilleuse. Schluß. Die Erzählung ist in beiden Gedichten im Ganzen
dieselbe; indessen nimmt man wahr, daß, je weiter die Handlung fortschreitet,
je näher sie dem Ziele entgegen rückt, Wolfram auch desto mehr den fran-
zösischen Dichter seiner Wege gehen lässt, um selbst sich Bahn zu schaffen
und mit freier Haod zu walten. Daher muß ich auch bemerken , daß meine
Eintheilung des französischen Gedichtes von 8178 — 8842 eine willkürliche
und in der Erzählung selbst keineswegs begründete ist. Bei der Vergleichung
beider Gedichte schien es mir indessen die Hauptsache zu sein , eine mög-
lichst klare und anschauliche Ordnung der Begebenheiten anzustreben, wo es
weniger auf den innem Zusammenl^ang als auf die äußere Darstellung an-
käme. Dazu kommt nun, daß im deutschen Parzival mit 626, 30 ein beson-
derer Abschnitt eintritt, und daß, was dort erst 631, 20 erzählt wird, im
französischen Gedichte gleich auf 624, 26 ohne Unterbrechung zu folgen
kommt, während der Inhalt von 626 — 626 , 30 erst später und zwar gleich
nach 636, 14 erzählt wird, woran sich dann 644, 12 anschließt. Ich war also
genöthigt, entweder Wolframs Eintheilung zu folgen, oder aber von 683 an •
bis 662, 16 einen besondem Abschnitt zu bilden, was seine Berechtigung
einzig darin gehabt hätte, daß meine Handschrift ungefähr dort zu Ende geht.
In wie fem nun Wolfram in diesem Abschnitte von Chrestiens abweicht, wird
eine nähere Vergleichung darthun.
Zuerst der Zweikampf zwischen Gäwän und dem duc de Gowerzin, den
Chrestiens nicht mit Namen nennt; 683—588, 8 ist natürlich Wolframs Zu-
that, fejner erwähnt Chrestiens die Bildsäule nicht; hier sitzt Gawain
oben auf dem Thurme und sieht von da aus Orgueilleuse mit einem Ritter
durch die Ebene reiten , doch erkennt er sie auch nicht sogleich und erfährt
erst von der Königin, wer sie ist. Vergleichen wir noch folgende Stelle :
594, 2. 'der turkoyte ist mit ir konm, 8233. 'do Chevalier que ele maine
von dem sd dicke ist vernomn, vos pri ie qu*il ne tos rechaille,
das sin herze ist unverzagt« qu*il est bien, lo sachois sans faille,
•UnUKIA III, 8
114
ALFBED HOCfiAT
er h&t mit fiperen pris bejagt, sor tos cheTaliers coiageos;
es wsrn geheret drin lant. sa bataille n'est mie a jeus,
gein siner werlichen hant que maint cheyalier a ce port
sult ir striten miden nuo. a, yoient moi, conquis et mort*.
striten ist iu gar «e fruo.*
Ehe Gawain da« Schloß verlässt, sagt er noch zur Kosigin: mais m
don V08 demant et rutfi.. . que mon non ne me demand&s devant sei iors.,.
Kachdem Gawains seineD Gegner verwandet nnd dem Fährmann übergeben
hat, spottet hier Orgueilleuse seiner, gerade wie auch im deutschen Gediehte.
Vergleiche :
599, 6. ^an disen ziten ungemach
muget ir gerne yliehen :
l&t iu den yinger ziehen,
ritet wider üf zen fronwen.
wie getörstet ir geschouwen
strit, den ich werben solde,
ob iwer herze wolde
mir dienen nach minne.*
Vergleiche noch 600, 22, 23, 24.
600, 6. des weinde manec frouwe,
daz sin reise ald& yon in gescha^ch r . •
11. 'öwe, daz er nu yolget sus
gein li gweiz prelljus
Orgelüse der herzogin.*
Gawain versucht über den ffue periUeus hinüber zu springe« , was ibm
jedoch nicht ganz'gelingt; folgende Beachreibung geben (davon J>eide Gedicht^:
8346. 'cuides vos miaz de lui valoir
por ee que abattu Taves :
sovent avient, bi^a lo savee,
que li faibles abat lo fort.
Mais se yos laisseies cel port
et ensanble moi yeneies
yers cel aubre, si feissies
une chose que mes amis
que yos aves en la nef mis
faisoit por moi, quant ie yoloie;
a don« por yoir tesmoigneraie
que yos yaureies. meü- que i),
je ne yos auroie Wftis vil.'
8383. Ensin celes lor docü 4»isoißpt
por lor »eignor qu*^8 y^oi^yit
siure la male damoisele
desos Taubre — -.— —
602, 12. GawÄn der ellens riebe
nam daz ors mit den sporn :
ez treip der degen wolgeborn,
daz ez mit zWein fuezen trat
hin über an den andern stat.
der sprunc mit yalle muoste sin.
des weinde iedoch diu herzogin.
der wäc was snel unde gr6z.
Qawd,n siner kraft gende :
doch truoger faarnasches last,
dd was eines boumes aet
gewahsen in des wazf^rd tr4^ :
den begreif der starke man,
wander dennoch gerne lebte.
8427, loxß 8*e$loigne de la liyieiie,
et yient tos les graiui sani «ffi^vf
por saillir outre, mes U faut,
qu*il ne prist mie bien \o «aui,
ains sailli tot a mi lo gue;
et ses cheyaus a tant noe
qu'il prist terre de quatre pies;
si s'est por saillir afßchies,
si se lance si que il saute
sor la rire qui moult ta hmihe.
quaat a la terre ti wemta
si s*«9^ ton oQk ea pies tonns«
c'onqiie« n^ se pAtMffliowi,
ancois c^yigii, par eU0Y^^
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND CHRESTIENS DE TROYES.
11«
descendre mon seigBot Gawain
^ui moult troya sob c]^eval yain.
et il est desoendus tantost
et s'a taleot que 11 li est
-la sele, et il li a ostee
et poT esfiuier a eestee ;
quant li penes li fu ostes,
' Teye do dos et des costes
et des iambes 11 abat ius
puls met la sele et monte sus.
sin sper da bi im sweble :
da2 begreif dev «igant.
er st<eie hiB ^ an daz lant.
GringQÜet swam ob uad unde,
dem er heljfeu d^ beg«nde.
daz GTS b6 Jen hin nider yl6z :
des loufens in dern^ch yerdfdz,
wandei svaere harnas traoo :
er hete wunden euch genuoc.
DO treib ez ein werye her,
daz erz errisichte mit dem sper,
alda der regen unt des guz
erbrochen hete witen yluz
an einer tiefen halden:
daz uoyer was gespalden :
daz Gringulieten nerte.
mit dem sper erz kerte
s6 nahe her zuo an daz lant,
den zoiun ergreif er mit der hant
sus z6ch mm h^r Gäwan
daz oFs hin üz fif den plan.
ez schütte sich, d6 ez genas,
der schilt da niht bestanden was :
er gunt dem prse UAt nam den schilt.
Nun erfolgt das Zusammentreflfen mit Gramoflaaz (Giromelans) » der
übrigens im französischen Texte die Rede 604 , 22 — 30 gar nicht hält, nnd
als höchst friedlich erscheint; das Folgende lautet im Ganzen gleich; auch
hier meldet er dem Gawain, daß er Orga^Ueuaen Geliebten getödt^, und
daß sie ihm dafür Bache geschworen hat; ferner erzählt er, daft
die Königin des Schlosses Yguerne heiße, sie sei Arthurs Matter , Uter-
pendragons Gemahlin, und die andere Königin sei Lots Gattin, er selbst aber
sei in deren Tochter verliebt, was jedoch nicht verhindere, daß er ihren Bru-
der Gawain hasse und ihn zerfleischen möcl^te. üngefiihr wie im deutschen
Gedichte verwundert sich Gawain darüber, daß man die Familie, seiüer Ge-
liebten so feindlich gesinnt sein und den Tod ihres Bruders wünschen könne;
darauf gibt er sich zu erkennen, und das folgende ist wie bei Wolfram. Zu
bemerken ist übrigens, daß man hier gar nicht einsieht, warum Gramoflanz
aaf Gawain einen tödtlichen Haß geschworen hat, denn er sagt es selbst
Dicht. Sein Land heißt Orcaneles und der Zv^eikampf soll dort am Pflngst-
tage stattfinden. Auch wird Gawains benachrichtigt, daß Artus in Orcanie
(Korchä) mit seiner ganzen Massenie sich aufhält. Ich maß endlich noch
anfahren, daß, Chrestiens früherer Angabe zuwider, Giromelans in Bezug auf
die OrgueiHeuse sagt, sie sei aus dem Lande (oder der Stadt) Norgres (oder
enorgres). Vergleiche noch folgende Stelle :
8*
X16 ALFRED ROCHAT
610, 25. der künec Gawann mit im bat 8*755. 'Gawains, fait il, ei ie te t<h1
ze Bosche Sabbius in die stat : mener au meillor pont del monde,
'irn mugt niht anderr brocken han , ceste eye est loide et parfonde
dd sprach min her G4wAn : que passer ni puet riens qui vire,
'ich wil hin wider alse her ; ne saillir iusca Tautre rive.'
anders leiste ich iwer ger . et mes sire Gawains respont :
'ie ni querrai ne g9p ne pont
por rien nule qui m'i ayeigne'.
Das Folgende ist in beiden Gedichten genaa übereinstimmend , nnr ist
der französische Gawain nicht in dem Maße verliebt wie der deutsche, auch
hat hier Orgueilieuse nicht so viel von ihrem Gemahl (Cidegast) zu. erzählen
wie im ^Parzival^. Chrestiens ist kürzer.
611, 11. er wolt daz ors niht üf enthabn: 8766. lors point, e^ ses cheyax sailli
mit sporn treib erz an den grabn. outre l'eve delivrement,
Gringuljet nam bezite que point n'i ot d*encombrement.
sinen sprunc sd wite,
daz GÄwan vallen gar yermeit.
Nun begeben sich Gawains und Orgueilieuse an das Ufer , werden hin-
übergefahren, und kommen vor das Schloß an, wo man sie fürstlich empföogt.
Im französischen Gedichte wird der Knappe erst später an Arthurs Hof ge-
schickt.
627—678, 30. 8842-9066.
Da meine Handschrift mit Vers 9066 schließt, so führe ich aus Wolfram
nur das an , was vor 652, 15 erzählt wird. Den Inhalt dieses Abschnittes
bilden also die Festlichkeiten auf Ghasteil Marveille, die Überbringung des
Ringes, den Gramoflanz der Itonje schickt , die Ankunft des Knappen in Or-
canie (Bems bi der Korcha). Man wundert sich in Chrestiens Erzählung
hier den Ring erwähnt zu finden, denn Gramoflanz hatte vorher dem Gawains
keinen Auftrag an Itonje gegeben; ferner spricht hier Gawains mit seiner
Schwester auf eine etwas andere Weise als im deutschen Gedichte, denn er sagt:
^ha ! bele, ia s'est il yantes
que Yos Yoldroies mielz asses
que mors fust mes sire Gavains
qui est Yostre frere germains,
qu*il eust mal en son artoil.'
während der deutsche Gäwän diese Rede verheimlicht. Das folgende 636,
15 — 644, 11 erwähnt Chrestiens nicht, hingegen lässt er Gawains erst jetzt
den Knappen fortschicken, welchen der Dichter sogleich an Arthurs Hof be-
gleitet. Hier nun, und zwar mitten in der Erzählung, bricht in meiner Hand-
schrift das Gedicht plötzlich ab. Wir dürfen vermuthen, daß die Ankunft
des Boten in Orcanie ungefähr in derselben Weise von Chrestiens beschrie-
ben wird , wie Wolfram sie beschreibt ; daß Arthur und der ganze Hof über
Gawans Abwesenheit trauern, wird noch im französischen Gedichte ausdröck-
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND CHBESTIENS DE TROTES. 117
lieh gesagt. Die Geschichte Elinschor's fehlt ganz gewiss bei Ghrestiens ;
während er hingegen die Vorbereitungen zum Kampfe mit Giromelans, und
zwar ungefähr in derselben Weise wie Wolfram, wahrscheinlich beschrieben
hat. Darauf scheint nämlich eine frühere Stelle hinzudeuten, wo gesagt
wird, als Gawains mit seiner Schwester spricht, daß sie jetzt noch nicht
wisse wer er sei, später werde sie es aber erfahren, auch ihre Mutter und die
Königin, und daß eine große Freude daiüber entstehen werde. Damit wären
wir bis 679 im deutschen Parzival gekommen. Für weitere Vergleichungen,
die zu einem sichern Resultate fuhren könnten, steht mir nichts zu Gebote.
Einige Yermuthungen wird man mir später zum Schlüsse noch erlauben.
Aas dieser Untersuchung über das Verhältniss des deutschen Parzivals
ZQm Contes del Graal geht als Gesammtergebniss hervor, daß Wolfram von
Eschenbach Ghrestiens Gedicht nicht bloß gekannt und gelesen , sondern
auch einer genauen Prüfung gewürdigt und in vielen Stellen, man könnte
beinahe sagen , abgeschrieben hat. Dem Gange der Erzählung , ich spreche
natürlich vor der Hand blos von 118—679, folgt er Schritt fär Schritt, er
erzählt die nämlichen Begebenheiten wie Ghrestiens und befolgt bemahe in
allen Punkten dieselbe Anordnung und Anreihung. Einzelne Abweichungen
finden sich gegen das Ende, von 433 — 446, und dann besonders in deni
ganzen Grälabenteuer, ^das überhaupt im deutschen Gedichte ziemlich ver-
schieden behandelt wird von der Art, wie es Ghrestiens erzählt; indessen ist
anchhier leicht einzusehen, daß sich Wolfram in den von Ghrestiens aufge-
steckten Grenzen bewegt; das Grälgescblecht, einige nähere Angaben über
den Gral selbst, überhaupt alles was dazu dient das Erzählte zu motivieren,
nnd verständlich zu machen , dieß hat Wolfram von Ghrestiens nicht ent-
lehnt, alles Übrige aber ist des französischen Dichters Eigenthum, alles
Übrige verdankt Wolfram unmittelbar dem Contes del Graal. Bei diesen
allgemeinen Zügen lässt es sich aber keinesweges bewenden, und noch viel
bedeutender ist es, daß Wolfram unzähliche Male Ghrestiens eigene Worte
gebraucht. An einer Stelle findet er einen guten Witz, der gefallt ihm, er
schreibt ihn ab; ja in vielen Einzelheiten, die von keinem besondern Werthe
zn sein scheinen, die er leicht anders hätte erzählen können, kann er es
nicht über sich nehmen, von Ghrestiens abzuweichen.
Dieser erzählt z. B. und es gehört, wie die ganze Einführung der Obilot,
zu den hübschen Zügen seiner Darstellung, wie Thibaut seine kleine Tochter
vor sich anf dem Rosse nach Hause fuhrt, und wie er glücklich ist, das ge-
liebte Kind in seinen Armen zu fühlen. Das spricht nun Wolfram allerdings
nicht wörtlich nach, und doch kann er sich nicht enthalten zu bemerken, daß
Lippaut seine Tochter zu sich auf das Ross nimmt und so mit ihr heimkehrt.
Bei Erwähnung dieser Episode muß ich bemerken, daß das Lob, welche^
JJ8 ALFÜEP EOOÖAT
Simrock in Bezug auf Obilots Gestalt dem Wolfram von Escheabaoh zu Theil
werden lässt, vielmehr dem Chrestiens zukommt, wie dieser überhaupt in
solchen Nebenzügen meist Wolframs Vorbild gewesen ist. Nicht in diesen
anmuthigen Beschreibungen ist es , wo wir Wolframs Verdienst zu suchen
haben, denn bierin hat er sich fast ausschließlich nach Chrestiens gebildet.
Wolframs Verdienst ist ein ganz anderes , ein weit größeres , denn es be-
ginnt mit Gahmnrets Geschichte, und endet mit Parcivals Gralerlangung;
ein Verdienst, welches erst vollends zu Tage tritt, sobald man Chrestiens
Werk mit dem ganzen Parcival vergleicht , und wovon nfcht der geringste
Theil dem Kiot zukommt, Das muß man sich künftighin gefallen ^lassen.
Daraus also, daß Wolfram von 118 — 679 Chrestiens Werk gefolgt ist, lässt
sich schließen, daß alles Übrige einem Dichter Kiot (Guiot) nicht zuge-
schrieben werden darf? — ganz natürlich: den Grundgedanken des Gedich-
tes, der sich übrigens auch bei Chrestiens spüren lässt, hat ein Kiot niemals
bis ins einzelne durchgeführt wie Wolfram , denn hätte dieser einen solchen
Percheval von Kiot gekannt, so bliebe es unerklärlich, warum er dann noch
brauchte Chrestiens so gewaltig zu benutzen; da nun der Theil, dessen In-
halt im französischen Gedichte fehlt , offenbar im engen innern Zusammen-
hange mit dem Übrigen steht, so folgt daraus, daß kein Gedicht von Kiot
existiert, in welchem dieser Theil vorhanden wäre,* und daß alsp weder die
Geschichte Gahmureta, noch die Erlangung des Grales, wie sie Wolfram
darstellt, von einem französischen Dichter herrührt.
Eine andere Frage ist es, ob Wolfram im weitern Verlaufe der Ge-
schichte Parcivals, also vpn 679 an bis zum Schlüsse, Chrestiens Werk
theilweise noch benutzt hat. Mir scheint das nicht wahrscheinlich; denn aus
den Capitelüberschriften, die den Inhalt des C, d. Gr., allerdings sehr flüch-
tig, angeben, geht hervor, daß sich, besonders gegen das Ende, die Aben-
teuer ungemein ven^ irren, und ohne irgend einen innern Zusammenhang an
einander angereiht sind, ein Fehler^ der übrigens Chrestiens Fortsetzern zu-
zuschreiben ist, die dem ursprünglichen Werke durch ihre Anhängsel ge-
schadet haben, wie das bei den Fortsetzungen zu geschehen pflegt. Wolfram
konnte einen solchen Schluß nicht brauchen , und so wird, er Chrestiens all-
mählich verlassen haben, wie er es zu thun schon angefangen hatte, und seinen
eigenen Weg gegangen sein. Woher hat aber der deutsche Dichter alle jene
missgestalteten französischen Namen entlehnt, die so massenhaft im Parzival
vorkommen? Bekanntlich führt er die meisten Namen an, die Chrestiens ge-
braucht, aber auch viele gibt er an, die Chrestiens nicht kennt , und er sagt
z.B. geradezu Conduiramur für Blancheflur. Daraus folgt auf jeden Fall, daß
er hier diese Namen entweder selbst' erfunden, oder aus andern Büchern, aber
keineswegs aus einem Perchevalgedicht entnommen hat; denn es müßte dann
dieses Perchevalgedicht demjenigen des Ohrestiens bis auf jene Namen voll-
kommen ahnUch. sein» und müßte Wolfram den C. d. G. nicht beniädbzt haben.
WOLFRAM VOS ESCHENBAGB üKD CHREffÜENS DE TBOYES. Hd
DftsseA« Ii86t steh Ton den Kamenregisteni 770, 772 sagen , deren Inhalt
wofal gröfttentheils Wolfram »elbst erfanden hat, wofür er französisch genug
verstand. Aas dem. Gesagten lässt sich fäglich schliel^en, daß Kiot, sei er
wer er woUe, ein Percheval- oder Gralgedicht niemals geschrieben hat, nnd
daß Wolframs Angaben über ihn nicht im mindesten zu trauen* ist. Ebenso
ist ersichtlich , dass der Dichter des Parzivals die deutschen Namen , die in
Verbindung mit Gahmuret vorkommen, wenn nicht aus Kiot, natürlich auch
nicht aus irgend einem französischen Gedichte geschöpft hat, was an sich
schon eine Uowahrscheinlichkeit wäre, selbst wenn Kiots Gedicht existiren
sollte. Daß jedoch Wolfram den Namen Amuret (wohl, wie Grimm sagt, für
Gamuret) aas dem Gedichte Tyrol und Fridebrant entlehnt habe bezweifle
ich, besonders wenn er, wie Simrock will, ein romanischer sein soll; denn es
wird wohl erst dem Wolfram eingefallen sein, den Gahttimret mit jenen deut-
schen Helden in Berührung zu bringen. Ich glaube übrigens, daß der Dichter
des Parzivals diesen Gahmuret ganz einfach aus Ghvestiens entlehnt hat,
wo dieser V. 44 1 der Bemer Hds. einen roi de Oomorret anführt, der in der Hds.
des Arsenals Ban d^ Gamaret heißt. Wolfram machte aus dem Ortsnamen
einen Personenname», gerade wie er die Fee Morgan: terre de lajoie nennt,
und Morgan zu einem Lande macht. Dieser roi de Gamoret scheint nach
England hin zu gehören, und das würde mit San Marte*s Hypothese im zwei-
ten Bande der Germania zusammenstimmen.
Es bleibt mir noch etwas zu bemerken, welches hier am Schlüsse seinen
geeignetsten Platz findet. Ich habe oben bei der Textvergleichung eine Stelle
aufgenommen, die San Marte (Germania 2, 86) so übersetzt : „doch aus dem
Forst von Brecilian ritt damals ich als Hahnrei ab," jedenfalls eine geist-
reiche Erklärung des Ausdruckes : injuven poya (Wolfr.271, 9); daß sie aber
richtig ist, bezweifle ich; denn hätte Wolfram diesen Ausdruck hier als Sprich-
wort aufeefasst, so hätte er ihn gewiss nicht ohne alle Ursache 286, 26 in einer
Bedeutung gebraucht, die unmöglich die gleiche sein kann wie 271, 9 ; er wen-
det ihn aber an ohne alle Ursache 286, 26 , denn davon ist im französischen
Texte keine Spur. Juven poya scheint mir Wolfram an beiden Stellen in der
Bedeutung „hSfie sttiden'^ gebraucht, und aus Missverständnis eines französi-
schen Verses so geschrieben zu haben. Daß übrigens die Wörter juven bois
bei Chrestiens nicht vorkommen, darf denjenigen nicht befremden, der San
Marte's Erklärung för richtig hält Wolfram hat unzähliche Male französische
(und nicht französische) Ausdrücke und Sätze ersonnen, die man vergebens
in den Perchevalromanen nachsuchen wird, geschweige denn bei Kiot.
Ich schließe hier diese Untersuchung, die bei weitem nicht alle Punkte
berührt; die Hwiptsache aber, Wolframs Verhältniss zu Chrestiens und dem-
nach zu Kiot hoffe ich genügend erörtert zu haben. Über die Grälgeschichte,
die Gralfamilie, Titurel, Frimutel, und wie die Leute alle heißen, habe ich
nicht» au hemeAenu Wer noch an em ausfuhrliches Gedicht darüber glaubt,
120 FRANZ STARK, ÜBER GERMAIOSCHE PERSONENNAMEN.
aus dem Wolfram alle seine Angaben geschöft habe , der wird es begreifen,
daß man schweigen soll, bis jenes aufgefunden wird. Wer hingegen- mit mir
der Meinung ist, daß das Giälgeschlecht und alles was Wolfram über das-
selbe meldet eine reine Erfindung von .ihm ist, der wird sich mit dem begnü-
gen, was wir im deutschen Gedichte davon erfahren.
Man sieht, ich muthe Wolfram von Eschenbach viel zu, ich wage es zu
behaupten, daß er, ebenso wie Ghrestiens, Einiges erfunden hat, und daß, wenn
man ihn einen großen Dichter nennt, man ihm folgerichtig auch die Erfin-
dungsgabe eines großen Dichters nicht absprechen darf. Ghrestiens nimmt
jetzt eine hohe Stellung ein. Wolfram und er steigen vereint, glanzvolle Ge-
stirne, am mittelalterlichen Bimmel auf. Kiot , einem trügerischen Meteor
gleich, schwindet, kaum aufgegangen, spurlos dahin.
ZÜRICH» Februar 1858.
ÜBER GERMANISCHE PERSONENNAMEN.
5.
Die Namen Sccuriua p. a. 800 Polypt. Irm. app. VIII, 343., Scherilo a.
805. Neug. nr. 1 53 , Skarenza sec. 9. Verbrüdrgsb. v. St. , Peter 47, 41
(vgl. Berinza a. 909 Honth. bist, trevir. nr. 137, LiuUnze a. 963 Neug.
nr. 749, Ratinza a. 861 Kausler nr. 136, Richenzas,. 1082 mon. Germ, VIII,
720, 60 (Annalista Saxo) u. a.), Scariberga (uxor S. Arnulfi) a. 613 mon.
Germ. VITI, 314, 47 (Sigeb. chron.) werden von'Förstemann S. 1077 durch
ahd. scara agmen, aeies erklärt.
Daß die Verwendung eines Wortes dieser Bedeutung in germanischen
Namen thunlich ist, dafür sprechen die mit anlautendem AaW, heri kompo-
nierten Namen, Nichts desto weniger soll noch ein anderes Etymon nicht un-
beachtet bleiben, dem mindestens gleiche Berechtigung, hier genannt zu wer-
den, zukommt. Ich meine ahd. scar, scaro vomer. Wie ahd. ploh aratrum
und framea bezeichnet, so mag auch scar Pflugeisen in der Bedeutung eiöer
Waffe in Personennamen verwendet worden sein. Altnordisch /Ä;arr gladius
bekräftiget diese Annahme.
Einer andern Erklärung werden bedürfen die Namen Scherus a. 1271
Mohr, cod. dipl. Rhset.I, 390 nr.260, Scerolf, zu entnehmen dem Ortsnamen
Sceroluinga sec, 9. ürkundenb. des Landes ob. d. Enns I, 32 (cod. trad. mon.
lunaölac. nr. 53) und das oben genannte Scherilo. Gleiche Ansprüche hier
angezogen zu werden haben ahd. /t?m sagax, velox und/<?^ra forfex. Daß
bei dem letzten Worte nicht an der angegebenen Bedeutung festzuhalten ist,
versteht sich von selbst. Jedenfalls ist auch hier an eine Waffe zu denken.
Unterstützt wird diese Annahme durch altn. fkc&ri n. pl. forfices und culter,
en Sahs, nach Holmboe, Det norske Sprogs vaesentligste ordforrad u. s. w. S. 301.
FRANZ STABK.
LITTERATUB. 121
LITTEEATUR.
Van den VOS Beinaerde, door Jonckbloet. Groningen» Wolters. 1856.
Allgemein anerkannt ist, dafi yon den mittelalterlichen Dichtungen Tom Fuchs
Reinhard und yom Wolf Isengrim die flämische die yorzügüchste ist. Sie ist be-
kanntlich nur in zwei sehr jungen Handschriften erhalten. Die erste mit dem
kurzem Text ungefähr yom Jahr 1400 kommt aus Gomburg und ist jetzt in Stutt-
gart. Nach dieser Handschrift Ue^ zuerst Gräter das Gedicht drucken 1812. Dieser
Abdruck li^gt den neuen Ausgaben zu Grunde ; die Handschrift selbst wurde nur
an einzelnen Stellen neu yerglichen. Die zweite Handschrift, jetzt in Brüssel, die
einen längern Text und eine Fortsetzung enthält , ist noch nicht yoUstftndig be-
kannt; Willems gab daraus die Fortsetzung, yom ersten Theil aber nur ausgewählte
Lesarten. £s ist schon yon Jacob Grimm in den Göttinger Anzeigen, 1837 Nro. 88»
yerlangt worden, daß der ganze Text der Handschrift gedruckt werde. Und daft
dieß nöthig sei, ist auch die Ansicht Jonckbloets, Einleitung S. 8. Bei dieser Sach-
lage wird Jedermann erwarten , in dieser neuen Ausgabe diese für nöthig erkannte
Vergleichong der beiden Handschriften zu finden. Man ist erstaunt, zu sehen, daß
dieß nicht der Fall ist. Der fleißige und gelehrte Herausgeber begnügt sich , den
schon oft gedruckten Stuttgarter Text noch einmal drucken zu lassen , und zwar
wiederum nicht nach der Handschrift, sondern nach dem Abdruck Gräters und den
Lesarten und Verbesserungen Grimms , wobei er einzelne Stellen glücklich herstellt
und erläutert. Von der Brüsseler Handschrift kennt er nichts als was bei Willems
mitgetheilt ist. Er hat jedoch die Absicht, später den y ollständigen Text dieser
zweiten Handschrift zu geben.
Wenn wir also yorerst in dieser Ausgabe das erwartete neue kritische Material
noch nicht erhalten, so werden wir dafür entschädigt durch sehr ausführliche Unter*
suchungen über das Alter des Gedichts und das Verhältniss desselben zum französi-
schen. Nun sagt aber Jonckbloet selbst S. 8 der Einleitung, daß die große Ver-
schiedenheit der Ansichten daher rühre , daß der erste Theil der Brüsseler Hand-
schrtft noch unbekannt sei , und uns also die Beweisstücke fehlen , mit denen das
Endurtheil gewonnen werden müße. Es ist nach diesem Geständniss sehr über-
raschend, daß nichtsdestowem'ger Jonckbloet die Untersuchung zu Ende führen
will ohne jene Beweisstücke mitzutheilen und ohne sie selbst zu kennen.
Übrigens ist diese Untersuchung ein rühmlicher Beweis aufrichtiger Wahr-
heitsliebe. In seiner Geschichte der niederländischen Dichtkunst hatte Jonckbloet
im Wesentlichen die Ansichten yon Willems angenommen. Jetzt ist er anderer
Ansicht geworden. Willems hatte behauptet , und Jonckbloet war ihm darin ge-
folgt, das französische Gedicht sei eine Übersetzung des flämischen. Jetzt yer-
theidigt Jonckbloet ausführlich die Ansicht, daß das flämische Gedicht eine Über-
setzong aus dem Französischen sei.
Ich gestehe , daß die Ansicht yon Willems mir sehr ansprechend scheint. Sie
ist deutlich und einfiich, und bedarf keiner künstlichen Beweisführung. Dagegen
läs»t sich die neue Ansicht Jonckbloets ohne sehr yerwickelte Ausführungen gar
X2& LTTTEBATÜE.
nicht begründen. Aber ich enthalte mich eines ürtheils , so lange die ron Jonck-
bloet selbst fElr nöthig erachteten Beweisstü^e nidit rtrliegen.
In einem Punkt hatte Willems offenbar seine Sache schlecht yertheidigt. Es
kommt nämlich Alles darauf an, ob der Eingang, in welchem sich ein Willem
nennt, Ton dem ersten Dichter herrührt, oder von dem Fort&eUer. Wälems behaup-
tet , daß jener Willem der Fortsetzer sei ; seine ganze Ansicht steht und fallt mit
dieser Bri>anpt«Bg Ntm steht abef dieser Eingdo^g aneh ht def SCnfItgatter Band-
sdiHft; den Text dieser Handschrift hält aber Wülems für das alte Werk. Nm Itt
aber nur aweierle» mög^idk: entweder die Stttttgartef Handschrfft eMhält den alten
Text^ dann ist detr Witten des £idg%u»gs 4et etste Dichter; odef der Eingang
gehört) däm Fortsetost ttn, dann enlhftlt ftdch die Stultgareer Band^chilfl tficht das
msüberarbeitefe' äl«enr Werk, seMdem das jüidgere, Aiev nntofis^äifdrg. Bntsefil^eii
kann diese Frag» nicht werden, ehe der Brüss^kf Itet dfii d^äf Stüt%ttreef fef-
glidhen weiüen ksaai 9 ^erldvfig »ber bin ich seto gieiiefgt , diis iivf^iUi jsvt g^aubcm.
Der Eingaaf^ kann ma w Verstaflde« ^etdeik, wfe Wilfiem« llttt ««i^iH^, tatd Jonek-
bloet nMi^ ihn för seine Ansteht gewaMsam, und doch nicht gAi'&g^nd, ändern.
£9 fUirt ferner Jonekb^iet selbst ans, dfetß dfts sogenannte^ ^^Itere Weit^ , tk&mHc&
der Stuttgarter TeAt, aidb von dem Werk des Fortsetzers hk S^aeR^e nttd Vers
dttvehaUft nioht ontetseheiBle.
Sbbald die Meinung, denn bisrjet2St ist es nur eine Meinung, dait der l^tutt-
gafter Text das alte nicht überarbeitete Gedicht sei , aufgegeben ist , so yerandert
sich die ganze Grundlage der Untersuchung , und die Beweise , die Jonckbloet jetzt
för seine neue Ansicht vorbringt, geben so 2U sag^n ins feindliche Lagfer über.
Aber auch schon jetzt ist es schwer , der Ansicht Jonckbloets beizutreten , wenn
man z. B. folgende Stellen vergleicht :
Ce dist Vestoire es premiers «/«•«, Het waa in enen piinamdaghe
que jß estoitpcbssez yvers, dat bede boaeh ende ha>gke
et raub&-e3pine ßorisoitf met groenen lotteren waren'bevcian.
et que la rose espanisoit. Nobel ^ die eomnc^ hadde ghedaen u»s»vi.
et pres tu de VAscension
que sire Noble, le lyon u. s, w^
Hier ist der flämische Text vielleidkt abgekürzt; aber der fironzlteisdke' ist offen-
bar nicht das OriginaL Doch wk gehen hier ia- eine ÜntervudsifBg nicht eiif , vir
bitten vielmehr Herrn JeMchleet, seis Tersporechen recht bidd: z» halten, naduas
die Materialien zu liefern, indem er ns» eine toUstilndige An^be des>BrfiMeitf
Textes gibt. Dann erst wird es Zeit sein , in die Untersucfaoi^ eiüsugedsen.
Wenn schon c^ neue Ausgabe« nicht gibt , was wif zunächst erwarteten und
was zitnäehst nöthig wäre , so» Ist sie doch durch Besserung und Erlänteximg ein-
zelner Stelle» und durch ein fleißiges Wörterbuch von nicht geringem Werth , yatA
anch Ifir die Untersuchungen der Einleitung sind wir dankbar, obgleich wir uns
' die hier behiuidelten Fragen oSen halten müfien , so lange wir das Material nicht
vollständig besitzen. A. HOLTZMANN.
UTTJSRATÜB. 123
Zwei biiher unbekannte deutsohe Spfachdenkmale an* heidniaehcr Zeit.
TOS Th. G. T. Karajan» Mit einer Schrift<AfeU Wien, Aas der k. k. Hof- a. SUala^
druckerei. 1858. 8.
Miklosich hat in einer der kaiserlichen Hofbibliothek zu Wictn angeborigea
Pergament-Haiidschrift des neunten Jahrhunderts zwischen laleiBischen Letdens-
geschichten yerschiedener Heiligen einige Zeilen entdeckt» deren erster Theil
augenföllig als deutsch sich erwies, der zweite mehr lateinisches als deatschet
Gepräge zeigte. Kennte jener einem allgemeinen YerstAndni«» nur sehr geringe
Schwierigkeit entgegenstellen , so schien dieser jeder yernünftigen Erklänuig g^
radezu unzugänglich. Der ganze Fund wurde behufs genauerer Untevsoehung an
Hm. Ton K«E%jan abgetreten , und dieser hat ihn in einer Abhandlung zu deuten
yersucht, die aus dem Decemberhefte des Jahrganges 1857 der Sitaungsberiehte
der philosophisch-historischen Klasse der kaiserlichen Akadenue der Wissenschaften
(XZV.Bd.« S.308) besonders abgedruckt rorliegt. Daß hier zwei SegMtt&rnelA
gefunden sind, überliefert aus einer weit älteren Zeit als die Handschrift iat» darttber
konnte durchaus kein Zweifel sein , daß sie aber an Wichtigkeit den Mersebufger
Zaubersprüchen an die Seite zu stellen seien , diese Ansieht wird ans mehrÜMhen
Granden, die keiner Auseinandersetzung bedürfen, ohne Beistimmong bleiben müssen.
Doch ich will in meinem Urtheile nicht yorgreifen und den Leser yorerst mit den
Formeln und ihrer Erklärung bekannt machen , mein Bedenken und die Berichti-
gungen , die mir zweckdienlich scheinen , m<^gen nachfolgen.
Die erste Formel lautet nach des Herausgebers Lesung ^ :
chrift uuart gaboren * er uuolf ode deiob * do uuas fßd marti
chrifbaf hirti der heilige chrUt vnta fce marti der gauuerdo
uualten hiuta dero hunto ' dero zohona * daz ni uuelf * neh
uulpa za foedin uerdan nemegi * üe uuara Fe geloufikn uu&ldes '
ode uuegef ' ode heido der heilige chrifb unta feö marti de firü
ma mir fa hiuto alla hera heim gafunta;
• In den beiden mittelsten Zeil«! tritt der Stabreim ganz siditbar henror, und
ließ dieser sogleich „ganz richtig gemessene Liedstäbe ** erkennen, aber auch mit
Bestimmtheit annehmen , daß Christus sammt dem heil. Martin in diesem Segen an
die Stelle heidnischer Gottheiten getreten sind. Die Alliteration mit w und A,
welche die ganze Formel durchzieht, aber auch Gründe, der deutschen Mythol(^gie
entnommen»' bestimmten Hrn. yon Kar%|an Wuotan und Hirmtn als die yerdrängten
Götter einzuführen. Der Segen wurde demnach «mit Bezeichnung des Stabreimeek
nach yorgenommener Änderung der ISamen, in gewöhnlicher althochdeutscher
Sdueeibweifte und mit den nöthigen Satzzeichen yerseheB** angesetzt» wie folgte
IFuotan ttttart gaboren Daz ni «iwolf neh tmlpa
er «teolf ode diob. 10. za Icedin uuerdan nemegi,
Do utcas JSirmin So teuara üu geloufen uualdes
Tf^iotannes Airti. ode ut^eges ode beide.
5. T^uotan unta .Hirmin Wuotan unta Armin
der gaut«erdo, der fromme mir (ö Aruto,
Walten Äiutä dero Äunto 15. Alf6 Aera
der» zoAono, Aeim gafnnta.
') Ich habe mir nur erlaubt, die von dem Yerfasser , nach meiner Ansicht mmöthiger
Weiss, Tetbudenen Wditer za trennen.
124 UTTERATÜR.
Dieser Texthentelliiiig folgt die Übersetzung : „ Wuotan ward geboren früher
als irgend ein Wolf oder Dieb. Damals war Hirmin Wuotan's Hirte. Waotan und
Hirmin, der gleichwerthe, mögen heute walten der Hunde und der Hündinnen, aai
daß nicht irgend ein Wolf oder eine Wölfin (mir) zu Schaden werden könne , wenn
sie irgend wohin laufen sollten in einen Theil des Waldes oder Weges oder der
Heide. Wuotan und Hirmin möge mich heute , so wie stets bisher , gesund heim
sdiaffen. **
Nach des Herausgebers Meinung, und wie diese Übersetzung auch darlegt, liegt
hier ein sogenannter Reisesegen Tor, „den ein Fortziehender, besorgt um die
Sicherheit seiner selbst wie seiner Habe vor Wölfen und Dieben , auf der Schwelle
des Hauses etwa zu sich spricht. ** Ich bin einer anderen Ansicht und denke, dieser
Annahme stehe schon entgegen die bis jetzt wenigstens geläufige Vorstellung yon
den kriegerischen, kampflustigen Germanen der Yorchristlichen Zeit. £s dünkt
mich mehr als unwahrscheinlich, dafi ein solcher furchtsam seine Person vor Wölfen
zu sichern, die Götter um Schutz angefleht haben soll. Seine natürliche Körper-
kraft, herangewachsen und gestählt unter den Gefabren des Wald- und Krieger-
lebens, lief ihn wohl zumeist dieser und seinen guten Wafien vertrauen, die all-
überall hin seine treuen Begleiter waren. Erst wo sie )ind anderes menschliches
Können und Wissen unzureichend befunden wurden , mochte die erwünschte Hülfe
bei den Himmlischen und in Segenssprüchen gesucht werden.
Sollte aber diese meine Ansicht auch eine irrige sein , richtig bleibt dennoch,
daß in obiger Formel kein Reisesegen zu suchen ist. Gewissheit darüber ergibt
die Handschrifb der Formel selbst, wie sie in der beigefögten Nachbildung vorliegt.
Vorerst ändert sich obige Auffassung schon dadurch , daß in dem Satze „daz m
uuolf noh ufdpa za scedin uuerdan nemegi^ statt m zu lesen ist m (ihnen, Gramm. 1,
706) , wie auch die Handschrift auf das Deutlichste geschrieben hat. Hiermit
fallt das in der Übersetzung vom Verfasser eingeschobene ffdr; Und 'an den Sinn,
den der Segensspruch bis dahin verräth, wollen sich die Schlußworte „Wuotan
und Hirmin möge mich heute, so wie stets bisher, gesund heim schaffen** nicht mehr
ungezwungen anschließen.
Bedenken erregt schon die vom Verfasser angesetzte althochdeutsche Form
„ Wuotan tmta Hirmin der frumme nUr /6 hitUo , cU/ö hera heim ga/unta". Gram-
matisch unmöglich ist „der frumme mir heim ga/unta" ; die allein richtige alt-
hochdeutsche Form för den neuhochdeutschen Satz „der möge mich gesund heim
schafien" ist der frumme mih heim gafwntam^ und so hätte geändert werden müssen,
sollte ja dieser Gedanke ausgedrückt werden. Aber dieser Inhalt ist es gerade,
der im Widerspruche mit dem Übrigen der Segensformel steht. Die Schlul^worte,
wie sie die Handschrift bietet, heißen
de frumma mir fa Muto aUa hera heim gafunta.
Wenn wir mit der für jede Textkritik durchaus nöthigen Achtung vor der
Überlieferung an diese Zeilen treten, so darf außer der Besserung ron de frumma
in der frumme — doch könnte frumma mundartlich sein — • nur dem Worte heira
besondere Aufmerksamkeit zugewendet werden. Hrn. von Earajan erschien in obigem
Satze afla hera als „eine in solcher Verbindung unpassende Steigerung** des Adverbs,
und er änderte f6 hiuto alfö hera und übersetzte dies „heute , so wie stets bis-
her." Dagegen lässt sich zweierlei einwenden. Erstens ist eine Steigerung des
LITTERATÜR. 126
Adyerbs ^*a durch alla unpassend auch außer der hier stattfindenden Verbindung.
AUa kann nur sein acc, sing. fem. oder nom. und acc. pl. masc. (Graff 1, 213.
Gramm. 1 , 723) , und keine dieser Formen wird als yerstärkende Partikel zu yer-
wenden sein. Zweitens hat hera nur die Bedeutung Toa hie, huc, her, hieher,
keineswegs aber Yon bisher, und /ö kiuto alfö hera in dem Sinne „heute so wie
stets bisher" lässt sich mit der althochdeutschen Grammatik nicht in Einklang
bringen. Alle diese Widersprüche im Inhalt wie in der Form jenes Schlußsatzes
heben sich aber sogleich, ohne daß wir in missliche Verbesserungen und Coiyecturen
uns einzulassen brauchen, wenn nicht aUa hera, sondern hera heim (Otfrid II, 3, 1)
zusammengefasst , und der Text der Handschrift als richtig und daher unyerändert
beibehalten wird. In dieser Gestalt fagt sich der Schlußsatz „ Wwotan v/rUa Hirrmn,
der fnimme mir fa hiuto aÜa (die Hunde sammt der Herde) hera heim gcfunta"'
ganz folgerichtig an den übrigen Theil der Formel, yon einem ^eisesegen kann
aber nimmer die Rede sein. Statt dieses gewinnen wir einen Hirtensegen , der zur
Vergleichung mit dem yon Grimm in der Mythologie 1189 (3. Ausg.) mitgetheilten
auffordert.
Obgleich die handschriftliche Form dieses Satzes y ollkommen befriedigt, denn
auch die Grammatik hat gegen sie Nichts einzuwenden, so kann ich doch nicht unter-
lassen auszusprechen , daß noch eine andere Deutung möglich sei , und will ich sie
hier nicht übergehen,, bleibt auch der oben gewonnene Gedanke wesentlich derselbe.
Ziemlich nahe liegt nämlich die Vermuthung, daß der Schreiber jener Segensformel
in hera ein t ausgelassen hat und somit herta gelesen werden müsse , oder daß herta
yor hera heim übersehen worden sei. Daß die Verszeile aUa hera durch Einschiebung
yon herta — dlla herta hera'— i die nöthigen yier Hebungen erlangt, yerdient yielleicht
Beachtung.
Mit den hier yorgenommenen Verbesserungen des Segensspruches sind aber
keineswegs alle Bedenken über die Form und den Inhalt mancher Stelle beseitigt.
Gleich dem einleitenden Satze „Wuotan uuart gaharen Sr uuclf ode diob"^ wider-
streben Mythologie und Grammatik zugleich. Der Grammatik entgegen ist die
Fügung Sr uuolf ode diob, gleichgültig ob & hier Präposition oder Conjunction
ist. In dem einen Falle yerlangt es die Dative uuol/a, dioha oder uMolfe, diobe,
in dem anderen das yerbum substantivum wärt oder auch was (Graff 1, 435 fg.).
Anstößiger als diese grammatische Form dürfte die Erwähnung einer Geburt
Wuotans, des Allerschaffers, sein. Von einer solchen zu reden, ist nach Myth. 148
und 323 unstatthaft , wenn auch die Edden ( Voluspa 4 und Gylfaginning 6) yon
Eltern und Brüdern Odhinns berichten und diese mit Namen zu nennen wissen«
Denn „Wuotan, Odhinn, scheint das allmächtige, alldurchdringende Wesen,
qui omnia permeat; wie Lucan yon Jupiter sagt: est quodcunque yides, quocunque
moyeris, die geistige Gottheit." Myth. 120.
Diesen mythologischen und jenen grammatischen Widerspruch zu beseitigen,
bin ich geneigt, ein Verderbniss dieser Stelle durch, den christlich^i Schreiber
anzunehmen und dafür in Vorschlag zu bringen die Form er uuolf odf diob uuart
(wmrti) gaboren , dö uuas Himdn, Wuotanes hirti.
In dem yon Herrn y. Kangan hergestellten Texte steht , wahrscheinlich durch
ein Versehen des Setzers, Wuotanme, Vgl. Wuotanea wee, Wödeneaberg u» s. w.
(Myth. 138-141).
128 LITTERATUR.
Die Emwendungen , "welche gegen meine vorgeschlagene Änderung erhoben
werden k5nnen , sind mir nicht unbekannt; es wird aber Niemand an ihr Anstoß
nehmen, da sie sich nicht aufdrängen will.
Gehen wir weiter in der Betrachtung der Formel, so begegnen wir dem Worte
gauuerdo, das in dem vom Herausgeber construirten Texte dem Hirmin als Epitheton
beigelegt und durch condigmiSf aeque digrms übersetzt wird. In mehrfacher Beziehung
aber auflhUend erscheinen mu£. um mich kurz zu fassen, will ich nur sagen, daH
in gautterdo kwn Adjectir vorliegt , sondern ein Verb , und zwar der Conj. praes.
statt gauuerdoS (Gramm. I, 875) von gauuerdon dignare und daß der gauuerdo uualtm
zu übersetzen sei: der möge (wolle) herrschen, schirmen. Vgl. gimMrdo heuern! —
giuuerdo geban! Otfrid IH, 5. 19. V, 24, 1. (Graff 1, 805.)
Nicht geringeres Bedenken erregt dero zohono, Ist es mindestens sondeTbar,
daß hier der Hündinnen besonders gedacht wird, so ist die Zusammenstellung dero
hunto dero zohono sicher ungewöhnlich. Zu erwarten wäre in der aufgefassten Be-
deutung dero hunto unta zöhono. Der wiederholte Artikel scheint mir jedoch ein
Adjectiv zu verlangen, und ich möchte, um einen besseren Sinn und zugleich die
Alliteration herzustellen , hohdno excellentium (Graff 4, 772) statt zohono setzen..
Die von Herrn v. Karajan hervorgehobene Alliteration des h in zohono ist unthunlich.
Findet mein Vorschlag Beifall, so ist das folgende fe {f6 uuara fe) der Handschrift,
das im corrigierten Text folgerichtig mßu geändert wurde, als nom.pl. masc. = sii
(Graff 6, 3) beizubehalten.
Auch jezt sind noch nicht alle Fragen und Bedenken beseitigt , welche dieser
Segensspruch hervorruft, doch etwaige weitere Verbesserungen und Berichtigungen
mögen andere beibringen, andere mögen auch untersuchen, ob die eingefugten
Götternamen hier an ihrem Platze stehen. Ich erlaube mir nur zu bemerken, daß
die Ortsnamen Hermanns, Hermannsberg, Hermannsdorf, sämmtlich in
Oesterreich unter der E-nns, durchaus keinen Bezug auf Hirmin haben. Sehr
ge^^agt ist auch die Heit)eiziehung des Hermanns-Kogels, selbst dann, wenn
„der glüdchrkigende Brunnen dieses Berges mit dem uralten Baumstamme über
denselben** auf heidnischen Cultus hinzuweisen scheint. Erst wenn der Name des
Gottes Hirmin in einer alten, historisch nachweisbaren Namensform des Berges
bestimmt zum Vorschein kommt , erst dann kann diese zu Folgerungen verwendet
werden, die einer Beachtung werth sind. Das Gesagte gilt auch von des Ver-
fassers Meinung, daß die von ihm genannten Berge Oesterreichs , Steiermarks und
Salzburgs „uralt-mythologische Bezeichnungen sein mögen.** Auffallend ist an jener
Stelle übrigens noch die Bemerkung, daß der Zieherg bei Kirchdorf „ganz unge-
zwungen** an den Götternamen ^/o erinnern soll, welchen Namen der Verfasser doch
S. 17 (322) aus der Reihe der Götter streicht und durch Ziso ersetzt wissen will.
Bevor ich diese Segensformel verlasse , kann ich nicht übergehen , daß Herrn
von Karajans Übersetzung, die sich „neuhochdeutsch** und „wortgetreu" nennlt,
beide Bezeichnungen nur mit Einschränkung zulässt. Ich will daher eine andere
Übertragung ihr gegenüber stellen. Die Grundlage soll der unveränderte Text der
Handschrift bilden, nur zohono soll in hohöno verbessert werden, und mögen die von
Heitn von Kar^'an eingefügten Grötternamen gleiohflB.l'is Aufnahme finden.
„W^otaa ward gel>oreB vor dem Wolf oder Diebe. Da war Hirmin Wuotans
Hirte. Wuotan und Hirmin der möge herrschen heute über die Hunde , die treff*
Uchcu»^ 44^ gOmn nicW Wolf wob Wölfin su Schaden •vrerden k^ne, wohin des
Waldes Q^ßx W^gp^ oder def Heide sie laufen. Wuotan «od fiimiii der sAieke
mix si^ heute alle wehlerhalte« hennwaits.'*
44iöyien^ Jbleibt oooh bei 4er TeElhersiellung, welche dieser Übersetzung zu
Gxmiß ii^, Aach den SiiJi>iekteB Wuotan wiOa Hirmin, wenn aueh nicht die Ein-
sah} 4#8 V^b ^rqEftM^«r«;(2, >H«m»)o)« 60 dofih das Demeostratty der, das nur atif Hir-
min hinweist. Sollte der hl. Chri8t,(- Wuotan) an den zww tiezelcfaeeten SteMen erst
duxcb d^ spiUereii Spkreiber derForw«! binzugetreien sein? Dieser Temmthung
dür^n YieXleic^t Much mob aindere aruade zu Hälfe kommMi.
Ipb |r^laii£« nuH an das 2#eite Stttek, von dem die Huidsohrift nachlegenden
Text OberiSefef t.
(^lontra «eipente inxpi nomine quinta defia maria
nam Zife ^o Zi£o peanie naria nartanciUa svp
largarba uidenf H eile in nomine ; Dextera dfll ;
Biese Zetlen, denen ursprünglieher Sinn, wie Hr. ¥oh Karajan annimmt,
der Schreiber, wenn nicht schon seine Vorlage, nicht mehr yersiand, und deren
Worte &i(äk dieser d»rffk Umdeutung ins Lateinisehe TerstSAdUeh zu machen suchte,
l|k^ten naph des Heraäsgehers fiersteliung und neuhechdei»tsehen , wortgetreuen
Contra serpentem. . In Chrifti nomine ^tiuit defiu m&rin («uert) :
'Nari4 Zifo, donmo Zifo prechanter, naria; natran chila suberi
rar > ganiaui d^a in fife. In nomine (pa|^ et filii et epiritus fanctt).
J>«xtera dAmini (fecit yirtutem. Psalm^ 118, 16).
iSpricb die«e berühmten Worte: 'llette Ziso, Herf Ziso, du streikender, rette! der
Scblangen Kehle säubere sogleich , mache sie ruhig in der Höhle.'
Die gegebene Erklärung obiger drei Zeilen, für welche die Gründe des Heraus-
geheT9 in der Sdirtft selbst nachgesehen werden können , zeigt unstreitig ron sel-
tenem Sehaarftinn« nur ist su bedauern , daft er sieh an einem se undankbaren Stoff
abigeBfriIht bat, der allem Anscheine nach Nichts ist als ein Abracadabra und somit
audi Nidkts bedeutet. Den fielen bekannten Segeüasfermeln dieser Art will ich
hü»r nur eine beifiigen , da sie noch nicht yeröffentliefat sein dürfte. Sie "findet sich
in einer Papißrhandsohrift !(14* Jahrh.) der Wiener HofbibHothek.
Das man die wurm totes an dem menschen oder an dem rosse so spridi diM
wort t ulpium pandax f alphando f troysum transitor ayos t rairitus f crucifixus t
In dem namen des vaters und des f suns u. s. w.
Aber auch ron dem Standpunkt des Herausgebers hat nicht Alles , was er zur
Erf^laraog jenes Spruches und des von ihm hergestellten Textes beibringt , seine
OiUtigkeit. Hier mögen nur ein Paar Berichtigungen Platz finden. S. 18
sagt der Verfasser in Bezug auf natran : „Es wäre ganz leicht gewesen , hier
na^tpan in das erwartete na;trun z^ änderji. Dagegen spricht aber die Wahrneh-
mung, dai^ unserem Denkmale der allgemeine Name der Schlange nicht weiblich,
sondern männlich galt. Dies beweist das in der folgenden Zeile erscheinende Pro-
nogiei^ dm statt d£a, unser Denkmal Sßl4ie»6t sich als« hierin dem QothisflhttQ An,
in welchem nadrs männlich ist. Statt des gewöhnlichen naMn oder natren erscheint
hier no^on durch Assimilation. Vrgl. Gramm. 1', 87.**
Hr. T. Karajan h9>b hier 4^ers«b9n» dai^ sieh wohl der Ableitungs- , nicht aber
128 LITTERATÜR.
der FiexionsYokal dem Vokal der Wurzel assimiliren könne. Gerade an der von
ihm bezeichneten Stelle,. Gramm. 1', 87, sag^ Grimm dies deutlich: „Niemals kann
auch die Bedeutsamkeit eines Flezionsrokals geopfert und dem Yorausstehenden
Wurzelvokal assimilirt werden. Wohl aber ändert sich zuweilen der Ableituogs-
Yokal, und für ragin wird ragant für magin magan getroffen. ** Aber gerade diese
Beispiele scheinen wegen ihrer äul^eren Ähnlichkeit im Auslaute mit dem fraglichen
nabrin irre geführt zu haben.
Wie aber steht es mit der Behauptung, daß das in althochdeut-schen Sprach-
denkmälern nur als fem. erscheinende natra hier als masc. hervortrete ? Der Be-
weis« sagt der Verfasser, liegt in dem Pronomen den statt dia^ und in uiden^j das
-m (^/getrennt wird, scheint dieses dm in der That vorzuliegen. Es ist aber
noch eine andere Auffassung dieses Wortes zulässig. Vorerst sei gesagt, daß -m
in mdmf als Rest des vorangehenden Verbums gmrha betrachtet und daraus gweuam
gebildet, das an den angefügte / aber als aus einem darauffolgenden % mit einem
schiefen Striche über der Zeile, was die gewöhnliche Abkürzung füt in ist, ent-
standen gedacht wird. Vgl. S. 16 und 19.
An die Stelle dieser Erklärung will ich eine andere fügen , die graphisch ge-
wiss eben so gut möglich ist und zugleich den Vortheil voraus hat, daß sie naJbra
^in Übereinstimmung mit allen übrigen althochdeutschen Denkmälern als fem. vorfuhrt.
Ich theile -denf in de und nf und nehme an , daß der Schreiber nf aus in ver-
lesen hat , was leicht möglich ist , da der zweite Strich des n alter Handschriften
häufig nach oben verlängert eine dem / sehr ähnliche Gestalt annimmt. Daß dt
aber als acc. fem. sing, wirklich vorkommt, darüber vgl. Graff5, 8. Im Irrthum
ist femer Herr v. Eärajan, wenn er S. 17 nicht Zio , sondern Zifo für die althoch-
deutsche Form des nordischen Tyr hält. Vgl. Kuhn in Haupts Zeitschr. 2, 231
und Myth. 175 fg.
Vorübergehend sei noch gedacht des wahrscheinlich durch einen lapsus calami in
die Übersetzung gekommenen gen. pl. „der Schlangen" statt des sing, „der Schlange."
Schließlich ist hervorzuheben, daß der Behauptung, die beiden Segens-
formeln seien* wie alles übrige der Handschrift von derselben Hand geschrieben,
beizustimmen sehr schwer wird. Das r und die Art seiner Verbindung mit ty beides
in den Segensformeln ganz anders als in den Leidensgeschichten , weisen bestimmt
auf zwei verschiedene Hända
Diese Berichtigungen vermindern aber keineswegs unsem Dank, auf den Herr
von Kars^an durch die Veröffentlichung dieser altdeutschen Sprachdenkmale (nicht
'Baudenkmale, wie auf der Schriffctafel steht) begründete Ansprüche hat. Auch
weiß ich sehr gut, um wie viel leichter es hat, wer nachgeht als wer vorantritt,
und daß der umsichtigste Garbenbinder nicht verhindern kann, daß ein emsiger
Ährenleser hinter ihm noch mehrere Ähren finde und heimtrage.
FRANZ STARK.
s
VERBESSERUNGEN.
S. 66, Z. 15 V. u. lies: das Wort. — S. 69, Zeile 2 lies: ConsonantenverbindniLgeii stehen — Tennis. —
S. 70, Z. 2. 11. 12. lies: überklinsrenden (gleiteaden) Reime. — S. 78, Z. 6 bHwndiu» Z. 7 t'n6WniMtf«.
Sxaek der J. B.Ketcler'schen Baohdrnckerei in Stuttfart.
RATH DER NACHTIGALL
▼ov
LUDWIG UHLÄND.
(Zur Abhandlung über die deutschen Volkslieder, s. Germ. 2, 218.)
Als die Wälder noch von vollerem Gesänge der ungestört nistenden
Vögel widerhallten und zugleich die Besucher des Waldes wenig von ausge-
bildeter Tonkunst gekostet hatten, da war Ohr und Herz noch gänzlich offen
für die schlichten und doch ergreifenden Weisen der Sänger auf dem Zweige
(MS. 1, 285^: waUHnger). Den belebtesten Gehölzen gab man an vielen
Orten kurzweg den Namen Yogelsang, herkömmlich gieng man in den
grünen Wald, um die Vögel singen zu hören, und dieser Genuss wurde, neben
dem Farbenglanz und Dufte der Blumen, zu den weltlichen Hauptfreuden
gezählt. (Warn. Z. 1875—85. 2021—24. 2243: einer artetet daz vogeUano
etc. und oft) Vor allem aber ist in unsem Volksliedern, wie schon im
Minnesang, die tönereiche Nachtigall hochgehalten, sie wird bald innig und
zutraulich die liebe, viel liebe Nachtigall geheifien, bald erhält sieden
Ehrennamen Frau Nachtigall und wird mit Ihr angeredet. Ihre Stimme
dringt ja am tiefsten ins Gemüth, je schmächtiger und missfarbiger, um so
seelenhafter ersAeint die Sängerin, deren mächtige Töne die zarte Brust zu
sprengen drohen; aus der Dämmerang des Morgens oder in der stillen Nacht
erschallt ihr Gresang zauberhaft und ahnungsvoll (MS. 2, 80, 4. Ben. 327, 4).
Ihm wird denn auch der bedeutendste und manigfachste Einfluss auf die
Stimmungen und Entschlüsse der Menschenseele zuerkannt, von den Mah-
nungen, dem Rathe der Nachtigall, dem weisen und dem bethörenden, han-
delt eine Reihe sinniger , weithin anknüpfender Lieder. Meist bewegen sich
dieselben in lebendiger Wechselrede.
liin niederdeutsches (m. Volksl. Nr. 17 A) hebt an von einer Stadt in
Österreich, die mit Marmelstein gemauert und mit blauem Blumwerk geziert
ist, um dieselbe liegt ein grüner Wald, in welchem Frau Nachtigall singt,
^nm unser Beider willen', wie ein Mädchen meint, von dem sie angerufen wird:
Frau Nachtigall, klein Waldvögelein,
lass du dein heiles Singen!
*Ich bin des Walds ein Vöglein klein
und mich kann Niemand zwingen.'
130 LUDWIG ÜHLAND
Bist da des Walds ein Yöglein klein
und kann dich Niemand zwingen,
so zwingt dir der Reif nnd kalte Schnee
das Laub all von der Linde.
'Und wann die Lind ihr Laub verliert,
behält sie nnr die Äste,
daran gedenkt, ihr Mägdlein jnng,
nnd haltet enr Eränzlein feste!
Und ist der Apfel rosenroth,
der Wnrm der ist darinne;
und ist der Gesell all säuberlich,
er ist von falschem Sinne.
Daran gedenkt, ihr Mägdlein jung,
^ und lasst euch nicht betrügen !
und loben euch die Gesellen viel,
thun nichts, denn dass sie Ifigen.
Zwischen Hamburg und Braunschweig
da sind die breiten Straßen,
und wer sein Lieb nicht behalten kann,
der muss es fahren lassen.'
Zum Seitenstücke, mit ähnlichem Eingang, bietet sich die Ansprache eines
unglücklichen Freiwerbers im Antwerpener Liederbuche (Yolksl. Nr. 17 B):
. . in meines Vaters Hof ^
da steht eine grüne Linde,
darauf so singt die Nachtigall,
sie singt so wohl von Minne.
Ach Nachtigall, klein Yögelchen,
wollt ihr eur Zunge bezwingen?
ich würd all eure Federiein
mit Golddrath lassen bewinden.
'"Was frag ich nach eurem rothen Gold
oder nach eur loser Minne?
ich bin ein klein wild Vögelchen,
kein Mann kann mich bezwingen.*
Seid ihr ein klein wild Vögelchen,
kann euch kein Mann bezwingen,
so zwingt euch der Hagel, der kalte Schnee
die Läuber von der Linden.
RATH DER NACHTIGALL. JSl
'Zwingt mir der Hagel, der kalte Schnee ^
die Länber von der Linden,
alsdann so scheint die Sonne schön,
so werd ich wieder singen.'
Der junge Gesell macht sich spornstreichs auf, ^all über die grüne Straße^
zu den Landsknechten, die er im blanken Harnisch glitzern sieht. Beide
Zurufende wollen der Nachtigall den Gesang verbieten, weil er ihren Liebes^
wünschen nicht günstig zu lauten scheint, aber das Mädchen erhält heilsam«
Warnung und der gewitzigte Freier fasst männlichen Entschluss. Ein andrer
Kriegsmann, der zu Augsburg gefangen liegt, fordert im Gegentheil die
Nachtigall zum Singen auf; seine Liebste lehnt ihr Leiterlein an den Thurm
und hört einen Wechselgesang , dessen Alles, was drinnen ist, sicherfreut
(Volksl. Nr. 16):
So sing, so sing, Frau Nachtigall,
da andre Waldvögelein schweigen!
so will ich dir dein Gfieder
mit rothem Gold beschneiden.
(d. i. bekleiden, d. Wörterb. 1587 f. vgl. noch Altd. Wald. 3, 236, 26 f.)
^Mein Gfieder beschneidst mir freilich nicht,
ich will dir nimmer singen,
ich bin ein klems Waldvögelein,
ich trau, dir wohl zu entrinnen.'
Bist du ein kleins Waldvögelein,
so schwing dich von der Erden ,
dass dich der kühle Thau nicht netz,
der Reif dich nicht erfröre!
^ünd netzet mich der kühle Thau,
so trücknet mich Frau Sonne;
wo zwei Herzlieb beinander sind,
die sollen sich bass besinnen.
Und weicher Enab in großen Sorgen liegt
und der ein schwere Bürde auf ihm trägt,
der soll sich freuen gen der lichten Sommerzeit,
dass ihm sein Bürde geringert werd.
So hab ich von den Weisen hören sagen:
großen Unmuth soll man aus dem Herzen schlagen,
man soll ihn unter die tiefe Erde graben,
ein frischen freien Muth den soll ein Krieger haben.
9»
]32 LUDWIG UHLAND
Zwisohen Berg nnd tiefem Thal
da liegt ein freie Straße,
wer seinen BaUen nit haben wöU»
der mag ihn wohl fahren lassen.'
Anch hier ist der Rath ein besonnener, eine Tröstung nnd Ermuthignng
selbst fdr den Gefangenen. Anderwärts aber wirkt der Nachtigalischlag ver-
führerisch nnd leidenschaftlich aufregend. Als der heilige Bernhard beim
Besuche des GistercienserkJosters Himmerod in der Eifel die Mönchszucht in
tiefem Verfalle fand nnd zugleich der tippige Gesang der Nachtigallen rings-
umher zu seinem Ohre drang, ward es ihm klar, dass dieser an dem welt-
lichen Sinne der Brüder schuld sei , zürnend erhob er die Hand und sein
Bannsprnch zwang das ganze Volk der Nachtigallen, von dort hinwegzu-
fliehen, sie flogen zum Frauenstifte Stuben an der Mosel (Schmitz, Eifel-
sagen 1 09). * Von der Minne* lässt Konrad von Würzburg die Sangstimme
der viel lieben Nachtigall erklingen (Engelh., Haupts Ausg.Z. 4164 ff.); 'sie
singt so wohl von Minne', hieß es zuvor im niederländischen Lied, in den
Bruchstücken eines andern wird sie von dem verlassenen Mädchen , das die
Geschichte seines Unglücks erzählt, für solches verantwortlich gemacht.
Davon sind nur zwei Gesätze noch unentstellt erhalten (Antw. Liederb. von
1644, Nr. 193), das eine:
Es war zu Nacht, in so süßer Nacht,
dass alle die Vögelein sungen,
die stolze Nachtigall hob an ein Lied
mit ihrer wilden Zunge;
das andre:
Nun will ich ziehn in den grünen Wald ,
die stolze Nachtigall frageo.:
ob sie alle müssen geschieden sein,
die einst zwei Liebchen waren?
Dem besser berathenen Mädchen des ersten Liedes steht hier eine Ver-
führte gegenüber und schlimmer als dem jungen Landsknecht und dem Ge-
fangenen zu Augsburg ergeht es in einem verwandten Liede (Horae belg. 2,
2. Ausg., S. 82 f.) den drei Gesellen aus Rosendael in Nordbrabant, Sie
haben ihr Geld verzehrt, ziehen auf Preibeute und greifen einen reisenden
Kaufmann an; von dem Lösegelde, das sie ihm abnöthigen, kaufen sie Jeder
ein apfelgrau Ross und reiten zu Antwerpen ein, wo sie alsbald ergriffen und
auf die Folterbank gelegt werden; das macht ihr junges Herz trauern:
Nun sind all unsre Glieder lahm,
was sollen wir beginnen?
ich will nicht mehr nach Bosenthal gehn
und hören die Nachtigall singen.
RATE DER NACHTIGALL. 133
0 Nachtigali» klein Waldvögelein,
wie habt ihr mich betrogen!
ihr pflagt zu singen vom Birnebamny
wo schöpe Fräulein waren.
Wie diese Gesprächlieder nberhaapt allerlei Verwirrung erlitten haben, so
folgen hier an unrechter Stelle noch zwei Strophen ("0 Nachtigall, klein
Vögelein, wollt ihr mich lehren singen? etc.') mit der ständigen Formel von
Zwingen und Nichtzwingen, dagegen tritt der Si^n des Vorausgehenden be-
stimmt und eigen thümlich hervor: der junge Gesell wirft die Schuld seines
Unheils auf die Nachtigall, ihr Gesang hat ihn bethört, zu zügellosem Leben
aufgereizt , erst in die Sommerlust zu schönen Frauen und von da auf die
Wege kecken Frevels geführt, bis er zuletzt vom hohen Ross auf die Pein-
bank niedersteigen musste. Liedesklänge vom wohlgezierten Schloss und
der Linde, darauf die Nachtigall singt, die ihre Federn nicht mit Golde be-
schlagen lassen will, aber vom Zwange des Frostes und Schnees bedroht ist,
haben sich auch in Dänemark und Schweden verbreitet, zum Theil wörtlich
mit Deutschem stimmend, doch wieder mit andern Anknüpfungen und in
freiester Bewegung (Grundtvig 2, l7l f. Geyer u. AfzeL 2, 67 S. Arwidss.
3, 7—17. 22—25. 301 f.: der Wurm im Apfel) Daneben begegnet man
dort solchen Liedern, worin das Belauschen des Vogelsangs nur zum Ver-
wand verliebter Abend- und Waldgänge dient; so besagt ein dänisches:
(Jungfrau Mette :) Da bin ich gestanden die Nacht so lang
^ und hört* auf der Nachtigall süßen Sang.
(fierr Peder:) Du horchtest nicht anf der Vögel Sang,
doch auf Olufs vergüldeten Homes ELlang.
(Grundtvig 2, 288; nahe steht das normannisch-bretonische Lai bei
Roquefort^ Mar. de Fr. 1, 314 ff. vgl. Barzas-breis, 4. Ausg. 1, 248 f.,
Strengleikar Nr. 5.)
Ein schwedisches:
Du hast nicht gehorcht anf den Vogelsang,
du wartetest auf des Gesellen Gang.
'Nicht wartet' ich auf des Gesellen Gang,
ich habe gehorcht auf den Vogelsan^;
2uletzt das Geständniss:
Die Jungfrau weinet, die Zähren rollen:
Meinthalb gieng ich gestern zum Holze.'
(Arwidss. 2, 240. Vgl. Minne-Falkner Str. 100. Herders VolksU 1, Leipz.
m8,S.79.)
Noch ist ein englisches Lied bekannt geworden, das von alter Zeit m
GomwaUis nnd Devonshire umgeht und neuerlich auch von cornischen Ar-
134 LUDWIG UHLAI9D
beitern an den Bleigrnben des Mosellands gesungen wurde: ''Mein Herzlieb,
komm mit! hörst du nicht den zärtlichen Sang, die süßen Weisen der Nach-
tigally wie sie singt in denThälem drunten? sei nicht erschrocken, im Schat-
ten zu wandeln, noch in den Thälem drunten!* Das Mädchen heißt ihn allein
dem Sänge nachgehn, sie will ihm derweil seinen Eimer nach Hause tragien,
aber seine Bitte wiederholt sich dringender; bald darauf gehen sie als Braut-
leute zur Kirche und fortan erschrickt sie nicht mehr , im Schatten zu wan-
deln, in' den Thälem drunten, und die zärtliche Rede, den süßen Sang der
Nachtigall zu hören. (Dixon, in : Ancient poems,ballads and songs of the peasantry
of England ed. by R. Bell, Lond. 1867, S. 247 ff. Vgl, Arwidss. 3, 275-78.)
Es sind sehr ausgedehnte Zusammenhänge, auf die zur Erläuterung der
vorangestellten deutschen Liederweise eingegangen werden muss. Nordfran-
zösische Dichtungen zeigen den Eindruck des Vogelsangs in besonders stäti-
ger Stufenfolge vom besänftigenden Rath und der Anregung sanfter Gefühle
bis zur Weckung des Heldengeistes und zur Anstiftung gewaltsamen Rache-
werks'. Ein kleines Volkslied in der gedruckten Sammlung von 1538 (Chans,
nouu. ass., f. 153^) betrifft die Rathfrage eines Heiratlustigen: 'Nachtigall-
chen! was singst du hier?* *ünd was begehrst du hierf 'Was ich begehre?
eine Frau begehr* ich.* *So nimm nicht die Weiße, denn ihre Farbe truht
sich! nimm nicht die Rothe, sie ist gar so stolz! nimm mir die Bräunliche,
die so artig ist, so geliebt von Vater und »fctter, von Schwester und Bru-.
der!' Selbst nicht von glänzendem Äußern, empfiehlt die weise Nachtigall,
der anspruchlosen Liebenswürdigkeit den Vorzug zu geben. Kleine Reigen
(rmdes) aus derNormandie halten noch echten Volkston ein, auch an Deut-
sches gemahnend ; 'Hinter Ineines Vaters Haus, da ist ein Niederholz (a. eine
blühende Ulme), dort singt die Nachtigall, Tag und Nacht entlang; sie singt
für die Mädchen, die keinen Freund haben, sie singt nicht für mich, ich hab*
emen, Gott sei Dank!' oder: 'An der klaren Quelle wusch ich mir die Hände,
am Laub der Eiche hab' ich sie getrocknet, auf dem höchsten Zweige sang
die Nachtigall. Sing, schöne Nachtigall, die du ein fröhliches Herz hast!
meines ist nicht so, mein Liebster hat mich verlassen um einer Rösenknospe
willen, die ich ihm verweigert. Ich wollte, die Rose wäre noch am Rosen-
strauch, und der Rosenstrauch SBlber wäre noch zu pflanzen, und der Pflanzer
selbst wäre noch nicht geboren, und mein Freund liebte mich noch.* (E. de
Beaurepaire, Etüde surla poesie popul. en Normandie etc. Paris 1856, S.41 f.
46 f.) Bei den höfischen Dichtern der früheren Zeit, Provenzalen und Nord-
franzosen, gehörten die Singvögel mit zu dem üblichen Frühlingsbild am
Eingange der Lieder, doch eben im nachhaltigen Gefallen an dieser Form er-
probt sich ihre volksmäßige Begründung und manchmal noch ist der Säoger
von den alten Anklängen tiefinnerlich erfasst. Statt Aller sei hier von pro-
venzalischer Seite Bernart von Ventadorn angeführt, der vom süßen Saoge
der Nachtigall, freudig erschrocken, in der Nacht aufgeweckt wird und selbst
RATH DER NACHTIGALL, , 135
ein verliebtes Freudenlied zu siDgen anhebt (Rayn.3, 8ß vgl. 3, 91); sodann
aus dem nördlichen Frankreich Guiot vonProvins oder Gasse Brul6, unter deren
Namen ein Kunstlied geht, das so beginnt : ^'Die Vögel meines Heimatlands hört'
ich in Bretagne, bei ihren Gesängen bedünkt es mich, dass ich sie vormals in
der süßen Champagne gehört habe, mag es Täuschung sein, sie haben mich in
so süße Gedanken versenkt, dass ich ein Lied zu dichten anhob'; dasselbe ist
der Sehnsucht nach einer fernen Geliebten gewidmet (Wackernagel, altfranz»
Lieder und Leiche 26. 104. Hist. lit. 23, 566. Vgl. Rayn. 6, 196). Den Gesang
der Vögel als Heimatmahnung, der in der Lyrik zum Liede weckt, kennen auch
die epischen Dichtwerke, jedoch, wie es ihnen ansteht, in entschiedener Richtung
auf die That. So das Gedicht von Amicus und Amelius (herausg. von G. Hof-
mann, Z. 637 ffi) : es war an' Ostern, im April, wann die Vögel hell und heiter
singen^ als Graf Amis in einen Baumgarten trat; er hört ihr Getös und Ge-
kreisch, da gedenkt er auf einmal seines Landes, seiner Frau und seines klei-
nen Sohnes, die er seit sieben Jahren nicht gesehen hat, die Augen gehe^
ihm übet und es drängt ihn , mit dem ersten Morgenlichte dorthin aufzubre-
chen. Im Parzival zieht Herzeloide, deren Gemahl, Gamuret von Anjou;
vom Speere gefallen ist, in den einsamen Wald, um ihren jungen Sohn vor
Ritterschaft zu behüten, die dem Vater verderblich war; nichts darf vor dem
Knaben von einem Ritter verlauten, schon aber schneidet Parzival sich Bogen
und Bolz, womit er Vögel schießt; hat er einen getroffen, der zuvor mit lau-
tem Schalle sang, da weint er und rauft sich die Haare; wenn er sich Mor-
gens am Flusse wascht, dann dringt der süße Vogelsang über ihm in sein
Herz und dehnt ihm die junge Brust, weinend läuft er zur Mutter, doch kana
er nicht sagen, wie ihm geschehen; sie geht der Sache nach, bis sie ihn nach
dem Schalle der Vögel lauschen sieht und inne wird, dass von dieser Stimme
die Brust ihres Kind.es erschwillt, nach angeborner Art und eigener Lust;
da befiehlt sie ihren Leuten , die Vögel aufzufangen und zu tödten , aber die
Vögel sind 'besser beritten , mancher entrinnt dem Tod und vergnügt sich
noch femer mit Gesang; auch erbittet Parzival ihnen Frieden, die Mutter
küsst ihn und spricht: Vas wend' ich dessen Gebot, der doch der höchste
Gott ist? sollen Vögel meinethalb Freude lassen?' (Parz. Lachni. 2. Ausg.
S. 66 ff.) Parzivals jugendliche Regung ist nicht etwa so zu verjstebep,, dass
der Vogelsang, von dem auch die Minnelieder durchklungen sind, zunächst
die zarte Sehnsucht und nur mittelbar den Kampfnujth anfache, der Nach-
druck ist wörtlich auf Ritterschaft, Rittersleben gelegt, in dessen vollem
Gehalte Frauendienst und Tapferkeit unzertrennlich zusammenfallen. Ge-
radezu kriegerisch virkt in einem karlingischen Gedichte' (Joardaiqs de
Blaivies, C. Hofmanns Ausg. Z. 1546 ff.) die Stimme der Vögel, voraus der
Nachtigall, auf das Gemüth eines andern Heldenkinds. Jourdain, Sohn des
ermordeten Grafen Girard ton Blaives, hat am Hof eines Königs über Meer
Zuflucht gefunden, als er nun eines Morgeus früh in den Baumgarteu ger
i36 * LUDWIG UHLAND
gangen ist, hört er den Gesang der Nachtigall und die Lnst der andern Yöge),
da gedenkt er an den Wütherich Fromont^ der ihm Vater und Mutter mit
der Schärfe des Schwerts im Schlaf erschlagen nnd ihn selbst des Landes
enterbt hat: 'Jetzt', ruft er ans, 'sollt* ich dort in meinem Lande sein, Ritter
war' ich dann far jetzt nnd immer nnd würde meinen tapfern Vater rächeu.'
Selbst der Wortlaut des Nachtigallrufes drängt zum Schwerte , man findet
denselben gleichfalls in einer Dichtung des genannten Sagenkreises, derjeni-
gen von Frau Aie (Martonne, Analyse du roman de dame Aye p. 23, auch
in Eist. lit. 2?, 346): zur Osterzeit, wann die Wälder lauben und die
Wiesen beblümt sind, die Vögel singen und großen Lärm verfuhren, auch
die Nachtigall, welche spricht occi^ occil (tödte!) da geräth das Mädchen in
Schrecken, das seinen Freund (im Heerlager) ferne weiß. (Vgl. noch die
Stelle aus einer Überarbeitung des Jourdain de Bl. bei Reiffenberg , Chron.
rim. de Ph. Mouskes 2, CCLIX.) 'Süße, artige Nachtigall, die du sprichst
occi occi occit* beginnt ein Lied in einer musikalischen Handschrift des
15. Jhd. (Straßb. Bibl. Pap. in fol. Bl. 37': He (res dotis rouaignol ioli
I qui die od od od etc.) Dieses ocd ocdj das auch die Bauern bei Ver-
folgung Reinekes, der den Hahn wegträgt, als Mordgeschrei erschallen lassen
(Rom. du Renart, Meon 1, 63 : Tuit aescrient od qd!\ verlautet als Losung
der Nachtigall am deutlichsten im Gedichte von den Thaten des Mönchs
Eustach, eines berüchtigten Seeräubers aus der Grafschaft Boulogne , der
1217 umkam; dort wird ein wunderlicher Schwank erzählt: Eustach hat dem
Grafen von Boulogne schlimme Streiche gespielt und wurde deshalb von ihm
verfolgt, war auch schon in seinen Händen, aber unerkannt; jetzt reitet der
Graf dem Entronnenen in den Wald nach, da steigt Eustach in ein Weihen-
nest, macht sich zur Nachtigall und hat den Grafen zum Narren ; als er den-
selben vorbeikommen sieht, schreit er: ocM ochi, ocM ochi! (schlag todt,
schlag todt!) Der Graf antwortet: *Ich werd' ihn todtschlagen , bei Sanct
Richier! wenn ich ihn mit Händen greifen kann.' Eustach: fier fier! (schlag
zu, schlag zu!) Der Graf: Meiner Treu! ich werde zuschlagen, aber an die-
sem Orte krieg* ich ihn nimmermehr.* Eustach neckt fiirder: non Fot, si ot!
non Voty si ot! (er hatt' ihn nicht, hatte doch!) Graf: 'Hatte, ja wohl! ge-
stohlen hatt' er mir all meine guten Rosse.* Eustach: hui hui! Graf: *Wohl
gesprochen! noch heute (hui) werd* ich ihn mit meinen Händen erschlagen,
wenn ich ihn zu Händen kriege; kein Thor ist, wer demRathe der Nachtigall
glaubt, sie hat mich gut gelehrt, an meinen Feinden Rache zu nehmen , denn
sie ruft, ich soll ihn schlagen und tödten.* Da macht der Graf von Boulogne
sich auf 9 den Mönch Eustach zu verfolgen. (Romans de Witasse le Moine
Z. 1141 ff.) Eine solche Deutung der verschiedenen Tonstufen des Nachti-
gallschlags lässt keinen Zweifel darüber, dass man in ihm nicht lediglich die
schmelzenden Hauche der Sehnsucht vernahm. Zugleich erscheint es hier als
volksmäßiges Herkommen, derlei Naturlauten Sinn und Wort unterzulegen.
RATH DER NACHTIGALL. 137
Übrigens ist das Spiel mit occi doch erst für ein hinzugekommenes anzu-
sehen, während die wesenhaftere Vorstellung vom Vermögen der Vogel-
stimme, den Heldengeist zu wecken und den schlagfertigen Entschluss hervor-
zurufen, schon in den Liedern des nordischen Alterthums sich aufzeigen lässt.
In dem Mythenliede vom Ursprung der drei Stände , Rigsmal , ist es
nicht die wohlsingende Nachtigall, sondern die heisere Krähe, die dem Spröss-
ling des edeln Geschlechts, dem jungen Jarlssohne , kriegerische Mahnung
zuruft; des Vogelzwitschems kundig (Rigsm. 41), reitet er durch Gesträuch
und Wälder, lässt das Geschoss fliegen, beizt Vögel, da spricht die Krähe,
die einsam auf dem Zweige sitzt: ""was sollst du, junger Edling, Vögel beizen?
besser ziemte dir. Streitrosse zu reiten und Heer zu fällen, Dan und Danp
haben kostbare Hallen , herrlicheres Stammgut , als ihr habt , sie verstehen
wohl, den Kiel zu steuern, Schwertschneide Wunden reißen zu lassen' (ebd.
43 flf). Wie Parzival, schießt der nordische Jüngling nur erst nach den
Waldvögeln*(Parz. 66*: und schöz vil vögele die er vant Rigsm. 43: kolß
fieyffddf kyrdifugla) und, gleich Jenem, wird er darüber vom Vogelschall
ergriffen; wie den Sohn Girards der Nachtigallsang zur Erkämpfung seines
Erbes und zur Vaterrache befeuert, so reizt die Krähe ihren Lehrling durch
das leuchtende Vorbild dänischer Königsahnen (vgl. Yngl. S. K. 20) , sich
stattlichem Stammbesitz mit dem Kriegsschiff und der blutigen Schwert-
schneide zu erobern, bereits ein altnordisches occi! Zur Wikingsfahrt anzu-
treiben, war die Krähe vornehmlich geeignet; diese Vögel zogen gleichzeitig
mit den nordfriesischen Seefahrern im Frühling von den Inseln weg und
kehrten mit ihnen im Herbste wieder heim, auch sollen jene Friesen eine
Krähe in ihrer Fahne geföhrt haben (Hansen, Chronik der fries. üthlande
S. 18). Nach einem der eddischen Sigurdslieder erhält dieser junge Wölsung
von den Vögeln auf dem Reise, deren Gespräch er durch Kosten vom Herz-
blut des Wurmes versteht, die Weisung, den treulosen Regln zu erschlagen
und sich des Hortes zu bemächtigen; ein Vogelweibchen (altn. igda^ dän.
egde^ sitta europaea, eine norwegische Nachtigall, Sv. Egilss. Lex. poet. 435 *)
singt den andern zu: 'klug bedäucht' er mich, wüsst' er zu brauchen euem
großen Liebesrath (äsiräd), ihr Schwestern!' (Saem.llO* f.) Gerade ver-
waisten , heimatlosen Heldensöhnen wird die Stimme der Wildniss , rathend
und tieferregend, vernehmbar. Im deutschen Volkslied ist von solchen Waffen-
rafen nnr unsichere Spur vorhanden. Nichts was dem gewaltsamen occi ent-
spräche, unerachtet das Wälsch der Vögel vielfach ins Deutsche übertragen
ist (z.B.'derFink da sang sein reit herzu!' herald. Spruchgedicht, Druck des
16.Jhd.,imSerapeum5,355; MS.3, 109*; reicheSammlung bei Rochholz, Ale-
mann. Kinderlied. Nr. 146 — 183). Bei den Minnesängern und späterhin hat die
Nacitigall nur schmachtende oder tändelnde Lieder ohne Worte (vgl Wackern.
Leseb.250, 27: ein scmgedne wort): tandaradei, deilidurei, titidon zizizietc.
(Walth. Lachm. 39 f. MS. 1, 110 f. Carm. Bur. 200. Straßb. musikal. Hds.
138 LUDWIG UHLAND
Bl. 38*. Vgl. Gr. 3, 308. Waokern. Ältfr. Lied. 203) und wenn der vielge-
wanderte tirolische Dichter Oswald von Wolkenstein (Ged. XLI, 23 f. vgl.
51 f.) jenes occi selbst ertönen lässt, so geschieht es in einem bunten Ge-
mische deutscher und romatiischer Hufe. Zwar singt die Nachtigall dem Ge-
fangenen zu Augsburg: 'ein frischen freien Muth den soll ein Krieger haben!'
und der dies Liedlein gesungen hat, ist ''ein Krieger gut* (Yolksl. Nr. 16), die
drei Gesellen aus Rosenthal, die ihr zugehorcht, sind Freibeuter geworden
und der von ihr hinweg zu den Landsknechten gegangene Freiersmann schließt
mit den Worten (Hör. belg. 2, 2. Ausg., 164) :
Der uns dies Liedchen eri^tmals sang,
er hat es wohl gesungen
mit Pfeifen- und mit Trommelnklang ^
zum Trotz den Neiderzungen.
Aber das Eigenthümliche dieser Stücke beruht in den Gegensätzen: der
verschmähte Liebhaber geht von der minnesingenden Nachtigall zum blanken
Harnisch und singt von ihr zu Pfeifen-, und Trommelnklang; ''der in großen
Sorgen liegt*, der Gefangene, Gefolterte, hat noch den trotzigen Muth, mit
dem kleinen Waldvöglein und 'den hübschen Liedern von ihm zu spielen.
Auch für diese Wendung kann ein französisches Volkslied verglichen wer-
den: Drei Abenteurer aus Lyon, die ohne den rothen Heller (ne croix ne
pille, Bild- und Kehrseite der Münze) zur See gegangen und vom Nordwind
weit in das salzige Meer hinausgejagt sind, wo sie von heidnischen Galeeren
(Barbaresken) verfolgt und zur Übergabe aufgefordert werden, stellen sich
unter den Schutz Gottes, der Jungfrau Maria, des h. Nicolaus und der h. Bar-
bara, Einer aber stimmt an: 'Nachtigallchen des Waldes, geh und sage meiner
Freundin: Gold und Silber, soviel ich habe, davon soll 'sie Schatzmeisterin
sein; über meine drei Schlösser soll sie die Herrschaft haben, das eine ist in
Mailand, das andre in Picardie, das dritte in meinem Herzen, doch wag* ich
das nicht zu sagen.' (Chans. 1638, f. 69, vgl. f. 68.) Der schließende Anruf
war ohne Zweifel ein Liedchen für sich, aus dem Bereiche der hier nicht zu
erörternden Liedergattung vom Botenamte der Vögel, zumal der Nachtigall
als Liebesbotin (schon provenzalisch: Parn. occit 138 f. Rayn. 6, 292 ff.
vgl. Bartsch, Prov. Leseb. 55 ff.), doch ist dasselbe nicht bloß zufällig bei-
geschrieben, sondern dient zum Ausdruck des kecken Sinnes , der lustigen
Selbstverspottung jener lockern Gesellen , mitten in Meeressturm und Fein-
desdräuen. Dem deutschen Kriegsvolke schmettert die Nachtigall in den
wildesten Schlachtlärm hinein. Nach ihr war eine Art schweren Geschützes
benannt; die Nachtigall dieses Schlags wog 60 Zentner, schoß 60 bis 60
Pfund Eisen und zu ihr gehörten 13 Wagen mit 88 Pferden (LeonL Fron-
spergers Kriegsbuch, 2. Thl. Frankf. 1573, Bl. 5. Vgl. SchmeÜer 2, 672.
Barthold, G. von Frundsb. 106). Thätig ist eine solche bei Zerstörung des
Schlosses Hohenkrähen im Jahre 1512 (Volksl. Nr. 177, Str. 8 ff.);
RATE D£B NACHTIOALL. 139
Der Kaiser mit seim Ftaueazimmer,
seiner Kantorei vergiss ich nimmer,
viel Freud in dieser Sache:
die ^achtgall hat sich geschwungen auf,
nit besser mocht mans machen.
Die Singerin singt den Tenor schön»
die ^achtgall den Alt in gleichem Ton,
scharpf Metz bassiert mit Schalle,
die Schlang den Discant warf darein,
sie achten nit, wem es gfalle.
Sie sungen, dass die Mauren kluben
und Bett und Bölster zum Dach aus Stuben ,
ei| war ein seltsamer Tanze.
Bei der Einnahme von Doornick 1521 waren:
so ich mich bsinn, drei Singerinn,
vier Nachtigal mit namen etc.
die Nachtigal allein zumal
hätt diese Stadt ersungen.
(DruckbL in der Heidelb. Hds. 793, Bl. 73; vgl Mone, Änz. 7, 63 f.
Hildebrand, bist. Volksl. 92 ff.)
Besonders aber wird in einem der niederdeutschen Landsknechtlieder auf
die geldrisch-burgundische Fehde von 1542—43 erzählt, wie die Geldrer
das Lager des Prinzen von Burgund bei Nacht überfallen ;
Die Sonne hat sich verborgen (yerkykei),
die Sterne sind aufgegangn,
der Mond ist hervor gedrungen,
Frau Nachtigall mit Gesang;
sie sungen also helle,
dass es in den Himmel klang.
(Steinen, westphäl. Gesch. 4, 1475. Soltau 352 f.)
Unter den hellsingenden Nachtigallen versteht der geldrische Kriegs*
knecht nichts Andres , als was er früher unbildlich sagte : ''die Büchsen hört
man krachen im Jülioher Land so weit;' jetzt aber zieht er, gleich dem Ge-
sellen aus Lyon, die Nachtigall der Liebeslieder herbei, und zwar (s. Soltau
349) den Anfang eines in demselben Tone verfassten Wächterlieds:
Die Sonne die ist verblichen,
die Sterne sind (a. der Mond ist) aufgegangn , •
die Nacht die kommt geschlichen,
Frau Nachtigall mit Gesang.
(Heidelb. Hds. 343, BL 95. G. Forsters fr. Liedl. Ten. 3, 1563, Nr. 42.
Ambr. Liederb. Nr. 58. Erfizrt Liederb. Nr, 68. Vgl VolkaL Nr. 17',)
146 LUDWIG ÜHLAND
In ein andres, stilleres Gebiet fährt die aas fernem Morgenland stam-
mende Fabel von den drei Lehren der Nachtigall. Dieselbe tritt am frühesten
in der griechischen Legende Barlaam nnd Joasaph hervor: Ein Vogelsteller
fängt eine Nachtigall und will sie schlachten » da spricht sie: was ihn dies
helfe, da er sich doch mit ihr nicht den Magen fallen könne? wolF er sie aber
der Bande entledigen, so werde sie ihm drei Anweise geben, deren Bewah-
rung ihm fiir sein ganzes Leben nützlich , sein werde. Erstaunt über ihre
Anrede, verheifit er ihr die Freiheit, wenn sie ihm etwas Neaes zuhören
gebe. Nun lehrt sie: 'Unerreichbares strebe nie zu erlangen, lass dich keine
verlorene Sache reuen und glaube kein unglaubliches Wort!' Nachdem er
sie losgelassen , will sie erkunden , ob er den Gehalt ihrer Worte begriffen
und sich Nutzen daraus gezogen habe. Aus der Luft herab spottet sie der
Unklugheit des Mannes, der solchen Schatz hingegeben, denn in ihren Ein-
geweiden befinde sich ein Edelstein (ficcQYcc^^tijgX größer als ein Straußenei.
Voll Bestürzung und Reue, versucht er sie wieder zu fangen, er will sie
in sein Haus zurücklocken, wo er sie freundlich bewirtheu und dann
ehrenvoll entlassen werde, die Nachtigall aber zeigt ihm, wie wenig er
ihre Lehren genützt, die er doch gerne angehört: er habe schlecht be-
halten, dass er um Verlorenes sich nicht grämen und dass er nicht
versuchen solle, sie zu fangen,~ deren Weg er nicht verfolgen könne, und wie
könnte ihr Inneres einen Edelstein bergen , größer als ihre ganze Gestalt?
(Boissonade, Anecd. gr. 4, 79 ff. auch in Aretins Beitr. 10, 1247 f.) Mit
dem Barlaam gieng diese Fabel in die abendländischen Sprachen über, na-
mentlich im 14. Jhd. in die allgemein verbreitete goldene Legende (Gap. 175,
bei Gräße 180); vor und nach dieser Zeit ist sie auch manigfach in andern
Verbindungen oder für sich allein erzählt worden, so in der gleichfalls viel-
gebrauchten Disciplina clericalis aus der ersten Hälfte des 12. Jhd. (Schmidts
Ausg. S. 67 f.) , in der beliebten Sanunlung Gesta Romanorum (bei Keller
Cap. 167), altfiranzösisch: in d^n Ermahnungen des Vaters an den Sohn,
einer gereimten Bearbeitung der Disciplina (M6on2, 140), und als besondres
Lai, deutsch: zwar nicht in Rudolfs Barlaam, aber unter den gereimten Bei-
spielen aus dem 13. Jhd., dann von Boner, Hans Sachs und anderwärts. (Zur
Literatur: Schmidt S. 151 ff. J. Grimm, Reinh, CCLXXXI. Loiseleur, Essai
sur les fabl. ind. 71 f. Gräße, Gesta Rom. 276 f. Bist. Ut. 23, 76 f. Vgl. Lieders.
2, 656 ff. Keller, altd. Ged. 12 ff. Zeitschr. f. d. Alt. 7, 343 ff.) Da einige
der genannten Sammelwerke für den geistlichen Unterricht bestimmt waren,
weshalb auch die Fabeln und Märchen mit christlichen Deutungen überreich
versehen sind, so konnte die Nachtigall, deren Lehrsprüche schon Barlaam
in solcher Weise auslegt, selbst vom Predigtstuhl zum Volke reden. Die
vielfältigen Aufzeichnungen stimmen wohl im Ganzen überein, doch bildet
die Disciplina clericalis, deren Verfasser, ein getaufter spanischer Jude, nach
seiner Angabe (S. 34), zum Theil aus arabischen Quellen geschöpft hat, mit
RATE DER NAGHTIOALL. 141
den zwei altfranzösischen Stücken eine besondre Reihe, die sich von den an-
dern durch einige hieher nicht unerhebliche Züge unterscheidet: de^ Vogel
weigert sich, in der Gefangenschaft zu singen (Disc. der. 67: retenta nee*
prece nee pretio eamtabo) , und muss daher schon vor Ertheilung und auf
bloße Zusage der drei Sprüche freigelassen werden , statt der Lehre , nicht
nach Unerreichbarem zu trachten, steht die, was man habe, festzuhalten,
auch wird im Eingange die Annehmlichkeit des Gartens geschildert, in wel-
chem das unbenannte Vögelein singt. Das kleine Landschaftbild, sonst nur
leicht entworfen, erwächst in dem nordfranzösischen Lai zu einer ausgeführ-
ten Darstellung selbständigen Inhalts: Vor mehr als hundert Jahren besass
ein reicher Bauer ein wunderschönes Herrenhaus , wie kein andres auf der
Welt war, mit herrlichen Thürmen und köstlichem Baumgarten , rings von
einem Strom umflossen; ein Ritter hatt* es erbaut, dessen Sohn es dem Bauer
verkaufte; der Garten duftete so von Rosen und andrer Würze, war* ein
Kranker eine I^acht darin gelegen, er wäre geheilt von dannen gegangen; die
Bäume trugen Früchte jeder Art und zu jeder Jahreszeit; er war gänzlich
durch Zauberkunst geschaffen. Mitten darin sprang ein klarer Quell, be-
schattet von einem Baume, der nie sein Laub verlor; auf dem Baume sang
täglich zweimal, Morgens und Abends, ein Vogel, kleiner als ein Sperling
(?moft«9on), größer als der Zaunkönig; weder Nachtigall noch Amsel, Drossel
noch Staar, Lerche noch Galander war so lieblich zu hören, er sang Lieder
und Weisen, dass weder Geige noch Harfe sich damit messen konnte, der
Kummervollste vergass beim Gesänge des Vogels sein Leid , erglühte neu
von Liebe, dachte sich einem Kaiser oder Könige gleich, wenn er auch Bauer
oder Bürger war, und hätt* er über hundert Jahre verlebt, er däuchte sich
alsbald ein Jüngling, ein Diener schöner Frauen zu sein. Ein andres Wun-
der war, dass der Garten nur so lange bestehen konnte, als der Vogel dort-
hin zu singen kam, denn vom Gesänge geht der Liebeshauch aus, der Blumen
und Bäume in Kraft erhält; wäre der Vogel ausgeblieben, sogleich wäre der
Garten verdorrt und die Quelle versiegt. Der Bauer, dem dieses Anwesen
gehört, will eines Morgens sein Gesicht an ^der Quelle waschen, als eben der
Vogel hoch auf dem Baume mit vollem Athem sein Lied anstimmt und in
seinem Latein also singt: 'Hört auf mein Lied, Ritter, Geistliche und Laien,
die ihr der Minne huldigt und ihre Schmerzen duldet, auch zu euch, schöne
JuDgfraun, sprech' ich: voraus sollt ihr Gott lieben und sein Gebot halten,
gerne zur Kirche gehn und sein Amt anhören! Gott und Minne sind einhellig,
beide lieben Sinn, Wohlgezogenheit, Ehre, Treue, Milde, beide hören auf
schöne Bitte , und haltet ihr euch an jene Tugenden , so könnt ihr Gott und
die Welt zugleich haben.' Als aber der Vogel den filzigen Bauer unter dem
Baume lauschen sieht, da singt er in andrem Tone: 'Lass deinen Lauf, o
Fluss! Häuser, Thürme, stürzet ein! welket, Blumen! Kräuter, dorret! Bäume,
hört auf zu tragen! hier pflegten mich edle Frauen und Ritter zu hörei%
142 LUDWIG UHLAND
denen der Bronnen lieb war, die an meinem Gesänge sich vergnügten, darch
ihn um so schöner liebten, Milde, Höflichkeit, Tapferkeit übten, Ritterschaft
'handhabten; jetzt hört mich dieser missgünstige Bauer, dem Münze lieber ist
als Minne, der hieher kommt, nicht um besser zu lieben, nein um besseczn
essen, zu trinken, zu schlingen* Damit fliegt der Vogel hinweg, der Bauer
aber denkt darauf, ihn zu haschen, um ihn theuer zu verkaufen, oder, wenn
das nicht gelänge, in ein Käfig zu sperren und sich früh und spät von ihm
singen zu lassen; er stellt Netze, worin der Vogel gefangen wird, und nun
erst folgt die schon bekannte Geschichte von den drei Kluglehren (trois
senei); der befreite Vogel kehrt nicht wieder, die Blätter fallen vom Baume,
der Garten verödet, die Quelle versiegt und das Sprichwort bewährt sich:
wer Alles begehrt, verliert Alles. (M6on 3, 114 ff.) Die Verbindung des
indischen Apologs mit dem feudalistischen Märchen ist nicht sonderlich ge-
lungen. Zweimal des Vögleinis Lehren und so verschiedenartig, dass die
beiden Theile ohne inneren Zusanunenhang neben einander stehen; der Finch
des hinwegfliegenden Wundervogels verliert alle Wirkung, wenn dieser gleich
am Abend in den Garten zurückkehrt. Dennoch ist das Dichterische des
Grundgedankens nicht zu verkennen: eine ganze Ritterwelt, hochgethürmte
Burg, Sommerwonne, Frauendienst, Waffenruhm, wird von dem kleinen Ge-
schöpfe heraufgesungen und schwebt an dem Zauber seiner süßen, belebenden
Stimme. Gewiss war dieser Gedanke dem ungeschickten und weitschweifigen
Verdoppler der Fabel nicht eigen, vielmehr ist hier, wie anderwärts beim
unstrophischen Lai (lai heißt Z. 91. 132 f. 139 der Sang des Vögleins, aber
auch das ganze Gedicht in der Überschrift und Z. 421 : U lata de Voiselet),
eine besser abgeschlossene Vorlage in Liedesform anzunehmen , auf welche
jedoch voraus schon die zum Gemeingut gewordene Lehrfabel eingewirkt
haben kann. Von solchem Einfluss zeigen sich ja auch in den deutschen
Volksliedern unverkennbare Merkmale. Zuerst die wiederkehrende Bezeich-
nung der Ortlichkeit:
Da liegt eine Stadt in Osterreich {Oaterrilc)^
die ist so wohl gezieret
all mit so manchem Blümlein blau,
mit Marmelstein gemauret
(Nd., Volksl. 17A.)
Da steht ein Kloster in Ostenreich (Oo8tenrijc\
es ist so wohl gezieret
mit Silber und mit rothem Gold,
mit grauem Stein durchmauret.
(Ndl., ebd. 17 B.)
Es liegt ein Schloss in Osterreich,
das ist gar wohl erbauet
RATH DER NACHTIGALL. . 143
von Zimmet nnd von Nägelein,
wo fiiadt man solche Manren?
(Anfangsstr. in G. Forsters fr.LiedLTen.2, 1565,Nr.77.)
Überall ist es hier derselbe Landesname, wie er, je in der besondem
Mundart^ dem deutschen Österreich zukommt; entschieden auf dieses bezieht
sich das Lied von einem unschuldig gefangenen und hingerichteten Knaben:
Es liegt ein Schloss in Österreich,
das ist ganz wohl erbauet
von Silber und von rothem Grold,
mit Marmelstein vermauret.
Schluss: Wer ist der uns dies Liedlein sang?
so frei ist es gesungen;
das haben gethan drei Jungfräulein
zu Wien in österreiche.
(Volksl. Nr. 125; auch nd., ndl., dän. und schwed.)
Das erste Gesätz ist vernehmlicher Nachklang der älteren Lieder von
der Nachtigall, aber in diesen selbst weist der märchenhafte Bau der Stadt,
des Klosters, Schlosses auf ursprünglichen Bezug zu einem entlegenem Ost-
lande (Graff 2, 392 : östarrichi, oriens). Um jene Stadt her liegt der grüne
Wald mit der singenden Nachtigall, die aber, wie das Vöglein der einen
Fabelreihe, sich nicht zum Sänge zwingen lässt; ihre Sprüche werden auch
gerne noch in der Dreizahl gehalten , selbst wenn sie nicht alle gleich gut
auf den gegebenen Fall zutreffen , und es sind darunter einige , in denen ein
leichter y der Sorge und des Kummers sich entschlagender Sinn empfohlen
wird; vom Barlaam an, wo die Schlusslehre lautet: 'gräme dich nicht um
eine vorübergegangene Sache (ju^ fievafieXS int nqayiiavi naQeX&ovn,
Diso. der.: ne doleaa de amiaais)? tönt dieselbe in vielen Sprachen fort und
in den deutschen Nachtigalliedern ist sie durch einen verschiedentlich ge-
fassten Äpruch vertreten , der auch für sich bestehend oder ein anderartiges
Lied beschliessend in Notenbüchem des 16. JFhd. vorkommt:
Zwischen Berg und tiefem Thal
da liegt ein freie Straße;
und wer sein Lieb nicht behalten mag,
der muss es fahren lassen.
(Volksl. Nr. 16, Str. 9. Nr. 17 A, Str. 8. B, Str. 9; einzeln mit Singnoten
im Augsb. Liederb. von 1512, Nr. 3, sowie bei G. Forster 1549 und 1563,
3, Nr. 27, in andrer Verbindung ebd. 4, 1556, Nr. 32.)
Der vielfach vermittelten Lehrfabel aus dem Osten kamen Anklänge des
heimischen Volksgesangs entgegeh. In jener waltet eben der Lehrzweck
vor, die Lehren sind verständig und nützlich, auch der Art des Vögleins
wohl angepasst; die Volkslieder sind lebhafter empfunden, sie fassen einer-
seits das Leben der Vögel mit all der Innigkeit auf, die ihm überhaupt in
144 LÜDWI0 ÜHLAND
deutscher Dichtung zugewandt ist, und ^teilen demselben von der andern
Seite Menschen mit tieferregtem Gemüthe gegenüber. Alte Spräche sagen:
*ich bm frei, wie der Vogel auf dem Zweig; ich bin Niemands, Niemand ist
mein, wer mich faht, des will ich sein.' (Lieders. 3, 637. 493. Rechtsalt. 41,
Anm.) Dem Falken wird zugerufen: 'du fleugst, wohin dir lieb ist» du erkie-
sest dir in dem WaJde einen Baum, der dir gefalle' (MS. 1, 99*); ebenso der
Kachtigail: 'du bist ein kleins Waldvögelein, du fleugst den griiipien Wald
aus und ein' (Volksl. Nr. 15 A, Str. 3). Darum heißt sie bei den Minnesän-
gern: die freie Nachtigall (MS. 1, 24'. 342\ 3W); noch 1532 wird ihre
Freiheit zu Bamberg obrigkeitlich anerkannt: 'Gebot der Nachtigall halb:
seil nicht gefangen werden' (Aufsess, Anzeig. 2, 10). In den Zweigesprächen
nun will man ihr das helle Singen bald untersagen , bald gebieten oder ab-
lernen und zum Dank ihr Gefieder mit Golde bekleiden, aber sie verschmäht
das glänzende Zeichen der Dieiistbarkeit. Konrad von Würzburg vergleicht
sein eigenes , keinen äußeren Lohn ansprechendes Dichten dem Gesänge der
Nachtigall, die sich nicht darum kümmert, ob Jemand sie höre oder nicht.
(Troj. Kr. 170 ff.) Sie selbst rühmt sich, dass Niemand sie zwingen könne
und sie jeder Gewalt zu entrinnen wisse. Allein die freifliegenden Vögel
sind auch obdachlos , aller Unbill des Wetters und der Jahreszeit preisge-
geben. Schon die altnordische Dichtersprache nennt den Winter: Betrüb-
niss, Angst der Vögel (aut, sMdfuglaj Lex. poet. 208'. Myth. 715); ihr
Ungemach unter freiem Himmel bezeichnen in angelsächsischem und skaldi-
schem Gebrauche die Beiwörter des Adlers und des Raben: der nassfedrige,
thaufedrige , schmutzkleidige , thaufarbige (J. Grimm , Andr. u. El. XXVI f.
Gr. 4, 729. Saem. 95, 41). Mittelhochdeutsche Dichter fragen zur Zeit des
Laubfalls: 'wo nehmen nun die Vögel Dach?' (MS. 2,1 60 \ 3,32P. Ben.411,2.
Heinz, v. Konst. 2, 13 ff.) Wann auf der Linde Rost liegt, dann ist die Zeit,
wo der Wald des Laubes bloß wird 'und die Nachtigall ihr Herze zwinget',
d.h. zu winterlangem Schweigen niederhält (Ben. 397, 5). So wird ihr auch
im Volksliede , wenn sie mit ihrer Freiheit sich brüstet, entgegengehalten,
dass doch der Reif, der Hagel , der kalte Schnee ihr das schirmende Laub
von der Linde streife , sie soll sich hinwegschwingen , damit nicht der kühle
Thau sie netze, der Reif sie erfröre; doch hat sie auch hierauf Antwort : 'und
netzet mich der kühle Thau, so trücknet mich Frau Sonne.' Lust und Leid,
Bedrängniss und Trost eines Nachtigallebens ist damit in wenigen Zügen
vorübergeführt. Ein ähnliches Liedchen lässt den Kuckuck, vom Regen
durchnässt, auf dem Zaune sitzen, darnach kommt der Sonnenschein, alsbald
schwingt der Kuckuck sein Gefieder und fliegt über den See hin; dies der
ganze Inhalt (VolksL Nr. 11). Ohne Nutzanwendung oder Lehrspruch sind
solche der Natur abgelauschte Lebensbilder ein Spiegel menschlicher Zu-
stände und Erfahrungen. An die Geschichte der Nachtigall treten nun so
mancherlei persönliche Fragen und Begehren heran, die von jungen Mädchen
BATH DER NACHTIGALL. 145
und GeseUen gestellt werden, von Verliebten, Werbenden, Verlassenen, Aus-
gewiesenen, Gefangenen. Überall sind es Anliegen des klopfenden Herzens,
denen die Nachtigall Rede stehen soll, und sie antwortet durch das Beispiel
ihrer eigenen Erlebnisse : mit der entlaubten Linde mahnt sie zum Festhalten
des jungfräulichen Kränzleins , durch den goldenen Flügelschmuck will sie
nicht ihre Freiheit binden lassen , ihr bt»:eiftes Gefieder und die trocknende
Sonne gibt sie dem Mann im Kerker zum Tröste. All das bewegt sich in der
leichten Schwebe des Vogelsangs und Vogelzugs und doch waltet ein tiefer
Klageton in dieser Flüchtigkeit der Sonmierlust, des Jugendmuths, des Liebe-
lebens, und in dem letzten Käthe der Entfliegenden: fahren zu lassen, was
nicht zu behalten ist. Die Fabel von den drei Lehren des Vögeleins hatte
selbst wohl in frischer Naturanschauung ihren Ursprung, war sie allmählig
altklug geworden , im lebendigen Borne des Volksgesangs konnte sie , eine
badende Nachtigall, sich verjüngen.
Beiderlei Arten des bedeutsamen Vogelsangs , der aufreizende und der
lehrhafte, werden als Rath bezeichnet; so auf der einen Seite was dem jun-
gen Sigurd (ßstrdd) und dem Grafen von Boulogne {dyniseil) gesungen wurde,
anderseits, in der norwegischen Bearbeitung des Barlaam um 1200 und in
einer alten Verdeutschung der Gesta Romanorum, die drei Rät he der
Nachtigall an den Vogelsteller (Barlaam etc. udg. af Keyser og Unger, Kap.
45: j^rm rdi. Fabeln aus den Zeiten der Minnes. Zur. 1757, S. 243). Der
vorgenannte Graf weist aber zugleich auf einen sprichwörtlichen Ausdruck
oder Denkreim, wenn er sagt: 'kein Thor ist, wer dem Nachtigallrathe
glaubt* (Eust. Z. 1165 f.: il rCest mie fol, qui croit conseil de louasignoV).
Entsprechend ist es im Renner (Z. 2873) Merkmal eines Einfältigen: 'der
hörte nie ein Vöglein im Maien.' Nach einer englischen Ballade äußert der
von schwerem Unheil bedrohte Graf Percy von Nordhumberland , als er mit
seiner schönen Frau in den Garten geht: *ich hört' einen Vogel singen in
mein Ohr, dass ich muss fechten oder fliehen.' (Percy, Reliq, Lond, 1840,
72, 7 f.) Meister Hagens kölnische Reimchronik, geschrieben 1270, berichtet
von den Anschlägen des Bischofs Engelbrecht wider die Stadt: ''Der Bischof
hört' ein neues Lied singen ein ander Vögelchen: „Herr Bischof! wollt ihr
Herr sein von Köln der Stadt , über Arm und Reich , all euer Leben lang,
darzu will ich euch Rath geben." „Ja! sing an. Vögelchen! ich will dir
gefolgig sein." „Fahrt ein zu Köln auf euren Saal und thut, was ich euch
rathen werde!" Der Vorschlag geht auf heimliche Bewaffnung und treulosen
Überfall. *Des Rathes war der Bischof froh und that genau also.* (Hag.
Z. 3077 ff.) Auch der Reimspruch eines bairischen Herolds um 1424 streift
an die kriegerischen Aufrufe, indem von einem tumierlustigen Adelsge-
schlechte gerühmt wird: 'und hörten sie einen Grillen singen von einem Ritter-
spiel, sie legten darauf Kostung viel.' (Schmoll. 2, 108. DueliiExcerpt.261.)*
Eben der sprichwörtliche und formelhafte Gebrauch^ verhohlene Rathschläge
OS&IIAVIA. UI. 10
146 LUDWIG UHLAND, BATH DKR NACHTIGALL.
and Entschlösse, selbst in wenig dichterischen Angelegenheiten, asf EiDgebüng
der Vögel zu schieben, setzt eine lebensvollere Anifassnng voraos, wie sie
altverbreitet in Heldenmären and Yolksliedem nachgewiesen werden konnte;
eine Auffassung, die nicht einzig sinnbildlicher Art ist, sondern wirkM von
dem 'hellen Singen', der 'wilden Zunge' des Waldvögleins ausgeht lodem
der Nachtigall unter allen Waldesstimmen mit dem kräftigsten Klang auch
die reichste Manigfaltigkeit der Töne zu Gebot steht (B^n.327,4: mangelei
tBtir gehrahtjiel&ier^ donneliae. 440, 1 : vremde, süezewtse^ doenevü.Vi&X
80, 4: Wie unüekomen, Nahteffoi ein vrouwel dtn d6n deristrtchemamger
tüezenetMmnenetc.)^ vermag sie, Alles, was im Innern des Hörenden scUom-
mert oder wach ist, aufzurühren und jene verschiedensten Gemtithstimmoiigeo,
nachdenkliche, gefühlvolle, stürmische, gleich eindringlich anzuechlagen.
Soviel vom Rathe der Nachtigall; damit ist jedoch ihr Greschäftskreis
in der deutschen Volksdichtung lange nicht erschöpft, sie hat noch Vieleflei
auszurichten, als Sendbotin, Wahrsagerin, femartige Zeugin und Anklägerin
verborgener Schuld, und diese verschiedenen Berufe greifen wechselseitig
ineinander. Nicht zu vergessen ist endlich die von allem Geflügel des Wal-
des und der Lüfte gefeierte Hochzeit der Nachtigall mit dem Gimpel (Volksl.
Nr. lOA, Str. 3. 5). *)
*) Nachträge. 2uS. 129,2. 10: (Mone,Zeitschr.3,473. Cann.Bur.216i>, 2: erfucr^
Biin daz vogeUcmeh). — Zu S. 134, Z. 7 v. n. : Aussprüche der NachtigaU über rechtschaffene
und imstate Liebe belenchtet, in der Neige des 13. Jahrhunderts, Baude, ein flandrischer Sftnger:
'ihr wisst nicht, was die NachtigaU sprach, sie sprach, daß Liebe durch falsdie Liebende EnGnnde
gieng; das sprach die Nachtigall, aber ich sage, daH der ein Thor ist, der sich yon guter Liebe
scheiden wiU etc. Wohl habt ihr die Nachtigall gehört: wenn ihr nicht redlich liebt, hi^t
ihr die Liebe yerrathen, wehe dem, der sie verrathen wird !' (Hist. littSr. de la France 23, 530 f.)
Was ^e Nachtigall sprach (m ditt U Um$eignoU), scheint ebenso sprichwörtlich gegolten n
haben, als die Reden Salozuons oder die des Bauen («« diit SalimomB^ ee düt U vilm»i
Tgl. ebd. 686 ff. und Leroux de Lincy, Proverb. fr.), wenn es auch nicht, wie diese, gesainmett
ist. — Zu S. 135, Z. 17: Der Held eines andern Romans, Aubri Ton Burgnnd, zweifelt an
der Treue seiner Gemahlin , der Königin von Baiem, unrubyoU geht er in den Garten, lehnt
sich an einen Weidenbaum, sieht den Fisch im Strome schwimmen, hört die Lerche, die Amsel*
den Staar, den Galander im Gesträuche singen und sieht die Blumen läng« der Wiese blühen,
da gemahnt es ihn, wie er ein Jüngling war« seiner Liebes- und Frühlingszeit: 'Fisch, wi« hast
du all deinen Wunsch! Vogel, der du singest, wie hast du deine Wonne! So lebt* ich als
junger Ritter, da ich nichts hatte , denn mein geschwindes Ross, meinen starken Speer nn^
meinen neuen Schild; damals wftre mir ein grünes Krftnzlein lieber gewesen, denn hnndert
Mark im Gurte ; um schöne Frauen tummelt* ich mich wacker , mandie Stadt und manche
Teste brach ich, gute Jahre hatt* ich, beim heiligen Mareell! Nun ist*s toiM; der Biaeke,
der gekettet ist, um besser am Pfahle festgehalten zu werden (a. ein Bftf in der Kette, ^
man den Maulkorb anlegt etc.), steckt wahrlich nicht in so heillosem Zwinger, wie ich Jetzt.'
(Tarb6, Roman d*Aubery le Bourgoing. Reims 1849« p. 44. Hist lit. 22, 326.) —2°
S. 136, Z. 17: Nur theilweise bekannt geworden ist das SinggesprAch von OuiUaumi U
Vinier, Bürger zu Arras gegen £nde des 13. Jahrhunderts, worin derselbe ausruft: 'Hocher-
freut ist mein Hers durch die Nachtigall, die ich gehört, wie sie singend sprach; Ji&rjier, <^
od, schlag todt Alle, die ein Schrecken Treuliebender sind' ! (Hist. lit. 23, 692 f.)
JACOB QBDOi, ME AHD. PIUETESITA. 14T
DIE AHD. PRAETERITA.
Heine anfstelliiDg der althochdeatschen prflDterita lautete bisher:
nam nami Dam, nämumSs nämnt namim
scolta scoltds scolta, scoltumfis scoltat scolton
nerita neritös nerita» neritiunis neritnt neritun
pranta prantds pranta, praatamds prantat prantaa
salpdta salpdtös salpdta» aalpötumes salpdtut salpAtun
hapßta hapdtds hapdta» hapitamds hap|tat hapitan,
die erste reihe gehört der starken form, die fbnf übrigen sind der schwachen.
Dies paradigma ist aber nur den fränkischen und bairischen denk-
mäiern gemäsz, namentlich den hrabanischen » casselischen , monseeischen
glossen, der exhortatio, dem bnichstück ans Matthaens, dem Hildebrands and
Lodwigslied, Tatian nnd Otfried.
Anders jedoch verhält es sich mit dem hier noch anerkannten alaman«
nischen dialect, der zwischen starker nnd schwacher conjagation nnterschei-
dend, zwar jener das characteristische a läset, in der schwachen hingegen überall
ö daf&r verwendet, die beispiele ändern sich demnach folgendergestalt:
nam nämi nam, nämnmis nämnt nämnn
scolta scoltös scolta, scoltomes scoltöt scoltdn
nerita neritos nerita, neritdmes neritdt neritdn
pranta prantös pranta, prantomSs prantdt prantdn
salpöU salpdtds salpdta, salpötdmSs salpdtot sa)pdtAn
hapeta hapetds hap4ta, hapStomes hapdtdt hapdtön,
der unterschied rührt also nicht den sg., blosz den pL an, er wird aber befolgt in
Kero, in den hymnen, der Samarit, in den Diät. 1, 491 — 526 gedrnckten bibel-
glossen, indenglossenznPradentias, im Greorgslied, endlich dnrchgehends bei
Notker, nur daitz diesem das a sich zu e verdünnt hat, d aber haftet er conjogiert :
nam näme nam, nämen näment n&üien
solta soltds solta, soltön soltont soltön
nereta neretds nereta, neretdn neretdnt neret6n
branda brandds branda, branddn branddnt branddn
'salbota salbotds salbota, salbotön salbotont salbotdn
habeta habetös habeta, habeton habetdnt habetdn.
In allen paradigmen mag die länge des dem t vorangehenden d and %
onsicher sein, da sie in den handschriften oft gar nicht oder schwankend
bezeichnet wird, älteren denkmälem darf man mehr das arsprüngliche d und
e lassen, späteren o and e ertheilen, wie ich zumal bei Notker annehme, auf
diese Yocale kommt uns aber hier nichts an, blosz auf Unterscheidung des star-
ken um ut an von dem schwachen töm tot tön, womit kein tom tot ton ge^
meint sein kann , weil Notker, der jedes n der fiexionen zu e schwächt, an
t6n festhält, wenn es auch die handschriften bald tdn bald ton schreiben.
10»
148 JACOB OBIMM
für die länge entscheidet das alte 'platoon winti indi erloso tatan E. ed.Hat-
temer 33 flavernnt venu et impegerunt, was der Übersetzer als impie egerant
anffaszte nnd erlöse tätun verdeutschte, doch diese albernheit stellt ans den
unterschied der formen plätdn und tätun lebhaft vor äugen, andere belege
aus K. sind kehörtomSs audivimus 34; limetdn didicerunt 34; farhocton
spreverunt 37; kisaztomSs 66. 123; ferdoleton 110; lunetömes 114; neben
dem u starker form: entfiangut accepistis 36 ; pirumds sumus 38. 102; qhaa-
tnmes diximus 64. 106; scnlun debent. 99. zum überflnsz mögen hier noch
mehr beispiele des tdnfojgen: cavestinotön Diut. 1,49P; fnricimbartön 492';
winetdn carpebant, slaffetön torpebant. 293*; soffötön condivemnt 493^
anagasazton495^ kiurdriozötön, waraböton498*'; kiantfrägötön 607^ bebi-
tön 510*; kisazton 519*; arekisöton 519*; piweritön abigerunt 519"; anu'i-
tön inhiabant520^ prantön523*; trahtdtön 529*; wuaftön luxerunt 629'.
gegenüber starkformigen prsst. in derselben glosse: kifinhtun 491**; woahsun
493^; arprahastun = arprastun emmpebant 497"; wurtun 497"; luafiui lam-
bebant 499". auch hymn. 19, 5 warun neben wizindtön.
Die sogenannt keronischen glossen Diut. 1 , 128 ff. bieten fast keine
prsBterita^ doch steht erwalztom L arwalzton divellebant 195, wo die Reichen«
auer, mehr fränkische hs. arwalztnn, Hattemer 1, 164" aber richtig irwalzton
u. irprächun gewährt; kilägötun obsidiaverunt 204" ist wieder aus derBei-
chenauer hs.
Die Übersetzung des isidorischen tractats hat, nach Holzmanns ausgäbe,
chihdrdön 7*, 13; chifrumiddn 9", 4; sendidon 9", 12; dhecchidon 10", 7;
aughidom 11% 18; folglich wird auch 14", 4 mahton d. i. mahtdn, und nicht
jnahtun zu lesen sein, in dies denkmal, das man doch sonst eher för fränkisch
als für alamannisch halten wird , könnte ein alamannischer abschreiber die
o = ö an die stelle fränkischer u eingetragen haben , wie das fragment bei
Maszmiun zu bestätigen scheint, welches s. 19 deondtun liest, nicht deondton.
Eine menge schwacher tön liefert Notker allenthalben, am überzeugend-
sten wenn ihnen starke en zur seite stehen, z. b. Boeth. 126 triumviri Uezen
die über fravali dingoton; tie föne anderen bürgen dara chomene waren, tie
habeton dia selbün ea; Capeila 126 raspoton daz üzer iro munde fuor same-
liche diemun, die liste unde lirnunga hiezen. er wird stets wären, fuoren, würfen,
gruoben und stets soltön, woltön, mahtön, legeton, sazton, ilton, gesamenotön,
zeigoton schreiben, wenn gleich die abschreiber den circumflexüber dem o sparen.
wäron gruobon setzt kein einziger so wenig als selten, weiten, raspoten.
Was uns die alamannischen quellen vom achten bis zum eilften jh'
^schauen lassen, das kennzeichen im für starke, t6n für schwache praeteritat
kann nicht so leicht aus der spräche gewichen sein, musz unter dem volk
auch noch später gehaftet haben, von Notker bis auf Hartmann von Aue
joder Rudolf von Ems ist schon ein beträchtlicher Zwischenraum, diese dichter
mögen aber auch von ihrer schwäbischen oder alemannischen mundart über-
DIE AHD. PRAETERITA. 149
getreten sein zur hochdeutschen dichtersprache , ich wüste ans ihren werken
keine spur oder nachwirkung des alten ton aufzuweisen. Allein Urkunden und
andere prosadenkmäler des 13. 14. jh. könnten sie eher zu erkennen geben«
wer die von Grieshaber bekanntgemachten, aus dem Schwarzwald stanunen-»
den und noch dem 13. jh. angehörigen predigten liest, entdeckt in ihnen viel-»
fach neben sahen, giengen, zugen, waren auch noch wincton, volgeton, opfero-
ton, antwurton responderunt, verschiedentlich scheinen die Schreiber den
unterschied zu vernachlässigen, am sorgfältigsten wacht über ihre auffallend
eigenthümliche mundart die band, nach Grieshaber eine firauenhand, von der
die blätter 73 — 77 (theil 1, 83 — 91) herrühren, und die unser altes tön
durch tun ausdrückt, wie sie auch sonst u für d setzt, es heiszt hier hueben,^
giengen aber randun (rannten) setjm (sagten) fuortun (führten) neben wauren
(wären) bauten (bäten), das ist völlig die alte, notkersche Unterscheidung,
in heutigen schwäbischen oder schweizerischen eigenheiten der gemeinen
Volkssprache, die sich bekanntlich des einfachen praet. enthält, wird schwer
danach zu suchen sein.
Wie nun ist dieser alte und lange zeit (ortdauernde abstand der praete-
rita nämun und neritön, prantön zu verstehen ? welchen grund mag er haben?
Ich bin geneigt ihn in die frühste zeit unserer Sprachgeschichte zu ver-
legen und hier eine einleuchtende berühmng zwischen alamannischem und
gothischem dialect zu gewahren, die in^ keinem der übrigen so offen vortritt.
Es springt in die äugen, wie genau die starken prdeterita
nam nami nam nämumes nämut nämun
den gothischen
nam namt nam nemum nemu} nemun,
wiederum die schwachen
sGolta scoltes scolta scoltom scoltot scoltön
. nerita neritos nerita neritöm neritöt neriton
den gothischen zur seite stehn :
skulda skuldes skulda skuldedum skuldedn} skuldedun
nasida nasidSs nasida nasidedum nasidedu]) nasidedun
und sa durch die bank.
In der starken fiexion entsprechen sich goth. um u]) un und alam. am ut
un, in der schwachen aber goth. dedum dedu]) dedun und alam. tom tot tön;
wie könnte es anders sein , als dasz nicht ein solches tom tot tön aus einem
früheren tätum tätut tätun gekürzt hervorgegangen wäre? längst ist gezeigt
und bewiesen, da&z unserer schwachen verbalflexion ein auxiliares thun unter-
liegt, das bereits im goth. sg. da des da kürzung erlitt (GDS. 882), den fort-*
schritt ähnlicher kürzung erblicken wir im alam. tom tot tön wie im tum tut
tun der übrigen deutschen sprachen, nur dasz in dem ö das gewicht der
vollen form nachwirkt, die flexion der starken praeterita blieb unverändert
und ihr u erfiihr keinen eindruck. Ähnliche wortverengungen trugen sich
ISO JACOB 0RIMH
genug in der spräche zu: hiuta, hiom ans hiatagn, hinjära, Notkers cMt, sist
ans chidet, sihest, and noch häufiger mhd. git lit schät hau Albreht aas gibet
liget schadet haben Adelbreht, man beachte zumal bön für boum (Haupt 4, 547)
trön fttr troum CDiut. S» 6) wegen production des letzten u, wie in tom, ton
fiir tätum, t&tun. Am wichtigsten ist es aber nicht sowol einzelne fälle als
ganze verbalreihen zu erw>o, namentlich die Verengung der gothischen
reduplieationen lailaikmaimaithaihait haihald saizlep lailöt und aller solcher
in ahd. iiaz miaz hiaz hialt sliaf liaz, mhd. miez hiez hielt slief liez; ja aaf
einer noch viel älteren stufe unserer spräche mögen sogar die scheinbar
einfachen ablaute nam las u. s. w. aus der reduplication ninam lilas oder
ninama lilasa entspringen, folglich läge alTen formen des starken wie
schwachen pneteritoms wo nicht gleiche dpch ähnliche kürzong^zum gründe,
der schlieszende vocal mag dabei verlängert werden oder nicht wir wissen
niclit, ob dem hialt hielt hier oder da ein heialt hialt hiält hialt vorausgieng.
alle übrigen dialecte, der fränkische, thüringische, bairische, sächsische be-
hielten kurzes tun, dun und schon mhd. ten steht dem en der starken pr»t.
gleich; der alamannische hatte ein feineres nachgefiihl der eingetretnen Ver-
dichtung und stellte dem starken un schwaches tön gegenüber.
Da nun aber das zweisilbige goth. dedum in alle flexionen des prst.
conj. übergieng, mithin diese
skuldedjau skuldedeis skuldedi, skuldedeima skuldedei]? sknldedeina,
naside^jau nasidddeis nasidedi, nasidedeima nasidödeij) nasidedeina
lauteten und von den starken
nemjau nemeis nSmi, nemeima nemei]> nSmeina
abstanden; so fragt es sich, ob auch im conjunctiv der alamannische dialect
von den übrigen abgewichen sei?
Sicher gebührt hier dem pl. aller dialecte langes i, weil et schon im
goth. ei begründet ist:
scoltimes scoltit scoltin
neritfmds neritit neritin,
ganz wie nam!mSs nämit namin,
obschon die handschriften diese theoretische aufstellung nicht rein erkennen
lassen, meist nur i statt i gewähren, welches aUmälich auch jenem gewichen
sein musz. nicht anders darf die theorie der zweiten person des sg. durch-
gängig is einräumen, sowol in.nämis als inscoltis, neritis. Schwierigkeit
greift blosz fär I und III sg. platz, hat man aus dem goth. jau ein ahd. i»
aus goth. i der starken flexion ein ahd. i, aus goth. dedi der schwachen ein
ahd. i zu folgern? in der dritten person starker form, glaube ich, darf insge-
mein nur kurzes i eintreten, weil zu langem nirgends ein gmnd obwaltet, fox
die schwache 4orm wird aber wiederum zwischen fränkischbairischem dialect
und dem alatnannischen zu unterscheiden sein, dieser wird das goth. dSdi
durch ti auschrücken» wie dddun durch tdn, j^er hingegen kurzes ti behalten,
DIE DEÜTSHE INSTBUMENTAUS. 151
•
wie er tan behielt, hiernach ist also starke und schwache öexion der III sg.
priet. conj. aiamannisch verschieden, sie lautet nämi aber scolti, neriti, wäh-
rend fränkisch nami und scolti, neriti galt, entscheidend für den alamanni-
sehen brauch ist Kotker, welcher wäre esset, chäde diceret, täte Sstceret,
wnrte fieret, stieze tunderet schreibt, allein solti deberet, mahti posset, lusti
cuperet« sconti incitaret» gleichviel ob die handschriften oft auch solti mahti
lasti setzen, keine wird solte mafate luste, noch wen%er wäri chädi tati
schreiben, wie vorhin im ind. bürgen und habetön nebeneinander standen,
findet sich hier im conj. traoge und solti Bth. 56; zegienge unde begondi
Bth.prol.3, überwände und fröniscoti Cap. 164; fareti and bräche Gap. 164.
diese e oder i der starken III sg. praet. conj. stehen auf gleichem fasz mit
der starken II sg. pra^t. ind. Was endlich die I sg« conj. angeht, so ist diese
gerade wie die III zu behandeln, weil Notker wäre essem, täte facerem , da-
gegen solti deberem, mahti possem, scunti incitarem schreibt.
Ich glaube mit dieser auseinandersetzung , und sie muste umständlich
geschehen, eine vorher übersehene eigenheit des alamannischen dialects ge-
bührend hervorgehoben zu haben, dieser dialect zeichnet «ich noch durch
vieles andere aus, was einmal genau zusammengefaszt werden sollte; bis
auf heute erscheint unter den volksmundarten die schwäbische und schwei-
zerisch* vorzüglich lebendig und sinüig, es wäre ein glück gewesen, wenn
unser hochdeutsch sich mein* aas der ^alamannischen spräche, als aus der
fränkischen und bairischen gebildet hätte, wie weit steht die klarheit und
frische in Hebels poesie über der blöden » die verbalflexion oft abbeiszenden
mnudart des dietmarsischen quikborns.
JACOB GRIMM.
DER DEUTSCHE INSTRUMENTALIS.
Was wir, nach weise der Slaven und Litauer, dativ und instrum^tal
nennen, heiszt auf lateinisch dativ und ablativ. die griechische st>rache kennt
keinen ablativ, nur den dativ. das latein wirft beide casus häufig zusanunen,
im pl. überall und im sg. zweiter declination , nicht selten dritter; blosz die
erste, vierte^ fünfte unterscheiden den dat. ae, ui, ei vom abl. a, u« e, die
dritte gewöhnlich d^ dat. i vom abl. e. es leacteet ein , dasz i In allen de-
clinationen (denn ae ist = ai und o steht für oi) den dat. wirkt, im abl. aber
wegfallt zu merken sind die pronominaldative ei, Uli, isti^ ipsi, *cai, huic
gegenüber den dreigeschlechtigen abL eo ea eo, ilto iilaiUe> isto ista isto,
ipso ipsa ipso, quo qua quo, hoc hac hoc.
Auch in den deutschen sprachen hat der pl. nur dative^ keine instrumen-
tale, und der sg. scheint sparsam damit versehen, wo eine instrüraedtalform
haftet, verdrängt sie meistentbeils den dat, das ist ein zeichen aussterbender
formen, wie z, b. auch duale, wenn sie haftan, den pl. mitv^tetea.
152 JACOB GRUIM
«
Der Gothe besitzt blosz in den partikeln ei, ]>e oder ])ei, bi])^, clü)e,
hve, sve, desgleichen in den pronominalbildungen hv^leiks , favelauds Über-
reste des instr. neutr., unterschieden von dem dat. imma, ])amma, hvamroa,
kein svamma bietet sich dar. das eigentliche nomen snbst und adj. kennen
keinen instr. m. oder n., lauter dative.
Ahd. entspricht nichts den goth. partikeln ei und sve, wol aber dia und
pidiu, zidiu dem Je, bijö, duJÄ; huiu, später wiu dem hve; die dative lauten
imn, demu, huemu. auszerdem ist hin ein den Substantiven tagu und jäm,
also einem m. und n. zugesellter instrumental, ganz im sinne des lat. hoc^nnd
die kürzung hiutü gleicht vollkommen dem lat. hodie für hoc die, hiujarii kürzt
sich in hiuru, das lat. horno geht auf hoc anno zurück, homus gebildet wie
diumns von diu, die. dem Gothen gilt ein dativisches himmadaga, kein
himm^era begegnet , unerhört wäre ein instrumentales hedage , hejSre. ans
dem ahd. hiutu, hiuru folgt, wie gesagt, ein substantivischer instr. m. und n.
tagü, järu und die grammatik hat ihn in viscö angesetzt neben dem dat. visca,
wie den instr. adj. plintd neben dem dat. plintemu. für das m. ist beweisend
mit gern im Hildebrandslied, fürs neutr; dinu speru und billiu ebenda, goth.
hvSleiks wird zu ahd. huiolih, wiolih statt huiülih, wiulih.
Alts, ist der oft erscheinende instr. thiu auf das n. einzuschränken und
dem m. abzusprechen, nicht zu übersehn der gleiche casus in thins, hoft doch
unterscheidet sich auch im n. der dat. themu vom instr. thiu. snbst. und adj.
gewähren denselben instr. folkü, barnü, gödü, mind neben dem dat. folka, barna,
gödemu, minemu. masculina gestatten blosz den dat. fiska, gödemu, minemn.
Ags. lautet die dem goth. Je , ahd. diu entsprechende partikel Je oder
Jy, dem alts. thius gleicht ags. Jeos. die nominalinstrumentale endigen auf
e, sind aber für adj. und snbst. sowol dem m. als n. zuständig, neben beiden
gilt zugleich ein dativ. belege sind gegeben GDS. 936.
Altn. erscheint Jvi und hvi für goth. Je, hve, offenbar ist Jvi unorga-
nisch an die stelle von Ji getreten , das noch hin und wieder aufbaucht, auch
durch schwed. ty, dän. ti, neben hvi bestätigt wird, nicht nur diese beiden
instrumentale y sondern auch die adjectivischen auf u endigenden stehn bIos2
dem n., nicht dem m. zu, erstrecken sich beim n. aber zugleich auf den dativ,
anders ausgedrückt, alle neutralen adjectiva haben nur den instr., alle männ-
lichen nur den dat., alle substantiva, welches geschlechts sie seien, lediglich
den dativ.
Überschauen wir die bisher verhandelten instrumentale , so sehen wir
sie bald dem nomen überhaupt, bald dem subst entzogen, bald aufs nentram
beschränkt, bald dem masc. und neutr. überwiesen, ihr hauptsitz scheint
allerdings das pronominale und adjectivische neutrum, in welchem sie wie-
derum den dativ sowol vertreten , als neben sich dulden, mhd. und nhd. hat
der dativ ganz die herschafb an sich gerissen und mit ausnähme einiger Über-
bleibsel in Partikeln den instr. verdrängt.
DIE DEUTSCHE INSTRUMENTALIS, 163
Noch aber ist ungefragt Dach einem weiblichen instrnmentalis, nnd dar-
auf 2u antworten bildet der nntersnehung schwierigsten theil. da sich der lat.
abl. f. sg. meistens von dem dat. scheidet, der sl. nnd lit. instr. f. vom dat. ab-
steht, warum sollte unserer spräche diese Unterscheidung fremd geblieben sein?
Ich habe ein Verhältnis wenigstens zu berühren, dessen erörterung nicht
hierher gehört die lateinische spräche erweitert in erster, zweiter und fünfter
declination sämtliche noroina jedes geschlechts durch ein dem gen.pl. einge-
schaltetes, aus S entsprungenes R. wir schalten gleichfalls allen starken ad-
jectiven der aform R, goth. Z ein, nicht den Substantiven; aber wir gewähren
dasselbe R auszerdem allen starken gen. und dat, sg. f. unser nhd. blinder
ist niederschlag des ahd. plintero cajcorum, caBCorum, des gen. sg. f. plintera
c«cae und dat. sg. f. plinteru caecae. die goth. gen. pl. blindaize blindaizd
blindaize kamen oem lat. caecorum csBcarum caecorum noch näher, der gen. sg.
lautete blindaizos; doch der dat sg. f. nicht biindaizai, vielmehr blindai, dem subst
gibai analog, alle übrigen deutschen sprachen lassen das R auch dem dat. sg., der
ags. dat flectiert gleich dem gen. blindre, der altn. gen. blindrar, dat. blindri.
Dasz die Gothen ihrem dat. blindai das z entzogen, ist bedeutsame al^-^
weichung von dem typus der übrigen, doch erscheint eine wichtige ausnähme,
dem dat izai und ])izai des pronomens steht z dennoch zu, wie dem gen. izos,
]>izös, was läszt sich daraus entnehmen?
Ich bin auf den gedanken verfallen, dasz izai und ]>i2ai wahre dative
seien , blindai instrumentalform zeige , die im gothischen den dat. biindaizai
verdrängte, wie umgekehrt der männliche und neutrale dat. imma, ])amma,
bliodamma den instr. verdrängt hat, den wiederum dieselben pronomina in
den Partikeln ei und ])e hegten, der eigentliche instr. konnte demnach blinde
oder blindei lauten.
Ahd. erhielt sich die dativflexion vorwaltend sowol in imu, denm, plintemu
als in im, dem, plintem; nur ausnahmsweise bricht der instr. diu, plintü hervor.
Ags. herscht der dat. in him hire him, ])äm ]>aBre ])am, blindüm blindre
blindum, woneben doch die männlichen und neutralen instrumentale ]7e nnd
blinde vorkommen.
Altn. gilt der dat m. in ])eim, blindum, der dat. f. in ]7eirri, blindri, hin-*
gegen der instr. n. in J)vi, blindu, folglich ist im m. f. der instr., im n. der
dat gewichen, blindu tilgt blindum wie blindai biindaizai.
Sollte sich aber jener gemutmaszte goth. instr. f. blindai nicht auch io
den andern dialecten spüren lassen?
Bei Otfried 1. 25, 6 ist eine merkwürdige stelle:
dmhtin, qnad er, wio mag sin, ja bin ih smäher scalc thin,
thaz thih henti mine zi doufenne birine?
hier kann man henti nicht als nom. pl. deuten und das verbum im sg. statt
des pl. (keine hs. liest birinen) hinzu nehmen, denn es müste minö daneben
stehn; wäre aber mine die zur dativform des subst. gefagtQ weibliche instm-
164 HOrPMAMN VON FAIXERSUSBISI
mentalflexion, so ergäbe iiich der passende sinn, dasz ich dieli mit meiner
hand berühre, und dies henti mine birein gliche aufs haar dem gotk gamelida
meinai handaa, scripsi mea mann. Pfailem. 19 oder dem nfraelida handan
meinai, sabscripsi mann mea in der nrkande. dem ahd. männlichen instr.
minA stände der weibliche mine zur seite, wie vielleicht dem ags. männlichen
mine der weibliche minä» da Lye unter dem wort read aus ps. 136, 15 die
phrase anffthrt *on J)ä saa readre' in man rubre, wo ])ä nicht der acc. sem kann
wegen des folgenden re&dre, dies müste denn für reade verschrieben sein,
doch soll auch ps. 105« 21 stehn on s» reädre, ohne artikel, was den dativ
bestätigt, femer hat Beda 2, 13 mid ]>ä fsmnan cum virgine; 474, 24 \i
fordgongenre tide, procedente tempore, in welchem ]>ä unmöglich einacc;
gesehen werden kann.
Längst war von Holzmanns Scharfsinn eingesehn worflbn, dasz auch im
ahd. Isidor 1% 4 die steile dhanne ir mit ercnä ewä abgrundiu wazar umbi
hringida, quando certa lege gyro vallabat abyssos, dn instr. f. stecken müsse;
ich suchte vergebens den acc. festzuhalten, der auch sonst unleugbar der
prop. mit folgt, hier ist der instr. eben so wenig zu leugnen, and wir haben
nur anzunehmen, dasz neben solchem ä, das dem ags. ä begegnet, bei Otfried
& eingetreten sei, welches e auch im ahd. pl. ql und in der coiyngation dem
goth. ai entspricht.
Nettgefundene stellen mögen alles besser aufklären und was diesmal zn
vermuten gewagt wurde vollends sichern oder abweisen, über den dativ der
goth. substaative gibai, anstai werde ich bei uidrer gelegenheit sprechen.
JACOB 6BIMM.
LEDER HERZOGS JM L VON BRÄBMT.
Die Lieder des ritterlichen brab«it*sche& Herzogs Janl., der den 3. Hai
1294 an der Wnnde starb, die er im Turnier zu Bar erhielt, sind bekanntlich
nur in einer einzigen Handschrift enthalten, in der Pariser Nr, 7266, worin
aufter diesen Liedern nur hochdeutsche vorkommen. Sie sind in v. d.
Hagen's Minnesingern 1, 15—17 gedruckt. Mona hält Nr. 1 und 8 fftr hoch-
deutsch, V. d. Hagen auch noch Nr. 2, 3, 7 und 9. Nach meiner Ansicht
ist nur Nr. 8 hochdeutsch und die letzte Strophe von Nr. 6, die aber auch gar
nicht dazu gehört.
Schon vor 30 Jahren hatte ich eine Wiederherstellung versucht und an
das königl. Institut zu Amsterdam gesendet. Später hat Willems in s. Onde
vlaemsche Liederen (Gent 1848) Bl. 11—26 alle 9 Lieder vemieder-
ländischt. Dadurch ist aber ein neuer Versuch, den Text seiner Ursprung-
lichkeit zu nähern, nicht überflüssig geworden , und so will ich denn einen
sotcben neuen Y ersuch, wie ich ihn bereits in der zweiten Ausgabe der Pari
LIEDER HEBZ006 JAK I. TOM BRAMNT. 155
I. meinef Horae belgicae (Hannover, Rümpler 185T) S. 129 angekündigt habe,
jetzt infttheilen.
WXDCAB, 21. Jaiiiiar 1868. HOFFMAKN YOK FALLEBSUEBEV.
h
1. Bfiniqc ende goet,
hoofsch ende rener sinne
Efi si ende wael ghemo6t
die ic met tronwen miime.
Si es coningfamne
in miere herteo gront,
daer si bestedet es inne
na ende ooc talre stont ^
Vriendelijc bevanghen
heeft mi een roder mont
ende twee lichte wanghen,
daer bi een kele ront.
2. Noch wordic ghesont,
trooste mi die minnelike^
Die mi heeft verwont.
ach ghenade doghetrike!
Ic moet sekerlike
sterven in corter stont,
mi werde gfaraadeUke
dan Qwe goede cont.
Vriendelijc bevanghen
heeft mi een roder mont
ende twee lichte wanghen,
daer bi een krie ront
3. Lichte oghen daer,
minlic een Heflic kinne
Doen mi sorghen baer.
ach ghenade coningfainne!
In senender noot ic brinne
na n in, alre stont:
helpt mi, dat ic ghewinne
troost^ miere Salden voot.
Vriendelqc bevanghen
heeft mi een roder mont
ende twee lichte wanghen,
daer bi een kele ront.
1, 7. biiHiiP, mm Skm$ a/rnrnnitm. -
11. Bm WUmm'' ende tw«e blosende iraag«n.
IM HOmCAMK VON FALLERSLEBEN
2. 8. B0i WaUmti dan uwer goetheit eonl. •
S. 8. baer, ßrei, Uäig — gut mid^ — also: maehin mUhfrei von Scrgmn, Daraut fmuht
Willmu: doen mi sorgen openbaer.
5. Senen dem MKd, entlehnt^ Willsms ßigt dcufu folgende Bemerkung — erlMt näm-
^A in iwinender noet: „In swinender noet, in hezwyhender nood. Est MwahUtl^
hetft sender not, %oaervoor ik tri enge tael geen gepctst woord vond, Later voerd«
8. hat Wiümns völlig missverstcmden: er denkt an Wunde, ändert: troest ted mir«
▼eneerderwont tMu2 bemerkt doMu: „veraeerder wont. Het gwahisch heeft saelder
▼nnt, vervuiide vfont."^ — Saide, nd, und nl., es findet sieh im Leven van Jetw
eap. 115 und mehrmals hei Potter, KiUaen kennt es nicht mehr.
n.
1. Eens meienmorghens vroe
was ic opghestaen,
In eoD schoon bogaerkyn
sondic speleD gaen.
Daer vant ic drie joncfronwen staen,
die een sanc voor, die ander sanc na:
harba lori fa, harba harba lori fa,
harba lori fa.
2. Doe ic versach dat schone crant
in den bogaerkyn
Ende ic verl^oorde dat soete ghelant
van den maechden fijn,
Doe verblide therte mijn,
dat ic singben moeste na :
harba lori fa, harba harba lori fa,
harba lori fa.
3. Doe groettic dalreschoonst,
die daer onder stont,
Ic liet tn^n aerm al omme gaen
doe ter selver stont;
Ic wondese cnssen aen hären mont,
si sprac: laet staen, laet staen, laet staen!
harba lori fa, harba harba lori ßi,
harba lori fa.
1, 3. bogaeridjn/£ir boomgaerdeidjo, BaumgOrtchen, 4ie Unterärüehung desm indiete»
Worte gang gewöhnlieh.
5. Danach in der Hs, noch eine Zeile: n waren so wol getan.
7. harbalorifo, ein Refrain, eine blosse Jauehsung (mhd. jÄwesnnge, iubHatiiö), o»t U-
grijßosen Lauten und Worten susammengesetzt , vgl. W. Waekemagelf AUfrant'
Lieder und Leiche 203. Es ist also eitele Mühe, dergleichen erklären su woUe»»
wie Willems harbalorifa" herba fiors fa , Vh&rbe fait des fleurs , Vherbe semsten
ßeurs.*^
USDSB B1R20C« JAN I. VON BIUBANT. 167
IIL
1« Onghelgc staet ons die moet ~ .
mi enten denen woutvoghelkinen,
Want si vroawen sich der bloet
diese nten asten sien schinen,
Daer onder si willen rawen desen coelen mei
ende verniewen haer ghesanc enthaer gheschrei.
Emmer dienen sonder loon dats jamerlic.
wetti wie dat heeft ghedaen? siet dat ben ic.
2. Ic wil emmer bliven staet
ende en wil haer niet ontwenken.
Loont si mi met missedaet.
wee, wes sal ic dan ghedenken!
Neen, vroa Venns, laet ontfermen di,
ende bid die lieve dat si trooste mi.
Emmer cBenen sonder loon dats jamerlic.
wetti wie dat heeft ghedaen? siet dat ben ic.
3. Ic moet emmer draghen qnaei «
nacht ende dach ende tallen stonden.
Dat doet mi haer minnestrael,
die ver versehet mine wenden.
Die staen onverbonden, dats al te haert:
na alrierst so jaech ic opter wedervaert
Emmer dienen sonder loon dats jamerlic.
wetti wie dat heeft ghedaen? siet dat ben ic.
1> 3. bloet, Blaths, Äueh beiIHrc Potter in Der Minnen hap 2, S774 :
daer die minne in bloete itaet.
Bei Willemi: als «i Teriiogea dor den Uoet.
4. Für nten atten bei WUleau ten^uten nte.
5. Für mwen bei Wülemt ritten. Bnwen ^ nwU,, bei KUiaen roenwtn, ronwea,
mwen.
2, 1. Itaet, fe$t, itandhcft» bei WtUeme gestade, dasselbe was bei Potter itadieht ttidilic,
itede, Btedich, stedelic, mhd. 8t»te.
5. Flkr ontfermen bei Willems teie tn der Bs. erbarmen.
6. Für bid die Uere bei Willems sech die lielite.
3, 6. wederraert, Rückkehr, Umkehr, opter wederraert jagiien, so jagen dass man eu der
verlassenen Spur wieder umkehrt , also wieder von frisehem mu jagen anfangen
muss» wie es in dem lAede der Limburger Chronik beim J, 1379 heisst :
die widerrart ich genslichen Jagn,
das praere ieh jeger an der tpor.
IV.
1. Johcfrou edel, goedertieren»
waelgheraket van manieren.
158 HOmCANN TON FALLERtaJOMBir
als ghi ghebiedt so sal ic vieren
vernoy daer ic ben iime.
Dat ic BUS moet qaekn»
dat doet mi lieve mione.
in cans mi ghehelen:
ghewaerlic ic ontsinae.
2. Uw eichen wil ic wesen:
wet yoorwaer, in cans gbenesen»
ten si dat ic in desoi
troost moghe aen n ^eiriniMn.
Dat ic SOS moet qneirai»
dat doet mi lieve minne.
in cans mi ghehelea :
ghevaerlic ic ontaiime.
1, 1. goedarüMren (A. gaotet diren), amßmfUij^, mMm WmM, f^ Eqt. hOg. 3, 138.
2. iraeli^ertket, vorWgUch, auig^mchnet, v^ d4 Vrint L^tmtfUghel woorMijf^
Bh 43fr.
5. Ternoy Tieren, /fM* von LM i^in, renioy {Hk. fOr noij), s, darüber Bor. belg.Zt 1^*
Ei stammt vom praveng. enoel, enoi« «Md woher dim— «. DUm Wb, 240 wnttr noja.
4. ras, dos, 60.
6. Für mi liere minne M WiUemi mire liefiste minne.
7. ghehelen, vwhehUr^
8. entsinnen, von iStnn«n kommen, wfhiinmg werden,
2, 1. eighen, a^ und subet., ein Leibeigener, Höriger. Ober/Omig als» dae man, v/tkket
WiUemi hmjfufUfft ,' eigenman.
3. ten, si/ttr het en si«
Der cnoschen smalen brone oghen
die hebben mi dat gbedaen,
Dat ic minnen moete doghen»
ic val, in can niet gbestaen.
Gheeft si mi troost, so waer mi wael ghescliietf
ocbarme ic pense sine weis doen niet.
Die mi heeft sus bevaen,
in baer prisoen ghedaen,
die en welle mi troosten, ic ben doot sonder waen.
1. Dire. Potter, der Minnen loop 1, 1525:
se ghino die edele cnusehe smal
alleine spatseren in een dal.
smal, niedlieh, nett» groHöe,
3. doghen, Willems hat dafür togen , flandrisch dasselbe was toonen, eeigen ; si m'
aber nur das mhd, tongen, h«iniUeh, was hier der Dichter aus dem Hochdeutschen
entlehnt hat,
4. in d i. ic en.
6. ochanne, sonst aueh ay annek Bor, beig, 3, 126. >FIMmw hat wachanne.
UEDU BBBZOOS JAN I. TOST nUBANT. IM
VI.
1. In sach noit lo roden mont
noch ooc so miiin#itc oghen
Als si heeft die mi heeft ghevont
al in het herte doglien.
Toch leve ic in hoghen
ende hopes loon ontfaen:
gheeft si mi qoale dogben»
si mach mgs.beteren säen«
Lief» mi heeft aw minne
so vriendeiyc beva^,
dat ic n met sinne
moei Wesen onderdaen.
2. Mi es wad als ic mach sgn
bi miere schonen yroowen
Ende ic dan haer ciaer aenscbqn
ende haer ghelaet mach schouven.
God verre si van rouwen!
si es so waelghedaen,
dat ic haer met tronwen
moet tallen diensten staen.
Lief» nu heeft aw minne
so vriendelijc bevaen,
dat ic n met sinne
moet Wesen onderdaen.
1. in d. *. io en. — ' noü, nUmoU.
4. doghen ist wieder da* mhd, tong^n wie V. 3.
5. in hon^ leTen, tu Frm»dm Ubm, vgU Muydee, op. Stets 3, SM Mv. /ülü nl^ ttr«
hengd njn.
6. hapetfOrhope des*
7. doghen, erleiden.
8. laen, goffleieh, mhd. iS» tAn.
3. aeniehijn, Anguicht,
4. Reiset» dcu Ausishen.
5. Teiren, fem luUten, — ronwe, Betrübniti,
VH
L Menech cteatnur es blide»
die onthier in sorghen was;
Dats natnnriic teghen den tide.
toch helt mi minne in een pas:
Si doet mi dat ic verswine.
ghenade, cnusche, waerde» fine!
om n pensic dach ende nacht.
160 HOmfAMK VON PAIXEB8LEBEN
Mi es droef van baer te sine,
nochtan lidic bi baer pine,
dat doet recbter minnen cracbt
2. Menech belt van minnen tale,
dien nocb niet dwanc der minnen bant.
Ic woa dat mens kende wale,
sone werde goet minne niet gbescbant
Tes clerc, leke no begbine»
si togben sieb baten lief te sine,
des toeb int berte niet en bacbt.
Mi es droef van baer te sine,
nocbtan lidic bi baer pine,
dat doet recbter nünnen cracbt
3. Haddic caur van allen vrouwen,
sone wandelde tocb niet bet berte mijn;
So seer mimiic eeo met tronwen,
dat ic baer onderdaen moet sijn.
Tuscben Mase enten Rine
en es gbeen scboner dan die mine,
si leit vast in miere gbedacbt.
Mi es droef van baer te sine,
nochtan lidic bi baer pine,
dat doet recbter minnen cracbt.
1, 1. hhde, /röhUch.
2. onthier (Si. bis her), bis her, nihd. anxe her, Sor. belg. 3, 148.
8. Für teghen hei WilUms omme.
4. In een pas honden, in einmn Zuitamdß halten; $o aueh bei Pottet 2, 8872.
6. yerswinen, daetelbe wae Tordirineii, vergehen,
7. pensen, dat fr 0. penser.
10. Für rechter bei Willeme oprechter.
2, 1. tale houden, sieh aussprechen,
3. ic wou für ic wonde, ich wonte, ieh wollte.
6. sie geigen sich von aussen lieb $fu sein. Bei Willems völlig missglückt: sine toeo«
uter rasten te sine, mit der Erklärung: „Of gy (hy) Pracht de rust te Verliesen. ^
Mwabisehe tekst stelt liep, ly/.*' Die Hs. hat : si enge sich nzen Uep ze sine.
7. hacht, haftet; dafür Willems acht.
8, 1. caur hebben, zu wählen haben.
4^ Für onderdaen bei Willems onderdanech.
5. Bei Willems ende tasschen , vercmlasst durch das missverstandene mhd. iniwiscbso*
IX.
1. Sal ic sus gbebonden,
joncfrou, voor u staen?
Helet mine wenden!
wat bebbic gbedaen?
STABAT KATER IN DUlTSCm. 161
Vroa, door god ghenade,
veel reine Ealech w\jf!
troosdi mi te spadie,
dat nemet nü het lijf.
2. Ben ic sus verdelet,
joncfroa minnelic?
Blijfic onghehelet,
dan verderve ic.
Vrou, door god ghenade,
veel reine saiech wijfl
troosdi mi te spade,
dat nemet mi het lijf.
1, 8. Uj^ Leben.
2, 1. Terdelet, vefuriheüt, verdammt; Willems hat dafür dcu jüngere rerordeelet
STABAT MATER IN DUITSCHE.
(Ans Ghetijdeii nui onfer liereii Tromren. UoToUit. Exemplar der LübecUicfaen Stadtbibliothek,
wahnch. Leiden 1497.)
1 . Die moeder stont vol van ronwen
wenende onder tcrais met rouwen,
daer haer lieve sone aenhinc»
Wiens siele sachtende ende bevende,
seer bedract in swaerheit levende,
metten sweerde des rouwen doorghinc.
2. 0 boe droeve ende hoe onblide
was die soetste gbebenedide
moeder van den enighen sone,
die welke wenende ende ronwede,
die werde moeder, als si aenschoawede
sine pine swaer ende onghewone!
3. Wie is die mensche, hi en dede claghe,
als bi Cristus moeder aensaghe
in sulken swaren druc sijnde?
wie en soude niet wenen moghen
sulc moeder siende in sulken doghen
so droevich, als men haer kint so pijnde?
4. Omme syns volcs sondighe ghewenten
siende Jesom also tormenten
11
162 HOFFMANN VON PALLERSLEBEK, 8TABAT MATER.
ende den gbeeseelen 80 onderdaen.
si such baer kint Beer gbenoost
ontfermelic sterven ende ongbetroost,
met sacbter Bielen deerlic uutgaen.
6. Eya moeder, fanteine der minnen,
doet mi dien druc bevoelen binnen,
dat ic met di docb wenen macb;
doet dat mine herte berne sere
in der minnen Cbristi onsen bere,
dat bem believe mijn bejacb.
6. Heiligbe moeder doet dat liden
ende sijn wonden tot allen tiden
in mijn berte vaste ende vri,
doet dat sijn passie ende wonden,
sijn smadigbe crucinghe om onse sonden
deelacbticb niet mi sondare si.
7. In mi vesticbt dijn liden altenen,
doet mi de crucinghe dijns sQons bewenen ,
die ben in dese allende gbeduurlic,
doet mi waerlic met di beclaghen
die crucinghe seere swaer onverdraghen
ende met begbeerten bewenen truurlic.
8. Doet mi met di ondert eruce staen,
met di gbesellende gherende te gaen
ende met begbeerten in mi gbeplant,
desen dmc maect mi gbemeine
ende en doet in mi niet wesen deine
die begheerte uwes lidens onderstant.
9. 0 magbet der maecbden boven al,
en sijt mi niet vreet in mijn misval,
doet mi met di wenen gbenadelic,
doet mi dragben Christas doot,
sijn passie ende liden groot
ende denken om sijn wonden gbenadelic.
10. O magbet soet, magbet goedertieren,
Maria sacbtmoedicb in alle manieren,
aenhoret roepen des dienaers dijn,
maect die wonden met pii ghewont
ende tcruce te dragben in alre stont.
ter liefden van den sone dijn.
MAX BIEOER, DIE KIEBELUNOENSAOE. 163
11. Insteect ml vierichlic in desen
bi di, 0 maghet, beschermt te wesen
in den daghe sijns ordeels wreet,
doet dattet cruce behoede mi
ende Christus doot bi mi si
ende met gracien maect mi ghecleet,
12. Met Christo doet mi verscheiden
ende gheeft mi te comen na dit beleiden
te liden der victorien,
wanneer dlichaem sal laten dleven,
doet dat die siele dan si ghegheven
ten paradise der glorien. Amen.
HOFFMANN VON FALLERSLEBEN.
DIE NIBELUNGENSAGE.
vov
MAX RIEGER.
Ethische und physikalische Auffassung eines Mythus sind keine aus-
schließenden Gegensätze. Was in den uns vorliegenden Quellen ethisch ver-
standen wird konnte auf einer früheren Stufe physikalischen Sinn haben; die
einfachere Gestalt der Sage, welche dieser fordert, kann der complicierten»
die ans überliefert ist, als Grundlage vorausgegangen sein. Was Wilhelm
Maller als Sinn und ursprüngliche Gestalt des mythischen Theiles der Nibe-
luogensage herausgefunden hat, soll im Folgenden nicht bestritten, nur dahin
gestellt sein. Was hier über denselben Gegenstand vorgetragen wird , will
Sion und Zusammenhang der Sage nur für die letzte Periode treffen, in der
sie überhaupt noch mythisch verstanden ward, für die letzte Periode vor jener
Vermenschung der Mörder Siegfrieds, die es möglich machte, sie für eins mit
dep von Attila vernichteten Burgundionen zu nehmen. Ob nicht einzelne
Elemente der Sage vor und neben ihrer Verwendung in derselben eine Existenz
und Bedeutung fär sich hatten, ob vielleicht die Hauptzüge selbst früher einen
andern Sinn hatten bleibt unerörtert. Ich gehe nicht darauf aus zu zersetzen,
sondern iiieder aufzubauen , was in ansehnlichen und deutlichen Trümmern
von einer einstigen Ganzheit zeugt, die jenseits all unsrer Quellen liegt. Ich
fand es einladend den von Lachmann eingeschlagenen Weg noch einmal zu
versuchen um ihn wo möglich noch weiter zu verfolgen und eine noch be-
stimmtere und vollständigere Ansicht aufzufinden. Ich dehne die Untersu-
chung auch über den angeschweißten historischen Theil der Sage aus , nicht
am seine genügend aufgehellte Beziehung zur Geschichte noch einmal zu er-
11 •
164 ^AX RIEOER
örtern, sondern um dem ursprünglichen Zusammenhange beizukommen, der
sowohl der nordischen als deutschen Überlieferung hier zu Grunde liegen mnC.
DIE NORDISCHE GESTALT DER SAGE.
Es sei erlaubt , um für die Untersuchung selbst glattere Bahn zu ge-
winnen, eine Art Harmonie der alten und reichen nordischen Quellen voraus-
zuschicken , worin die mit einander stimmenden Angaben zu einem Ganzen
vereinigt, widerstrebende aber aus einander gehalten und einige unbedeutende
Anwüchse stillschweigend beseitigt werden.
Ein Sohu Odhins *) hieß Sigi, er ward König in Hunland. Sein Sohn
hieß Reri, dessen Sohn Völsung *), nach dem seine Nachkommen Völsunge
genannt wurden. Sein Sohn war Sigmund, der in Frakkiand herrschte. Er
besaß ein göttliches Schwert von seinem Urahnen Odhin; aber als er gegen
die Söhne Hundings stritt , hielt ihm der tückische Gott seinen Speer ent-
gegen, an dem das Wunderschwert zersplitterte; darauf ward Sigmund er-
schlagen. Sterbend hieß er sein Weib Hiördis die Schwerttrummer sammeln
um sie für den Sohn aufzubewahren , den sie unterm Herzen trüge. Hiördis
ward aber von Alf, König Hialpreks Sohn, vom Schlachtfelde selbst geraubt
und, nachdem sie Sigurdh geboren, des Räubers Weib; Hialprek war König
in Dänemark. Der kunstreiche Regln kam zu ihm und erzog Sigurdh. Als
dieser heran gewachsen war, erzählte ihm Regln seine Familiengeschichte.
Einst nämlich wanderten drei Äsen zusammen, Odhin Höni und Loki. Sie
kamen zu einer Stromschnelle , an der ein Otter saß und einen Lachs ver-
zehrte; Loki warf ihn todt und die Äsen zogen ihm den Balg ab. Denselben
Abend kehrten sie in Hreidhmars ') Haus ein, eines gewaltigen Mannes (mikil
fyrvr ser), und zeigten ihre Beute. Da griffen Hreidhraar und seine Söhne
Fafni und Regin die Aseh und heischten Wehrgeld für den dritten Sehn Ottr,
den jene in Otters Gestalt gefunden und getödtet hatten. Sie sandten Loki
aus um Gold zu schaffen; er gieng wieder zur selben Stromschnelle und fieng
im Netze der Ran, das er geliehen hatte, den Zwerg Andvari, der in Hechts-
gestalt im Wasser wohnte. So Sämund; Snorri weiß nichts davon, daß And-
vari in derselben Stromschnelle wohnte, bei der Ottr getödtet worden, und
lässt ihn nicht mit Rans Netze, sondern mit der Hand fangen, dagegen weiß
er daß Andvaris Wohnung in Svartälfaheim war. Loki hieß ihn sich mit
seinem Golde lösen; Andvari wollte einen Ring zurückbehalten, Loki ließ es
*) Eine andere Ansicht über Signrdhs Abstammung verrftth sich, wenn er Sig. kr. II U
Yngvakowr und Sig. ky. III 24 Freys vinr heißt; auch Helvi Sigmunds Sohn heiftt atUtafr
Yngva,
*) Fae^ir« heiflt er richtig im BeoTulf, als Stammvater: nordisch also Velsir; Völtwngr
wire ein aus dem Patronymicnm abstrahierter Eponymus.
^ Fomald. s. I, 149 geben die meisten Hs. Hrodmar für das sonst allgemeine onrer-
stftndliche Hreidmar.
DIE NIBELDNGENSAGE. 1^5
nicht zn; da verflachte Andvari den Ring, daft er seine Besitzer verderben
sollte; Sämand ftigt hinzu daß er in den Stein gieng. Durch den Bing war
Andvaris Hort unerschöpflich gewesen, denn er hatte die Kraft sich zu ver-
mehren. Die Äsen f&llten nun den Otterbalg mit Gold, stellten ihn auf die
Füße und schütteten ihn mit Gold zu. Hreidhmar fand daß noch ein Barthaar
hervor schaute; da legte Odhin Andvaris Ring auf das Barthaar; nun waren
die Äsen gelöst. Fafhi und Regin forderten vom Vater ihren Antheil am
Wehrgeld, er weigerte es; da erstach ihn Fafni im Schlafe. Nach Snorri
waren beide Brüder an seinem Morde schuldig. Nun forderte Regin seinen
Antheil am Vatererbe, aber Fafni riß das Ganze an sich. Beide Brüder wer-
den im Fafhismal (29. 38) als Jötune bezeichnet; nach Sämunds Prosa war
Regin ein Zwerg von Wüchse. Regin reizte Sigurdh Fafni zu tödten; er
sagte ihm wo er in Wurmes Gestalt auf der Gnitaheide das Gold hütete.
Zuvor schmiedete ihm Regin aus den von der Mutter bewahrten Schwert-
trümmem das Schwert Gram, mit dem Sigurdh eine im Rhein herab treibende
Woilflocke durchschnitt und den Amboß Regins zerklob. Odhin half ihm aus
Hiolpreks Heerde das Ross Grani wählen, das ein Abkömmling von des Gottes
eignem Hengste war. Er fuhr darauf mit Regin nach der Gnitaheide ; er
machte in Fafins Spur, wo er zum Wasser zu kriechen pflegte, eine verdeckte
Grube und stach ihn aus dieser in den Bauch. Sterbend warnte ihn Fafni
sich des verderblichen Goldes zu enthalten. Regin schnitt dem todten Wurme
das Herz aas, hieß es Sigurdh für ihn braten und legte sich schlafen. Sigurdh
rührte das Herz mit dem Finger an, ob es gar wäre, verbrannte sich und
steckte den Finger in den Mund; da verstund er was die Vögel sprachen. Er
horte sie über sich sagen, daß Regin ihn aus Bruderrache tödten würde, wenn
er ihm nicht zuvor komme , daß es unklug sei den einen Bruder zu sparen,
nachdem man den andern erschlagen, und daß er nach Regins Tod des Goldes
allein walten würde, und er erschlug auch Regin. Wieder hörte er die
Vögel von der schönen Magd sagen, die auf Hindarfiall in einem von Feuer
umgebenen Saale ihres Erlösers aus dem Zauberschlafe harre. *) Er lud
nun Fa&is Gold auf den Hengst Grani, dazu den Schreckenshelm , vor dem
alles Lebende zittern mußte, eine Goldbrünne und das Schwert Hrotti, Alles
aas Fafnis Nachlaß; aber der Hengst gieng nicht von der Stelle bis ihn auch
Sigurdh selbst bestiegen hatte. Er ritt südlich gen Frakkland. Er sah ein
großes Lieht auf einem Berge wie von brennendem Feuer; als er hinauf ge-
stiegen war fand er eine Schildburg und darin eme schöne Magd in völliger
^) Nr. 41 des PalhUm. Yerheiflt allerdings, Sigurdh werde Oinkis Tochter freien, nnd ei
gewinnt dadurch den Ansehein als sei auch in Nr. 40 mit der mep mikia ftgtzia Gndhmn ge-
meint. Aher die Torher gehenden Worte 'es ist nicht königlich Manches sa fürchten* hahen
nur Sinn, wenn darauf Ton der gefahrrollen Werbung um Sigrdxifa die Rede ist. Nr. 41 mu0
interpoliert sein. Da0 auch in Gripisspa die Fahrt zu Oiuki Tor der nach Hindarfiall erwfthnt
wird mag geradezu auf dieser Interpolation beruhen,
166 MAXaiEGER.
Rüstong schlafend liegen. Die Bronne war wie ans Fleisch gewachsen; er
schliss sie mit dem Schwerte Gram auf and die Magd erwachte. Sie hiefi
Sigrdrifa und war Yalkyrie gewesen. Zwei Könige hatten mit einander ge-
stritten, der alte Hialmgunnar, der der größte Heermann war, und -der junge
Agnar; jenem hatte Odhin Sieg verheißen, aber Sigrdrifa ihn gefällt Da
stach Odhin einen Schlafdom in ihr Gewand (d feldi Fafnism. 43) und sprach
daß sie nicht mehr Sieg im Streite verleihen, sondern vermählt werden sollte;
sie aber gelobte sich keinem zu vermählen, der sich fürchten könne. Mit
Sigurdh tauschte sie nun Yerlobungseide. Yölsunga saga C. 23. 24. läfit
hierauf Signrdh reiten bis er zu Heimis Hofe kam, der Urynbilden Schwester
Bekkhild hatte; hier beizte er mit Heimis Sohn Alsvidh. Einmal entflog ihm
sein Habicht und setzte sich in das Fenster eines Thurmes; er stieg ihm nach
und fand in dem Gemache Brynhiid , die seine Heldenthaten in ein Gewebe
wirkte. Er erzählte das Abenteuer dem Alsvidh; dieser belehrte ihn daß er
Brynhiid Budhlis Tochter gesehen habe,, die Schildmagd sei und alle Männer
verschmähe; Sigurdh besuchte sie darauf, ward ehrenvoll aufgenommen und
verlobte sich mit ihr. Die Saga reiht also zwei ganz verschiedene Berichte
über Sigurdhs erste Begegnung und Verlobung mit der Schildmagd, die nan
Brynhiid heißt, an einander; sie macht nur einige schwache der übrigen Er-
zählung widersprechende Versuche, die Thurmscene als zweite Begegnung er-
scheinen zu lassen.
Sigurdh zog weiter mit seinen Schätzen , kam zu Giuki, der ein Reich
südlich am Rhein hatte, und ward wohl aufgenommen. Giukis Weib war
Grimhild, seine Söhne Gunnar Högni und Guthorm, seine Tochter Gudhrun.
Sigurdh erzählte von der Braut, die er gewonnen. Da reichte ihm Grimhild
eines Abends ein Hörn; als er es ausgetrunken, hatte er Brynhiid — Sigrdrifa
heißt sie nur in Fafnismal und Sigrdrifumal — vergessen. Fünf Halbjahre
weilte er bei Giuki; die Brüder boten ihmTheil am Reich und ihre Schwester
zum Weibe, damit er noch länger bliebe; Sigurdh schwur Bruderschaft mit
ihnen und trank den Brautlauf mit Gudhrun. Einfacher stellt diesen Her-
gang Gripisspä 31. 33 dar: 'Giukis Gast bist du eine Nacht gewesen und
wirst nicht mehr gedenken der Pflegetochter Heimis; Grimhild wird dich be-
rücken und dir ihre Tochter bieten.' Der verhängnissvolle Trank ist hier
eher verschwiegen als vergessen: man hat ihn sich unter den svikum der
Grimhild zu denken. Grimhild rieth nun ihrem Sohne Gunnar Brynhilden zu
werben und Sigurdh gelobte seine Hilfe dazu. Sie ritten zu ihrem Vater
Budhli, erhielten aber den Bescheid, die Tochter folge nur ihrem eigenen
Willen. Sie begaben sich darauf nach Hlyndalir zu Brynhildens Erzieher
Hehni und erfuhren von ihm daß ihr Saal nahe bei stehe und daß sie nur den
einen nehmen wolle, der das ihn umgebende Feuer durchreite. Gunnar ver-
suchte dieß, aber sein Ross scheute; er versuchte es auf Grani, aber Grani
gieng nicht von der Stelle; da tauschte Sigurdh seme Gestalt mit ihm und
DIE NIBELü^iGSNaAGE. 167
spornte in Gunnars Gestalt Grani darch die Flammen, die alsbald vor ihm
erloschen. 0 Brynhild erfüllte betrübt ihre Verheißung gegen den vermeint-
lichen Gunnar; dieser vollzog auf ceremo^iöse Weise die Yermählong, indem
er drei Nächte ihr Lager theilte, aber so, daß das Schwert Gram zwischen
ifaDen lag. Er zog ihr den Bing Andvaranaut ab, den sie von ihm selbst einst
emp&ngen, nnd steckte ihr einen andern Yerlobungsring an. ') Brynhild
ward darauf von ihrem Vater Badhli den Giakangen gebracht und die Hoch-
zeit gehalten; erst da sie zu Ende war, gedachte Sigurdh wieder der Eide, die
er mit ihr gewechselt hatte. ')
Einmal badeten die Königinnen zusammen; Brynhild gieng weiter in
den Fluß und sagte, sie wolle nicht das Wasser auf ihr Haupt bringen, das
aas Gudhnins Haare rinne ^), denn sie habe einen muthigeren Mann. Gudhrun
gieog ihr nach und erwiderte, daß sie darum ihr Haar oberhalb waschen
möge, weil ihrem Manne, der Fafni und Regln erschlagen, Keiner gleich sei.
Darauf Bryahild: ,;mein Mann ritt durch die Waber lohe, Siegfried wagte es
nicht. ^ Da entdeckt ihr Gudhrun im Zorne daß es Sigurdh war, der in
Gonnars Gestalt die Flammen durchritt, ihr Lager theitte and, wie Gudhrun
meiot, ihr das Magdthum nahm; sie beweist es mit Andvarnanaut, den Si-
prdh ihr geschenkt hatte. Brynhild drohte nun Gunnar zu verlassen, wenn
er Sigurdh nicht tddte. ^) Gunnar und Högni stifteten ihren Bruder Gutborm
zam Mord an, der jung und thöricht war und Sigurdh keine Bruderschaft ge-
schworen hatte. Nach Sigurdar kv. HI ermordete er Sigurdh im Schlafe und
ward selbst von dem todwunden getödtet; nach Gudrunar kv. U 4 geschah
es als die Brüder mit Sigurdh zum Ding ritten; deutsche Männer aber, so be-
richtet Säraond oder wer die Lieder zusammen stellte hundert Jahre vorHer-
steliong des KibelongenKedes, sagen daß es im Walde geschah. Nach Snorri
ward sein dreijähriger Sohn Sigmund mit ihm getödtet; auch Sig. kv. HI 12
weist auf dessen Tödtung. Brynhild erstach sich nun und befahl sie auf
einem Scheiterhaufen mit Sigurdh zu verbrennen ; Gudhrun floh in Wälder,
gelangte nach Dänemark zur Halle König Alfs (var. Hialfreks Völs. s. 32)
Hnd saß da und stickte mit Thora Hakons Tochter sieben Halbjahre; die
Giukonge aber nahmen das Gold und Andvaranaut.
') Die0 sagt das Ton YOk. b. e'tierte Lied; gleichwohl lässt nachher die Saga Signrdh
doTch dasselbe Feuer wieder i müekreiten.
*) Saeni Terkeliit die0 so, daf er ihr Jezt Aadranuiaiil Ar den allen Verlobnogirittg gab;
VeiQ Zanke bemft sieh dann Qadhraa darauf, da0 Brynbild eineo Riog ?on Sigotdh, nkht von
Oiumar trage.
*) Gana unnütz ist was Sigardarkr. m 34—39 über BrynhUdens Erwerbung dnrch die
GitikoDge bringt
*) Ein uraltes MotiT; wem fäUt nicht die Fabel Tom Wolf und Lamm ein?
*) Es ist überflüssig und unedel, daß Brynhild i ach Brynh. ky. und Sig. kr. TU Sigurdh
▼erlenmdet als habe er Gunnars Vertrauen im Brautbette missbrancht. Um seinen Tod zu
verlangen braucht sie nur, wie hn hd. Epos , anzuführen da0 er sich ihres Beilagers gegen
Gndfanm gerOfamt habe.
168 1^^ RIEGER
Atli beschuldigte sie um Brynhiidens Tod, deren Bruder er war, und
wollte Rache för sie nehmen. Nach Völs. s. 25 war er ein grimmer Mann,
lang und schwarz und doch würdevoll, und der größte Heermann; sein Vater
Budhii war reicher als König Giuki. Schwarz ist der Barbare; das Bild des
hunischen Eroberers ist auch im Norden nicht ganz verloren. Ätlam. 99
dagegen stellt ihn als einen Zagen dar, dem passiven Charakter entsprechend,
den ihm die deutsche Überlieferung beilegt: was nur eine andere Art ist den
Barbaren zu kennzeichnen. Atli ließ sich durch das Versprechen ihm Gudhrun
zu geben beschwichtigen. Grimhild fuhr mit ihren Söhnen und AtUs Boten *)
zu Gudhrun und überredete sie dieß Wort zu lösen. Nach Gudhr. kv. III 17. 18
hatte Grimhild ihre Söhne bestimmt der Schwester ihren Sohn zu büßen,
ihren Mann zu gelten ; Nr. 25 wird ihr aber nur ihr Vatererbe geboten , das
ihr ohnedieß gebührte. Daß ihr Grimhild auch einen Vergessenheitstrank
gab wird 28. 29 ignoriert : Nr. 21 — 24, die davon handeln, werden also inter-
poliert sein. Sie gibt widerwillig nach, indem sie das^ Unheil weissagt, das
aus dieser Ehe entstehen würde.
Atli ward lüstern nach dem Hort der Giukunge (Völs. s. 33) und ließ
sie zu einer Hochzeit laden. Gudhrun warnte ihre Brüder, nach Atlakvida
durch einen mit Wolfshaar bewundenen Ring , nach Atlamal durch Runen,
die aber der Bote umschnitt. In beiden Liedern widerräth Högni die Reise;
Atlakvida gibt Nr. 9 — 11 zu verstehen daß Gunnar sie beim Trunk in wildem
Todesmuthe gelobte; worauf dann die unheilkündenden Träume der Weiber
beider Könige zu spät kommen. Sie zogen 15 Mann in Allem aus, nachdem
sie ihren Fall ahnend das Gold in den Rhein versenkt hatten. Die Ruder
brachen ihnen; die Fähre verließen sie unbefestigt. Gudhrun warnte sie nach
Atlakvida nochmals , aber zu spät beim Eintritt in Atlis Burg ; nach Atlam.
entdeckt ihnen in diesem Augenblick der sie begleitende Bote Atlis daß sie
verrathen seien und wird von ihnen erschlagen : wie auch im deutschen Epos
Werbel za Anfang des Kampfes seiner Botschaft entgelten muß. Nach
hartem Streite, in dem Atli zwei Brüder verliert und Gudhrun selbst auf
ihrer Brüder Seite ficht , in dem auch ein Brand voraus gesetzt wird , da
Högni nach Atlakvida 19 einen Gegner ins Feuer stieß, ^) sind die Begleiter
mit Ausnahme des feigen Koches Hialli gefallen, Gunnar und Högni in Fesseln.
Man fragte Gunarn ob er sein Leben mit dem Golde lösen wolle, das sie ver-
borgen hatten; er antwortete, nicht eh er Högnis Herz gesehen. Da schnitten
Atlis Knechte Hialli das Herz aus und brachten es vor Gunnar für Högnis,
aber Gunnar erkannte es an seinem Zittern. Nach Atlam. ward Hialli nicht
wirklich getödtet, sondern Högin mochte sein Geschrei nicht hören und hieß
*) Chidt. kT. n 19. Auch sie sind durch dunkles Haar — »earcMr iarpar — charakteri-
siert, wofür Simrock merkwürdiger Weise : mit gelbem Haarschmuck. Denselben Sinn hat
es, daß Atlis Sohn £rp heiQt.
^) Obgleich Völs. s. 37. dieß auf ein Herdfener bezieht.
DIE NIBELUNGENSAGE. 169
Heber sein eignes Herz nehmen. Gunnar aber weigerte den Hort: 'allein
weiß ich nan nm der NiflungeGold nnd der Rhein soll sein für immer walten.*
Gnnnar ward darauf in einen Schlangenthnrm geworfen. Gadhrun ließ ihm
eine Harfe zukommen. Atlakvida lässt ihn mit der Hand spielen, nach
Atlam röhrte er, an den Händen gefesselt wie Völs. s. 6 erklärt, die Saiten
mit den Zehen. Alle Schlangen entschliefen davon; nur eine große Natter
blieb wach und biß ihm in's Herz; es war aber Atlis Mutter, die in dieser
Gestalt erschien (Oddrunargratr 32).
Das Wurmhaus war draußen auf der Heide; als Atlimit seinen Mannen
daher zurückkehrte, bot ihm Gudhrun einen Becher und hatte ein Mal be-
reitet; darauf entdeckte sie ihm daß er seiner beiden Söhne Herzen gegessen.
Atli hatte sich unbedachter Weise übertrunken; Gudhrun erstach ihn im
Bette und ließ sein Blut von den Hunden lecken (dieß muß der Ausdruck
hvelpa leysti andeuten). Darauf warf sie eine Fackel an die Thür der Halle
und verbrannte alle, die an ihrer Brüder Mord mitschuldig waren. Kein Weib
rächt mehr ihre Brüder so; dreier Volkskönige Todes (Atlis und seiner bei-
den Brüder, die sie im Kampf erschlagen Atlam. 48) konnte sie sich rühmen
eh sie starb: so berichtet und schließt Atlakvida; etwas anders Atlamal.
Atli rühmt sich hier gegen sie des Mordes ihrer Brüder, sie droht ihm Unheil
und schlägt Buße aus, schließt aber mit Hinweis auf ihre Ohnmacht ihm ge-
genüber. So machte sie ihn sorglos, richtete ein Erbmahl über ihre Brüder
au, tränkte ihn mit dem Blut der Knaben aus ihren Schädeln und speiste ihn
mit ihren Herzen, entdeckte es ihm darauf. Er droht ihr Steinigung und
Feuer; sie erwidert „versprich dir solche Sorgen vor Morgen, ich will
schönern Todes in das andere Licht fahren" (84). Sie erschlug ihn sodann
mit Niflung (oder dem Niflung?) Högnis Sohn im Schlaf. *) Nun folgt ein
Gespräch worin sich beide Gatten ihr Verhalten vorwerfen; zuletzt bittet
Atli ihm die letzte Ehre zu gönnen und Gudhrun verspricht ein Schiff und
eine gemalte Kiste zu kaufen und Tücher zu wichsen um ihn einzuhüllen.
Sie hielt auch Alles und wollte sich selbst tödten; aber ihre Tage wurden
gefristet und sie starb ein andres Mal. Der Combinationstrieb, der in altern-
der Sage mehr und mehr um sich greift , machte sie bekanntlich zur Mutter
Svanhildens Jörmunreks Braut; und die prosaische Einleitung zu Gudrunarhvöt
berichtet übereinstimmend mit Sig. kv. III 60 daß sie nach Atlis Ermordung
sich in die See stürzte, aber nicht sinken mochte und von den Wellen an
*) Nach Nr. 50 nämlich blieben die zwei Sdhoe und der Brader Rostberas , die HOgnis
Weib ist, im Kampf übrig. Wird hier einer jener Söhne gemeint? aber warum ist dann der
andre nebst dem Oheim vergessen ? Eher hat Simrock Recht wenn er (Edda 470) das Auf-
treten dieses Niflnng so erklart, wie es Thidreks s. an die Hand gibt , daß ihn HOgni todwnnd
sich zum Racher gezeugt habe. Dann wird Nr. 50 hier ignoriert, wie sie andererseits der
Zahlangabe in Nr. 28 widerspricht; aus beiden Umstünden dürfte hervorgehen, daO sie dem
Zusammenhange fremd sei.
170 HAX BI£GEB
Jonakrs Land geführt ward. Die Meinung in Atlamal scheint die zu sein,
daß sie auf steuerlosem Schiff mit Atlis Leiche zum Sterben hinaustrieb ond
80 zu Jonakr kam. Atlakvida ist nicht deutlich; sie spricht von Gudhrons
Tod, aber ohne jede Zeitbestimmung und außer Zusammenhang mit der Ver-
brennung des Gesindes in der Halle. Zweifellos ergibt sich gleichwohl aas
Allem, daß Gudhrun nach ächter Sage pflichtgetreu mit ihrem Gatten starb,
sei es daß sie sich mit ihren Opfern verbrannte oder mit seiner Leiche auf
die See hinaus trieb. ^)
DIE SIBELÜNGE.
Unverholen gibt diese nordische Fassung der Sage den an Andvaris
Hort haftenden Fluch als ihr Hauptmotiv zu erkennen; acht Edelinge, wie
es Andvari verheißt, oder vielmehr alle, die mit ihm irgend zu thun haben,
stürzt er nach einander ins Verderben. Erinnert man sich der wilden Gold-
gier des germanischen Alterthumes, die aus der Wichtigkeit eines Hortes als
Grundlage jeder Herrschaft hervor gieng und eine reiche Quelle voa Blutver-
gießen, Verrath und Mord bildete, so scheint es sehr natürlich, daß die meist
gefeierte Sage jenes Alters die unheilvollen Wirkungen des Goldes in der
Welt darstellte. Sagt doch Völuspä wo sie die Götter im Stande der Un-
schuld beschreibt : es fehlte ihnen an I^ichts als am Golde (8) ; und dann
wird (25) die erste Goldgewinnung als erster Todtschlag und (26) das Gold
selbst als wandernde Hexe dargestellt, die stets übles Volkes Wonne war.
Nun aber beruht der zweite Theil der Sage, Alles was mit Atli zusammen
hängt, auf Anschweißung eines historischen Elementes an den Mythus, und
die Forschung soll ermitteln welche Bewandtniss es mit dem letzteren vor
jener Anschweißung hatte. Macht man dieselbe demgemäß ungeschehen, so
schließt die Sage damit, daß nach Sigurdhs Ermordung der Hort den Giukungen
anheim fällt; auf sie erstreckt sich seine unheilbringende Wirkung dann nicht
mehr. Daß sie ihn in den Rhein versenken muß zwar noch als mythischer
Zug in Anspruch genommen werden, der nur, und in der oberdeutschen Sage
nicht einmal, in den historischen Zusammenhang verschlungen ist; aber er
kann nicht den Sinn haben, daß sich die Giukunge so vom Fluche des Goldes
*) Über die Greschichte von Oddrun , die so wenig zo berücksichtigen war wie die in
Atlam. 53 angedeuteten Ereignisfie, hier nur eine Bemerkung. Ganz ähnlich wie hier yerbalteii
sich im hochdeutschen Epos Orfarun und Gudrun zu einander. In der nordischen Quelle ein
Yerlöbniss und ein Liebeshandel , in der deutschen ein Ehebund zwischen Ortrun und dem
Bruder der Gudrun; in der nordischen Gudrun widerwillig dem Bruder der Ortnin Tennihlt,
in der deutschen von ihm geraubt and herrisch if^eworben. Wenn dort Oddroos Bruder an
ihrem Verführer, hier Gudruns Bruder Mi ihrem Bttuber Rache nimmt, sind nur die Rdleo
▼ertanscht. Zufall wird die0 Alles nicht sein ; es leitet vielmehr auf die YermntbuBg, dal die
deutsche Sage von Gudrun und Ortrun, in wekher Gestalt auch immer, dem Norden bekannt
war und daß hier , im Zusammenhang der Giokungensage , Oddrun Ton dtm Kamen einer
andern Gudhrun angezogen ward.
DIE NIBEXiUKGENSAGE. J7l
befreien, das sie erst durch Mord gewonnen haben: vielmehr soll es anf dem
Grunde des Wassers nur desto sicherer aufbewahrt sein. Der Mythus hätte
also vor seiner Verbindung mit dem geschichtlichen Elemente seine Idee mit
einer nicht denkbaren Unvollständigkeit ausgesprochen. Und sie hat doch
schon vorher in ihm gewaltet, da von ihr der historische Anwuchs erst ange-
zogen ist. Eine Lösung des Räthsels liegt nur in der Annahme , daß das
Gold an den Giukungen seine rechten Eigenthümer gefunden habe, denen es
darum nicht schaden konnte , deren Recht also auf einem andern Titel als
dem des Erwerbes beruhte.
Wir müßen hierbei bedenken daß Gibika-Giuki nicht nur Name eines
historischen Burgundionenkönigs war, sondern noch jezt ein freundlicher be-
gabender Zwergkönig im Harz ist, nach dem auch in andern Gegenden Gibi-
chensteine, Gibichenkoppen und dergleichen genannt sind (Zeit^chr. f. d. A.
I, 573 f ). ^) Der Name Gibika stand also allem Anscheine nach auch im
Heidenthum einem übermenschlichen, wie es scheint elbischen Wesen zu, und
der Name Giukunge, der nur erst geschichtlich aussah, wird dadurch auch
der mythischen Welt gewonnen; die Gleichnamigkeit der historischen und
mythischen Gibichunge wäre ja dann der Umstand, der die Combination des
mythischen nnd historischen Theiles unserer Sage an die Hand gab. Lediglich
dem Mythus scheint aber das andre Patronymicum anzugehören, das in den
nordischen und hochdeutschen Quellen neben den Namen Giukunge und Bur-
gonden, in der auf sächsische Überlieferung begründeten Thidreks saga aliein
auftritt, der Name Nibelunge. *) Kein in der Geschichte vorkommen-
des Geschlecht hat ihn geführt; die genealogische Weisheit des Nordens, die
einen Naefiii an seine Spitze setzt und zwischen diesem und Giuki drei Ge-
nerationen aufzuzählen weiß (Fomald. s. 2, 11), hilft uns Nichts; wenn Ni-
belunc als deutscher und besonders fränkischer Personenname vom achten
Jahrhundert an häufig erscheint, so geht daraus Nichts hervor, als daß in
der Sage ein Geschlecht dieses Namens muß so berühmt gewesen sein, daß
man Kinder nach ihm nannte. Ist nun der Name mythisch, so muß sein
Wortsinn über seine Bedeutung Aufschluß geben; er bezeichnet aber Nebel-
kinder und stellt sich nothwendig zu Niflheim undNiflhel. Nichts kann ein-
facher sein als diese%prachliche Auffassung, und was die Etymologie der
*) Gübich schreibt Harrys (Sagen Niedersachsens 1840), Hibich und Heweke Pröble
(Harzsagen 1854). Der letztere behauptet Gübich nie gehört zu haben, wohl aber sogar Gütte
für Hütte ; also ^re^mgekehrt auch Hibich als Gibich aufzufassen. Kuhn und Schwarz aber
(Nordd. S. 218. 290 nebst Anm.) bringen neben Hübich Gäbke und Gäweke.
') In den nordischen Liedern steht Cfittkunpar einmal Sigurdarkv. HI 35 , Borgundir
einmal Atiakv. 18, Nifltmgar in den beiden Atliliedem öfter nnd BrynhildarkT. 16. Es ist
zwar unverständlich, wenn AtlakT. 18 gelesen wird fengu ßeir GfanncMr oi t fiötwr s4ttu vmir
Borgunda oh bimdu/astla; aber «s ist vin oder vielleicht (nach Analogie der übrigen Mund-
arten) t/MM zu bessern und von Gnnnar zu verstehen, wie Hrodhgar im Beovulf t/m« Bmniffa
heifit.
172 MAX RIEGER
Mythenforschuog so auf die Hand legt, muß dieser schon einen Weg weisen. *)
„Ein übermenschliches Geschlecht aus dem kalten neblichten Todtenreiche/
nm Lachmann*8 Ausdruck wieder zu geben, wären denn die mythischen Kibe-
lunge, ihr König „der König des Todtenreiches"".
EXCURS ÜBER DUS BBZUSHÜKO DER ELBE ZUM TODTENREICHE.
Es fragt sich natürlich demnächst, ob für Wesen dieser Art in deutsche^
Mythologie Raum sei und was wir ihnen Verwandtes zur Seite zu stellen
haben. Wir finden aber durchaus, daß die Vorstellungen vom Todtenreiche
mit denen vom Reiche der Elbe zusammen fallen, daß sogar die abgeschiede-
nen Seelen sich geradezu mit den Eiben vermengen und als eins mit ihnen
erscheinen.
Am nacktesten gibt dieß der gälische Volksglaube zu verstehen in
Nr. 10 der ir. Elfenm., wo das stille Volk förmlich als die Gemeinschaft der
Abgeschiedenen gedacht wird, so daß der Lebende unter ihm sowohl Familien-
feinde als wohlwollende Verwandte hat, und daß um eine jüngst vertorbene
Frau zwischen ihrer eigenen Verwandtschaft unter diesem Volk und der ihres
Mamies gestritten wird. Begeben wir uns auf germanischen Boden, so wer-
den allerdings die Manen unterm Namen näir neben dvergar und dÖkkSfow
aufgeführt, also von Beiden unterschieden (Hrg. Od. 25); aber unter den
Zwergnamen der Völuspa erscheint dann wieder ein einzelner När nebst den
gleichbedeutenden Näinn und Ddirm. ') Deutlicher sind die niederdeutschen
Alken, Aulken, Ölken, Olkers, Üllerken d. i. Altchen, Eiterchen, ein Name,
der sowohl die in den Heidengräbern liegenden Todten als das neckende Elbe-
volk bezeichnet (Kuhn und Schwarz Nordd. Sagen S. 485), das mit Holda
im Berge wohnt (Nr. 322 ders. Samml.; vgl. 'S. 418, Nr. 186). Holdas
Elbereich im Berg ist bekannt, eben sie hat aber auch die ungetauften Kinder,
ja auch andere Abgeschiedene in ihrem Heer (Myth. 887). Die gleichbe-
deutende Berchte zieht an der Spitze der Heinchan oder Heimchen, die in
ihrem Auftrag die Felder bewässern, also unverkennbare Elementargeister
sind (M. 253 f.); aber dieselben Kleinen gelten auch wieder fiir Seelen un-
getaufter Kinder (M. 884 f.) Wuotans TodtenreicTi ift Berge, das auf deut-
schem Boden die nordische ValhöU vertritt, hat allerdings so viel ich weiß
nirgend mit Eiben zu thun; doch könnte eine Spur darin liegen, daß Dietrich
von Bern von einem Zwerg abgeholt ward mit'den Worten y^^ sollt mit mir
^ gehn, dein Reich ist nicht mehr in dieser Welt", während ^hn nach anderer
*) Vgl. Mythol. 630 f.
*) Der yierte dieses Kreises Nipingr = nipinn oder hnipinn tristU (got. gamipMm
eanirutari, ags. nipan volvi zeigen welches der organische Anlaut sei) wird nichts Anderes
bedeuten.
j
DIE NIBELÜNGENSAGE. 173
Sage die Teufel auf St. Johannes Befehl in den Berg Vulkan föhrten
(Heldens. 38 f.).
Wenn in Sagen Seelen unterm Wasser, also im Gebiet der Nixe wohnen,
so findet dabei die nahliegende Beschränkung auf die Ertrunkenen Statt und
dieses Todtenreich scheint also nur auf zufalligen Raub oder gar nur auf ein
jährliches Opfer angewiesen. Doch fehlt es nicht an Spuren, daß auch es
einst in umfassendem Sinne diesen Namen verdiente. In Wasser vorzugs-
weise werden überall spuckende Geister gebannt (s. Schambach und Müller
Niedersächs. S. Aum, zu Nr. 240; Wolf D. S. u. M. 460): hier also muß
der Ort sich öfihen , an den sie von Rechtswegen gehören. Reinhart im
Brunnen behauptet sein Leib sei todt und seine Seele hier im Himmelreiche,
wo er der Schule zu pflegen und die Kinder zu lehren habe; auch seien da
Rinder, Schweine und Ziegen genug auf der Weide (V. 889 ff.). Dieser
letztere Zug kehrt wieder im Mährchen vom Bürle (K.M. 61), das vorgibt
seine erschwindelte Heerde auf dem Grunde des Teiches gefunden zu haben,
und auch hier wird man also eher an ein Paradies in allgemeinem Sinne als
an einen Aufenthalt der Ertrunknen denkßn dürfen. Reinhart lässt aber
auch, was mythologisch auf eins heraus kommt , die Hölle in der Tiefe des
Brunnens sein : eh* er ins Himmelreich gekommen habe er einen iuk in die
helle getan. Diese selbe Anschauung zeigt sich, wenn bei Caesar, heisterb.
die Seele des Landgrafen Ludwig vom Teufel in einen Brunnen geworfen
wird, worin man ihn später noch sieht (D. M. u. S. 119); sie liegt bereits in
der ags. Glosse zu barathrum: gehennan seäd L hellegrunt (H. Zs. 9, 422) J
sie liegt in der vlämischen Hellehome und Helleheke und in dem häufig dort
begegnenden Belleput (Wolf Beitr. z. d. Myth. 1, 202). Meistens ist er nach
Wolf ein kleiner tiefgehender trüber Sumpf, wie sie auch anderwärts häufig
genug im Rufe der ünergründlichkeit stehen , entführte ungetaufte Glocken
oder versunkene Schlösser enthalten und dem Teufel zur Ein- und Ausfahrt
dienen; aber der Helleput zu Melden bei Oudenaerde ist ein Strudel in der
Scheide (Niederl. S. 680). Strudel waren heilig (Myth. 557 f.; equi gurgiti--
hu8 immersi Gros. V, 16); auch sie nehmen gebannte Geister auf: einer ist
in die tiefe Stelle beim Zusammenflusse der Ruhme und Oder gebannt und ,
sitzt da unten im Wasser an einen Busch gebunden (Ns. S. 240, 5). Dazu fügt
sich nun merkwürdig eine Stelle derNiälssaga (C. 158): Hrafii der Rote ward
in einen Fluss getrieben; er däuchte sich da die Qualen der Hölle Qielvttis
qadlar) in der Tiefe zu sehen und däuchte ihm, daß ihn Teufel hinunterziehen
wollten. Hrafn. sprach da „Apostel Peter, dein Hund ist zweimal nach Rom
gelaufen und wird das drittemal laufen, wenn du es gewährst;" da ließen ihn
die Teufel los und kam Hrafh über den Fluss. Hier ist also die Vorstellung
der räuberischen Nixe mit der des Höllenmundes im Flusse vereinigt und
nun stehe ich auch nicht an, den Flussnamen Egidara als Thor des Todten-
reiches zu verstehen, nämlich als einen scheueren Ausdruck fär Fi/eldor des
174 MAX BIEGER
Wandrersliedes. Ftflmegir heißen V. spÄ 50 diejenigen, die unter Lokis
Anfuhrnng auf Naglfar zum Weltkampfe fahren und die Snorris Edda als
Heljar sitmar bezeichnet; und Ftfelcynnes eard bewohnte Grendel aiüm
Mne scyppend foracrifern häfde (Beov. ed. Thorpe 209) : es ist doch deut-
lich, daß die Wohnung unterm Wasser dem Dichter nur darum fax Ftfel-
cyvmea e<xrd gilt, weil sie ihm mit dem Orte der Verdammten zusammenföUt
Ich behaupte nicht zu wissen , was fifel eigentlich heißt *), nur daß sein Be-
griff in enger Beziehung zum Todtenreiche stehen muß. Wird dann derOcean
ftfelvdg und ßfelstredm genannt (Andr. u. El. S. 147), so vermuthe ich, daJ
er das der Weltschlange zu verdanken hat, einer Hauptperson unter dem
fi/eloynne, die im Ocean liegt oder vielmehr ein Symbol des weltumgürtenden
Oceans ist. Das nordische Oegisdyr muß auf Missverstand beruhen; so
möchte mit Recht eine Mündung heißen, aber wie sollte der Name eines
Flusses von dem gemeinen Umstände genommen sein« daß er in die See
mündet?
Ich rede nicht vom Glasberg als Aufenthalt der Elbe, weil seine Eigen-
schaft als Todtenreich nur in litauischem und slavischem Glauben ausdrück-
lich vorliegt (M 796). Desto mehr fällt das überseeische Todtenreich des
deutschen Glaubens (Wackernagel in H. Zs. 6, 131), das zugleich ein Reich
der Elbe ist, ins Gewicht. Es ist ein fester Sagenzug« daß die ertappte Mahr,
also die auf Liebesabenteuer ausgezogene Eibin, Engelland als ihre Heimath
angibt: s. Nd. S. 16, 102 (nebst Anm.), 293, 338; und umgekehrt verbinden
sich irdische Weiber, die nach England gelangen, dort mit männlichen Mah-
ren. Vaernewycks Historie van Belgis erzählt, daß zwei und dreißig Schwe-
stern aus Asisyrien, die sich gegen ihre Männer verschworen hatten, von
diesen auf steuerlosen Schiffen der See überlassen , durch die Wellen nach
England getrieben und dort von Mahren beschlafen wurden , woher die erste
riesische Bevölkerung des Landes ihren Ursprung nahm (Nl. S. 105). ') In
diesen stark historisierten flämischen Chronistensagen wiederholt sich der
*) Nordisch heißt ftfl n. xmd. ßfli m. hämo fatuus, /ißskapr vamtcu: ich denke weil
Wesen der Unterwelt leere Larven oder Schatten sind.
^) Die ITmstAnde sind doch zu verschieden, als daß man eine Nachbildung der bekannten
Erzählung des Jemandes vom Ursprung der Hiunen annehmen dürfte: und wenn, so setzt die
Nachbildung immer die Ansicht voraus , daß Britannien die Heimath der £lbe sei. Von dieser
Ansicht scheint mir sogar Jornandes selbst eine unverstandene Probe zu geben, indem er C. 5
mit Yerachtung die nur mündlich überlieferte Sage abweist , daß die Goten einst auf Britan-
nien oder irgend einer Insel in Sklaverei gerathen und für den Preis eines Bosses losgekauft
worden seien. In welchem andern Sinne hätte ungelehrte Sage auf diesen Einfall kommen
sollen? Aber daß die Stanunväter des Volkes, zwölf Brüder etwa, in die Gewalt der Todes-
dämonen geriethen und von einem Gott , ihrem Beschützer oder Vater , durch Hingabe eines
göttlichen Rosses erlöst wurden , ließe sich wohl ausmalen. Findet sich doch Grani , der Ab-
kömmling Sleipnis, unter Hialpreks Herde, den ich glaube als Elbekönig ansehen zn dürfen.
DIE NIBELUNGENSAGE. 175
Zag, daß ein EdelmanD die Tochter des Königs von England entfuhrt: sollte
da nicht auch die Tochter des Elbekönigs gemeint sein? In N. 65 der Nl. S.
wird es von Liederyk de Buk, dem ersten Förster von Flandern erzählt; eben
diesem begegnet aber nach einer andern Sage (N. 66) im Wald auf der Hirsch-
jagd, ganz wie sonst das Wünschelweib, Idonea, die Königstochter von Frank-
reich, die von einigen Rittern nach England entfuhrt werden sollte und ihnen,,
da sie Streit mit einander bekamen, entronnen war; sie wird Liederyks Weib,
beweist eine übernatürliche Fruchtbarkeit und verhehlt ihre Herkunft: eine
elbische Ehe ward also diesem Helden jedenfalls beigelegt und eine Beziehung
zu England hat seine Ehe auch nach dieser zweiten Sage. In N. 30 entführt
Balduin von Heusden die englische Königstochter, ihr Vater ermittelt sie
durch einen englischen Kaufmann und, fordert sie zurück, sie schickt aber
nur ihre beiden Söhne, von denen der König einen behält, den andern wie-
derkehren lässt; dieser König heißt unverständlich Eiderik, sollte das nicht für
Eiberik stehen? Auch Riwalin und Blanscheflur mit ihrem elbischen Namen
schließen sich hier an. Endlich zweifle ich kaum, Procops bekannte Erzäh-
lung 6otth.iy, 20 so auszulegen, daß Radiger sich der Elbekönigin verlobte,
ihr auf Anstiftung seiner Freunde wie der Staufenberger untreu und darauf
von den Eiben in ihr Reich Britannien entführt ward.
Gar viel breitspuriger könnte dieser Beweis einher gehen, wenn ich
mich nicht absichtlich vom Gebiete der Symbolik fern und an das Ausdrück-
liche fest hielte; z.B. ist der Schwanenritter, an den diese flämischen Ge-
schichten gemahnen, nach W. Müllers Untersuchung im l.B. dieser Zs. ein
Ankömmling aus dem Todtenreiche, während er auch ganz wie ein Alb er-
scheint. Ich will dafür noch auf zwei wichtige Züge des nordischen Glaubens
hinweisen.
Erstens ds^ß der Saal Gimill , der nach dem Weltbrande die Seelen der
Gerechten aufnehmen soll (V. spä 62), nach Snorri einstweilen von den
Lichtelben bewohnt wird (doemis. 17). Werden sie ihn räumen müssen, wenn
einst die Seelen ihren Einzug halten, oder kommen auch nach dieser Ansicht
die Abgeschiedenen zu den Eiben?
Zweitens daß auch Valhöll, Odhins Todtenreich fiir Krieger und Edle,
ein Reich der Elbe ist, die ihm die Seelen zuführen und der Seelen dort
pflegen. Grimm muß eine Berührung der Valkyrien, Schwanjungfrauen,
Wald- und Meerminnen mit den Eiben ein übers andere Mal zugeben (M. 391,
451, 456, 457, 459 f., 465) und die Scheidung beider Classen scheint am
Ende nur darauf zu beruhen , daß die Elbe in untermenschlicher Kleinheit
dargestellt werden. Aber doch passt dieß Kennzeichen auf mancherlei We-
sen nicht, dieGrinmi selber als elbisch gelten lässt Alle Sagen zumal, worin
elbische Frauen die Liebe irdischer Männer gewinnen, setzen ein Ebenmaaß
der Gestalt voraus; oder sollen nun auch die Mixen, die ins Dorf zum Tanze
konmien, und die schönen Tänzerinnen, die einen zuschauenden Jüngling ent-
176 ^^^ RIEGEB
weder in ihren Kreis ziehen oder sich von ihm rauben lassen (Wolf Beitr. z.
d. M. 2, 265. 261 f. aus Caes. heist. und Walter Map), aus dem Elbereich
verwiesen und den weisen Frauen zugetheilt werden? Wird doch vielmehr
die am Ufer gefundene Meerminne in niederländischer Quelle ausdrücklich
een alvinne genannt (M. 440). Und was soll aus dem Hausgeiste bei Cäsa-
rius werden, der adoleacenUs venusti epeciem besaß (Wolf 2, 252), und was
aus dem unzwergischen Knecht Ruprecht? Bezeichnend scheint mir doch
das, daß der Ausdruck Alb am zähesten an einem Wesen gehaftet hat, das
nach seiner, Entzauberung ein schönes Weib ist und menschliche Ehe ein-
geht. Eher mochte der männliche Incubus, der verstohlen naht und wieder ent-
weicht wie Eiberich bei Ortneids Mutter, in eibischer Kleinheit gedacht wer-
den. Doch hört man nichts davon bei dem Alb , der nach Thidr. s. 150
(Peringsk.) Hagens Vater war , vielmehr konnte es der Königin , da sie er-
wachte, vorkommen als läge ihr Mann bei ihr. Im Ganzen treten, das Hexen-
wesen abgerechnet , beim Liebesverkehr mit Menschen die Elbe sehr hinter
die Eibinnen zurück: aber ein solcher buhlender Alb ragt an Alter und Ruhm
über die meisten unsrer Sagengestalten empor, der Schmied Wieland.
J. Grimm sucht den Sinn von dlfa liödi und älfa vtsi, der Heldens. 388
unbefangen aufgefasbt wird, abzuschwächen: jenes soll nicht al/arum gentiUs
bedeuten nach Analogie des ags. Vedera, Vendia, Secgena leöd upd nach
der klaren Stelle L. In. 11 gif hvd his dgenne leöd ivar, geleöd^ leodan) ^^-
bycge ßeövne odde/rigne, sondern al/arum socvua soll der Held als Lehrling
der Zwerge heißen (M. 413); und alforum princeps weil er sich wie Siegfried
ein Zwergvolk unterworfen hätte (M. 422) , wovon wir doch nichts wissen.
Doch ist Alles elbisch, die Schmiedekunst, der Zauberring und das Flug-
hemd, und daß er, wie jener Alb der Mutter Hagens, Baduhilden als Incubus
im Trunk und Schlafe beiwohnt. Nie aber hätte Wieland, wenn als Zwerg
'gedacht, zugleich als Held gedacht werden können, der eine Schwangjungfrau
beschleicht. *) So viel zum Beweise, daß die Schranke zwischen Eiben und
Grimms weisen Frauen (mit alleiniger Ausnahme der riesischen Nornen)
unhaltbar ist. Einzelne Valkyrien zwar, wie Brynhild, stellt der Norden
ganz heroisch dar , indem er die Vorstellung irdischer Schildmägde *) in die
verwandte der Valkyrien. erhebt; aber daneben hält sich doch von der
^) Ich habe keinen Zweifel , daß Völund Hervörs Gatte und Völund bei König 1
verschiedene Personen sind , daß also der Inhalt der VölundarkTida auf Combination beruht.
Zwischen den beiden Theilen ist keinerlei verständiger Zusammenhang; denn derjenige« d^°
das Lied durch den Ring herzustellen sucht, ist ganz verkehrt. Der Ring ist es , dessen An-
legung dem Ydlund das Flughemd verschafft : gehörte er also der Hervor, so mu0te sie ihn, da
sie entflog , mitgenommen haben. Ein merkwürdiges Beispiel frühen Missverständnisses deat-
scher Sagenzüge im Norden.
^) In nordischen Sagen etwas gewöhnliches, für den Süden bereits von Dio Cassins 71t ^
bezeugt
DIE NIBELUNGENSAGE. 177
mentaren Seite dieser letzten) der wichtige Zug von den thautriefenden Mäh-
nen ihrer Rosse (Helgakv. I, 28). Yalkyrien sind eigentlich Elbe und ge-
währen einen neuen Eall enger Beziehung der Elbe zum Todtenreiche.
Nach dem Allem denke ich ist es einfach und natürlich, wenn ein uralter
vom Nebel her genommener Geschlechtsname seine Träger zu Eiben stem-
pelt, die aus dem Todtenreiche Nebelheim stammen und dort herrschen.
Heutige Sage kennt wenigstens noch Nievelmännchen als neckische nächt-
liche im Berg hausende Elbe (D. M. u. S. 72); alt ist der Ausdruck Nebel-
kappe för den unsichtbar machenden Mantel der Zwerge (M.431): beruht er
nur darauf, daß die ünsichtbarkeit als ein die Gestalt umfließender Nebel
gedacht wird? Davon weiß sonst deutscher Glaube nichts (M. 306). Nebel-
heim tritt schon im Norden neben Hei merklich zurück oder muß sich in der
Combination Niflhel an die üblichere Bezeichnung anlehnen; kein Wunder,
wenn es in Deutschland verschollen ist. Gibt es übrigens einen für das nörd-
liche Todtenreich eingetretenen rationalistischen Ausdruck , so muß es wohl
Norwegen sein, das im Epos für Nibelungeland gilt, so fest, daß sogar der
schwedische Schilbnng Nibelungs Bruder werden mußte 0; und wieder ist
nach Snorri Norwegen Alfheim (s. Lachm. Anm. 344).
Steht aoch der Geschlechtsname der Nibelunge in dürrer Vereinzelung
da, was wir im Besondern von ihnen wissen , gibt trotz aller Vermenschung
anverwerfliche Auskunft über ihr elbisches Wesen.
Vom Vater Gibich war schon die Rede. Sein Name , der largitor be-
deutet, bringt seinen Charakter in Gegensatz zu den mißgünstigen Söhnen,
so daß verschiedene Seiten des elbischen Wesens genealogisch auseinander
gelegt werden; dafür hat er an der Handlung auch keinen Theil.
Günther oder Gunnar, Guthorm oder Gernot für Godomar 0 und Giselher
sind geschichtliche burgundische Gibikunge und auszuscheiden , wo von my-
thischen Gibikungen oder Nibelungen die Rede ist. Gudhrun wird zu ihnen
gehören; hatte vielleicht Attila vor seiner Thronbesteigung (Zs. f. d. A. 10,
') Es gilt hier gleich, ob die von Siegfried beraubten Besitzer des Hortes den Nibelnnge-
namen mit Recht oder Unrecht tragen; genug dass die Sage Norwegen and Nibelnnge znsam-
mcDbringt.
^ Sftmond schreibt Guthorm und zweimal (Manch 119 J Gudthorm, Snorri Outthorm,
Völs. s. Outtarm zudi Zeichen, daß der Name fremd war und von Oudorm = drcteo deorum
^\hat abstand. Ans Godomar ist indess die Entstellung nicht zu begreifen; es maß, wie
Wackemagel meint , ein TerschoUener nach Gunthari gebildeter Gunthram zu Grande liegen.
Hä&selhafter ist GSmöt , in Thidr. s. Gtmoz, Dieß z kann nur aus hdentschen Quellen , die
ttn« nicht vorliegen, entlehnt sein: dann aber stellt sich der Name zu Sahmöt und gebührt dem
Stammbelden eines Volkes von Gerschwingem. Das hd. t deutet an , daß man ihn in einem
Hieile des hdentschen Gebietes missyerstand und nach Analogie der Namen auf not = nd. n^
beortfamhe.
onaunAoi. 12
178 li^AX RIEGER
169) wirklich eine burgundische Godoruna Godomares Sefavester zom Weibe
genommen (Lachm. Anm. 347)? Der Nibelunge Tochter hieft ohne Zweifel
Ortmhäd von der elbischen grima oder dem heUthelm (M. 218, 432); dem
Norden kamen beide Namen zu und er erfand eine Mutter um beide unterzu-
bringen. Diese Grimhild nun reicht dem Helden ein Hom, aus dem er Ver-
gessenheit trinkt, ganz wie sonst Elbe und zumal elbische Frauen thun (M.
1055) und wie schon Kirke that ^); sie ist die falsche elbische Braut, die sich
verlockend zwischen den Held und seine rechte Verlobte eindrängt, wie Venus
in der Sage bei Vincent. Bellovac. (Wolf Beitr. 2, 256) und genau wie Re-
panse de schoie, bei deren Anblick Feirefiß der geliebten Secundille Tergisst:
denn die Gralsburg, nach Müller (Germ. 1, 430) das Todtenreich, verstehe
ich ohne Widerspruch gegen diese Auffassung als Reich der Elbe, die Trä-
gerin des Grals , als becherreichende Eibin. Grimhild die Elbekönigin hat
denn auch wie der Zwerg Läurin einen Rosengarten ^), ja sie wird mit Holda
verwechselt, wenn der treue Eckhart, hier Eckewart, als Warner an der
Grenze ihres Reiches erscheint.
Von den Brüdern bleibt für den Mythus nur Hagano übrig, der in nordi-
scher Überlieferung bloß eine Rolle als Rathgeber spielt, nach deutscher
Ansicht aber Siegfrieden erschlug und den Hort versenkte und sehr vohl
ursprünglich auch der sein konnte, für den Siegfried Brünhilden erwarb; im
dänischen Liede (bei Grimm N. V) ist Herr Nielus Brynildens Gatte und
Sivards Mörder und keines Bruders wird neben ihm gedacht. Um den Nibe-
lung mit den burgundischen Königen zu combinieren, machte ihn die Überlie-
ferung bald zu ihrem Bruder, bald zu ihrem Dienstmann : uns ein Zeichen,
daß er in keiner Weise zu ihnen gehört. Sein Name (von Juigcvn Domstraacb),
so viel geschichtliche Personen ihn auch entlehnten , stellt sich zu den zahl-
reichen Teufels- und Albnamen, die von Pflanzen genommen sind (M. 1015);
eine tiefere Bedeutung erhält er noch durch die Beziehung des Domes zam
Tode, die Grimm entwickelt hat (Abh. der Berl. Ak. v. 1849 S. 221, 223 ff.,
*) In den Märchen ist der Vergessenheitstnink als Schlaftrunk symbolisiert. In N. 93 der
Grimmischen Sammlung Tersanrat der Held dreimal die rerwünschte Jongfirao zu erlösen, v^
er TOD dem Tranke, den ihm die alte Frau des Hauses im Walde bietet, in tiefen Schlaf sinkt.
Hier ist die Beziehung des Trunkes zu den Eiben dadurch besonders klar, dal die Verwüuebte
zuerst mit weißen, dann mit rothen oder braunen^ zuletzt mit schwarzen Rossen gefchw»
kommt So werden die drei nach der Farbe verschiedenen Clasaen der Elbe angedeutet: vgl.
Wolf Hausm. S. 41, 51, 271, 373, besonders aber die Ballade vom jungen Tamlan, dasseo
Erlöserin das schwarze und braune Boss yorüberlassen, vom weilen aber den Mann herabziehen
mul (Wolf Beitr. 2, 258). Schwarze, rothe und weile Eiben sind es nach mftrkisehem Ab«r-
glauben, die das Oedftohtnil rauben (Nd. S. S. 443). Zur Yergleichung kommen auch di«
grauen, bleichen und schwarzen Rosse im Walde wo Heimi wohnt Thidr. s. 17.
') Hocker Stamms, der HohenzoUem und Weifen 34 bringt den Namen der Yangionen
in sinnreiche Beziehung zu der Wormser Rosengartensage. Ist diese so alt, so gewinnen
neben den historischen Oibiknngen auch die mythischen dort einen Ortlichen Halt
DIE NIBELimGENSAGE. 179
242, 244). Dorn dient zum Leichenbrand und wird auf Grabhügel gepflanzt;
aber die Sage lässt auch Domen durch Leichen empor wachsen , ja Leichen
sieb in Domen verwandeln; eines zauberischen Dornes bedient sich Odhin
nm Brynhilden in todähnlichen Schlaf zu versenken , und Dornen statt der
Waberlohe umgeben im Märchen das Lager der schlafenden, die selber Dom-
röschen heißt. Wenn nun der Dorn oder hagen so deutlich als Baum des
Todes auftritt, so dürfte ja damit für den nd. Ausdmck heinenkleed = Todten-
kleid, für jene Heinchen, die zugleich Elbe und abgeschiedene Seelen sind,
und endlich für den Freund Hein (M. 811) der Schlüssel gegeben sein: im
Dom wohnt die Seele als Alb, aber dieser Alb ist auch wieder ein Todbringer
oder der Tod selbst, und in Hagano gäbe sich denn der Todesdämon un ver-
hüllt zu erkennen. Noch mehr: Hagen von Troia, wie er in Thidr. s., in der
Vorrede des [Heldenbuches und schon im Waltharius heißt (Heldens. 87),
bedeutet nichts anders als Hagen von Elbeland. Die alte Troie, so genannt
im Gegensatze zur secunda Troia oder Troia minor am Niederrhein (s. Alt-
dän. Heldenl. 432 f., Lacomblet Archiv 1, 172) ist im Wolfdietrich das Land,
wo die rauhe Else oder Frau Sigeminne herrscht, und trägt von ihr im Buche
von Bern und in der Rabenschlacht auch den Namen JElsentroie (Heldens.
198,211). Dieser Umstand kann sich nur aus der fränkischen Troiasage
erklären. Wenn einheimische Sage den Stammvater der Franken aus dem
Lande der Elbe kommen ließ und dieß in der Anlehnung an gallische Troia-
sagen (s. Roth Germ. 1, 50 ff.) so historisiert ward, daß die Franken aus
Troia stammten , so konnte von da aus auch in andere Sagen — und Wolf-
dietrich ist ja selbst ursprünglich ein austrasisch-fränkischer Held — der
Name Troia für das Elbeland eindringen. *) Oder soll Hagens Abstammung
von Troia, für die doch auch der Bagene von Tronje des hd. Epos sichtlich
HDr ein anderwärts angelehntes Missverständniss ist, nur darauf beruhen, daß
die Nibelunge hie und da auch als Franken betrachtet wurden, nachdem
das einst burgundische-Land um Worms fränkisch geworden war? Das könnte
sich für den Waltharius empfehlen , weil hier auch ein fränkischer Bogen-
schütze in offenbarer Beziehung auf die Troiasage zum Nachkommen des
Pandarus gemacht wird (726 ff.); aber warum ist es sonst immer nur Hagen,
dem diese Abstammung beigelegt wird? Derselbe Hagen, dessen unverwüst-
liche elbische Natur man auch dadurch auszudrücken wusste , daß man ihm
einen Alb zum Vater gab! Denn eben der Waltharius, der ihn zuerst zum
Troianer macht, nennt seinen Vater mit einem Albnamen (s. Lachm. Anm.
') Es ist die Sage vom Schwanenritter, dieser ganz elbischen Erscheinung, die von dent-
Bcber Seite der frftnldschen Troiasage zu Grunde liegt : er ist der Franken Stammvater , den
lieh dann einzelne Fürstengeschlechter des alten Frankenbodens besonders aneigneten. Er ist
bereits der Ulixes bei Tacitus, der Ankömmling von Troia: und von Troia ist auch der Schwa-
nenritter, der hier Brahon als Eponymas von Brabant hei0t, bei Wolf Nl. S. 51.
12»
180 MAX BIEGER
345) Agcui *) und Thidr. 8. lässt ihn wie Ortneid von einem Incubns erzeagen,
daher sein Ansehen wie das eines Trolles und auch im hd. Epos eisltch sk
gerinne ist.
Ich mache endlich daran! aufmerksam, wie das ganze Than der Nibe-
Innge im ersten Theile der Sage nichts Heldenhaftes hat, nur ans Zauber and
Tücke besteht; denn was Ätlam. und Völs. s. von Heerfahrten wissen wollen,
die sie mit Sigurdh ausgeführt hätten,, ist müßige Lückenbüßerei. Dem von
Siegfried angebotenen Holmgange, der freilich nur dem hd. Epos bekannt,
aber einer seiner alterthümlichsten Zöge ist, weichen sie aus, dafar gewinnen
sie ihn durch Schmeichelworte und die Schönheit ihrer Schwester, oder ur-
sprünglich durch einen Zaubertrank, den die Schwester reichte. Der Bethörte
muß selber seine rechte Braut dem Mbelung gewinnen und zu diesem Zweck
. ist seine Gestalt von den I<^ibelungen verzaubert. Es ist fester Sagenzug,
daß wer im Todtenreich oder im Reich der Elbe war, entstellt zurückkehrt
und nicht mehr erkannt wird (s. W, Müller zu den Ns. S. S. 395 ff.): so
glaube ich verhielt es sich mit Siegfried, er sah wie ein Alb aus, wie es der
entführte Tamlan der schottischen Sage ausdrücklich von sich bezeugt; wenn
Günther gleichzeitig Siegfrieds Gestalt annimmt, so ist dieß dagegen ein
eibischer Trug (M. 432): so nahte der Alb, der Hagen erzeugte, der Königin
in ihres Mannes Gestalt. Ein andrer Gestaltentausch ist den Signy mit einer
seidkona vornimmt, um in deren reizender Gestalt bei Sigmund zu schlafen,
während die seidkona Signys Platz bei ihrem Manne einnimmt (Völs. s. 7).
Ich wage die Vermuthung, daß uns hier, obwohl entstellt, eine der ältesten
Mahrensagen vorliegt Setzen wir , wie es so oft nöthig wird , an die Steile
der Hexe eine Eibin , so ist Signy selbst die Zauberfrau , die mit Eiben um-
geht und an ihrer Natur Theil nimmt, und hier bereits erscheint denn, wie
der neuere Aberglaube die Mahr vorherrschend versteht, ein menschliches
Weib als Mahr. ^ Auch hier also , nur ganz anders motiviert, geht der Ge-
staltentausch zwischen Alb und Mensch vor. Götter mögen wohl die Gestalt
gewisser Menschen annehmen, wie Odhin die Brunis in der Bravallaschlacht;
wo aber liehen sie je niedern Wesen ihre eigne? fromme Scheu muß wohl
diesen Gedanken vom Mythus ausgeschlossen haben. Es ist darum gewagt
von Lachmann (Anm. 340 f.), den Gestaltentausch als eine göttliche Kunst
Siegfrieds anzusehen, zu der nach ursprünglicher Sage seine Tarnhaut diente;
dieß gemeine Attribut der Zwerge drang ohne Zweifel nur als Ersatz für den
Gestaltentausch in die Sage ein. Der Mord Siegfrieds ist der folgerechte
^) Walth. 629 ff. sohUdert ihn Ounthari um Haganon zu schmähen als einen Zagen, aber
diefi muß em MissTerständniss des Dichters sein; wir wissen ans Thidr. s. 365 hesser was es
heißt, wenn Hagneu seine Abkunft vorgeworfen wird.
0 Signy kommt sn Sigmund ganz wie Fomald. s. 1, 30 die alfhona ra KOnig Helgi,
Abends spAt nnd am Herberge bittend.
DIE iaB£LUKa£NSAG£. 181
Schloß der Dibelangischen HaDdlungsweise. Sein rechter Vollstrecker ist
Hagen, der Todesdorn, nicht der im Norden zur Schonung der Bundesbruder-
schaft untergeschobene Guthorm. Was aber den über die Quelle gebeugten
oder, nach Hans Sachs, den am Lindbrunnen schlafenden tückisch traf, war
nach dem ursprünglichen Sinne sicher nichts als ein Albschuß (M. 429).
DER HORT.
Nachdem das Wesen der Nibelunge so festgestellt ist, wird die Be-
wandtniss des Hortes und mit ihr Idee und Motiv des ganzen Mythus klar.
ÜDzähliche Male spricht sich in Sagen die Ansicht aus, daß die Unter-
welt, das Reich der Todten und der Elbe, im Besitz einer Fülle Goldes sei,
zu der alles auf der Welt befindliche Gold sich nur wie ein Abfall verhalte.
Lehrte nun der Welt Lauf, daß das Gold die Wurzel <Jes meisten Unheiles
war, so lag der Gedanke nah, daß es den Menschen darum nicht gedeihe,
weil es ein Raub an den Mächten der Unterwelt , seinen ursprünglichen und
rechtmäßigen Eigenthümern sei. Der Mythus, der diesen Gedanken aus-
fahrte, nannte die Unterwelt Nebelheim ^), ihre Mächte Nibelunge, das Gold
also der Nibelunge Hort. Sein Wächter, Andvari (ein Abstractum, das nach
Finn Magnussen im heutigen Isländisch vigilamtia vel sedvlitaa bedeutet),
wohnt in einem Fluß in i9t;ar^Z/aA^m, und zwar in einem /or« dieses Flusses :
kann das auch Strudel sein, also Zugang zur Unterwelt? Wenigstens kom-
men Strudel leicht bei Stromschnellen vor. Von dem überlisteten Andvari
gewinnen die Götter den Hort, natürlich durch Loki, den personificirten Keim
des Verderbens, der in der natürlichen und sittlichen Welt enthalten ist, den
die Götter in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben. Wenig ist das Gold
den unterirdischen werth und ohne Widerrede gab Andvari Alles hin , nut
den Kern des Hortes, den Ring durch den er sich neu erzeugen konnte, wollte
er nicht missen : Loki entreißt ihm auch diesen; nun ist zwar das Gold sammt
seinem Samen auf der Oberwelt , aber die Unterwelt hat ihren Fluch darauf
gelegt. Einen Nachklang dieses Mythus glaube ich im Märchen vom Fischer
und syner Fru (Gr. 19) zu erkennen: der in Fischgestalt gefangene Alb
(s. Ns. S. Anm. z. 35) löst sich hier durch Gewährung von Wünschen, nimmt
aber Alles zurück als der Fischer unersättlich ist. Eine andre alte Idee,
^) Nißheim ist nach nordischer Ansicht zwar ein nördliches, aher auch ein unterirdisches
Und (M. 672 f.) ; der Weg, den die Todten reiten, führt nordwärts nnd niede^rwArts. d. h. in
<&e £rde hinein. Anch dem Griechen liegt der Eingang der Unterwelt in dem sonnenlosen
Lande der ELimmerier , im anfersten Westen jenseits des Oceans , Odyss. X. 14 ff. , dem in
dentBcher Ansdiaanng das Todtenreich Britannien entspricht: aber auch die Unterwelt hei0t
^^0«, d. i. Nebelheim (etymologisch entspricht unser €rp = furvus). Die Vorstellung eines,
^tem NebeUandes passt sowohl auf den nördlichen oder westlichen Vorhof der Unterwelt
^ auf diese selbst Snorri berichtet von den Wurzeln des Weltbaumes: «m er med Attim en
^^«MMir med Hrimfiutstm — enjnidja etendr yfir Niflheimi (Gylfag. 15).
182 1<AX BIEGEB
woDach das Weib Versucher und böses Princip ist, hat sich in dem Märchen
eingemischt und scheidet sich leicht wieder aus; an der Stelle des Hortes
und des Wunderringes stehen Reichthum und hohe Würden in einer Stufen-
leiter; die Verfluchung der letzten Gabe kommt mit der Vereitelung aller
auf eines heraus. Aber den Göttern steht das Glück zur Seite: noch gelingt
ihnen Alles , bis einst auch ihr Tag kommt Ihr Glück gibt es , daß Ottrs
Wergeid ohne den Wunderring, den sie zu behalten dachten, nicht voll wird.
Hier gewährte der sinnvolle Mythus zugleich die Begründung eines der wich-
tigsten Rechtsinstitute des Alterthumes; es ist begreiflich, daß gerade dieser
Theil des mythischen Ganzen nach dem Untergänge der Götter sowohl als
jenes Institutes spurlos verscholl. Der Fluch ist also von den Göttern auf
die Empfänger des Wergeides, die lötune abgewälzt und von diesen erbt er
auf den Helden und die Schildmagd, seine Braut; nachdem er Riesen nnd
Menschen ins Verderben gerissen, fällt Hort und Ring an die rechten Eigen-
thümer , die Nibelunge , zurück und wird von ihnen wieder in die Tiefe des
Wassers, die ihn einst barg, versenkt, d. h. der Unterwelt zurückgegeben.
Freilich, das Gold ist ja noch in der Welt und wirkt Unheil fort und fort
Auf solche Bedenken darf man vom Mythus keine Rücksicht erwarten. Er
muß sich poetisch abrunden und stellt darum an Zeit, Ort und Person ge-
bunden dar, was ewig dauernde oder ewig wiederkehrende Wahrnehmung ist.
Auch durfte er nicht mit der Ansicht in Widerspruch gerathen , daß alles
Gold in Menschenhand nur ein geringer Abfall, des unendlichen Vorratlies
der Unterirdischen sei, und darum den verfluchten Ring nicht auf der Ober-
welt lassen; endlich ließ es sich denken, daß mit dem Samen des Goldes nan
auch der Abfall verflucht sei, der uns zu Theil wird, während ohne Andvaris
Fluch leicht verdiente und gern gewährte Spenden der Unterirdischen, wie
sie den Sagen noch geläufig sind, uns nicht geschadet hätten. Deutet docli
der Name des Vaters Qihicho darauf, daß die Nibelunge früher, d.h. doch
wohl vor Lokis Fischzuge, freundliche Geber waren.
Der Ansicht, daß das Gold den Mächten der Unterwelt gehöre, liegt
eine sehr einfache Naturbeobachtung zu Grunde; unserm Mythus insbeson-
dere das Vorkommen von Flußgold. Ohne Zweifel war dieses und seine Ge-
winnung den Deutschen früher bekannt als der schwierigere und im nörd-
lichen Europa so wenig lohnende Bergbau auf Gold. Schon von den Kimbern
und Teutonen ward das erbeutete Gold und Silber in die Rhone geworfen:
was aus dem Wasser gewonnen war, gaben sie in frommer Scheu dem Wasser
und, müßen^wir hinzufügen, der Unterwelt zurück (Wackernagel H. Zs. 9,
654). Fragte es sich also im Mythus , woher das verderbliche Gold in die
Welt gekommen sei, so mußte es aus einem Strome geholt sein *); und wie-
^) Der Strom war nach Skaldsk. m. 39 in STart&lfaheim, dieses wird nach Sn. 17 unter
der Erde gedacht: damit wttre der Bach im Kyffhäoser za yergleiohen, dessen Schlamm n
Golde wird Nd. S. 247, 1, Das ist recht eigentiiches famgoU (M. 498).
DIE NIBELUKGEN6AGE. 183
d«r erklärte der Mythus warum der Rhein Gold ftthre: oeidische Nibelunge
Httea 66 hinein gesenkt. Grade wo dieß nach Nib. 1077 geschehen war, in
der Gegend des ehemaligen Lochheim, ward auch Gold gewaschen (im Amte
Genisheim s. Dahl, Beschr. des Fürstenth. Lorsch S. 251).
Doch gilt der Hort nach einer Überlieferung auch für Berggold. Nach
Thidr. s. «386 war er in einen Berg verschlossen, in den Högnis nachgebomer
McheT den AttUa lockte und einspeiTte; und eben dieß erzählt die hvenische
Chronik unter Beistimmung der dänischen Volkslieder von Gremild (Heldens.
306). Was Atlam. 53 angedeutet wird, hängt hiermit wohl zusammen, bleibt
siber unverständlich. Wenn Sämuud den Andvari nach seiner Lösung in den
Stein gehen lässt, so scheint eine Überlieferung durchzublicken, die nichts
von seiner Fischgestalt wusste und ihn das Gold im Berge hüten ließ.
Nun ist noch Sinn und Zusammenhang des Mythus in einzelnen Punkten
aa&ahellen.
SIEGFRIEDS GEBURT ÜHD KNECHTSCHAFT.
Der Name der Mutter Siegfrieds hat sich nur im hd. Epos richtig er-
halten. Zu Siffo Sigimimd Sigufrit gehört offenbar Sigvlint, nicht Hiördis.
Hier hat bei Gelegenheit einer Mythencombination eine seltsame Yerschie-
baug stattgefiinden, die sich noch zurecht rücken lässt. Helgis Vater heißt
das einemal Siörvard, dann aber, um ihn in die Alles überstrahlende Wöl-
sDDgesage einzufügen, ist es Sigmund. Dem Hiörvardh nun wird als Ge-
mahlin SigrUnn beigelegt, dem Sigmund, zwar nicht als Helgis, doch als
Sigurdhs Yater, Mördi^: kein Zweifel, BiördU gehörte ursprünglich zu
Biörvardy SigrUna zu Sigmund. Sonbt aber hat die oberdeutsche Sage
auch Alles von Siegfrieds Abkunft vergessen, was sie erzählt ist nach leerer
Wahrscheinlichkeit erfundeu. Thidriks saga bringt eine Geschichte , die aus
der Genovefalegende und dem Mythus von Sceäf oder Scild zusammenge- ,
setzt ist, desshalb aber nur für einen Stammvater gerecht wäre, da doch
Siegfried ein Letzter seines Stammes ist. Es bleibt nur der originelle und
unverdächtige Bericht des Nordens über seine Geburt. Nach diesem ist aber
Sigurdh ein gebomer Knecht, was nachmals Brynhild bei dem verhängniss-
YoUen Zanke seinem Weibe, was auch der sterbende Fafni ihm selbst vorwirft.
Das hd. Epos legt denselben Vorwurf in Brünhildens Mund, nur so ge-
wandt^ daß Siegfried Günthers Eigenholde sei; und das sagt ihr Siegfried
selbst, da er mit Günther nach Island kommt sie zu werben. Freilich, es
wd uns an andrer Stelle (375) erklärt, dieft war nur eine vorher verabredete
Vorspiegelang: aber der Interpolator lässt uns imUnklaren über deren Grund;
und wenn sie auch hätte dienen sollen um Sigfried als ungenSz seines Ver-
löbnisses mit Brünhild zu entbinden, der echten Sage ist es jedenfalls nicht
gemäß, sich dureh Nothlügen über Verlegenheiten zu helfen. Tief wurzelt
aber das Motiv von Siegfrieds Knechtschaft, wenn es ebenmäfiig in der
184 ^AX RIEOER
obetdeutschen udcI Dordischen Überlieferung auftaucht; und in der nordischen
ist es , obschon nicht auf Gunnar bezogen , entschieden als Ernst gemeint
und auch in Thidr. s. erscheint Signrdh als Dienstmann König Isungs (168.
190); was will also der Mythus mit diesem Motiv?
Lachmann meinte , indem er die Entstehung dieser Knechtschaft dnrch
Geburt, wie der Norden sie annimmt, ganz bei Seite ließ, der Held werde
durch den Erwerb des Goldes den finstern Dämonen, denen dasselbe eigent-
lich gehört, unterthan und müße ihnen darum seine Braut überhissen und
eine Tochter aus ihrem Stamme zum Ersätze nehmen. Hreidhmar und seine
Söhne müßen dann folgerechter Weise vor Siegfried Knechte der Nibelunge
gewesen sein, wovon man doch nichts hört. Aber dieß zugegeben, so müßte
doch der Mythus diese vom Golde bedingte Knechtschaft irgendwie zur An-
schauung bringen : denn an sich wird , wer eines andern Eigenthum an sich
reißt, nichts weniger als dessen Knecht. Der von Lachmann hinter der
Sjiechtschaft vermuthete Gedanke läge in einer dem Mythus nicht gemäßen
abstracten Nacktheit vor.
Diese Untersuchung steht hier an der dunkelsten Stelle; will sie vor-
wärts kommen, so muß sie einen Sprung ins Finstere wagen.
Wo die Sage Siegfried zum Knecht der Nibelunge macht, weiß sie kei-
nen Entstehungsgrund seiner Knechtschaft; wo sie dagegen einen solchen
angibt, nämlich Geburt in der Gefangenschaft, ist der Herr des Helden ein
bedeutungsloser Dritter, so daß das ganze Motiv müßig dasteht. Dieß ver-
einigt sich, wie ich glaube, so, daß der Räuber, in dessen Knechtschaft Sieg-
fried geboren wird, ursprünglich kein andrer als der Nibelunge König war.
Dieser Räuber und nachmalige Gatte der Hiördis heißt zwar immer (in
Sinfiötla lok, Völs. s. und Nornag. s.) Alf Hialpreks Sohn; aber der Vater-
stelle an Sigurd vertritt (Fornald. s. 1, 148), dessen Knecht gewesen zu sein
Brynhild dem Gatten Gudhruns vorwirft (das. 188) und der auch sonst allein
genannt wird (Sigurdar kr. IL im Anf. SkaldsLm. 40. Fornald. s. 1, 321 f.)
ist Hialprek. Wozu brauchte Sigurdh neben einem Stiefvater noch einen
Pflegevater? Dieser Luxus der Sage deutet auf eine ursprüngliche Verschie-
denheit von Überlieferungen; nach der einen hieß der Entfuhrer Alf, nach
der andern Hialprek und beide Namen wurden als Sohn und Vater zusam-
mengebracht, ganz wie Gudhrun und Grimhild. Wir können also Hialprek
ganz aus dem Spiele lassen; Alf aber, allerdings kein seltener Mannesnaoie,
ist mythisch genommen eponymer !E^lbekönig. Darum erscheint er als Stamm-
könig in Alf heim , dem Lande zwischen Götaelf und Raumelf: das war Alf-
heim genannt, worüber König Alf herrschte, und das Volk ist alles eibischer
Art (älfakyns), das von ihm abstammt; das waren schönere Leute als andere
Völker, nächst dem Riesenvolke (Fornald. s. 2, 384).
Aber auch wenn wir uns an die andere Überlieferung halten, stoßen wir
auf den Elbekönig. Zwar Hiaiprekr ist Cfhüpericvk»; Snorri macht ihn znm
DIE NIBELÜNOENSAGE. 185
König äJndSi, d. h. doch wohl in Deutschland, Völs. s. gibt ihm freilich Däne-
mark, aber Kornag. Majuskel s. mederFrakkland; und da die Welsunge auch
sonst in fränkischem Boden zu wurzeln scheinen, so ist eine Anknüpfung an
den Merowing, Fredegundens Gemahl, vielleicht denkbar: aber auch nur eine
Anknüpfung, die sonst für die Forschung unfruchtbar bleibt. Viel bedeut-
samer ist es, daß in Völs. s. die einzige um 1400 entstandene Pergamenths.
Hialprek, die übrigen Halfrek geben, während dieß in Nornag. s. umgekehrt
die Haupths. gegen das Hialprek der meisten übrigen gewährt. Wenn man
non sieht, dass in Nornag. s. alle Hss. gegen eme Half für Alf geben und
daß auch Völs. s. den König in Dänemark, bei dem Gudhrun nach ihres
Mannes Tode lebt und den die Sage doch wohl für eine Person mit Sigurdhs
Stiefvater nahm, zweimal Half (beiBiörnerHialfrek) nennt, so wird es wahr-
scheinlich, daß Halfrek für Alfrek und dieses selbständig neben dem durch
Sämund und Snorri bezeugten Hialprek steht. Alberich also , der beinahe
appellative Name des Elbeköniges in so mancher Sage , war auch der Name
dessen, der den ungebomen Siegfried in seine Gewalt brachte. Daneben
könnte sogar Hialprek einen verwandten Sinn bekommen : es wäre ein Alb-
name ähnlichen Sinnes wie Gibika.
Daß Völs. 8. den Alf mit Schiffen und Schiffsheer ganz wie einen nordi-
schen Seekönig auftreten lä«st, kann nicht im Geringsten stören; die Ent^
föhrnng über's Meer ist sogar nicht unelbisch und könnte Britannien zum
Ziele haben. Wenn die entführte Königin mit ihrer Magd die Rolle wechselt,
beide sich aber durch die Erinnerung an ihre frühere Lebensart verrathen, so
ist auch im Mährchen wo dieser Zug vorkommt der Entführer ein über-
menschliches Wesen (Km. 3 N. 127). Daß Elbe ungeborne Kinder in ihre
Gewalt bringen, indem sie Vater oder Mutter zu unvorsichtigem Versprechen
verleiten, ist häufig und bekannt ; daß sie schwangere Mütter entführen , ein
geraderes Verfahren zum selben Zwecke , findet sich in Müllenhoffs S. aus
Schleswig-Holst und Lauenb. Nro. 408.
Warum sollte nicht Alb *) und Alberich, ja Helferich, neben Gibich in
unsrer Sage den Vater der Nibelunge bezeichnet haben? In Thidr. s- heißt
er, wie im hd. Epos Hagens, des eigentlichen Nibelungs Vater, Aldrian, worin
doch auch am ersten etwas von alh stecken dürfte. ^ Ich denke also , der
alte Nibelungekönig brachte den Sprössling eines gottentstammten Helden-
geschlechtes in seine Gewalt um durch ihn den seit Lokis Fischznge ver-
^) Bern nordiachen Alf iteht freUich kein so hXufiges deatsches Alb rar Seite. Fönte-
maim bringt nur aus dem Polypt. .de s. Remi einen Albus. Aber Ammians Vsstralpui
schemt doch sefaon die Möglichkeit eines einfachen Alp als Eigennamen zu gewähren.
*) Förstemann yerzeichnet Wol/draegi , — drsffi, — driffi, — thrigi und Ctmdrigi =
Cunddrigi (za got, Jrrckgian = tqixeiv)\ nordisch ist hemd/r<ig% hnmdre^ ein dami desidene:
entstand yieUeicht ans Albdregi Albdrigi ein Aldriganm Aldrianus? £s wftre einer der
mit den Eiben lebt, ungef Ahr was äl/a Uödi»
186 MAX RI£6£B
lorenen , nun von dem furchtbaren Fafoi gehüteten Qoldhort wieder zq ge-
winnen. Darum gab er ihn in Beging Zucht, weil er wusste, daß dieser ihn
gegen Fafni gebrauchen, selbst aber durch ihn fallen würde. Nun ist zwar
das Gold in des mächtigen Helden Hand, aber ihm ist mit elbischen Künsteu
beizukommen, während es gegen den Riesen in Wurms Gestalt eines Helden
mit Götterkraft bedurfte. Das Gold ist den Nibelungen wieder näher, sobald
es von den Riesen zu den Menschen gekommen ist.
WIE SIEGFRIED DEN HORT GEWAM.
Über die Besitzer des Hortes vor Siegfried, ihren Streit, die Art wie
Siegfried in diesen verwickelt ward und den Hort selber gewann lassen sich
drei verschiedene Überlieferungen deutlich scheiden.
Der Norden gibt nur einen Bericht, der in sich vollkommen klar und be-
friedigend ist; nur daß Sämund bereits (und nach ihm Nomag. s.) den Regln,
]}ann inn hrtmkalda iötunn (Fafnism. 38), als dvergr of vöxt bezeichnet. Er
ist neben Fafhi der schwächere und klügere und geht darum in die Vorstellung
eines Zwerges über. Vorsichtiger lässt ihn Völs. s. 14 nur erzählen: 6k var
ek ennjyrtdi ok var ek minnstr Jyrirmer um atgerfi ok yfirldt ; Snorri spricht
sich über diesen Punkt nicht aus.
Die entstellende Erzählung der Thidr. s. und die noch mangelhaftere im
hürnen Seifried 1 — 11 lässt eine Grundlage erkennen, die mit dem nordischen
. Bericht übereinstimmt. Einen dem Norden fremden Zug liefern beide Quellen
in der Hornhaut, die Siegfried durch das Bad im Drachenblute bekommt; da-
für vergessen beide die Hauptsache, daß er dem Drachen einen Hort abge-
winnt; doch holt dieß die Saga in C. 334 nach. Wie Siegfried zu dem
Schmiede kam erzählt dieselbe halb nach dem Mythus von Scild, den sie auch
in Wielands Gechichte einschwärzt, halb nach der Genovefasage; einfacher
und besser der h. Seifr. 2 — 4: der junge Held ist so unbändig, daß ihn seine
Eltern in die Welt hinaus schicken, so kommt er zu dem Schmied. Hier ist
noch eine Spur davon , daß ihn der Entfuhrer , an dessen Stelle freilich der
Vater Siegmund getreten ist, dem ßegin zur Zucht übergibt. Eine Combi-
nation liegt nur darin vor, daß die Saga den Schmied, der Siegfried erzog und
des Wurmes Bruder ist, Mimi nennt; der NameRegin wird dabei dem Wurm
ertheilt, Fafni fehlt Mimi war nach nordischem Mythus die personificierte
uralte Weisheit der lötune , der auch die Weltordnung der Äsen nicht ent-
rathen kann. Dieß erhabene Wesen erscheint in jüngerer Sage von Wieland
>}nd Siegfried als einsam hausender Schmied und Lehrmeister. Die Schmiede-
kunst ward ihm als Symbol der Klugheit und Geschicklichkeit beigelegt, nicht
anders als dem Regln, dessen Name zu seiner Charakteristik noch nicht ge-
nügte; und bei Mimi in der Lehre gewesen sein, war vermuthlich schon früher
ein Ausdruck für heroische Weisheit. Ward er von Siegfried gebraucht, ßO
DIE NIBELUNGENSAGE. 187
durfte nur der Lehrmeister nicht mit dem übervortheilten Bruder Fafni*8 ver-
mengt werden. So scheint es richtig im zweiten Theile des K Seifr. 47 ge-
meint: er ward wolferr versendet in einen fi/Mtem ton, darinn zoch in ein
meister; Aeser Meister hat mit dem Wurme I<^ichts zu thun. Aber mit
Siegfrieds Verhältniss zu dem Kibelungekönig, der ihn ungeboren geraubt, ver-
trägt sich seine Erziehung darch Mimi nicht wohl.
Einen ganz abweichenden Bericht gewährt die oberdeutsche Sage im
Nibelungelied und Biterolf. Einsam reitend kommt hier der Held von Unge-
fähr vor den Berg, aus dem man der Nibelunge Hort zum Behuf der Theilung
hervor getragen hat. Zwei um das Vatererbe streitende Brüder, die Siegfried
in ihren Streit herein ziehen um Beide durch ihn zu fallen , wie in der nordi-
schen und sächsischen Sage: aber Nichts davon, daß der eine Bruder den
andern bereits beraubt hatte , daß der Räuber stärker und größer oder ein
Lindwurm war, daß der Beraubte Siegfried gegen ihn anstiftete oder sein
Zuchtmeister war. Man mag sich denken, daß dieser, nachdem er das gött-
liche Ross von seinem Pflegevater gewonnen, in Recken Weise auszog; auch
80 konnte sein Zusammentreffen mit den Besitzern des Hortes irgend wie
Fügung der Nibelunge sein , vielleicht zugleich göttliche durch Vermittelung
des Bosses. Die Erzählung hat übrigens in ihrer Einfachheit ein alterthüm-
liches und acht mythisches Gepräge und lebt im Mährchen fort (s. Km. 92
nebst Anm. 193). Verkehrt sind nur die Namen des Vaters Nibelung und
SchilboBg. Der letztere beruht, wie oben schon bemerkt worden , auf einer
geographischen Ideenverbindung; zu Nibelungen stempelte diese Besitzer des
Hortes vor Siegfried eine Überlieferung, die wohl von der Nibelunge Hort
wusste, die wahre Bedeutung des Namens aber längst verloren hatte und auch
das Geschlecht, mit dem sich Sigftied verschwägerte, nur unter dem Namen
Gibichunge, Burgonden oder Rheinfranken kannte. *)
Nun bekämpft aber Siegfried nach jenen hd. Quellen nicht nur die bei-
den Nibelungssöhne, sondern auch ihre Mannen, nämlich 700 oder 500 Recken,
zwölf Riesen, von denen einer ihn dem Biterolf zufolge in den Zorn brachte,
der allen verderblich ward, und zum Schlüsse den Zwerg Alberich. Vergleicht
man diese Erzählung mit einer andern Stelle des Nibelungeliedes 451 ff., wo
der Kampf um den Hort parodisch nachgebildet und nur ein Riese, der Pfört-
ner der Nibelungeburg ist, nebst Alberich überwältigt wird, so wie mit dem,
was der hürnen Seifried vom Zwerg Eugel und dem Riesen Kuperan , dem
Bewahrer des Schlüssels zum Drachenstein, zu berichten weiß : so ergibt sich
daß dort auch nur der eine Riese , der im Biterolf aus den Zwölfen hervor
gehoben wird, Bedeutung hat und daß uns nicht eine gleichgültige Aus-
*} Über eine »olche Bewandtnks des NibelungeDamens an dieser Stelle kann ieh mit Müller
(Erkiärang der Nibelnngensage S. 38) übereinstinmien« ohne ihm zuzugeben , daß darum diese
falschen Nibelonge überhaupt eine werthlose Erdichtung seien.
188 MAX RIE6EB
8chmückung, sondern eine Combination zweier verschiedener Berichte über
Gewinnung des Hortes vorliegt; eine Combination, die auch der hürnen Sei-
Med in seiner Weise andeutet, wenn 134 die beiden Söhne Niblings, Engels
Brüder, den Schatz ihres verstorbenen Vaters aus dem bebenden Berge her-
vor tragen lassen. Die zwei Stellen des Nibelungeliedes bezeugen mit der
ausführlicheren Erzählung des h. Seifried eine zweite Fassung dieses Theiles
der Sage in oberdeutscher Überlieferung, im Ganzen die dritte. Ein Zwerg
ist von einem Riesen eines Schatzes beraubt,^Siegfried, der ihm einsam reitend
begegnet, überwindet mit seiner Hülfe den Riesen , dann aber ihn selbst und
ninmit den Schatz für sicL Das Nibelungelied weiß Nichts -vom Beistande
des Zwerges gegen den Riesen; der h. Seifr. lässt den Zwerg fälschlich vor
dem Riesen überwunden werden. Alle drei Berichte lassen mildernd den
Zwerg, der eine nibelungische auch den Riesen nur überwunden und dienstbar
gemacht, nicht getödtet werden. Alle drei haben vergessen, daß beide Wesen
Brüder sind, was Inder Ordnung war, sobald man aus dem schwächeren
Riesenbruder einen Zwerg werden ließ. Diese F^assung steht der nordisch-
sächsischen näher als die erste oberdeutsche, aber auch ihr ist es fremd, daß
der beraubte Bruder Siegfrieds Erzieher war und daß der Räuber als Lind-
wurm gieng. Darin, daß dieser letzte Zug fehlt, kann ich nur einen Vorzog
an Einfachheit und Ursprünglichkeit erkennen. Müller (Nibelungensage 36)
meint daß die spätere Zeit den Riesen in Drachengestalt als einen zu mythi-
schen Zug nicht habe halten können und ihn darum in zwei Personen, einen
Drachen und Riesen zerlegte. Aber der h. Seifried weiß ja sehr wohl dat
sein zweiter Drache ein verzauberter Mann ist! *) Dieser Drache, der bei
einer Hochzeit eines Königs Kind aus dem Fenster entfuhrt, ist vielmehr ein
besonderes mythisches Motiv, das zahlreiche Mährchen ausführen und er-
läutern, ') in unsrer Sage nur ein Eindringling. .
Wenn aber das Nibelungelied um der Hornhaut willen ebenfalls einen
Drachenkampf annimmt, der zur Erwerbung des Hortes in keiner Beziehung
steht, so hat es sich damit zu besonderem Zwecke des ausgewitterten Restes
der nordisch-sächsischen Überlieferung bemächtigt; auchThidr. 8.143—147
und der h. Seifr. bei seinem ersten Drachenkampfe wissen ja von keiner Be-
ziehung des Drachen zum Horte , ohne darum einen Riesen als Besitzer des
Hortes neben dem Drachen aufzustellen. Und doch lässt sich eine so mangel-
hafte Kenntniss vom Drachenkampfe und dadurch möglich gemachte Annahme
desselben neben dem Riesenkampfe mit Sicherheit nur dem Interpolator des
ersten Nibelungeliedes, von dem Str. 101 her rührt, und denjenigen, die 863,
* ^) Auch Thidr. s., die nur einen Drachen, keinen Riesen kennt , gesteht ohne Schwierig-
keit, da0 Regin erst zur Strafe seiner Zaubereien zum Drachen geworden sei.
^) Mährchen Ton der Ehe eines Gottes in Thiergestalt mit einer irdischen Magd, die mehr
oder weniger in den Mythus von Eros und Psyche übergehen : s. Km. 3, N. 88, 127. Wolf
Beitr. 2, 64 ff.
DIE NIBELUNOENSAOE. 189
949, 1061 dichteten, nachsagen. Denn das siebente Lied, das am ansf&hr-
lichsten über den Drachenkampf ist (842, 846), weiß so wenig wie das achte
von Nibelongeland und -leaten: Siegfried and die Seinen sind ihm von Mie-
derland 826, 831 ; erwägt man dagegen den Ausdruck dS er den lintdrachen
an dem berge sluoCt ^o wird es sehr wahrscheinlich , daß nach der Ansicht
dieses Dichters Siegfried nicht nur die Hornhaut, sondern auch den Hort von
dem Drachen gewann: denn der Berg gehört auch 89, 666 zum Horte, wie
auch nach Beov. 1779 der Drache, der den Hort besaß, von Sigemund under
käme stän erschlagen ward.
Die unvollständige Hornhaut halte ich übrigens für einen ächten und
tiefbegrfindeten Zug. Sollte der Norden keine Spur von ihr bewahren? Nach
Sämund nahm Sigurdh aus Fafnis Höhle unter Anderm eine Goldbrünne, von
der keine Eigenschaft angegeben wird. Aber der Riese Kuperan , der Fafhi
vertritt, trägt eine Brünne von eitel klarem polde, gehert mit tractien bluoty
die mit Ortneids Brünne verglichen wird and die er Siegfried überlassen will
(70) ; Ortneids Brünne ist gleichfalls in Drachenblut gehärtet und nie von
einem Schwerte verschnitten worden (Ecken 1. 24). Das ist nur ein um-
ständlicherer Ausdruck för die Hornhaut , die da am Platz , wo Fafni nicht
Drache ist. Die ehrwürdigste Verwandtschaft hat jene indess in Achilleus,
bei dem auch ihre UnvoUständigkeit zutrifft, ein tiefer Gedanke des Mythus.
Ein Geringstes kann das Größte vereiteln und die Kette von 'Wirkungen, die
ans umschlingt, ist immer unberechenbar. Das Lindenblatt, schöner als die
bei Achilleus und in Thidr. s. gebrauchten Motive , vergleicht sich der ver-
gessnen Mistel im Mythus von Balder.
Keine deutsche Quelle gedenkt mehr des an Hreidhmar begangenen
Yatermordes, der mit allen drein Berichten gleich verträglich wäre; doch
scheint es noch bedeutsam, wenn im h. Seifr. 166 "ohne Erklärung gesagt
wird, der Vater Nibling sei vor Leide gestorben: über den Hader seiner
Söhne? ward so jemals erzählt, so mochte es als Milderung fiir den Vater-
mord gelten.
SIEGFRIED UND BRÜNHILD.
Von den Leichen der feindlichen Brüder wird Siegfried durch die Vögel,
die er nun verstund, zu Brünhilden gewiesen. Nach Thidr. s. ist es Mimi,
der ihm von ihr sagt; hat dieß einigen Grund, so ist hier Mimi im eigent-
lichen Sinne seines Namens zu fassen und nicht als Bruder des Drachen.
Während Siegfried unbewusst den Zwecken der Nibelunge dient ist ihm
auch von seinem Ahnen Wodan eine Bestimmung angewiesen, die zu ,Helden-
ehre und Liebesglück führen sollte. Wodan hattiB Brünhildens Gelübde ge-
hört, wenn sie nicht Schildmagd bleiben dürfe, doch nur den Mann zu nehmen,
der sich nicht furchten könne: ^) oder er hatte selbst nach Helr. Brynh. diesen
^) Du Ut Jener, der aonog dai Fürchten m leinen , ein Tercaabertet Sehlo0 erlöste nnd
190 MAX BIEOER
Einzigen za ihrem Erlöser aas dem Zauberschlafe bestimmt. Ein äcbter
Göttersprosse, ein Weisung mußte es sein, der die Waberlohe durchritt; dem
letzten dieses Stammes verhalf daram der Gott zu Grani, dem einzigen Helden
zu dem einzigen Rosse, das dazu taugte, weil es vom Rosse des Gottes wie
jener vom Gotte stammte. Wie der Held war auch dieses Ross in der Ge-
walt der Nibeiunge, wovon die Sage irgend einmal den Grund wird gewasst
haben. Die oberdeutsche Sage hat das Ross völlig vergessen ; die sächsische
kennt es noch, aber nicht mehr seinen Zweck, denn Siegfried kommt hier
zu Brünhilden um das Thier von ihr zu erlangen: doch beweist auch diese
falsche Beziehung noch daß es zu ihr gefbört. Von Rechts wegen mußte es
das eiserne Thqr überspringen, das hier Brünhildens Burg verschließt, wie
im dänischen Heldenlied (bei Grimm S. 38) die 15 Ellen hohe Burgmauer.
Schön ist wie in Thidr. s. der unbändige Hengst seinen rechten Herrn erkennt
und sich willig von ihm zäumen lässt. Auch Brünhild denkt bei seinem Ein-
tritte gleich daß er es sein müße ^) und sagt ihm darauf wessen Sohn er sei:
denn sie wusste ihren Erlöser von Wodan, aber ihm hatte der Entführer seine
Abkunft verhehlt. Diese Züge stehen in der Saga unverstandea da , aber
ihr Sinn springt in die Augen. Auch der h. Seifr. weiß, daß Siegfried Nichts
von seinem Geschlechte wusste, aber er erfahrt es hier falschlich von Engel.
Nach Thidr. s. 204 f. sowohl wie nach der nordischen Überlieferung ver-
lobt sich nun Siegfried mit Brünhilden, lässt aber das Beilager unvollzogen,
scheidet vielmehr ohne daß man erführe warum und ebenso grundlos erscheint
er dann am Hof der Nibelunge. Wenn er der Frühlingsgott ist, der die Erd-
göttin aus der Haft des Winters oder Todes erlöst hat, braucht er freilich
keinen Grund sie wieder zu verlassen; aber dem heroischen Siegfried der
heroischen Brynhild gegenüber ist ein solcher unerläßlich und muß der Sage
einmal bekannt gewesen sein. Ich glaube daß hier unser hd. Epos ans
der Verlegenheit hilft. In seinem ersten Liede zieht zwar Siegfried selb-
zwölfb aus um Kriemhild den Bürgenden abzugewignen, ganz in der Art der
Raufbolde in nordischen Sagen, die an der Spitze von elf oder zwölf Berserken
zum Holmgang über ein schönes Weib ausfordern; aber in Worms angekom-
men hat er diesen Gegenstand seiner Wünsche vollkommen vergessen ') und
fordert über lant v/nde hürge (109) zum Kampf, und auch nachdem er sich
hat besänftigen lassen schießt er mit den Bürgenden den Schaft und wii:fl den
Stein, kommt aber mit keinem Wort auf Kriemhilden zurück. Meinte etwa
Siegfried, wenn er das Reich der Bürgenden erstritt^ fiele damit die schöne
eine Königstochter dayon trog (Km. 4 nebst Anm.). GewöhnUch ist diese nur der dem Erlöser
aasgesetzte Preis: bei Wolf Hausm. S. 415 und Km. 121 gehört sie znm Schloß and wird mit
erlöst.
') Anch Völs. 8. 20 bat diesen Zng.
^) Str. 122, die einen Yersnch macht in die verlassne Bahn einzulenken, erweist Rch
duEcb den Wideri^ruch mit 124 als zweifeUos unfteht.
DIE MIBELÜNGENSAGE. 191
Königin von selbst in seine Hand? aber wie er die Wette stellt konnten die
besiegten Könige mit ihrer Schwester mhig davon gehn. Oder dieß zuge-
geben, wie kann der Dichter schließen, ohne Siegfried, der nun der Bnrgon-
den Freond geworden, in Güte seine Werbung vorbringen zu lassen? Mit
einer „epischen Verschweignng der Motive** kommt man hier keines Falls
aus. Der Dichter muß vielmehr für den zweiten Theil seines Liedes eine
Grundlage gehabt haben, die überhaupt Nichts von Siegfrieds Absiphten auf
Kriemhild, nur von einem beabsichtigten Holmgang uni*s Reich wusste : dazu
gab er nach anderm Motiv treuherzig eine unpassende Einleitung. Mit jener
Grundlage war es aber vollkommen verträglich, daß der Held sich bereits mit
Brünhilden verlobt hatte. Man darf also annehmen daß er sie verließ und
zu den Nibelungen zurück kehrte *) um diese vor Vollziehung der Ehe zu
einem Holmgange zu fordern: nur im ursprünglichen Zusammenhange mu^te
der Preis dieses Bolmganges nicht ihr Reich, sondern ihr Eigenthum an Sieg-
fried selbst, seine eigene Freiheit sein. Denn als der Nibelunge Knecht war
er Brünhildens üngevoß; dieß war es, was der Vermählung im Wege stand.
Wie nun Günther ihn durch das Erbieten entwaffnet aUez daz wir hdn,
geruoehet irs nach ^en^ daz si tu undertdn, eben so konnte ihm der Nibe-
lunge König jenen andern Preis in Güte zugestehen, für Knechtschaft Bundes-
bmderschaft bieten und Siegfried sich dadurch bewegen lassen , zum Will-
kommen den ethischen Trunk anzunehmen, der ihn den Nibelungen sicherer
zu eigen machte als er es vorher war. Aber damit waren sie doch noch weit
vom Ziele: denn der Held, der strahlend von Golde zu ihnen gekommen war,
hatte ja den Ring, die unerschöpflich zeugende Goldkraft , ohne die der Hort
bald zerrinnen mußte, veräußert. Brünhild trug ihn als Pfand seines Eides:
und darum mußte auch Brünhild in der Nibelunge Gewalt kommen, Siegfried,
der sie vergessen, zu grausamem Hohne sie selber gewinnen. ')
Die nordische Überlieferung lässt bei der trügerischen Brautwerbung
abermals die Waberlohe durchreiten. •) Sämund zwar und nach ihm Völs. s.
^) So kehrt der Mährchenheld zu seinen Freunden zurück, der dann die erlöste Jangfraa
zu Gunsten einer andern vergisst. Km. 56, 113, 186, 193. Wolf Hm. S. 294. Da0 diese
Freunde ein Elbegeschlecht sind , das ihn in seine Gewalt gebracht hat , ist den M&hrchen
nicht mehr klar, aber M wird noch angedeutet, wenn der Teufel den nngebomen oder ganz
jungen seinem Yater abkauft ohne doch auf den Verlauf der Geschichte einen weitem £inin0
zu ftben: Km. 94. Hm. S. 198.
*) Wolf Hm. S. 212 wünscht der heimgekehrte Held die erlöste Jungfrau herbei um zu
beweisen, dal sie schöner sei als seines Vaters Weib und yerliert sie darüber; S. 218 rühmt
er ihre Schönheit um seinen Verzicht auf die ihm angebotene Königstochter zu begründen mit
derselben Folge. Beide Erzählungen ergänzen sich und geben Siegfried Brünhild und Grimhild
in Ihrem Veihältniss zu einander deutlich genug zu eikennenr.
*) Auch ein Besuch bei Heimi findet Statt, wie Sigurdh Tordem als Heimis Gast Bryn-
hilden aitf dem Thurm gefunden hatte. Dieser föttri der Heldin sieht in Völs. s'. sehr harm-
los aus; aber Thidr. s. 17, wo er ihr Nachbar und Lehnsmann ist und in einem Wald mit
192 MAX RIEGER
gibt sich Mühe sie bei Sigurdhs erster ADkanft weg zu schaffen: der Äns-
druck wird so gestellt , als habe das große Licht wie von brennendem Feuer
nur vom Glänze der Schildbarg her gerührt, die Brynhilden umschloß; aber
die Worte in Fafn. m. (42 f.) lassen darneben keinen Zweifel. Schweigt
doch Gripisspa bei Gunnars Werbung sowohl als bei der Erlösung aus dem
Zanberschlafe von der Waberlohe. Nun hängt aber diese offenbar mit dem
Zauberschlafe genau zusammen (s. Helr. Brynh. 10); und wenn das von
Völs. s. bei Gunnars Werbung citierte Lied die Flammen vor dem kühnen
Reiter erlöschen lässt, so muß dieß Gesetz für sie auch da gelten, wo Siegfried
als Erlöser kommt. Wo kommen sie dann aber zum zweiten Mal her? Wohl-
feile Erklärungen wären schon denkbar: aber die richtige Sage hat gewiss
den Flammenritt nur einmal und im Zusammenhange mit der Erlösung aner-
kannt. Wenn nun diese Siegfrieds erstes Zusammentreffen mit Brynhilden
war, so bedurfte es später, um die auf seine Wiederkehr harrende vor Freiem
sicher zu stellen, eines andern Mittels; und hier stimme ich mit Simrock ganz
überein, wenn er (Edda 405) die drei Spiele des hd. Epos für das vom Nor-
den vergessne Richtige erklärt. Oddrunargr. 19 lässt einen Streit Stattfin-
den und Brynhildens Burg erbrochen werden; dieß mag als Entstellung noch
von dem Wettkampfe zeugen. Der Süden empfängt vom Norden für die
Spiele, die er ihm leiht, den Zauberschlaf, dessen seine Mährchen noch ge-
denken, den ihm aber aus alter Zeit nur der lecUdus Brunihildae auf dem
Feldberg (Heldens. 155) bezeugt. Indess, es war auch möglich ein erstes
Zusammentreffen und Yerlöbniss vor dem Zauberschlaf anzunehmen und die
Erlösung bei Gelegenheit von Gunnars Werbung eintreten zu lassen, und wir
können nicht wissen, ob nicht das von Völs. s. citierte Lied, das den Flammen-
ritt mit dieser Werbung zusammen brachte, einen solchen Weg einschlug. *)
Nur wäre nicht viel gewonnen, wenn es sich etwa das erste Zusammentreffen
so gedacht hätte, wie es Völs. s. 24 erzählt; denn das Weben im einsamen
von Heimi bewachten Thurme, der an Rapunzel (Km. 12) erinnert, ist offen-
bar nur eine andere Form der Verwünschung und kann darum nicht neben
Zauberschlaf und Waberlohe, müßte vielmehr an deren Stelle stehen. Eine
passende Combination, zu der sich denn auch dieses untergegangene Lied be-
▼ielen Bossen wohnt, macht ihn grimmig und unnahhar. Er hiefi eigentlich Stndas; den Na-
men Heimi hatte er von einem Wurm angenommen, der so heilet und vor dem sich aUe anden
Wurme fürchten. Ich halte es für klar genng da0 der wirkliche Heimi ein Warm war, der die
schlafende BrOnhild bewachte, ein andrer Ausdruck für die Waberlohe. Doch mochte er auch
neben dieser auftreten und Siegfried ihn erlegen um aus seiner Herde Orani zu gewinnen, mit
dem er dann das Feuer durchritt oder das Thor übersprang; auf eine solche Wendung führt
Thidr. s.
*) Yöls. s., die das Lied vor sich hat, weiß hier Nichts vom Zauberschlafe, aber sie kann
ihn, den sie schon früher berichtet hat , unterdrückt haben ; in Helm und Brünne wenigstens
wird Brynhild auch hier gefunden. RftthselhafiL bleibt der Ausdruck hun tvarar af äh^ffgj^
af Hnu $aeU sem dl/t af bdru.
DIE NIBELUNGENSAOE. 193
kannt haben mag, gibt dagegen Helreid Brynh. Nach diesem Liede hatte.
Sigordh der zwöIQährigen Brynhild das Scbwanhemd geraubt und sie dadurch
genöthigt sich ihm zu verloben ; ^) darauf wird ihr Ungehorsam gegen Odhin
und die Strafe des Gottes wie in den andern Quellen berichtet; eigenthümlich
ist daß er selbst den Mann , der sich nicht furchten könne zu ihrem Erlöser
bestimmt. Dieser war bereits ihr Verlobter: aber er betrügt sie bei der Er-
lösung durch den Gestalten tausch; daß der Erlöser nach Odhins Bestimmung
aDcb ihr Gemahl werden mußte hat man zu ergänzen. Hier ist Alles in
guter Ordnung; auch enthalten Mährchen (Km« 193. Wolf Hausm. S. 217)
dieselben nur anders motivierten Hauptzöge: eine überwältigte Seh wanjung-
fraa, die später vom Glasberg erlöst werden muß, daneben eine falsche JBraut
und einen einschläfernden Trunk. Indess , die bezwungene Schwaiyungfrau
ist in Wielands Sage zu Hause und jene andere nur noch zu vermuthende
Combination dürfte den Vorzug verdienen.
Über das Beilager und Siegfrieds Rolle dabei gehen die deutschen Be-
richte mit den nordischen aus einander. Auch unter sich sind sie nicht einig:
das Kibelungelied stimmt darin dem Norden zu, daß Siegfried Brünhilden
nicht berührt; Thidr. s. hat das nordische und ächte Motiv des Gestalten-
taasches bewahrt. Denn es ist ein unschädlicher Rationalismus , wenn sie
die Helden statt der Gestalten die Kleider tauschen lässt: nur ein Missver-
ständniss des Wortes hämo in seinem alten Doppelsinne. Es ist aber sehr
die Frage, ob dieser Kampf im Brautbette nur als Parallelstelle zu dem keu-
schen Beilager der nordischen Sage gelten darf. Neben den Spielen gedacht
erscheint er doch als ein seltsamer Pleonasmus im mythischen Ausdrucke.
Thidr. s. kennt daneben keine Spiele und das mhd. Lied, das hier in Frage
kommt^ bezieht sich mit keinem Wort auf dieselben; Nichts verräth daß sein
Dichter das vierte Lied oder dessen Inhalt kannte; und da das Lied am An-
fang offenbar verstümmelt ist, so kann es sein, daß die verlorene Exposition
die Werbung um Brünhild ebenso einfach hergehen ließ als Thidr. s. So gölte
denn der Kampf im Brautbette, wo ein solcher angenommen ward, sowohl für
die Spiele oder den Flammenritt als für das keusche Beilager. Ich will nicht
entscheiden ob auch hier das Einfachere das ursprüngliche ist. Das Bei-
lager mit zwischengelegtem Schwerte behauptet jedenfalls seine Stellung im
deutschen Mährchen (s. Km. 60 und Anm.); es ist in seiner Beziehung auf
^) Naeh Slmrock (Edda 411) wäre unter hugfullr honungr und wngwn gram in Str. 6
Agnai za Tentefan» der Str. 8 auch der junge genannt wird; zw. Str. 11 und 12 aber wäre
Alles zu ergänzen, was zwiseheü Sigurdhs erstem und zweitem Besuche bei Brynldlden liegt.
E« genüge hiergegen Folgendes anzuführen. Nach Str. 5 will Brynhild erzählen wie die
Giukmige lie äaUdauia ok eiOrofa, d. i. amarit Mpertem et fo^iftagom gemacht hij^en:
vie sie durch Jene Siegfrieds Liebe yerloren und ihren eignen Eid gebrochen hat ; auch nach
der Erzählung in YOl». s. ist dief lezte ihr größter Kummer. Hei0t es nun darauf vw ek vetra
tölf, er ek ungum gram eida setdak^ so lässt det Zusammenhang nur an Sigurdh denken.
naauxiA, m. 18
194 MAX RIEOER
> Siegfried dadurch gesichert, daß der Ehetnann seinen Brndet oder Gesellen
hernach aus Eifersucht tödtet.
Man kann fragen ob nicht beim Kampf im Brautbette Thidr. s. das Rich-
tige bewahrt indem sie Siegfrieden, von Günther ermächtigt, Brün^ildens
Magdthum wirklich nehmen lässt: denn anders hat der Hergang immer etwas
zu Künstliches. Der Ironie, die in Siegfrieds Verdienst um die Erwerbung
Brünhildens liegt, entspricht es aber nicht, daß er zum Genuß ihres' Leibes
kommt
Andvaranaut geht von Brünhildens Finger an den der Grimhild über.
Hier gibt er das entscheidende Moment ab um die Leidenschaft der betrognen
Braut gegen Siegfried zu entflammen. Wie dieser selbst vorl\,er Brünhilden
in' die Gewalt derNibelunge bringen mußte, durch dieselbe Ironie des Schick-
sals muß sie nun den Nibelungen den Yorwand liefern ihren Bundesbruder m
morden, dem dann wieder die Anstifterin als sein angetrautes Weib von
Rechtswegen in den Tod folgt ^). Die Besitzer des Goldes müssen ewig
einander aufreiben^ wie Hreidhmar und seine Söhne, so Siegfried und Brün-
bild. Das Gold strebt von einem zum andern zurück zu seinen rechten
Eigenthümern, den Unterirdischen.
*
SIEGFRIED UND GRIMHILD.
Grimhild ist von Anbeginn des Helden böser Engel. Aus ihrer Hand
hat er den verhängnissvollen elbischen Trunk empfangen; sie verräth das
schlimme Geheimniss der Brautwerbung und ruft dadurch den Mord gegen ihn
wach; sie verräth auch dem Mörder das Geheimniss seiner Verwundbarkeit
Denn Siegfried hat durch das Bad im Blute des Drachen dessen Natur an sich
genommen, das ist keine andere als die Steinnatur des Riesen, ^) die jeder an-
dern Wafie als einer göttlichen trotzt. Das Geschoß der Elbe ist gegen ihn so
stumpf wie es vordem gegen Fafni war, und noch immer scheint die Arglist
der Dämonen weit vom Ziele» Aber die Natur selbst, deren geheime Kräfte
von ihnen ausgehen, hat ihre Zwecke vorgesehen — ist doch Lindenlaub selbst
ein Teufels- oder Albname (M. 1016) ') — und das dämonische Weib thut
das Übrige. Sollte die tragisch rührende Wendung, die dieser Sache im
Nibelungeliede gegeben ist, ursprünglich sein und auch die elbische Grim-
^) Es ist ewig schade , daß die deutsche ÜberlieferaDg dieß so notbvendige and rührende
Hitsterben Brünhildens eingebüßt hat. War auch die Sitte im Leben längst TeneholleOi v»
hätte in der Sage fest sitzen können; wirkt sie doch bei ShaJupearea Kent und Horatio od«
▼erkennbar nach.
') Noch Kuperan zerspringt,- da ihn Siegfried Tom Drachensteine stürzt, nto hm^dert
stücken (114): ganz wie Hrungni.
^) Auch Familienname in der nd. Form Lindehf, wie so mancher andre dieser Oesefl-
lehaft.
DIE NIBELÜNGENSAGE« I95
hild den Verrath nnr aus Liebe begangen haben ? Eher, glaube ich, hat sie
die Deiila in vollem Siün an Siegfried gespielt.
Der ganze Zug ist natürlich von der Überlieferung ausgeschlossen , die
Fafiii nicht in Wurms Gestalt dachte; wo er Riese war und die Unverwund-
barkeit unterm Sinnbild einer Brünne auf den Helden übergieng, war daf&r
kein Raum.
Hiermit kann ich den mythischen Theil der Sage verlassen.
DER fflSTORISCHE THEU DER SAGE.
Ich will Nichts von dem wiederholen, was von Müllenhoff im 10. Bandet
von Haupts Zeitschrift ausgeführt worden, sondern nur den Punkt erörtern,
in dem ich nicht glaube daß er das Rechte getroffen habp. Es ist der Wider-
spruch zwischen Norden und Süden hinsichtlich der Stellung, die Attilas Ge-
mahlin zu dem Streite einnimmt.
Sie ist es , die nach deutscher Ansicht den ganzen Verrath entwirft.
Drei Überlieferungen gab es über die Art, wie sie ihren Gemahl zum Werk-
zeug ihrer Rache machte. Am meisten ist diejenige verkümmert, wonach
sie den goldgierigen durch die Aussicht auf Erwerbung des Hortes verlockte;
sie ist angedeutet Thidr. s. 334, 349> auch die an Hagen beim Willkomm ge-
richtete Frage nach dem Horte gehört hierher Thidr. s. 346. Nib. 1677 ff.
Nach einer andern Überlieferung bewaffnet Grimhild ihren Gemahl dadurch
gegen die Gäste, daß sie die Tödtung seines und ihres Kindes durch Hagen
arglistig herbeiführt Thidr. s. 353, Nib. 1849; und nach einer dritten, die im
Nibelungeliede die beiden Übrigen fast ganz überwachsen hat, hetzt sie hinter
des Königs Rücken seine Mannen auf die Knechte der Gäste, worauf der
König selbst in den Streit mit fortgerissen wird Thidr. s. 352. Nib. 1840 ff.
In der nordischen Prosa wie in der hochdeutschen Epopöie sind alle drei Mo-
tive durch einander gewirrt; wenn wir die Grundlägen jener und das unver-
arbeitete Material dieser besäßen, würden wir jedes Einzelne reinlich durch-
geführt sehen.
W. Grimm meinte, daß die deutsche Ansicht über Grimhildens Rolle bei
derNibelunge Noth erst habe entstehen können, nachdem das Institut des
Wergeides abgekommen war: denn Siegfrieds Wittwe hätte, nachdem sie
Wergeid für ihren Mann genommen, ihn nach den Grundsätzen des Alter-
tbnmes nicht mehr rächen können. Einmal aber ist, wie oben gezeigt wor-
den, im -nordischen Liede selbst das Wergeid zweifelhaft und daneben kommt
auch das hier mechanische Mittel eines Yergessenheitstrankes vor; femer
nimmt eine Sühne zwischen Grimhild und ihren Brüdern auch das Nibelunge-
lied an und ich sehe nicht ein, warum dem 12. oder 13. Jh. die Sühne ohne
Wergeid minder heilig soll gewesen sein als der frühern Zeit eine mit Wer-
geld: noch waren ja gewisse Leistungen an den verletzten Theil, Eide und
13»
l^Q HAX RIE6ER
schwere StrafandrohangeD gegen den Meineidigen damit verbunden (s.Zsclii.
f. d. A. 6, 21). Allerdings ist in dieser Sühne Hagen, das Hauptziel für
Grimhildens Rache, nicht begriffen, aber das ändert nichts, wenn sie am ihn
zu verderben die andern schonungslos aufopfert Mir scheint viehnehr, die
Sage wollte von Anfang , daß die Wittwe trotz einer aufgedrungenen Sühne
ihren ermordeten Gatten räch, zumal sie selbst nicht unmittelbar als Rächerin
aufzutreten brauchte, sondern durch Künste einen Fremden anstiften konnte.
Nur so hat die Sage Hände und Füße , während bei der nordischen Ansicht
die Ehe des Rächers mit der Wittwe des Gemordeten ein zweckloses Motiv
bleibt; die Sache könnte ebenso verlaufen. Venu Atli eine andere Frau ge-
nommen hätte.
Ich glaube hier eine Fälschung in der nordischen Überlieferung um 80
sicherer annehmen zu dürfen, als sich ihre Ursache erkennen lässt. Sie liegt
in einem fehlerhaften Einflüsse der Sage von den altem Weisungen.
Völsung vermählte seine Tochter Signy wider ihren Willen an Siggeir;
sie warnte ihren Vater und weissagte ihm, daß aus dieser Ehe Unheil ent-
stehen würde. Nach einiger Zeit ladete Siggeir seinen Schwäher und dessen
zwölf Söhne zu einer Hochzeit. Da die Völsunge Abends an Siggeirs Küste
landeten, kam Signy heraus, berichtete ihnen die zu ihrem Verderben ge-
troffenen Anstalten und bat sie noch umzukehren ; der Vater weigerte dieS,
weil es ihnen übel anstehen würde. Siggeir fällt mit Übermacht über sie
her, alle finden den Tod, nur der jüngste Bruder Sigmund wird von Signy
listig gerettet und entrinnt aus den Fesseln. Von da an hat die Erzählung
mit den von Signy ausgehenden in Gememschaft mit Sigmund betriebenen
Racheplanen zu thun. Signy opfert hierbei ihre beiden mit Siggeir erzeugten
Kinder auf, was zweimal auf verschiedene Weise erzählt wurd: einmal werden
sie getödtet weil sie nicht zu Rächern der Völsunge taugen , das anderemal
weil sie die versteckten Rächer entdeckt haben; ihre Köpfe werden dem Vater
vor die Füße geworfen. Da Sigmund abermals gefangen ist und in einem
Hügel lebendig soll begraben werden, wirft ihm die Schwester heimlich sein
Schwert in das noch offene Grab, womit er sich dann herausschafft. Endlich
haben Sigmund und sein Geselle Sinfiötli Siggeirs Halle mit Feuer umgeben
und wollen daß Signy herauskomme und sich rette: sie aber will nun gern
mit dem Manne sterben, mit dem sie ungern gelebt hat. Völs. s. 3—8.
Dieser wilden, aber erhabnen und rührenden Sage ward im Norden der
zweite Theil der Nibelungesage sichtlich nachgebildet. Einladend war daw
das gemeinsame Motiv der verrätherischen. Einladung eines Schwagers, das
vielleicht die deutsche Sage selbst aus der Geschichte der Welsunge herüber
genommen hat. Gemeinsam war auch die Nöthigung der Tochter ,nnd
Schwester zu einer verhassten Ehe, eine Nöthigung, die auch im hochdeutschen
Epos haftet und in der die tragische Ironie der Sage wieder zum Vorschein
kommt. Aber Gudhrun mußte nun auch die Rolle der Signy weiter spielen»
DIE NIBELUN6ENSA0E. 197
80 schlecht sie zu ihr passte. Dieselbe ahnungsvolle Warnung an ihre Ver-
wandten bei der Vermählung mit Atli, dieselbe Warnung dann bei der
Ankunft der Geladenen. Wie Signy ihrem Bmder das Schwert, so lässt ihm
Gadhrun die Harfe in den Kerker zukommen , die zu seiner Rettung dienen
soll. Signy heißt ihre Kinder tödten , weil sie ihres Oheims Versteck ent-
deckt und ihn dadurch in ihres Vaters Gewalt gebracht haben : Gudhrun die
ihrigen, weil sie nicht für der Oheime Leben beim Vater bitten wollen (Drap
Nif!.). Wie Signy stirbt Gudhrun allem Anscheine nach mit ihrem Gemahl
im Feuer, das sie selbst veranstaltet hat. Oder wenn sie ihn nach anderer
Überlieferang in Gemeinschaft mit einem auf dem Todbette gezeugten Sohne
Hognis ermordet, so würde vielleicht eine vollständigere oder ältere Quelle
berichten, daß Högni diesen Sohn wie Sigmund den Sinfiötli mit seiner
Schwester selbst gezeugt habe.
Bis zur Bruderrache am Gemahl ist Alles bei Gudhrun verkehrt und
widrig, was bei Signy richtig und angemessen. Von da an liegt es in der
Natur der Dinge, daß beide Sagen einander gleichen. Wie Sigurdh, nach-
dem er auf Regins Antrieb den Fafhi getödtet hat, Regins Bruderrache fürch-
ten muß, so fordert es der Geist des Alterthums, daß die Schwester, die zu-
erst den Gemahl zur Rache an den Brüdern benutzt hat, nun wieder der
Pflicht gegen die Brüder eingedenk ist und ihr den Gatten opfert. Und gerade
hier bietet die Geschichte in dem Gerücht von der Ermordung Attilas durch
Mco wieder einen Ausgangspunkt zur Bildung der Sage. Grimhildens
Bniderrache erzählte also sicherlich auch die deutsche Sage nach ihrer Rache
für Siegfried. Eben so natürlich schließt sich dann aber auch an daß sie
selbst mit dem Manne stirbt, dem sie den Tod gegeben : es ergibt sich aus
derselben Denkweise , die die Bruderrache nach der Rache an den Brüdern
forderte. So that Signy, und Brünhild starb zwar mit einem, den sie geliebt,
aber der sie verrathen und den sie dafür gemordet hatte.
Neben Grimhilden als Rächerin ihrer Brüder steht aber jener Sohn Ha-
gens, für den die Sage nicht einmal einen Namen hat, mindestens sehr über-
flüssig. Entweder ist er in der oben vermutheten Weise eine Nachbildung
Sinflötlis oder, nachdem es unthunlich geworden, daß Griilihild ihre Brüder
selbst rächte, ein Ersatzmann für Grimhild, den Atlamal unrichtig mit ihr
verbindet. Wie wenig eigenthümlich die Zeugung eines Rächers auf dem
Todbette unsrer Sage ist zeigt das Beispiel Riwalins.
Die deutsche Überlieferung fehlte in entgegengesetztem Sinne als die
nordische. Dort war Attifas Weib auf die Seite ihrer Brüder gebracht und
ilmi allein der Mord aufgebürdet : hier muß, nach den beiden überwiegenden
Annahmen, das Weib die Schuld allein tragen, durch dessen Arglist der gute
alte König erst in den Streit verwickelt wird. Richtig war allein daß Grim-
bild ihrem Gemahl mit der Aussicht auf den Hort den Mordplan eingab,
dessen Ausführung aber ihm anheim fiel. Nur ihm durfte es um den Hort
198 ^^X KIEGER, DIE NIB£LUNGI:NSA6£.
ZU thun sein, nur er mit Günthers Haupt vor Hagen treten, wie im nordischen
Liede mit Högnis Herzen vor Gunnar, um dann das Schweigen des Über-
lebenden mit dem Tode zu strafen. Es ist nicht genug zu beklagen , daS
jene verfehlte Auffassung in unserem Epos dem großartig ausgeführten Cha-
rakter Grimhildens zum Schluß die Spitze abbricht, indem ihr Rachedurst
plötzlich mit Goldgier vermengt wird. Nicht minder widerwärtig wird dann,
weil poetische Gerechtigkeit einmal sein muß, mit Etzels Bewilligung eine
förmliche Execution über sie verhängt, deren Vollstrecker Dietrich von Bern
oder, um diesen zu schonen, Hildebrand ist.
Die Einführung der gotischen Helden in die Sage war mit ihrer rich-
tigen Verfassung vollkommen verträglich. Sie konnten ganz so in den Streit
verwickelt, Günther und Hagen durch sie bezwungen und ausgeliefert werden
wie es jezt geschieht. Von einer durch sie zu vollstreckenden Execution
konnte so wenig an Etzel wie an Grimhiiden die Bede sein. Allerdings
mußte damit auch wegfallen, was im Nibelungeliede deren Motiv abgibt, daß
Dietrich sich Schonung der Gefangenen versprechen lässt; für die ältere Zeit
war dieß auch ein Überfluß an Großmuth.
Nach dem Allem weiß ich natürlich von der Geschichte der Chrodichild
für Erklärung unsrer Sage keinen Gebrauch zu machen, Wohl aber glaube
ich daß das Umgekehrte von dem, was man annimmt, statt gefunden hat
Die Volkssage erfand für das Verfahren der Frankenkönige gegen das Hans
ihrer Mutter eine ähnliche Ursache, wie sie auf Attilas Verfahren gegen die
Gibikunge gewirkt hatte. Diese Mutter war eine Burgundin; ihren Vater
also mußten die Burgunden erschlagen und. sie darum ihre Söhne auf Uire
Verwandten gehetzt haben. Hätte schon Chlodovech die Burgunden gestürzt,
so wäre wahrscheinlich behauptet worden , sie hätten Chrodichildens ersten
Mann getödtet. Daß aber Gregor von Tours 2, 28 Fabeln berichtet schließe
ich mit Zuversicht aus dem fünften Briefe des Avitus, worin er an Gundobad
schreibt ßebatis quondam pietate ineffdbilifunera germanortmi. Dieß hätte
von gemordeten Brüdern nur zu einem Nero gesagt werden können. Daß
die Geistlichkeit sich jedes Mährchens bemächtigte, wodurch der Arianer
Gundobad, eines der edelsten Fürstenbilder jener Zeiten , geschwärzt ward,
ist natürlich.
BASEL, M«rz 1858.
BEINHOU) KÖHLEB. DIE DANKBÄSEN TODTEN UND DEB GÜTE GEBHABD. 1 99
DIE DANKBAREN TODTEN UND DER GÜTE
GERHARD.
Karl Simrock hat in seinem anziehenden nnd anregenden Buche 'der gute
Gerhard und die dankbaren Todten' (Bonn 1856) Mährchen zusammen ge-
stellt, in denen erzählt wird, wie ein junger Mann, meist ein Kaufmann, den
Leichnam eines Menschen, der als Schuldner gestorben war, von allerhand
Schimpf, der ihm angethan wird, loskauft und bestattet, und wie er dann von
dem dankbaren Geiste des Todten unterstützt nach mancher Fährlichkeit zu
hohem Glücke gelangt, meist durch die Vermählung mit einer von ihm —
demKanfmanne — ans der Gefangenschaft losgekauften Königstochter, welche
Yermählung aber nur durch die Hülfe des Geistes ermöglicht wird. Ich füge
den von Simrock beigebrachten Mährchen noch einige hinzu , die theils von
ihm bei Abfassung seines Buchs übersehen, theils aber auch erst nachher
bekannt gemacht worden sind.
Ich verweise zunächst auf ein ungarisches Mährchen (Ungarische
Volksmährchen. Nach der aus Georg Gaals Nachlaß herausgegebenen Ur-
schrift übersetzt von G.Stier. Pesth (1857) S. 153 ff.) Ein Kaufmannssohn
aas Amsterdam — so wird erzählt — kauft in der Türkei den Leichnam eines
Mannes los, der viele Schulden gemacht, dabei hart und hochmüthig gewesen
ist und nun von Jedermann vor der Tempelthür geschlagen und bespieen
wird. Nach Amsterdam zurückgekehrt und von seinem Vater von Neuem
reich mit Golde versehen geht er nach England, wo er eine gefangene Königs-
tochter ans Frankreich mit zwei Zofen loskauft und sie nach Amsterdam
bringt. Aof den Bath der Prinzess geht er nach Paris um dem König die
Rettung seiner Tochter anzuzeigen, der ihm einen General und Soldaten mit-
l^bt, um die Tochter feierlich nach Paris zu bringen, wo sie dem Kaufmanne
vermählt werden soll. Unterwegs zur See, als sie von Amsterdam abgefahren
sind, verliebt sich der General in die Prinzess und lässt den Kaufmannssohn
auf einer wüsten Insel, wo man ausgestiegen war, zurück, während die Prin-
zessin schlief. In Paris nimmt man an, er sei ins Meer gefallen, und als
nach einiger Zeit der General um die Hand der Prinzessin anhält , sagt der
König sie ihm zu, gewährt ihr aber noch ein Jahr, einen Monat und einen
Tag Frißt. Die Prinzessin richtet am Stadtthor eine Schenke ein und gibt
Befehl Jedem , der etwas in des Kaufmannssohns Namen fordere , dieß zu
geben. Dem Kaufmanne war inzwischen auf jener Insel ein alter Mann er-
schienen, der sich ihm als Geist jenes in der Türkei losgekauften Todten zu
erkennen gab, ihn in einem Kahn ans Festland brachte, 'über jene Schenke
in Paris unterrichtete und ihn dahin gehen hiefi. In Paris trifft derKau&nann
einen beurlaobten alten Soldaten, dem er zu Gelde zu helfen verspricht Er
200 REINHOLD KÖHLER
zieht des Soldaten Kleider an, geht in jene Schenke nnd bittet in des Eaof-
mannssohnes Namen um Essen und Geld , das er in Folge jenes Befehls der
Prinzessin erhält und dem Soldaten bringt. Er thut dieß mehrmals, zuletzt
bittet er auch um Wein in dem Becher, aus dem die Prinzessin, wenn sie in
die Schenke kommt, zu trinken pflegt. Er trinkt ihn halb aus , wirft seinen
Ring hinein und heißt die Wirthsleute der Prinzessin sagen , er ließe sie im
Namen des Kaufmannssohnes bitten den Wein auszutrinken. Die Prinzessin,
die täglich die Schenke besucht, erkennt so den Ring ihres Verlobten. Der
König, ihr Vater, muß rasch alle abgedankten Soldaten wieder zusammen-
rufen und erfährt nun von jenem alten Soldaten, daß er seine Kleider einem
fremden Jünglinge geborgt habe u. s. w. , der in dem und dem Wirthshause
wohne. Die Königstochter selbst will ihn dort abholen, wie sie aber ins
Zimmer tritt, haut Jener mit dem Schwert nach ihr und ruft: 'Wenn du
nicht auf der Stelle hinausgehst, taue ich dich todt!* Sie antwortet: *Thue
dieß nur^ du hast mich ja auch einst vom Tode errettit.' Da küsst er sie und
erklärt, daß er nur ihre Liebe habe prüfen wollen. Dann wird Hochzeit ge-
halten, jener General aber hingerichtet.
Dieß ungarische Mährchen — das übrigens , wie Stier a, a. O. S. VIII
erwähnt, Tpolyi (in seiner magyarischen Mythologie?) aus der Reihe der
eigentlichen ungarischen Mährchen streichen zu müßen glaubt — ist den
deutschen Mährchen bei Simrock besonders Nr. 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 8, bei
manchen Abweichungen im Einzelnen , im Ganzen außerordentlich ähnlich.
Daß der Leichnam des Schuldners grade Sonntags vor der Kirchthöre bespuckt
und geschlagen wird ist wie in Nr, 10. Daß der Kaufmannssohn auf einer
Insel gelassen wird stimmt mit Nr. 2, 5 und 8. Die Erkennung durch den
Ring begegnet in Nro. 2 und 8. Der alte Soldat, in dessen Kleider sich der
Kaufmannssohn ohne Noth steckt , ist nicht recht passend in das Mährchen
gekommen und scheint fast eine Entstellung >des Geistes selbst, der seinen
Schützling allerdings auch noch in Paris unterstützen konnte. Auch die
Liebesprobe am Schluß des Mährchens ist wunderlich; ist sie vielleicht ent-
stellt aus der Probe , die der Geist in manchem der Mährchen mit seinem
Schützling vornimmt, indem er von ihm als Preis fär seine Hülfe die Hälfte
der Geliebten oder des erstgebornen Kindes (Simrock S. 142) verlangt?
Nach dem ungarischen wenden wir uns zu einem polnischen Mährclien
(K. W. Woycicki's Polnische Volkssagen und Mährchen. Aus dem Polni-
schen von Friedr. Heinr. Lewestam. Berlin 1839, S. 130 ff.), das 'wir im
Auszug mittheilen. Ein Schüler stieß auf dem Wege in die Stadt vor dem
Thore auf einen unbekannten Leichnam , der von den Vorübergehenden ge-
treten und bespieen wurde, und gab sein weniges Geld her, um der Leiche
ein christliches Begräbniss zu schaffen. Dann betete er auf dem frischen
Grabe und zog weiter. In einem Eichwald schlief er unter einem Baume ein,
beim Erwachen fand er seine- Taschen .voll Gold. Dann kam er an einen
DIE DANKBAREN TODTEN UND DER GÜTE GERHARD. 201
Flafi, wo er übersetzen mußte. Die Fährleute, die sein Qold bemerkten, be-
raubten ihn und warfen ihn in der Mitte des Flusses ins Wasser. Er klammerte
sich an ein Brett, das ihm entgegenschwamm, und kam so ans Ufer. Das Brett
war aber der Geist jenes Leichnams. Er gab sich dem Schüler zu erkennen,
dankte ihm, und lehrte ihn, wie man sich in eine Krähe verwandelt. Zugleich
schickte er ihn zu seinem Bruder, der ihn lehrte, wie man zu einem Hasen
oder Reh wird. Mit dieser Zauberkraft ausgestattet wanderte der Schüler
weiter und ward endlich Jäger bei einem König. Des Königs Tochter wohnte
anf einer unzugänglichen Insel und in ihrem Schlosse war ein Schwert, mit
dem man die größten Heere schlagen konnte. Da dem König Elrieg drohte,
so machte er bekannt, wer der Prinzessin Schwert herbei schaffe, der solle
ihr Gemahl und später König werden. Der Jäger unternahm das Wagstück
ond ließ sich einen Brief an die Prinzess geben. Mit Hülfe seiner Verwand-
lungen kam er auf die Insel und zu der Prinzessin, deren Liebe er gleich
gewann. Er mußte vor ihren Augen die Thiergestalten noch einmal an-
nehmen und sie schnitt ihm allemal ein Stückchen Fell oder einige Federn ab.
Dann gab sie ihm das Schwert und einen Brief und er kehrte zurück. Es
war aber ein anderer Jäger dem Schüler ein Stück Wegs gefolgt und hatte
gesehen, wie er sich in einen Hasen verwandelte. Als er nun jetzt in Hasen-
gestalt wieder in die Nähe der Stadt zurück kam, erschoß ihn der verräthe-
rische Jäger und nahm ihm Schwert und Brief ab. Nachdem der König mit
dem Schwert gesiegt hatte, wurde die Hochzeit der Prinzessin mit dem fal-
schen Jäger gehalten, aber die Prinzess war traurig, denn sie sah daß es nicht
^er rechte war^ wagte aber dem König nichts zu sagen. Inzwischen hatte
der Schüler lange in seinem Hasenfelle todt in jenem Walde gelegen. Da
erwacht er plötzlich und der Geist des Leichnams steht vor ihm, erzählt ihm,
wie er vom Jäger getödtet worden, und sagt 'Morgen ist der Hochzeitstag der
Prinzess, drum eile schnell ins Schloß'. Der Schüler that dieß und kam in
den Hochzeitssaal. Die Prinzess erkannte ihn gleich , er erzählte dann die
Vorgänge und zum Beweise der Wahrhett nahm er die Thiergestalten an,
wobei dann allemal die von der Prinzess abgeschnittenen Streifen oder aus-
gerupften Federn an die betreffende Stelle passten und sogleich anwuchsen.
So erhielt der Schüler die Hand der Prinzessin, der Jäger abör wurde hin-
gerichtet.
Vergleicht man das polnische Mährchen mit den andern , so sieht man
daß es mehrfach verändert, zum Theil entstellt und verwildert ist. Gleich
ÜQ Anfang ist die Angabe vergessen worden , daß der Leichnam der eines
verstorbenen Schuldners war. Aus dem in den meisten Mährchen vorkom-
menden reichen Kaufmanne ist ein armer Schüler, der in die Welt zieht, ge-
worden. So ist in dem hierher gehörenden bretonischen Mährchen (Simrock
Nro.ll, S.94) Mao auch nur ein armer wandernder Jüngling. Merkwürdig
^i eine weitere Übereinstimmung des sonst sehr abweichenden bretönischeb
202 REINHOLD KÖHLER
Mährchens, nämlich die, dal(, wie im polnischen Mährchen der Schüler iiacl
seiner guten That in einem Walde unter einer Eiche einschläft und bei seinem
Erwachen den ersten Dank des Todten empfängt, indem seine Taschen mit
Gold gefüllt sind, so auch im bretonischen der gute Mao kurz nachdem er die
Leiche bestattet hat unter einer Eiche einschläft und im Schlaf die Erschei-
nung des dankbaren Geistes hat. Das Loskaufen der gefangenen Königs-
tochter hat das polnische Mährchen nicht mehr, vielleicht aber einst gehabt
In der jetzigen Fassung wird der Schüler von dem Schiffe aus ins Meer ge-
worfen, nicht weil man ihm die Braut, sondern das Geld rauben will. DaS
der Held ins Meer geworfen oder auf einer Insel ausgesetzt wird, kommt in
den meisten unserer Mährchen vor, und auch daß bei ersterem der Held durch
den Geist vom Ertrinken gerettet wird, findet sich in einigen. So in Nr. 1,
wo der Geist in Gestalt eines Schwertes erscheint, in Nr. 3 und 8 in Gestalt
eines Vogels, in Nr. 6 und 7, wo der Geist keine andere Gestalt annimmt.
Um dem Geist Gelegenheit zu geben dem Schüler auch weiter dankbar zu
sein^ wurde, da die Geschichte von der losgekauften Königstochter und ihrer
erschwerten Verbindung mit dem Helden aufgegeben war, ein anderes ur-
sprünglich selbständiges Mährchen herbeigezogen , das Mährchen von dem
wunderbaren Schwerte im Schlosse der Königstochter, von den Thierver-
wandlungen und von dem verrätherischen Jäger. Dieses Mährchen stimmt
im Wesentlichen sehr genau überein mit einem litauischen, welches man
in A. Schleicher's 'Litauischen Mährchen, Sprichworten, Räthseln und Liedern'
(Weimar 1857) S. 100 ff. nachlesen kann, und noch genauer mit einem
ungarischen in den 'Ungarischen Sagen und Mährchen. Aus der Erde!*
yischen Sammlung übersetzt von G. Stier' (Berlin 1850), S. HO ff., znm
Theil auch mit einem neuerdings im Ausland 1858, S. 117 mitgetheilten ru-
mänischen aus Siebenbürgen.
Wir verlassen nun das polnische Mährchen und wenden uns nach Asien
zu einem armenischen, welches A. von Haxthausen in seinem Buche Trans-
kaukasia (Leipzig 1856) I, S. 333 f. mittheilt *) Da das Mährchen kurz ist
und das Buch von Haxthausen nicht in Vieler Händen sein wird, so lasse
ich es ganz wie er es erzählt folgen : Einst reitet ein wohlhabender
Mann durch einen Wald; da findet er einige Männer, welche einen bereits
verstorbenen Mann noch nachträglich an einem Baum aufgehangen haben und
den Leichnam entsetzlich schlagen. Als er sie fragt, was sie zu einer solchen
Entweihung des Todten triebe, antworten sie, er sei ihnen Geld schuldig ge-
blieben und habe sie nicht bezahlt. Da bezahlt er ihnen die Schuld und be-
gräbt den Todten. Jahre vergehen, er wird allmählich arm. In seiner
Vaterstadt aber wohnt ein reicher Mann, der eine einzige Tochter hat, der er
*) S. 318 ff. gibt Hazthaasen eine ganze I^ihe armenischer Sagen und M&brehen» die
der Foncher auf diesen Gebieten nicht übersehen darf.
DIE DANKBAREN TODTEN UND DER GÜTE OEBHARD. 203
gem eben Mann geben möchte. Allein schon fttnf Männer waren in der
Hochzeitsnacht gestorben und keiner wagt mehr um sie zu freien and ihr za
naheD. Nun wirft der Vater sein Auge auf diesen arm gewordenen Mann
(md bietet ihm die Tochter an. Der ist aber zweifelhaft, ob er sein Leben
wagen soll, und bittet um Bedenkzeit. Nun kommt eines Tags ein Mann zu
ihm und bietet sich ihm als Diener an. 'Wie sollt' ich dich in Dienst nehmen,
da ich ja so arm bin, daß ich mich kaum selbst ernähren kann? „Ich ver-
Jange von dir keinen Lohn, keine Kost, sondern nur die Hälfte von deinem
künftigen Hab und Gut!" Sie werden darum einig. Nun räth ihm der Diener
zü jener ihm angebotenen Heirath. In der Hochzeitsnacht stellt sich der
Diener mit einem Schwerte ins Brautgemach. 'Was willst duf „Du weißt,
nach unserem Übereinkommen gehört mir die Hälfte von all deinem Hab und
Gut, ich will das Weib jetzt nicht, aber ich will hier frei stehen bleiben/ -^
Als nun die Neuvermählten entschlafen, kriecht eine Schlange aus dem
Mande der Braut hervor, um den Bräutigam zu Tode zu stechen , allein der
Diener haut ihr den Kopf ab und zieht sie heraus. Nach einiger Zeit ver-
langt der Diener die.Theilung alles Hab und Guts, es wird getheilt, nun
fordert er anch die Hälfte des Weibes. „Sie soll, den Kopf nach unten, auf-
gehangen werden, ich werde sie mitten durchspalten ! ^ Da gleitet ihr die zweite
Schlange zum Munde heraus. Nun aber spricht der Diener: „Es war die
letzte, von nun an kannst du ohne Gefahr und glücklich mit deinem Weibe
leben! Ich aber fordere von dir nichts, ich bin der Geist des Mannes, dessen
Leichnam dn einst von der Schande und Qual des Schiagens errettet und
fironmi begraben hast!^ und verschwindet. —
Hier haben wir die bekannten Hauptzüge : Bestattung des misshandelten
Leichnams eines Schuldners , Dankbarkeit des Geistes durch Ermöglichung
einer erschwerten Heirath des Wohlthäters , wobei der Geist — jedoch nur
zum Scheine — die Hälfte seines künftigen Hab und Gutes als Lohn ver-
legt. Ganz eigenthümlich dem armenischen Mährchen aber ist die Jung-
frau, deren Freier alle in der Hochzeitsnacht starben, bis auf den Helden des
Mährchens ^ der durch Hülfe des Geistes endlich in den glücklichen Besitz
derselben kommt. Jedermann wird hierbei sich gleich an Tobias und
Sara erinnern, die durch den Dämon Asmodi sieben Freiern verderblich ge-
wesen war. Simrock hat S. 131 f. in treffender Weise auf einen möglichen
Zusammenhang der Geschichte des Tobias mit unserm Mährchenkreise auf-
merksam gemacht. Diese Yermuthung dürfte durch das armenische Mährchen
noch bestärkt werden.
Die0 waren Mährchen des Ostens, aus dem Yolksmunde ganz neuerdings
gesammelt, die nachzutragen waren. Wir haben aber nun auch noch die
Aufmerksamkeit auf eine vor mehr als hundert Jahren im Westen, in Frank-
reich nämlich, von einer bekannten Roman- und Novellenschriftstellerin
erzählte Geschichte zu lenken. Es ist dieß die 'Histoire de Jean de Calais',
204 BEmHOLD KÖHLER
wie sie die fracfatbare Schriftstellerin Madame de Gomez (geborene Madeleine
Ang^Iique Poisson, an einen spanischen Edelmann verheirathet, f 1771, 80
Jahr alt) in ihrer zuerst 1723 erschienenen und vielfach aufgelegten, auch
ins Deutsche übersetzten Novellensammlung 'les joumees amüsantes' erzählt
hat. ^) Der Inhalt der Geschichte ist folgender: Jean ist der Sohn eines
reichen Kaufmanns zu Calais und hat sich durch Vertilgung von Gorsareu so
verdient um die Stadt gemacht, daß man zu seinem Namen den der Stadt
fögte. Auf einer Seefahrt kam er zu der unbekannten blühenden Insel Ori-
manie, in deren Hauptstadt Palmanie er auf einem großen Platze eines Leich-
nam sah, den Hunde zerfleischten. Er erfuhr, daß diefi die gesetzliche Strafe
der Schuldner sei, die ohne ihre Schulden bezahlt zu haben stürben, daß es
aber Jedem, der Lust dazu habe, frei stehe die Leichen durch Bezahlung der
Schulden loszukaufen. Der edle Jean that dieß und ließ die Leiche bestatten.
Bevor er Palmanie verließ, bemerkte er auf einem vor Anker liegenden Cor-
sarenschiffe zwei Sklavinnen, die er loskauft und auf sein Schiff mit nimmt,
um ihnen dann die Freiheit zu geben. Unterwegs gewinnt er die Liebe der
einen, Namens Constanze, und vermählt sich mit ihr, t)hne jedoch von ihr
Aufklärung über ihre und ihrer Freundin Isabelle Herkunft zu bekommen. In
Galais wird er von seinem Vater, der die Heirath mit einer armen, unbekann-
ten Fremden missbiiligt, schlecht empfangen und aus dem Hause verbannt
Nach einem Jahre aber ist der Vater in so weit milder gestimmt, daß er für
Jean ein neues Schiff ausrüstet, damit er jene entdeckte Insel des Handels
wegen wieder besuche. Als Constanze, die inzwischen eines Sohnes genesen
ist, die bevorstehende Heise Jeans erfährt, bittet sie ihn ihr, ihres Söhnchens
und ihrer Freundin Bild auf sein Schiff malen zu lassen, um sie nicht zu ver-
gessen, und zuerst bei Lissabon vor dem Königsschlosse zu landen. Jeanlässt
die Bilder malen und landet vor Lissabon. So gewahrt der König von Por-
tugal die Bilder und erkennt darin seine Tochter und ihre Freundin, die von
Gorsaren geraubt worden waren. Nachdem er von Jean weitere Aufklärung
erhalten hat, erkennt er die Ehe an und schickt den glücklichen Jean mit
einem Geschwader nach Galais um die Prinzessin abzuholen. Das Ge-
- schwader wird von Dom Juan commandiert, einem Prinzen des königlichen
Hauses, der früher um Constanzen geworben hatte und nun ergrimmt ist, daß
sie ihm Entrissen. Als die Flotte auf der Bückfahrt ist, nimmt Dom Juan die
Gelegenheit wahr bei einem heftigen Sturme Jean unbemerkt ins Meer zu stürzen.
Voll Verzweiflung kommt die Prinzessin ohne Gemahl bei ihrem Vater an.
Dom Juan macht sich allmählich bei König und Volk immer beliebter nnd
fordert endlich die Hand der Prinzessin, die nach vergeblichem Widerstreben
^) Mir liegt die '7. Edition, revag et corrigee « Amsterdam 1768 vor, wo ünsre Gesebiehto
sich Tom. II, pg. 145—182 findet. Einen Auszug der Geschichte gibt auch die Biblioth^ae
universeUe des Romans, Decembre 1776, pg. 134 ff. , wo auch pg. 85 ff. Nachrichten aber
Madame de Gomez und ihre Werke.
DIE DANKBAREN TODICN UND DER GÜTE GERHARD. 200
vom König und den Ständen gezwungen wird , in die Vermählong mit Dom
Jaan zn willigen. Inzwischen — zwei Jahre sind vergangen — war Jean de
Calais nicht« wie man glaubte, im Meer umgekommen, sondern hatte sich an
herumschwimmende Schiffstrümmer geklammert und war auf eine einsame
Insel verschlagen worden , wo er die zwei Jahre zubrachte. Am Tage vor
der beschlossenen Vermählung Dom Juans mit Constanzen erschien dem ein-
samen Jean plötzlich ein Unbekannter, der ihm das Bevorstehende meldet
ond ihm zugleich Hülfe und Rettung verheißt, wenn Jean verspreche, ihm
später die Hälfte von dem, was er am liebsten habe, zu geben. Jean ver-
spricht Alles und schläft bald darauf plötzlich ein. Als er erwacht, findet
er sich in einem Hofe des Lissaboner Rönigsschlosses. Er begibt sich in
die Schloßküche und wird dort aus Mitleiden zum Holztragen verwendet.
Zufällig 'kommt Gonstanzens Freundin in die Rüche und trotz dem langen
Barte, dem verwilderten Aussehen und den zerrissenen Kleidern erkennt sie
den Gemahl Gonstanzens an seinem Gesicht und besonders an einem Ringe
an seinem Finger. Zu seiner Gattin gebracht wird er auch von ihr und dann
vom König erkannt, welcher letztere den Yerräther Dom Juan alsbald hin-
richten lässt. Jean de Galais wird dann zum Erben der Krone erklärt und
ein großes Fest veranstaltet. Als dann der Hof und die Großen des Reiches
in einem Saale versammelt sind, erscheint plötzlich ein Unbekannter. Es ist
derselbe der Jean schon auf der einsamen Insel erschienen war. Er erinnert
Jean an sein Versprechen und Jean erklärt, er solle nur fordern and Alles
erhalten. ^Wohlan! ich will die Hälfte deines Söhnleins f Vergeblich bietet
der König dem Unbekannten alles Mögliche an , vergeblich weint Jeans Ge-
mahlin, vergeblich fleht der Hof. Jean bleibt eine Zeit lang stumm, dann
aber erklärt er, er werde unter jeder Bedingung sein Wort halten. Er reicht
das Kind dar und der Fremde schickt sich an es mit seinem Schwert aus ein-
ander zu hauen, plötzlich aber gibt er es dem Vater zurück und sagt: 'Je te
rond ton fils, re^ois aujourd'hui le priz de ta vertu et de ta g^nerosite; c*est
moi dont le corps itoit d^chir^ par les chiens lorsque tu entras dans la ville
de Palmanie; c*est moi dont tu payas les dettes, et c*est a moi a qui tu as
donni la s^pulture; je ne t'ai point quitte depnis attentif a ton sort, et con-
noisant ton äme, c*est moi qui conduisis le corsaire qui enlevoit la princesse
pres de ton vaisseau, oü tu Tachetas sans la connoitre ni l'avoir vüe, et dans
le seul dessein de Im rendre la lib^rt^; apprends par ces exemples combien le
Ciel Charit les hommes vertueux: j'ai voulu t'^prouver, tu ne t'es point d6-
menti, joüis en paix de ton bonheur, sois toujours sage, inviolable et modert,
le Ciel ne t'abandonnera jamais, tu seras v^ritablement Prince, parce que tu
divras ce titre a ta vertu plutöt qu'aux loix d*ane naissance qui ne dopend
point de nous, etdont on tire peu d'^clat quand la sagesse ne Taccompagne
pas.* Mit diesen Worten verschwindet der Geist, dem Jean ein prächtiges
Mausoleum bauen lässt.
208 REINHOLD RÖHLEB
les hommes vertaeux ; jouis en paix etc. etc., wörtlich wie bei der Gomez.
In meiner Aasgabe spricht der Geist wie S. 206.
Indem wir in den letzten Gestaltungen der Geschichte von Jean de Calais
den dankbaren Todten vermissten , werden wir an die Dichtung vom Gates
Gerhard erinnert, deren Zusammenhang mit den Mährchen vom dankbaren
Todten Simrock so wahrscheinlich gemacht hat, obwohl auch in ihr die Lo&-
kaufung des Todten fehlt und die Erzählung dadurch wesentlich umgestaltet,
ja fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden ist.
Rudolf von Ems gibt an, dafi er die Erzählung übersetzt habe, aus
welcher Sprache wissen wir nicht, Haupt meint gewiss mit Recht, man werde
am natürlichsten wohl annehmen müfien , aus dem Lateinischen. Eben so
wenig wie eine frühere Darstellung der Geschichte vom Guten Gerhard be-
kannt ist, eben so wenig hat bisher Jemand eine spätere Dichtung ähnlichen
Inhaltes nachgewiesen, und doch glaube ich hat es solche gegeben und man
wird sie finden. Den Hauptinhalt der Geschichte des Guten Gerhard können
wir kurz dahin bestimmen , daß ein Kaufmann eine Königstochter aas der
Sklaverei loskauft und, obwohl er sie seinem Sohne zur Gattin zugedacht
hat, doch ihrem früheren Bräutigame, als dieser erscheint, großmüthig
überlässt. Daß nun eine Geschichte ähnlichen Inhalts in französischer Sprache
im 17. Jahrhunderte bekannt gewesen ist, schließe ich aus einer dramatischen
Darstellung, die im Jahre 1690 von den Schülern des Gynmasiums zu Weimar
aufgeführt wurde. Das Stück selbst ist nicht erhalten, wohl aber dieEin-
ladungsschrifb des Rector Großgebauer ^) dazu , welche den kurzen Inhalt
desselben nebst dem Personenverzeichniss gibt. Dieses Programm fahrt den
Titel 'Der wunderlich beglückte Manfredo , als der Durchlauchtigste Fürst
und Herr, Herr Wilhelm Ernst, Herzog zu Sachsen etc den 19. Ok-
tober 1690 zum 29**" mahl seinen frohen Geburts-Tag erlebete, zur
Bezeugung der daraus geschöpften Freude in ein geringes Lustspiel verfasset
und nebst herzinniglichem Wunsch zu Gott , daß der durchlauchtigste Be-
gierende Landes- Vater biß in das späte Alterthum dieses verliehene Ge-
burts-Licht in vollem Segen, guter Gesundheit und allem Hoch-Fürstl
Selbst- Vergnügen femer sehen möge. Durch die in dem gepriesenen Weimar
studierende Schul-Jugend unterthänigst vorgestellet, worzu Alle
invitiret werden von Philipp Großgebauern , Rect. Vimar' Weimar, Fol
Nach der Inhaltsangabe, die ich etwas abkürze, war die dem Stück zn Grunde
liegende Geschichte folgende : Der edle Römer Manfredo liebt Sophronisken,
die Tochter eines afrikanischen Fürsten Cassander, an dessen Hofe er weilt.
Da aber der Vater die Tochter dem Fürsten von Cairo, Jessied Califfa, be-
^) Mehr über Großgebaner und seine dramatischen Actos findet man in der interessanten,
dem Weimarischen Gymnasialprogramm, Ostern 1858, Toranstehenden Abhandlang Heiland
'Über die dramatischen Aofführnngen im Gymnasinm in Weimar.' Der Verf. erwähnt wob
den Kanfiredo, jedoch ohne an die Ähnlichkeit mit dem guten Gerhard sa erionem.
DIE DANKBAREN TODTEN UND DER GUTE OEBHABD. 209
stimmt haty fliehen die Liebenden. Unterwegs werden sie von Räubern
überfallen und gefangen. Sophroniska wird mit ihrer Dienerin an einen
französischen Raufmann Floridan verkauft und nach Frankreich gebracht,
Manfred aber wird mit seinem Diener an den CapitschiAga nach Philadelphia
verhandelt. Manfred flieht, wird aber von Neuem von Seeräubern gefangen
und nach Ephesus gebracht Dort kauft ihn Jean pier, jenes "Kaufmanns
Sohn. Sophroniska hatte inzwischen dem alten Kaufmanne so gefallen daß
er sie an Kindestatt annahm und seinem Sohn zu verehelichen dachte, wess-
halb er ihn nach Hause zurück rief. 'Jean pier eilte mit seinem erkauften
Sklaven wider gen Frankreich. Aber siehe, da Jean pier mit seinem Diener,
dem Manfredo , zu den Seinigen gelangte , erblicket die Sophroniska ihren
Manfredum, wiewohl in knechtischer Gestalt; und sinket durch jählinge Ver-
änderung und Bewegung des Gemüths fast ohnmächtig ^ur Erden nieder,
wird aber von Manfredo von dem Fall erhalten. Der Raufmann und alle
Umstehenden Solches sehend verwundern sich über diese Begebenheit sehr,
and nachdem er von beider Zustand benachrichtigt worden, macht er sie akrht
allein beiderseits frei,. sondern verspricht ihnen auch eine Hochzeit auszu-
richten? Dieß ist die Geschichte, deren Ähnlichkeit mit der vom Guten
Gerhard nicht zn verkennen ist. Vielleicht kann ein Leser der Germania
die Quelle, aus der Groftgebauer schöpfte, uns nachweisen.
Schließlich erwähne , ich noch, daß Freudenberg in einer Anzeige des
Simrock'schen Buches in den Jahrbüchern des Vereins von Alterthumsfreun-
den im Rheinlande XXV, S. 172 mit Recht an eine Stelle in Gicero*s Schrift
de divinatione (I, 27) erinnert. ^Quidf iUa duo samnia^ qwB creberrime
cammemorantur a Staici», quis tandem potest contemnere? unum de Simo-
nute: qm cum ignotam quendam projectum mortuum vidisset eumque hu-
mavisset haheretque in ardmo navem conacendere^ moneri visus est, ne id
fcuierety ob eo quem septdtura affeceraJt; si naviffoeset, eum naufragio esse
perüurum: itaque Simamdem redisse, perisse ceteros, qui tumnavigasserd^
Daß im classischen Alterthum die Bestattung der Todten für heilige Pflicht
galt, ist bekannt genug (vgl. C. F. Hermann Lehrbuch der griechischen Prlvat-
alterthümer f. 40, 5), und Simrock bemerkt selbst in der Vorrede (S. X),
daß die von ihm behandelte Sage 'den besten Commentar bilde zu den be-
kannten Horazischen Zeilen : At tu, ncnäa, vagas ne parce nialignus arencB etc^ .
Die Erzählung bei Cicero ist aber dadurch ganz besonders interessant, daß
nach ihr der Geist des bestatteten Todten — wie in unseren Sagen — seine
Dankbarkeit durch Rettung seines Wofalthäters aus drohender Gefahr bethätigt
WEQCAB, Apiil 1868* BEC^HOLD KÖHLER.
14
210 TWOPOR VEBJ141JERE1}
DER WEINSCHWEIG.
Von jeher hat die Dichtkunst nicht..bioß die Liebe sondern auch den
Wein und Gesang gepriesen. Was Göthe -im Götz den Bruder Martin sagen
lässt, „daß der Wein erfrene des Menschen Herz^ ^ das hat der Psalmist
(104, 15) schon ausgesprochen: „Der Wein erquickt dem Menschen das
Leben, so mau ihn mäßiglich trinket" (Sirach 32, 32).
Unsere frühere Minnepoesie hat fast gar keine Weinlieder, in der
spätem Volksdichtung (15. und 16. Jahrhundert) spielen sie eine größere
RoUe(s.Wackern.'Xeseb. 1,968. 2,130 flF.). Der Weinsehwelg, dasSelbst-
gespräch eines Alieinzechers vor seiner Kanne, stammt aus der zweiten
Hälfte des 13. Jahrhunderts; er muß gedichtet sein nach 1260, wo die hohe
Schule zu Treviso (s. Vers 300) gestiftet worden. Dieses Gedieht, in dem
wir eine scherzhafte Ironie auf das einsame Trinken erkennen , gehört also
jener Zeit an, da der Minnegesang anfieng zu verwildern (vgK Gervinus Gesch.
der d. Dichtung 1, 320; 2, 275). Ein viel schwächeres Seitenstück ist der
Weinschlund (von Pfeiffer herausg. in Haupts Zeitschrift 7, 406). Der
Weinschwelg ist gedruckt in Grimms altd. Wäldern 3, 13 ff.; derselbe Text
in W.. Wack. Les. 1, 675—586; darnach- auch in Hahns mhd. Lesebuch.
Jeder dieser Texte hat 414 Verse.
Über den vorliegenden neuen Text ist folgendes zu bemerken:
1) Der Text ist von K. A. H^^hn upd mir aufs ^e^^ mit der B^- vfer-
gUchen, und es haben §ich nicht bloß Verbesseruugep ergQbaP., ^outo
das Gedicht erscheint hier auch vollständig, indejp die Vfirs^ ?82 uud
283 in den bisherigen Prucken fehlten, . .
2) Hahn hinterließ eine Copie der Hs. und einen von ihm geschriebenen
Text. Er hatte im Sinne , Erläuterungen beizufüge^ , allein er starb
ohne sein Vorhaben ausgeführt zu haben. Bloß in dem Handexemplar
seines mhd. Lesebuches fan4 ich einzelne Anm'erkungen, Eine Arbiit
über deutsche ]^ecbtscbreibung hatte in den letzten vier Monaten sein«
ganze ThSftJgkeit in Anspruch genommen.
Durch die von mir gegebenen Erläuterungen hoffe ich manchem Leser
zu nützen. . ••
WIEN. THEODOR VERNALEKEN.
DBR WEINfiCHWELO. 211
Swas ich trinken« hftn gesehen, ich weig wol, dag du guot bist,
dag ist gar tod kinden geschehen, 16. die wile din in däm yagge iht ist,
ich h4n einen twfileh gesehen, sd wil ich büwen dise banc.**
4. äSm wtl idi meistenehefte j€hen : D6 huob €r üf unde tranc
. den dühten becher gar enwiht, einen trunc ron zweinzec slünden.
dr wolde nftpfe noch kophe niht, * 20. ßr sprach nDu wil ich künden,
9r trano ig grögen kanaep. wag tugent du hast, ril lieber win.
8. Sr ist Tor allen mannen wie mOhtestu tugenthafter sin ?
ein Torionf allen swelhen. . du h&st schoene unt gr6ge güete,
Ton üren nnt Ton Slhen ' 24. du gist uns hdhgemüete,
wart solher slOnd nie niht getAn. du machest küene d6n zagen.
12. eg BIMS alle eit-vor im stAa swär din wafen wil tragen, -
ehi grdge kaael trines vol. d^ wirt wise unde karc,
^ sprach „vAa, ich erkenn dich wol, 28. €r wirt snäl unde starc.
Vm 1--4 k&h^m ghUke Bwrns. Dasselbe trefen wir Vers 315-- 318.
1. swag miU dem OenUw des als neutrales Subst. gebrauehten Mfinitivs {vergh Vers
Ul, 217, £46). Diesen Gss^ nach sirag (wag) finden wir auch W. Waek Les, 1, 167.
19. 414, 1. Ruodolf Barlaam u. Jos, U , 40. 43. 12; TT. Waek. Les. 355, 1:
sirag dd scheHennes ergie.
2. Das ist nur ein Kinderspiel gewesen. Hs. dag ist.
3. swSlch St. m. SehUteker, voi^ einem st. V. swSlhen , sehluehen, hn ahd. findet man
svSlgo , swSlko sehw: m. und sweigari , swi^lcari st. m. Oraf 6 , 876. nhd. der
Schwelget.
4. j6hen st. V. sagen^ mit dem DcUiv der Person und Oenit, der Sache : einem etwas
nachsagen, zugestehen.
b. enwihl für neviht'nAi. nichts, enwiht une ahd, niwiht nur in positiven Sätien ge^
braucht^ es enthält in sieh selbst den verneinenden Begriff (ni).* Vgl. Qr. Or. 3, 65.
6. A. nspfiB. napf st. m. Trinkschale, mu nipfen, nippin. koph st. m. ru/ndgeformtet
Becher , mlat. coppa , euppa; nhd. Köpf, oberer TheU einer Tasse, Ben, mhd.
Wfrtb. 860.
9. ▼orionf/ür Yorlonfe sehw. m. Vorläufer. Der Dativ allen BwSlhen (in der Es. aller
Bwelhen) bei dem verbalen SubstcMtiv rorionfe wird Gr. Gr. 4, 746 besprochen.
10. ftr, St. m. tre sehw. m, Auerochse. Hs. owem. 81ch st» «n. auch 61be, sehw. m. Elen»
mer. Vgl. Ben. »iM. Wprtb. 1, 428.
11. slimt St. m. 1. Schlund^ 2. Schluck.
13. kanel. Oben V. 7 kannen im Reim auf mannen. Eine andere Form, die auch
wohl nur ausser Reim vorkommt, ist kandel; vgl Ben. mhd. Wärt. 1, 786.
1$. Bs. die wile din indem vagge iht ist.
17. bthren, bauen. Mit den Accus, auch in der Bedeutung: »um Aufenthalte nehmen^
inne haben; s. Ben. mhd. W. 1, 288.
18. ^ diesem wiederkehrenden Verse hat die Hs, immer ont.
13. Bs. einen tnmch.
26. w4fen st, n. Wage tmtf ^Wappen {Banner),
27. karc (J3r. charch) adj, klug, schlau.^ Im mhd. mit listig oder mit witstig häufig eu"
samnengestellt. Später in dem Sinne: schlau mu Eigennute (nicht freigebig) und so
gleichbedeutig mit arg. In J. Melbers „vocabul. predicantium" , gedr. c. 1470—80
ist eaüidus mit arglistig übertragen, parcus in malo mit ein Jkarger, härter als ein
stein" rin bono parcus mit ein „sparhaftigery qui prudens est et non una die omnia
consumens^. In Pf, Myst 1,81: karge lüte, di widersprechen etc.
J4»
212 THEODOR YERNALEKEN
er fOrhtet niemannes drd. pfelle, samit und scharlat,
du machest die trürigen rrö, 48. swag gezierde disiu wSrli hat,
du g^st d€m alten jungen niuot, die nsem ich niht für dSn win.
32. du riebest den armen ane guot, in hat in dorn harzen min
du machest die liute wol gevar, Minne alsd behdset,
du bist euch salbe schoBne gar, 52. yersigelt unt yerklüset,
du bist lüter unde'blanc.** wir mugen uns niht gescheiden.
36. Dö huob ör üf unde tranc sw€r mir in "Wolde leiden,
einen trunc, d@r für die andern gie. dör mües immer haben minen ha;.
är sprach „war umbe oder wie 56. är kürzet mir die wiie ba;
solde ich d€n ^n yermiden ? denne sagen, singen, Seiten Uadc/
40. ich mac in wol erliden, D6 huob €r üf unde traue
Sit är allen minen willen tuet. einen trunc noch groBger dame e.
ör dunket mich beiger denne guot, 60. ör sprach „gras, bluomen imde kle
ich geniete mich sin nimmer. und aller krute meisterschaft,
44. ich wil in loben immer die würze unt aller steine kraft,
für buhurdieren und für tanz. dör walt und elliu rogelin,
krdne, tschapel unde kränz, 64. die möhten (Ün, yil lieber win,
33. gsTar« d, •'. austehend.
36. lüter, hsll, rein, blanc, glänssend, weiss,
37. der die cmdem übertraf,
40. Erleiden, in derselben Bedeutung noeh im. {demcmn* "srlide", Der Wein tdiodti
mir niehtf ich kann iJm vertragen.
42. Besser als gut, eine im mhd^ beliebte Art den Begrif su steigern. Vgl su Sintis
kl &ed. n, 5. (ed, Bahn),
43. genieten, sehw, verb. reß. mit Genitiv: 1. sieh eifrig beßeissen, sieh erfreut
2. genug haben, überdrüssig au/geben. Ich werde nie von ihm ersättigt. Über «neb
nieten** s. Or, Gr, 4, 663. Iwein 5642.
45. bnhordieren, Inf, ßtr das Subst, bnhurt: Kampf spiel in Scharen, ein ritterUchss
Schauspiel,
46. Oewd'hnlieh schapel, in der Hs, tschapel st, n. Blumanbinde,
47. Hs, pfelle. Samit un Scharlat. pfelle st, m» nach Lachmann Äusw. 289 «t»< ^^
Seidenzeug, dagegen bei Wack, Wort, QCCQXSIV als feines Baumwollenseug W*
gefuhrt, Wtinhold „deut, Frauen des Mittelalters^ sagt': der verbreitetste Seide»-
Stoff hiess Pfellel {Pfeiler, Pfelle, fr», paile), ScharlAt, st, n, feines , hochroth ge-
färbtes Wollengeug, mlat. searlatum,
61. behüsen, sehw, v, einheimisch machen,
h2. Mit einem Siegel verwart und in eine Klause gesperrt» in VersehlusM gebracht,
64. leiden, unlieb machen, verleiden, Ben, mhd. Wärt, 1, 983.
56. "^le, Weile, Zeit, Vgl zuweilen, alleweil, dieweil (so lange).
67. sagen, subst, Inf, das vorlesen oder verfassen epischer Gedichte, Über singen wti
sagen vgl Waek, Littgeseh. 117. 145. Laehm, akad. Vortr, 1833.
69. Waekem, dann, d selten ör, goth, air, noch im nieder d. eier d, h, ehe, früher, vordem.
61. meisterachaft, st.f. Vorzüglichkeit, Bedeutsamkeit', krtt st, n, KrcMt , m» «*<*••*
der Hs. wie auch noch im alemann, ch st, k.
62. würz st, f Wurzel, Kraut, kraft st,f, Wirksamkeit,
63. TOgelin/ör die volle Schreibart vogellin. Gr, Gr, 3, 671.
64«. 66. Die könnten deiner nicht vergessen machen. Via Hs, hat ergetzen (C h. vifff^^^
DER "WKCKSCHWELG. 213
die liote nihi ergetzen. är hat mich dds betwungen,
si mOhten dich nibt ersetzen dag ich ie tot swag är mir geb6t.
mit allem d€m, das si kunnen. 84. dar win ist guot für manege not.
68. ich wil dir gärne gunnen, künde &t niht wan fröude gäben,
das ^^ ^i^ kürzest die zit. diu wärlt sold immer gein im streben :
swas jfrttuden mir diu wärlt git, sin frOude ist vor allen dingen.
diu kumt ril gar Ton diner tngent. 88. ich wil nach fröuden ringen,
72. «£n iop hat inuner jugent, sit mir dar win fröude git.
dan wärdekheit wirt nimmer kranc.** nu wil ich ringen unz an die zit,
Dd huob är üf unde trano dag är mir sd vil firöuden gäbe,
einen trunc also staro, 92. dag ich mit firöuden immer lebe.
76. und solde är eine halbe marc wie kan ich denne verdarben ?
ze 16ne d& mit verdienet hän, ich wil nach fröuden warben :
am dörfte niht beggers han getan. das habe min lip inmier danc!"
[är sprach] „beidiu ich unt dar win 96. Dö huob er üf unde tranc,
80. müegen immer ensamt sin: dag man nie solhes niht yernam.
mir ist an im gelungen ; är sprach „dar herzöge Tram
machen , einen fikr etwas enttehädigen, nhd, »u y^ergötzen" geworden. Mit dem
Aeeui, der Perton (<^B Mute), Ben. mhd, Wort. 1. 544. Statt: Beileid bezeugen
$agt man in Zürich : dae Leid ergetzen.
Im „ Wdnechlund*' {Haupt Zeittehr, 7> 408) heißet ee :
Sweone Ich sihe bringen dA für sih ich den win komen.
in wigem becher gnoten win, swenn ich den becher hAn genomen
dag nim ich für des meien schin unt er mir üf der hant stöt
und für der Togelin gesanc. unt der win sprangende gdt,
sagen, singen, seitenklanc, sd lob ich in 4ne lösen
für die liljen unt die rösen.
67. »«68. Bei Waek. 577 .* künnen — günnen, die Se, hat chunnen — gunnen.
70. fröuden ete. Wach hat fröude. Die He. frouden; man hätte dann erwartet: die
koment; allein nach abstrakten Substant. im Plur. kommt es öfters vor, dats das
demonstr, Pron. mit seinem Verb in dem Sing, steht, #. B. Nibel. 2269, 3: swag ich
freuden h6te> diu liget von iu erslagen. Vgl, Ben, mhd^ Wörtb, 1, 315.
72. Du wirst immerfort von nettem gelobt werden.
73. krano worden, geschwächt werden, abnehmen, wördekheit , statt kh in der i7#. ch ;
Waek, werdekeit
81. mir — gelungen: bei ihm ist mir*s woJU ergemgen,
83. Wach: deich. Die Hs. dag ich.
85. wan, {nichts) als, ausser,
86. gein {gegen ihn), nach ihm trachten.
90. unz, bis, so lange.
95. dSs etc. Dc/ür möge man mir ewig danken. Vgl. F. 160: man sol mir danken
R^re. Vgl, Ben. mhd, Wörtb. 1, 353 „er habe danc*'. Diese Redensart bedeutet
nie „er leiste Dank*', sondern immer „er empfange Dank*", und entspricht den heutigen
Ausdrücken: loben will ich den, wohl sei ihm! mir schon recht! «. dergl.
98. Tram. Es ist nicht leicht zu entscheiden, ob der Name so zu lesen sei oder, wie
Grimm und Wack. haben, Ytam. Die erstere der beiden Formen wird übrigens
durch andere Zeugnisse beglaubigt. Vgl. Grimm deut. Heldensage S. 160, TT. Wack.
214 THEODOR YBBNALEKEN
dgr was gar ane wisheii, du bist meister det mime,
100. dag är einem wisent nach reit, 120. du liebest mir die minnet
gr und sin Jäger Nordian. du machest stete manegen kouf,
si seiden den win gejagt han; du machest manegen vettelouf,
so waem si wise als ich pin du machest maneger hande spil,
104. mir ist ril samfter denne in: 124. mit fröuden kurzewüe yih
ich kan jagen unde, rahen, diu w^lt ist gar mit dir erhaben,
mich enmüedet niht min gahen, du kanst die durstigen laben,
ich jage dän tII lieben win. du machest die sieehen gesunt.
108. d€s Jäger wil ich immer sin, 128. sit du mir erst würde kbnt,
^r hat mir ie sd wol getan. s6 bin dir gew^en bi«
swas ich sin her getrunken han swie vil diner diener si,
und swag ich sin noch immer tac d^^mich doch nietnen Von dir draoc."
112. in minen lip geswelhen mac, 132. Dd huob er üf unde träne,
dag ist wan ein aneyanc.** dag die slünde Inte erklungen
Air est huob €r unde tranc und einander drangen.
yil manegen ungefüegen slunt. da wart von starken sltioden
116. [er sprach],, win, mir ist diu tugentkunt, 136. ein stürm, dag dän ünden
ich erkenne wol dine kraft, diu drogge wart ze enge,
din kunst unt dine meisterschaft. . . dag sich von dem wacgedrenge
Wörtb. versteht tmter Ytam einen ntffMhaßen Herrn t. Brcmdenbwrp , $cMt Iwn.
Die He. hat Tram.
100. Wisent, et. m. Büffel.
102.« Hs, solden den. Wach, hat: si soMenn ^nn.
109. ie, immer.
110. h6r, bisher, bis jetjtt, trinken mit dem Oenit. partit,, wie Waek. Les. 362, 20: er
tranc eines wagers , van dem Wasser.
111. immer tac, verstärktes immer; imm^r im Leben,
113. wsai für niht yr&Uf niehts alSs nur.
114. alrest, für aller ^rsU jetzt erst.
115. ungefüege, ungehörig, unverhüUnissmässig, derb (wi0früh0r nie).
119« Du lenkst die Gedanken. '
120. lieben transitiv: lieb machen (Or. Ot. 4, 685) wie bei Walth. 52, 16 liebet lair di« ut
Es ist das ahd. liubjan, eommendare (Oraff 2, 58).
121. staete machen, bestätigen, fest machen. Das Adj. ist hier prädikativ. In den bei-
den folgenden Versen «{«Ar machen selbständig und heisst veranlassen. BeiKäufeti,
namentlich Versteigerungen wird noch jetzt in der Schweiz Wein geschenkt, wn dM
Käufer zu ermmitem, S, cmeh Strickers Amis V. 2136.
123. hande, mancher Art; noch im nhd. „allerhand^ (allerlei),
125. erheben st. v. verherrlichen oder auch fördern. Vgl. Graf 4, 818. 819.
134. Die Es. ane ander. Wach nnde einander.
136. Die Es. ein stürme da^ von den unden. Waek. dag den.
137. Waek.: diu droge. JVacÄ Ben. mhd. Wort. 1. 398 der Schlund. Es verdient an-
gemerkt zu werden, dass das niederd. (westf.) Wort j,DruseV^ Strassewrinne bedeutet,
eine Vertiefung, damit an beiden Seiten das Wasser ablaufen kann. Dagiff^
Schlund, KehU heisst im westf, j,Struote.''
138. wicgedienge st. v. das Zuscmm^ndringen des bewegten Wamrs, wAc, nhd* Wog«-
DER WEINSCBWELG. 215
din ffiuse beilüde wfnren, dSr bringe mir gUdtolk MtfgAAo."
140. blddehi uode kör^n Dd hadb üt üf «nde tratic
ab «in windetpriit if d^m mere. als 6r nimmer wolde erwindeil.
da ivart mit bvtteGliober wer« 156. är sprach mW& sol man Tinddd,
▼ersuod^i maaages slnndes kraft. swenne ich erstirbe, einen man,
144. §r sprAeh »»da^ ist ein meisterscfaafb, dar trinke als loh tri Aken kan?
dbs iob Boeh niht getrunken hin. min habent alle trinknr dte.
nun kimsi ist also getan, 160« man sol mir danken sdre,
^ ich midi nibt Tergäbe dag; loh ir iSben sd ziere.
148. und 6s müeseelicbe ane Vahe d4$r besten ttiAkttr Tiere
durch das '^^b. i^ la^ge triben wil. die yolgen mir einen tae.
ich iSbe ^^10 ede tu» 164. ich kan wol trinken unde mac,
mtt Wirt triokene nimmer bao^. idi hAn kunst unde kraft«
152. habe iemen einen riligeb Aiog, js&h hätae ist sd tngentbaft,
138. gösse, tt^/. auch St. ». Überiehwwmmmg» WaMerschiwüL sich werren «I« it. ikh
verwimn, ins Stocken gerathsn.
140. blddem sehw, v. rauschen. Vgl. V. 229. kerren, st, v, sehreitn, hrsisehen,
141. windesprut st./. Wirbelwind, Orkan; eig, die Braut des Windes, vgl. Or, Myth. 598.
tiaupt Zeitschr. 6, 290.
142.. htirteclich, adj, anstürmend, oMtÜtMend, heftig. * were, Vertheidigung, die Wehr.
147. TergAhe, übereile.
148. J^ Htts$4: teaigsam at^aHige,
149. durdi das* f»^nl.
151. beot. Ben. mhd. Wiftterb. 261 utUerschiid9i htöt (Subit. «lal««?) v6n huitt^ {Subst.
fem.). Chimm (Gr. 4, 245) erklärt diese den Genit. regierende Impi^s&nalf^rm mir
ihft bUos mit: ich werde von etvfos frei^ k&ihme davon los , ohne an i!rsatjsleistnng
dafür zu denken. So auch in Poir». 12, 24: doch wart im selten kambers buos.
Ani;tte Belegstellen bei Grimm 4, 245^ und im mhd. Wlfrierb. 1, 281. 282. Merk-
wÜHräij^ ist wenigstens, dass wewi buog iMr vine Verkürtung des it. f. bao^d ist, in
Sies^ JUdensaft nie die vollere Formg^äueht wetdin ist, und dass schon die ahd.
Sp¥aeh0 H diesem Falle buog gebraueht. Ähnliehe Äusdrüdke sind : mir Wirt rAt
{hseM), mir Hirt emesti som eie. Im nhd. noch »4igt sith das Schwanken der Sub-
stantiven Bedeutung in die adjektivische, e. B. mir ist es ernst damit.
152. einen ringen fnog h&n, d. i. leiehtfüssig sein. Das mhd, adj. ringe, leicht (an Ge»
itfieht) hört mttn noeh im alemannitehen, z. B. *s dfösthe gat nit fing; wmh*s Gras
ncus ist, gat*s mähe ringet {leichter).
153. aaeganc #1. m. die Begegnung; das Vorzeichen, das bei Antritt des W^ges, beim
Beginn eiSfitft GHehäfts entgegen kommt, VgU Grimm Mythol. 1073/. Eä gibt einen
guten und einen bösen Angang, Der Trinker würde die Erscheinung ein^s leicht-
füssigen beim Weine als gutes Vorzeichen nehmen; ein lahmer wäre ihm Von böser
Vorbedeutung geweS^,
155. als, als ob, mit folg. Conjunttiv. erwinden, ahd. erwind^n, zurückwenden, umwen-
den, hier: aufhören,
159. trink«r. Es. trinchaer, bei Wack. trinker.
163. Vier der besten Trinker fordere ich auf, mir einen einzigen Tag ei nachzuthun.
Die Es. hat volgent, was einen weniger pctssenden Sinn §ibt,
194. ich k&ti — ich mac d, h. ich verstehe — Hfh bin im Stände ; d&m festem iHUSpricht im
folgenden Verse ich h&n kunst, dem leztem ich hän kraft.
166. M Jh. hat ttgptäiil^.
216 THEODOR VEBNALEKEK
daeg m trinken nie gehanc. einen trone, dör gr^se glcte'tnioe.
1 68. Dd huob €r üf unde tranc är sprach „ditt howe und dSr pfluoc
einen trunc, d€r die andern übersteic. die müesen immer ledic sin,
d6 stuont arm üf unde neic; 188. wessen die gebüren, da^ der win
er sprach »win, dir si genigen! so maneger eren wielte,
1 72. ich trou mit dir wol gesigen, und s6 manie lob behielte,
die i^le du bist min nahgebür: erkanten si rehte sine tugent,
mir enschadet der schime noch d£r 192. si vertriben ir alter unt ir jugent
schür, bi döm wine al gemeine,
ich kan deheiner sorgen pflegen, nu erkennent sin ril kleine,
1?6. nur enschadet diu sunne noch d^r dag hän ich zeinem heile,
r§gen , 196. da von ist är wolyeile,
diu frOude bowet minen muot, dag machet mir min laben lanc."
ich ensorge umb er noch umbe guot, D6 huob @r üf unde tranc
umbe firiund noch umbe mage, ein hunderslundigen trunc.
180. ich enurliuge noch enbage 200. 6r sprach »dag machet mich junc,
und enruoch wie blög d€r walt ste, dag ich mine trunke lenge
mir enschadet der wint noh dar snS, und den slünden des yerhenge,
dar rife noch d€r anehanc.** dag si snellent unde grdgent
184. D6 huob €r üf unde tranc 204. und so hurticlichen st6gent,
167. Waek, hat dag es , die JIs, dae?. Diese Form habe ich » ohgUieh sie $cn»t vaM
nirgend vorkommt, nicht verändern wollen. An sieh ist sie so wenig ansUfssig o^
deis ; beide sind verkürst aus dag eg, dag ig» gehanc, von gehinken st, v. lahm f^
jsurück bleiben,
170. Srm, Wack. er. In der Hs. nieht sieher ob erm oder erin. Einen reßeanven Datw
bei sUn, üf stän weist Orimn Or, 4, 35. 943 nach.
17 1. genigen: Dir sei mit dieser Verneinung mein Dank bewiesen, Conj Präs, Pattwi
wie wir jetzt sagen: Dir sei Dank gesagt', dir sei's gelohnet, es sei dir gewogt.
genigen : gesigen ein erweiterter Reim; vgl, W. Orimm , sur Oesehiehte des lUm»
(Berl. 1852) .- Ein solcher Beim ist dem Doppelreim ähnUeht nur dehnt sieh hier dsr
Gleichklang in Einem Worte aus und uKichst gleichsam gurüek; andere Beisfi«^
sind : beronbet : getoobet, Terkiesen : Terliesea, gligende : fligende.
172. Ä. trou: Waek, trtm%,
173. Hs, wile, Waek, ^. nihgebür nach der Es, Bier st, m, dagegen V, 310 nichgebün
sehw, masc, Nachbar,
174. Waek, mim. Bs,i mir enschadet der scheime noch der schower. schime, sehw, m. der.
Sonnenstrahl, Blitsstrahl, schür, st, m, Donnerwetter, Begenschauer,
177. Es, bowet, Wack, büwet.
180. Wack, hat ichn urliug. nrliugen sehw, v. kriegen, bägen st, v, streiten,
X81. ruochen, bedacht, besorgt sein, kümmern, blös, nackt, entblättert, .
183. anehanc st. m. der Thau, eig. die anhängende Feuchtigkeit,
185. Güsse, Überschwemmiung, tragen st. v. auf sich, an sieh httben, enthaiten,
189. walten st. v» mit Genit, besitzen,
190. behalten st, v,fest halten, behaupten.
201. lengen, la/ng machen,
202. verhengen, sehw, v, mit dem Dat. der Fers, und dem Genit, der Saehei- eugebei»»
gestatten,
203. sn6Uent. So die Hs, und Wack. , der übrigem swment vorsehlägt {Wärterb,), Vgl
J
DER WEINSCHWELO.
217
4i| di« tief« roll dfo fladen
eiB ttqm habent in dfo tlflndeii.
swSr mir ^rtte gtkh dfo win,
208* dds lop mfles immer aslio sin:
er h4t.mich wol geldret;
er iit sin immer g^ret,
wan mir ie wol an ime gelanc."
212. D6 huob dr üf unde tranc
einen tmno langen and sd grds,
dag sin alle die bedr^{,
die ^i hdrten nnde tihen.
216. ar sprach n^i wil na nilien,
. dag ieh trinkeas wil beginnen.
ich bin wol worden innen,
dag mir dör win sfieget
220. mid min Mne grOeget:
d& wider bint ich minen gmog:
win, ich valle dir ze fhog ;
ieh enphienge dich görne, kund
ih, bas;
224. ich enphahe dich immer &ne hag;
dn enphAhest midi, als tuen ich dich :
der anipfanc ist minnedich
das 81 unser beider antfonc.'*
228. Dd huob 6r uf unde tranc
einen truno, ddr begnnde plddem»
als das wager üf dfo Addern
tif alten knmpftnfilen tuot.
382. er sprach „dag ist* ein sttesia lluot,
diu waschet mir Ton d6m herzen
unfirttud unde smerzen.
er kan mich leides wol erjeten.**
286. do begunde er springen unde tWMen
manegen sprunc seitsonen.
er sprach «niemen sol dds wsnen,
das ^ s^ch ™^ geliche.
240. min herce ist sd yrOnden riohe ;
der win , der mich d4 machet juno,
dem wil ich springen einen sprunc*
yrdliche er dristunt df sprano.
244. Dd huob er üf unde tranc.
der trunc wart maneges tränke«
wert
er sprach „ich bin der trinkens gert.
ich bin ein trinkender man,
248. der alsd sdre trinken kan,
das ich allen trinkem an gesige
und allen trinkem obe lige.
ich wart nie trinkens sat,
252. ich kom.noch nie an die stat.
Cfraf 6« 847, wo Sr sMIIAt init dem d&utsehm Wart magAt und mii dmn laimn viff9t
glotiiert ist. D&r Sinn ist wohl : dost sie anschwellen und grösser werden.
206. Dass die WeUensehläge — .
210. totn sehw. v. Partie, gteet, die Es. hat geeret. Im Jwein (136) heisst es: mich hit
geltoet min troom: des Un ieh gfttet.
211. Der Skm scheint mu sein: der Wein ist von jenem Trinker immer geehrt, wie er
auch von mir immer in Ehren gehalten ist,
214. Hs. alle die lirte. Mich bedriuset mit dem Oemt. : ich finde beschwerlich, werde müde.
Qr. 4, 681.
216. nu. in der Es* mi oder im.
217. beginnen mit dem Genitiv s. Qr. 4, 667.
227. Empfang.
329. ilöder st. fem.f Qeritme einer MühU, jetst die Fluder, das Oeßuder. SchmeUer
bair. W. 1» 586.
231. kmopftnOl für gomp- oder gmnpfimta, d. i. Mahlwerk um Wasser hera^ eu pumpen.
235. eijeten et. v. von Unkraut reinigen; entblössen, befreien. Wohl schmerlieh wie
Wach, hat: erreten, obgleich in der Hs. dn eweitefr nicht deutlich ist. Vgl. Ben.
mhd. Wlfrterb, 1, 538.
237. seltscunen.
243. ttant, meU {dreimal^.
250. obe lige mit Dat. die Oberhand über jemand hohen; überwinden.
251. Wackem. (•». Hahn) haben hier tonkennes (die Qr. Qr, 4, 105 besprochene Form des
218
THEODOR TEBNALEKEN
dag diu iMiAc bi^Ad« kflK&lft.
280. 6r sprseb ««ddi nntog lob laöli^n,
des ist K6 läehen harte gtt^t:
das krachen fraut mit dön muot.
äg maöhei des ixities gdet«.
284. ich hän Meg min gemüet«
in den firOuden Wi^l getr^oket;
dar in h&n i$h mi<»h geiettket.
ich sano i^ i$t der stunde»
288. dag ich ^rste trinken kund«
und mir Mr ndn sd W«I gerie).
ich weif wol, dHg dehein kiel
in dag mer« ^6 tiefe nie geiiiiic.*
292. Dd huöh er M unde tTftn«
einen yl6i»olirdtigen tmne.
er sprach ^ich pin wotdtt Jniio
an libe unt ane mnote.
296. wol mich'* 66 spraöh dör güOle,
;dag ich sd gar ein meister biti
an trinken: seht, dag heig ich sin.
ich weig wei, datz ^aris,
300» 2e Padcuw unt tee Tetvis^
ze E6me und ze Turban
yindet mtA deheinen man,
ich ^ns! sin meister gewesen,
304. dag mir nie gein einer resen
(jferundiums), wohl dem RytMnui tu luh. Die Ar. bietet hier genau dieselbe Fcn^
(trinehens) iioie in dtn Versen: 1. 151. 217. ^6.
257. erriDgen st. v. erzielen, empfanden,
26*0. kanel s, $u Vers 13. *
261. Tolgrög adj. gross genug, zeim, Es. ze einem ; so !&62 Ss, 2ö eineh
262. in einer Noth d. h. in eineM/ofl, itnäufköttieh.
263. ffs. in egissen. St (Gr. Gr. 3, 57) vä^te d. h. ^ur mehtig.
4^5. Wach. L. nie, Ä. niht.
267. gimme, Edelstein^ kostbares Ding.
272 f. Er singt mehr der süssen Töne (Melodien) cds e$ ktäV^e üil^ Art (ilhhte) Imd ^
sänge unter den Vögeln gibt,
276. Horant, der bekannte Sänger und Held in der Kudrun.
277. Bs. dritte teil. — 278. In der ffs. abtoethiBlnd äiUh: htiber.
2&2u.2^ fehlen in allen bisherigen Drucken.
2167. ich sanc sö viel als .* ich sancte mich.
293. Tiersöhrötic adj. viereckig zugehauen, ungeidhiökl pYösi wie ein ^AoAerätein.
2^5. ffs. nnt ane.
298. das heig ich sin, das nenne ich vernünftig, das dünkt nAiieh V&rtriflicK V<gl* i
das ist gescheid. Vgl. Gr^ Gr. 4, 257.
299.. datz so viel als : dA ze.
300. Treviso.
804. tSsett schw.f, Balg des Get^eidekomi] Sle^i^h&it,
d4 ioh getmnke mir geniiee.
wol der mnetftt, diu niek trüec,
sslic fii si kfiniginne,
266. sklic si diu süegitt minne
und diu wile, dd si mich erranc."
D6 huob er üf unde tranc
einen trunc, der wi^ swsre.
i20O. swie vol diu kanel waure«
si was 2eim trunke nikt volgidg,
wan man zeiner ndt ita gdg:
er hieg et Vaste in giegen
264« und li« dag in sich yliegen
dag da noch solheg niht gesohach.
d4 sag er ntder unde st»rach
«der inn ist rehte ein gimm«.
268. ick hcere ein tüege Atimme
in minem faoubet singen;
die htnre ich gerne klingen.
eg ist rebt, dag ich in krame:
272. er singet mere süeger d«ne
denn aller slahte klingen
and aller vögele singen;
mir wart solhes nie niht bekant;
276. er singet sd wol, dag Horant
dag dritte teil nie sd wol gesane."
Dd huob er üf unde tranc
DER WEIN8CBWELG.
219
ir dftheioer moht« g^Üchen»
halt in allen diotsohea riehen
kom mir nie deheiner zuo»
308. d6r beiditt spat UBde frno
b6 wol an trinken ture.
wines nacbgebüre
wil ich hiute und immer wöteo.
312. min sele mucg mit ime gendsen,
im ist nun sele immer holt,
swenne är schone als ein gelt
Ton d^m zaphea schindet»
316. yil w^ic mich dds Terdriueet^
8wa{ man sin in mich ginget:
TÜ wol min lip das geniaget.
man sagt Ton turnieren;
320. Ta^te swdlhen ander Tieren,
das l^Ai^ ieb wol, das hab ich danc."
Dd haob er üf nnde tranc
eiaea tranc, dör tu grdg was.
324. dr sprach „swa^ num ie geias
Ton den, die minne pfll^t n
and t6t Toa miane lÄgea,
die warn mir aiht gliche wia.
328. wie starp ddr kttaic PÄris,
düT dareh Heleaam wart ertfegen!
dös tnmpheit sol man inuner klagen :
ör solde den win g^eminnet hAn,
332. sd hfit im niemen niht getan.
TTÖ Didd lac Ton minnen tdt.
Gr&landen sluoo man ande sdt
und gab in dän TTOwen ze ^ssen,
336. want si sin niht wolden Tergüsgett.
Pkramus ant Tispd
den wart Ton minne sd wd,
dag si sich rigen an ein swArt.
340. min miane ist böggers 16aes wdrt,
denn^ir aller miaae wsre.
mia minne ist fröadebasre,
ich bowe dör minne striige.
344. mir ist bag deaa Car&ge,
dör Toa miaae ia däm s6 ertraa^j*
Dd haob «r af ande tranc
einen tranc mit grdger ile.
348. der wert naz ane die wile,
dag im diu gürtel aebrast.
är sprach ^dag baat ist niht ein hast,
d& mit ich zallea stunden
352. zuo düA wine bin gebunden;
306.
309.
316.
827.
331.
334.
335.
337.
839.
313.
344.
348.
349.
halt, adv. vielmehr; attch; eben, ja, allerdings, Vgh Ben, mhd^ Wörth, 1, 619.
Schmell 2, 185.
tilren auch düren, lateif^, dutare» nAd. ausdauem, Btandhalten.
Waeh hat «trie wönic**, die Bt. aber tiL In dU$ef Vbtbindunff iomt twie wAnic,
jr. B. Bkwpi Z9iU4ht, 0, 514« 887.
die Abkürzung in der Et^ könnte auch glicher b^deuten^
WaeK hat solden, die Ht, solde den.
GrAlanden. Vgl TrieL 91, 27. Tristan begonde einen leiefa dA lAten klingen ia TOn
dSr TÜ stolgen TriaDdhi QrAlaades d«s schflenen. JEnme 11664 und dd nuta Grüanden
sdt. MSH, I, 106. Grüant, dto man gar Tendt, wart nie groegerndt besdb^.
Auts^ diee^n Zeugnissen ist tfon ihm nichts b^ka/nnt,
Waeh. hat segen, dU Es. ze eggen.
Über PgfomM wn4 IHspi s. die Ereähhng in hoMpts Zeitickr. 6, 504/« Waäk.
LUtgesch, 5. 220. die Krone 11574. TrisU 92, 16.
rihen st. v. durch etufos Zusammenhaltendes verbindeng an einander reihen* Chr.l^,
937. 2, 18. rihe — r6ch, rigen — rigen. TispS erttaeh eich mit demselben
Sehwerte (dag sw6rt dag dnrdi in gie S. 516 bei Eampt 6.)
Es» bowe.
Curäge. Korag auch Gur&g, der EM eines verlernen Gedichts,
Est ane, so kmge duss — .
'gürtel hier/emin., gewöhnlicher mase. Das Wort scheint auch Ml der DeeUnaOon
geschwankt mu haben. Vgl. den Flur, güftebl Ben. Wöttb* h 598. sebristen, Mr-
brechen. Vgl, mUen 370 g^rSste d, t. Mangel, Abbruch. M der Sehweiä Breiten
tt, Gebrechen,
220
THEODOR VEBNALEKEN
4as ist nun salde nnt min heil;
und sint auch drin tU starkiu seil :
das «ine ist d68 v/iaes güete,
356. das ftnder min State gemüete,
das dritte ist diu g^wonheit.
6t mac mir nimmer werden leit,
ich muos in immer minnen.
360. ich mac im niht entrinnen,
wie zehrnche ich einn sd starken
Strand**
D6 huoh är uf unde tranc
sd sSre, das si alle jdrhen,
364. die sin trinken rShte ersahen,
swas ^T getrunken hSt unz dar,
des solde man vergSs^n gar,
dar trunc behielte gar dän pris.
]}68. $r sprach „diu wärlt ist unwis,
das si niht ze wine gat,
sd si deheinn gebrästen hat,
und trunke da für alles leit,
372. für angest unt für arbeit,
für alter unde für ddn tdt,
für siehtuom und für alle n6t,
für schaden und für schänden slac
376. und für swas dSf wSrlt gewärren
mac,
für nobel unt für bcBsen stanc.**
D6 huob €r üf unde tranc
sd s^re, das sich diu kanel bouc.
380. [«r sprach] „swas ie geyl^s ode
geylouc,
das sei billich erkennen micb.
die liute selten alle sich
ze minem geböte neigen:
384. diu werlt ist gar min eigen,
ich h4n gewaltes so vil,
das icl^ ^uon das ic^ '^h
swas '^^^ ^i« ^^i ist getan,
388. das icb allen minen willen hän:
dk von heis ich ungenös-
raine tugende sint sd grds«
wsr d€r wärlde sd ril me,
, das d^ ^^^ und islich se
als guot wsßr als das ^^^^ ^^^>
das müese sten ze miner hant
und müese mir dienen ane wanc."
Dd huob €r üf unde tranc
sd lang^ unt sd sere,
sd yil unt dannoch mere,
sd Taste und sd harte,
400. das sich das hemde zarte.
6r sprach „dös wirt guot rÄt:
ich weis ''^^l was derwider stat;
ich kan wol wafen mich,"
404. er zdch ein hirshals an sich,
dön hies Sr vaste brisen
dar zuo yon guötem iaen
392.
396.
353. sslde, Olüek, scdus,
365. unz dar. Ins dahin, hüher,
370. deheinen darf wohl in debein ffekür^t werdm, wi0 339 ein.
376. wönren oder gev6rren tt, v^ hinderlich sein,
380. 6r sprach gehört nicht zum Verse und ist vieUeieht ZusatM des Sehreihers, Vgl
Lachmann su Iwein 3637*
388. Waek, hat deich. Die Bs. das ich. So auch v. 83. Vgl, Nihel. v, EoUsmasm 1340, 2
und Anmerh,
389. ungenög st, m, derniemand seines gleichen hat. Dagegen sagt d0r ^Weinschhi^
(Haupt ZeiUehr. 7, 408):
dfir win ist schoener tüsent stnnt, d6s virt min fröude s6 gros
swenn %i mich rüeret an den munt, das ein künic min gends
an frOuden gerne möhte wesen.
392* islich für ieslich, und diese ncteh Orimm/ür iesdweUch : was immer für einsr, jedsr-
400. zerren sehw. v, zerreissen,
404. hirshals, einen hirschledemen Koller,
405. brisen, sehnüi-en. Vgk Ben. Wffrtb, 1, 256. (3«r. ÖV. 1 «, 937. Übrigens hat die
Es. Mu Anfang dieses Wortes ein Lochf bloss -sen ist deutlieh.
DER WEIKSCHWEL6. 221
eis Testes baacier enge. 412. d«8 sol ich wol genießen,
408. 9t sprach „d€n wines gedrenge da{ ich ze fröuden minen lip
Ist mich na ungelerret: getwungen h&a^ das man noch wip
ich hin mich sd rersperret, sinen lip sd sere nie getwanc.**
6r enmac mich.niht entsliesen. 416. Dd huob dr üf unde tranc.
407. baniieT st. n. em$ d^n OherlMb bsdsekHUU Eü$tu9^, mlaL pane4na^
409. Ist in der Es. ; ungelerret, visUeiehi ungsgerrst, urngtru^pfu
411. Wati,» erslie^en. Die JBs^ entsliu«n : geniuen*
415. Waek. uin, die Es. sinen lip. twingen oder getwiogen tt. v. MusammendriUhen^
ANGELSÄCHSISCHE GLOSSEN.
Seit Franz Jonins (geb. zu Heidelberg 1589) hatte sich kein Deutscher
bis auf die neuere Zeit mit der angelsächsischen Sprache und Litteratur be-
fasst. Junius fand in seinem Vaterlande keinen Nachfolger, und auch in der
Heimath des Angelsächsischen , wo er lange lebte und wirkte (er starb zu
Wiodsor 1677), waren diese Studien nicht zu dem Aufschwünge gelangt,
woza Junius Vorgang berechtigte. Der fleißige, umsichtige Frisch, der beste
Lexicograph des 18. Jahrhunderts ^ benutzte nur Soroneri Lezicon Saxico-
Latino-Anglicum 1659. Von dem was durch Hickes, Th. Benson, Edward'
Lye in England geschehen war, wusste man in Deutschland wenig. Ihre
WerkcT fehlten sogar früher in den meisten gi*ößeren Bibliotheken und fehlen
zum Theil heute noch. Ganz unbeachtet blieb, daß Nyerup aus den Junius-
schen Sanunmlungen in den Symbolis ad Literaturam teut. antiquiorem
(Ha\Diae 1787) col360 — ^382 einige lat. angelsächsische Glossen mittheilte.
Erst mit dem Jahr 1819 erwachte in Deutschland eine lebendigere Theil-
nahme för das Angelsächsische , als Jacob Grimm dasselbe auf eine neue
gebtreiche Weise mit den dbrigen germanischen Sprachen in seiner Grammatik
behandelte. ^) Seitdem beschäftigten sich damit erfolgreich mehrere deutsche
Gelehrte: Heinrich Leo, Ludwig EttmüUer, Franz Jos. Mone und K. W.
Booterwek.
Auch den ags. Glossen ward die ihnen gebührende Beachtung zu TheiL
So viel Mone 4eren entdeckte, machte er bekannt. Es sind folgende:
^) Du ist anch m England anerkannt. Mit Reeht tagt Kemble ron ihr: 'one of the
iBoit vonderüBl speeimeni of indottry and philologieal acomen that are preiorred in the
'[tooidi of niaD«
222 HOFPMANN VON FALLERSLEBEN
1. Glossen im Brüsseler Codex von Aldhelms Schrift de virginltate, ge-
druckt in Mone, Quellen und Forschungen 1830. S. 329 — 442, dann
besser herausgegeben von Bouterwek in Haupt's Zeitschrift 9. Bd.
S. 403— 630.
2. Ags. Vocabularius ia einer Brüsseler Handschrift, bei Mone daselbst
S. 314—323. Siehe nachher.
3. Ags. Glossar aus Epinal, gedruckt in Mone's Anzeiger 7. Bd. (1838)
Sp. 132 — 153. Es fehlt darin ein Theil des Buchstaben C und das
ganze D und E. Vollständig mit zwei lat. Glossarien- aus einer Hs.
der Amplonianischen Bibliothek zu Erfurt, 9. Jahrb., mitgetbeilt von
Dr. Fr. Oehler im Archiv für Philologie und Pädagogik 13. Bd. Heft 2.
S. 267—297; 326—387.
4. Ags. Glossen zum Prudentius aus Boulogne-sur-mer , gedruckt in
Mone's Anzeiger 8. Bd. (1839) Sp. 233—247.
6. Zerstreute ags. Glossen aus Brüsseler Hss., Mope, Quellen und Forsch.
S. 442. 443.
Ein größerer Glossenschatz und zugleich wichtigerer — denn er erstreckt
sich über das Angelsächsiscl\e , Anglo-Normannische und älteste Englische
— wird uns jetzt geboten in einem vor Kurzem erschienenen Buche :
A volüme of Vocabularies, illustrating the condition and manners of our
forefathers, as well as the history of the forms of elementary education
and of the languages* spoken in this Island , from the tenth Century to
the fifteenth. Edited from Mss. in Public and Private Collgctions, by
Thomas Wright, Esq. Privately pMnted. MDCCCLYH. 4. XXIV.
291 SS. (Hat auch den Titel: A Library of National Antiquities.
Published und'er the direction and at the expense of Joseph Mayer,
Esq.) . .
Wir verdanken dieß schön ausgestattete Werk zunächst der aufopfern-
den Vaterlandsliebe des Herrn Joseph Mayer. Während bei uns heutiges
Tages wissenschaftliche Werke dieser Art kaum einen Verleger finden , und
wenn sie ja einen finden, nur mit Opfern von Seiten der Verfasser und Ver-
leger erscheinen, und es Niemandem einfällt, etwas der Art zu onterstutzeDi
hat 'a wealtfay geldsmith of Liverpool^ gezeigt, daß sich das Geld anchza
etwas Besserem, Edlerem verwenden lässt als es unsere reichen hohen und
vomebmen Herren zu tbun pflegen. Es ist uns eine siifie Pflicht, Her»
Joseph Mayer für seine erfolgreichen Bestrebungen vaterländische Sprach*
und Altertbnmswis^nschafb ^a fördern, öff«in<;lic]% uneem inpigen Pank zu
sagen. , ,
Dieser- 1. Band enthält Folgendes:
I. p. 1^14.
GoUoquiam ad pueroa lingäae Ldtinae loQutiane exerceodos «b A^rieo
(t 1006) primum compilatum, etdeindeab AelfricoBata, eins discipulo,
i^NGeLSlCHSISCHE GLOSSEN. 223
aactum» Latine et Saxonice, ausMS.Cotton. Tiberin&A.III, 10. Jahr-
liQQdert, Nach eiatr Oxforder Hs. bereits gedruckt in Thorpe*8 Ana-
lecta Anglo-Sazonica.
IL p. 15— 48.
Alfirici'Archiep. YocabDlarius latioo-eaxonicas, 10. Jahrhundert, nach
einer JuniuB'schen Abschrift.zu Oxford; die Originalhandschrift , einst
dem Maler Rubens gehörig, ist verloren* gegangen. Früher schon ge-
drückt am Ende von Somner^s Dict. anglosax» 1659.
ia.p, 49-61.
Supplement zum vorigen Werke, ebendaher, aber jünger, 11. Jahr-
hundert.
IV. p. 62^^9.
Angelsächsischer Yocabularius aus einer Brüsseler Hs., 1 1. Jahrhundert,
nach Mone 10. Jahrhundert. Thiere, Schiff und was dazu gehOrt,
Tbeile des menschlichen Körpers, ^aipeo der Fische, Weberei,
Pflanzen. 3ereits gedr. in Mone, Quellen uud Forschungen 1830.
S. 314—323.
V..p. 70^86. •
Angelsächsischer Vocabulariusa U» Jahrhundert « w^ MS. Cotton.
Julius 11.
VI. p. 87-96.
Angels. Yocabularius, 12. Jahrhundert, IQckenhafb; die Hs. diente als
Umschlag alter Register im Archive der Cathedrale zu Worchester;
Thomas Phillips hatte schon früher davon einen Abdruck besorgt.
Vn.p.96— 119. •
Summa Magistri Alexandri Nequam (f 1217) de nominibus utensilium,
mit anglo-normannischen .Interlinearglossen, aus MS. Cotton. Titus
D. XX, Ende des 13. Jahrhunderts, verglichen mit zwei Pariser Hss.:
MS. Lat. Nr. 7679 und Nr. 217.
VDL p. 120— J36.
Dicüonarius Johannis de Garlandia, ursprünglich französisch glossiert,
hier mit einigen englischen Interlinearglossen. Wrigfa^ hat di^f MS.
Cotton. D. XX. 90 Grunde gelegt und damit das Harlei. 1002 ver-
glichen und den Abdruck, welchen G^rard nach 3 Pariser Hss. besorgte
m «einem Werke: Paris sous Philippe-le-Bel, 1837. 4. -r- Mone lieferte
schon* im Jahr 1835 drei Auszüge ans einer Hs. zu Cambrai Nr.. 867 in
seinem Anzeiger 4. Bd. Sp. 495— 498: 1. Hausrath, 2. Festungsban
und 3. Hof und Haus — merkwürdig, daß £(ich nichts der Art bei
Wright findet! Vgl. mit dem Joh. de Garlandia die von mir heraus-
gegebene 'Epistola Adami Balsamiensis ad Anselmum' (Neowidae
1863. 8.)
224 HOFFMAKN V. FALLEBSLEB£N, ANGSLSÄGHSISGHE GLOSSEN.
IX. p. 139— 141.
Pflanzennamen , lateinisch, normannigch und englisch, Mitte des
13. Jahrhunderts, aus MS. Harlei. Nr. 978.
X.p.l42— 174.
Walter's de Bibleswortfa Abhandlung in franz. Versen, mit engl. Inter-
iinearglossen, Ende des 13. Jahrhunderts. Anfang:
Femme, ke approche sonn tens.
enfaunter, moustre sens cet.
Aus MS. Arnndel. Nr. 220 im Brittischen Museum, mit 2 anderen yer-
glichen.
XL p.nS— 182.
Yocabularius metricus, 14. Jahrhundert, mit engl. Interlinearglossen.
Aus MS. Harlei. 1002.
XII. p. 183. 184.
28 lat. Hexameter über die Theile des menschlichen Körpers mit engl.
Interlinearglossen, 14. Jahrhundert, aus MS. Harl. 1002.
Xffl. p. 185— 205.
Lateinisch-englischer Yocabularius, 15. Jahrhundert, aus MS. Reg. 17.
C. XVn. im Brittischen Museum.
XIV. p. 206— 243.
Lat.-englisches Nominale, 15. Jahrhundert, ans einer Hs. in der
SammluiQg des Herrn Jos. Mayer.
XV. p. 244— 279.
Yocabularius picturatus, lateinisch-englisch, 15. Jahrhundert, aus einer
Hs. im Besitze des Lords Londesborough. Die Abbildungen sind ge-
wiss sehr treu , aber sehr schlecht, wie sie Eander zu machen pflegeoi
und konnten füglich gespart werden, da sie zur Aufklärung nichts bei-
tragen können.
XYLp.280— 291.
Lateinisch-angelsächsischer Yocabularius, 10» oder 11. Jahrhundert,
aus MS. Cotton. Cleopatra A. IE. Ygl. damit Nr. lY.
• WEIMAR, 18. April 1858.
HOFFMANN YQN FALLERSLEBEN.
FRANZ PFEIFFER» SPRÜCHE DEUTSCHER MTSTIKER. 225
SPRÜCHE DEUTSCHER MYSTIKER.
Ich löse das in Haupt*s Zeitschrift 8, 209 gegebene Versprechen » in-
dem ich den dort mitgetheilten Predigten und Tractaten hier eine Reihe von
Sprüchen deutscher Mystiker des 14. Jahrhunderts folgen lasse. Nr.I^XXXV
stehen im Cod. germ. Nro. 191 auf der k. Bibliothek zu Berlin und verdanke
ich deren Mittheilung meinem Freunde Massmann. Diese umfangreiche von
mehreren Händen des 14. und 15. Jahrhunderts auf Pergament und Papier
geschriebene Handschrift gehörte früher dem Daniel Sudermann, von dessen
HaDd auf den Rändern allerlei Notizen stehen, die aber in der Regel höchst
willkührliche Vermuthnngen über die Verfasser der einzelnen Stücke ent-
halten und darum von nur geringem Werthe sind. Da die Handschrift nicht
paginiert ist, so kann ich auch die Blätter nicht angeben, sondern nur bemerken,
daO die Sprüche zu Ende derselben stehen.
Die Namen der meisten Verfasser sind bis jezt völlig unbekannt und
über ihre Persönlichkeiten weift ich nichts beizubringen. Von dem Sachse
(XXIV) steht auch ein Spruch in Wackemagels altd. Lesebuch 890 und die
Predigten des von Stemgassen sind von mir in der Zeitschrift för deutsches
Alterthum 8, 251 ff. mitgetheilt worden.
Nr. XXXVI habe ich der Straftbnrger Hs. A. 98. Pergament 14. Jahrh.
4. Bl. 186* — 186* entnommen. Dieser leeemeister von KoUen ist ohne
Zweifel Niemand anders als Nicolaus von Straßburg.
Das XXXVH. Stück, das sonst noch öfter in Hss. vorkonunt, ^) gebe ich
Wer nach der Stuttgarter Hs. Cod. Brev. 4. Nr. 88. B1.41'— 42*. Einen
andern Sprach s. bei Wackernagel a. a. O. Von diesem Heinrich von Löwen
steht eine alte Vita Bei Hyacinth Choquet, Sancti Belgi ord. praedicat. Duaci
1628. 8. p. 77—87. Danach hielt sich H. abwechselnd in Köln , Mainz
QBd Bonn auf und war einige Zeit Lesemeister in Wimpfen am Neckar. Es
heiftt dort zu Anfang 'Heinricua de Cahtris, natus in civitate Lovardenn, de
noMlünmo genere CctUtrenMum et ibidem ardinem pr(ßdicatorum pro/eeeue,
ww«w egt Parisiis ad Studium, aber nähere Zeit- und Jahresangaben werden
keine gemacht. Vgl. auch Quitif & Echard Script, ord. prsed. 1, 602 \
FRANZ PFEIFFER.
') Z. B. auf der Coblenter G7iiinai.-Bibliotliek Nr. 48 El. 39 » --41 \ i. Anceiger 1887, 78»
n Htidetberg Cod. palst Sd7. Bl. 132^ — 184 % i. WUkens Yeneiehniss S. 505. Wenn aber
hi«r gMftgt wird : Predigten des Bniden Heinrich sn Köln, so ist das unrichtig ; es ist nor diel
•^ Stack darin enthalten. Die übrigen sind ohne Bedeutung nnd nicht Ton Heinrieh.
»smunu tu. *^
226 WANZ PFEIFFER
I fröide nimet ende mit sw^rem heTzen-
leide.
HER HEINRICH VON OOGESTBDRG. ^ ^ .inet ander» bredigen .pmh er
Diz Seite allez her Heinrich ein priester als6 ; der mensche, der in einer tdtsünden
und was ein liutpriester zuo Basel bi *) 5 stirbet äne riuwe und äne bihte , der ist
-sancte Pitei und was bärtig von Ougest- rerlorn, alsd diu geschrift wil. Aber da
bürg und er bredigete also wol, daz ez aol einez biligen; daz ist alsd: wie tu
aber die maze was, und an einer bredige und wie yerre sich der mensche Ton
sprach er also : gotte ziuhet, ie me und ie me got wege
1. Wafenl ') waz müezent toede an 10 suochet, wie er den menschen wider zuo
einem menschen sin, der sich selber über- ime bringe.
windet, daz er die sünden lat, die h6ch- 5. Er sprach euch, daz sant Augustinus
vart und die andern sehs totsünden ? D& schribet alsd : Got hat euch verborgene
von stät geschriben ^propter te mortifica- erbermede in ime selber behalten durch
mur tota die\ Er seite euch , ez were 15 des menschen willen, und die erbermede
ein heiliger man. Dd der weite unsem enlAt er meman wizzen, weder die engel
herren enpfahen , dd vorhte er sich alsd noeh sine werde muoter noch keinen
sdre, daz er dicke wider hinder sich trat heiigen in dem himelriche. — Er sprach
und trat dan aber wider, und dd er daz euch alsd: mensche, wilt du, daz dir
vil getreip, dd bat er doch eines males 20 wol geschehe und dir euch wol gelinge,
unsem herren, daz er ime kunt tele sinen sd habe siben blicke in den ougen dins
allerliebesten willen an ime zuo tuonde. herzen und an dise siben blicke solt dn
Dd kam ein stimme von gotte und sprach gedenken dicke. Der Srste blik ist: dn
alsd Mu solt mich zuo dem ersten male solt dine sündeaneblieken, wie vil der ist,
eUpfahen für alle die , die ine mich von 25 and blicke riuweclichen dtur in. Der
jdirre weite gesoheiden sist« Zuo dem ander ') blik: blicke in den gemeinen
andern male sd enpfach mich för die, die gebresten der heiligen kristenheit mitte*
mich unwürdecliehe und in tdtsünden lidencliche. — Der dirte blik: blickein
enpfkngen hänt. Zuo dem dirten male dise weit ellendecUche , wie siu den
enpfach mich für die, den man mich niut 90 menschen triuget. Der tierrde blik:
wi) geben. Zuo dem vierden male enpfach blicke in die güete gottes und in alliu
mich für die , die mich wärdeclich und sine minnewerk anddhtecliefee und dang-
.4ne Sünde enpfähent.' berliolie. Der fünfte blik : blicke in
2. Er sprach ouch: melische, du solt sine strenge gerehtekeitvorhtaamedliobe.
^ch niergent anderswa nisten denne in 3^ Der sehste blik: blicke in alle geläbedc
den wunden unsers herren, und wä du begirliche. Der sibende blik: blicke in
anders nistest, sd bist du unreht an dem allez din eigen leben wislichen.
wege. Diz nisten ist niut anders danne 6. Er sprach ouch alsd : begerunge des
gedenken dicke an unsers herren martel herzen und unsprechenlichiusuezeundbe-
und ouch an sinen tdt und daz die 40 girlichiu hitzigiu minne daz sint driu ede-
niemer gerwe üz dime herzen söllent liu ding. Wir süllen unser herze da hin
komen. stecken, da diu wäre überswenkige
3. Er sprach ouch alsd: aller der weite minne ist.
*) bl fehlt — *) woflTa. — •) Den andern imd 90 f&rt.
SPRÜCHE DEUTSCHER IfTSTTEER. 227
II, cl& Tor ans rinden. S6 helfen! lin um
rkipo nvrtvr^ ^^^^ erwerben, daz die Sünden TertilMt
werdent, die wir getan haben. S6hittent
1. Der Beheim, ein b^rediger, sprach siu für uns, daz wir gefristet werden in
an einer bredJgen alsd : Wan diu sSle o den gegenwertigen Sünden. 86 beschirm
konet ftr gottes angesiht, sd wirt sin in ment siu und behüetent uns vor den
dem ersten aneblieke alsd wfse, daz sin künftigen sÜnden. Sd gesoheident sin
wetz allez daz gotiebeschuof oder iemer sich niemer von uns unz an unsern tdt,
m^ geschaffen wil unz an driu ding. wir sin in sünden oder kne sünde.
Daz erste ist, daz siu niut mag wizzen to 5. Der Beheim, ein brediger, sprach
der stunde des jüngesten tages. Daz alsd: der heilige geist ist unser für»
ander , daz siu niut mag wizzen gottes spreche, sd ist er unser troester, s6 ist er
almehtekeit und siner krefte und sinre unser reiniger, sd ist er unser ISrer. — -
fdsbeit ein ende. Daz dirte ; war umbe An einer andern bredige sprach er alsd :
gt)t einen mensdien zuo dem himel- 19 wellen wir, daz der heilige geist zuo
riebe hat geschaffen unde den andern uns kome, sd süilen wir driu ding an uns
ZQO der hellen, und er ouch daz rer- h&n. Daz^rsteist: wir sÜllen daz gottes
»eben hat. wort gerne hoeren. Daz ander: wir
2. Der Beheim y ein bredigier, sprach süilen gerne bihten. Daz dirte: wir
also: wir süUen swestem h&n alse La»- m süilen gerne betten.
zems bette zwd swesiern: Maiid und
Martha, das isA: vnser erkentnisse und UL
unser begening^ .Mlen denn, «pr^ ^^^ ^^^ FEIDEBERG.
chea : henre, la cnnen willen an nir war
werden und lä diaen namen J^u niitt an » Der Ton Frideberg, ein brediger, der
air TerioreB werden und lä dinen propbl- seke ein wort, daz duhte mich aller werte
ten mut cuo einem lügener an mir wer* ein hört, und sprach alsd : welioh mensche
4en, der spsach also : in qu4»€it9nqu0 kora nneers herren fronlichamen ze einem
mgenmmi ptoeaior smtvabitmr, daz spri« - m41e hat enp6ingen ane tdtsünde mit
fibet ze diuttche alsd: in welet stun- 90 etme Intern reinen herzen, wie doch der
den der sfinder ersin&et, «d wirt er be«- selbe dA n4ch in ril sündein vellet, beide
haken. tdtsünden nnd ander sünden, und daz
3. Der Beheim leite aiber und sprach, lange tribet, sd ist diu kraft unters
daz ein heilige sdti^bet oIbA: daz gnote herren lichamen sd manigraltig, den der
ernstliche gebet daz tringet üf durch diu S5 mensche ze einem male enp£angen hSt
wölken und über die himele und er windet wüideclichen, und ist ouch denne unsers
oieiaMr, es enkome dan für gottes ougen; herren erbarmherzekeit sd grdz, daz er
80 eakomet ez euch niemer dannan , ez e alle sine wisheit wil durchsuochen und
enwerde danne erhoeret. dur^gründen , wie er dem selben men»
4. Der Beheim, ein brediger , sprach 40 sehen gehelfe, daz er niemer gesoheidea
»Iso: wir «Allem die engel liep h4n und werde Yon sime ewigen himelriche.
lüUen in betten und süilen aiu ^en, wao ^
sin sint unser brüeder und sint unser „^^t ^•r^'^T/^-r.^m * /^tt
A- j , • .11 ^^j, RÜODOLF VON GENGENBACH.
»enef und Irnngeut alle unser gnottete «.i^v/A^v*-.i.
fo gottes engen und samenent uns di49 1. Bruoder Ruodolf, ein Willehelmer,
einen hört von guoton we^en , den wir sprach an einer bredie alsd : ez besohehent
15'
228 FRANZ PFEIFFER
drige fragen eime iecliehen riehen men- VI.
sehen naeh sime tdde , so ez von dirre BRUODER FRIDEBICH VON
weite gescheidet. Diu ^rste ist alsd: NIüWENBüRG.
sag an, wie hast du din guot gewunnen?
Diu ander frage ist: sag an, wie h&st 9 1. Bruoder Friderich, ein heiliger
du ez bosezzen? Diu dirte fr&ge: sag leigebruoder , der seite, daz er einen
an, wie hast du ez verzert dine tage? menschen wüste, zuo dem sante unser
2. Bruoder Ruodolf von Gengenbach, herre einen engel. Der sprach zuo dem
ein Wilhelmer, seite an einer bredigen menschen also : wer n&ch gote gedenket
die raere von zwein gebrüedem , wie to und trabtet, der ist zuekersüeze, s6 ist er
einer dem andern zuo kam üf eime fiiurin lüterer dan kein spiegel, sd ist er wiser
rosse und doch t6t was, und wie ime dan kein p&iTe, der diu buoche kan, so
giener in daz himelriche half. ist er froelich alsd diu lember (wan diu
3. Bruoder Ruodolf von Gengenbach, lember sint allewegent froelicher voran-
ein Wilhelmer, seite an einer bredigen, 15 dern ereatdren), sd ist er küener dan kein
daz sant Augustinus schribet alsd , daz löwe, alliu ding ane ze grifende in gotes
diu demuot überwindet got und den namen, sd ist er sterker dan kein hel&nt,
menschen und den engel und den tiufel. wan waz man ime üf leit daz treit er
allezsament mit willen; daz ist: waz in
V. 20 arbeit ane gat, die.lidet er gerne durch
^^« -rr^^T ^,vv r. r-^^T ff^t, sö wil imo euch got m§ wunnen geben
DER VON NUZZEN. j- 1, nÄ -^ u ^i.*^n
danne her David wunnen mag betrabten,
1 . Ein brediger hiez der vonNüzzen, der der da ist in der wunnen.
Seite an einer bredigen und sprach alsd: 2. Dar nach seite er, daÜb oueh unser
der seien füeze daz ist diu minne , wan 25 herre selber zuo dem menschen kam und
diu sSle mag niut geläzen, siu müeze seite ime alsd: wilt du friden hän, sd tno
etewaz minnen für alle ander ding. Da alsd ich. Waz du danne hoerest^ sd tno
von sol man got minnen, wan niemen alsd du ez niut enhdrtest, und waz dn
anders mag die sSle getroesten wan got. sihest, sd tuo alsd obe du ez niht ensehest,
Der got minnet, der hat euch die fueze, 30 und waz -du weist, sd tuo alsd du ez niht
die in dd. tragent den sichern weg. enwistest. Wan ich hoere alliu ding
2. An der selben bredigen seite er euch, und tuo alsd ich siu niut enhoere ; sd süie
daz ein heilige schribet alsd: wanne ein ich alliu ding und tuo alsd ich siu nint
mensche einer Sünden widerstat mit ensehe ; sd weiz ich alliu ding und tno
kreften, die der tiufel ime riet, der getar 35 alsd ich siu niut enwizze. Man schiltet
ime die selbe sünde niemer me geraten, mich, man verswert mich und alliu din
noch getar in niemer m§ mite bekoren, gelide, diu an mir sint; man fluochet
3. An der selben bredien seite er euch, niir und riebe mich doch niut an den
daz her David schribet , daz ein ieclich liuten , diu mirz tuont , und gibe in ir
mensche ein lieht in ime hat und daz 40 ndtdurft.
lieht schinet von gote in ez, und ge- 3. D4 nach seite er aber, daz der selbe
hdrte der mensche niemer keine bredie mensche euch begerte ze wizzende Ton
wan daz er niuwent dem liebte nach unserme herren, wie vil er wunden hete
gienge, er k^me zuo gote, und daz selbe enpfitngen, dd er in daz grap wartgeleit.
ist 'niut anders wan eins iecliehen men- 45 Dd sante ime aber unser herre einen
sehen consciensie. engel, der sprach alsd: dd er in daz gmp
SPRÜCHE DEUTSCHER MTSTIKER. 229
warigeleit, d6 hate er enp&ngen niun weiz ouoh, wes man mich zihet. D6
täsent wunden und niunhundert wunden sprach unser herre also : ina, sage an,
und fünfhundert wunden. Und wizztst euch waz zech man mich 4ne alle mine schulde ?
w^lichen, sprach der engel, wer ieclicher Dd erschrag der mensche von dem ein!«
wunden ein pater noster sprichet , den 5 gen werte also sere und doch also süezeo-
wU unser herre gewem, swes er in hitet. Üche , daz er wider kerte und bleip d6
4. Dar nieh seite er anderwerbe, daz stdte an guoteme lebende unz an sin
onser frouwe selber zuo dem selben men- ^nde.
sehen euch kam und sprach alsd : wilt du IX.
ToUekomen werden, s6 rolge miner l^re, 10 j^^^ FRIÜNT
und sprach dd alsd: du seit dich keins
welkes beheren und deheines gewandes Ein brediger hiez der Friunt. Der
beschämen und seit eine icliche spise für sprach alsd : sant Pauwels schribet Ton
gaot hin, die man dir ftirsetzet, und solt deme himelriche also : kein liplich ouge
dich alle zit fiir den minnesten han, und 15 mag ez gesehen , kein dre mag ez ge-
U dir der weite lop unmere sin. hoeron, kein herze mag ez begrifen, und
Disem selben bruoder Frideriche von dirre brediger sprach her üf also. Aber
Niawenburg geschahen disiu dinge alle- doch merkent ein glichnisse. Man nimet
SMDent selber. zwene man , der ist einre blint geboren,
20 der ander gesiht wol und die zwene leit
VU. man in einen vinstem turn. Sd sprichet
BBDODER NICLAÜS. der eine, der d& gesiht : ach w^re ich ib.
sd sehe ich doch die sunne und den manen
Bruoder Niclans, ein Wilhelmer» seite und den liebten tag. Aber der blinde
m einej bredie und sprach alsd : wir 25 gedenket alsd ; wa von seit dirre oder
Süllen idle tage zwene boten üz senden. waz ist ez ? Har umbe en weiz ich niht
Der erste böte ist vorhte , der ander und enweiz euch , waz ez ist. Sehent,
böte ist zuoTersiht in den himel. Tuen noch minre mügen wir wizzen oder ge-
wir daz , sd werden wir guot und.keren sagen von der wunne uud von der fröide,
QDS Yon den sünden. 30 diu in himelriche ist: alsd grdz ist ez ein
ding über alle menschliche erkantnisse.
vm.
DER KÜBELER. ^'
-,. , ,. ^. , ^„^ , , DER LESEMEISTER ZÜO DEN
Em brediger ^ez der Kubeier, der 95 AUGUSTINERN,
ieite an einer bredige alsd, daz ein geist-
Hclier mensche weite unserme herren abe 1 . Der lesemeister von den Augustinern
^ gegangen, wan in diihte, wie er zuo der sprach alsd t dd man unsem herren
^ii lidens hete ane sine schulde. Dd für gerihte fuorte , in den ziten dd was
erschein ime unser herre und sprach alsd 40 ein gewonheit, daz man zehen banier uf-
ZQo deme guoten menschen: sage an, reht huop in des rihters hof, do man ei-
^'M wilt du nu tuen, oder waz bristet nen menschen wolte verderben oder
dir? Dd sprach der guote mensche: ich zwSne oder me, und diu selben banier
It&n alsd yU lidens ane alle mine schulde, hatten des keisers zeichen und huoben
wamie ich entuo nieman kein leit, und da 45 diu euch zehen edel man, ie der man eine
Ton enweiz ich, wie ich tuen sol und en- mit sinen henden alle die wile daz man
230 FB^NZ PFEIFrEB
gerillt« hftte. Dd siu nnsera herren Ibor- in gesotten, daz sint £«, £e d4 (»bteiit
ten für dai gerihte üser Pilatus hüs in und vastent und sich wol bereitent und
den hof her abe, dd w&ren diu zehen enpfabent in mit and4ht und wankest
banier gegenwertig. D6 tet unser herre dan dar naeh abe und st&nt denne aber
an der stette ein schoene zeichen, daz was 5 wider üf und siedent in also dicke and
alsd , daz in allen diu zehen banier vor dicke. — Die dirten ezzent in gebr&tcn.
den henden abe brachen und fielen in Daz sint die, die in Ton warer miaue
stücken nider üf die erde, ez were in leit enp£lhent, und dai sint die besten und
oder liep. Und hie mitte zOigete unser die seligesten.
herre , daz er was und ist eweclich ein 10
herre über alle künige und alle keiser. XIU.
2. Der lesemeister zuo den Augusti- ^^^ SCHÖLZELIN.
nein sprach alsd, daz sant Augustinus
scbribet als6 : mensche , kanst du din Der Schölzelin , ein barfuoze , sprsfik
lebengewandeln,8dkan euch unser herre 15 an einer bredigen^alsd: dd die judca
sin urteil gewandeln. unsern herren viengen, dd waren siu sin
alsd begirig, daz ime sine zarten föeze
XL nie zuo der erden kämen oder aber gtf
DER VON DURLACH. ^^'^«' ''^ *'" l" f"° J«"»«^«» ™ ^«^
20 geyangen, und diz geschach yon grozem
Der Ton Durlach, ein brediger, sprach getrange und von gestoeze , daz siu ime
also: wil ein mensche den heiligen geist ane täten. — £r sprach ouch: sinre
hän, s6 sol er disiu vier ding hän. Daz groesten pine einiu was diu, daz ime der
erste : sin herze sol itel sin, und daz ge- zendäl was in die wunden gefirorn , den
schiht Ton riuwen wegen und von ein- 25 ime dd Herodes hiez ane legen , und dd
valtiger bihte und von kiuschekeite. man in bi dem criuze abe. zdch, dd zarte
Daz ander: daz der mensche sinen lip ime der selbe zendäl die wunden, die er
kestige, alsd yil er mag, mit Tastende an der siulen enpfangen bette, daz sin
und mit andern guoten dingen. Daz ime alle frisch bluotende Wurden. -^ £r
dirte: daz der mensche gerne bette. Daz so sprach ouch, daz sinre groesten martei
vierde ist, daz er gerne daz gottes wort einiu were, dd er wart üf das criuze ge-
hoere. werfen. Da hette daz criuze strumpfe,
Xn. ^i^ wären wol spannen lang, die stächen
EIN BARFUOZE VON BASEL. ^® *° ''?^° zarten rücken, daz er swer-
35 lieh yerseret Wart. Diz schribent aUez
Ein barfuoze von Basel bredigete alsd: die heiligen, sprach er.
driger bände liute enpfähent unsern
herren. Die ersten ezzent inalse röwe; XIV.
daz sint die, die sich niut wol hänt be- ^^^^^^^ *,-r^^v,T^^
. . ' , .. BRÜODER LÜDEWIG,
reitet gegen unserme herren mit rast- 40
ende und mit bettende und mit andern 1. Bruoder Ludewig sprach an einer
guoten dingen und enpfähent in doch und bredigen also : wilt du rehte bihten und
gänt danne wider hein und zürnent mit daz dir din bihter ouch apläz müge ge*
irme gesinde und leben t rehte alse vor sprechen , sd sich , daz du under disen
mit Worten und mit werken , als obe ez 45 fünf dingen keinez an dir wizzest. Das
nie geschehen wdre. -- Die andern ezzent erste ist yientschaffc gegen ienanno.
SPRÜCHE DEUTSCHER MYSTIKEK. *S1
?irh^^tnd^ ^01 wider Msf«e widerrert ime. .prichet .«it Aug«. ««.
iLe D« Tierde: hast d« willen *• Bruoder Ludew.g «e.te an einer bre-
S«ldende. Daz fünfte: verswlgest 5 dige von ^^l^f^'^^^^J^^^XZ
d« keine Bünde wi«zentUchen oder muot- otden. Den fraget« m appet wie er
willecKohen ror rorhten oder «banden, bettite »der waz er beUx^. D6 spr^h
2. Bruoder Ludewig spr«sh an einer er 'herre nnd lieber jatter . 'ch dberhse
bredieaU«: mensche, dich behebet niut alle tage dn« buoch «nd m.t d« habe
«rfer.ind.n»ünd«da..i«wider8penigioichonchge«nog«e tuende. Da^ erste
wiUe und ein träger wüle. Er «ite euch ist .war.: au dem hw .ch alle mme
dium4reToueinem.der8prachzuo.ime «ünde. »" "^"f**- '^J^l^!.
geseUen ab«: 'whent ir di.en munf? i«»» «»"« he"*» 1«"*" «°^ v . ^1
lundgreifandenmunt-darin« sprach ™d .in heilige« rö.erarwez blnot Dm
er'k«metni.merwiBe.m6'. Und in den 15 dirf buoch ist gnl&n : «/«'» '»« jJJ
ahte tagen starp er und wart behalten, den «wigeu nnsegeUchen Idn. den uns«
-Dr.elbe.praeh aber als«: mensche, »>•»« allen den w.1 geben, die «nen
bit got umb einen rehten .in und umb ein '*n\l»B tuont.
gnotende.
3. Bruoder Ludewig .praoh al8d:30 ^^•
tmg, lliuch und ruowe. — An einer an- BRUODER LEMPFBIT.
dem hredire sprach er also: SaI«mon .... .«
sprichet: wUt du gotte wol gerallen. sd 1- Blöder Lempfrit. em A«g«.^ner.
erbarme dich über dlne sSle. - Aber an ««»« «« ««"' Predige und sprach als« :
eberandembredigespracherals6:wilta5m«»«he. wilt f« durch da. röte mer
du gottes minne reht und ganz hdn. s« kernen in daz gelobete laut (daz ..t durch
Mete dich vor tdtsflnden und l&z dich dise weit in daz himeWche). sd solt- dtt
riuwen aUe dlne sünde. die du getÄn di.e «wMf wege gan Der «rste weg
hüst. und l&z dir siu leit .in und flebe «*: hap rehten ganzen knstenenglouben.
dich an engenden und hap keine rigent- SO De' ««der weg ist: hab starke grdze
«haftnocrhaznochgrollengegendhne rtÄte .«0Ter.±t. Der dirte weg ist: du
ebemne«fi!kw. Ol, irt diu rehte w&re wit bihten. Der ylerde: du solt yer-
f>umvwrimv». VW j...„ u,^ jreben. Der fünfke : du solt gelten und
gottes mmne. — An eu»er anderen bre- geoen. irw ". f
digen sprach et als«: in himeWche ist widergeben. Der sehste «st: du solt den
Til froiden, die ich dir niut aUe kau noch »5 Hüten ir 6re wider geben. Der sibende :
enmag gesagen . wan ir sint wol zwOlfe du solt din sölgerete setzen mU sollicher
h genomen. der selben mag ich dir bescheidenheit. daz du dine rehten erben
nfiwent drtge gesagen. Diu Srste: in niht erzürnest mit beroubunge des erbes^
himeMcheistge1untheit&neallezwe.Dlu Der ahte: *»•»•*""? S'^Skä^
«.der: d& ist jugentane alter. Diudirte:« .ünde. Der munde: du solt frö'««e.l>&n
da ist wünwhe gewall und swaz man be- «uo gotes erbermde . als« daz dm rmwe
gert oder begere» mag. - Er sprach üit s« gr«z si. daz du in keine Terzwire-
oach:welerbriester eine me.se liset mit lunge vaUest. Der zehende weg ut:
Mdibt. der engestirbet des tages niemer daz dudenne soltbegem des IMnlichamen
kuBgers. ^ stirbet er ouch niut eines« «»•«" h*"«- »«« f^'- ^f.^''^!!
gShen tMes, .« altet et de. tage. niut. n&ch solt begem des heiligen olei.. Der
232 PBANZ PFEIFFER
zwölfte und der jüng^ste wegitt: das du dan ein beiien der ewigen s^lekeii Am
•olt d4 naoh gote gehorsam sin zuo allen zwiTel.
sterbende oder zuo genesende, wellez sin ^^
aller liebester wille sige.
2. Bruoder Lempirit, ein Augustiner, 5 £in bruoder, ein barfuoze, sprach an
Seite an einer bredigen , daz ein heilige einer bredige alsd: swenne diu i^Ie
schribet alsd: war umbe hat got eine ruowet an einer stat, sd wirt siu wise.
dwige helle? Nu ist doch diu sünde niht
iwig, wan alliu sünde üf ertriche diu XXI.
muoz zerg&n. Des antwurtite unser 10 BRÜODER MATHEÜS.
herre und sprichet also: ich engibe niht
ftwige helle umbe die sünde , diu doch Bruoder Matheus seite an einer bre-
muoz zerg4n : ich gibe nüwent umbe den dige alsd : mensche , gedenke dicke an
dwigen willen, den ein mensche hat ze gotes tdt und dar nach an dinen tdt, daz
Sündende. Wan wenne ein mensche 45 e^ muoz sin, und hap gots vorhte in dime
siech lit und ez gedenket: genesest du, herzen. Disiu driu ding machent dich
du enmöhtest der sünden niemer me ge- l^zende alle sünde.
lizen, und stirbet ez denne also, sd füert
ez mit ime einen Ewigen willen. Dar XXII.
umbe wirt ime ouch diu ewige helle. ?o DER HUNT
XVI. Ein brediger hiez der Hunt, der seit«
^^^^^^_ „ aneinerbredige,dazeinweltwi8ermeistelr
BRUODER ÖRTELIN SICKE. % x. ^ ^ • j. - - jj.
», M.^M.*a^xL^ axxjMMuu, sprach also: ez ist nieman wiser dan der
Ein brediger der hiez bruoder örtelin Q5 mensche , der da lützel hat und noch
Sicke, der sprach alsd : riuwe ist ein üz- minre begert zuo habende,
gang üz den Untugenden in die tugende, ^^ »eite ouch die mere yon künig
und daz sprichet ein heilige , sprach er. Alexander , dd er den menschen an der
strazen Tant ligende.
xvn. ,„
Ein brediger sprach an einer bredigen XXIII.
alsd: der niut wol reden kan, der s^ge djjr vON AGHENHEOI.
und schine ein wiser man.
Der Ton Achenheim , ein barfboze,
Xvixx. 35 Bpf^^ ^^ einer bredigen alsd: daz aller-
beste ist an dem menschen guotiu er-
BRÜODER THOMAN. kantnisse, wan siu wert uns die sünde
Bruoder Thoman der lesemeister zuo ^^ ^^^^^ »n* ^a v^»- ^^^^ daz uns
den Augustinern sprach alsd: her Sala- behebet daz istblintheit und niut anders,
mdn sprichet: wer got vOrhtet der sümet 40 ^^ ^^n mag der mensche got iemer gerne
niuschent. loben, der guote erkantnisse hit.
^^- xxnr.
DER VON GABELSTEIN. BRüODER VOLÄIAR.
Der Ton Ghibelstein, ein brediger, sprach 45 1 , Bruoder Volmar, ein barfhoze, seite
Alsd: rehtitt zuorersiht ist niut ander« an einer bredigen alsd, daz nieman ge-
SPRÜCHE DEUTSCHER MYSTIKER. 233
loaben sol an das wort: ^ez ist ime be- — Er sprach ouch: wir süllen got bitten
schert* umbe ftiden des herzen , td mügen wir
2. Bruoder VolmÄr der barfüoze der gotte gedienen deste baz, wan ane friden
Seite an einer bredie also : wer sich siner sd ist ez kümberlichen gotte ze dienende.
Sünden rüemet, daz ist der groesten sün- 5 2. Der Sperwer sprach aber also :
den einin, die man mag rinden; und mensche, tuo dich der weite abe und
sprach ouch, daz unser herre eime künige trücke den lip und widerstant dem tiufel
in einer stunden sluog umbe die selbe und,kSre dine Vernunft üf ze gotte.
Sünde fünf tüsent und ahtzig tüsent man 3. Der Sperwer sprach an einer bre-
nnd hundert tusent man. 10 dige als6: wilt du gottes lichamen en-
pf&hen, 86 solt du daz gottes wort gerne
XXV. beeren und solt riuwe hän umbe dine
DER VON FRANKEN. '""''." ^"^ »"'**'* « «tetbe« ö du eine
totsunde tetest. — £r sprach ouch: wilt
Der Ton Franken, ein brediger , seite 15 du gnot hüben , so fliuoh die weit und
an einer bredigen, daz sant Jaoop schribet twing dinen lip und wer dich des tiufeU
alsd: wer daz gotes wort beeret und niut und kere dine yemunft üf ze gotte.
dar nich wurket, der tuet alsd der sieh
besihet in eirae Spiegel. Wan wer in XXVIII.
einer Spiegel siht , so er dann&n komet, «0 d^r yoN TENNESTETTEN.
so Tergizzet er schiere sin selbes bilde.
Also geschiht ouch deme, der die bredige ^^^ ^0° Tennestette, ein brediger und
hceret und niut dar nach würket. ^^ hdher lesemeister zuo KOlle , der
sprach also : ich weiz wol , daz man mir
XXVI. 25 ^'^ biutet, swa ich bin künig , und daz
Tfc "D c CT ™*'* ^^^ ^^^ biutet an ezzende und an
trinkende, und so ich sihe ettewenne
£in barfboze hiez der Sahse, der seite einen menschen in der stunden s6 ich izze
ui einer bredigen also: mensche, waz oder trinke, der selbe mensche %ze oder
diB herze und din sele begert, dar nach 30 trönke ouch gerne und enhat niut, und
ist ouch din sele geschaffen von gote. daz sihe ich und er erbarmet mich und
* gibe ime, daz ich doch wol selber 4ze
2XVII. und daz min n4türe ettelicher mäze di
da von beweget würt. Aber swenne idi
DER SPERWER. ^^ ^^ ^^^^ ^^^ swelich mensche diz tuot,
1. Der Sperwer zuo unserr ^) firouwen der tuet m^ |dan. got tete, dd er himel
brnedem sprach als6: ich ensorge niut und erde beschuof. War umbe? Dar
wan ich sterbe, ehte ich nüwent bereit umbe: dd got himel und erde beschuof,
bin ze sterbende. — Er sprach ouch als6 : d6 wart ime sin natüre nie beweget noch
mensche, du solt din herze gotte geben 40 berüeret und enhatte kein leit dar umbe.
ond tuo dich der creaturen abe und yer- Aber swenne ich diz tuo, so habe ich ein
einige dich mit gotte. Und diz ist der wenig leides von naturen, oder ein ander
gnint und daz herze und diu wurzel aller mensche, der ez tuot.
siner bredige , die ich ie von ime hörte.
234 FRAKZ PFEIFFER
XXIX. MH disen drin kreften mag ein mensche
BRÜODER ARISTOTILES. ^**^ ^'^^ mensche werden nach gottes
willen.
1. Bruoder Aristotiles sprach an einre 2.BruoderSteinmareinbredigerspracfa
bredie aisd: dasirdemminnesiben betteler 5 als6: der den andern minnet daz ist nint
tuont , daz tuont ir mir , sprichet unser anders dan der eime guotes gan.
herre J^sus Kristus, und da ven, mensche,
sd iein anner mensche komet an din hüs, XXXI.
b6 mäht du wol sprechen: wer ist da? — ^^„ «,^,^^ „^^ -r^^^r ^^^•.^^^t.t.xt
r,. . ^ , ,. *^ ^ ., . DER PRIOL ZÜO DEN BREDIGERN.
Das ist her Jesus. — Waz wil er oder 10
t heischet er? — Daz sine. — Waz Der priol zuo den bredigern sprach
wil er mir gen ? — Quoten wuocher, daz an dem karMtage ; herre, ich mane dich,
ist: ewig leben. — Waz han ich von daz du mensche bist worden. $6 mane
ime enpfangen ? — Allez daz ich ge- ich dich , daz ich d jch in minen henden
leisten mag, daz ist: sele und lip und 15 hin. 86 mane ich dich an din heilig«
*re und guot. — Waz wil er dar nach bluot und an dinen heiligen t6t Hie
tuen? — Er wil bi dime ende sin und mitte erlöste ein priester eins ritten
wil dich geleiten in daz ewige riebe. s^ie.
3. Er Seite ouah die mere von dem yyXTT
philosophdi der d6 an des küniges porte 20
kam nackent unde bl6z also ein buobe ^^^ ?:üSE.
und in der torwerter niut weite in läzen, Der Küse der brediger sprach euch:
wan er ungekleidet was. Und d4 nach üden were daz aller edelste, wan sin nie
gieng er enweg und l^hente vehiu oleider nieman würdig wart wan got alleine,
an und dar nach wart er in geläzen. 25
2. Aristotiles, ein brediger, sprach an yxynr
einer bredige also : unser herre JSsus
Bäristus der tet allewegent ein zeichen ^^^ ^^^ HAUJ;,
der gotheit bi eime zeichen der mensch- , 1. Der Ton Halle, ein barfuoze, sprach
eit und dÄ mitte zeigete er ouoh , daz er 30 alsd: cHverte a mcUo et fac bormm. Da«
was warer got und warer mensche, alsd stÄt in dem salter und sprichet ze tiutsche
dd in die Juden wolten vahen, dd sprach alsd: ker dich von dem boesen — und
er: 'ieh binzf nuwent daz eine wort. Dd daz ist diu sünde — und tue daz guote.
vielen sin alle hinder sich rückelingen — Er sprach owh: hüetest du dich vor
dar nider, und was daz ein zeichen siner 35 den sünden und verdienest du euch niut
gotheit. und anderwerbe sprach er 'ich Idnes von guoten werken, sd mäht du das
bmz!' und lie sich dd ane grffen und dwige leben niut wol gewinnen. Bist du
vahen, und daz was ein zeichen siner aber trege und laz und Idwe'zuo gottes
men«cheit. dienste und vihtet dich der Ifp an oder
XXX. 40 diu weit oder der tiufel, und wilt du danoe
BRÜODER STEINMAR, ^^^^ werden und gewillig und unver-
drozzen, sd gedenke an vier ding. Daz
1. Bruoder Steinmarlin ein brediger drste ist: gedenke, disiu zit ist kun.
der Seite alsd: bescheidenheit und ver- Daz ander ist: gedenke an den Idn, daz
nunft-und wille daz sint drige krefte der 45 ist: diuunmezigeunzellicheungeseheHche
seien, die got dem menschen hat gegeben. fröide, diu dir dar umbe wirt. Daz dirtc:
SPEÜCHE DEUTSCHER MTSTIKER. 235
g«deBke aa die helle imd an die ^wige weite und sluog die bühse dem prieater
uflJideliche pine. Daz Werde Ut: ge- dz der hant. — An der selben bredigen
denk» an unser« herren liden und an sine seite er euch die mere von eime, der ror
marte] und an sinen heiligen tdt. dem walde lag und sinen gesellen n4eh
2. Der Yon Halle, ein barfboze, seite s eime pfkffen hiez lonfen mit unserme
aa einer bredien, daz zwei sint, die ma- herren und weiten ime sin pfert mit der
chent uns lebendig an der s^len. Daz schalobeit hin genomen.
erste ist bredie oder daz gottes wort.
Daz ander ist der heilige geist. Wellen XXXIV.
w au kb«di, weHen «der .«en. so ,o ^^^ ^^^ STERNEGAZZe'.
suUen wir daz gottes wort gerne und
dicke hoeren, und sfillen zem andern l.DeryonStemegazze, einlesemeister
male unsem herren bitten , daz er uns zuo den bredigem , sprach also an einer
sende sinen heiligen geist, also daz uns bredige üf den Sünder: wer niut riuweu
die Tier wind« dicke ane w%ent, die uns 15 mag h&n , der sol sich daz riuwen Iftn,
da machent wol tuende und uns euch daz er riuwe niut mag h&n ; wan swer
naebent tU gerne reht tuende. — Der riuwe gert, der wirt doch ze jungest ge-
•rste wint das ist, daz wir süllen dicke wert und verUt in got niemer. — Über
gedenken über uns an die himelsche die selbe bredige seite er die m^re ron
&öide, wie wunneclich und wie grdz diu 20 dem ritter, der dd zuo hüse siech lag
ist. Der ander wint daz ist, daz wir und ime der pfaffe niut unsem herren
dicke Süllen gedenken under uns an die weite gen von siner grdzen Sünden wegen
hellesche pine , wie unlidelich diu ist. und wolte unscrn hen*en wider hein h&n
Der dirte wint daz ist, daz wir dicke getragen. Dd bekam dem selben pfaffen
snllen gedenken hinder uns an unser 25 'sant Bemhart under wegen und hiez in
^orraren, an hern Adam und an alle unsem herren wider tragen.
VBscr altvetter und an alle die , ron den 2. An der selben bredige seite er euch
wir kernen sin, wie ril 6ren und guotes. die m^re von dem menschen, daz d4 zuo
sin hetten oder wie sohoene siu wären bihten gieng und ez der priester daa
oder wie gewaltig siu wAren , daz siu 30 gebet l^rte alle fritage ein ganz j&r
doek alle tdt sint and muosten sterben, alumbe alsd:
Cod alsd tflUen wir onch gedenken, daz Schöpfer aller crdatüre,
wir den selben tdt noch müezen liden, wan du barmherzig bist Ton nÄtüre,
wir enwizzen aber wenne oder wie oder s6 Ik dich twingen diu miltekeit
wa. Der rierde wint ist, daz wir dieke 85 und sich an mine swacheit,
svllen gedenken, für uns an daz jüngeste herre, durch dinen bittem tot,
gerikte, wie wir d& müezen rede und herre, durch diu heiligez bldt [= bluot]
ftatwürte geben umb allez unser leben, hilf mir abe mfner not.
Qod waz laaiers und waz schänden und Und der mensche kam wider zuo dem
jioiers man da würt sehende an den 40 priester, dd daz j4r umbe kam und bih*
Sündern, und waz fröiden und wunnen tite anderwerbe. Und dd er geHhttte
^d lobes man da würt sehende an den dd starp er vor des priesters engen Ton
gnoton. dem grdzen riuwen , den er hatte , und
3. Der Ton Halle, ein barfuoze, seite fuor ze gotte. Dar helfe uns euch unser
gv ein sehoene mere ron eime riehen 45 herre. Amen,
ntaa , der dd nikt bihten noch riuwen 3. £r seite euch an der selben bredigen
236 FRANZ PFEIFFER
TOD eime ritier , den rerbranie das die meister» sprach er, daz der heideniche
hellesclie fiur, wan er oiut wolte glouben meister baz rette dan sant Augustinus,
an daz ^wangelium, daz da sprichet: der d4 sprach: man sol got minnen also
wer sich nidert der wirt erhoehet, aber daz kein wanimbe noch kein danimbe
wer sich hoehet der wirt genidert. 5 d4 si. Wan man sol daz beste minnen
4. Er Seite euch dar nach an einer durch daz beste; wan got daz aller edelste
bredigen , daz sant Bernhart sprichet ist, so minne in durch sine edeJkeit.
als6: siben ding kerent mich ze gotte 6. Au einer andern bredien seite er
und ziehent mich ron den Sünden. Daz die mere von eins herren sun zuo Paiis,
^rste i^t schäme der sünden. Daz ander 10 der was nüwent zwelQerig und wart ein
ist Torhte der hellen. Daz dirte ist brediger und sprach zuo sinem yatter:
vorhte mines tddes. Daz vierde ist rorhte mich haut driu ding har in dize clöster
der stunden. Daz fünfte ist yorhte der braht. Daz erste ist schäme der sünden.
wise des tddes. Daz sehste ist zuover- Daz ander ist vorhte der hellen. Du
siht der ewigen fröiden. Daz sibende ist 15 dirte ist diu fröide des himelriches.
diu miltekeit, diu an gottes erbermede 7. Er seite euch die mere von der
ist. Und Seite euch die mere , wie daz tohter, diu iren yatter und ir muoter zao
unser frouwe küsterin wart in eime clöster, t6de stach und dl^ n4ch wart ein oiSenin
und Seite euch daron sant Nycasien, wie Sünderin. — Er sprach euch den sprach:
er und sin meister einen altar mähten in 20 wer in einer t6tsünden ist, der mag
Kriechenlant unserme herren ze lobe und siebtes keinen riuwen haben wan alleine
ze eren, e daz siu in ie gesehen. Ton gottes gnaden. Da yon süllenwir
5. Er Seite ouch aber an einer andern got flizeclichen ane ruofen.
bredigen (von) sancte Nyclawese zuo den 8. Der von Sternegazze ein lesemeisier
hunden und sprach alsd : swenne du dine 25 zuo den brediem seite an einer bredigen,
andaht kerest an toetlichiu ding, sd sint daz got niemer keinen menschen lat in
dir wilde alliu himelschiu ding und sint tötsünden verderben noch sterben, wan
hinder dir. — Er sprach ouch : wer ein durch einer sache willen : daz ist fireven-
guot mensche ist oder wil sin oder wil liehen sünden, und sprach dd: werfireven-
ane vahen ze sinde ein guot mensche, 30 liehe sündet, der hat driu stücke an ime.
der muoz dirre driger dinge einz hau Daz erste ist: sünden mit willen. Daz
oder zwei oder alliu driu. Er muoz zem ander ist: mit willen in den sünden bliben.
ersten sehen an diu göttelichen werg Daz dirte ist: mit willen in den sünden
oder er muoz minnen die ewekeit oder er sterben.
muoz tugentliche würken , und diz ist 39 9. Er seite ouch an der selben bredige
notdürftig eime ieclichen guoten men- als6: ist ein mensche in tdtsünden und
sehen. — Er sprach ouch : ein ieclich schönet sin got in den sünden und bezzert
geist ist gestellet in drige wege also, er sich danne, daz ist ein zeichen, daz er
zem ersten male: kein stat mag in der behaltenen einer werden sol. Ist
besliezen. Zem andern m41e : kein zit 40 aber daz er sich niht bezzert und sich
ina^ in gemezzen. Zem dirten male: allewegent boesert, daz ist ein zeichen,
kein creatüre mag in betwingen. daz er verlorn sol werden.
' — Er sprach ouch: sant Augustinus 10. Er sprach ouch alsd: ist daz er
schribet als6 : Wer got minnet dar umbe, sich boesert allewegent und doch mit dem
daz er ein guot löner ist, deristniut45 boesemde allewegent ie m^ und ie me
Tollekomen an der minne. Da von wellent riuwen hat, daz ist ouch ein zeichen, daz
SPROGHE deutscher MYSTIKER. 237
ime got doch Tor sime tdde die hant wil 14. An einer andern bredigen Seite er
reichen und sich Aber in erbarmen wil und sprach alsd: bist du in tdtsünden und
alsd daz er rehten rinwen gewinnet umb mäht niut riuwen hän , sd tuo disiu driu
alle sine sünde. ding. Daz ^rste ist: du solt ddmüetig
f 11. Dd Seite er an der selben bredige 5 in den Sünden sin. Daz ander ist: du
ein mhe ron eime Juden, wä der unsers solt dine Sünden ror ougen hän und solt
herren martel saeh gem41et stAn , dÄ siu dicke gote clagen mit eime weinen-
sprach er alsd disiu wort: Schöpfer und den herzen. Daz dirte: du solt in dicke
loeser, rihter und behalter, bist du got siner wunden manen , daz er dir dine
und mensche, sd erbarme dich über mich lo Sünden rergeben welle durch siner grözen
umen sündigen menschen. Und eines minne willen, die er zuo dir hÄt gehebet
mäles sach er unsem herren tragen einen und zuo allem menschlichem künne.
priester an dem wege und er kniuwete 15. Der von Stemegazze seite aber
Bider mit den cristenen liuten und sprach an einer andern bredien, daz zwölf ding
aber diu wort und wandelte aber daz I5 sint und hat diu ein mensche an ime, der
wort alleine, daz dik sprichet: bist du, in tdtsünden ist, got der engelät in niemer
nnd sprach alsd: schepfer und erloeser, rerzwiyeln, er l&t in ouch niut Ane riuwen
rihter und behalter, wan du bist got und sterben, er lät in ouch niut in sinen sün-
mensche , s6 erbarme dich über mich den rerderben. HSt der mensche disiu
armen sündigen menschea Und ein 20 ding niut alle zwölf u, sd habe er ir aber
kristen warf in mit eime steine an den sehsiu.Hdt er sehsiu niut, sd habe er ir driu.
köpf, daz er zehant tdt lag, wan er winde, HSt er diu driu niut, sd habe er ir zwei,
daz er der cristenen spottite. Und der Hdt er diu niut , sd habe er einez. H^t
priester, der unsem herren truog, der er des niut, sd habe er joch einen friunt,
sach die heiligen engel die s61e enpf&hen 25 der ir einez habe , in des gebet er sich
and fuorten siu in daz ^wige riebe. Dar berelhe. Daz Srste ist also: mane got
helfe uns got allen. Amen. siner wunden. Daz ander: clage ime
12. An einer andern bredigen seite dine sünde. Daz dirte: bit in, daz er
er, daz drin ding sint, diu irrent den sich über dich erbarme. Daz yierde:
n'owen an eime ieglichen menschen. Daz SO niofe die heiligen an. Daz fünfte: be-
erst« ist; freyenliche in den Sünden sin. yilch dich in guoterliute gebet, aber aller-
Daz ander: Terzwiyeln an gotes gnaden. meist in die messe der priester. Daz
Daz dirte ist: hdchyertig sin in den ge- sehste: erbarme dich Über arme liute.
bresten der sönden. Daz sibende: wis gedultig. Daz ahte:
13. An der selben bredien seite er 95 hap ein demüetig herze. Daz niunde:
<mch die m^e yon dem ritter, der abe erkenne daz du ein sÜnder bist. Daz
Verbürge reit und ime ein priester be- zehende: üebe dich an guoten werken,
kam und Idrte in der diu wort alsd Daz eilfte: hap einen guoten willen dich
barmherziger schepfer aller crlatüre, zuo bezzemde. Daz zwölfte : bist du
wan du barmherzig bist yon n&türe 40 des willen niht, sd beger aber eines guo-
barmherziger got, erbarme dich über mine ten willen. Hast du des niht, sd hap
Sünden. Und der selbe ritter wart kürz- doch einen friunt , der dirre zwölf dinge
lieh dar nach in einen kalkoyen ge- einez habe. Du solt ouch wizzen , daz
worfen und yerbrante dar inne ze tdde, siu dir niut daz himelriche mügen er-
nnd kam dd har wider zuo dem selben 45 werben: siu bewegent aber gotes er-
priester. beimde, daz er dich bekdrt yoa dinen
238 FEANZ PFEIFFEB
Sünden, und daz du denne das himeMche an einer bredig^i ab^: mensdie, duioU
erwirbest mit der riuwe. got biten umbe din bestes, van erta«t
16. Der von Stemegazze, ein lese- nüwent din bestez und niht din liebestei.
neister zuo den bredigern , der seite aa Da von bit in alsd.
dem grüenen dunderstage aisd : weralliu 5 21. Der von Stornegazze seite an
zerganglichiu ding begit durch got, den einer bredigen und sprach alsd : wellichez
menschen mag niemangetroestenwan got mensche minne hat zuo gotes windei,
mit ime selber. Er sprach ouch: man dem werdent zwOlf gäben dar umbe. Der
sol got dar umbe enpfaheo, daz er rer* habe ich drige hie gesehriben, die ge-
einet werde mit dem menschen als6 ein 10 tielen mir ouch aller beste. Dia erste
gelide, also daz er sin niut yergezze. gäbe ist diu: daz gfot den menschen in
17. Dar nach an dem östertage seit« der gnade behebet. Diu ander: daz in
er aber an einer bredige gar eine schoene got niemer lät ersterben äne rehtes
m^re Ton eime einsidel. Der wart zwi- riuwen. Daz dirte: daz in diu selbe minoe
yelnde und unglöubig an fünf dingen. 15 bringet äne vegefiur in daz himeliiehe.
Zno dem ersten male z^velteer, wie 22. l^r sprach ouch, obe ein mensche
ein juncfrouwe möhte sin eine muoter spreche : herre, ich enhän der min&e nihi,
und eine maget. Zuo dem andern male, s6 sol er ir aber yon herzen begern, 3^
wie got und mensche miteinander möhte wirt er dirre Tor genanten gäben teil*
gesin. Zuo dem dirten male, wie got 20 haftig.
möhte ersterben. Zuo dem yierdenmäle, 23. Er sprach ouch, daz Isidorus ein
wie er wider möhte erstän yon dem t^de. heilige schribet also: sünde mag niatce
Zuo dem fünften male, wie sich get eine gr4z gesin , ir enmag ouch niht ze tU
möhte gegeben under der forme des gesin,. diu zit mag ouch niht ze iMHf
brdtes. Des wart er alles bewiset von 96 gesin , die der mens«be mit Sünden rer*
eime engel. triben bat, wan got minoet niht der lit
18. Der yon Sternegazze d^ lese- wan nach der groeze der Sünden, nach der
meister bredigete an unser frouwen tage manigvaltekeit der sünden. Er minnet
in der yasten gar wel und spradi alsd: nüwent des menschen herze; wan 10
ein demüetig herze ist niut anders dan 30 nuwent der mensche ersiufzet umbe sine
daz : -erkenne dinen gcbresten und bit got, sünde, s6 begnadet in got und yergit im«
daz er sich über dich erbarme, und sprich sine Künde«
alsd : herre, ich erkenne minen gebr«steB, 24 An dßx «elfaen bredige seite er
erbarme dich über mich ; und wer diz ao ouch die mere yon dem ritter, der d6 foot
ime hat, den mag got niemer yerlän. Er S5 zuo dem heiligen grabe. Und dd er ksm
bewerte ez ouch mit Däyide i^ dem salter, an die «tat, da ujaser herre ze himel fiior,
der sprichet alsd: jt^ta eat deu$ üitist dd sprach er alsd: herre, nu mag ich niht
qui tribulato &un^ carde tt soLvdUt to$ näher zuo dir koDien* Da yon sd kom
(Ps. 33, 19.). Er sprach ouch: mensche, du aio mir. Bin ich des niut würdig, s6
gßhap dich wol, got nimet dich ntt?eat40 nim du juich zuo dir. Mag aber, herre,
an dem besten yon hinnän. des niut sin, sd gip mir die minne diotf
. 19. Er sprach ouch, daz sant Au- wunden. Und üf der stat dd seig tf
gustinus schribet, daz er nie gel^se noch nider und was tdt von der miane, die tf
nie gesehriben fünde, daz ie kein demüe- dd gewan zuo gutes wunden , und bt^
tag herze ie yerlorn würde. 46 in daz himelriohe zuo gote. Dar helft
2.0. D«r "yon Sternegazze def spcaeh uns ouch got allen. Amen.
SPROCHE deutscher MYSTIKER. 2^9
XXXV. ^^ gedenkest: «eh, di eder dk Wfti mir
BHÜODER TÜRING. • "^^k' n^ . a^ • -. u
5. Do Seite er da an einer andern bre-
1. Diz Seite allez bruoder Tflring, ein digdn und sprach : ez sint filnf ding, diu
brediger, an einer ixredigen. £r sprach •' 5 irrent daz reht und machent unreht siiQ
wilt du dins herzen wol hüeten , sd h9ig rehte und machent reht zuo unrehte.
fünf ding in dlme herzen. Daz erste ist Daz eine ist Jiebe. Daz ander ist rorht«
daz: hap alle stunt ieit umbe dine sünde. oder gewalt. Daz dirte ist miete. Daz
Daz ander: gedenke an dinen tdt. Daz vierde ist yientschafb Daz fünfte ist
dirte: gedenke an daz jttngeste gerihte. lo unwisheit. Hie mite huop er die bredige
Daz Tierde : behap daz gotes wort und an und spracfar: ez sint ouch fünf ding,
gnoter liute lere. Daz fünfte : hap gotes diu irrent der sSlen heil und alle guottStf.
minae in dime herzen und gedenke , wie Daz ein ist unmuoze umbe lipliche ndi«
er dich geminnet hat. dürft. Daz ander ist Tigentschaft in dem
2. £r sprach euch : sant Augustinus 19 herzen. Daz dirte ist schäme. Daz
schribet alsd und sprichet: ez sint sehs vierde ist glttcke. Daz fünfte ist un-
ding» der begert alJiu diu weit jung und glücke.
alt. Daz erste ist gesuntheit. Daz 6. Dd sprach er da: wilt du ein rehte
ander ist schoene. Daz dirte ist libes fridesamez herze hän allewegent, sd hap
gelust. Daz vierde ist Sterke. Daz fünfte 20 süben ding bi dir» schribet ein heilig»»
ist vil guotes. Daz sehste ist gemach. diu wil ich dich ISren. Daz ein ist :
Dar üf schribet sant AugustinuSy sprach hüete dich Vor sünden. Daz ander ist:
er, und sprichet als6 : ez ist allez niuts- besorge kein ding, daz dich niut ane g4t.
niht» man sol des herzen begerunge ze Daz dirte ist: nim dich niut m4 ane danne
gote keren, wan da vindet man alle !tf dir berolhen ist. Daz vierde: Üz keine
frdide , also ouch sant Paulus schribet» vjgentschaft in dinem herzen hüben. Dajs
man sol daz herze in got stecken, wan fünfte: hap gedultekeit Daz sehste:
daz ist daz aller beste, daz der mensche du aolt gerne betten. Daz sühende: slach
getuon mag üf disem ertliche. diniu ougen nider und besliuz diaiu ^r#9
3. Er Seite ouch, daz sant Augustinus 30 vor üppekeit, diu schade sie.
schribet also: wenne ein mensche bihtet 7. D6 s^ite er aber an einer bredie
mit flize, vergizzet er eteliche sünde, got und sprach : sant Bemhart schribet »ls6 :
tttot ime underzweineinez: antweder er herre, swenne du zümeei^ sd zürnest du
Ter^t ime die sünde oder offent ime die niut; swenne du niut zürnest, s^ zürnest
Sünde. 85 du. Daz meinde er alsd. Swanne unser
4. Er Seite ouch, daz sant Augustinus herre der liute firiunt wil sin , sd sendet
schribet alsd: mensche, wilt du wizzen, er sine schüzzele in diso weit mit siech-
wenne du lüterlich hast gebihtet, daz tagen oder mit eteilcher bände unglüdiE%
ioerke an vier dingen. Daz erste ist: s6 zürnet er üf ein bezzerz. Sd er aber
daz dir gotes dienst ein süezekeit in40 der liute vient ist, sd 14t er ez in gar
dioem herzen ist. Daz ander ist: du wol gan in dirre weite und enzürnet niwk^
dienest gote unverdrozzenliche. Daz alsd ich di vor sprach.
drite: gazt du ungeme an die stat, 8. Er seite ouch an der selben Erediea
dann4n du niht mäht komen äne schaden, die mSre von sante Justinen , wie ir det
Daz vierde: hÄst du keinen woUuat ml tf jüngeJing seite von dem liwangelid und
mit den sünden in dime herzen, alsd das wie er m bek&rte. JPd mJ^ er oudi
240 FRANZ PFEIFFER
die mute Ton der juncfirouwen, diu dk dan mit gote. Daz ist diu erste sache.
enthdbetet wart und ir sele die rdsen har Diu ander sache : ez ist euch dicke gotes
wider brihte in eime körbelin. schult» wan er wil uns mite yersnochen,
9. Dd Seite er aber d& an einer bredien, obe wii" von uns selber iht mügen getuon.
das sant Gregorius schribet eine schoene 5 D& von ziuhet er die gnade ron vaa.
rede und sprichet alsd: man martelt nu Zuo dem dirten male sd ist ez etewenne
iiieman m^ alsd hie vor, weder mit swer- öuch des tiufels schult; wan wenne er
ten noch mit fiure noch mit keiner slahte siht« daz ein mensche einen boesen willen
wäfen. Aber doch sd machent yier ding hat in sinem herzen, so r^tet er dar zuo
«inen ieclichen cristenen menschen der 10 waz. er boesez mag , daz ein mensche
martellre gendz, der siu an ime hat. Daz yarn lat alle guottete und ie me rer-
inte ist gebreste in genuhtsame , also yellet. Wilt du dis alles abe sin, sprach
daz ein mensche wol genuog hete und der altvater, so tuo driu ding. Daz erste
ime selber abe brichet durch got an^dem ist: wan ez din schult ist, sd mache dich
ezzende oder an der spise und an den 15 unmüezig eteswä mite, daz doch guot si.
kleidern und an dem släfe. Daz ander Daz ander : sd ez gotes schult ist, s6 ver-
ist kiuschekeit in der jugent , also daz zwiyele nint und bete vaste. Daz dirte:
ein mensche den lip überwindet und den s6 ez des tiufels schult ist, so mache ein
sfinden widerstät in der jugent. Daz dirte kriuze für dich.
ist gedultekeit in ungelücke. Daz yierde 20 12. Er seite euch an der selben bre-
ist: wer sime yigende yer^t und über dien ein gar guote lere. Die schribet
siu bitet. sant Bernhart also: wan ein mensche
10. Dar nach seite er an einer bredi- siner sünden ist lidig worden, beide ron
gen und sprach: sant Gregorius schribet riuwe und yon bihte und yon buoze we-
alsd: mensche wilt du wizzen, wenne du 25 gen, wil er denne wol behüetet sin, das
&ne alle tdtsünde bist, sich, hast du denne er dar nach niut me in sünde yalle, sd sei
nüwent gebihtet liuterlich oder sd du er driu ding in sime herzen han alle-
liuterlicheste mäht , sd merke yier ding, wegent. Daz erste daz ist : minne, wie
Daz ein : riuwent dich dine sünde, die da in got geminnet hat, alsd daz er gedenke:
hin sint. Daz ander: hast du guoten 30 in4, 14 yarn ! got leit den tdt durch dinen
willen, dich ze hüetende yor den Sünden, willen. Daz ander ist: schäme der sün-
die dk künftig sint. Daz dirte: ist dir den, alsd daz er sich schäme der bdsheite
gottes dienst und sin wille lihte ze tuende ze tuende , wan ez got niut ungerochen
in d!me herzen. Daz yierde ist dir swere lat. Daz dirte ist yorhte der hellen und
wider ze yallende in die sünde oder wider 35 des jüngesten gerihtes, und d& wirtalliu
ze g&nde an die süntlichen stete. Hästu bdsheit geo£fent.
disiu yier ding an dir, sd wizzest, daz du 13. An einer andern bredige seite er
bist &ne alle tdtsünde. ouch : sd ein mensche zwiyelt an eteli*
11. Bruoder Türing seite an einer chen sünden, obe er siu habe get4n oder
bredie, daz ein altyater was, denyrägete40 niut, sd sol er siu doch bihtenundsol
•in junger, war umbe er etewenne me alsd sprechen: herre, habe ich die sfind«
gn4den ze gote hete und gerner betite getan, sd gibe ich mich ir schuldig. Habe
dan zuo einer andern zit. Dd sprach der ich siu aber niut getan, sS gibe ich mieb
altyater: daz kumet yon driger hande ir niut schuldig.
sache. Von dins selbes wegen ; wan du 45 14. £r seite ouch yon den, die di
din hene bekumberst mit andern dingen indewendig guot sint an dem herzen usd
SPBÜGHE DKÜT8CHER MTSTIKEIt. 241
JiMwendig niat gaot sint» wiedaz sohade s% inne geswigent, d4 rriget der geschaffene
was sin geDt den Uuten boesiu bSzeiohen. geist den ongeschairenen got nÄeh der
15. Brnoder Türing seite an einer gotheii, wie er sich nü halten sttle, wan
bredige, daz sant Paulus schribet alsd: er enmag niht ruowe haben an deheime
wellen wir mit gote erstan, sd müezen 5 geschaffenen dinge, dft Yen ad muoz er
wir onch mit gote ersterben, wan unser sich neigen in die irre kraft des yater.
herre hete fiunf ding an ime Tor sime da wirket er alleine in der stillen einikeit
tode. Daz erste was, daz er gap. Daz diu werk, diu ime gelfch sint. Diu werk
ander was, daz er Tergap. Daz drite diu weiz diu sele niht: sie sint über ir
was, daz er betite. Daz yierde : er was 10 Terstantnisse. mit sinnen mag si in niht
gedoltig. Dazf&nfte: er starp &ne sände. begrifen, sie werden ir dan geoffenbÄret.
Diu fünf ding muoz ouch ein ieclich yon der kraft des vater. Da berihtet sich
meosche an ime hin , der dk mit gote diu stille vrage. Alse ir diu gütlich werk
wil ersten an dem jQngesten tage. geoffenbiret werden , der si vor niht
16. An einer andern bredigen dar 15 wiste; da enpflhet si underscheit got-
näch Seite er , daz ein heilige schribet Ucher werc unde crdatüre werc.
alsd: mensche , wilt du st^te bliben an Diu fridesame ruowe ist daz man ruowe
tugentlichen guoten werken, daz du niht habe yon allen geschaffen dingen unde
wider in die sunde yallest, sd hap süben geeineget si in daz einige ein.
ding in dime herzen. Daz 6rste ist: du 20 Diu sl4fende wakerheit ist daz man
solt gerne beten. Daz ander ist: du slafe aller der dinge , dÄ yon man trdst
Mit kinsche sin an allen yerlazenen enpfilhen mag, unde waker si an allen
dingen und an ezzenne und an trinkence. den Sachen, die uns in got gfeeinigen mügen .
Daz dirte: da solt dicke bihten. Daz Diu nüehterlinge trunkenheit ist daz
Tierde: du solt dich hfieten yor boeserjs wir nüehterlingen sin aller inyelle, ez
geselleschaft Daz fünfte: du solt dich sin gedanke, üppeklich zit yliesen alder
bevelhen in guoter liute gebet und solt in f^ide, diu gotes niht ist, der suln wir
din almuosen geben. Daz sehste: du solt also nüehterlingen sin alse Adam was 6
gotes wort gerne hoeren. Daz sibende: er yiel. Daz mag aber küme sin, mdre
da solt diner fünf sinne wol hüeten, daz 30 wir suln uns mit allem flize behüeten,
du iht üppiges dar in läzest komen. daz dehein ding in uns yalle , dem wir
XXXVI '^* ®^®' **** geben müezen , daz dehein
«^,»«^T ungelicheit oder yerri müge gemachen
DER LESEMEISTEB VON KOLLEN. ^^^^^ ^,„ ,gl^ „Je gote. Diu
Der lesemeister yon Kollen sprach, 35 geneigunge bleib inne , die suln wir yon
ein yollekomen mensche Seite haben disiu minnen yerliesen in Ejrist6. Diu minne
sehs dinc an ime. Daz drste ein stilliu erhebet uns innen über schal , da wir
^äge , daz ander ein fridesamiu ruowe, trunken werden und alsd geilchet wer^
daz dritte ein slafendiu wakerheit, daz den, daz wir yergezzen aller der güen-
Tierde ein nüechterlingiu trunkenheit, 40 lichi dirre weit.
dazfumfte ein armer geist, daz sehste Ein armer geist sol sich neigen in alliu
frOfflede der laut. yersmÄhtiu werc, diu man in gotes minne
Dia stille Trage ist , daz diu s^le alle tuen mag, und einen ieglichen menschen
ir kiefte gesamenet habe in die obres te, erhebet unde sich selben drücke. £in
da« ist der wille, unt der wille in got. 45 armer geist ist, der niht enhät unde niht
Daz geschiht in einer stille: d4 alle sache enwil unde niht engert unde niht bedarf
OZBMAHXA ni. ^^
342 FRANZ PFEIFFER, SPRÜCHE DBCTSCHKB HTSTIKER.
wm gotes , Hilde diii selbes üz gat und der na^ hän idi siu erwelet. kk nnde
%Uer dinge und alliu dinc gote lat. siu wir 2wei sin eine. Daz ist toq ^a-
• Vrömede der lant ist, daz uns der muot den; von gnaden h^n ich siu erweit,
gefrOmedet si unde gezogen von aller siu bekennet ez niut, die *) tdie siu ist ta
woUust dürre weit unde geeiniget si in 5 diseme lebene. Gebe ieh ir daz ich bin
daz abgründe dergotheit. Contempiatio in disem libe, siu Temi6htez niut. Ieh
ist ein yrigiu durliuhtekeit des gemüetes, s^^ne ir, die wile siu ist in disem Übe,
in dem spiegele der wisheit üf gehenket ioh schöne dem minen , wan sin hi min
mit eime wundere, unde da Ton sprichet und ich Ihu ir. Har nach wil ich komeo
diu s^le : ioh han mir erweit eine lo unde wil mtner lieben danken mit Toller
hankunge. Speculatio daz ist meiniger firöden. Ich sol ir dano sin , iehjol ir
hande spiegele ansehunge und dar nach 16n sin. Her nach sol siu kernen in Toile
sich ze rihtende. Jubilatio ist einer bekentnisse götlicher minnen. Ich unde
hande fröide des herzen, die daz herze siu süUentrereinet werden: alsd t^reinet,
niht yerbergen mag noch endelich kan 15 als ich dwig bin , also sol ouch siu ^wig
dervon sagen. sin in rollen eren. — Wol allen den, die
XXXVH. d& *) reines herzen sint, wan siu sullent
BBUOPEB HEINRICH VON LEVEN. üiin gebruehen n4oh allem irem willen.
Disiu wort prediete unser yrowe von Wd allen den, die d4siirt unreines hereen,
himelricfae in dergllchnisse bruoderHoin- 20 siu sint gescheiten yta der heiligen dri^
i^ches persöne von Leven uf der bredier raltikeite.
höre zuo Köllen unde sprach also. Hey armer tnensche, erbarme dich über
Der der aller \dseste ist , daz ist der, dich selber , die wile d& bist in diseme
der aller dSmiietigest ist^ der ist unserme Mbe^ Die zit, die du Terfaribest tiit ^r-
herren aller lobelichest und aller werdest. 25 heite, die sol un9«r herre von dir heisehen
Der aller die^üetigest ist, der ist uasenne unde rordern. Dar umbe r&t ich dir,
herren aller heimlichest In der heime- daz dd dich kerest zuO wisheite. K^re
licheit zeiget ^) unser herre dem diconüe- dich umbe durch d«n erbarmh^fitigen 90^
tigen menschea den schätz siner heime«^ und erbarme dich über dich selben, tran
liehen wisheite. Wol den die da ') sint ao unser herre ist orbarmhernig , et begert
reines herzen : siu aüUent misern herr^ diner sdlikeit , daz du sist dtoüetigefl
sehen, siu ensüllent in niut einvaltie herzen: so ledest du unsern herren in
sehen , mer siu süllent sin ^Wecliche dine sele. Du bist alzeblint, daz ist dir
gebruehen in voller eren. Er bot eine gar schedelich. Sist des sicher , daz du
wonunge gemäht in iren seien, siu süllent 3S dine sele gote niut engist, du soft be-
sin ewediche gebruehen. Unser herre trogen werden, e du selber w^nest Dö
sprichet: waz diu sele wil daz wil ouch armer mensche, war umbe bekennest du
ich, unt der umbe enwil ich niut äne siu, mM>, d*tZ du bist «n stuppe in disem libe?
wan siu euch niut enwil ane mich. Siu erbarme dich über dich selber,
ensol niut sprechen ane mich , siu ensol 4A Nu sprichet unser herre : ich bin
niut beeren ane mich , wände wn* sin *) bereit dich ze enpfl^hende. Hej lieher
einz. Siu ist mir ein alzeverwenete mensche, ich sol dine minne sin «nd ich
^nne , siu enminnet niut dennc durch sol aller din trdst sin. Hey mensche,
mich: der umbe ist siu mir verwenet, U dich erbarmen, daz diu gotheit nach
*) zreget — *> du de. — *) «int. — *) d4 — *) dii do.
dir hehßget und« di6 flieilBeheit Ii6t an köm tat mit. ]>az wir nft ahtf gp6leben,
d«ti tM durch dich gegehen. Ich biie da2 wir g^ote die s^le geben, da;& uns
Utk dnreh die mtnne , die ich habe £uo werde te Idne diu gotheit, des helfe un^
Ar, irtiariiii dich über dich selben nnde ditt df!Taltik«it.
LinEßATUE.
Ferdinand Wolf, über die beiden wiederanfgefundenen mederilodiseben Volkibücher
▼OD der KOnifio Sibille und von Hnon von Boideaos« Wien, 1857. 4.^106 Seiten.
(Aoi dem YUI. Bande der Denkschriften der philogophisch-bistorischen Classe der
kaiserlichen Akademie der Wissenschaften beionden abgedruckt.)
Die Torliegende Sdirift des gefeierten Meisters der romaniseben Philologie
nimmt nicht hlol^ das lebhafteste Luteresse des engeren Kreises der Faehgenossea
in Anspruch , sondern muß auch im höchsten Grade allen denen willkommen sein«
welche es lieben , die Eraeugnisse der neueren vaterländischen Litteratur zu einem
Gegenstande eingehenderer Betrachtung zu machen.
Die beiden bibliographischen Seltenheiten, um Welche es sich hier handelt,
finden sidi, in einem Quartbande vereinigt , auf der k. k. Höf bibliothek zu Wien.
Was zunächst das Volksbuch von der Königin Sibille betriffb , wovon wir hier ein
Capitelverzeicfaniss lesen, so enthält dasselbe eine Sage, welche seit der von
Wolf selbst herrührenden Bekanntmachung der spanischen Bearbeitung» im Zusam«
menhaage mit den vielen« über ganz £uropa verbreitete», ihr mehr oder aünder
verwandten Traditionen und Versionen wiederholt — von F. H. v. d. Hagen,
liaiwnann , Svend Grundtvig "— in gelehrten Cntersuehnasgen erörtert worden
ist. £s int, um mit den Worten Gnindtvigs zu* reden, die Sage von der
keuschen Kteigin« die von ihres Eheherm Bruder oder Vertrautem« der ia dessen
Abwesenheit sie vergeblieh zu verllihren geiUeht hatte, der Datreue angeklagt,
dareb nuisliandelt und zum Tode verurtheilt wird, dann aber» nachdem ihre Ua-
schnld durah ein Gottesurtheil oder auf eine andere Weise durch Gottes sichtbaren
Beistand an den Tag gekommen ist , Leben und Ehre wieder erhält. Als ein wich?,
tiges Ergebniss von Wolft Untersuchungen hebe ich hervor, dai^ das vorliegende
aiederlftndisohe Volksbuch von der Königin Sibille sich im Ganz^ so enge an das
fpanische amchlieit, dsJ beide unbezweifblt nach demselben französischeii Vor-
bilde,. wahrscheinlich ebenfalls einem Volksbuche oder Prosaromanä, bearbeitet
word^ ziad. Nicki minder belangreich ist» auikrr den über die Efaibürgerung der
Sage in Sfpanien mitgetheiiten Forschungen, der von Wolf beigebrachte Nachweis»
^ die fira^cheSage, in ihrer Anknüpfung an den karoHn gesehen Kreis, an
den halb historischen, halb poetischen Kaiser Karl Magnus und dessen Gemahlin
SÜHlle» schon ia der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in größeren volksmäftigea
£pen (Chansons de g^ste) in Frankreich sich ausgebildet und VwbreHung gefkndea
bat. Eine hödist bedeutende Vervollständigung des auf die Sibillensage bezüg-
liehen Hateriales wird , um dies gelegentlich zu bemerken , die von A. v. Keller
in Angriff genommene und bereite im Drucke befindliehe Ausgabe des niederrheini«
sdien» unter dem Namen Karlmeiaet bisher nur InruchstückweiBe b^aanten G^
dichtes bringen.
^ 16* .
£44 LITTBRA^Ü».
- In dem zweiten Theile seiner Schrift beschäftigt sich Wolf mit den mittel-
.'alterlichen Bearbeitungen der Sage von Huon Ton Bordeaux, eben derselben, welche
der Dichtung zum Grunde liegt, über die Göthe an Larater geschrieben : „So lange
Poesie Poesie, Gold Gold und Krystall Krjstall bleiben wird, wird Oberon als ein
Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden.** Es ist aber auch
noch eine andere Seite , nach welcher die Sage von Huon von Bordeaux uns sehr
nahe angeht »Dafi diese Sage**, bemerkt unser Verfasser, „vielleicht aus einem
germanischen Mythus, aus einer Elbenmythe'^ hervorgegangen sei, könnte ihre
Berührung in einigen Grundzügen mit der deutschen Heldensage von Ortnitund
>Elberich (Auberon) vermuthen lassen.** Außerordentlich anziehend sind Wolfs
Untersuchungen über die französischen Darstellungen des Stoffes. Denn „daß auch
fliese Sage schon frühzeitig (wenigstens seit dem 12. Jahrhundert) in Frankreich
verbreitet, mit dem karolingischen Kreise verbunden und in selbständiger,
halb Volks-, halb kunstmäfiiger Dichtungsform, in Chansons de geste, ausgebildet
gewesen sei, dafür haben wir Zeugnisse und Denkmäler.** Das wichtigste der
•letzteren bildet wohl das in einer Handschrift der Communalbibliothek zu Tours
befindliche Gedicht, aus welchem wir die dankenswerthesten Auszüge erhalten.
Von dem niederländischen Volksbuche, das wir durch eine sehr ins Eiozebe
gehende Analyse , bei welcher zugleich der französische Prosaroman fortwährende
Berücksichtigung erfahrt, aufs Genaueste kennen lernen, sagt Wolf, daß es keines-
wegs nach jenem , in Bruchstücken auf uns gekommenen , mittelniederländi^chen
Gedichte bearbeitet, daß es im Ganzen vielmehr wohl nur als ein ziemlich
dürftiger und oft ungelenker Auszug aus der Chanson de geste in der Redaction
der Handschrift von Tours , wohl schon durch einen ähnlichen französischen , aber
verloren gegangenen, vermittelt, in einer derben, rohen und skizzenhaften, aber
naiv einfachen Darstellung zu betrachten sei. — In Anhängen der gegenwärtigen
Schrift verbreitet sich Wolf *noch über die Olivasage, von der er schon früher in
seinem Buche über die neuesten Leistungen der Franzosen für die Herausgabe ihrer
Nationalheldengedichte gesprochen hatte , und bringt ferner einen die Karlmeinet-
und Sibillensage betreffenden Auszug aus der seltenen „Gran conquista de Ultramar**.
TÜBINGEN, 7. Jan. 1868. W. L. HOLtAND.
Lohengprin. Zum erstenmale kritisch herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von
Dr. Heinr. Bückert, Prof. extraord. zu Breslau. Quedlinburg und Leipzig, 6. Bane.
1858. VI u. 292 Seiten 8^ (IV, TUr.)
Das Bedürfniss einer neuen Ausgabe des Lohengrin, wenn man den Gdrres'schen
Druck überhaupt mit dem Namen einer Ausgabe beehren will, ist von alJen Freun-
den unserer älteren Litteratur längst empfrinden worden. Indem Rückert es unter-
nommen hat uns das Gedicht in gereinigter Gestalt darzustellen, darf nicht verkannt
werden , daß gegenüber den raanigfachen Schwierigkeiten der Sprache und Metrik
die kritischen Hilfsmittel äußerst gering und schwach sind: denn der ganze kriti-
sche Apparat besteht in einem Bruchstücke einer älteren und zwei ziemlich jungen
und schlechten Handschriften. Daß eine neue Handschrift durch Feifalik aufgefun-
den worden , scheint dem Herausgeber unbekannt geblieben zu sein (vgl. GUdekes
€frundriß S. 60): der Werth derselben ist freilich noch unbestimmt, indess wäre die
UtTERATÜR. 24^
Benutzung zu der Torliegenden Ausgabe wünscbenswerth gewesen. *) Die kritischen
Schwierigkeiten seines Unternehmens hat der Herausgeber selbst eingesehen und
aeaf ^einen gleichförmig restituirten Text' ron vorn herein verzichtet. Aber von einer
'kritischen' Ausgrabe, wie sich die vorliegende auf dem Titel nennt, verlangt man
doch auch kritische Grundsätze: solche hat der Herausgeber allerdings aufgestellt;
Wir wollen sie und ihre Anwendung näher beleuchten. Nach Rückert weisen die
beiden Heidelberger Hss. auf eine gemeinsame in Baiem geschriebene Quelle (S. 205).
Rfickert vermuthet, dafi der Verfasser des Lohengrin ein Baier war: wiewohl nun
mit dieser seiner Heimath die Lautbezeichnung der Hss. AB stimmen würde, ^so ist
doch nicht anzunehmen , daß sein Verfasser , der ganz bestimmte Muster der altern
Poesie bis in die unbedeutendsten Äußerlichkeiten nachahmte, der Lautbezeichnung
des Tulgären Dialectes seiner Umgebung bei der Niederschrift seines Gedichtes Raum
gegeben hätte' (S. 206). - Schon gegen diesen Grundsatz lässt sich mancherlei ein-
wenden. War der Verfasser des Lohengrin wirklich ein Bai er, wie auch mir wahr-
scheinlich dünkt, so muß sein Gedicht auch die bairische Dialectfärbung tragen ; und
wenn gegen Ende des 13 Jahrb. bereits in Baiern die jungem Laute ei für mhd. f,
au f&r mhd. ü, ad für mhd. ei durchgedrungen waren, so werden sie auch auf den
Lohengrin anwendbar sein. Daß aber der Dichter desselben wirklich ei für f kannte;
beweisen die vom Herausgeber S. 272 angeführten Reime. Einen andern Punkt der
Lautlehre, der sich aus den Reimen ergibt, hat der Herausgeber ganz übersehen.
Es ist dieß das hervorbrechende au (oder eigentlich au) für ü, in folgenden Reimen :
ffetra%ituen : vrouwen 1 143. : scliaStwen 1 580. erbouwen : vrouwen 1 666. ouwe : bouwe '
1736. getrauwet : bauw0t 3283. aueh : atrouch 3474. bouwent : getrouwent 3547. ge^'
trouwen : verbauwen 3697. koume : zäume 4736. gesoumet : getroumet 5053 soumen :
bäumen 5170. gebouwtn : verkouwen 5636. säumet : übergoumet 5706. erbouwen : ge-
hauwen 7147 getrauwe : »chouwe 7193. Diese Eigenthümlichkeit zeigt sich am
frühesten bei bairischen und österreichischen Dichtern. Auch die sonstigen Reim«
freibeiten lassen sich recht gut mit diesem ei för f, au für ü in Verbindung bringen.
Daß der Dichter uoiuim Reime bindet, ist zunächst fi>eilich mitteldeutsch (S. 272),
aber es zeig^ entsprechend jenen Lautveränderungen den Übergang von uo in tf und ^
dem entsprechend von üemü\ ebenso zeigt die Verbindung 4 : ae die Vermischung
beider Laute, die im 14. Jahrb. schon ganz allgemein ist. Das häufige ^ : t^ im
Reime (S.272) stimmt ebenfalls trelTlich zuäi bairischen Dialecte. Somit kann gegen
die bairische Heimath des Dichters nichts eingewendet werden. Jene im 13. Jahrb.
dem mitteldeutschen Dialecte eigenthümlichen Vocale sind im 14. Jahrb. auch bai-
rMch, aber nimmer hätte ein mitteldeutscher Dichter des 13. Jahrb. «/:^ gereimt.
Nach Bnckerts Ansicht sind freilich solche Reimfreiheiten nur ein Nothbehelf, aus
Ungeschicklichkeit des Dichters hervorgegangen, und er gestattet nicht aus ihnen
Folgerungen zu ziehen. So viel im Allgemeinen über die lautliche Darstellung des
Textes, die uns daher nicht gelungen scheint.
Was nun die Beschaffenheit des überlieferten Textes betrifft, so erklärt sie
Rückert mit Recht für schlecht, sagt aber (S. VI), er habe ein mit äußerster Vorsicht
angewendetes kritisches Verfahren walten lassen. Darnach sollte man eine mög-
*) Über diese in der Piaristen-Bibliothek zu Wien befindliche Hs. werde ich in einem der
nicfasten Hefte ausf&hrliche Nachricht geben. - Der Herauggeber.
jj46 UTTERATfJB.
licliste Schonung des Überliefertes erwarten , und AnderungMi um im Fall« d^
^ul^rsten Notbwencligkeit, wenn z. B. die Überlieferung keinen Sinn gab. Bte? m-
erst eine Beibe von Stellen , wo die Überlieferung angetastet worden ist und zvar
ohne Noth , einigemal sogar in pejus. 935 ist mir unnütze Ergänzung, ^1349 hi m
gdem för bf itM Urn (Hss. im,) 1353 weiden» iu für weiden iu8, (Hss. uehm) 1377
n4n vor mdge ohne Noth gestrichen. 1390 dea für deat (Hs9. deate), ebenso 1413,
1460. — 1391 heizen fQr heizt, 1412 unnöthig umgestellt, für mit tM ji« Aov«. 1417
<m«A unnOthig eingeschoben. 1449 ist iph wtig wol da$ er sieh atlht nikt kan spcm
nicht anzutasten, 14^5 ebensp der bisohof die rede im schöne tet bekantt weü<)ie
Betonung bisehdf unbedenklich ist. 150^ ist ßl nicht zu streichen, sondern kmuM
zu schreiben (ygl, 6173, 6606). 1937 ist ewar er q^m harte weidenlieh det Eas.
richtig und besser. 2135 ist die ümft^llung nicht nothwendig. 4585' ist das band-
pchriftl. aU ganz gut und alue unnöthig. 4873 lesen die Hss. da» ez, Bückert daz:
Wf^rum nicht treuer däzf 4942 ist WiAfvnde ()er Cobl. Fr. besser als Falfufii, Be-
sonders edatante Beispiele sind aber: 2697 ist daz rtione morgen vindet (vatnantie
der Hss., was einzig dem Metrum gentlgt. 2723 wird eS ergänzt und der Yen da-
durch um eine Hebung länger als sich gebührt. Man schreibe eun einer eü doch WKf
dm eie gerettet. Am auffallendsten 2555. 56, zu welcher Stelle der Herausgeber
eine lange Anmerkung macht, während die Hss. das richtige bieten. Man lese
dar »tio nva>e ir mäht s6 kreflicj daz sie eich
{if mieh in SoÄeen legten mit gewdUe,
Wenn so einerseits der Herausgeber die Überlieferung nicht genügend gesohoiit
h<^t, indem er richtig überliefertes zerstört, so hat er andrerseits in metrisi^et ^*
ziehnng eine zu grofie Scheu Tor der Überlieferung bewiesen. £r schreibt zwar <lie
Entstellung der Strpphenform , die sich sehr häuflg findet, dem Dichter selbst su
(S. 363) und damit trotz der Anerkennung seiner Gelehrsamkeit (S. 206) einen sebr
geringen Grad Ton I^imstbildung , da noch im 14. Jahrb. mehrere Dichter dieselbe
Strophenform richtig und gewandt handhaben: allein in den meisten Fällen fidle»
diese Fehler den Abschreibern zur dast, wie wir an den einzelnen Stellen sehei
werden. Aber nicht nur den Abschreibern, sondern in ▼iel höherem Grade noch -^
dem kritischen Herausgeber. Wir können mit seinen eignen über Massmann ausge-
sprochenen Worten (S. 263) den Herausgeber schlagen; iEr ^bleibt nicht blo§ legsl*
mäi^ig da, wo die Hss. fünf Hebungen statt der nöthigen sechs geben, bfi d^i Fehlet
der Überlieferung, sondern er yerwandelt an picht wenigen Stellen» wo die Überlie^
ferung die ursprüngliche Kunstfonn nicht anzutasten wagte oder zufällig nicht an*
getastet hat, sechsfach gehobene Verse in fünffach gehobene.' Aber nidili bloi in
den sechsfach gehobenen, sondern ebenso in den vierf^h (1. 4* 8) und £«nfiElMh gs-
hobenen (3. 6. 10) mit weiblichem Ausreim begegnen wir diesem Verletzen der
Überlieferung. Ich will alle derartige Beispiele aufBUhren , weil hierin «in Haupt-
mangel der kritischen Behandlung liegt.
1) Die Verse haben eine Hebung 9U wenig, theils wo die Hss, dfis ri^^tige
bieten, theils wo es ohne Antastung des Überlieferten h^zust^Uen wn^. lies 373
4nA9. 582 mde\ ebenso 722. 997, 1239. 3535. 3865. 2886. 2947. 3956. 4005, 403«.
4899. 5445. 5529. 5942. 6005. 6067. 6369. 6437. 6787. 7015. 7065. 7189, 7289.
7549. — 885 mamc. 905 dekeiner, 929 taete gerne. 945 detM^ 989 <«me. 10^9 ha-
bent, 11S5 eprefihet, und vüre, 1236 dar ane weiter ires wiUen vdrm» 1285
UTTERATUR, 24T
«TDCitM. 1435 wixM€t, 1600 entweder vUinbaz od» tmde. 1672 mcinreaehcdke oder
marwckale «J viU. 1715 «<;A €^. 1729 alse, 1779 ntuome. 1895 tc-A«^:; ebenso 1902.
— 2042 t4;»z;9e«. 2299 Wolveram, ebenso 227, vgl. 91. 101. — 3039 vot^. 3362
m%M. 3405 von Aotk^« tMMle. 3542 zwäre. 3545 e/on«. 3667 dehein, 2367 sr».
2446 oilffe oder ime. 2465 •>««. 2612 t^e. 2795 von«. 2937 da^ sie wolte irea maniMs
kikrfte mmfMT warten oder mit Umstellung, wodurch die richtige Cäsur hergestellt
wird, dag sie ires manms huif^ enwolU nimmer warten. 4182 varen. 4285 wizzet.
4325 sammeU. 4549 grözliche. 4617 sigeUe. 4729 tVA »e. 4789 twerhes.
4799 oreiwMte. 4995 jpuo ir oder juo j»r. 5365 gäbe woUe. 5499 tMMfa oder alse,
5532 teA ea;. 5676 erote. 5729 tm« und j^d^fwi. 5869 menlMe, 5892 stimdiehe. 5947
(iM ezr. 6027 A^rr«. 6339 kamgime (ygl. Anmerk. zu 238). 6496 im ez. 6519 «te*
licktr, 6712 heiserinne, 6772 »rem. 6779 »cA ti/om« da;» deheiniu. 6882 vom« oder
vomne. 6959 vrdge und »m«. 7063 d<iA«0 sie. 7249 mtco^ tenoKe. 7422 Jd^ne, 7499
m26 ta«te <itl ez. 7627 Yfm«. Diese Änderungen, die einer ganz guten Handschrift
gegenüber aus metrischen Rücksichten erlaubt, ja geboten wären, haben zwei 6o
jungen Hss. gegenüber eine um so gröi^re Berechtigung. Aus den Lesarten ist
nicht immer ersichtlich, ob der Herausgeber aus Unachtsamkeit das Metrum verletzt
oder ob die Hss. den Fehler schon bieten. Aber wer wollte sich einem vfi oder
Tnd gegenüber scheuen, unde zu schreiben?
2) Die Verse haben eine Hebung zu yiel; theils in den Hss., theils bloß in der
Ausgabe, lies 160 zeim für ze einem, 420 tilge dö mit den Hss. 474 lies die vrowen
hört man diu maere sagen. 475 deiz dem hünc und der massetite muost behagen, 594
tilge ddp das gegen die Hss. eingeschoben ist. 683 lies erpermde geopfert, 820 ein
kempf vor gerihie. 1 143 wirr fiir wir ir, 1 183 gevdt er uns niht ob mrz. 1 200 vrowen
ms, 1210 gveU iu für gevellet, 1264 und, 1266 schimpf dick üppedich, 1303 ze s^mt
Wirt urümp sie ndmn zer megde, 1306 die wü Waht iederman, 1376 FrideHeh, 1384
mit tu streiche: es ist aus 1412 heraufkommen. 1394 tilge oucA mit den Hss.
1469 lies und wirbt. 1470 blib in, 1478 darumb hat iuch iur herre b^esant oder
dnmb und iuufer. 1484 endlichen. 1632 ^ptaem mane. 1650 triwelieh mit den Hss.
1714 Xjuiring und Metz, 1735 e» waer uns oder veU, 1889 er het wol gleistet, 2110
diu ors nidr tl^, wenn man nicht lieber nider streichen will. 2566 die wü hob wir
odfr kdn wir. 2593 in und dem rieh. 2634 wardiut sant man bald über sie. 3033
diim. 3082 mit gdt manc. 3093 golt rieh. 3289 bürge und oder bürg unde. 3376
wizst das der küne. 3436 ufiiz dann. 3470 kurzwü, 3509 houbt waer aller. 3616
umbrizzen. 3S7Seins. 3^3% endlich. 396^ getriwelieh er wolt sin. 4233 ^icht. 4530 A«W
dergwinnei. 47 02 unde iur wurde. 4154 und der rieh küno. 4167 der rieh künc. 4818
und den kOne. 4863 daz von dem hurt möht perc und tal erkrachen. 4883 loblieh.
4936 ttir«. 4951 Jkftn«. bl03 wirt sinn odLer sin. 5323 clrum^». 5434 nl*^. 5476 man«
jement truoe pfell ez möht einer briute. 5490 valt. 5611 künc. 5695 kosüichest. 5783
Uhr in. 5920 lacht dirr sanc. 5961 k&nc. 6006 dazs in. 6089 muot. 6130 vrou ir
nmgtiueh. 62^5 man sagt daz von im gwUnne. 6263 tur. 6293 ^an« (vgl. 6071). 6311
kikne. 6343 vrd^ wie sie waem, 6460 menge oder meng. 6554 <i«r pdbst rüct ims.
6626 Atm gote. 6736 dos. 6900 in die herberge, als sie, denn abe ist aus 6898 einge-
drungen. 6944 unt gie von dann dazs niht. 7084 odr oder waer oder. 7212 triwelieh in
iur harnt. 7392 datz Megdebure, vgl. 7394. -- 7480 rr«A blib. 7557 scheint wize
mr Glosse won fireiee und heUef reise ist zu lesen. 7562 sin. 7580 manc, 7604 riche,.
248 LITTERATUR.
7660 throen. Diese Kürzungen würden zum Theil bei altern Dichtem onerbOrt sem,
aber bei dem Dichter des Lohengprin , der sich nicht minder starke sogar im Beim
erlaubt, sind sie ohne Bedenken. Sonderbarer Weise betrachtet Rückert die Sache
umgekehrt (S. 266): was im Reim erlaubt ist, soll innerhalb des Verses unerlftubt
sein. Als ob nicht gerade der Versschlufi von je eine sorgfaltigere Behandlung er-
fohren hätte als die Mitte des Verses !
Aus dieser Betrachtungsweise geht ein noch stärkerer Fehler gegen die Metrik
hervor: nämlich die unerlaubte Zulassung zweisilbiger Senkungen. Der Dichter des
Lohengrin set*zt ohne Bedenken zweisilbige vocalisch schließende Worte mit betootei
erster Silbe in die Senkung, wenn das folgende Wort yocalisch anfangt. In diesem
Punkte zeigt sich die große Verschiedenheit der Dichter. Aber darin kommen doch
alle Herausgeber seit Lachmann überein, daß man in diesem Falle die Elision toU-
zieht. Dagegen hat Rückert oft gefehlt. Er schreibt vUrste an 334 vciste <i^671.
kiusehe ist 1160. wfaU an 1344. vüere ich 1722. muoste in 1990. künde in 3390,
wo überall das e zu tilgen ist. Ebenso lies quaem 3446. brdht 4302. und 4975.
vaat 5745. Aber auch bei consonantischem Anlaut des folgenden Wortes finden sich
in der Ausgabe des Lohengrin zweisilbige Wörter in der Senkung. 677 vrowe. 1198
habe. 2027 re^. 2051 selbe. 2721 dick^. 2S7 6 manec. 3404 <isV;A« u. s. w. wo
überall Einsilbigkeit erfordert wird. Auch sonst ist die Regel, daß wenn ein sdiwe-
res Wort in der Senkung steht das Schluß-« des Torhergehenden Wortes abgeworfen
wird, nicht immer befolgt: eine Regel der bei der Neigung des Dichters zum Ver-
kürzen um so leichter zu folgen war. messe wolt 1267. rätes sint zivSn 1461, sogar
in der letzten Senkung, juncvrauwe mac 2268, lies juncvrowe, 5850 ringe v<de. 6564
eriuzewis. Besonders tritt dieser Fall ein , wenn die zwei)be Silbe der Senkung die
Vorsilbe ge ist. Bekanntlich kürzt der bairische Dialect dieses ge noch durchgängig»
indem er das e auswirft. Rückert spricht ron diesem ge S. 266: er hält aber dafür,
daß man das e dennoch schreiben müße. Aber eine Senkung wie quam van geseUhtm^
was daz gesunde widerstrebt doch dem Begriflfe von Senkungen , den wir bei mhd.
Dichtem haben. Es wäre daher besser gewesen, in allen diesen Fällen « zu tilgen,
wie man es in der heutigen Bezeichnung des bairischen Dialectes eben&lls thut.
Eine andre Verletzung des Metrums findet sich in der Cäsur der siebenten Stro-
phenzeile. Von dieser Verletzung, die zum Theil in den Handschriften begründet
ist, spricht Rückert S. 264. Sie muß in einigen Fällen zugegeben werden: aber
Rückert hätte diese Fälle zusammenstellen müßen, weil das Wieviel hier maßgebend
ist, allgemeine Besprechung aber zu nichts ftihrt. Es sind folgende Stellen : 327.
377» 427. 487. 587. 947. 1007. 1607. 1897. 3187.4467. Dagegen sind duitsh Um-
stellung der Worte, ein Mittel, das Rückert in vielen Fällen selbst anwendet, zu
bessern 1527 sie luirt underwüen doch etsUchen ga/r ze süre. 3907 dar zuo ad unzsei
swaz ich iu möht Sren wol erbieten, 4507 und swaz der baroch hünege vor het in sin
schar geschicket. Aber vom Herausgeber ist die Cäsur verletzt in folgenden SteUen:
lies 1257 mess. (vgl. 1118). 1517 muost. 2097 umb 2767 hdL 3027 stalt. 3047
hitz. 3157 lands, oder wenn diese Kürzung zu hart erscheint, mit Umstellung daz
er vater des landes Mez. 31 61 schimpf, 3257 all. 3357 tvird. 3377 Lwtring. 3447
wird. 3587 mS, wo die Schreibung des Herausgebers gegen die Hss. eine Hebung
zu viel bewirkt. 3957 wm?. 4137 muost und deme. 4S67 wird. 4S7 7 gebraech. 5397
mäz. 5567 bork. 5777 gern. 6207 mwen. 6577 herr. 6857 waer, indem doch in die
LITTERATÜR. 24Ö
C&surfÄllt. Iie*: ufürd, 7217 gr dl, 74ST gewaltedfch was^6gen,7521 Ott. Die
Cäsnr miif bekanntlich immer mänalich sein: daher sind diese Kürzungen, die in den
Reimen ihre Analogie finden, wohl erlaubt. Auch über die Cäsnr hinüber zu elidieren
ist nicht gestattet.
Dem Gesetze der lyrischen Strophe gemäß dürfen die Senkungen nicht fehlen.
Wo sie etwa fehlen, da ist gewiss ein Fehler der Hss. anzunehmen, auch wenn wir
ihn nicht überall berichtigen können. Aber in yielen Fällen ist die Besserung leicht.
Der Dichter gebraucht , wie Rückert (S. 264) bemerkt , die Worte here mere swans
vüre u. 8. w. nach Bedürfhiss zweisilbig: aber der Herausgeber hätte bemerken sollen,
daß dieser Gebrauch in der Lyrik viel älter ist und bei den besten Dichtern ror-
kommt. Nach diesem Grundsatze sind einige in der Ausgabe fehlende Senkungen zu
behandeln: lies 644 wole, 2522 sc/iame, 4697 dare, 6978 undervaren. Andere
leichte Änderungen sind: 2655 lies m£ne, 3639. 4149 Arie, 4279 sine, 4477 nemet.
4815 Africdne, 6317 drabeten. In andern Stellen hilft Umstellung, 2605 lies ma-
neger sin widerkumen dem heiser swuor. So bleiben nur wenige Stellen übrig , die
aber der Herausgeber hätte zusammenstellen und möglichst berichtigen sollen.
1982. 2889. 4385. 7127. 7449: gewöhnlich hilft die Einschiebung eines kleinen
WOrtchens, die Rückert in andern Fällen häufig genug zur Aushilfe gebraucht hat.
Dieft Mittel der Ergänzung lässt sich mit Leichtigkeit in folgenden Stellen an-
wenden. 1325 lies getriben da das, wo der gleiche Anlaut den Ausfall leicht erklärt.
1679 €Ur wurden sie dö, 1802 der junge man, 2079 heim unde schilt was lütet, 2217
der sprach aeh eUewtrtche durch gleichen Auslaut zu erklären (sprach ach), 3012
dd i€ lande. 3787 nu läze wir ot hinder im, 4102 iedoch, 4377 der ander was, 4817
vmd den küne, 4837 swer aber da. 5072 der hat umh, 5402 swaz «r der bristen,
6079 dd van man in noch, 6367 wnd den von Arie, 7302 der heiser dö. Es scheint,
daß der fferausgeber in diesen Stellen den metrischen Fehler nicht bemerkt hat:
sonst würd« er seine sonst häufigen dö nü auch hier gesetzt haben.
Ein anderes Mittel, den Text zu bessern, das auch der Herausgeber oft genug
angewendet hat, ist die Umstellung der Worte. 59 wirt er niht der heider gwert.
523 sufor ich quam ze stürmen ^ während bei Rückert eine Senkung fehlt. Statt in
striten wohl ze striten» 1372 ir tote sprach von Leiiech und sprach in der folgenden
2eite zu streichen. 1675 als erz moht an der mehte hdn, 1761. 62 muome tuo he-
k(ua'\ uns dm rittet, 1837 zuo dem hampfe weiden, der Cäsur wegen. 2642 homen
garzesamene. 3415 der valh sich wider, 3532 varen des, 3672 dö sante man mit
heu in. 3799 dem rieh hat, 3822 dem bevalh er Hute, 4072 dö von Affriodne die,
4073 heten daz, 4085 sich vergdhet alse, 4840 u*ir möhten dne «wert sie wde tw,
4879 dUrwurben Swege vreud: daz wart den heidn verzogt, 5369 swaz der bdroch
ffuoter geheize, 5557 einander wider. 6032. 33 daz dem pdbste solhiu Sicherheit ge-
tan I werde. 6096 und dazn got gröz gegeben het, 6251. 52 Dd von in diu herze
«ehen \ wolden. 6782 lUede i>/e sich. 6916 wan im was sin zeswer arm.
Die zweisilbigen Auftakte waren nach dem Gesetze der Lyrik, nach welchem
die Lohengrinstrophe zu betrachten ist, möglichst zu entfernen. Daher ist zu lesen
Ulumb. 142 ichn ruöcht. 493 des gwan. 1172 ^«w. 122S er gwerte. 1333 orf. 1947
iibrwindent (nach der Cäsur). 2431 iedicher. 2443 manc; ebenso 2466. — 2514
mem glücke. 2861 Manc. 2931 EtsHcher. 3119 manc. 3590 iur; ebenso 3678. —
3814 ndekm, , oder den^ zu streichen. 4140 der gwalt. 4181 Manc. 5017 und die
250 . UTTERATUB.
kfkne. ^OdOertdieae. 5126 fnane. 5213 «m^. 5214 vaat 5454 durch, 5623 ^i
wi« der Herausgeber innerhalb des Verses oft ^schreibt. 5673 wwrt. 6014 mK
6189 vürz, 6516 manc. 6637 von der keiserinne sehiet sieh doch diu kUnegin Mm,
6836 obs. So bleiben nur 2021 6423. 7306. Diese Auftakte machen an sich keine
Schwierigkeit; aber zweisilbig geschrieben verfuhren sie zu falscher Lesung. Wir
wollen es dahin gestellt sein lassen , ob der Herausgeber nicht an mancher dieser
Stellen sich in der Zahl der Hebungen geirrt hat.
Ich fuge hier noch eine Reihe yon meist unschweren Verbesserungen des Textes
bei, 684 lies tuo mir def dingenäde achin. 2046 streiche harre, 2226 tilge er spracK
das die Hss. häufig der Deutlichkeit wegen einschieben. 2680 tilge mit gMä.
1341 schiebt der Herausgeber hA ein, übersieht aber, dait weder in den Hss. noch in
seinem Texte der Vers , einen Reim hat. Lies daz ezzen hete ein ende hie (:erpt«.)
1533 lies diu kunft des gaates unde ein dem andern. 2350 vrou Er da etäetet. 2931
yielleicht beie (ireit), weil sich kein analoger Reim findet. 3013. 16 besser begegendi
: legende. 3018. 19 besser Elysiobttihit (vgl. Anm. zu 303). 3567 ist medi^ vk
tilgen, das aus 3566 eingeschlichen ist. 3677 hilft ein en dem Verse 9xdsieefra^
^zewäre ich enmd'ht; ebenso 4627 enkan. 4859 mä eperen niht enspam. 5487 sum
des gdouben niht enwelL 4787 da von sich die niunden schar nü niht ensümen kmgfr-
1959 daa sich dekäner sin enschamt. 6724 enschäde. Besser liest man auch 7179 «i
für dawne: komen ez enmüeze u. s. w. — 4236 ist der in die folgende Zeile nach
Jupikr 2U setzen. 5083 daz zu streichen. 5114 wert zu streichen. 5195 infMmigif
wU, 5530 iemer. 5660 brdhtm. 5674. 75 sind umzustellen. 5676 erste. 5878 uftM-
der. 6009 schoA-n. 6254 hoermt, ebenso 6553. — 6318 wirU wie 1536 im Reim. -
6449«z/jem. 6698 hat der Herausgeber übersehen, daß der Reim fehlt. Man lese
daz für zuo. 6859. 60 wozu die Anm. des Herausgebers zu vergleichen ist, dat dm
hristenlichen glauben gU ursprinc. dd von er sanc niht vrastgmunb nach der nrnge^dfi.
6898 den hdm zu streichen, es ist offenbar hineingekonmaene Glosse. 6943 ddk
7056 die zu strichen. 7263 lies kint erziehen. 7275. 76 ist dormo zur vorigen Zeile
zu ziehen, der Reim zuo : tuon hindert nicht. 7520 ein gewaltee man. 82 lies vindt
oder vint. 932 seiest. 996 zir. 1048 zem. 1840 sin. 2137 se. 1883 Lutringe. 2816
maiu. 3125 lieht gevar. 5035 vorrttaere. 5133 36 umbehabet.gedrabu.
Einigemal sind, man sieht nicht warum, weibliche Reime an Stellen derStrtphe
gesetzt, wohin männliche gehören. Vgl. 3381. 3404. 4201. 4251. 4614. 6608. w^
7321. 22 wird klös6r:Ust zu schreiben sein.
Eine metrische Eigenthümlichkeit will ich noch bemerken, die der Herausgeber
nicht beachtet hat. Der Dichter lässt nämlich eine Silbe aus, wenn er nach spreekei^
oder jehen die Worte direkt anfuhrt. Hier bildet die dazwischen gemachte Pause die
fehlende Silbe. So 1937 sie sprächen ■* swaz <r gebiet 2065 der käser sprach -
'hcUfet ez üf die Sre min; und ebenso noch 2382. 4207. 6097 und bei jehen. 2532 »e
jähen -J^ wir sülen lieber ungemaoh und 2652. 4718. 6017. 6325. 6387. auch 2537
ist zu Iwen.der von Fräbant sprach — ÄÄr, wenn hdnts iuch naehst geruochet.
Die Interpunktion des Herausgebers i^t nicht überall zu billigen. Das (:) nacb
^pehen 51 ist zu tilgen. 75 der (.) nach tragen zu tilgen und nach entwiche zu setsen.
379 (.) nach lebm. 1242 (,) nach l^t. 1354 (,) nach liep. 2708 (.) naoh sU n
tilgen. 2941 (,) nach gerant zu tilgen; ebenso 5471 nach panier.
Auch an Druckfehlern mangelt es nicht 1^4 lies war für waz, 216 öfe^ädm*
UTTEBATUB. 261
293^. 1027 ufdm. 1070 SadcU. 1095 «mV. 2293 >n«. ZUi dien. 4768«!^.
5067 Ute. 5256 trdtm. 5340 A»«n«^. 5830 volge der. 6313 ^^r^SA^? 6421 künec,
imjem. 7e22 getnachet.
Ab maacheo Stellen finden sich auch Yers^ASe gegen die Grammatik. Lies 835
in. 1290 irs. 334:B keine drö, 3360 «9. 5149 citti. und falsche Wortformen. 1693 lies
wet. 1166pdwelün. ISOS Spangol, 2905 2\«on<m. 3850. 3872 ^radfe^«. Als Prä-
position steht einigemal mite, wie ich glaube mit Unrecht. 1862 lies nut brCde und
mit win. 1999 mit eehilt unt nUt.eper; Tgl. auch 2749 wo man lieber umstellt.
Bas Yerhältniss des Dichters zu Wolfram ist nicht genügend erörtert. Der Her«*
usgeber nennt zwar (S. 228) den Lohengrin 'eine Mosaik aus Wolfram' : aber wenn
wir dieB auch glauben wollen, so hätte es doch reicher belegt werden mülten, als
durch einige wenige Citate in den Anmerkungen. Was die letzteren betrifft, so er«
Ortern sie nur wenige Punkte, aber auch hier gibt es manches zu berichtigen, Zvl
73 wird die Form Dümgen gegen die durch den Reim gesicherte (2617. 5113)
DOrgm rertheidigt. Zu 305 wird der Grundsatz aufgestellt, dai) ir nur flectiert ge-
Ibraocht wird, wenn es das Metrum erfordert: aber dieser Grundsatz ist im Text
nicht durchgeführt , wie mehrere der Ton mir angeführten Stellen beweisen. Die
Schreibung gebliubt : durchgraebt (zu 5321) i^t nicht zu billigen. Auch im litterari*
«eben Xheile der Aumerkungen, der mit allzu groDer Breite ausgeführt ist und sich
auf die Hälfte des Raumes hätte reducieren lassen, finden sich falsche Bemerkungen.
So wird S. 272 ron Kürzungen des Strickers im Reime gesprochen, die denen im
Lohengrin gleichkommen sollen
Eine Vergleichung der Namen im Lohengrin mit seinen Vorbildern wäre auch
wünschenswerth gewesen: ein Namenregister am Schluß mit übersichtlicher Gegen«
überstellung der Wolfiram*schen Eigennamen hätte für diesen Zweck ausgereicht
nnd würde manigiach belehre^.
In derBcurtheilung der Ausgabe mußte ich ausfährüeher sein, weil ohne die
Belege mancher Tadel uugegründet erschienen wäre. Daß der Herausgeber bessere
Texte zu He£sm versteht, hat er bereits früher gezeigt: um so mehr war man be-
rechtigt b^i dem Lohengrin ein gleiches zu yerlangen. Eine in jeder Beziehung
kritisch genügende Ausgabe brauchte er noch nicht zu geben und dazu werden auch
meine Bemerkungen sie nicht machen, die nur andeuten sollen: aber die einfachsten
Anfoiderwugan, die man an einen Herausgeber stellen kann« werden durch diese
Aosgabe des Lohengrin nicht befriedigt werden. Mit solchen Ausgaben ist der
WissQoacbiilfc nicht gedient, sie schaden mehr als sie nützen« um so mehr w^m sie
▼00 einem Manne herrühren, dessen Ausgaben eine Anerkennung in der gelehrten
Welt sich errungen haben. KARL BARTSCH.
Jägartir#Vi0r. JagOalterthüiMr: Waidsprache «ud Jägenehrei«, Jagdealeoder, Jäger-.
küoste und JAgeraberglauben, Jägersagen. Dresden, 6. Scbönfelds Rachhandlnng
(C. A.- Werner). 1867. 8. IV. a 180 S. (IV, Thlr.)
Das Torstehende wohlausgestattete Buch soll laut Vorrede (S. I) nicht bloß
U^erhattMOf{^ gewähren, sondejrn zugleich Vinige nicht unwichtige Beiträge zur
^tschen Sittengeschichte und vergleichenden Sagenkunde liefern*, und hiernach
vird Qii^ kmze Anzöge desselben in der Germania am Platze sein.
252 UTTERATÜR.
Zunächst gibt der ungenannte Verfasser eine Sammlung von Weidsprüchen und
Jägerschreien, d. h. die, welche Jacob Grimm in den altdeutschen Wäldern aus einer
Handschrift und yerschiedenen Büchern herausgegeben hat, und die, welche ich aus
einer früher mir gehörenden, jetzt im Besitze der Großherzogl. Bibliothek zu Weimar
befindlichen Handschrift im Weimarischen Jahrbuche (III, 329 ff.) bekannt gemacht
habe Au der Schreibung der Sprüche nicht nur, sondern hie und da auch an
grammatischen Formen ist vom Verfasser geändert. £inzelne Druckfehler sind
sind nicht berichtigt , einige neue hinzugekommen. Die spärlichen Anmerkungen
enthalten nichts eignes, neues ; alles was sie bieten ist aus Grimms und meinen Be-
merkungen ausgeschrieben. Was wir gelegentlich nur yermuthet hatten, ist ohne
Weiteres als sicher angenommen worden, und die Erklärung dunkler Stellen, anf
deren Schwierigkeit wir hingewiesen, die aber hier ohne alle Deutung stehen, als
wären sie leicht und selbstverständlich , ist durchaus nicht gefbrdert. Man sieht
überall, daß dem Verfasset eigentliche Sprachken ntniss abgeht.
Während nun sämmtliche 337 Weidsprüche des Jägerbreyiers, mit Ausnahme
des einzigen Nro. 201, sich in den altdeutschen Wäldern und im' weimarischen Jahr-
buche finden, hebt der Verfasser in der Vorrede herror, daß weder Grimm noch ich
anf die Weidsprüche und Schreie in Schnurr yon Lensidels Hausbuche und in Feyer-
abends Jagdbuche Rücksicht genommen hätten, und theilt dann diese Sprüche unter
Nr. 121 — 200 mit, indem er bemerkt, daß sie auch in Bechers Jägercabinet und in
Erlachs Volksliedern ständen; die Nummern der letztem Sammlung sind beigefügt
Es ist unbegreiflich, wie der Verfasser yergessen konnte , ob wohl er doch die alt-
deutschen Wälder vor sich hatte, daß die sämmtlichen Sprüche von Nro. 121—200
bereits von Grimm auä Bechers Jägercabinet mitgetheilt sind und daß Erlach sie erst
aus den altdeutschen Wäldern entlehnt hat; die Zahlen der Erlach'schen Sammlung
sind eben die der Grimmischen. Im weimarischen Jahrbuche a. a. S. 332 hatte
übrigens auch ich bemerkt , daß die von Grimm aus Becher mitgetheilten Sprüche
sich schon im 16. Jahrhundert gedruckt vorfinden.
Den Weidsprüchen folgen im Jägerbrevier 'Xhierverslein , d. h. Reime auf
verschiedne Thiere, aus Feyerabends Jagdbuch. Ich kann im Augenblicke das Jagd-
buch nicht vergleichen und weiß daher nicht, ob sie gienau abgedruckt sind; das
aber weiß ich, daß sie, wie sie im Jägerbrevier stehen, allerhand falsche und unver-
ständliche Stellen enthalten, die durch leichte Änderungen berichtigt werden konn-
ten. Die folgende zwei und eine halbe Seite füllende Sammlung von Jagd-
Spruch Wörtern' hätte bedeutend vermehrt werden können. Der *Jägercalender'
ist aus verschiedenen alten Jagdbüchern' zusammengestellt und enthält meist ge-
reimte Wetter- und Gesundheitsregeln für die einzelnen Monate Hieran schliefien
sich unter der Aufschrift 'Jägerkünste' und Jägeraberglaube' 80 meist abergläubische
Rec^pte und Mittel, die zum Theil recht interessant sind. Auch eine oben erwähnte
Handschrift enthält ein paar derartige Recepte, darunter jedoch nur eins mir interessant
scheint und welches ich desshalb hier mittheile.
VÖGEL AUF DEM TENNEN Zu FANGEN.
Mache dir einen Tennen, darauf du liegen willst, heb an an S. Jilgentag, und
die Vögel , so du zuerst fahest , soll du rupfen lassen und brat«n , und gib*s armen
Leutnn, behalt keinen darvon. Darnach nimb die Federn und theil sie ungeferlich in
UTTERATUB. 253
fünf Theil und thue einen Theil unter die HQtten unter den Sitz und auf jede$ Eck
des Tenns, auch ein Theü eingraben: darnach föhestu Vögel das ganze Jahr.
Den Schluß des Jägerhreviers (S. 120—174) bilden 'Jäger sagen, ron Schützen
die immer treffen, und solchen, die keine Kugel trifit.* Der Verfasser hat mit Fleiß
die neuem Sammlungen deutscher Sagen durchgemustert und die betreffenden Sagen
zusammengestellt, eine Zusammenstellung, für die man ihm, auch wenn sie nicht
ToUständig sein sollte, dankbar sein muß. Auf nicht germanische Sagen und Aber*
glauben ist keine Rücksicht genommen, obwohl dieß zu interessanten Vergleiohungen
geführt hätte. Bezüglich der Passauer Kunst bemerke ich , da!ß unter andern auch
ein Caspar Neuthardt aus Hersbruck als ihr Erfinder galt (vgl. Waldau vermischte
Beiträge zur Geschichte der Stadt Nürnberg HI, S 200). 0
Ich benütze diese Gelegenheit noch zu zwei Bemerkungen. Im weimarischen
Jahrboche a. a. O. S. 332 habe ich gesagt , daß Jacob Grimm es gewesen sei, der
zuerst in neuerer Zeit wieder auf die vergessenen und verachteten Waidsprüche auf-
merksam gemacht habe. Ich hätte aber nicht übersehen sollen , daß schon Gräter
(1794) in seiner für jene Zeit vortrefflichen und noch heute beachtenswerthen Ab-
handlung'über die deutschen Volkslieder und ihre Musik' (Bragur III, S. 273) auf
die Weidmannssprüche als ein Stück Volkspoesie hingewiesen hat, wenn auch nur
im Vorübergehen und nicht günstig genug (vgl. auch Wackernagel Geschichte der
deutschen Litteratur §. 96, 3). Femer habe ich a. a. 0. S. 477 ein Gedicht Lorbers
'die edle JA^rei* vom Jahr 1670 besprochen, in welches verschiedene Weidsprüche
und Jägersehreie verwebt sind. Seitdem ist mir noch ein anderes , wenige Jahre
älteres Gedicht bekannt geworden, welches hat ganz aus Weidsprüchen und Jäger-
sdireien zusammengesetzt ist.^ Es ist dieß Sjlvanders Lobspnich von der edlen
Jägerei, der sich findet in dem Ballet 'Der sieghafte Hymen .... Durch einen der
edlen Poesie Liebhabern Fido [nach der Unterschrift der Dedication Adam Ulrich
Schmidlin], Stuttgart, 1662. 4®. S. 89— 101.
WEIMAR. BEINHOLD KÖHLER.
1. itchweiieriagen ans dem Aargan. Gesammelt und erläutert von RochhoU.
Zweiter Band. Aarao Ui Saaeriänder, 1857. LVI und 408 Seiten 8. (2 Thlr. 24 Sgr.
oder 4 fl. 12 kr.)
2. Die Sagen Yorarlbergt. Nach schriftlichen nnd mündlichen Oberliefeningen ge-
sammelt nnd erlftntert von Dr. Vonbnn. Innsbrack, Wagner*sche Baehhandlung 1858.
8. Alpensagen. Volksfiberlieferangen ans der Schweiz, aus Yorarlberg, KAmten, Steter-
mark. Salzbarg, Ober- und Niederösterreicb. Von Theodor Vernaleken. Wien,
Seidel 1858. XX und 436 Seiten 8. (1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 &. 88 kr.)
4. Mythen nnd Sagen Tirolt. Gesammelt und heransgegeben von Johann Nepomnk
Ritter ron Alpenbnrg. Mit einem einleitenden Vorwort von Lodwig Bech stein.
Zürich, Mejer A Zeller 1857. XH nnd 432 Seiten 8. (2*U Thlr. oder 4fl. 36 kr.)
1. Der zweite Band der Aargauer Sagen schliel^t sich dem früher angezeigten
ersten würdig an. Derselbe Reiohthom nnd dieselbe Sichtung und Beherrschung des
*) Ehiige Naehtrige zu dem Jägerbrerier aas skandinaTiseher Sage und Abefglanben hat
AibjOmsen in KObne's Emropa 1857, Nr. 52 geliefert.
264 LTTTKRATÜR. .
seit Tielen Jftbren angesammelten Stoffes zeigt sie)i auch hier. Die KetiiitnisB mA
Berficksitihtignng der gesammten Sagen litteratur , die wir bei Bdsprecbtmg des
frühem Bandes rühipend hervorgehoben, gibt auch diesem einen so hohen Werth, daS
wir Roehholz den Preis unter den Sagenherausgebern zugestehen müßen. Der
Torliegende Band, der 294 Nummern enthfilt, beginnt mit einer Abhandlung ober
den schweizerischen Sagenkreis yom Bannräuber Stiefeli, der ein landwirthsehaft-
lieh bethätigier Zwerg ist , welcher unter der firühesten SennenberGlkerang jener
Landstriche als ein^ freundliche Gottheit der Feld- und Hausgrenze gegolten hat.
Als die Volkssage mehr und mehr verwilderte, ward der Sennenzwerg in einen
teehtsver dreh enden Vogt und endlich in den übergewaltigen wilden Jäger verwan-
delt. Schließlich weist Rochholz in dem sehr fleißig and fein gearbeiteten An&atze
auf die Ähnlichkeit dieses Sagenkreises mit. dem Mythencjklus des Hermes hin.
Mttditen einzelne Sagenkreise recht ofb in gleicher Weise behandelt werden. Die
Forschung würde aus derartigen engbegrenzten Abhandinngen mehr gewinnen, &ls
aus manchen vagen Mythologien. — Der erste Abschnitt des zweiten Bandes ent-
hält die auf Zauberthiere bezüglichen Sagen. Drache und Schlange, Stier, Boss und
Hund, Vögel, Kröten, Hirsche, Katzen, Böcke sind bedeutungsvoll vertreten, h
md dieß gröfitentheils heilige oder elbische Thiere. Theils waren sie Göttern ge-
weiht, theils erschienen wohl Götter selbst in solcher Gestalt. Neben wenigstem
in Oberdeutschland bekannten Sagen finden sich hier viele neue Zttge. Der zweite
Abschnitt enthält die brennenden Männer, die gröStentheils als Marktfrevler um-
gehen mfißen. Ihnen folgen die zahlreidhen Rechtssagen , ein goldenies Vermftcbt-
niss alter Volksmoral in Bild und Beispiel. Der neunte Abschnitt bietet reiche
Traditionen über Zauberer, Hexen, Unholden und Teufbl und zeigft neuerdings, ^
noch Mythenreste in Teufel- und Hexensagen fortleben. Hulda, Wuotan und Do-
nar finden sich in diesem Theile vertreten. Das folgende Kapitel, welches Heiden-
und Römerbauten überschrieben ist , ' enthält nebst darauf Bezüglichem aueh tfit-
theiluogen über Fhir- und Ortsnamen. Begegnet uns in de? ersten Hälfie dieses
Abschnittes die bekannte Volkssitte, sehr alte und außergewöhnliche Bauten dem
Teufel, den Heiden oder Römern zuzuschreiben, so enthält die zweite Scigen über Orts-
namen und Anekdoten , die an die Lalenburgerstreiche erinnern und über gans
Deutschland mehr oder weniger verbreitet, vom Witze unserer Altvordertl Zeugnis«
geben. Den Schluß dieser Sammlung bilden Legenden und geschichtliche Sagen.
Bei den init größer Belesenheit geschriebenen, treulichen Anmerkungen vemrisst man
S. 16 das Verweisen auf die Legende von der h. Juliäna, die das Einhorn ali Attribut
hat. Der Glaube an die Bezähmung des Einhornes durch Jungfhtuen rtfkhte bis
ins 11, Jahrhundert herab. Zu S. 215 sei bemerkt, daß in Samthai (in Tirol) jene
Häuser Heidenhäiiser genannt werden, die gemauert sind und einen geraden Haus-
giang mit zwei Thoren haben. Durch die Fhir solcher Häuser soll ret Alt^st/mnehr
mal die wilde Fahrt gezogen sein. Bei den Anmeldungen hätte das alte Legenden-
buch „Leben der Heiligen** öftere Berücksichtigung verdient. — Roöhhöltz's ge-
diegene» Werk isi fui jeden Sagenfi(^scher unumgäBglidi nothwendig und wird die
verdiente Aneri^enaung mehr und laehr finden,
2. An das genannte Buch schließt sich Vonbuns Sammlung an, die größtentheüs
Oariginiitagen enthält* Um ein vollständiges Bild der Sagentradition Vorarlbergs
XU geben, nahm der umsichtige Sammler auch bereits in andern- Werken Verölfeot^
UTTERATüB. ~ 265
lichtes auf. Die Samnitun^ zerAllt in M&rchen und Sagen nebst Legenden. Hit
Märehea will er die mythisch« Sage, mit Sage die historische bezeichnet wissen.
Unsers £raoht«ns ist dieß Abweichen Ton der einmal üblichen und bestimmten Aus-
Arocksweise nidit cq loben. Unter den schönen Mittheilungen bis Nr. 74 sind etwa
fünf Märchen im gewöhnlichen Sinne zu finden , alle übrigen sind trefilieh erzählte
tianige Sagen. Fanggen und wilde Leute, Bergmännlein und Venediger, Bütze und
Teufel, da« Nacfatrolk nnd Geister, weilte IVaoen, Schätze und Schlangen werden un»
Torgefiihrt. Die Sagen sind mit Umsicht zu Gruppen geordnet und mit kurzen und
tr^nden Bemerkungen rersehen. Grimm's Mythologie dient als Schlüssel. Wir
wünschten niur eine allseitigere Benützung der Sagenliteratur in den Anmericungen.
Siöbeif Sagen des Elsaftes sind am fieiftgsten benüzt, die übrigen Werke dieser Art
selten oder gar nieht berührt worden. Theilweise mag diese Lücke durch den ah"
geschiedenen Landaufenthalt des Verfassers entschuldigt werden. So wäre schon
bei Nro. 6, wo die Tielrerbreitete Sage ron der dickbäuchigen Kröte und der Dirne,
fbe später geholt wird um der in Wochen liegenden Fangge zu warten, yiel £in->
^^^giges zu rerzeichnen. Dasselbe gilt ron sehr vielen Sagen. 2um Melken
sns Holzzapfen Nr. 10 könnte auch viel Bezügliches angeführt werden. BerÜhirte
diesen Aberglauben ja schon Geiler in seiner £meis (Stöber , zur Geschichte de»
VcUisabergl^afaens S. 62.) Aus Vonbuns Sagen ergibt sich, da0 die Fanggen di#
Zwerge Tertreten. Beinahe all* die Sagen, die anderswo Ton Zwergen, Nörglein,
Wiehteln, Unterirdischen im Schwange gehen, werden in Voraribeig ron den Fftagge«
enihlt. Wichtig sind die Sa^en rem Naditrolk, die entschiedene Beziehung auf
Wuotto, Donar, Holda und die wilde Jagd haben. Daft mit de» Nachtvolk» auch
hva Sälda einst zog, habo ich schon firflher mitgetheilt. Es würde uns ein näheres
Eingehen auf einzelne Sagen zu weit fßfaren Vonbun erzählt Vieles sehr treiftich
BD Dialekte setneor Heimath, wodurch das Buch neuen Reiz und einen doppelten
Werth erhält. Wir wünsehen, dai er seine Sammlungen fleil^ig fortsetze und auch
eine Lese dortiger Kinderreime und Volkelieder bald veranstalte.
3. Ein weiteres Gebiet, als die Vorgenannten behandeln, hat Hr. Vernaleken
anschrieben. Unter dem Titel Alpensagen gibt er Volksüberliefbrungen ans de#
Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Saliburg, Ober- und Niederötterreicii.
£r gruppiert die Sagen, die grofientbeils mündlicher Überlieferung entnommen sind,
in die Abschnitte: L Vergietsehemng, Untergang. IL BergentrUekte Helden, Wuo-
t«o und wilde Jagd, Teufel und Riesen. HL Weibliche Wesen, Zauber, Schätze,
^n. IV. Mittelif^sen. V. Mythische Thiere. VI. Ortssagen und Legenden.
Vn. Zeiten nnd Fetten Sitten und Gebräuche. Schlichte, gefitllige Darstellung
empfiehlt dieses sorgsam gearbeitete Buch , das mit groiem Verständniss der deut-
sehen Mythologie geschrieben ist. Die knappen Noten geben treffliche Winke und
berühren in bündiger Kürze anderwärts vorkommende, ähnliche Sagen. Neben Be-
kanntem kommt viel Neues vor. Ich verweise beispielshalber nur auf „die Wal-
purgisnächte'' S. 109, die deutlich hinweisen, dai» Walpurgis mit Holda in Beziehung
stehe. Die Berhta oder Stampa erscheint in manchen Gegenden der Schweic
onter dem Namen Strägele (S. 116 u. s. f.) Überhaupt ist Berhta in diesem Buche
reich vertreten und die hieher bezüglichen Sagen und Gebräuche geben den Beleg,
▼ie zfth sich diese Göttin im Volksmunde erhalten hat. Nebst solchen alten Sagen
findet man in der Schweiz viele alten Sitten^ Bräuehe und Aberglauben, die für den
266 LITTERATÜR.
Mythologen tob Belang sind. Schließlich müßen wir bemerken , daß einigemal die
Darstellung zu sentimental ist. Die Schreibweise Hechse, Nichs ist für den gr5&ien
Theil des Publikums störend.
4. Alpenburgs Mythen und Sagen müßen mit Freude begrüßt werden. Der
Herausgeber hat mit Liebe und Lust reichen Sagenstoff angesammelt und versteht
recht treuherzig und frisch zu erzählen. Die eingeflochtenen Daten über Land und
Leute geben dem Buche überdieß neuen Reiz und Werth. In den nach mündlicher
Tradition getreu wiedergege^enen Sagen, und dazu gehören die meisten, liegt das
fiauptverdienst des wackem Herrn Ritters , der noch viele Schätze zu entdecken
Terspricht. Sehr werthrolle und jedem Forscher willkommene Beiträge enthalten
die Abschnitte : Hulda und die seligen Fräulein, die Riesen, die Holden mid Un-
holden, die Schatzhüter und die Sammlung yon Aberglauben, welche denSchlul
bildet. Das Buch gibt ein glänzendes Zeugniss Yom zähen Festhalten des Tiroler
Volkes an alter Sitte und Sage. Noch leben im Munde der Tiroler Hulda und
Berhta fort , noch klingt die früher im Lied gefeierte Riesen- und Zwergensage in
zahllosen Überlieferungen nach und zeigt , daß ihre engere Heimath Tirol ist (vgl
Wackernagel Litt.-Gesch. S. 209.) Weniger Werth haben, die andern Werken
nacherzählten, Sagen, welche auch in ihrer Darstellung yon den Originalsagen manch-
mal unTortheilhaft abstechen. Beda Webers Fasseier , dessen Meran und Tjrol»
Stafflers Tirol und Vorarlberg, Emmerts Almanach sind mehrere Sagen entDom-
men, deren gedruckte Quellen nicht angegeben sind. Der Rosengarten des Königs
Laurin S. 127 u. 28 ist einem Märchen, das ich ersonnen und der Widmung des Büch-
leins König Laurin eingerückt habe , entnommen. Das Volk bei Meran weü nur
Ton einem Zwergenkönige Laurin, der in der Nähe des Schlosses Tirol im Berge ge-
wohnt und einen schönen Garten gehabt haben soll. Auch diese Tradition ist wenig
mehr yerbreitet. — Danach müßen Bechsteins Worte in der Vorrede: „Alles ist
treu, ist unmittelbarer Anschau und achtem Hörensagen aus dem Munde der Alpler und
Thalbewohner entnonmien** (S. IX) berichtigt werden. — Ritter yon Alpenburg giht
aber nicht bloß die Sag^n, sondern yersncht aus den, ein mythisches Wesen betrefienden
Erzählungen, ein möglichst yoUständiges Bild derselben zu geben. Diese Gemälde
bilden die Einleitung zu den einzelnen Sagengruppen. Wir wünschten, daß diese
Gemälde einfacher und bestimmter gehalten und mit mehr Berücksichtigung der ein-
schlägigen Litteratur yerfasst sein möchten. Je mehr Sagen man yergleicht, desto
schärfer wird der Blick , desto reicher das einschlägige Material. R. y. Alpenburg
benützte neben Grimms Mythologie häufig nur Bechsteins deutsches Sagenbuch, das
sich bei Fachmännern nicht des besten Rufes erfreut. Wir wünschen, daß der eifrige
Sammler recht bald den zweiten Band der Sagen oder den Bauemkalender folgen
lasse«
I. V. ZINGEBLE.
o J^p'jifiStHtifM'* T'*''
Ureck der J. B. MetEler'icheii BucltdrucMrel ia StatifUft.
KOMAD VON WÜRZBURG AUS WÜRZBURG
ODER AUS BASEL?
WILHELM WACKERNAGEL.
' nSp»t kommst da: doch da kommst.**
Eonrad von Würzbnrg ist in Vergleich mit andern, namentlich den ihm
gleichzeitigen Dichtem und bei der Menge nnd theilweis anch dem großen
Umfang seiner eigenen Werke verhältnissmäftig arm an Beziehungen auf die
Geschichte seiner Zeit und an Namen aus derselben. Letzterer kommen nur
etwa sieben bei ihm vor, und jedesmal nur da, wo er Gönner seiner Kunst zu
errshnen und ihnen für die Unterstützung zu bestimmten einzelnen Gedichten
za danken hat. Zwei davon gehoeren nach Straßburg, ein LieJUenberger,
den er in einem Spruche (bei v. d. Hagen, Mnnes. 2, 334) wohl eben als
Gönner preist, und ein Domprobst von Thiersberg, auf dessen Bitte er den
Otto mit dem Bart gedichtet (Hahns Ausg. Z. 750 fgg.). Die übrigen ins-
gesammt nach Basel , Johannes von Bermeswil und Heinrich Isenlin im heil.
Alexins (die Altd. Handschriften d. Basler Univ.-Bibliothek S. 4), Johannes
von Argael im heil. Pantaleon (Haupts Zeitschr. 6, 193 fg.), der Domherr
Leatold von Bcetelen im heil. Silvester (die Altd. Handschr. S. 4 fg.) und ein
zweiter Domherr, Dietrich an dem Orte, in dem Buch von Troja (Altd.
Handschr. S. 5).
Wenn bereits hiemit das Gebiet von Eonrads Leben und Wirken auf
Basel und das benachbarte und befreundete Strasburg eingeschränkt erscheint«
so erfahren wir aus weiteren Belegen, daß er jenen Ort nicht vielleicht nur
als Fahrender ab und zu und vorübergehend berührt hat, sondern daselbst
haushaeblich gewesen ist, mit Weib und Kind angesessen und mit Weib und
Kind gestorben und begraben. Ein Haus in der jetzigen Augustinergasse,
der damaligen Spiegelgazze^ wird urkundlich im J. 1290 als do-mAsqwmdam
Maffistri Ourwadi de Wvrzeburg bezeichnet (Basel im vierzehnten Jahrh,
S. 23), nnd das Jahrzeitenbuch des Basler Münsters vermerkt unter dem
IT KJal. Sept. (das Münster zu Basel von Fechter S. 47) Omiiradua de
emLuriA in, 17
258 WILHELM WACKERNAGEL
WiTtzhurg, Berchta uxor eius, Gerina et Agnesd, filicB corum, ohiermd, gui
sepuüi eunt in latere b. M. MagdalenoB, *) Vater, Mutter und beide Töchter
an einem und demselben Tage: es muß sie eine ansteckende Krankheit ge-
nommen haben. Der Todestag ist also der 31. August: das Todesjahr wird
nach dem Gebrauche der Necrologien nicht mit vermerkt; die Annalen von
Golmar, die man ebenso gut Annalen von Basel nennen dürfte, bringen die
Nachricht von dem Tode des Dichters unter das J. 1287: Ohiit Cuowadnfi
de Wircihwrch, in theutonico mvitorum bonorum dictaminum compüaior
(Colmarer Ausg. v. 1854, S. 130).
Andre räumliche Anknüpfungen als diese an fünf Baslerische und einen
oder zwei Straßburger Gönner, an das Haus und die Familie und das Grab
zu Basel lassen sich für Konrads Leben nirgend weder bei ihm selbst noch
bei anderen zuverlaßßigen Zeugen finden; wohl aber gewaehrt er selbst noch
ein Zeugniss , das wiederum mit Nachdruck auf Basel deutet, seine Sprache.
Wie alamannisch diese sei, hat bereits der verstorbene Hahn, wohl deren ge-
nauester Kenner, nachgewiesen (Otte mit dem Barte S. 9).
Fränkisch , wie wir diese Mundart für die frühere Zeit namentlich aos
dem Wigalois und gleichzeitig aus Hugo von Trimberg kennen, zeigt sich
Konrads Sprache in keinem seiner vielen Gedichte , durch keinen der viel-
und mannigfachen und staets mit Sorgfalt , überall mit Gleichmäßigkeit be-
handelten Reime. Auch anderweitig zwischen ihm und Franken keinBezng,
kein Zusammenhang: wie hätte ihm sonst aus einer Reihe dichterischer
Wendungen Walthers von der Vogelweide irrthümlich oder willkürlich eine
Legende werden können , deren Held nun ein anderer Franke , der Dichter
jenes Wigalois, Wimt von Gravenberg ist (Haupts Zeitschr. 6, 154)? wie
konnte sonst auch Hugo von Trimberg im J. 1300 so von Konrad sprechen,
als ob derselbe noch am Leben waere (Renner S. 21*)?
Und gleichwohl nennt sich Konrad wiederholendlich selbst von Würzburg
und wird auch von Andern, wird auch in jenen Urkunden- und Chroniken-
stellen so genannt, wird also, wie es scheint, einem Lande als seiner Heimath
zugewiesen, in welchem er doch mit keinem uns bekannten Verhältniss
♦) Mone , der diese Nachricht znerst aus der in Karlsrahe liegenden Urschrift des^Jahr-
zeitenhnches mitgetheilt hat (Hahns Otte S. 10), denkt bei dem latus b. M. Maffd4deMB an
eine M&gdalenenkirche, nnd eine solche, nämlich ein der Maria Magdalena geweihtes Kloster,
hat es in Basel wirklich auch gegeben. Da jedoch ein Jahrzeitenbuch des Münsters sich wohl
zunaechst auf dieses selbst und dessen Räumlichkeiten bezieht, wird eher die alte an den
Münsterchor angebaute Marien-Magdalenen-Capelle gemeint sein: s. Haupts Zeitschr. 6, 141 ;
das Münster ▼. Fechter S. 38. Die Angabe des verstorbenen Archivars Schneegans zn Straf-
barg, daß ein Stra(burger Jahrzeitenbach als den Todestag Konrads den 1. Juni bezeichne,
mag ebenso wohl auf einem Lesefehler beruhen als die damit verbundenen, dai nach den
Annalen von Colmar das Jahr 1282 sein Todesjahr gewesen und daß der Todestag auch in die
Sterbebücher der Dominicaner zu Freiburg im Breisgau eingetragen sei (Anzeiger d. Gennan.
Museums 1856, Sp. 84); irrig ist das Datum jedesfalls.
KONRAD VON WÜRZBURG AUS WÜRZBURQ ODER AUS BASEL ? 259
seines Lebens, mit keiner haftenden Erinnerung auch nur der Sprechart
beiniisch ist.
Die Unvereinbarkeit, welche hierin liegt, erledigt sich auf eine durch
ilire Ungezwntigenheit überraschende Weise, sobald man einen Gebrauch zu
Hilfe zieht, der hie und da in den Städten des Mittelalters und eben zumal
ia Basel geherrscht hat, den Gebrauch nsemlich Häuser, gleichviel aus welchem
Anlaß, nach irgend einem Orte, wie wir z. B. noch jetzt ein Solothnrn und
ein Venedig haben , und nach den Häusern wiederum deren Bewohner zu
nennen. So wohnte (um nur einige von den zahlreichen Beispielen aus Basel
hervorzuheben, deren urkundliche Mittheilung ich dem erfahrensten Forscher
unserer alten Ortskunde, Hm. Dr. Fechter, verdanke) 1270 in der domus
Siäten ein Johannes de Steüen, 1280 in der domus de Turego (Zürich) ein
Ubrieus de Twrego, 1292 in dem hus Richensheim (Rixheim) ein Joharmes
de BiehensJieim , 1306 in äem "Eaxis Mülnkusen ein Wemher Mülnkusen;
es gab Beginenhäuser der Namen Eienberg, Heitwiler, Geisingen, Bügheim
(Benggen), Bechtenberg, Altkilch, Laufenbnrg, Michelnbach und wiederum
Hnlhuseu, und ebenso nannten sich jeweilen auch einzelne Schwestern der-
selben: das zum Eienberg z.B. erscheint bereits im J. 1276, und 1308 wohnt
darin eine Adelheidis de KxevJbetg; einer Bewohnerinn des Hauses Laufenburg
geschieht um 1290 unter dem Namen Mechtildis Beguina dicta Steinhowerin
de Lovenburg Erwähnung (Basel im 14. Jahrb. S.62— 64). Der bekannte •
Chronist Albertus Argentinensis^ auch ein Zeitgenosse Eonrads, war von dem
Basler Geschlecht de Argentina, von Strdufburc; Straßburg hieß deren
Wohnhaus noch im J. 1400: so wenig hatten diese Häusernamen vorüber-
gehenden Bezug auf nur eine Person. Dieses Straßburg und neben ihm ein
Hans Mailand lagen an der alten Spiegelgasse , derselben , wo auch unsres
Konrad Hans gele|[en war; an eben derselben wird im J. 1398 eine domus
Wirtzhurg genannt (Basel im 14. Jahrh. S. 24), schwerlich ein anderes als
jenes, in welchem hundert Jahre vorher unser Eonrad gesessen. Nun aber
meine ich, von diesem Hause Würzburg habe der Dichter in gleicher Weise
seinen Namen Konrad von Würzburg empfangen wie von dem Hause Straße
borg der Chronist Albrecht von Straßburg und von den Häusern Eienberg
und Laufenburg die Beginen Adelheid von Eienberg und Mechthild Stein-*
hauerinn von Laufenburg. Er heißt Eonrad von Würzburg, nicht weil er in
dem fränkischen Würzburg geboren und von da aus hieher gekommen , son-
dern lediglich weil er Bewohner des Hauses Würzburg in Basel gewesen ist.
Dieß sind die Grande, aus denen ich kurz und bloß andeutend, da zu
ansgeftthrterer Entwickelung der Ort nicht geeignet war, schon in meiner
Litteratnrgesehiehte S. 1 10 und in Haupts Zeitschrift 8, 348 das alamannische
Basel anstatt des fränkischen Würzburg als die Heünath Eonrads von
Würzburg bezeichnet habe.
Ich durfte, nachdem bis dahin Eonrads Heimatb in Franken allgemein
17»
i
260 WILHELM WACEEBNAGEL
als selbstverständlich gegolten, auf Widersprach gefasst sein; er ward aacb
endlich laut, aber nicht zuerst durch einen Mann vom Fach: die vom Fach
schwiegen still, entweder weil sie aus Überzeugung , vielleicht auch nnr aus
Zutrauen mir beipflichteten, oder weil die Sache, wie auch billig, nicht erheb-
lich genug für besonderen Widersprach erschien ; er ward zuerst laut durch
Hra. Ignaz Denzinger, Professor zu Würzburg; s. dessen Aufsatz „Über den
Geburtsort des Minnesängers Conrad von Würzburg " in dem Archiv des
historischen Vereines von Unterfranken und Aschaffenburg 12, 1 (1852),
S. 61 — 81. Aber der ganze Ton dieser vermeintlichen Widerlegung war so
in jedem Betracht unpasslich, unpasslich bei der Schülerhaftigkeit des Ver-
fassers in dergleichen Dingen, unpasslich , nachdem ich einem Begehren um
Mittheilungen in Betreff der Frage rückhaltslos entgegengekommen (S. 66 fg.),
so ungeziemend auch die Beflissenheit den Angriff bis in politische Tages-
blätter zu treiben, wohin ich, wie vorauszusehen, nicht folgen mochte, und
der Angriff auch sonst (ich kann das starke Wort nicht umgehn) von Unred-
lichkeiten so wenig frei, daß ich es damals des guten Anstandes halber vor-
zog auf jede Rückäußerung Verzicht zu leisten. Wenn ich die Frage jetzt
wieder aufnehme, so geschieht das nur, weil mich ein andrer, aiigenehmerer
Anlaß, die Abfassung des letzten Neujahrsblattes für Basels Jugend (Ritter-
und Dichterleben Basels im Mittelalter), auf deren nochmalige Prüfung ge-
fuhrt und weil auf einen Mann, an dessen Urtheil mir gelegen ist, auf den
Herausgeber dieser Blätter, der Widersprach des Hrn. Denzinger den Eindruck
einer Widerlegung gemacht hat: s. Pfeiffer zur Deutschen Litt. Gesch. (1865)
S. 68. Ich kann darin nach wie vor nur Widerspruch und nur unbegründeten
Widerspruch erkennen.
Lassen wir Hrn. Detizingers Einwendungen der Reihe nach an uns vor-
übergehen!
Daß V. d. Hagen, daß Oberlin, daß sogar Oberthür Konrads Zunamen
von Würzburg auf Würzburgische Geburt und Heimath deuten (S. 66),
darauf wird Hr. D. selbst kein sonderliches Gewicht legen wollen, und ebenso
wenig darauf, daß Konrad überall , in eignen Gedichten wie in den Erwaeh-
nungen Anderer, von Würzburg heiße (S.69): ich glaube nicht den Zunamen
bestritten, sondern nur eine andere Auslegung desselben als Oberlin nnd
Oberthür versucht zu haben. Nur das Eine muß ich doch bemerken, daß der
Dichtername Gottfried von Straßburg (S. 71) kein so schlagender Einwand
ist: urkundliche Zeugnisse, nach denen Gottfried ein Straßburger gewesen,
haben wir nirgend: wir schließen das erst aus seinem Zunamen, nnd hier
steht solch einem Schluß die Sprache des Dichters nicht entgegen. W»re
die Sprache nicht, wseren Gottfrieds Worte und Reime nur um etwas ent-
schiedner alamannisch, so entschieden wie bei Konrad, es besseße Jedermann
die vollste Befugniss auch in Gottfried von Straßburg einen Basler, einen
Vorfahren jenes Chronisten Albrecht zu erkennen.
KONBAB VON WÜRZBURG AUS WÜRZBURG ODER AUS BASEL? 261
Aber es kommt ja nicht bloß vor, daß Eonrad so kurzweg von Würz-
borg, es geschieht auch, daß eigens and ausdrücklich Würzbarg als sein
Heimathsort genannt wird. Hr. Denzinger S. 69: ^In einem alten, hier sehr
merkwürdigen Liede werden die zwölf Hauptmeistersänger namhaft gemacht;
einer ist ein Boehme, der andere von derRhoßn, einer sitzt in Steiermark,
der andere zu Mainz, und wieder einer zu Zwickau, zuletzt heißt es nun:
der zehnte auch von WWrzhurg war,
hiesse Conrad, geiger holdselig,
diese Kunst lag ihn angefällig,
wie man in Johann Christoph Wagenseils Buch von der Meistersänger hold-
seliger Kunst S. 504 [506] lesen kann^ jedoch nicht ganz so lesen kann,
da Hr. D. stillschweigends ändert : Wagenseil hat Conrad Geiger als Vor-
nnd Zunamen, übereinstimmend mit Nr. 10 des Verzeichnisses auf S. 503:
„Conrad Geiger, den andre JsDger nennen, von Würzbnrg, ein Musicant.^
Allerdings ein schoenes Zeugniss das und von großer Beweiskraft für den,
dem alles Alte eine große unterschiedlose Masse und dem, wie meinem ge-*
lehrten Gegner, vielleicht nur um geschmackvollerer Mannigfaltigkeit des
Stiles willen auch unser Eonrad und überhaupt jeder deutsche Dichter des
Mittelalters bald ein Meistersänger, bald ein Minnesänger ist. Ich weiß nicht,
ob Hr. D. sich gefragt hat, wie alt wohl und damit wie gültig hier das sehr
merkwürdige Lied sei; ich dagegen möchte ihn fragen, ob er denn nach
Anleit desselben den Conrad Geiger holdselig nun ebenfalls in die Zeit
Kaiser Ottos I. setze, und warum er nicht großßerer Vollständigkeit wegen
auch den Meister namhaft mache, den das Lied als einen Boßhmen bezeichnet.
Aus zarter Schonung für seine Zuhcerer und Leser in Würzburg? Denn diese
haben ja erst vor Kurzem weder Unkosten noch Geschmack gescheut um das
Grabmal ihres Walther von der Vogelweide neu herzustellen.
Nicht besser als diese Bescheinigung der Heimath ^in der geschinden
Pflügweiße Paulus Fischers, eines Bärschners in Straßburg", wird ein anderes
Zeugniss gleichfalls durch sich selbst zunichte, obschon es Hr. Denzinger
nnter die ausgesucht vollgültigen stellt und ihm allerdings sein hoeheres Älter
auch Anspruch giebt auf eine hcehere Würdigung. Es sind das die Schluß-
worte, die in der bekannten um 1350 gefertigten Würzburger Handschrift zu
München der Goldenen Schmiede (Hr. D. sagt S. 63 der goldene Spiegel:
der goldene Spiegel aber ist von Wieland) unsers Konrad beigegeben sind.
Sie lauten, genauer wiederholt, als sie Hr. Denzinger S. 76 anfuhrt, B1.58c.:
ffiV get vz die gueldin smitte. die meister Cuonrad gebom von wirzehurg
flechte, vnd ist zvo frihvrg in prisgeve begraben. Ich kenne diese Schreiber-
anmerkung nunmehr seit 32 Jahren: gleichwohl habe ich schon, seitdem ich
anch die Annalen von Colmar kenne , ihr nie den Werth beimessen moegen,
^e jetzt wieder unser jüngster Kritiker von Konrads Lebensgeschichte. Es
ist wahr, die Worte sind nur 60 bis 70 Jahre nach des Dichters Tode
262 WILHELM WACKEBNAGEL
geschrieben: wer aber schon nach zwei Menschenaltem die ganz irrige Nach-
richt von einem Begräebnisse zu Freibarg verzeichnen konnte, soll der glaub-
würdiger sein, wo es die Geburt, also ein Ereigniss um noch manches Jak-
zehend weiter zurück betrifft? Ist es erlaubt, von einer Angabe , deren eine
Hälfte erwiesen falsch ist, die andre als richtig hinzunehmen, obschonihre
Richtigkeit weiter nirgend bestaetigt wird? Dieß gehom, diese Ausdeutung
des Zunamens von Wir^ehurg durch einen Würzburger Schreiber von 1360,
weit entfernt das Gewicht eines historischen Zeugnisses so gut als ein Tauf-
schein zu haben (Hr. Denzinger S. 76), hat vor der Kritik gewiss nicht mehr
Gewicht als die gleiche Ausdeutung durch Paulus Fischer, den Kürschner in
Straßburg, durch Oberlin und Oberthür j durch v. d. Hagen und Hrn. Prof.
Denzinger. Und wir wissen ja, wie kenntniss« und urtheilslos auch sonst bei
der Sammlung der Würzburger Handschrift gerade mit den deutschen und
«elbst den Würzburgischen Dichtern und mit Konrad selber ist verfahren
worden. Alsbald auf jene Nachricht folgt mit Bl. 59' das Turnier von Nan-
tes, auch eine Dichtung Konrads : aber hier will dem Schreiber nicht einmal
der Name in die Feder kommen; desto häufiger setzt er weiterhin über eine
Reihe von Minneliedern den Namen Walthers von der Vogelweide, und doch
sind diese keinesweges so insgesammt von Walther. Freilich H. D. wird
wiederum meinen, das müsse der Schreiber, der ja ein Würzburger war wie
der von der Vogelweide, besser verstanden haben als wir, die wir blofi
Grammatiker und Litterarhistoriker des neunzehnten Jahrhunderts und außer-
halb der Stadt Würzburg sind. , Dennoch fahre ich fort und behaupte noch
wie schon in meiner Litt.-Gesch. S. 114, daß auch über dem geticUe von
vnmiltickeit gein kuenstrichen leuten (Bl. 263* — 255) der Name meister
Conrades von Wirtzhurg ein grober Irrthum des Würzburger Schreibers ist
und ein noch grceberer Irrthum v. d. Hagens in seinen Minnes. 3, 334 fgg.
diese Überschrift zu wiederholen.
Hr. Denzinger giebt mir, ihm selber nicht zum Besten, Anlaß noch um
einen Augenblick länger bei der Würzburger Handschrift, bei deren Sammler
wenigstens, mich aufzuhalten. Er sagt S. 74 fg.: „Daß Wohnhäusernach
den Namen der Besitzer genannt werden, kömmt sehr häufig vor. So haben
wir hier in Würzburg einen Dalbergischen , Fuchsischen, Ebracher, Brom-
bacher Hof"; S. 80 hat er in solchem Sinne den treffenden Einfall die zwei
Häuser zum langen Konrad und zum guten Konrad in Verbindung mit dem
Dichter zu bringen: Schade nur (wir werden ihm das gleich bedauern helfen),
daß es nicht gar eines zum armen Konrad giebt! Und weiter S. 75: „Daß die
Besitzer nach den Häusern benannt werden, möchte wohl sehr selten vor-
kommen." Wie nun aber, wenn das nicht bloß in Basel, sondern sogar in
Würzburg selber vorgekommen und aus dem gleichen Archiv des historischen
Vereines von Unterfranken und Aschaffenburg mit einem recht erlesenen
Beispiel zu belegen waere? Ich finde da in dem zweiten Heft des 11. Bande«
KONRAD VON WÜRZBURG AUS WÜRZfiüRG ODER AUS BASEL? 263
(1860) S. 45 fg., in einem Aufsatze, den bei andrer Gelegenheit Hr. D. selbst
S. 75 anfuhrt» die weitlänftige Erzaehlung, wie Michael Jud von Mainz, seit-
dem er in Würzbarg den Hof zum Lob wen an sich gebracht, Michael vom
Lcßwen, Michael de Leone geheißen, und wie auch dessen Brudersohn Jacob
Jadi als der Hof durch Erbschaft an ihn gekommen, sich fernerhin nicht mehr
Jacob Jud, sondern gleichermaßen Jacob vom LoBwen genannt habe. Jener
wirklich also nach seinem Haus benannte Michael ist der Protonotar Michael
de Leone > auf dessen Veranstaltung die Würzburger Handschrift ist zu-
sammengeschrieben worden.
Noch weiter zurück in der Zeit! Hr. Prof. D. giebt zu, Konrad mcege
allerdings nach Basel hingekommen und da wohnhaft geworden und gestorben
sein; dem aber sei die Geburt in Würzburg und früheres Leben daselbst und
[trotz den Häusern zum langen und zum guten Eonrad] eine unstaet schwei-
fende längere Wanderschaft in Noth und Armuth vorangegangen: denn
(S. 72 fg.) das Jahrbuch von Colmar nenne ihn einen vagua und Konrad sich
selbst ich armerjDaowrat van Wirzehurg. Die erstere Stelle lautet (S. 220
der neuen Ausg.) Cowradus de Wirciburc vagus fecit rithmoa theutonicoa
de ieata Virgine preciosos. Wir haben vorher gesehen, wie dasselbe Jahr-
buch Konrads Tod verzeichnet , kurz , ohne Ortsangabe, nach der überall da
gewohnten Art, wo es Begebenheiten aus Basel selber gilt; es verzeichnet
den Tod, weil diese Person nach Basel gebeerte und da wohlbekannt war,
und Konrad gebohrte dahin und war zumal desshalb wohlbekannt, weil er zu
Basel fest an eigenem Herde wohnte, nicht aber heimathlos durch die Lande
fuhr: gelegentliche Reisen nach Straßburg hinab machten ihn noch nicht zum
Fahrenden. Wenn er, der in Basel haushaebliche , nun in dieser anderen
Stelle der Colmar-Baslerischen Annalen dennoch vagus heißt, so lernen wir
damit nur eine sehr nahe liegende zweite Bedeutung des Wortes kennen: es
soll nicht den Sinn von vamde, es soll den des halb synonymen gemde aus-
drücken. Und ein gemder man war Konrad ganz unzweifelhaft, auch nach
dem Wissen der Basler. Überhaupt aber, falls Hr. D. die Gedichte Konrads
selber und nicht nur aus vereinzelten Anführungen Anderer und etwa einigen
Stücken in Lesebüchern kennt, wie denkt er sich denn den weit überwiegend
grcßßeren und hauptsächlichen Theil derselben, die bloß gesagten, nicht ge-
sangenen, von einem Fahrenden abgefasst? Diese sind durchweg Von der
Art, daß sie die ruhigste Sorgfalt des Studierens und Schreibens und Schrei-
benlassens, so wie auch die Pariser Handschrift unsern^Konrad abbildet, daß
sie ein anderes Leben voraussetzen, als den Fahrenden beschieden war, ein
sitzendes Leben, bei dem man aber ein gemder gar wohl bleiben konnte.
Und noch einmal, ein gemder war Konrad ganz unzweifelhaft. Eben darauf
und nur darauf müßte auch das Wort ich armer Kuonrät von Wirzeburc am
Schluß des heil. Alexius bezogen werden , wenn nicht sein Bezug ganz wo
anders bin gienge. Konrad spricht da zuerst von zwei Bürgern Basels , die
264 WILHELM WACKEBNAOEL
ibm eS rehte Uele getan, dafi er dwrch st diz moere vcn laUne in tiuseh ge-
rihtet habe; dann ein kurzes Gebet für sie und zalezt noch eines für ihn
selbst: hier denn nennt er sich armer KuonrdU In solchem Zasanunenhange
aber zielt das Wort arm auf das Sündenelend des Menschen Gott gegenüber,
es meint nicht die irdische Armuth gegenüber dem Reichthum milder Gönner
noch die Noth des Fahrenden gegenüber dem Wohllehen eines Hausbesitzerg.
Es ist nur ebenso gesprochen, wie wenn es öfters der arme Judas heißt oder
Hartmann am Schluß seiner Rede von dem heiligen Glauben sagt: Daz mr
sS wol gelinge^ des wesen in minen gedinge aUe mit ire gehete z6 dem
himeliechen gote, di äd hSrent sprechen, dise rede rechen, di ih arme Hart-
man van deme heiligen gelouben hdn getan (Z. 3737) und Rudolf von Ems
im Eingange seines Barlaam (5, 21)
ze tröste uns sündceren
wü ich diz masre tihten,
durch got in Husch herihten,
und bite, swer diz mjasre lese, ^
daz er sich hezzemde wese
mit sUBte an dem gelouben ^n •
und durch got gedenke min
vil armen sündeeres.
Was aber macht Hr. D. aus und mit der Stelle Konrads? Er verdreht
ihren Sinn, er verfälscht sogar ihre Worte, ob er vielleicht einige unkundige
Leser in Würzburg, einige unachtsame außerhalb berücken könne. S. 73:
„Conrad mußte, wenn die Klagen, die er in verschiedenen Gedichten erhob,
wahr waren, in der ersten Periode seines Lebens arm, fahrend gewesen sein.
In bessere Umstände kam er erst in Basel durch die Unterstützung zveier
edler Männer, des Johann Bemerswill [so Hr. Denzinger: ich halte mich
nicht befugt, hier und anderswo seine Sprach- und Schreibfehler nachzubessem]
und des Heinrich Tsenlin, denen er es verdankt, daß er sich eines bessern Schick-
sals erfreut Er sagt [aber gleich die ersten Worte sagt nicht Konrad, sondern
es schmuggelt sie erst mit plumper Satzverderbniss mein Herr Gegner ein]:
Ich danke ihnen
Daas ich armer Ouonrai
Von Wirzebwrg gelebe also.
Das mir die sele werde vro,
, Das helfe mir der svezejsriei
Der got bi sime vatter ist
Bi sime zexwen säen
Jne ende zvo allen titen^"
Was bei Hm. D» dem loniechst vorangeht» ist vielleicht milder nur ge-
dankenlos tu nennen: es ist aber etwas arg gedankenlos. S. 72: ^ Auf eine
»hnliohe, nicht leicht in beseitigende Schwierigkeit stoßen wir, wem wir
KONRAD VON WÜBZBüBG AUS WÜRZBUBG ODER AUS BASEL? 265
bedenketf, daß Conrad von Würzbarg sich sdbst den armen Conrad von
Würzbnrg nennt, daß er sagt, er habe von seinem Sprechen nur wenig Lohn,
weil man jetzt nach keinem Dichter frage; daß er aber trotz dem von seiner
Kunst nicht ablasse und singen wolle , so lange er lebe, sollte ihn auch Kie-
mand hoeren. Also konnte wohl ein fahrender Dichter reden, der seine
Vaterstadt Würzburg auf gut Glück verlässt, weil er da seine Rechnung nicht
findet; nicht aber: der Dicjiter, der in Basel ein Haus hatte, nach dem man
ihn benennen konnte , der darin mit Frau and Rindern lebte , mit denen er
in einer Nebenkapelle des Domes begraben wurde." Verstehe ich meinen
Gegner recht, so meint er, oder wenigstens seine Leser sollen meinen, Kon-
rad habe sich anf jene Art geäußert, da er noch ein Fahrender war, da er
vielleicht erst im Begriff war Würzburg zu verlassen. In Wahrheit jedoch
enthält jene Äußerungen ein Gedicht, welches erst nach dem J. 1281 (die
Altd. Handschr. d. Basler Univ.-Bibl. S. 5) verfasst ist , nachdem Konrad
schon manches Jahr ruhig in Basel gewohnt, sein riesenhaft groestes und sein
letztes, das, über welchem ihn der Tod gefanden und von dem weg man ihn
mit Frau und Kindern zu Grabe getragen hat, der Trojanerkrieg. Wenn
aber Er. D. auch sonst vom Trojanerkrieg« gar nichts weiß, wenn er auch nur
die betreffende Stelle aus meinem Altd. Lesebuch Sp. 708 fg. kannte , wie
vom heil. Alexias sichtlich nur die letzten 25 Verse aus Oberlins Diatrihe
de Gonrado JSerhipolita S. 1 1, so mußte er doch gleich auf der näBchsten
Sp. 710 den I>^amen Basel bemerken und den Namen eines Basler Gönners,
dessen Mildigkeit der Dichter schon oft genossen habe. Und dennoch
Würzburg?
Meine Leser werden es begreifen, wenn mich bei dem erneuten Anblick
solch eines Gegners wiederum eine Empfindung überkommt vrie vor sechs
Jahren, und werden gern mit mir zum Schlüsse eilen. Es sind nur noch die
zwei letzten der „vollgültigen Zeugnisse" des Hr. D. übrig, die letzten und
desshalb nach seiner Ansicht wohl die stärksten.
Einmal (S.79) v. d.Hagens ürtheil über die Sprache Konrads, es habe die-
selbe „manches Eigenthümliche, etwa auch heimisch Ostfränkische" (Minnes.
4, 729). Zu erörtern, ob der verstorbene v. d. Hagen in dergleichen Dingen
wirklich so zu einem Endurtheil berufen gewesen, ist hier nicht der Platz:
einen festen Ausspruch, auf den die Würzburger zuversichtlich fußen könn-
ten, gewsßhren jene schielenden Worte gewiss nicht. Hr. D. , der mit be-
scheidener Maeßignng oder auch mit gemasßigter Bescheidenheit selber sagt :
„eine Untersuchung dieser Art setzt sprachliche Kenntnisse voraus, in deren
Besitz nicht jeder ist, und würde zugleich weiterführen, als der Raum gegen-
wärtiger Abhandlung gestattet", Hr. D. wird wohl daran thun, die Gewaehr-
schaft, die ihm Raum und Kenntnisse sparen hilft, anderswo zu suchen. In
dem Vertrauen auf v. d. Hagens Aussprüche sollte ihn billiger Weise schon
die Beharrlichkeit irre machen, womit derselbe von Buch zu Buch versichert.
266 WILHELM WAGKERNAGEL, KONRAD TON WÜBZBUEG.
Eonrads Tod zu Freibutg im .Breisgan werde durch die Colmarer Annalen
bezeugt, und der Leichtsinn , womit er dem zuletzt (Gesammtabentener 1,
XGI) noch die Andeutung beifügt, dafi Eonrad dort als Dominicanermönch
gestorben sei.
Dann (S. 78) beweise noch „die Schnurre" des alten Weibes List in
V. d. Hagens Gesammtabentener I, 193 fgg. „klar und deutlich Conrads
Würzburgische Abstammung", weil deren Dichte^ auch, wie dort imAlexius,
der arme Eonrad heiße und die genaueste Bekanntschaft mit derWni2barger
Örtlichkeit, ^ine Bekanntschaft, wie sie nur dem Einwohner und Eingebornen
miBglich ^ar, verrathe. Mit einiger Sprachkenntniss aber, in deren Besitze
zwar nicht jeder ist, mit nur einiger Eenntniss der andren Gedichte Konrads,
selbst nur mit einigem^ ganz allgemeinem, nicht gelehrtem, nur gebildetem
Sinn und Tact wird Jedermann gleich merken, daß diese „Schnurre^ nicht
von unserem Eonrad, daß sie das Machwerk eines Reimers aus viel spaeterer
Zeit ist. Es brauchte um das zu spüren keines Lachmann (zur ElageS. 308),
aber v. d. Hagens (a. a. 0. 1, CXVl) um es zu verkennen. Wahrlich, weno
Hr. D. im Ernste dieß Gedicht für eine Arbeit Meister Eonrads von Würz-
burg hält, er sollte gerade aus Patriotismus lieber froh sein und dafür danken,
daß Jemand die Würzburger von einem solchen Landsmann entledigen will.
Er aber untersiegelt diesen glänzendsten der vollgültigen Beweise mit dem
Jubelruf: „Und so bleiben wir denn bei der, seit uralter Zeit von aller Welt
angenommenen Wahrheit, daß Conrad ein Herbipolita sei."
Als Schlußergebniss all der Gegenreden träßgt mir Hr. Prof. Denzinger
wiederholt einen Vergleich auf Abschlagszahlung an: das streitige Eind solle
getheilt werden und Würzburg die erste, Basel die zweite Hälfte von dessen
Leben nehmen. Basel sei dabei immer noch im Vortheil: „denn es hat j»
das Verdienst, den armen fahrenden Sänger, nachdem er vielleicht in mancher
Noth umhergeirrt, sein Talent würdigend, aufgenommen und in eine ange-
nehme Lage versetzt zu haben, unterstützt von theilnehmenden Männern
konnte er seine Eunst üben, sich ein Haus erwerben, mit einer vortrefflichen
Frau verbinden, wackere Töchter zeugen, und endlich in der Domkirche eine
Grabstätte nach seinem Tode finden" (S. 80 fg.). Nach allem, was vor-
hergegangen, nach dem Wahne oder dem Vorgeben, daß selbst der Trojaner-
krieg noch nicht in Basel sei gedichtet worden , gewiss ein überraschendes
und hoBchst großmüthiges Anerbieten : und doch bin ich nicht im Fall es an-
zunehmen, wiederum nach all dem, was vorhergegangen. Ich sehe trotz
den Bemühungen, in denen mein Widerpart sich erschöpft hat, für die Würz-
burgische Heimath Eonrads noch immer keinen anderen Beweis als den Zu-
namen von Würzburg, auf Seiten Basels aber nicht bloß die unverkürzte
MoDglichkeit, sondern in Betracht all der übrigen umstände sogar die Nffithigung
auch diesen Zunamen für Basel in Anspruch zu nehmen und ihn von Eonrads
Wohnhaus herzuleiten.
EABL BARTSCH, ÜBER EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 15..j1hRH.
ÜBER EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES
XV. JAHRHUNDERTS.
VON
KARL BARTSCH.
Eine Papierhandschrift des 16. Jahrhunderts enthält ein geistliches
Schauspiel, das meines Wissens noch nicht bekannt ist. Sie ist in ge-
brochnem Folio , wie sehr viele der Schauspiele enthaltenden Handschriften,
aod zählt 140 Blätter. Das Stück ist von geringem Werthe and wird eine
vollständige Mittheilnng nicht lohnen, zumal da seine Abfassung in eine Zeit
fällt, wo deutsche geistliche Spiele nicht mehr zu den Seltenheiten gehören.
Merkwürdig ist es nur wegen seines Umfanges , des Innern wie des äußern.
Es mnfasst nämlich, auf drei Tage vertheilt, die ganze biblische Geschichte
des alten und neuen Testamentes von der Schöpfung an bis zur Auferstehung
Christi und dürfte nach ungefährer Schätzung 7000—8000 Verse zählen —
ein Umfang, der von keinem der bis jetzt bekannten Schauspiele erreicht
wird. In wie weit der Dichter — wenn man den Zusammenreimet so nennen
darf — in der Behandlungdes alten Testamentes selbständig ist, bleibe da-
hin gestellt : in der Behandlung der Leidensgeschichte und des Lebens Jesu
überhaupt lägst es sich nachweisen, daß verschiedene ältere, wohl auch ziem-
lich gleichzeitige Stücke benutzt sind. Wir werden an den betreffenden
Stellen auf den Zusammenhang mit andern Schauspielen aufmerksam
machen. Zunächst wollen wir den Inhalt im Einzelnen betrachten und ge-
legentlich einige Auszüge mittheilen. Von dem Ordo behalte ich die latei-
nischen Worte bei, wo sie zur Veranschaulichung der scenischen Einrichtung
dienen können.
Die Überschrift lautet : 'Incipit ludus de creacione mundf , was aber
nicht als Titel des ganzen Schauspiels zu fassen ist.
Precursor dicit :
Nun hört ir herren allgemein, auch wie er Luciper hat ab gestossen
bayde groß vnd auch dein, mit allen seinen mitgenossen
wir wellen hje ain gedechtnuß machen, vmb seinen grossen ybermuet,
die get zw von götlichen Sachen, der istetz was bös vnd nymer guet :
wie got der himelsch schepfer werdt auch wie er macht das paradeis
erschaffen hat himel vnd erdt mit laub gras ynn manicher lay weyß
▼nd auch all engel im himelschen thron, vnd macht Adam aus aim erden klos,
dar zw all stem sun vnd mon, aus der seyten £uam sein petgenos u. s.w.
noch zwölf Reimzeilen, die den Inhalt des ersten Tages angeben. Es tritt
der Salvator auf.
268
KARL BARTSCH
Ego sum alpha et o, das ich zw latein gesprochen han,
principium finis et origo. das solt ir zw teutsch also Terstan u. s. v.
und erklärt seinen Entschluß die Welt zu erschaffen. Die Chöre der Engel
singen 'Te deum laudamus*, einzeln treten Lucifer, Cherubin und Raphael
auf. Dann'Salvator, eziit de throno ad faciendum paradisum', am Rande roth
beigeschrieben (S. 3). *) Inzwischen bewegt Lucifer die Engel zum Abfall
Während er *ponit sedem suum ad sedem salvatoris*, kehrt dieser aus dem
Paradiese zurück und straft den Abfall. Lucifer bittet um Gnade, aber er
wird auf Gottes Geheiß mit dem Schwerte des Seraphin vom Throne gestürzt.
Er erhebt seine Klage, die ich als eine der bessern Stellen des ersten Theiles
folgen lasse (S. 5—7).
0 we o we ach ynd owe,
ach wee mir heut ynd ymer mee !
o we, ich pin gefallen ah,
seind ich mich übergrififen hab
5. wol an des högsten gottes pot:
das (lies : des) mus ich ewig leiden not.
o we meiner schönen klarhait
ynd die mein Schöpfer an mich laydt!
o we meiner grossen gewalt,
^10. die ich het gancz manigfalt!
o we meiner weyssen dancken,
wie last ir mich so gar yerkrancken,
das ich in aller meiner weyshait^
die der almechtig an mich lait, —
15. das sol nun als yerlom sein!
mir wirt auch nymer hilfie schein,
das sey dem högsten got geklagt,
. der mich so schwärlich hat geplagt,
auch klag ich das gancz ynuerporgen
20. der hellen sunnen ynd auch dem
morgen»
do mein wunne gar yil an lag.
ich klag dirs, dw lichter tag !
es sol yon mir geklagt sein
dem lustigen hellen monneschein.
25. dem firmament ich auch klagen sol :
wan ich das sach^ so was mir wol.
auch wil ichs klagen ofienwar
den lichten hellen Sternen klar,
auch klag ichs des himels anefang,
30. dar zw den wobken groß ynd lang.
ich klag dirs, payde windt vnd lulR,
ich klag dirs, regen taw vnd tufEt,
iclr klag dirs hicz kelt vnd auch sehne,
ich klags den plumen vnd grünen klee,
35. ich klag dirs, aller hande kraut,
das ich muß haben ain tewflesche hawtl
ich klags auch aller wurczlein krafil!
das ich bin worden schadenhafft.
ich klag dirs laub, gras vnd auch holcz,
40. verdorben ist maniger engel stolcz.
ich klag dirs sueß yogel geschall,
ich klag dirs perg vnd tieffe tall,
ich klag dirs felis vnd allen stain,
ich klags auch aller weit gemain:
45 das got ye von seynen gnaden schueft
zw den thw ich hewt meinen ruet
das sy für mich mit gfuttem sytten
den allmechtigen noch weiten pytten,
das er sich hewt wolt erbarmen
50 veber mich geist vil armen,
zu dem solt ich gern die klag
von hewt pis an den jüngsten tag:
so sich ich das es ist verlorn,
ich byn gefallen in gottes zom
55 vmb meinen großen vbermut,
der stäcz was böß vnd nymer gut.
ich wolt mir noch gern ain huÄ
machen
von solchen wunderlichen Sachen:
ein seul solt gen von himel nyder,
60. dar an ich auff mocht steigen wider,
^) Ich eitlere nach Seiten» veil die Hs. einmal so bezeichnet Ist» — 43. klag&
ÜBER EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 16. JAHRHUNDERTS. 269
die all mit schennessern war durch- das mir den got sein gnad zw schreib,
schlag: so tunckt mich das es nit mag
dar auff wolt ich mein pus tragn gesein :
albeg pajde tag vnd nacht: so leb ich nach dem willen mein,
also solt sein mein bus betracht. ir tewfel, sagt mir ewm mut,
65. bis an den jüngsten tag ichs trib, 70. er sey gleich recht bös oder gut.
Diese Klage könnte aus einem altem Stücke entnommen sein , wenn
auch in keinem der erhaltenen eine ähnliche vorkommmt. Wem fallt nicht
bei 31 ff. das schöne Lied des Herzogs Heinrich von Breslau ein? Die Reime
lassen bis auf wenige eine ältere Form dieser Klage recht wohl zu. — Satha-
Das nnd Belial , die Mitverstossenen , suchen ihn zu trösten. Aber Lucifer
erwidert, der verlornen Seligkeit gedenk,
wären alle perg sylber ynd golt das ich dort ain stundt solt sein,
vnd selten alle wesen mein, der wolt ich alle yerzeichen mich.
Endlich tröstet er sich, 'et sie omnes demones currunt cum clamore ad infer-
nnirf. Der Herr ennahnt warnend die Engel zum Gehorsam: er beschließt
an Lucifers Statt den Menschen nach seinem Bilde zu machen. Unter latei-
nischem Gesänge der Engel begibt sich der Herr ins Paradies und erschafft
Adam. Hierauf singt er — die Gesänge sind durchgängig von Musiknoten
begleitet — *Non est bonum esse hominem solum*. Aus des Schlafenden
Hippe schalst er Eva und verwarnt beide, indem er ihnen den Baum der Er-
ienntniß verbietet. Inzwischen beruft Lucifer, 'exiens de inferno', seine Ge-
nossen: Sathanas verspricht ihm die Menschen zu Falle zu bringen. Die
übrigen 'intrant ad inferncA', Sathanas als Schlange tritt ins Paradies. Den
dargereichten Apfel nimmt Eva, bricht noch einen zweiten und reicht ihn
Adam« 'Adam accedit ad Euam horribiliter eam inspiciens sumens pomum*.
Nachdem die That geschehen, erheben beide Klage und verstecken sich:'sub
illo Saluator transit versus parädisum', während der Chor der Engel singt
'Cum deambularet dominus' u. s. w. Der Herr ruft Adam, dieser erwidert
'aüdiui domine' u. s. w. Saluator *intrans parädisum' straft den Ungehorsam
der Beiden, verflucht die Schlange und kündigt Adam und Eva ihr Schicksal
äo. Zu Adam spricht er 'habens vestimenta in manu', gibt ihnen diese und
heißt den Cherubim sie aus dem Paradiese treiben (16). Nach einer Klage-
rede fordert Adam Eva auf ein Hüttlein zu bauen, *et sie Adam et Eva ve-
niunt ad locum, habitacionem *) faciunt domunculam, deinde Adam transiens
ad campnm fodendo terram'. Pierauf gehen beide in die Hütte und treten
gleich darauf mit zwei Knaben heraus, diß Adam zur Gottesfurcht ermahnt
(IT). Caim und Abel opfern, der Salvator schaut Abels Opfer an. Caim
erschlägt den Bruder, den die Engel emportragen. Der Herr verflucht Caim
und verurtheilt ihn zum Kriechen: 'deinde serpit Caym ad locum inter arbusta'
65. Ton anderer Hand zwischen geschrieben. — 66. lies: schrib.
^) Hft. 'habitadoe ; besser wohl: 'ad locnm habitacionis'.
270 XARL BAETSCH
(20). . Lamech tritt mit seinem Sohne auf, erzählt er stamme- von Adam:
nun sei er alt geworden. Ihn gelüstet nach eine;il Wildpret,' sie geben ao
das Gebüsch heran. Der Sohn hält Caim für ein wildes Thiet und Lamecli
erschießt ihn. Aber indem er seine That erkennt, tödtet er den eignen Sobo
nnd fliehet in die Wüste. *Angelus Seraphym transit ad Noe et facit feum
facere archam' (21). Noah ermahnt seine Kinder von allen Thieren ein paar
mitzunehmen : ^et intrant archam, manens cntn filiis ad parnam tempus' (wäh-
rend dessen also die Bühne leer war). Er schickt den Raben, dann die Taabe
ans, verlässt die. Arche, und bittet während des Opfers Gott um ein Gewähr-
zeichen. *Saluator sedens in arcu' verheißt es ihm (23). 'Noa cum filiis
transit de throno ad desertum locum, deinde Saluator conuocat Abraham'
nnd gebietet ihm seinen Sohn zu opfern. Abraham und Isaac 'pergunt ad
paruum spacium', der Engel folgt ihnen *usque ad locum ymolacionis' (24).
Den Opferwilligen hindert der hervortretende Engel. *Deinde Saluator conuo-
cat Moysen' (25) und fordert ihn zur Befreiung seines Volkes auf. 'Moyses
transit de throno ad medium circuli et anunciat populo natiuitatem suam,
deinde transit ad filios Israhel'. Nachdem er seine Geburt und Findung er-
zählt (26), erinnert er das Volk an die Wohlthaten, die ihnen Gott erwiesen
(27): dann 'transit ad thronum et Saluator loquitur Moysi et sub illo populos
transgreditur mandatum ipsius Moysi, versande et adorando vitulum'. Ein
hier eingehefteter Zettel enthält auf zwölf Zeilen die Anbetung des Kalbes.
Gegen Gottes Zorn vertheidigt Moses das Volk, empfilngt von Gott die Ge-
setztafeln, und 'transit de throno per aliquot spa^m'. Als er von Josuaden
Abfall vernimmt, wirft er zürnend die Tafeln zur Erde. Über die Schuldigen
ergeht Gottes Gericht. Nachdem die zehn Gebote gegeben sind, schickt den
wiederum Abtrünnigen Gott zur Strafe Goliath. Dem prahlenden Biesen
tritt David entgegen und sagt, er wolle ihm drei Steine an den Kopf werfen.
Dazwischen scheint etwas zu fehlen : gleich folgt Salomons Gebet um Weis-
heit (31. 32). 'Salonäon surgit de sede sua et transit cum angelo (dem zu
ihm gesendeten Raphael) ad thronum et faciens reuerenciam ante thronum ;
nach dem Gebete 'transit ad habitacionem'. Vor ihm erscheinen die beiden
um das Kind streitenden Mütter (32. 33). Hieran schließen sich gleich die
messianischen Weissagungen der Propheten: Jesaias, Jeremias, Habakak
und Ezechiel treten nach einander auf (34. 35). *) Joachim cum Anna
exeunt de habitacione: Joachim dicit ad populum (d. h. das Publicum) et
Annam', wer er sei, er wolle nach Jerusalem opfern gehen, 'transit ad
templum' : Abiachar weist ihn als unfruchtbar zurück. Er kehrt zu Anna
zurück , trennt sich von ihr und 'pergit ad desertum locum et custodit ibi
oves'. Michael heißt ihn zur goldenen Pforte gehen und verkündet Marias
Geburt. Bückkehr: 'fit amplexus ab ambobus, deinde transeunt ad Mazaret
*) Vgl. Mone 1, 143 flf.
ÜBER EIN GEISTUGHES SCSOAÜSPIEL DES 15. JAHRHUNDERTS. 271
et intrant domam et manent ad parunm tempns, deinde exeant eum filia'
(35—37). Beide opfern eine Turteltaube: 'Anna somit pnerum (d. h. das
Kisd) et Joachim precedit, Anna seqnitur et transeunt ad templam offerendo'.
Dann kehren sie nachNazaret zurück: 'puer Maria dicit ad parentes et petit
licenciam ad populum' : sie bittet um Erlaubniss in dem Tempel opfern zu
därfen. Isachar fordert sie auf bei den elf Jungfrauen zu bleiben und ver-
spricht ihr einen Mann: sie verweigert es. Nun folgt die Entscheidung mit
der grünenden Ruthe : Hranseunt omnes ad templum com vergis'. Abiachar
betet und 'sumit .virgas legendo cedolas pendentes in virgis'. Joseph, dessen
Rathe grünt, und dem Maria zugesprochen wird, beschließt mit ihr keusch zu
leben. 'Maria et Joseph exeunt de templo et pergunt simol ad Nazareth :
Maria intrat domom, Joseph incipit laborare et Maria intrat oracolom soum
oTando et legendo' (38—41). Gabriel kommt 'et colomba de throno ad
habitacionem Marie', singt den englischen Graft lateinisch ond spricht ihn
dann in deotschen Versen, Der an der Verkündigung Zweifelnden verkündet
der Engel, auchElisabet sei schwanger. Maria besucht Elisabet: nach gegen-
seitiger Begrüfiong 'Maria intrat cum Elizabeth ad habitacionem , manens
cum ea ad paruum tempns: deinde exiens et valedicit eam', indem sie erzählt,
sie habe sie drei Monate im Kindbette gepflegt. 'Elizabeth exiet cum Joanne
faciens reverenciam' und bedankt sich bei Maria. Diese kehrt heim : 'Joseph
Videos eam inpregnatam transiens a Maria cum tristicia, Maria intrat habita-
cionem'. Den zurückbleibenden Joseph beruhigt der Engel: Joseph bittet
Maria om Verzeihung (42 — 45). Der 'Nunctius transiens ad medium cir-
calf verkündet des Kaisers Gebot: 'omnes populi transeunt de deserto ad
Bethleem'. Auch Joseph mit Maria zieht dahin. Bei vier Wirthen werden
sie abgewiesen, der erste schützt tJberfallung des Hauses vor, der zweite will
die schwangere 'Jungfrau nicht aufnehmen, der dritte, von dem er nur einen
Platz im Stalle begehrt, weist ihn ab, weil er nicht zahlen kann. Endlich
entschließen sie sich in dem zerbrochenen Haus zu übernachten (46 — 49).
Während der Geburt singen die Engel das Gloria. Ein Hirt weckt die an-
dern: sie erzählen sich gegenseitig ihren Traum, in dem ihnen ein Engel er-
schienen. Sie schlafen wieder ein, der Engel erscheint zum zweiten mal: sie
erwachen wieder und singen
Nunc angelorum gloria
hominibus resplenduit,
in mundo noyi partus gaudium
yirgo mat«r produxit,
et sei rerus in tenebris illaxii. ^
Sie kommen nach Bethlehem und beten das Kind an, dann 'transeunt de puero
cantaodo
*) Die Yerae nnabgeteiz^ wie alle Geslngö det Schaiupi«!».
272 KABL BARTSCH
£in kindelin 86 lobelich
ist uns geporen hiute. ^)
(Hs. 'lobigklich'.) (49 — 52.) 'Reges andinnt cantnni et veniunt ad Iherasa-
lem\ Zuerst erzählt Melchior, ans Arabien, ihm habe sein Weib ein Kind
geschenkt, das weissagte heute sei ein Kind geboren, das 33 Jahr alt werde:
er solle auf einen Berg steigen, da werde er einen Stern sehen, dem er nach-
folgen solle. Balthasar hatte in seinem Hofe einen Baumgarten, drinn einen
hohen Zedernbaum, der in der selben Nacht geblüht, in der Christus geboren
worden. Die Blüte brachte ein Vögelein, gestalt wie eii} Rubin, das er-
leuchtete den Garten und sang wunderbare Weise mit menschlicher Stimme:
der König stieg auf einen Berg und sah den Stern , dem er folgen sollte.
Caspar berichtet, er habe auf seinem Hofe einen Strauß , der zwei Eier aus-
gebrütet : aus dem einen sprang ein Löwe, aus dem andern ein Lamm. Auf
göttliches Geheiß bestieg er den Berg und sah den Stern, darinnen die
Jungfrau mit dem Kinde , das das Kreuz auf dem Haupte trug. Naclidein
sich alle drei erklärt (52—56) wird Caspars Marschalk zu den Doctorenin
die Synagoge geschickt, nach dem Kinde zu fragen. Diese berichten es an
den Marschalk des Herodes und so gelangt die Kunde zu Herodes. Er
wünscht die Könige zu sehen, diese 'transeunt ad locum Herodis ipsnm sala-
tando'. 'Herodes suscipit reges cum reue(re)ncia'. Nachdem er den Zweck
ihrer Ankunft erfahren , schickt er seinen Marschalk in die Synagoge. Die
herbeikommenden Doctoren berufen sich auf die Schrift und deren Weis-
sagungen. Herodes bittet die Könige zu ihm zurückzukehren , sie nehmen
Abschied: 'Herodes dat eis licenciam (d. i. urloup) et faciens reuerenciam
ipsis regibus'. Wieder erscheint der Stern: 'equitant ad locum diuersorif,
wo der Stern stehen bleibt. Nachdem die Diener die Gaben ausgepackt,
tritt Melchior zuerst heran und grüßt Maria, dann Balthasar, zuletzt Caspar.
Maria dankt ihnen. Sie opfern in derselben Ordnung; Melchior Gold, Bal-
thasar Weihrauch, Caspar Mirrhen. Zum Schluß dankt ihnen Maria noch-
mals, üriel erscheint und zeigt ihnen einen andern Weg: 'recedunt per
aliam viam' (55 — 66). Maria und Joseph 'transeunt ad templum'. Maria,
eine Kerze in der Hand, fordert Joseph auf für das Kind zu opfern. 'Joseph
ante templum emit columbas' und tritt mit Maria in den Tempel. Symeons
Weissagung. Sie kehren in das diversorium zurück, von dort nach Nazaret,
'sub illo venit nunctius Herodis' und berichtet von den drei Königen. Herodes
klagt über sie (in 34 vielleicht älteren Zeilen), und beschließt alle Kinder
unter zwei Jahren zu tödten. 'Gabriell veniens de throne ad Nazareth
auisans Joseph', scheint auch alt. Joseph weckt Maria, sie fliehen: 'deinde
Herodes vocat milites'. Jeder der Soldaten bittet ihn den Auftrag vollziehen
zu lassen. Der vierte sagt
*) Ich gebe die Qesttnge, die ich für alter halte, in gereinigter mhd. Schreibung.
ÜBER EIN GEISTIJCHES SCHAUSPIEL DES 16. JAHEHÜNDERTS. 273
Ich wil mit in lust spil haben, .
als dann ibun die laurles knaben.
(66 — 71). Nun folgt der Kmdermord, von dem ich einiges hier mit-
tlieilen will.
(72) Primas miles Hiczenplicz dicit
Weib, dein kind nym ich dir mit gewalt, das ich dirs Tor den äugen erstechen sol,
wan Herodes hats also bestalt, es gefall dir recht fbel oder wol.
Et sie summit puerum de brachijs interficiendo eum. Deinde prima
mulier dicit
0 Herodes, du schnOder man, das ich also durchstochen findt!
wie magstws an deim herczen han, o zetter yber deinen kragen,
das dw also betrübst meinen leib ? das dich der plix nit hat erschlagen !
bistw doch auch kummen yon eim weib! yerflucht sey hewt die muetter dein,
ich schrey hewt waffen yber dich, die dir die prüst hat gehangen ein,
das ich sol sehen so erbannmigklich das dw erlebt hast disen tag:
mein aUer liepstes herczes kindt, das sey zw got mein gröste klag.
Schlachinhaufifen secundus miles dicit et summit (73) puerum de biga et
interficit eum.
Weib, dw hast ein kneblein sehen, dw hast der mye mit ym so yil,
das wil ich dir recht lernen gen: der ich dich ein teyl yberheben wil.
Et sie secunda mulier lamentabilitter clamat erga Herodem.
0 we mir annen betrübten frawen , hewt mir ein schwort mein hercz durch-
das ich den jamer an sol schawen drang,
aa meim liepsten trawtten sttn (gebess. hewt ist wein ynd hewln mein pester
san), gesang.
den ich hye an meinem arme han. hewt rufT ich zw dem ewigen gett,
hewt ist der tag des jamers pein, das er mir wendt mein grosse not
hewt sol mit mir betrübt sein, ynd rech mich hewt an disem mann,
hewt ist nit mer wen we ynd ach, der mir das ybel hat gethan.
hewt alles müetterlich herez erkrach. o herr, rieh das ynschuldig plüt,
das zw dir jemerlich schreien thüt.
Tercius miles Windeck.
Weib, dein kindt ich dir huczen trag, ich wil dirs stillen ynd paldt gesobweigeh
das dw schreist zetter der grossen klag, das dw es fürpas nit darfb seygen.
Der vierte Soldat Unverdorben sagt, die Mutter brauche dem Kinde nun
nicht mehr zu kochen, und nicht Milch und Mehl zu kaufen; derf&nfte, Filiaz,
sie brauche es nun nicht mehr zu baden, er werde es im Blute auswaschen.
Herodes heißt die Soldaten die Vaschen all von dannen treiben (72 — 75).
'Gabriel transit de throno ad Egiptum' und verkündet Joseph Herodes' Tod.
Sie kehren nach Nazareth zurück: nach einander begrüßen sie Anna, Eliza-
beth, Maria Cleophe, Maria Salome: allen dankt Maria (75—77). Joseph
fordert Maria auf zu dem Feste in Jerusalem mitzugehen : 'transeunt ad
«uiLunA. m. 18
274 KARL BARTSCH
JheruKalem, Joseph cum viris antecedit et Maria cum Anna et ceteris sorori-
bas sequitur a longe'. Im Tempel beten nach einander Gleophas , Joseph,
Zabedeus, Anna und Maria: letzteres Gebet vielleicht älter. 'Et faciens
reaerentiam puer transit ad synagogam: Maria ad Nazareth. primas Rabbi
facit questionem', ob der Messias schon erschienen sei. Den hierüber nn-
. einigen legt Jesus drei Fragen vor und erklärt, er glaube der Messias sei
gekommen. Inzwischen fragt Maria Joseph nach dem Kinde: weder er noch
die andern wissen von ihm. Sie finden ihn im Tempel : der Rabbi sagt zu
Maria, sie solle den Knaben nicht das Handwerk lernen lassen, er werde ein
großer Rabbi werden. Der 'conclusor* concludit primam diem' (78 — 83).
Precursor secundo die dicit
Hört ihr hem all gemein, vnd solt alle schweigen md still stan
bayde groß ynd auch klein, an der stat da ein ytlichs ist ... .
wir wellen hie ein gedechtnuß machen . . . das spil wird nicht roUendt in eim tag,
das wirt das ynnig spil bedewtten, aber das hewt den tag sol geschehen,
wie er gemartert wardt von den judischen das solt ir zw gutter maß wol sehen.
lewtten : das gröst ist wie er wirt reracht
das solt ir betrachten frawe md man, vnd wie er für gericht wirt gebracht
Der Salvator und die Jünger : er fordert sie auf mit ihm nach Beiha-
nia zu gehen. Martha nimmt sie auf und heißt sie willkommen. Auf Martha 8
Aufforderung erwidert Magdalena *)
Martha, liebe Schwester mein, frisch vnd frey des gemütes mein,
ich wil alzeit frölich sein, ich such mir ein stolczen jnngeling,
ynd wil gen in die anen, 10. der mir mein mut kan machen ring:
die schönen knehlein wil ich schauen darumb sAg ich dir an allen has,
5. nvd wil tragen ein frewen mut. las nui' dein kiflenn furpas,
ich wil mir machen ein krenczlein wan ich wil niein leben also Ter-
gut: — pringen
dar yntter wil ich fi'ölioh sein, ynd stetigklich nach freiden ringen.
Belial tritt zu ihr und verspricht ihr einen feinen Knaben zu scbickeD.
Martha geht mit ihm in die Aue und windet einen Kranz: *Deinde penitencia
ducta recedit a Beliall per aliquot spacium'. Der Bereuenden vergibt Christas
and geht zum Tempel, aus dem er die Händler vertreibt. Diese gehen kla-
gend zum Rathe. SymoD leprosus lädt Jesus und die Jünger zu Tische. ')
Nachdem er durch seinen Diener Alles anordnen lassen , empfangt er die
Gäste. Inzwischen kommt Maria Magdalena ^stans retro secus pedes domini
et canif :
Jesu Criste, auctor rite, * Marie tribue
qui in tuo sanguine 5. Magdalene salutarem
peccatum lavisti Ade fructum penitencie.
0 Vgl. mit der Scene Mone 1, 79 ff.
*) Vgl. Mona 1. 83.
OBEB ein geistliches SGHÜITTSFIEL BES 15. JAHBHUNDEBTS. 275
4. 6/marie magdalene tribne'; vielleicht 'o Marie'. — Sie küsst und wäscht,
salbt und trocknet seine Füße und singt zu jeder dieser Handlangen lateinisch»
Sathabas klagt in vielleicht älteren Versen , daß ihrii diese Seele entrissen
sei: Belial tröstet ihn mit Judas, den sie bekommen würden. Petrus murrt
über die Sünderin, Christus singt 'Hec est illa Maria. Chorus respondet:
'Qae resurgentem a mortuis' u. s. w., und vergibt Magdalenen. 'Magdalena
fnndit alabastrum super caput Saluatoris'. Judas schilt sie (83---93). Mag-
dalena kehrt nach Bethanien zurück. Lazarus klagt Martha er sei krank, ^)
sie schickt einen Freund in Symons Haus : als dieser zurückkehrt ist Lazarus
todt. Er wird begraben: 'sub illo Symon leprosus inclinat se ad pedes
Salnatoris' nnd bittet um Vergebung der Sünden. Jesus kommmt zum Grabe,
die dreiTodtengräber (tumulans) sagen sie wollen das Wunder mit ansehen. ')
Lazarus wird erweckt. Einige von den Leuten laufen in die Synagoge. Der
precnrsor Judeorum ruft die Juden zusammen; ich lasse die Stelle wegen der
Namen folgen.
Wol her zw diser synagog, Staudenfues, He^sohrot md ir testes,
hör Cayphas, Annas ynd Magog, Israhel, Pessack ') rnd Johel,
HeUDein, Schiern ynd Abraham, . Warrabas, WülffiriAg vnd her Feygel,
Sadoch, Mosch ynd her Natapn» Noe, Stalam, Malchus ynd her Longein,
Moab, Achas ynd her Scheiblein, Ynd ir Juden alle groß ynd klein,
Secklein^Turtümür ynd her Leiblein, kumpt alle zu der synagog her
Mardoch, Cesar ynd Moyses, ynd yernemet alle newe mer.
Es sprechen nach einander Gewal, Holfflein, Johel, Cayphas, Schlemn^
uDd ratfaftchlagen wider Jesum (94—100). Jesus schickt Petrus nnd Jo-
hannes nach dem Esel ans. Sie gehen ins Castell und erlangen von dem
vilanns die Erlanbniss den Esel mitzunehmen. Einzug in Jerusalem , unter
Gesang 'Ingrediente domino'. Es singen abwechselnd der Chorus filiorum
und drei andere Chöre, nach jedem Chore immer ein einzelner. Jesus reitet
ein zur Synagoge: Annas macht ihm wegen des Auflaufes Vorwürfe. Jesus
kehrt nach Nazareth zurück, die Juden rathschlagen: Cayphas redet mit seinen
drei Knechten und geht mit ihnen zu Annas. Sie beschließen den Judas zu
bestechen. 'Judas transit in circulo et obniabit ei dyabolus', der ihn verfährt:
'transit cum diabulo ad synagogam'. Dort erbietet er sich ^um Verrath und
handelt mit ihnen um den Preis. *) Nachdem sie einig geworden, Transit
vagatum hinc inde vsque finitur valedictio Marie virginis i et sub illo pre-
cnrsor ludeorum concludit consilium' (101— 114): Jesus verkündet, aus der
') Tgl. Hone 1, 91.
*) Ein yierter (98) ist in teroins gebeuert, also wohl, weil bei der betreffenden Anfführung
^e Personen nicht reichten.
*) Wohl derselbe Name wie Possensack bei Pichler S. 26. Fessag auch Fnndgraben
2, 811.
*) Vg^ Pidder S. 26— dO. Hone 2, 251—262.
18*
276 ^^R^ BARTSCH
Synagoge zai ückkehrend, den Jüngern die Passion. Maria klagt and Hransit
ad parunm spacinm ad angelum Gabrielem', der sie tröstet. Magdalena warnt
Jesom vor der bevorstehenden Gefahr. Er lässt seine Mutter rufen und ver-
kündet ihr sein Leiden: sie bittet ihn dreimal ihr den Schmerz zu ersparen
und er versagt es dreimal. Nachdem sie sich getrennt vepit Judas: 'Maria
occurrit Jude' und fragt was an dem Gerüchte sei und empfiehlt Jesum seiner
Hut. 'Jesus faciens reuerenciam Marie et aliis mulieribus', erklärt seinen
jQngern er wolle mit ihnen speisen. Petrus und Johannes werden ausge-
schickt und treffen, wie vorausgesagt, einen Famulus mit einem Kruge. Als
sie die Herberge bereitet, kehren sie zurück: Jesus nimmt von der klagenden
Maria Abschied. Der Chor der Jünger singt. Das Abendmahl. 'Salvator
canit: Mandatum novum' etc. mit deutscher Erklärung in Versen, wie ge-
wöhnlich. Die Fußwaschung: die Jünger sprechen einzeln nach einander.
Zuletzt wäscht er Judas. Einsetzung des Abendmahls. Jesus bezeichnet
Judas als den Verräther. *) "^ Judas transit hinc inde, usque finitur conclusio
salvatoris'. Petri Verläugnung wird verkündet. Sie brechen auf: der Chor
singt 'in monte Olineti orauf . Jesus geht mit drei Jüngern 'ad locum ora-
tionis' und betet. ') Zurückkehrend findet er sie schlafend , ebenso beim
zweiten und dritten mal. Der Engel kommt 'habens calicem in manu'. Jesus
betet in wahrscheinlich älteren Versen (115 — 136). 'Sub illo Judas pulsat
ad palacia principum' und sagt jetzt sei die rechte Zeit Annas beruft seine
Ritter, Judas klopft ebenso bei Cayphas an : dieser warnt sie nicht Jacobus
zu ergreifen, der Jesu ähnlich sei. Hierauf Hranseunt ad medium circali et
omnes conveniunt pretter pontiffices qui manent in locis suis' (136 — 138).
Der Judaskuß und die Gefangennehmung. Malchus abgehauenes Ohr wird
geheilt. Natan, Asor, Annoj Abraham verspotten und binden ihn. Jacobns
maior ermahnt sie: sie wollen ihn gleichfalls gefangen nehmen, doch er ent-
rinnt (138 — 143). Jesus wird zu Annas gebracht und von diesem befragt.
Annas übergibt ihn den Juden zum Spielen.
Natan dicit«
Trewen, das sol geschehen,
man sol guette kurczweil sehen,
nun ratet alle zw mit synnen,
was spils wel wir mit ym beginnen.
Abraham dicit
Ir herm, wir uns zw sammen thiem _
vnd spiln mit im der pucz pirn,
wan das spil ist gemeine
den kinden grosz ynd kleine,
nun rattet, lieben geselln mein,
wer sol nun der pirpaum sein ?
*) Vgl. Mone 1, 98. 2, 266.
*) Mone 1, 101.
ÜBER EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 16. JAHRHUNDERTS. 277
Gewal dicit.
Ir gsellen, das wil ich euch hye sagen ,
Jhesus mag die piern wol tragen,
wan er ist gar ein frölich man,
darumb sol man in mitten ein siezen lan:
so wil ich selber buetten sein
ynd im helffen mern die pein.
seczt in nyder hartte,
wir welln zum piern wartten.
Et taue locant eum ad medium et Indunt cum eo. Laibel dicit
Trawen, die piern sindt suesse.
Tsaac dicit.
Ja da nyden bey den fuesse.
Annos dicit.
Die piern thunt yns wol laben.
Moyses dicit.
Gesel, ich muß ir auch einne haben.
Moab dicit.
Nun rucket die piern oben mit schalle,
si seindt teig, si werendt ab yalle.
Pharon dicit.
Lieber gesell, das sol sein,
nun greifiet zw all in der gemein.
'Et sie omnes concnrmnt et ynanimiter trudunt eum et crinisantf (143
bis 145). Petri Yerläugnung gegen die erste und zweite Magd und den
Juden Nason. Der Hahn kräht, Petrus klagt (145 — 147). Auf Annas
Vorschlag wird Jesus zu Cayphas gebracht. Die falschen Zeugen , Salo-
mon und Amalech. Cayphas zerreißt seine Kleider, alle erklären Jesum
schuldig : er wird den Juden zum Spiel gegeben wie oben.
Schiern dicit.
Ich weis kein pesser kurzweil nicht,
wir spilen mit ym kopauff yns licht.
Sadoch dicit.
Do wil ich gar pald ein tuch zu fynden,
do mit ich ym wil yerpinden
seyne äugen klar ynd zarte :
nun raufft in wol bei seinem bartte.
'Et sie accedit et velat sibi oculos. Nason cantat: Prophetisa nobis,
Christe, quis est qui te percussit'. So schlagen und fragen ihn alle andern.
Nach dem Spiel eine Zwischenrede des Engels an das Publicum, „ein Pater-
noster zu beten" (147 — 152). Jesus wird zu Pilatus gefuhrt und verklagt
278 KARL BARTSCH
Pilatus schickt ihn als Galiläer zu Herodes. Dies^ bittet ihn ein Zeichen zu
thon. Die Juden verklagen ihn einzeln. Er wird in weißem Kleide zn Pi-
latus zurückgeschickt. Die Soldaten verspotten ihn: er sinkt zur Erde
(162 — 168) 'sub illo venit Judas videns hoc' und klagt *)
Ir Juden, ich wil euch wissen lan,
das ich mich selber vergessen han
an Ihesum den vil trewen :
das mü£ mich jmmer rewen,
5. das ich in hab verrathen
des ahenc2 also spatte:
das ist mir leit vnd rewt mich,
das ich hab than so scicklich (d. i. scelklich).
des mag ich njmer werden firo :
10. darumb nempt ewr pfenning wider do,
ynd solt alle mercken da bey,
das ich nymer schuldig sey.
ich hab groß sündt begangen,
das er ist worden gefangen:
15. darumb wirt mein nymer rat
vmb mein grosse missetat, ,
wan mein bosheit vil grosser ist
wan mein gnadt zw diser Mst.
dar imib wil ich ym nit mer genahen :
20. ich wil gen mich selber haben.
Auch in dieser Klage sind ältere Verse benüzt: sie wäre ohne Hübe
herzustellen. 'Judas transit ad locum suspensionis' und erhängt sich: die
Teufel nehmen ihn ab und führen ihn in die Hölle, wo sie JLucifer willkommeo
heißt und den Judas verhöhnt (168 — 161). Die Zwischenrede des Engels,
die älter ist, will ich in älterer Schreibung folgen lassen.
£i du saelege cristenheit,
ze sprechen soltu sin bereit
ein patemoster üf der fart,
do er zuo Filäte gefüeret wart.
5. seht an die grozen smacheit,
die im nü ist an geleit,
mit spotten und mit spien,
mit slahen stozen schrien.
daz ir iezuo habt gesehen,
10. daz ist ze prime zit. geschehen.
helfet hiut beweinen
den unschuldigen reinen,
der ad vil marter geliten hat
durch aller menschen missetat.
0 Vgl. damit Mona 2, 283—284.
..^
ÜBER EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 16. JAHRHUNDERTS. 279
15. dar umb lat iuch erbarmen
Ibesum den ril armen.
Hs. 3. diser. 4. dem leiden jha als er. 5. vnd secht. 8. stossen vnd.
9. vnd das ir ycz nnn. 10. zw der prim. 12. Ihm den. vnd r. 15. last.
16. vber ihm.
Jesus wird zu Pilatus geführt, dem Herodes' Soldaten des Königs Gruft
auslichten. Die Juden klagen wieder: 'Pilatus descendit de palacio suo
transiens ad pretorium. Chorus cantat 'Ingressus Pilatus'. Jesus wird ver-
hört und von Pilatus unschuldig erklärt: Schiern erwidert 'er muß doch ster-
ben'. Abermaliges Verhör. Auslieferung des Barrabas. Der zweite miles,
Dietrich, holt ihn. Jesus soll gezüchtigt und entlassen werden. Er wird
gegeiselt: die Soldaten Helmschrot und Dietrich erklären sich willig dazu.
Diese und die Soldaten Laurein und Hilebrant machen Geiseln und schlagen
ihn. £r wird mit Domen gekrönt und von den Juden verspottet. Zwischen-
rede des Engels, der ermahnt an Jesu Marter zu denken. Jesus wird aber-
mals von Pilatus verhört (161—175). 'Sub illo venit Beliall, transit ad
Pilatissam^ und sagt sie solle Jesum nicht verurtheilen lassen. Das folgende
scheint wieder älter. ^)
Pilatissa ad famulam scilicet Floream dicit
Floria, liebe dienerin mein,
nun ge hyn zw pilato dem herren dein
und bit jn ymb ihA den man,
den die jaden vor seim gericht han.
Florea dicit
5. Gern, liebe fraw, lat michs verstan,
wie ich doch bitten sol fiir den man.
Pilatissa respondit
Sprich 'mein firaw hat mich zw euch gesandt
vnd thut ewch in grosser heimliehkeit bekandt,
Mj bit each also sere
10; durch aller frawen ere,
das ir ihft genedig seit
Tsd in vor den Juden des lebens freit,
wan Bj heint in diser nacht
durch in vil anfechtung hat betracht'.
Florea respondet
15. £s ist nit gut das ich allein ge:
mein fraw, merckt ob es zuchtig ste,
das ein jonckfraw (vor) gerichtes gewalt
seit allein gen: das wer rngestalt.
*) Vgl. Hone 1,-H4 ff.
280 KARL BABTSGH
Secunda ancilla dicit.
Fraw, ich s&ch auch gern den man,
20. der so yil wnnder hat gethan :
liebe fraw, last mich mit Florea gan,
wir wellen zuchtig for ym stan.
Pilatissa dicit ad ambas.
Nun get paidt mit ein ander hyn ein
ynd sagt meinem herrn die pette mein.
Et sie traDseunt ad pretorium anciile et sub iilo angeli canunt 'silete'.
Florea dicit ad Pilatum.
Er verspricht ihre Bitte zu erfüllen : den rückkehrenden Mägden dankt
die Pilatissa. Die Zeugen treten nochmals auf. Pilatus überliefert Jesnm
und fordert Wasser von Laurein. Er wäscht sich; 'Dietrich deffert mappam
ad tergendum manus*. Primus Schwiczbub sagt, er wolle ihnen Hammer und
Nägel nachtragen , secundus Schwiczbub , er wolle die Leiter holen. Der
Schluß des zweiten Tages ist einem älteren Schauspiel entlehnt.
Conclusor concludit secundam diera dicens
Ir saelegen cristen Ifute, daz si rouben unde stein
nemt ze herzen hiute: 20. und wentz mit ir gesetze heln.
' der muoz sin gar yersteinet^ darumb ist daz ein guoter site,
der hiut den tac niht weinet^ ^) daz man hiut über die Juden pite.
5. Ihesum Cristum unsem trost, wafen und zeter solt man melden
der die weit yon Sünden hat erlöst. und si immer und ewic scheiden,
schrit über die Juden alle, 25. seht wie Ihesus ist durchslagen
die mit grdzem schalle und muoz jaem^rliche tragen
unsern herren haut gefangen leider daz bitter kriuze sin
10. mit knüteln s werten unde Stangen. zer grözen marter unde pin.
we iuch ir fürsten und edel man, s6 schrient alle in boesen wan
wie wenc gedenket ir dar an, 30. 'kriuzegen den yalschen manf
wan ir^den jüden güetlich tuoi: daz ist ze terzen zit geschehen,
daz tuet ir umb daz zitlich guot, als ir gehört habt und gesehen.
15. si hänt die cristenheit niht liep, dem selben liden sit bereit
si sint erger dan die diep, ze sprechen ein patemoster mit inne-
man sehe irn grözen wuocher an, keit.
so yindet man an abelan
und noch sechs jüngere Verse. Die Hs. 4. beweint. 7. Nun schreit. 8. Die
so gar* mit. 9. haben. 15. haben. 18. stetz an. 20. wellens. verhellen.
21. das gar ein. 26. muß dar zw jemerlich. 30. crewczigen zweimal 31 zw
der tercz. 32. habt gehört. 33 selbigen. (175—182.)
0 Vers 3. 4, ygl. Ficbler S. 120 *So war mein herz versteint, dalf ich nmb solch nit
wein£. ' - '
ÜBER EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 15. JAHRHUNDEBTS. 281
Precursor tercia die dicit
Nun schweigt ir herren vnd seyt ynuerdrossen,
zwen tag figürlich seindt beschlossen :
mit gocz hilif yerbiing wir den dirten tag u. s. w.
Maria sagt zu ihrem 'ehain Johannes, sie wolle die Marter ansehen
gehen : Johannes willigt ein. Die Juglen schicken sich zur Kreuzigung.
Sextus miles Pilati dicit ad saluatorem Tondulus
Wol auff, Ihfl, zw todes pein ! ir Juden, habt ir aber bedacht,
ToUbracht werdt der wil des herren wo yan das creücz wirt gemacht.
mein.
Annas dicit
Ritter, hye leit ein grosser palck,
der wirt eben dem bosheiltigen schalck,
den sei man legen aüff in,
das ist warlich der peste syn,
wan er ist langk md gro0.
das mul^ wir haben zw der zeit.
holt auch die zwen schecher sein genoi^,
die in dem stock siezen gefangen,
das sy auch pey im hangen
wan es ist müglich ynd zimpt sich wol,
das gleich bei gleich hangen sol.
Der Soldat Helmschrot geht zu den Schachern Jesmas und Dismas,
und bindet sie. Sie beschließen Jesu das Kreuz aufzulegen. Inzwischen
klagen Maria Cleophe, Maria Salome und Maria Jacobi. Jesus tröstet sie.
Veronika kommt und reicht ihm das Tuch. Johannes der von ferne gefolgt
geht nach Bethanien und benachrichtigt Maria. 'Maria valedicit populum
und geht mit Johannes ad locum stacionis' und singt (mit Musikzeichen) :
Owe des ganges den ich gen ^) ichn mac gesitzen noch gesten,
mit jamer und mit riuwen. min leit wil sich yemiuwen. ^)
3. Ich. — Auch Johannes klagt. Maria singt wieder
5. owe, mir yolgt ein scharpfez wort;
owe owe
owe jamerllche klag,
owe, mir yolgt ein dunreslag,
Joannes canit.
owe owe
owe, dö wart ich des gewar,
daz in die jüden an ir schar
Finito Maria dicit.
owe, owe jamer unde onch n6t,
owe, waere er noch niht tdt
Joannes respondet.
15. owe der jaemerlichen pin,
owe der grdzen marter sin,
Johannes, ich hab in gebort. ')
alda hin fuorten jämers yol,
10. da er die marter liden sol.
yon manegem bitterem slage:
son wolte ich nimmer leides klage.
owe, als ich yemnmen han,
si weiten in an ein kriuze han. *)
*) Der erste Vers stimmt zn der Marienklage in den Fandgrab. 2, 261, 20.
0 Biese Tier Verse bei Pichler S. 20, und 32, 139. Fundgraben 2, 281, 16—18.
4 Yen 4. 5; Tgl. Fuidgraben 2, 262, 1. 2.
*) Dem Überarbeiter war der rührende Beim anstOf lg.
282 KARL BARTSCH
Die Hs. 2. klage. 3. dunderschlag. 13. manichem bitterm. 14. so.
klagen. 18. than. — Jesus tröstet sie : Magock treibt Maria nnd Joseph
weg. Jesus fallt: sie holen einen Bauern vom Walde, ihm aufzuhelfen.
Dieser, Symon, klagt: auch seine Verse sind wahrscheinUch älter:
Ach meins großen herozen leit! wider deines herczen lust
kom ich erst her Yon der arbeit, yicht dich ynsält an.
ich bin müd ynd kan kaum gestan ich pit dich, ihfl lieber man^
vnd sol mit Ihn zu der martter gan. gancz vnd gar getrewlich
owe den armen paurn, ynd das dw nit yerdenckest mich,
es sey regen oder schäum, ich müs nun yon grossem gewalt
hitz kelt oder frost, helifen dir das crewcz tragen paldt.
Wiederum spricht Mari^ zu Johannes (mit Musiknoten) :
Johannes, lieber eham min, und hilf mir klagen sine not :
nu ge wir zuo der marter sin owe und waere er noch niht tot. *)
Finito Joannes dicit.
5. Maria muoter und frowe min, ja fürhte daz du groze n6t
ich erfülle daz bot din : entpfaehest yon sim pittern t6t.
Maria respondet.
Johannes, daz weiz ich wol, owe der swaeren yerte,
10. min herze daz wirt leides yol, die ich trage yil armez wip !
swenn ich an sihe so herte : ach herre, wie nimstu mir min lip !
Natan dicit et deponunt sibi nrucem.
15. ir herren, hie wel wir raste: daz wir in fürbaz
nu sehe wir zuo dem gaste, mit dem kriuze entpf^hen
wir wellen im abe nemen den last, 20. und in dar an haben.
Hs. 6 ich erful gern das gebot. 10. das mein hercz wirt. 11. so rechte.
12. diser. 15 rasten. 17. laß. — Sigenot, der sechste Soldat, zieht ihm
die Tunica ab. 'Salvator sedens super crucem cantans: *Popule mens' ü.s.w.,
und hierauf deutseh (183 — 195). Die Juden Cayphas, Malchus, Johelund
Joram erklären sich bereit ihn zu martern. Die Soldaten Hilebrant, Dietrich,
Sigenot, Laurein nageln ihn an, jeder mit Schmähworten. Maria klagt
wieder und geht mit Johannes 'ad paruum spacium et manent stare*. Pilatus
lässt durch den miles Tritinklee die Aufschrift über das Kreuz lateinisch,
hebräisch, griechisch und deutsch anheften. Die Juden protestieren, aber
Pilatus erwidert 'Quod scripsi scripsf . Während das Kreuz mit Jesus auf-
gerichtet wird, singt der Chor 'Ecce lignum crucis' u. s.w. (195—199). Maria
tritt mit Johannes heran und gibt dem Soldaten Tritinklee ihren Schleier am
Jesu Schoß damit zu decken. Auf Helmschrots Erinnerung werden auch die
Schacher aufgehangen.
^) Dieselben Verse (1 — 4) in einem Innsbrncker Spiel; Plchler, über du Drana des
Mittelalters in Tyrol (1850) S. 19 und 32. Auch in den Fun^mben 2, 262 stnunen die
beiden ersten Verse, Z. 19. 20., ebenso Fundgr. 2, 282, 13. 14.
\
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ÜBEB km GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 15. JAHRHUNDERTS. ^
Finito Maria accedit ad crucem dicens
Getriwe man wip unde kint, 5. und helft mir klagen min grdze n6t:
al die hie gesamnet sint, ich pin mit lebendem libe tot,
nu lat mich ril armen ichn weiz selbe wer ich pin :
inch ime herzen erbarmen sterben waer min beste sin.
Et iöcipit plangere ad crucem dicens (mit Noten)
10. owe herzenlieheT klage,
die ich arme muoter trage
Ton des tddes pandenl ^)
weinen was mir unbekant»
dd ich muoter wart genant
Finito Cayphas dicit
20. Zeter über dich snoedez wip,
wiltu behalten dinen Hp,
sd ge schiere Ton mir,
daz wil ich waerlich r4ten dir.
sin leben muoz er üf geben,
Maria dicit
30. owS du snoede jüdischeit»
wie grdz jamer unde euch leit
hast an geleit dem kinde ndn !
15. und doch mannes 4ne. ')
nu ist ze weinen mir geschehen,
sint ich sinen tdt muoz sehen, ')
den ich äne swaere gar
muoter unde euch meit gepar. *)
25. wirn lazen in niht lenger leben,
drumb wiltu mit gemache sin,
so merke eben die rede min.
hebe dich schiere hin dan:
mir wellen unsern muot [mit im] hin.
owS der jaemerlichen pin,
die ich muoter reine
35. von herzen fast beweine.
Die Hs. 6. lebentigem. 7. ich wei0 selbert nit. 16. anne. 17. sein tot.
20. dich dw. 22. schnei. 25. wir. 28. schnei. 32. hastw. gelegt. 34. Das
ich. — Amalech verspottet Jesom, der Engel singt 'o vos omnes qui transi-
tis* etc. Die Soldaten Helmschrot, Dietrich, Hillebrant, Laurein und Sigenot
würfeln um Jesu Kleider. Maria klagt
Grdze klage ist mir n6t,
ow^ und laege ich für in tdt!
sun yater schepfer pistu min
unde ich arme muoter din. ^
5. herzen kint,
din wengel sint
dir sd gar entplichen !
al din kraft
und din mäht
10. ist dir sd gar entwichen! ^)
dine wunden tuont mir we,
miner klage ist dennoch md, ^)
daz du herzen liebez trüt
wider mich niht wirdest lüt. ^)
'} Lies'w&ne'.
') YerslO— 14inTerrtQ]iime]terFoTmbeiPichlerS.20« Yen 13— 15 Fundgraben 2, 283.
*) Yen 10—17 stnumt mit der MarienkUge des 13. Jabrh. bei Hone 1, 31.
*) Yen 16—19 an andrer Stelle bei PicUer S. 21 ; Yers 18. 19 in anderer Yerbindnng
in der Ütem Marienklage, Hone 1, 32. — Die ganze Strophe (10—19) stimmt yoUstAndig
mit der Harienklage in den Fnndgmben 2, 263.
*) Diese Tier Yerse aoeh bei Pichler S. 130; die beiden ersten Yerse bei Kone 1, 33
(Yen 73. 74). Der zweite Yers anch in den Fnndgmben 2, 262, 8. 282, 6.
•) Yers 5—10 bei Pichler S. 34, aber in anderer Yerbindong; bei Mone 1, 32. 199.
^ Dieselben Yerse (11. 12) bei Mone 1, 34 (Yen 79. 80), di; beiden folgenden ebenda
(VeiB 82. 83).
0 Die ganze Strophe, aber in anderer Folge der Yerse (1^14) in den Fundgrabefi Z, 2i>3.
284
KABL BARTSCH
5. herczes. 6. weglein. 11. deynen. 12. mer. 14. werdest. — Johannes
tröstet die immer wieder klagende. Jesus singt 'domine ignosce'. Die Juden
spotten. Zwischenrede des Engels, die wie die obige (S.278) auch älter ist.
Gayphas und Annas verhöhnen Jesum; ebenso Abraham. Jesus empfiehlt
dem Johannes Maria und dieser den Johannes. ^) Maria canit
Ein swert daz mir geheizen was Jhesu Crist, do ich diu genas,
von Synieönis munde, daz snidet mich zestundea. ^)
Hs. 1. wardt ( : genas). — Martha fordert sie auf fort zu gehen, et sie
ducunt Mariam ad partem. Die Schacher Dismas und Jesmas sprechen za
Jesus. Die Worte am Kreuz bis 'es ist vollbracht'. ') Johannes singt
5. er wart gestdzen hin und her
Yon den boesen jüden mer und mer
unde üf sinen hals geslagen:
daz leit solt ir mit mir tragen.
6 min got, daz ich solt sterben
unde an min geliden yerderben
15. fiir dich, unschuldic menscheifc:
daz waer mir ein [gröz] süezikeit.
weit ir in niht leben lan?
und hat genumen mir min lip *)
0 we mir und inuner we,
wer sol uns furpaz troesten me ?
unser trost der ist di hin :
ich weiz niht wa ich nu pin.
Finito dicit.
0 lieber herre, lebestu noch?
10. ker din ougen zuo mir doch,
troest mich und die muoter din !
6 herre, wie pitter ist din pin !
Deinde plangit Maria cantando.
Ir frowen, ir klagt den jämer min:
wie ist erzogen min kindelin
mit besemen und mit wunden ser,
20. swa ich mich ze ime ker.
ouwe waz hat er iu getan?
Finito dicit.
Durch got, ir frowen algemein, 30. we den han ich nü verlorn
beidiu groz unde euch klein, und henget hie s6 jaemerlich.
zeinr muoter het er mich erkomr troest mich herre yon himeliich!
Hs. 2. mer. 7. seira. 8 klagen? 10. dein göttlich äugen. 11. (Üe
arme m. 12. o lieber h. 15. vnschuldige. , 19. besen. 24 — 26. ich habe
des Reimes wegen eine Lücke angenommen. 24. hiess etwa owe ich vreuden
armez wip ! und 26, minen jämer swinden. 29. zw einer, auserkom. —
Magdalena und Maria Salome trösten sie : ebenso Maria Cleophe und Maria
jacobi. Abraham jagt Maria vom Kreuze. Der Erlöser stirbt. ^) (200 — 216).
■ünus parvus demon mittens volare albam columbam' klagt daß die Menschen
25.
wie sol ich überwinden
min herzeleit . . .
*) Vgl. Pichler S. 20—21 und 33. 136.
*) Dieselben Verse bei Pichler S. 33—34; bei Mone 1, 34 (Vers 85—87), wo aber die
zweite Zeile fehlt; Tierzeilig wie hier Mone 1, 199. Vgl. auch Fundgruben 2, 264, 11— H-
») PichlerS. 21— 23.
*) Vers 21—24 fast wörtlich bei Mone 1, 199, wo 24 lautet Vaz sol ich nft tU annei
wip ?' Ebenso Fundgr. 2, 263 wo 24 lautet 'ow6 waz sol ich armez wip !
^) Vgl. Pichler S. 23.
ÜBER EIN GEISTLICHES SCHAÜSFIEL DES 15. JAHRHUNDEBTS.
285
nun erlöst seien. Die Todten stehen auf. Der zweite und dritte Teafel,
Namens Klet, klagen. "Et sie vllniando cnrrant ad infemam'. Die folgende
Scene ist wieder einem altern Stücke entnommen , wenigstens die Rede des
Centurio. 'Deinde centario venit ad crucem cum sernis suis monstrando cum
digito et canit: ^Yere vere, filius dei erat iste."^ Finito dicit:
Waerlich, der ist gotes sun, ^)
der alliu zeichen wol mac tuon,
ich mein Jhesum Ton Nazaret,
der da an dem kriuze het;
5. wan er ist ein heilig man
und hat uns guotes yil getan,
wir haben einen boesen muot
und gäben in umbe ein kleines guot:
sinen lip hän wir durchslagen,
10. daz sul wir hiute und immer klagen,
ir firowen unde euch ir man.
seht hiute sinen jamer an
und sinen gr6zcn smerzen,
den er treit an sim herzen,
15. sine gröze bitterkeit
die lät iu allen wesen leit,
die er leit an alle schult
mit s6 grözer gedult.
ich pit dich, herre Jh^su Crist,
20. wan du alwec gnaedig bist,
du wellest erbarmen dich,
wan alle sünde riwent mich.
Servus centurionis dicit
Ja herre, du hast reht dar an, 30. des muoz ich im der warheit jehen,
er ist gewesen ein heilig man, er hat uns guotes ril get&n,
25. er hat uns bräht zem lebene, als ich wol yemumen hän.
daz danke wir im yil ebene. darumb bit ich dich, herre min,
er hat unser not bedäht du wellest mir euch gnaedig sin,
und hat die siechen gesunt gemacht, 35. und ieclich üf disem plan
er macht die plinden gesehen: sol gelouben an disen man.
4. hecht. 5. heiiger. 6. vil gucz, vgl. 31. 7. ein. 8. im. 9. sein. hab.
12. sein. 14. tregt. seine. 15. sein. 18. so mit. 20. albeg. 21. Das
dw. 22. sündt die rewen. 24. ist holt g. 25. br. von dö tot zu. 26. gar
eben. 27. albeg b. 29. auch die. 30. Das. in. 33. lieber h. 35. vfi eim
yczlicben.
Et sie centurio transit cum sernis suis ad palacium Pilaty, deinde Maria
canit
Diu sunne yerpirget Iren schin
aller weit gemeine,
diu erde erbidemet swie si lit,
üf kliebent sich die steine. ')
5. owe ist er mir nu idt,
des yeruiwet sich min n6t
Finito dicit
Ouwe herzen liebez kint,
wie gar yerplichen sint
und n^n jaemerliche klage,
die ich klegelichen trage,
owe waz hat er iu getan,
10. daz ir in niht weit leben lau
unde nemet mir sinen lip ?
wä sol ich hin yU armez wip ? ')
15. din innecliche wangen!
wie hat dich übergangen
^) Der Anfang stimmt mit Pichler S. 24. Vgl. auch carm. burana S. 107.
*) Pichler S. 32 anf klenbt sich erd und auch die stein. Die yier Verse stehen dort in
anderm Zusammenhange S. 34 falsch eingeschoben.
^ Vers 9—12 fast wOrtUch schon oben S. 284.
286 KARL BARTSCH
der flnz dins bluotes offenbar ril pezzer waere nur d«r Mt
Ton dinen brehenden ougen klar. dann ich Ute ^6 gtdze ndt
dem t6de luUtn dich ergeben vod sd bitterliche pin,
20. nnd hat ein ende min leben. diech sihe an dem kinde min.
3. die erdt die pident wy sy leydt ist verdorben. 10. wolt. 11. sein.
13* herczes. 16. wie gar. 18. brindfldfl. 19. vnd dem tot. 20. nn din?
22. wann ich leit. — Der blinde Longinns tritt auf und verlangt von seinem
Knechte Minus den Speer um Jesu Noth zu enden. Er lässt sich an das
Kreuz fuhren und singt
Zabulon, herre von Jerich6, Zabulon, herre von Jerich6,
mach mich armen plinden fr6 ! mach mich armen plinden frö !
Durch das verspritzte Blut wird er sehend und bereut seine Sünden. Maria
singt
Ouwe wer daz er mich
hat sin sper 5. unde euch dich
her ze dir geneiget? 86 jaemerlichen scheidet. ^)
• Johannes tröstet : Maria klagt wieder
Herze, prich, ouwe tot,
t6t, nu rieh dise n6t
nnd lä mich dir nu volgen! 15. mahtu wol volenden:
10. der Juden kint wan wilt von dir
mir nu sint her ze mir
worden gar erbolgen. ^) dinen poten senden? ')
Finito Maria dicit.
0 vater herre Jhesu Crist, dich in dim herzen erbarmen
20. mines herzen trdst du pist, und henke mich an des criuzes ast,
gar süezer unde guoter! der ist so starc und s6 vast
sich an din arme muoter, daz er mich wo! tragen sol.
waz min sendez herze trib. 30. ich armez wip pin leides yDI :
sieh an mich vil armez wib ach herzen kint, erkenne mich,
25. und la mich vil armen ich pin din muoter sicherlich.
Joannes dicit
ei liebe juncfrou reine,
ich pit dich, la daz weinen.
7. Hercz nun sprich. 12. verporgen. 16. Wen wildu. 23. sennigs.
25. las. 26. deinö. 27—28. est: fest. 31. herczes. 33. Ey dw. 34. las
das weynnen dein ( : rein). — Cayphas droht Johannes zu schlagen. Sie
entfernen sich vom Kreuze. Die Juden bitten um Erlaubniss den Schachern
die Beine zu zerschlagen. Sigenot und Helmschrot thun es. Joseph und
l^icodemus kommen und klagen : sie gehn zu Pilatus den Leichnam zu er-
^) Bei PicUer S. 34; bei Mone 1, 33, Yen 49—- 54. altd. Blätter 2, 374.
*)'Vers 7—12, der Anfang Ähnlich wie Fandgnib. 2, 27l, 16. Haupts Zeitschr. 7, 540.
3) Vers 13—18 bei Picbler S. 35; bei Mone 1, 31. 32. Fandgraben 2, 263.
ÜBER EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 15. JAHRHUNDERTS. 28T
bitten (217 — 227). Pilatus schickt den Centurio nm sich zu überzeugen und
gestattet auf dessen Bericht das Begräbniss. Die beiden verkünden es Maria,
die vor Schmerz verstummt: für sie antwortet Johannes. *) Der Engel führt
Jesmas Seele ins Paradies , die Teufel tragen Dismas unter 'hohaho' in die
Hölle. Die Kreuzabnahme. Johannes fordert Maria auf zum iCreuze zu
gehen: Pilatus mit Soldaten, Annas Cayphas und andre Juden kommen.
Maria verlangt den Leichnam zu sehen : 'tnnc inponunt corpus ad manus suas
ad paruum tempus'. Maria dicit
Bis mir wükumen lichnam zart, ')
gebom von juncfrOuIicher art,
nu ist min sorge ein teil gewant,
Sit ich dich rüer mit miner hant,
5. und mac begrifen min kint
eysL wie tief din wunden sint !
ouwe der-jaemerlichen gäbe !
die ich nü entpfangen habe,
nu denket alle die muoter sint
10. daz die heten ein liebez kint
daz SU8 ermordert waere,
wie gröz würde ir swaere.
Nicodemus dicit
25. La din jaemerliche n6t,
du weist wol daz dins kindes t^t *)
bringet den menschen daz leben,
ouch hat dich im got gegeben,
Maria canit
durch got« ir frowen al gemeine,
peidiu kiusche unde ouch reine,
35. ir helfet klagen mir min kint,
ja wizzet ir wol wie liep si sint.
ez was nuns herzen wünne,
daz friuntliche künne.
ze einer muoter hat ez mich
owe herzlicher leide,
daz ich mich arme scheide
15. Ton minem lieben kinde,
den ich mit weinen vinde.
weinet unde habet leit
mit mir in gr6zer jämerkeit.
ich gelobe iu müeterliche triwe,
20. ame lösten ende ein wäre riwe,
da mit ir ^wicliche
. erwerbet daz himelriche.
ei armez herze, nü brich
durch min klage bitterlich.
dem soltu frowe ze Mste sin,
30. wan der sünder gert din:
wan allez des din herze gert,
des pistu, reine meit, gewert. *)
mich nu hin keren?
min Ungemach wil sich meren.
ich han min liebez kint verlorn:
kein lieberz kint wart nie gepom.
45. wä sol ich tröst nu vinden?
min hende muoz ich winden!
ouwd min herzen liebez kint! ^)
40. erkorn : ouwe wa sol ich
1. willigkam. 4. so ich dich an rur. 5. mein liebes k. 11. also ermort.
12. wirt. 13. herczenliches. 14. sol scheide. 18. jamirigkeit. 23. eya.
25. Maria las. 30. begert. Sl.wen. das. begert. 35. helfft zw. 38. kinde.
^) Ebenso bei PIchler S. 36.
^ Der Anfang dieser Klage stimmt mit Mono 2, 139.
>} Vgl. Mone 2, 140 (Ten 239).
*) Yers 31—32 fast wörtlich in einem Spiel ron der Auferstehung, bei Pichler S. 57.
') Diese Klage stimmt zum Theil mit Piebler S. 34. Y. 38 ist aach dort entstellt, weil
'küDoe* nicht mehr deutlich war Die andern an dieser Stelle fehlenden Verse stehen getrennt
S. 36. Vgl. 140.
288 KABL BARTSCH
41. mich fehlt 43. hab. 46 hendt die. — Joseph will den Leichnam fort-
schaffen : Maria bittet denselben ihr noch za lassen. Nicodemus und Joseph
ermahnen das Publicum. Jesus wird begraben , Johannes fordert Maria auf
mit ihm fortzugehen (228 — 238). Die>Juden beschließen das Insiegel am
Grabe festzumachen und es zu bewachen. Sie bitten Pilatus um eine Wache
und versprechen den Soldaten, die er schickt, Gold, wenn sie ihre Pflicht
thun. *) Die Soldaten vertheilen sich und schlafen ein. Gabriel mit einem
feurigen Schwerte singt 'Terra tremuit et quißuit* etc. Lucifer wehklagt über
die Erlösung. 'Et sie clamant ho ho, deinde angelus percuciens ad sepnlch-
rum cantans Gabriell: Exurge! quare obdormis, domine? exurge et ne reppellas
•in finem'.
Ste üf almehtiger got,
ervülle dines yatet pot,
wie slafestu s6 lange?
daz tuot den seien ange,
5. die sint gewesen in der pin.
herre, tuo din hilfe schin
und erloese ßi mit diner hant
Ton des grimmen tiufels bant,
Saluator canit et surgit
Ego dormiui et sompnum cepi et exsurexi
quam dominus suscepit me: alleluia alleluia.
Saluator dicit
Ich hän geslafen sere
10. und sten üf nach miner lere,
wan got vater in ewicheit
hat mici enpfan mit froelioheit.
Deinde vlterius canit et surgit totalitter
Resurexi et adhuc tecum sum: alleluia.
Finito dicit
Hie pin ich erstanden
Yon des t6des panden.
15. ich wil gen yil palde
' mit froelichem schalle
* für der helle tür
und rüefen den min her fär:
ich wils erloesen von der pin,
20. die al zit sint gewesen min,
die lange mir geruofet haben
mit siufisen weinen unde klagen :
die wil ich frien alle
• ■ mit froelichem schalle.
^) Pichler S. 44 ff., aach dort heilet der eine Soldat Helmschratt.
ÜBER £IN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 15. JAHBHUNDERTS. 289
2. vnd erfül. 2. herr wir. 4. den armen hellen zwang. 5. die so lang
seindt g. in der vinstern p. 6. thn yn deiner. 9. vnd geruet ser. 10. sie.
11. in der. 12. entpfangen. 14. des grimmigen t. 15. gar p. 16. gancz
mit. 18. vnd wil r. 19. der helle p. 21. lange zeit. 22. wein vfl auch.
23. erfreien. 24. hy mit. — Sie gehen znr Hölle , während der Chor singt
'Tollite portas.* Die Tenfel fragen wer da sei. Endlich flüchten die Teufel,
der Erlöser erbricht die Pforte, Lncifer wird gebnnden. Adam und Eva
beißen ihn willkommen. Zwei gerettete Seelen , worunter die eines armen
Schülers, lobsingen. Adam ermahnt das Publicum , nicht an Gottes Gnade
zu verzagen : die Erlösten fahren ins Paradies. Die Verdammten klagen,
die Teufel Waldach und Schonspigel heißen sie schweigen. Die dritte Seele
klagt und ermahnt die Zuhörer. Den klagenden Lucifer tröstet Sathanas
damit, daß ihm noch genug auf Erden blieben (239 — 252). Gayphas schickt
Abraham, nach dem Grabe zu sehen. Dieser berichtet es sei geöfihet. Die
Soldaten erwachen und schreien Zeter: *) Sigenot, Hillebrant, Tritinklee,
Helmschrot. Sie wollen zu Pilatus und gehen ad medium circuly, dort be-
gegnet ihnen Cayphas und macht ihnen Vorwürfe. Auf ihre Antwort, Christus
sei erstanden, bietet er ihnen Gold, damit sie schweigen. Pilatus räth, den
Jüngern die Schuld zuzuschieben. Der vierte Soldat Tondulus billigt das.
Die Soldaten gehen ad palacium, die Juden in die Synagoge. 'Saluator pre-
parat se cum suis omatibus vt ortulanus. Post hoc venit prima Maria Salome
cantans
'Onmipotens paten altissime',
aDgelorum rector mitissime,
quid faciemus nos miserrime !
hew quantus est noster dolor ! ^
Finito dicit
0 yater almehtiger got,
der engel hoehstcr Sabaot,
meister aller wlsheit,
du aller mildest gotheit,
wie gr6z ist unser smerze,
10. den wir tragen am herzen, ')
wir armen frowen alle dri!
ach pitter t6t nu won uns pi
und wende alle unser klage !
dar ane ich niht verzage;
15. wan wir enwizzen wie wir nü
leben sulen oder tu,
sint wir verlorn han unsem trdst,
der uns von sorgen hat erlöst.
^) Der Anfang stinmit mit Pichler S. 147. Fm^dgr. 2, 803, 11. 12.
') Vers 1—4 bei Pichler S. 38.
. ') Yen 9. 10 timlich bei Pichler S. 149.
eaBMAHlAIU. 19
1
KARL BABTSCH
Secunda Maria Jacobi canit
Amissimus enim solacium ,
20. Jesum Cristum, Marie filiom:
ipse erat nostra redempcio .— ^
hew quantas est noster dolor ! ^)
Finito dicit
Owe jämer unde ouch leit,
daz du manegem pist bereit , '
25. daz mac man wol schouwen
an uns drin armen frouwen: ^)
wem welle wir daz kunt tun,
daz wir yerlom han Marje sun?
Tercia Maria Magdalena cantans
Sed eamus yngentum emere,
30. cum quo bene possumus yngere
corpus domini sacratum. ')
Finito dicit
Ouwe uns yil armen wiben,
wa sul wir Tor j&mer bliben?
wir haben verlorn unsern tröst,
35. der uns yon sünden hat erlöst.
Prima Maria canit Salome
Hew nobis intemas mentes
quanti pulsant gemitus ,
pro nostro consolatore,
quo priuamur hodie,
40. quem crudelis Judeorum
morti dedit populus. *)
Finito dicit
Owe! ge wir unbehuot gar
in Israhel der yalschen schar,
die pi Jesu sint gewesen
45. und in niht weiten lan genesen,
owe uns frowen armen,
wer sol sich über uns erbarmen,
sint wir den haben verlorn,
der uns ze tröste wart gepom.
50 er liez uns in keiner not:
uns ist leit sin pitter t6t.
wir wellen nimmer froelich sin ,
em tue uns sine hilfe schin.
.*) Vers 19—22 bei Pichler S. 38.
*) Vers 26, 26; vgl. Fundgruben 2, 322, 7. 8. 14. 15.
') Yers 29—31 bei Picbler S. 38 : darnach sind die beiden ersten Zeilen zu lesen
'Sed eamus nunc Jesum quaerere,
Festinemns ungnentom emere'.
*) Vers 36—40 bei Mone 1, 16. 24. 36. Auch Fundgr. 2, 272.
ÜBEB EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 15. JAHRHUNDERTS. 291
Seconda Maria Jacobj cantat
Jam percusso cew pastore
55. oues errant myseri:
sie magistro decedente
turbantur discipulL
sie nobis absente eo
. dolor crescit maximus. ^)
Finito dicit
60. OwS wie jaemerllcb daz stat,
swk daz rihe kn hirten gkt, ')
daz mac man wol schouwen
an uns drin armen frouwen : ')
den wir ze trdste beten gekorn,
65. den babe wir jaemerlicb yerlorn.
Tercia Maria Magdalena cantat
Sed eamns et ad eins
properemus tumulum.
si dileximns yiuentem,
diligamus mortuum,
70. et yngamus corpus eins
oleo sanctissimo. *)
Finito dicit
Ir swester, gS wir alle
und koufen tiure salben *)
und salben unsem beilant,
75. Ton dem uns fröude was bekant.
ob er nocb lidet smerzen,
daz betrüebet unser berzen.
des wel wir nibt betragen
und näcb der salben fragen.
80. künde uns^man wisen dar,
daz wir der würden gewar,
dem wolt wir geben silbr unt golt,
nnde im immer wesen bolt,
daz wir salben sin wunden,
85. die noch sint unrerpunden.
wan, ich bUn ein altsprocben wort
Ten minen eitern dicke gehdrt,
daz si diu triuwe meiste,
die man nach t6de leiste.
') Yers 54^59 bei Mona 1, 15. 24.
^ YwB 60, 61 auch Fandgraben 2. 322, 26. 27:
') Vers 60—63, ebenso Fnndgraben 2, 273. 23—26.
*) Vers 66—71, bei Hone 1, 16. 37.
*) Ym 72. 73 ; TgL Fundgruben 2, 273, 29. 30.
19 ^
292 KARL BARTSCH
90. was uns liep'der lip sin,
sd tao wirz nach sim töde schin. *}
wir wellen gen ror dem tage
hine zuo sinem grabe ^)
und heilen im die wunden sin,
95. obe er dar an lidet pin.
Et sie accedunt versus sepulchrum. Maria Magdalena canit Tel
Chorus 'Maria Magdalena et alia Maria' etc. — 3. facimus. 6. högster.
9. schmerczen. 10. an vnserm h. 15. nit wissen, nun : thun. 17. haben.
25. an schauwen. 28. haben. 37. pulsat. 40. quam. 45. lassen. 51. gancz
leidt. 52. wir wein. 53. Den er thw vns seiner. 61, an einen h. 63. drey.
69. diligimus. 72. Liebe s. allenthalben. 73, zw k. edle vnd trewre. 74. da
mit wir s. 75. all frewt. 76. leidet an sein wunden s. 77. das sol vns
betrüben. 78. darumb wel wir nit lenger betagen. 79. vnd wellen nach der
edlen s. 80. geweysen. 81. der zw käuffen w. 83, alczeit. 84. möchtin
salben. 86. altt gesprochen. 87. oft. 88. das das sey die trew aller meist
89. nach dem. 90. ist vns lieb gewesen. 91. wirs auch nach seins todes.
Die nun folgende Scene zwischen dem Medicus , seinem Diener Babeio
und den Frauen hat einen ernsteren Charakter als gewöhnlich in den Oster-
.spielen. Es fehlen die derben Witze und unflätigen Scherze die in dieser
Scene beliebt sind. Überhaupt zeigt der Verfasser des Schauspiels wenig
Talent zum Witz. Die kölnischen Scenen sind bei ihm selten und die Witze
mager (253 — 261). Die Frauen kommen zum Grabe: die Engel fragen wen
sie suchen und tragen ihnen auf den Jüngern die Auferstehung zu verkündea ')
Magdalena bleibt: die andern gehen singend 'Jesu nostra redempcio'. *) Mag-
dalena singt
Cum venissem yngere mortuum,
monumentum inveni yacuum,
hew nescio recte discemere
Tbl possum magistrum q^rere. ^
5. Ich kam ze salben
Jesum den tdten man: ^)
däz grap daz was laere.
ein engel seit mir maere:
'du solt Wesen frd,
10. sag sinen jungern und Petr6 ,
daz er si erstanden
von des tddes panden . '')
0 Vers 86— 91 in den Fundgruben 2. 273, 31—27(4, 3. — ebenso Fundgr,2,828,3— 9.
*) Vers 92, 93 auch in den Fundgruben 2, 273, 27. 28.
*) Viel wörtliche Übereinstimmung mit Fundgruben 2, 274.
«) Vgl. Mono 2, 349.
•) Mone 1, 16. 25.
•) Vgl Fundgruben 2, 326, 1—6.
*) Vgl. Pichler S. 151. Fundgruben 2, 275. 324.
ÜBER EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 15. JAHRHUNDERTS. 293
£n lapis yere est depositus,
qui fiierat in Signum positns :
15. munierat locnm militibus,
locus racat eis absentibus. ^)
5. der Reim fehlt, vielleicht 'dö ich ze salbenne quam'. 7. grab was.
8. sagt. 15. mnnerat — Christas, als Gärtner, sagt zo Magdalena, es
schicke sich nicht fiir Fraaen so früh herumzulaufen , sie zertrete ihm das
Gras, er werde sie schlagen. ^)
Maria singt
Dolor crescit, tremunt preoordia
de magistri (cari) absenoia,
qui saluauit me plenam yicijs,
pulsis a me septem demongs. *)
Endlich erkennt sie ihn. Saluator singt
Prima qnidem suffiragia
sola tulit oamalia,
exhibendo conriTia
super naturam duuiam. ^
und
dann
Heo priori dissimilis
iam est incorruptibilis ,
que tunc fuit passibilis,
jam non erit solubilis. ^
Ergo noli me tangere,
nee yltra Teils plangere,
quem mox in puro sidere
cemes (Es. cemens) ad patrem scandere. ^)
Christas trägt ihr auf es den Jüngern mitzotheilen, 'et sie Saluator
recedit a Maria Magdalena in locum suum , donec Maria canit obuiantibus
duobns apostolis scilicet Petro et Joanne'. Sie singt den ersten Vers des
'Victime paschalis' ^), dann 'Agnus redemit oves', zu deutsch
*) Honel, 16.26.
*) Einzelne Yene stimmen wörtlich mit Pichler S. 152 , namentlich mit Fundgruben 2,
276, 6—8, iro in unserer Hs. steht
es ist nit frummer franen recht
das sy laoffen als die kneeht
als frw in disem g;arten
recht ob sy des krawcz wolten warten.
Ebenso Fundgruben 2, 326.
*) Bei Mone 1, 16. 25.
*) Diese Tier Verse bei Pichler S. 39, im vierten Verse 'super natura nimiii? ; bei Hone
M7 y. 3 communia» 4 super natnr» omnia.
*) Bei Pichler S. 40. Mone 1, 18.
*) Bei Pichler S. 40. Mone 1, 18.
') Vgl. Pichler S.40.
294 ' KARL BABTSCH
Christas daz dsterlembelin
hat uns erlöst von aller pin
und h^t versuont den alten zorn,
dar umb wir alle waern verlorn.
5. nu fröut iuch alle mit mir
in rehter götHcher gir.
1. osterleblein. 6. lieb vn begir. — Petrus und Johannes laufen um die
Wette nach dem Grabe um ein Paar neue Schuhe und ein Schwert. Petrus
fallt und beklagt sich: um sich zu entschädigen trinkt er Johanties den Wein
aus (261 -—273). *) Auf den Rath des Engels gehen sie nach Galilea, wo
Christus bei gescblossnen'Tiiüren erscheint. Thomas, der nicht zugegen
gewesen 9 erfährt von Magdalena was geschehen und ist ungläubig. Den
Ungläubigen überzeugt Jesus und sclilicrßt mit /Selig sind die glauben uüd
nicht sehen'. * ♦ . • ; . * • ..
Conclusor concludit totalitter.
Nun hört ir herrn all geleich,
beyde junck alt arm ynd" reich,
all die in andacht sindt kummen her,
die loben got mit ganczer beger,
ynd danckt im des bittem leiden sein ,
auch der grossen marter vnd pein,
die er für tus gelitten hat
* ymb aller menschen missetat.
wo sindt nun die Juden mit irer list,
da von das grab versygelt-ist?
wo sindt nun irre gewappnet man,
die des grabs gehüetet han?
die sindt all überwunden gewaltigkliohen
Tnd mit schantten Yon de grab gewichen
wir sollen vns nun firawen alle
so gar mit fVeiden reichem schalle, .
das Jhesus ist erstanden
. von des pittem todes panden.
nun mag wol f¥awen ynd auch man
firölich Yon dem marck heim gan
vnd mügen essen mosanczen vnd fladen
ynd sich erhellen ires schaden,
ich yerman euch das ir euch solt erbarmen
vber die schuler yil armen,
teylt in ewr fladen auch mit
vnd gebt in yon den mosanczen* grosse schnitt»
wan sj weiten auch gern fladen packen ,
, ' so hat in der hundt gefressen den quarg mit dem sacke.
*) Vgl. die ganz ähnliche Scene bei Pichler S. 165 ff. Fundgruben 2, 334. Hier wetten
sie um ein Pferd.
CBEB ein geistliches SCHAUSPIEL DES 15. JAHRHUNDERTS. 295
gebt in auch tod den sohultern pein
grosse stuck vnd nicht zw klein,
so wellend sy frolich syngen durch alle lande
'Crist ist derstanden. *)
Et sie (fit?) tota processio tocius ladi. (274—280).
Ich habe hauptsächlich diejenigen Stellen mitgetheilt, in detien der Be-
arbeiter dieses Schauspiels ältere Stücke und Lieder benutzt hat. Am we-
nigsten lässt sich eine solche Entlehnung bei dem ersten Theile, dem ersten
Tage, zeigen: hier scheint der Bearbeiter am selbständigsten verfahren
zu sein. Am stärksten stelltp sich Benutzung und Reminiscenz im dritten
Tlieile dar. X)ie beim Texte gegebenen Verweisungen zeigen dieft.
Aber nicht immer lässt sich was älter scheint durch vorhandene Zeugnisse
belegen: unschwer jedoch sind solche Abschnitte von der übrigen Sprache
nod vom Reimgebrauche des Stückes zu unterscheiden. Einige treu beibe-
haltene Abschnitte , namentlich aus dem ersten Theile, werden die Sprache
and Reimweise des Bearbeiters genügend zeigen : es ist die rohe verwilderte
Art des fünfzehnten Jahrhunderts , gegen welche die dazwischen gestreuten
älteren Stellen merkwürdig abstechen. Eine vollständige Darstellung des
Sprachlichen zu geben würde hier zu weit führen. Der Fundort der Hand-
schrift ist Eger: häufige Spuren in der Sprache weisen auch auf diese Gegend
oder das benachbarte Thüringen als die Heimath des Bearbeiters hin. Seine
Zeit dürfen wir nicht früher als das Alter der -Handschrift setzen, die dem
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts angehört Die älteren Bestandtheäe des
Schauspieles stammen ans verschiedenen Zeiten. Am ältesten ist die Ma-
rienklage, die in den dritten Theil aufgenommen ist. Die Klage Lucifers
'owe owe ach nnd owe' (S. 268) stammt aus dem vierzehnten Jahrhundert
und ist in Oberdeutschland verfasst. Von dem Liede der anbetenden Hirten
'ein kindelin sölobelich' (S.272) ist nur der Anfang erhalten: es gehört aber
wohl wie die meisten deutschen Gesänge dieses Schauspiels noch ins 13. Jahr-
hundert. In der Scene mit Msu*ia Magdalena (S. 274) ist das alte Lied,
welches Magdalena singt und das dem 13. Jahrhundert angehört (Fund-
gruben 2, 247) nicht aufgenommen, so wie auch die Scene mit dem mercator
fehlt. Lezteres wäre aus der Abneigung des Bearbeiters gegen komische
Folksthümliche Scenen zu erklären, aus derselben Abneigung, die ihn die sonst
breit ausgeführte Krämerscene (S. 292) verkürzen liefi. In der von mir mit-
getheilten Fassung rührt die Scene vom Bearbeiter her, der vielleicht die
ältere Fassung gar nicht kannte, wenn nicht absichtlich unterdrückte. Die
Klage des Judas (S. 278) 1 — 20 gehört dem vierzehnten Jahrhundert an:
ebenso die Zwischenrede des Engels (S. 278) 1 — 16, die Scene zwischen der
Pilatissa und ihrer Dienerin (S. 279) 1—24 und die Schlußrede des
*) Siehe Fimdgioben 2, <
296 KABL BARTSCH, OBEB EIN GEISTLICHES SCHAUSPIEL DES 15. JAHBH.
zweiten Tages (S. 280) 1 — ^34: alle diese Abschnitte stammen ans einer
in Oberdeutschland verfassten Quelle. Im dritten Theile gehört der größere
Theil der älteren Abschnitte zu der vielfach zerrissenen und mit jungem Be-
standtheilen durchwobenen Marienklage des dreizehnten Jahrhunderts. Zu
dieser gehört (S.281) 'owe des ganges den ich ge' vier Zeilen; der verkürzte
Infinitiv 'geste ( : ich ge)' weist nicht auf Thüringen, sondern der Reim ist zu
bessern in *ich gen : gesterf, wie Fundgruben 2, 281 steht. Die folgenden
Verse der Marienklage (S. 281) 1 — 18 sind ebenfalls noch aus dem dreizehn-
ten Jahrhundert, aber sie gehören nicht zu den vier eben besprochenen, son-
dern weisen auf ein thüringisches Schauspiel. * Vers 2. 3 ist zu bessern in
'jämerlicher tac ; dunreslac*. Die Reime 'wort : gehört' 4. 5, 'slage : klage'
(Infin.) 13. 14, 'hän : hän' (= haben) 17. 18 weisen auf Mitteldeutschland.
Auch Symons Klage (S. 282) 'ach meins grossen herzen leidt' gehört zu die-
sem thüringischen Schauspiel: der Reim 'frost : lost (= lust)' ist mittel-
deutsch. Zu der oberdeutschen Marienklage zu der die vier Verse auf
^S. 281 zu zählen sind, gehören auch die Verse 1 — 14 (S. 282), die sich
daran schließenden 15—20 scheinen nicht älter als das vierzehnte Jahr-
hundert. Die Verse 1 — 19 (S. 283) 'getriwe man' bis 'meit gepar* ge-
hören wiederum zur altern Marienklage: die dann folgenden 20 — 29 (S.283)
*zeter über dich' bis 'muot hän' gehören zu jenen auf S. 282 (15—20): doch
hat sie der Bearbeiter des fünfzehnten Jahrhunderts vielleicht schon in seiner
Vorlage vereinigt gefunden. Zur oberdeutschen Marienklage gehört wieder
(S.283) Vers30— 35 und Vers 1—14 'groze klage' bis Virdest lut' (S.283)
so wie die vier Zeilen (S. 283) 'Ein swert daz mir geheizen was'; femer
(S. 284) Vers 1—32 We mir^ bis 'himelrich'. Die Reime 'kraft : mäht'
(S. 284) sprechen nicht gegen die oberdeutsche Fassung und Heimath. Die
Rede desCenturio ist, wie weniger der Reim 'sun : tuon' 1. 2 als*Nazaret:het
(== habet, haehet)' 3. 4. zeigt, in Mitteldeutschland geschrieben; aber noch
im dreizehnten Jahrhundert. Wahrscheinlich gehörte sie zu demselben thü-
ringischen Schauspiel, aus dem oben schon ein Stück benutzt ward. Dazn
würde auch der Reim 'gemäht : bedäht' stimmen 27. 28, aber ich zweifle, ob
die Rede des Servus ursprünglich dazu gehörte. Die Verse 1 — 24 (S.286)
gehören wieder zur oberdeutschen Marienklage; aber der Bearbeiter hatte
zwei Schauspiele vor sich, die beide die Marienklage enthielten, daher die
Wiederholung von Vers 9—12. Die Scene mit Longinus ist ungefähr gleich-
altrig mit Lucifers Klage im ersten Theile, aber das eingestreute Lieder-
fragment (S. 286) 'Zabulon' gewiss älter. Es ist ebenso alt wie die Marien-
klage, zu der wieder Vers 1—34 (S. 286) gehören. Dagegen scheint
die Marienklage (S. 287) Vers 1 — 24 nicht ein Theil dieser altern zu sein,
sondern eine im vierzehnten Jahrhundert gemachte Überarbeitung, wie auch
die Scene mit Longinus , aus der nur das Liederbruchstück alt ist Vers
25 — 47 gehören wieder zu der oberdeutschen Marienklage des dreizehnten
J
FRANZ STARK, OBER GEBMANISCHE PERSONENNAMEN. 297
Jahrhunderts. Aach die Aaferstehnngscene ist vielleicht noch ans dieser
Zeit, spätestens ans dem vierzehnten Jahrhundert. Ganz gewiss alt ist die
Scene am Grabe und im Garten (S. 289 — 292) Vers 1—95, und zwar weisen
die Reime 'nnrttf (infin.) 15, 16, Hnnrsun' 27—28, Vort: gehört' 86. 87
auf Mitteldeutschland und speciell auf Thüringen. Dieser Abschnitt stammt
also wahrscheinlich ans derselben Quelle, ans der ein Theil der Marienklage
(S. 281. 182) und die Scene des Centurio genommen ist. Auch S. 292,
Vers 1 — 16 gehört zu dieser Scene.
ROSTOCK.
ÜBEK GERMANISCHE PERSONENNAMEN.
6.
In der Yöluspä 13 findet sich unter den vielen Zwergennamen auch
Frmgr^ und es unterliegt keinem Bedenken ihn durch altn. frcegr clams,
celeber, nomine notus, das ^xAfrega fragen zurückzuführen ist , zu erklären.
Die gleiche Bedeutung (clarus, notus) bietet ags. gefrcege, frdgerdic, alts.
gifrägi.
Hieher, und nicht mit Förstemann S. 410 zu altn. /rafcfcz Held und yrccfew
muthig, tapfer, stelle ich auch die ahd. Personennamen
Fragibert Goldast, rer. Alem. scr. IL 114, a.
Fragenger a. 840 Gudenus. *)
Dragantis, zu schließen aus Fragani villa a. 1080 Oart. mon. S. Petri
Camot. I, S. 196 c. 69.
Zwar begegnet ahd. fräga^ fräha nur in der Bedeutung quaestio, inqui-
sitio, doch lässt sich füglich annehmen, daß es, wie altn. fregn f., auch rumor,
fama bedeutete nnd in diesem Sinne in Namen verwendet wnrde.
Auch Fraigherua a. 791 Cod. Lauresh. (Ed. Teg.) U, 432 mag hier
genannt werden, und fraig-^ wie Aa/r- statt hari- im Polypt Irm.,
gleich /ra^- aufzufassen sein (Grimm, Gesch. der d. Spr. 639). Die Fort-
dauer des goth. ai von fraihrum anzunehmen scheint mir uqgerechtfertigt.
An wenigsten lässt sich an einen Stamm fraig^ wie F. will, denken, und wird
das S. 41 1 dahin gestellte Freigin sec. 9 Vrbrdrgsb. v. St. Peter 36, 4 auf
die Stämme frei (Jri) und gin zurückzuführen sein. Den letzten Stamm
zeigen im Auslaute auch Bxldeginas und Waltgina Polypt. Irm. 75, 40. 85, 31;
anlautend erscheint er in Namen öfter.
0 Idi konnte den Namen im cod. diplom. nicht finden und eitlere nach Förstemann.
298 FRANZ STAEK
Ferner schließen sich hier an
Frahamot (maneip.) a. 792 Schann. Cod. tr. Fuld. nr. 100. JVo-
hamuot 819 Schann. nr. 313 (Dronke nr. 388 Frahcmof)
Firahmu f. a. 842 Dronke nr. 547 (Cod. tr. Fald),
und, wenn richtig gelesen,
Frahpaid a. 786 Dronke nr. 86, denn Schannat nr. 78 liest iVrofe-
bald.
Zwar fasst J. Grimm (Zeitschr. f. vergl. Sprachf. 1, 431) JVaAnm gleich
Ferahniu auf, und stellt Förstemann S. 404 hierauf gestützt die genannten
Namen zu dem Stamme ferah; allein die zu Grunde liegende Annahme daS
das unorganisch eingeschobene a auf Kosten des organischen Stammvokals
^bei einer Verkürzung des Wortes f^ah sich erhalten sollte, scheint mir be-
denklich, besonders für eine Zeit, in der dieses Wort sein volles Verständ-
niss noch bewahrt hatte, für das achte und neunte Jahrhundert, wohin jene
Namen gehören. Diese erklären sich viel ungezwungener durch ahd. fräha,
fraga Graff 3, 815) in der oben angenommenen Bedeutung.
Der Name des Sarmatischen ünterkönigs Fragiledua a. 358 Amm.
Marc.ell. 1. 17 c. 12, 11 mag Erwähnung finden, weil zufolge der germa-
nischen Namen Ansleth a. 855 Lacombl. nr. 65, Berthlede (abl.) f. sec. 9.
Wgd. tr. Corb. S. 24, 93, Hildilet sec. 9 Falke S. 38, 18 u. a., auch ein
germanischer Name Fragilet möglich ist.
Für einen Stamm /ra<i in Personennamen, obwohl bisher nirgends nach-
gewiesen, sprechen unzweifelhaft
Argefrado (judex) a. 873. Mab. de re dipl. S. 396, 3.
FradoMs f. Polypt. Irm. 266, 152.
Ob der Beiname Fradello iAudvlfo quem F. vocitaiur) a. 796 Lupi cod.
dipl. Berg. I, 606 und Fratellus (ep. Camerin.) a. 844 Bouquet VII, 324. d
hier geltend gemacht werden können, ist zweifelhaft, doch dürfte Fradinus,
auch Fratirms, der Name eines gelehrten Dominikaners aus Florenz im sech-
zehnten Jahrhundert (Echard bibl. Dominic. I, 2, 203) kaum zurückzu-
weisen sein.
Zur Erklärung der gegebenen Namen kann ahd. vradi efficatio, strenai-
tas, ahd. vrader, mhd. vrat strenuus, efficax (Gramm 2 nr. 85 u. Anm. —
Grafif 3, 819 fg. — Diefb. 1, 394) herbeigezogen werden. Minder geeignet
erscheint mir ahd. /rat, mhd. vrat saucius.
Auch in Fradmarr — Sohn des Königs Dagr und der Heldenmutter
P&ra (Hyndluljod 18), wird der Anlaut kaum anders gedeutet werden können
als in Fradohis, doch kann ich altn. /radr nicht nachweisen.
Frado a. 744 Dronke cod. dipl. Fuld. nr. 46 ist nicht zu berücksichtigen,
da dieser Name sicher verschrieben ist furiZarfo (= Radolf). Vgl. Dronkenr. 51.
Ober gebmakische pebsonennahen. 299
' 8.
Die germanischen Pei'sonennamen
Frigohert a. 670 Pardessus nr. 361.
Frigeder a. 853 Honth. bist. Trevir. nr. 87.
Frigeridua (Rom. Feldherr g. die Gothen) sec. 4. Amm. Marceil.
31, 7, 3.
Frigueho *) a. 866 Dronke Cod. tr. Fuld. 589 (Schann. 499 Frigeho)
werden bei Förstemann S. 420 einem Stamme /n^ zugewiesen, zugleich aber
Namen beigesellt, die mit abd./rcrÄ avarus, avidüs; abrogans, mhd.vreÄaud-
ax komponiert sind. Da dieses Adjectiv bekanntlich auf goth. ffiks (faihu^
friha nXeovBxnjg geldgierig) zurückweist, so ist die Annahme eines Stammes
fing für Namen wie Frifhholf a. 817 Kausler nr. 79 u. a. eben so unstatthaft
wie die Vermengung der mit freh und frig gebildeten Namen. Die Ver-
wandtschaft dieser Stämme rechtfertigt keineswegs ein Verfahren , ' das die
Lautgesetze völlig unbeachtet lässt, die mit /W^ gebildeten Namen sind viel-
mehr zu sondern und dem Etymon ahd./r?, goth, freie (Jrija, frijata) frei,
frijei Freiheit .zuzuweisen. Das in obigen Namen hervortretende g des ersten
Stammes treffen wir nicht nur in ag. frig (Jrio, freo, freah, freoh), auch im
Althochdeutschen wird es nachgewiesen von Graff 3, 787: frige hirut ir
T. 93, friger n. s. ro. K. 2 und frige T. 131. H. 10., und neben Fritac wird
(Myth. 278 fg.) auch Frigetac verzeichnet.
Zur Erweiterung obiger Namenreihe füge ich noch bei
Friga (Ahnherr der Franken) Greg. Tur. Hist. Fr. epit. per Frede-
gar, (edit Ruinars) pg. 548, c.
Frigue (idem) Monum. Germ. X, 326, 26 (Hist. Fr. epit. c. 2).
Frigeus (beneßcium Frigei) Polypt. Irm. 84, 48. 93, 121. 94, 130.
FVigidvs ') {Bauduinua Frigidus) a. 1141 Miraeus, Opera dipl. et
hist. I. pg. 691, a. c. 82.
Frigbod, zu schließen aus Frigbodesdorph a. 774 Cod. Lauresh.
pg. 26, 11.
Frigigat *) sec. 11. Falke Cod. trad. Corb. Sarachonis registr. etc.
S. 16, 134.
0 Ob Bartvehus Polypt. Rem. 75, 57, Bartveus das. 36, 34. 44, 13 und viele andere
Namen mit gleichem Aaslaate hier wohl yerglichen werden dürfen?
^ Vgl. ffarid Wgd. tr. Corb. pg. 100, 455, Ha/rdidus Polypt. Rem. 56, 121, ffeppid
Wgd. tr. C. pg. 41, 211, Hond das. pg. 82, 373, Kippid das. pg. 38, 195, Tadid da»,
pg. 106» 481, Warid das. pg. 46, 229. 86, 386, auch den Franennamen £müa Pol. Rem. 50,
68 Q. y. a. — Borid aber kann auch gleich ffohrid das. 106, 480 anfgefasst werden , ebenso
World gleich Wohrid pg. 83. 374, und es ist nicht unwahrscheinlich, da0 hier nur eine yer-
schiedene Schreibart des Namens einer und derselben Person Torliegt.
») Vgl. Badagad Wgd. tr. Corb. pg. 29, 125, Egilgat sec. 11 Falke pg. 10. 148, Piligat
f. sec. 9 Verbrüdrgsb. ▼. St. Peter 40, 25, wenn nicht Terschrieben statt Piligiwt 56, 22. 97, 16.
HrotgfuU Wgd. tr. C. pg. 53, 254, Wandalgat a. 977 Marini, i papiri dipl. nr. 104. n. a.
300 ' FRANZ STARK
Frigeridua (Ggthischer Geschichtschreiber des 5. od. 6. Jahrh.)
Greg. Tur. 2, 8 und
Berfrigua (presb.) a. 954 Perard pg. 166.
9.
Förstemann hat S. 1064 die Namen Sahho (manc.) sec. 10. MeicMb.
nr. 1036, Sahmarsk. 809 Ried nr. 14 u. a., in deren Anlaut ahd. /acAa, causa,
negotium, res , pugna, certamen zu erkennen ist, zusammengestellt mit
Sagildia Polypt. Rem. 61, 17.
Saginbuddua a. 874 Lupi cod. dipl. I, 862.
Sagintruda a. 902 Muratori, nov. thes. vet. inscr. IV. 1885, 6.
Saghinaamnua a. 768 Schöpf lin, Alsat/dipl. nr. 36. *)
Sagcmhartsk. 773 Schann. Cod. tr. Fuld. nr. 40 (Dronke nr. 43 liest
GagarJiarf).
und sie alle dem gemeinsamen Stamme aac untergeordnet.
Da0 diese beiden Namengruppen aus einander zu halten seien, springt
in die Augen, und es wird bei der letzteren ein Stamm /ag nicht zurückza-
weisen sein. Nicht ungeeignet dürfte es scheinen hierbei an ahd. /a^a sermo,
ratio, doctrina (Graff6, 105 fg.) zu denken, oder a.n8aga, Wuotans Tochter.
Gleich der Muse, Zeus Tochter, unterrichtet sie die Menschen in jener gött-
lichen Kunst, die Wuotan selbst erfunden hatte, und dieser kommt täglich za
ihr nach Sökquabeckr, wo kalte Wogen rauschen, mit ihr froh zu trinken der
Unsterblichkeit, zugleich der Dichtkunst Trank aus goldenen Schalen (Myth.
287, 863). Das Anlehnen der alten Eigennamen an religiöse Vorstellungen,
ja die Entwicklung und Bildung vieler aus diesen kann nicht befremden bei
einem Volke, dessen religiöse Begriffe und Anschauungen eng verknüpft und
gesättigt sind mit dem Leben und Wirken göttlicher Wesen , in denen die
ewigen Mächte der Natur, aber auch des menschlichen Geistes lebendig ver-
körpert sind. Nichts desto weniger will ich von dem mythischen Zusammen-
hange hier absehen und verweise ich lieber auf ahd. /aga, ags. sage, altn.
eög, serra, Säge, gewiss, wie ags. sägen, einst auch in der Bedeutung gladios
üblich.
Obigen Namen gesellen sich noch bei
Sagevardua Polypt Irm. 177, 94.
Sagato (et Eagrarmus ßii Lauvim dicti PilatU) a. 1275 Miraeus
m, c. 156 pg. 129, a.
Sagcdo (Signum Sagdlonis Huguedin) a. 1181 Miraeus IV,
pg. 213, b.
^) Dieser Name kann ans Soffhinrcmnus verderbt, aber auch in obiger Foim
richtig sein.
Ober gebmanische pebsoneknamen. 301
10.
Der Name Beptila — so hieß ein Enkel des Gepidenkönigs Cfhunimwid
(sea 6. [J. Biclar.] Espan. sagr. VI, 385) — ist bis jetzt nirgends erklärt
worden, ich will daher den Versuch wagen ihn unserem Verständniss näher
zn bringen.
Bekanntlich begann der Umlaut sich zu entwickeln bereits im sechsten
Jahrhundert. Dieser Zeit gehört der Name Beptila ^ und sein e wird kaum
anders denn als Umlaut eines a zu fassen sein. Ob eine gothische Form ,
Raftila vermuthet werden darf, mag dahin gestellt bleiben, als Etymon aber
darf dann vielleicht altn. raftr sudes, tignum, ags. rüfter, tignnm, anses an-
genommen werden. Ahd. rap fustis , dem das ableitende t der nordischen
Worte fehlt, wird wohl hieher gehören. In Namen verwendet mnft dieses
Etymon eine Waffe bezeichnet haben.
Obiger Name war bisher aber nicht nur unerklärt, er stand auch ganz
vereinzelt, denn kein anderer Name, aus gleichem Stamme gebildet, ist be-
kannt geworden. Darf als solcher vielleicht Raptardus a. 832 Marca Hisp.
Dr. 5 angesehen werden? Zwar könnte, unter Einweisung auf nicht wenige
Beispiele, t als unorganisch eingefugt betrachtet werden, aliein in den Namen
der Marca Hisp. begegnet man diesem unorganischen Linguallaut äußerst
selten , und es ist kein weiterer Grund vorhanden in Raptardus den Stamm
rapt abzulehnen.
11.
Ohne Erklärung sind bisher geblieben auch die Namen
Nerbo a. 812 Schann. Cod. tr. Fuld. nr, 237 u. Tr. Wizeb. nr. 182,
a. 857 Schann. nr. 482 (Dronke nr. 567),
Neribo a. 886 Schann. Cod- prob. bist. Fuld. (Necrol. Fuld.)
pg.470.
NerUng a. 812 Trad. Wizeb. nr. 182. — 842 Schann. nr.464. —
853 das. nr. 475.
Förstemann trägt sogar Bedenken an ihrer Deutschheit. Ich zögere
nicht sie als Landeskinder anzuerkennen und glaube in altn. Na^rfi — so heißt
Loki's Sohn, den die Äsen in einen Wolf, altn. narvi^ verwandelt haben
(Oegisdrekka 65) — ihnen einen Bruder zuzuweisen. Derselbe Name zeigt
»ich noch a. 1290 bei Langebeck 3, 119 und verhält sich zu ^h^. Nerbo wie
altn. arfi zu ahd erbo, mit Neribo ist Aribo sec. 11. Mon. boicä IV, 368,
Eribo a. Uli Dronke, Cod trad. Fuld. nr. 771 zu vergleichen.
In Lupi cod. dipl. II, 1261 c. a. 1168 begegnet die Form Nervus.
auch dafür fehlt ein Analogen nicht: Mon. Gerin. VI, 778, 56 heißt
es a. 1020 ^Aribo vulgo dictus Aervo"^. Zeile 57 steht Ervo ge-
schrieben.
302 FRANZ STARK
12.
Ich kann Förstemann nicht beistimmen , wenn er S. 448 in dem Per-
sonennamen Funtan Goldast II, 100, a ^den n^rtürlichsten Namen eines
Findelkindes" sieht. Gegen eine solche Erklärung streitet der allgemeine
Charakter der aus dem germanischen Alterthum uns überlieferten Eigen-
namen und vielleicht auch die Form Funteianua a. a. 0. 115, a, die, wenn
nicht Fmdecan 0 zu lesen ist, auffordert eine mehr befriedigende Erklärung
zu suchen.
Daß von dem Substantiv vunty funt Fund, das ich aus ahd. Zeit freilich
nicht nachweisen kann, auszugehen sei, hat für mich die größte Wahrschein-
lichkeit, und fraglich erscheint mir nur die in dem Namen verwendete
'Bedeutung. Bis jetzt ist vunt aus mhd. Schriften, aber aach nur aus
diesen, bekannt, und bezeichnet es dort Fund, Erfindung, Kunstgriff (Mhd.
W.B. 3, 320, b.). Mit letzterer Bedeutung verbindet sich leicht der Begriff
von List und Schlauheit — Eigenschaften, die in der Schlacht oder im Kampf
mit den Thieren des Waldes bei unseren Vätern gewiss hoch angeschlagen
wurden und daher in ehrenden Namen gern ihren Ausdruck finden mochten.
In solcher Auffassung steht dieses Wort parallel mit ahd. ^Zaw, goih. glaggim
perspicax , intentus, ingeniosus in den Namen Olauperaht a. 823 Scbann.
Cod. tr. Fuld. nr. 332, Olaumunt a. 791 das. nr. 98 (mancip.) u. a.
Aber noch eine andere Deutung des altd. vunt ist zulässig. Daß all-
gemeine Begriffe sich verengen und nahe Beziehungen auf specielle Lebens-
äußerungen gewinnen , die den Geist eines Volkes wesentlich kennzeichnen,
ist eine Erfahrung , die tiefere Sprachforschung in reichem Maße darbietet.
Es wird daher die auf den gemutjimassten Übergang des Begriffes sich finden,
zusammentreffen (im feindlichen Sinne) in den vori kämpfen , sich schlagen
gestützte Annahme, daß vunt auch Kampf, Schlacht bedeutete, kaum einen
Anstoß erregen, unddieß um so weniger, da altn. /wwdr, eigentlich conventns,
auch pugna bedeutet (Altd. W. 2, 99). Begriffsübergänge dieser Art sind
aber nicht nur unselten, sondern auch sehr alt. Sanskrit Samara pugna,
bellum, gebildet aus der Wurzel riire mit dem Präfix sam cum und dem
Suffix a, ^) steht ganz parallel dem altn. fundr conventus, piigna.
Doch ich kann nicht schließen ohne der Namen
Vuntbert Polypt. Irm. 23, B und
Vwndram a. 793 Scbann. (Necr. F.) Cod. prob. bist. Fuld. S. 465
nr. 288 und S. 466 a. 853
zu gedenken. Förstemann reiht sie zwar S. 1359 den mit wonai — einer
Erweiterung des Stammes vun — komponierten Namen an und erklärt sie
*) Vgl. Findiean Gold. II, 99, a und auch Feleem (Noiman. dux) a. 931 Bouqnet VIIL
187, d (Chron. Frodoardi).
') Bopp, gloss. 369, a.
J
Ober germanische Personennamen. 303
darch ahd. wutma Wonne, allein wozu solche Ereaz- und Qaergänge^ wenn
man aaf geradem Wege znm Ziele gelangen kann? Was hindert das vorge-
schlagene Etymon vunt, auch in diesen Namen anzuerkennen?
Aüch den Auslaut des Namens Mrbuunmd sec. 8 Cod. Lauresh. nr. 198
fasst Förstemann in der eben bezeichneten Weise auf, doch darüber m der
folgenden Nummer.
13.
Förstemann's eben erwähnte Auffassung des Auslautes in Erbuwund
sec. 8. Cod. Lauresh. nr. 198 bedarf keiner Widerlegung; es wird genügen
ihr gegenüber auf ahd. wunta, uunta vulnus, plaga (Graff 1, 896 fg.) als
Etymon einfach zu verweisen. Auch die Namen Vuntbert und Vundram
finden vielleicht hier eine geeignetere Erklärung als durch das Etymon der
vorhergehenden Nummer; wenigstens hat der Stamm munt formell nicht ge-
ringere Anspräche an sie als der Stamm ßint (vmU), Oder sollte seine Ver-
wendung in Personennamen der Bedeutung wegen beanstandet werden ? Dieß
geschähe bei Namen eines tapferen, kriegliebenden Volkes — und ein
solches waren doch unsere Väter — r gewiss mit Unrecht. Und welcher
Name wäre für einen kühnen, kampferprobten Helden treffender und zugleich
ehrenvoller als etwa Vuntbert, der durch Wunden Glänzende, Berühmte?
14.
In einer Berliner Handschrift des zehnten Jahrhunderts , Haymo comm.
in ep. Pauli ad Rom., ist nach Förstemann*s Angabe S. 1118 der Frauenname
SpotMld verzeichnet. Die beigegebene Erklärung des Anlautes durch ahd.
spät jocus, ludibrium könnte beinahe als Spott gegen unbedachte Namener-
klärungen angesehen werden. Sollte denn nicht ahd. spöt, spuot, spuat
f. prosperitas , celeritas (Graff 6, 318) für das Verständniss jenes Namens
zweckdienlicher sein? Das mhd. spothüt (Eschenburgs Denkm. 405), das
nur ein Witzwort ist, hätte Förstemann nicht irre fuhren sollen.
Auch der Name Diuolfpot Verbrüdrgsb. v. St. Peter 40, 5 wird durch
ahd. spot erklärt werden können. Vgl. Tiufelbolt sec. 12 Schannat Vindem.
pg. 50 nr. 27.
An SpSthild sich anschließend seien noch genannt
Spodo a. 1239 Bauer, Urkundenb. des Klosters Arnsb. S. 18
nr. 28 und
SpStmer, zu schließen aus Spötmeri villa c. a. 954 Cod. dipl. mon.
S. Petri Camot. I, pg. 52.
WIEN. FRANZ STARK.
304 KABL BARTSCH
ZU HEINRICH VON MORÜNGEN.
^Za den zwei bisher bekannten Dichtern des zwölften Jahrhnnderts, die
provenzalische Lieder nachgebildet haben , Rudolf von Fenis und Friedrich
von Hausen, gesellt sich nun ein dritter, dessen Lieder schon durch ihren
Strophenbau romanischen Einfluß verrathen. In einem Liede Heinrichs von
Morungen ist nicht nur der Inhalt; sondern auch die Form eines provenza-
lischen Liedes benutzt, welches sich in der florentinischen Handschrift plut.
41. 42 findet und von welchem ich eine Abschrift aus den S. Palayeschen
Manuscripten der Arsenalbibliothek zu Paris genommen habe. Das Lied trägt
keinen Namen : es möchte schwer sein bei dem allgemeinen Charakter der-
selben ihm einen bestimmten Verfasser zuzuweisen. Die Nachbildung Hein-
richs von Morungen (des Minnesangs Frühling 145, 1 — 32) hat vier Strophen,
von denen die erste und dritte mit dem provenzalischen Originale stimmen.
Dagegen ist die zweite und vierte des Morungers in der mir vorliegenden
provenzalischen Recension nicht vorhanden. Dieselbe hat dafür außer
einem Geleite am Schluß eine Strophe , di^ in dem deutschen Liede fehlt
Dreistrophige Lieder sind bei den Troubadours verhältnissmäsig selten, auch
vierstrophige begegnen bei deutschen Liederdichtern nicht häufig. Wir dürfen
also annnehmen , daß weder die deutsche , noch die provenzalische Über-
lieferung vollständig ist, sondern daß jener eine, dieser zwei Strophen fehlen.
Das Geleit, welches bis auf geringe Spuren die deutschen Liederdichter nicht
kennen, wird Heinrich von Morungen weggelassen haben. Die Reimordnong
seines Originals hat der Nachbildner beibehalten , dagegen das Geschlecht
der Reime geändert: wo das Original stumpfe Reime hat, stehen bei Hein-
rich von Morungen klingende und umgekehrt. Eine andere Veränderung
zeigt sich in der zweiten, vierten, fünften und achten Zeile der Strophe.
Diese haben im Original fünf Hebungen, d. h. zehn oder eilf Silben, beim
Morunger sechs Hebungen. Verse von sechs Hebungen kennt die romanische
Poesie bekanntlich mit der Cäsur nach der dritten : aber eine Verbindung
von zehn- und zwölfsilbigen Versen wird kaum bei den Troubadours begegnen.
Andererseits lieben es die deutschen Liederdichter einen klingend gereimten
Vers mit einem stumpf gereimten , der um eine Hebung länger ist, zu ver-
binden : eine Weise, die romanischen Dichtern fremd ist und wie ich ander-
wärts (Germania 2, 277) bemerkt habe, auf ursprünglich deutschem Gefühle
beruht, nach welchem der klingende Reim eine Hebung mehr bildet als der
stumpfe. Diesem Gebrauche gemäß hat wohl Heinrich von Morungen die
Form seines Originales abgeändert. Ich lasse der bequemem Vergleichung
wegen die deutschen und provenzalischen Strophen nach einander folgen.
Den provenzalischen Text gebe ich in der Orthographie, die ich bei meinem
zu HEINRICH VON MORUNGEN. 3O6
Peire Vidal angewendet habe, dem dieser unbekannte Troubadour wenigstens
« gleichzeitig gewesen sein muß.
1. Aissi niave cum al enfan petzt
que dins Fespelh esgarda son vizaige
ei tcLst ades e tan Va aamlhit,
tro que Veapelha sefranh per aon folaJtge ;
adancae pren a piarar aon damnatge:
tot enaissi nCavia enriquit
U8 hele »emblans, quer an de nd partit
U lauzengier per lor fcde vilanoitge.
Ißr^t geschehen als eime kindeUne,
daz atn schoeneg bilde in eime glase gesach
unde greif dar nach stn selbes schtne
s6 vil biz daz ez den Spiegel gar zerbrach :
d6 wart al stn wünne ein lettlich ungemach.
also ddht ich iemerfrd ze sine,
do ich gesach die lieben frouwen mtne,
von der mir bi liebe leides vil gescha>ch,
2. E per so ai eonques gran consirier
e per so tem perdre sa drudaria
et aissomfai chantar per dezirier:
aar la bela tan nCa vencut em lia
que per mos olhs tem que perda la via,
com Narcisi que dedins lo potz cler
vi sa ombra el amet tot enUer
e per foV amor mori cTaiteU guia*
OrSzc angest hän ich des geunmnen,
daz verblichen süle ir mitndeltn s6 rSt
des hän ich vm niuwer klage begunnen,
Sit min herze sich ze siUcher swaere bSt, ^
daa ich durch min ouge schouwe siUche nSty
sam ein kirnt daz vAsheit unversunnen
sinen schoten ersa>ch in einem brunnen
und den minnen muose unz an sinen tot.
So weit die Übereinstimmung: ich will aber auch noch die dritte Strophe
des provenzalischen Liedeb hersetzen, weil ihr vielleicht eine verlorne deutsche
entsprach.
1» 4. M fehlt. B.adone$. 8. |>ar 2o. — 2, 8. m#o um. 2* b. via =: vida.
in. 20
306 ' KARL BABTSCH
3. Be fora de son perdo coheitos ,
car Van de nü fals lauzengiers partida.
deu8 lor do maly ccur aea los enojos
agra gran gaug de leis e gran jauzida.
fnembreus, heia, la dcuss ora grazida
quem fetz haizar vostraa belas faissos :
aissam ten en esperansa jcjos
que nostr amors sia pen* he fenida^
4. A la heia (en ira^, mxL chansos,
e digas li que sai sui de joi bloSj
si nom reve qualsque bona jauzida,
2, 7. der für dar, durch den Reim gesichert, könnte auf französische
Herkunft des Liedes schließen lassen. Aber ebenso findet sich ^{«ra im Reim
beiBemard von Ventadorn, Mahn, Gedichte der Troubadours nr.208. Auch
Raimon Vidal reimt /^r: trobery Raynouard 3, 409. An Bernard von Ven-
tadorn als Dichter zu denken verbietet weniger die Reimform guia 2, 8, die
ziemlich allgemein vorkommt, als die Cäsur nach der fünften Silbe in dem-
selben Verse. *) Denn diese hat Bernard in keinem nachweislich echten
Liede. Auch via für vida 2, 5 im Reime scheint bei ihm nicht vorzukottimen.
Dagegen ist der Reim der ( : entier u. s, w.) in einer andern Beziehung
interessant In meinem Lesebuche (Anmerk. zu 17, 12. 132, 9.) habe ich
bemerkt, daß die Reimsilben er und ier getrennt werden. Zwar schrieb man
im zwölften Jahrhundert noch dezirer u. s. w. für dezirier, aber man band
mcht.dezirer : tener oder Ähnliches. Von Reimen dieser Art ist mir nur
sehr Weniges bekannt. Daude von Pradas (Raynouard 5, 129.) reimt
niersivers; und Bertolome Zorgi, ein Italiäner, en/erienHer (Rayn.4, 459,
wo en/em steht). !Nimmt man hierzu die vemachläßigte Cäsur in 2, 8, so
wie den Fundort der einzigen Hs. des Liedes, so liegt die Vermuthung nahe,
daß der Verfasser ein provenzalisch dichtender Italiäner gewesen sei. Das
wäre das früheste Beispiel.
In anderer Beziehung ist der Kachweis eines provenzalischen Originals
für ein Lied Heinrichs voi^Morungen von Interesse für die deutsche Litteratur.
In meinem Berthold von Holle (S. XXXIII f.) habe ich, durch eine Be-
merkung Haupts angeregt, den Znsammenhang -zwischen dem Grafen Rudolf
und einer gewiss echten Strophe Heinrichs von Momngen weiter verfolgt.
Wenn es wahrscheinlich ist, daß dem Grafen Rudolf wenn auch nicht ein
Büdfranzösisches Gedicht, so doch südfranzösischer Stoff zu Grunde liegt, so
3, 7. aÜ4o WM U, m fehlt. — 4, 2. sttt fehlt.
^) Doch Uele sich leicht durch Unustelliing der Vers herichtigen, e per amar foU mofi
zu HEINRICH VOI| MORÜNGEN. 307
kann der Moranger seine Eeniitniss desselben ebenso gut direkt ans dem
provenzalischen genommen haben, nachdem einmal nachgewiesen ist, daß er
nach provenzalisehen Originalen gedichtet hat. Ein provenzalisches episches
Gedicht , das den Stoff des Grafen Rudolf behandelte , darf er desswegen
noch nicht benutzt, sondern kann die Anspielung ebensogut aus einem pro-
venzalischen Lyriker entlehnt haben, wie seine Kenntniss der Fabel von
Narciss, die, wie Haupt vermuthet (zu 1 45, 23) und wie sich nun aus der
Nachahmung ergibt, nicht aus Ovid stammt.
ROSTOCK, Mai 1858. KARL BARTSCH,
MEISTERGESÄNGE DES XV. JAHRHUNDERTS.
Die Geschichte unsrer Poesie im fünfzehnten Jahrhundert ist unverhält-
ßissmäßig vernachläßigt. Der Stoff ist zerstreut, und wie es scheint nicht
reizend genug, um die Mühe des Sammeins und Ordnens zu belohnen. Den-
noch ist zu wünschen, daß die Lücke ausgefüllt werde. Die Germania könnte
der vermittelnde Sammelplatz werden. Was ich aus den Schätzen der Hei-
delberger Bibliothek mittheile , wird in München, Wien und anderwärts er-
gänzt werden können. Wenn dieS geschieht, so werden die Dichter des
fünfzehnten Jahrhunderts aus ihrem Dunkel hervortreten, und es wird sich
vielleicht finden, daß sie die Beleuchtung ebenso sehr verdienen, als ihre be-
rühmteren Vorgänger und Nachfolger.
Zunächst fasse ich die Meisterschule ins Auge. Wie es mir scheint,
bestand die Schule im fünfzehnten Jahrhundert ebenso vollkommen ausge-
bildet, wie im sechszehnten. Der große und wichtige Unterschied ist aber,
daß die frühern Singer die Kunst als ihren Beruf betrieben, die spätem als
eine fromme Übung und Unterhaltung. Michel Beheim wollte von seiner
Kunst leben, und nur weil er durch die Poesie sein Brod nicht sicher verdienen
konnte, trieb er daneben das Handwerk. Ebenso seine Zeitgenossen. Da-
gegen die Meistersinger des sechszehnt€'n Jahrhunderts waren Handwerker,
die nicht daran dachten, durch etwas andres, als ihr Gewerbe, ihren Lebens-
unterhalt zu verdienen. Die Poesie war für sie eine ehrenvolle Unterhaltung.
Die Schule selbst mit ihren überlieferten Gebräuchen und Einrichtungen be-
stand schon viel früher, ehe die Meistersinger dichtende Handwerker waren.
Dieß lehrt die Poesie des fünfzehnten Jahrhundert«, Ich denke,, diesen Satz
und die Folgerungen,- die sich daraus für die Geschichte der Singschule er-
geben, ausführlich darzulegen; vorerst will ich das noch unbekannte Material
mittheilen.
308 ADOLF HOLTZICANN
Ich entnehme es zunächst ans zwei Handschriften der Heidelberger
Bibliothek 392 und 8o0. Beide sind in Augsburg geschrieben. Der Name
des Besitzers von 392 steht auf dem ersten Blatt, undeutlich geschrieben;
'Wie es scheint „Hanns Didel von Augsburg". Sie ist nicht nur, wie bei
Wilken angegeben ist, zu Anfang und zu Ende unvollständig, sondern es
fehlen auch je ein oder mehrere Blätter nach Fol. 20, 32, 40, 88, 98. Ge-
schrieben ist sie im fünfzehnten Jahrhundert. Einer Überschrift auf Fol. 4r
ist die Jahreszahl 1440 beigeschrieben; und Fol. 63* steht eine Prophezeibang
auf das Jahr 1481 und die folgenden. Also kurz vor 1481 wird die Hand-
schrift geschrieben sein. Die Schrift ist zwar im Ganzen wohl erhalten, aber
die Züge, wie es scheint von einer wenig geübten Hand, können leicbt ver-
wechselt werden.
Im Cod. 680 sind zwei, eigentlich drei ganz verschiedene Handschriften
zusammengebunden. Die zweite von Fol. 73 — 86 enthält Meistergedichte
des sechszehnten Jahrhunderts, und ist ohne Ende; von 87 — 99 ist Prosaisches
angeschlossen. Die erste , die uns hier allein angeht , ist zwar ebenfalls im
sechszehnten Jahrhundert geschrieben, enthält aber ältere Gedichte des fünf-
zehnten Jahrhunderts. Ursprünglich war es eine Sammlung von 21 Gesängen
von Fol. 1 — 32, deren Verzeichniss auf Fol. 1 eingetragen ist. Diese sind
alle von einer Hand geschrieben. Es folgt eine erste Fortsetzung von Blatt
32—41, in der Dinte etwas verschieden, aber von derselben Hand. Die
Hälfte des Blattes 41 ist abgeschnitten, die ältere Zählung der Blätter
zählte es mit; die jüngere übersah es und gab dem 42. Blatt die Zahl 41.
Die Rückseite war frei, und daraufstehen die Worte: 'Item das buch gehert
Mathus Dilbäum, Weber zu Augspurg 1539'. Auch auf Fol. 3 ist auf eine
leere Stelle eingetragen: 'Item da man zalt 1539 jar zochen mayster und
knecht uz, und beten mayster ain fanne undknechtain fanne aber die knappen
heten in lenger kept dan die mayster das was das erst jar von den mayster
das erst mal und fürte in danne vor na'. Die zweite Fortsetzung von der-
selben Hand geht von 41 bis zum Ende. Von 65* wird die Schrift kleiner
und flüchtiger, aber es ist, wie es scheint, dieselbe Hand. Fol. 72" steht am
Ende noch das erste Wort der folgenden fehlenden Seite; es fehlt also we-
nigstens ein Blatt der Handschrift am Ende.
Ich stelle hier zunächst zusammen, 1) was ich über die Dichter Härder,
Lesch und Hülzing ermitteln kann, 2) die noch ungedrnckten Gedichte der
beiden angeführten Handschriften, die sich auf die Singschule beziehen.
Weiteres, Material und Betrachtung, hoflfe ich folgen zu lassen.
I. HÄRDER, LESCH, HÜLZING.
Einige Dichter des fünfeehnten Jahrhunderts werden in folgendem, so
viel ich weiß, noch ungedruckten Gedichte Michel Beheims genannt, Cod.
palat.3I2, Fol.287.
MEISTERGESÄNGE DES XV. JAHRHUNDERTS. 309
1. Ich michel behn yon sülzbach bei weinsperge,
gotes geDad ist mir beschebn , daz ich hoD eigen kunst ergraben
und sünderlicb geübte. daz wolt mir gern etlicher schmehn,
darumb daz ich hon solche kunste,
Die er nit kan. zwar es' ist anders nihte,
wann daz er mir der ern vergan, die er selber geren wolde haben.
ich leid von im kein erge. nun ist er doch ein neidig man,
der mich hasset umb niht und sunste.
Er tut reht in des teuffels schifft, der in dem baradeise
adam und era jomer stifft, da si aussen der speise,
daz in von unserm hern yerpotcn waz; wann er rergondet im der ern.
Er ist geleich dem slangen ; wann er mich also wolt verlipfen.
sein neid und widerwertikeit sol mich nit orangen.
mich mag sein giffb ob got wil nit versern.
er traugt uff. mich leid und auch hass und wUl mich letzen in gesang.
sein hinderstich und ripfen daz leid ich hie von im nit lang.
2. Wann meine dön die mag mir nieman ^) nemen.
etlicher der hot söche wön vn meint in seinen tummen synnen,
er hab mich ser geletzet, ob er mich mit sein Worten hön,
und sey an künsten dester sterker.
Kein silmen zal die sein doch wol gesetzet
nach rehter preit und nit zu schmal; und waz ich tihtens hi begannen,
des darff ich mich nit Schemen vor allen singern überal.
ich tar wol kumen für die merker.
Kein meister mir solches nit tut, der singen kan erkennen,
nur die kunstlosen die daz mut und mir der ern vergennen.
wer kunst nit kan, der würfft si hinder sich und helt sie schmelich und
gering,
sie weiten mich vertreiben und zannen uff mich als die wölffe.
nu trow ich doch mit singen hie als wol beleiben,
als muschgatblut harder lesch und hültzing
und vil nachmeister künstenrich. ich zele mich doch selber nit
geleich neben die zwölffe. den nachmeistern wun ich wol mit.
3. Wie wol daz die ' von hohen fiirsten herren
fleisch wein und daz prot beten hie, daz sie nach keinen solchen dingen
gar lutzel dorffiten sorgen; wann all ir sinn die leiten sie
zu allen zeiten uff getihte.
So ich pegin den abent und den morgen,
wie daz ich sölchez als gewinn, so wil ich denoch tiht und singen,
es sol mich nit verworren. ich traw got, er verleih mir synn,
daz mein gesanck werd auszgerihte,
Daz im njeman dörff geben pflanz. es sol werden vervachet
mit silmen reinen also ganz, als hetz ir einer gemachet,
es müst noch wunder von mir werden schein, daz ich nit sorgen hie
begönd.
*) Hds/niem'.
310 ADOLF HOLTZMANN
het ich och solche pfründe als die meister in irem leben,
doch weit ich lützel sorgen, wie daz mir uff stünde
al solche schantz. so han ich weib und kind,
mit den musz ich verworren sein. doch will ich tihten hin und her ,
und wills den gsellen geben. ich hoff daz mir daz niemen wer.
Der Ton des Gedichts ist die lange Weise Beheiras mit verborgenen
Reimen , wie Fol. 296* der Handschrift gerühmt wird : ^'Dise hernauch ge-
schriben getiht ston auch in diser langen weiss michel behems, aber die reinen
(Reime) sein verkert und sein nit so verporgen als die ersten, si sein offen,
als ir in disem ersten getiht werdent hören'.
Hie heb ich an ich michel behamere
und tiht in meinem langen dan. die reymen ich darin verkere,
und mach sie offenbere. wann sy voraals darynnen stan
spelich beslossen und^verborgen,
In fremdem lauff gar meisterlich rersetzet,
gespalten creützweisz überhauf. kein meister hat sie nie geletzet,
vernihtet noch gepfletzet, er wer sich fürst herr oder grauff.
ich tret mit für und dorffb nit sorgen,
Daz mich niemen ströffet dorynn, wu man gesang rerstünde.
doch hot es so vil speher sinn, daz es ist zu unkiinde,
waz mit verporgen reinen ist gemäht, des willen man nummen habe aht.
waz uffeinander swinget, daz es mit reimen widerclinget,
lobt man für daz daz sich verborgenlichen zwinget,
darumm hon ich kürtzlich berauten mich ,
und will sie setzen offenlich, wu man die selben melodei
Yor siebten künstern singet, daz ez mit offen reimen sei.
Es werden hier den zwölf alten Meistern, denen sich Beheim nicht ver-
gleichen will, die spätem Dichter, die ^'nächmeister^ , gegenüber gestellt.
Ebenso heißt es in dem Gedicht, das von der Hagen Minnesinger 4, 887 ge-
druckt ist, in der fünften Strophe: 'die zwelflf betten es gerichte, ir komen
vil hernach. — Darumb ein jeder singer *) soldie selben rossen ziren, reich-
lich tzw dispatiren, die plumen nit verschraach. nachtichter haben sie voll
bewart, mit sin der kunsten haflft'. Es steht in der Handschrift 'nachtichte',
wofür von der Hagn'^nach tichtn'. Die zwölf haben die Rosen gesetzt, die
Nachdichter haben sie bewahrt.
Wen Beheim zu den Zwölfen zählte, erfahren wir leider nicht; aber von
ien Nachmeistern nennt er einige. So redselig Beheim ist, so gern er uns
seine Schicksale ausführlich erzählt , so schweigt er doch gänzlich über die
Meister, die ihn in der Kunst des Meistergesangs unterwiesen, und auch
gleichzeitige oder ältere Dichter nennt er nirgends, als an dieser Stelle, und
noch einmal den Muscatblut in einem schon bekannten Gedicht. ')
^) So die Handschrift, nicht 'singen , wie Hagen. Aach in der ersten Strophe ist nach
der Hafidsobrift 4 *pfläg\ 5 'kunst und segenhaft', 6 'stet' zu lesen.
') Groote, Lieder Muskatblats, S. Y. Die erste Strophe des Gedichts, welche Groote
ttbergftng«n hat, laatet:
MEIST£R6£SÄK0£ DES XV. JAHBHUNDEBTS. 311
Wer der Tadler ist, gegen den das mitgetheilte Gedicht gerichtet ist,
erfahren wir nirgends; wahrscheinlich ist es derselbe, der in folgendem, in
der Slagweis verfassten Gedicht angeredet wird (Fol. 285"): . j^.
1. Su sagest mir yil yon der silmen zal und nyinst dich solches ane,
und weist doch weder mauss noch zal, waz yeglich rejm sol hane,
in welchem zil wi vil yeglicher silman nymmet.
Hun torst ich mit dir weten ungerer, ob du mir kantest ihte,
gesagen waz ein silme wer. für was du weist sein nihte.
nu sag mir: waz ist daz? loss hörn wie es dir zimmet.
Wie cranck ist dein gesanck, es hot kein rehten ganck,
dein reinen haben keinen zwanck. eins ist ze kurtz daz ander ist ze
lanck,
und dein gedön hot wilden clanck. uff manchen aberwanck
hat es den swanck und ranck, in karren weis gestymmet.
2. Du sprichst, ich sol vor quiuig hüten mich und prehst mich gern in leinen,
und kanst selb nit gehuten dich quiuig und ralscher reinen.
der bist du 1er, als der hunt der flöh in dem agste.
Sein gsanck reimt sich als haspel in den sack, du weist als tÜ daramme
alz der esel umm mitendak. es sei sieht oder crumme»
so weistu sein vil dein, waz du singest und sagste.
Ach tor, ich sing dir vor ; die wort njm in dein or.
umb singen weistu niht ein hör, yil minder denn ein kind yon sihen jor.
lass noch da von; trit ab der spor; dein schaut wirt offenbor.
ich sag dir zwor fiirwor, daz du mir nit behagste.
3. Daz du mich leren wllt daz ist umsunst, daran histu betrogen.
es ist ril mer von rehter kunst in meinem ellenbogen ,
wann in dejnr stirn. dein hirn ist genshim wol zu gleichen.
Du treibest also vor mir dein gereisz, ob du mich möhst erschellen.
du tust reht alz ein tumme geisz, die einen wolf wil Teilen.
mir ist dein schnauff ein iauff. waz geb ich uff dein keichen ?
Ha hei , du tummer lei ! verlaß du dein gespei.
dein gifften geuden dein geschrei, es hilft dich nit so teur alz um ein ei.
es gelt ein aug verboten zwei ; ob es. dir eben sei,
so trit den rei! herbei. wann ich dir nit wil weichen.
Ich mi^el beham von weinsperg sülzpach mein tummar sin : dar in
lau mich getiht bezwingen. so bin ich gar verbichte
was ich beginn in meiner sach Verwom. es wer yerlom,
so mns ich allzeit singen. und het ich es Terschwom.
all mein begir sein mir ich mnst es brechen e wan mom. -'
bekümmert mit getihte. es ist mein art und hat mich angeboni ;
Daz mich die torheit nit verlaussen wil, unt tut mir uff mich selben zom, '
des hon ich widerdriesse. daz ich nit kan gehom,
wann es bekümmert mich zu vil, mich da von kern. dis tom
ich weit, das mich veiliesse wil mich verlassen niehte.
312 ADOLF HOLTZMANN
Das Gedicht ist auch danrni merkwürdig, weil es das Vorhandensein
einer Knnstsprache beweist. 'Qaiuig' ist vielleicht das aequivocum der späten
Mebterschale.
Fragen wir nun, wer die vier genannten Nachmeister sind, so dürfen wir
den ersten, Muskatblut, übergehen. Ein Dichter Härder wird meines Wissens
nirgends von einem andern genannt; erst Valentin Voigt im sechszehnten
Jahrhundert kennt einen Cuntz Herter, den er mit Heinrich von Mogeln zn-
sammenstellt, und der höchst wahrscheinlich der gesuchte ist, s. Minnes. rV,892.
In Cod. pal. 366, Fol. 77 — 86 steht ein Lobgesang auf die Jungfrau Maria,
als dessen Verfasser sich Conrad Härder zu erkennen gibt. Der Anfang,
den ich in lesbare Gestalt herzustellen verzichte, lautet in der Handschrift:
Götlicher geist der hertzen Crantz Lutzern in gottes sinne
Du bist min basey unde lantz Der seien honig rinne
Du liechte krön der eren Kunst schwebder sjden zedelblanck
Weltlicher tutgent speren flacht sich götlicher wü^hait strank
Du zucker zejii fliessender bach Gebilt in edlen schnüren
Din Wildheit meisterlichen sach etc.
Der Schluß:
Ave Tor sunden uns hie fiy Sid nieman bas gehelfen mag
Du bist die kusch nun won uns by Da tusent iar sind als ain tag
Sit das du bist die here Der gester was was ie betagt
Dich selber an uns ere Als David in dem psalter sagt
Wann du doch bist die höchste Nun hilff uns kusche müter zaSrt
Die uns alzit erloste Und für uns uff die rechten fart
Mit hilff got Tatter «un und geist Und der gedichtet hat di« beger
Nun hilff uns firow zu der voleist Gnad meister Conrad harcUr
Mit hilfie tue mattris Und behütuns frow^von aller schwer.
In gloria dei patris v
Femer ist Härder als Verfasser genannt in einem Gedicht der Münchner
Handschrift 714: Fraw Minne leben, s. Keller, Fastnachspiele 1378. Es
beginnt: Ich saß ainstags nnd gedacht, wie raeins mutes schal nnd pracht etc.
nnd schließt: das sein des Härders red. —
Im Cod. palat. 392 stehen drei Meistergesänge in gleichem Ton auf
Fol. 1, 2 nnd 29, von denen die zwei letzten 'ain harder* überschrieben sind,
das erste *in des harders süsse ton . Das erste ist gedruckt bei Mone, An-
zeiger 1838, 374. Das dritte beginnt: *Got grüss den wirt nnd anch sein
schöne frawe*. Das zweite möge vollständig hier stehen, wegen der Beziehung
auf die politischen Zustände des Vaterlands.
, 1. Ain weiser man der was gesesse yor ainem berg, daraus da ran ain bach.
daran ain mile guot, hart an wie ir geschach.
Des wages flut het er vermesse, des wassers was nit mer wan auf sin rat.
ia het er stolzer süne vier, gar lieplich er sy bat.
Ir mein kind, got wil über mich biete,
ich rat auch das vor schand solt ir euch biete,
MEISTERGESÄNGE DES XV. JAHRHUNDERTS. 313
in treve ich das nette.
8j wolte alle rolge seinem rat:
ia ain gelnptnos da geschaoh. der vater der lag tat.
2. Sie vier die gienge da ze ratte, wie sy ir leben wolten greiffe an.
der erst der sprach : mich duncken guct , wir kiese ainen man.
An dem uns leit guot hantgetate. der ander sprach: des tuncket mich
so guot.
der drit der sprach: des ir begert, das Tolget euch in ein mein muot.
Der yierd der sprach : so Tolg ich euch niht geren»
und sol ich von aim fremden weishait leren,
das het ich ninier eren.
ich bin noch weiser ^an mein vatter was.
das sollend ir vememen hie. aus tumhait rett er das.
3. 8y kosen in zuo einem weisen, und numen in zuo einem uberman.
da riet er in als ainer der weishait nie gewan.
Sein Übermut begund in reisen (?), sein gewalt weret kaum ain halbes iar.
da ward der wag in Tier getailt, da zwayet sich ir schar.
Ber erst der sprach : so wil ich han ain frawe.
der ander sprach : so wil ich reitten hawe.
ich wil mich läse schawe,
das ich ain held ob alle beiden pin.
der drit der sprach : nach trinken gros stat mir herz muot und sin.
4. Der viert der wolt tumiere steche, tanze und springe vor den frawen zart.
wie schier sich da vergessen ward was sy der vater lart.
Wol auf wir wolle die mil preche, zerrisse wurde die wend und das tach.
da ward der wag getailet weit, sich hub ir ungemach.
In aremuot so musten sy entweiche.
also geschieht noch mangen tume reiche.
das merckend sunderleiche.
durch got so solt ir wese über ain.
und wirt der wag in vier getailt, der Aus wirt gar ze ciain.
5. Sie vier die kamen da von lande. ain ander maister kam sich an ir stat.
er paut darauf ain mille gut und henckt daran sein rat.
Das beyspil merckent hie ze bände, kaiser, kfinig, ir furst^n also zart,
durch got so wese uberein, eur lob wirt wol bewart.
Durch got so land die orspring bey ainander
der zwang ain land zem ander,
dar umb sein gwalt must werde also prait.
ir herren all in diser zeit, das sei euch vorgesait.
Eodlich gibt W.Griram Thierfabeln S. 23 aus einer Berliner Handschrift
eine Fabel *in des harders suesen thon . In der nun wieder aufgetauchten
Colmarer Liederhandschrift sollen Gedichte von Härder stehen. S. Minnes.
IV, 906. In der Münchner Hs. 351, derselben die von Docen in Aretins
Beiträgen 9, 1128 ff. beschrieben ist, steht ein Gedicht unter der Aufschrift:
„In Harders Schilling" S. 1152.
314 ADOLF HOLTZMANN
Noch weniger als von Härder weiß ich von den zwei andern, Lesch nnd
Höbing. Albrecht Lescb wird von Valentin Voigt als der erste der zwölf
Nürnberger Meister genannt Gedichte von ihm enthalten die Colmarer
Handschrift, die Dresdner 13, und die Wiener 2856. In Heidelberger Hand-
schriften wird Lesch, meines Wissens, nur einmal genannt, nämlich in H. 68ü,
Fol. 54 ist ein Gedicht überschrieben: 'Im leschen donn*. Darüber steht von
andrer alter Hand: ''ziegelweiß'. Es ist aber nicht der 'zigeldon*, in welchem
Docen I. c. 1171 eine Strophe gibt. — Ich gebe die zwei ersten Strophen.
1. So wolt ich gern singen, mancher wigts gar geringe,
ainer horts gern, der ander niht. der drit wolt, daß ichs yennit.
der viert spricht, hör auff.
Der fünfffc hebt an zu schreien , der sechst spilt gern auf dreien.
der sibent spricht: leich karten her, der acht der sprach: ich pin halt 1er,
leich her das glas, ich sauff.
Der neund sieht mich grimmikleichen an. der zehent spricht : du rechter lorles man,
wild du singen, du solt aus hin gan. wir wellen unsern muet hinnen han
und wellen das durch niemand lan. es ist unser alter sit.
2. Herkt ir lieben zechgesellen, ich wil uns eins derschellen.
ders ungern hört, der mag wol gon. ir schweiget still und loset schon
und merkt ein fremden sin.
Es kom ein geier geflogen auff ainem feuern pogen.
er fiert mer dan sechzick pfeil. welchen vogel er dereil,
den fürt er mit im hin.
Er fürt 12 stroel in seinen kloen guet, er fürt von süssickait ein perneruet,
er firt fünf rosen in seiner huet, das er als derpidem thuet,
das macht den sunder ungemuet. merk frawen und ir man.
In der dritten Strophe werden die Meistersinger aufgefordert, das
Bäthsel zu lösen. Es folgt ebenfalls in drei Strophen im gleichen Ton der
Aufschluß: der Geier sei Gott am jüngsten Tag, u. s. w.
Im Münchner Cod. 351 bei Docen 1. c. 1 149 : ""das ist des leschen tagweis*,
nach der mitgetheilten Probe ein ganz andrer Ton.
Der Hülzing endlich wird ebenfalls von Valentin Voigt genannt In
Cod. pal. 392, Fol. 37 steht folgendes Gedicht unter der Aufschrift 'hilzings
weiser ton'.
1) Es dichtet menger fru und spat, was siben kunst bedeuten,
und der der minsten nit verstat. der solt ie bilich reutten
die steck aus yor dem pflüg.
So wurd er nit der leutte spot, wa man die meister breiset.
der alles wirket das ist got, die siben kunst beweiset
und allen sin so clug.
Der noch die siben kunst wol kan, der mag all weit deryellen.
sy seind ob aller kinst ain fan. der mag den Aus yerstellen
das ^) und alle wasser weit, und wa sy laffent in der zeit.
ain man der mag got danoken, dem er ain trepflin geit.
*) Hier fehlt ein Wort
MEISTERGESÄNGE DES XV. JAHRHUNDERTS. 315
2. Der sibeD kunst in seinen mund. wil er dem erz ney pflegen,
so macht er tU der siechen gsund, hat er von got den segen
mit warhaftiger tat.
Die siben kunst hat got allain verspart in seinem herzen,
ir aller wuroken das ist rain. die siben kunst an scherzen
im got behalten hat.
Oot het menschlicher weishait gnug, as er lasrum erkicket,
er gieng vom grab, sein leib was clug, der tot het in gericket. •
er gieng vom grab des man in sach, der siben kunsten fliessen bach.
der herr mit seinen witzpn des prunne's umbefach.
3. Ich zel im tu der tarhait zu, der siben kunst ist nennet
mit seinen sinnen spat und fru, und er sy ntt erkennet.
der tut as der nit kan
höfliche cluge wort und werk, die schwecht er zallen zeitten.
er let auf sich der kunsten berck; sein kempfen und sein streitten
im selb nit hailes gan.
Die siben kunst nach rechter zal hat sich got selb gemesen
weder ze brait noch ze schmal. der maister ist hoch gesesen.
mein silbres reis das alles tut. er wurckt aus seiner gothait flut,
das jetze mag yerbringen kain menschlich maister gut.
Eine Paraphrase des Yaterunsers unter der Aufschrift der HuUzmg
steht in Mönch. 351, s.Docen 1. c. 1144; und ebenda 1147 steht ein Gesang
in des HuVzings hofdon gedruckt.
Dieß ist Alles, was ich über die genannten Dichter sagen kann. Es kann
nicht einmal behauptet werden, daß die unter ihrem Mammen angeführten
Meistergesänge wirklich von ihnen gedichtet sind: sie können auch von andern
Dichtern in ihrem Ton verfasst sein. Doch lernen wir wenigstens mit Sicher-
faeit ihre Töne kennen , und die Wahrscheinlichkeit ist groß , daß auch die
Gedichte selbst ihnen zugeschrieben werden dürfen: denn die Töne dieser
wenig genannten Dichter sind schwerlich von andern gebraucht worden.
n. DIE SINGSCHÜLE.
Handschr. 392, Fol. 36. KLIN6S0R SCHWARZER TON.
Welcher reckt sein maul herfir, recht als der esel hinder der stalledir ?
das sein gesang wil jederman yerdriessen.
Der esel hat an im die art, das sein gesang das mag man im erweren hart.
zwey oren lanck gatt im auf seinen fiessen.
Der esel hat yil me vemunft, wenn du auch gen mir singest.
er gat gar gemach, das er nit Tall.
dein zung die ist gein mir auch reser wen ain schnall ;
ich brief gar wol, das du nach unglick ringest.
Dein bellen muss dir werden lait, du tust as ainer der antret ain narren klaid.
in Spottes zil so dent die leut dein lachen.
316 ADOLF HOLTZMANN
Han schlecht auch über dich deo giel: das dent die leut auf benckeD und auf
dem stiel.
ich main ich wel ain gfagler aus dir machen.
Nun wil ich in versuchen bas, wil er sich darzuo schicken,
ains gaglers terft ich also wol,
ich wais ain land, das lafet grozer ratzen vol,
die müst er mir gar waidelich rerschlicken.
3. Singer du hast nit recht gedacht ; du hets ain gsele oder zwen auch mit
dir bracht,
die dir auch geben weishait und steire.
Allain so bist du mir ze krank : heb dich darvon, ich sing dich unter einen back.
das dein gcsang stat gen mir ungeheire.
Du hetst dich \vol unkumert lan, und werst da heim beliben;
an mir erjagest du kein er;
und bettest mit dir gnumen auch deiner gsellen mer.
kum morgen znacht, bring ander gsellen siben.
Cod 392, Fol. 37. REGENBOGEN BLAWER TON.
1 . Es ist ein singer kumen her, man soll im bieten zucht und er.
warmit wel wir im schenken ein? das dend mir hie bekunde.
Wan so wolt ich der erste sein, mit gsang wil ich im schenken ein
ain hupsch barliedlin oder zway aus meines herzens gründe.
Ich bitt euch fraintlich, lieber gast, das ir mich habt in hutte,
ob ich nit hab ain blüenden nast, gesanges winselrutte,
das ich die selben eben weg, so zaigt mir bürg und auch die steg,
die hin gand zu der kunsten strass
2. Wer hat der siben techter kraft, der ist mit rechter kunst behaft,
der trit wol an der meister tanz, da man die singer breiset.
Singt er mir ains, ich sing im zwai; gesanges kunst ist mancherlai.
beschaid er mich den rechten grund, als mange sang beweiset;
So stand ich auf und beut im wein, dem maister hochgeboren.
des mag sein herz wol irölich sein. got hat uns auserkoren.
got wil die singer selber han, des merkent hie auf guten wan.
nu bit mir mari mutter zart, das niemant werd verloren.
3. Ain kränz von rotten rosen schien, gebunden fein mit seide grien,-
wer mir den abgewinnen kan, des lob des wil ich zieren
Mit Worten gut an manger st^t, er gat wol auf der kunsten wat,
der ins an aller meister dien mit rechter kunst nottieren.
Hat er die wag darbey er wigt die selben reimen ganze,
mit kunst er mir den abgesigt und wind den rosenkranze,
besohait er mich den rechten grund, as gsang beweist schlos unde bund.
gesang ist nit ains kindes spil, ziert wol des himels glänze.
Fol. 38. KL1N6S0R SCHWARZE DON.
1 . Nun her! ir heren algemein, man spricht wie hie die hosten singer sollent sein
ir reiche kunst die wil ich ane sohawen.
MEISTERGESÄNGE DES XV. JAHRHUNDERTS. 317
Seint sy mit rechter kunst behaft , und stat ir gsang den wol in weiser
niaisterschafb
so bleibt ir lob von mir schon unverhawen.
Send sj mit kunsten also fein, das ich sy mag gebreisen,
darumb so bin ich kumen her,
nach meisterschaft so stat mir hie meins herzen ger.
den hosten singer sollent ir mir weisen.
2. Der best, der hie sey an der wal, der sol mich lasen heren hie den
seinen schal,
ob ich im mug mit meiner kunst geleichen.
Gosigt er mir mit werten ab, las sich nit trän, das ich noch bin ain
junger knab,
ich wil in schänden noch nit von im weichen.
Sr fint noch meisterliche tat, mit sprechen und mit singen,
und alles des sein herz begert,
in rechter mhisterschafl so wirt er des gewert,
ich traw gar wol , mir sol nit misselingea
3. Ich nim ze hilf ain raine mait und mis die hoch die tief die weit die breit,
so mag mir meinen heim auch kainr rerseren.
Nun hert warumh gieng ich ze schul, das ich wol sechen wie man hielt
der maister stul,
da tet ich fast die grechtigkait Yorkeren.
Wen ich hört merkes also yil, das mich des ser yerdriesset,
ich wolt, das in der weite wer,
das man die falschen merker strafet also schwer, <
das wer mein sin. damit wil ichs beschliessen.
ebeuda. DER KUPFERTON. (unter den Tönen Frauenlobs, Ettm. XIH.)
1. Ir maister empfacht mich schone, und lan mich euch empfolchen sein.
ich sing ain speche tone. ob ich viel ab der kunsten steg,
so weist mich auf gevert,
Und dient an als Terdriesen. ich bin ain krankes singerlein.
mecht ich mein kunst beschliesen. welcher nit yraist den rechten weg,
dem leit es also hert.
Osang ist so clug, wer seinen sug', darin kan eben setzen
ich gib im breis, ist er as weis, und lat sich nit yerhetzen.
wer sich sein kunst nit ubernimpt, der ist an sinnen clug.
den jungen es auch gar wol zimpt, und bringt den alten fug.
2. Hit gsang wil ich mich schmiegen, mein herz das ist mit sinnen reich.
so wil ich niemant triegen. man hat mich nit in schul gelan.
darumb wil ich es ton,
und sung ich wort und weise, das man nit fint den mein geleich,
mir geb die weit den breise, ich mecht mit kunste wol bestan,
das wer ain schnöder Ion.
Und wenn ich denn dasselb erkenn, das mir wel got rerleiche
mit seiner gunst soliche kunst, und wil mich nit yerzelche.
318 ADOLF HOLTZMANN
ich wil gen keiDen singer hie mich remen also vil.
ir weise meister merket wie ich mich hie schmiegen wil.
3. Nun han ich maisterleichen . ains Singers not erzelet gar.
nun wil ich lasen streichen, das menger niaiut in seinem mut,
er hab den rechten gnind.
Das wil ich widersprechen. ir weisen meister nement war:
wer sich als hoch wil prechen, ich sprich fiirwar: es ist nit gut,
wer suchet newen fund.
Es ist mein rat, wer weishait hat, der sol sich nit tU remen.
und tut er das, an allen has sein kunst die wird sich blemen.
er müst ein kluger singer sein, der west all döne fand,
wie alles wer gesetzt darein, reimen schlos unde bund.
Fol. 39. DES CLINGSOR SCHWARZER TON.
1. Nun weHch geren ru han, so her ich wol, mich muttet ainer singes an,
mit seinem gsang wil er mich hie yertreihe.
Werst du ain gast, as ich hie bin, so teicht mich gut, du liest mich mit
dir kumen bin,
die deinen kunst darst du vor mir nit Scheibe.
Wen geche ding die send nit gut, hert man die weisen sagen.
nun schweig e das du schweigen must.
mit meinem gsang so büs ich dir den deinen lust, *)
nun her ich wol, dir kurret ser dein kragen.
2. Im sumer ist der anger grün , ain yetlich hund der ist auf seinem
miste kfin
und wil die ander gwaltigclich yertringen.
schmirb deinen hals mit rindermist : das ist ain salb, das der kunst toI
gstossen bist,
so wirt dein hals von heller stim erclingen.
Ain ku die tu nach irer art und liet nach iren kalbe,
das tust du singer heut gen mir.
ich rath dir gsel, das du dich hebest zu der dir.
salb deinen leib mit schänden allenthalben.
3. Singer du hast nit vemume, du wenst ich sey von singes zu dir kume,
du mainst ich hab auch anders nit ze schaffen.
Furwar das hab ich nit getan. kein gute kunst die wilt du mich nit
heren lan.
ain weiser man der solt den narren straffen.
Nun heb dich in der äffe land, wilt du zu kunig weren,
da finst du efifin und ir kind,
die dir zu allen zelten undertenig sind,
die mugent dein zum kunig nit enberen.
^) Es steht 'hast*.
J
MEISTERGESINGE DES XV. JAHRHUNDERTS. 319
Fol. 52. IN DEM LANGEN MARNER DON.
1. Da ich ^as jung und darzuo ciain, da &cht mich singen an.
da lernet ichs on alles nain, das ich doch sein ein wenig kan.
wa man ficht mit meistergesang,
maines (?) schul recht (?) ich mich nicht schem
In meiner mas so fircht ich kain , den oherha ich han,
mit gutem gsang as ich es main, damit wer ich mich genn airo man.
Tersetze kan ich kurz und lang
darmit ich aim sein schlege dem.
Ob mir dan ainer kom so nach, das er mich ubertrung,
aus seinen schlegen hinder mich so tet ich ainen sprung,
ja ich sam mich Ait lang,
das er mir hart entweiche mag, wie bald ich wider auf in gang,
mit schlegen die seind meisterlich als ich geleret han,
ick sich in an , gar freliche den selben man,
so tratzigclich ich ror im stan,
ich lig im Wechsel wen ich wil, das er mir hart entweiche kan.
mein aufstreiche das tut im zwang. . .
darmit ich mange wilde zem.
2. Ich bin ain singer daa ist war, ich han es oft bewert.
ich Ticht wol ainem maister Tor, wo er auch eines knecht'begert.
und kum er mit mir auf ain^ schul'
mit gsang so wolt wir wol beston. ^
Süicher spricht, ich *) sej ain tor, wie ich sing heur als vert,
mein rure die gand nit enbor, die ich schlag mit gesanges schwert.
setz sich der maister auf ain stul,
drej^ geng mag ich wol für in ton.
Ob sich da ainer hinne wer, der maint ich het nit kunst,
der selbig nim sein schwert und hebs gen mir mit gunst,
das mein heb ich auch auf.
mir welle abenteure hie ; geselle mein, schlag frelich trauf
hie mit gesang gar maisterlich, doch das es nit we tut,
on arge mut, die selbig schleg sind also gut,
sy machen weder wund noch plut.
da tarf es wol sin und yemunft, das er sich selber hab in hut.
ob im sein schwert auf mich enpful,
sein tet da spotte jederman. *
3. Manger verachtet ainen man, wan er in erst ansieht.
er waist nit was er inne kan. das selbig mir auch oft beschicht.
mein schwert han ich auf in gewetzt,
nun shawe zu, arm und reich.
Kch dunckt ainer well mich bestan. das acht ich sicher ') nicht.
mein sehwert das hat mich nie Verlan, das ist mein zung in maistertioht«
') ich] Handschr. 'er . — *) 'das ach sicher Handschr.
320 - ADOLF HOLTZMANN
Bj habe mich kain halb geletzt,
und die sich mir schätzten geleich.
In den rier weren bin ich gut, und die ich da bestim
singt er Ton got, die wete ich auch zu mir nim.
singt er von ainer rainen mait,
und die da wont im höchste tron, ir hilf kaim sinder nit yersait,
die die die ist auch wol mein fug, ich wil mit ir hinschem.
singt er dan gern, vie an dem himel stand die stern,
das selbig las er mich auch hern.
ob er uns singt Ton der kretaur, das mag ich in auch wol gewern.
heb auf, ich hab nider gesetzt.
mit gsanges schwert ich von mir streich.
Fol. 114. LANGEN REGENBOGEN.
1. Singer, ich rat euch auf mein trewe,
geleich mich niendert zu, fiirwar es dunckt mich gut.
seid adam unser vater was, yon eve sej wir allesant gebore.
Es mecht dich tlenge wol gerewe. \
das schaffet als dein hoffart imd dein ubermut.
ich brief gar wol, du trest mir has. singer das tut mich auf dich
also zore.
Dir geschieht als lucifer geschach^ der ward yerstosse yon dem himel*
reiche,
des mu8 er leiden ungemach, darumb das er sich wolt zu got geleiche,
singer, warzu geleichest mich, das tut mir auf dich zorn.
yon eya sey wir allesant gebom.
ich bit dich yatter jhesus crist,
sich an die hoffart und den ubermut,
der hie in disem singer ist.
wie dunckt er sich in seiner kunst so gut.
ich sag dir sicherlich furwar, dein schallen must dir gligen noch
yor mom.
das wil ich auch beschaiden dich, hof^rt und ubermut wirt yil yerlom
2. Singer und wilt du mein erbeite,
so straf ich dich, es mus dich helfe ewigcleich.
ja yolgest du der meiner 1er. gesanges kunst die ist an dir erbrochen.
Darumb di» 1er ist an der zeitte,
du solt auch niemand straffen me, merck sicherleich
beit bis du wider kumest her. ja mainst du nit yon wem es werd
gerochen.
Oesel, wild yolgen meiner 1er, an fremden stetten solt du niemant straffen.
so wil ich dich beschaiden mer. ja wolst du nit, du bettest seit
geschlaffen.
mein gut das wil ich haben mir, du bist ain schnQde gast.
dein kunst die ist gebunden hie mit hast.
M£IST£RG£SlNOE t^ES XV. JAHRHUNDERTS. 321
« ich beschwer dich bey den namen drey
bey got dem ratter sun balliger gaist,
ob es kein teufel in dir sey.
wan du um gsanges kunst doch nit entwaist.
dein gsang das duncket mich ain spot. mein herz gewinnet weder ru
noch rast,
bis das ich dir ain platte schir. gesellen gut hebt mir den hiersun rast.
3. Ist keiner hinn der well gelt yerdenen,
und der mir laf nach ainem rOsslin in die stat?
-dem kais ich geltes also yil, so ril er hie an mich nun darr gemutte.
Mit gsang ich hie den toren krenen,
er ist ain narr, das brief ich wol, er mus ins bat.
er fugt in ain narrenspil. er terfb da.; man im schlieg mit gutte rutte.
Vun brief ich wol du bist ain narr, ich haun dich gstraft; noch wild mich
nit yermeide.
nu setzend in hin auf ein karr. er mus ins bad, man sol ims har
abschneide,
im mus gescheche also we, das sein ye ward erdacht,
denkst du dir nit, wer hat dich rein gebracht ?
tenkst du dir nit, o herre got, hat mich der teufel zu dir trage rein?
hie macht er mich der leute spot. darumb solt du zem nechsten dausen sein,
du bist ains erbem briesters sun. heb dich darvon haimliche bey der nacht,
und tust du dalest singe me, so wis ftirwar, du machst nach ungeschlacht.
Cod. 680. FoK 16. MAISTER CÜNRAD VON WÜRTZPURG IN SEINEM MORGEN DONN.
1. Welch junger man well richtikleichen singen, und kann er das Tolbringen,
der säum auch sich lang,
er schol sich pas bedenken, das in an kunst nicht krenke ,
das er nit ral und werd dem gespöt zu taile.
Die silm reimen die sol er eben stecken, fbrwar ich wil in hecken
mit meiner sinne stang,
das du dich must hie piegen, dir war not künstu fliegen,
das du dich schwingst hinaus der schänden maile.
Du maister la dein Sträuchen sein, du färst kein rechtz gefert.
du mainst du weist der kunsten stul besitzen,
in schänden must du schwitzen,
es wirt dir hie zu hert.
das du nach gsange wild ringen, du magst sein nicht yolbringen,
dein ubermut der machet dich ze gaile.
2. Du meisterlein nu la dein gschray beleiben, du solt dich selber schreiben
gein paris und gein präg.
do hin solt du dich erben, wild du gutten gesank yerderben, *
kain maisterschaft mag sich an dir nicht pflichten.
Mich thunkt an deiner art du kfinst wol hincken, dir mag dein him wol sinken.
nu soltu haben frag
•iBUMu m. 21
322 ADOLF HOLTZMANN
und la dich eben schawen, dein sin sind dir rerhawen,
weis unde wart kanstu mir nicht ausrichten.
Des halt ich hie gar drutzikleich gein dir auf diser pan,
und must auch mir gar lästerlich entweichen.
du machst mir nicht geleichen,
du tregst den lasterran,
den mustu mit dir füren. hüt dich, ich wil dich rüren,
und dein geschrey mach ich dir hie ze nichte.
3. Du meisterlein, wes wildu hie beginnen? nu heb auch dich Ton hinnen,
und yar hin über mer.
do soltu dich dergeben ins heilich grab, merk eben,
in narren weis must du dein zeit yerdreiben.
Cfhain er die machst hie doch niht bejagen, dazu bey deinen tagen
pist gewesen ane wer
pey hübschen gesang so kluge. dein grosse ungefüge
lat dich in disem land hie nicht beleiben.
Hewr pald von hin und säume dich nicht lange, und yar auch hin dein stnssi
und drab für dich in aines esels weise.
in schänden must du greise
du hast doch hier kein —
zu lassen noch zu halten, in torhait mustu alten,
ge hin gein päd, heis dir dein kunst ausreiben.
Fol. 40. IM RATTEN DON.
1. Ach heri got ich hab gesungen also lange,
ich pin warn schwach und beger der stangen,
denn mein geleichen thun ich hie finden.
In seinen künsten ist er also yeste,
in aller weit zimpt er sich der peste,
er lebt nit zwar der in nit mug yerdringen.
Er singt so recht und auch so wol, mit meim gesang mag icb im nit
geleichen,
ich weis nit wo ich hin sol, thut auff die thür« ob ich immöeht
entweichen,
er dreibt mich aus dem hause, mich armes singerlein auwe der peinl
thut auf die thür, lat mich hinause, wan ich mag nimmer hin gesein.
2. Das klag ich dir du tu lieber got, das er mit mir treibt den seinen spot»
mit meiner kunst draw ich wol zu beleiben.
Ich hab deryarn so yil der fremden landen, yor manchem klugen singet
woll bestanden,
so kumet ainer und will mich hie yerdreiben.
Wild du mich den yertreiben gar, du must haben kunst in deinem henen,
sag ich dir offenwar, hastu der nit, so mustu leiden schmerzen,
ich mag dirs nit yerdragen der schänden ein hört, deiner schnöden wort
muss ich dir noch sagen, wan du must haben der künsten ein hört.
MEISTEROESiNGE D£8 XV. JAHRHUNDERTS. 323
3. Bjr wolt ich also an mir rerzagen, das ich mioh einen thumen singer hie
lies jagen,
wol her an mich, wir wein uns pas versuchen.
Pisto mit kunsten also beheften, las sie hern die weisen meistersoheften
als maus yint geschriben in den puchen.
Sing mir ein parlied oder zwei got zu lob, es wird dir woll rergolden.
nmb dich so geb ich nit ain ay, thust du sein nit du wirst von mir
gescholden.
das hern die meitter weise dein gueten gesank, mach nit zu lank.
du meinst man sole dich preise, ich sing dich dem wirt wol unter die
pank.
Hier ist die Hälfte des Blattes 41 abgeschnitten; vielleicht fehlt der
Schlaft.
Fol. 41. EIN EMPFAHCNG IM KUPFER DON (s. Aretin« 9, 1179.).
1. Seit mir gotwilikumen ir meistersinger auf diser vart.
Ich hab gar wol vemumen, ir singt aus rechter kunst ein krön,
darumb sprich ich euch lob.
Habt ir der rosen gebrochen und seit der kunsten hochgelart,
euch wirt lob hie gesprochen. villossovei der kunsten ein pon
schwebt allen dingen ob.
Wer singen wü der warhait vil, gramatica mus er kunne,
astronomej die want im pey, wil er die kunst durchgrunden
wan si lernt weise wart^ want allen kunsten pey.
musica der kunsten ein hart, über alles melodey.
2. Die musica mus er wellen, die ims unrecht zum rechten bringt,
ars medrica lernet zellen die silmen und die reimen dringt,
darpey die kunst hie bleibt
astronomg di volendet die schon umdreibt des zirkeis rink,
^r himel sich umwendet planeten der stem glänz begint (?)
das ilnnament um dreibt.
Br fiirt so schon gesangs ein krön, wer kau mir das ausrichten,
die siben kunst gebn im sein gnnst und helfen ims als tichten.
ist er der maft (?) scheut ? ein man, ist im umbgsang wol kunt,
so dret er frOlich auf den plan, weist er den rechten grünt.
3) Wolan der singen w5lle, begriffen zal und mas,
der las hören sein geschelle herestreichen in disen rink ,
es wird gemessen woL
Sein gsang thut er beschneiden, kein reim do unterwegen las,
musica sol er weiden, die ims zu rechten kunsten pringt,
da maos probieren soL
Ich schenk ims ganz der em ein kränz so gar in hohem preise,
singt er sein gsank nitz kurz nitz lank gib im recht wart und weise,
er mus der kunste ein krenzle haben von edel rosen sibn,
die pletter sind von gold puch^taben gar meisterlich geschriben.
21»
324 ADOLF HOLTZMAKK
Fol. 41. GRUES IM GULDEN ZWINGER.
1. Oot grues die edeln mayster schon, ich preis si wol mit der em einkion,
und al die zu uns her sind kumen.
Ich gib in lohes also yÜ. niemantz der röm sich zu dem zil,
und thut er das, er hat sein guten frumen.
Nun rieff wirs an maria das wirs rerpringen
und auch die höchsten namen drey und das si uns auch wanen pey,
speis uns der geist, seind wir von got hie singen.
Die folgenden Strophen fangen an
2. wer weis, von wan got von ersten kam. 3. got hat kein haabt das ist war.
4. Johannes sach gar aygenleich. 5. die engeinen ich euch gar schir.
Fol. 44. GRÜES IM RITTER DON.
1 . Oot grues euch ir singer allgemein und wo ir seit gesessen,
ich wünsch euch yil der gueten jar wol in des maien pluete.
Ir hiest mich euch gottwilkomme sein, des hab ich nit vergessen,
ich main die maister besunder war und ander gesellen guet.
loh pit euch mit gesanges kraft, das ir mich schon enpfahet,
durch aller werden geselleschaft, das ir mich nit yerschmahet.
mit schönen züchten ob ichs kan gesang ich preisen wil,
darfur lob ich einen man, der sich römt nit zu vil.
2. Wer ich weis und wol gelart, kunt schreiben und lesen,
wess weis und wjprt — •— damit schus ich zu dem zil.
Ich hab Ton den weisen gehart, wo ich bin rar gewesen,
gesang sei weise meisterschaft, get für alle saitenspil.
Wo man pfeift und pusaunet wol vor aines kunges veste»
da man höflich parn sol, ein singer ril pesser iste,
so red ichs wol on allen spot, das es so weit erklang.
wo man lobt den zarten got, das dut man mit gesang.
3. Ich pitt euch all die hinen sind, das ir mich underweiset,
ob ich gesang euch aufiderwag, das ir nit zürnt an mich,
So pit ich maria und ir kint, das si mich fürpas speisse,
ob mich ein singer darum fragt, gesang ist maisterlich.
Der da rosen prechen wil zu ainem rosenkjanze
der dret an der gesellen spil, y illeicht gieret im eim schanze.
prech er der roslein wolgemuet . zu einem krenzelein,
das schenk ich allen gesellen guet und wo die singer sein. .
Fol. 44. SCHENDUNG IM PLABEN DONN; nämlich blauen Ton Regensbogens.
(s. Aretin 9, 1178.)
1. Ich wais woU, das ir maister seit. wer sagt mir, wie es darum leit?
ir habt der siben kunst vier halb gelart yon essel weise.
, Hit den seit ir gegangen zu schul, ir habt besessen der kunste stul.
ich hör es sagen yon einem kalb, das hat euch geben preisse.
Mich dunkt ir seit ein singer gros, ir habt gelart palde.
ein beschorenes schaff ist «uer genos, ir seit der kunsten Yolle
MEISTERGESÄNGE DES XV. JAHBHITNDERTS. 325
reht als ein podenlose kist, da nix innen pleil^en ist.
get melkt den esel und die gais mit euren kunsten helle. ' .
2. Ir seit mit euren kunsten scharff, ewrs.gehöns ich nit bedarf.
ich mein ir seit gegangen zu schul , da man die narren leret.
An euren gesang hör ich es wol, ich main ir seit des weines yoI ;
ir habt besessen der kunsten stul, da man gesang verheret.
Ir seit mit euren kunsten grob, das hab ich wol vernummen.
hie niemand gibt euch preis und lob, ir thut gut kunst zudrummen.
ir kirt als ein wageradt mit euren kunsten schwach und mat.
ir thut reht als ein per der leit in einer hol dut prummen.
3. Ir seit ein meister künstenreich doch sew verschneidens seuberlich.
und kumpt morgen frue herwider und verschneit uns unsern ganzen.
Ir seit ein kunsten losser (man), ir krät gleich als ein yauler han
fleugt auff die misten manichfalt mit seinem krummen schwänzen.
Singer ge bin, kreuch untert pank und hilf der katzen maussen.
ich mein die weil sei dir lanck, und heb dich aus dem haussen,
ee dir das drum werd zu kurz, das du nit nembst understurz.
und ge hUf in dem spital den alten weihen laussen.
Fol. 61. IM ÜNGELARTE' FREMDEN DONN. ')
1. ■ Ist imandt hie der mit mir singen welle, beschaidenlichen leben,
eim klugen singer ich ri\ guets vergan.
Ist er mit gsang ein guet geselle, ich wil im lob hie geben,
und wen er das mit rechter kunst verpringen kan.
Gesang ist ein hupsche kurze weil, und der da weis die rechten mas.
mit kdnsten er da nit eil auf ungepenter stras.
das sol der singer nemen eben wäre sein gesang das er mit im dare
mit rechter kunst das si in da nit las.
2. Ich lob gesang für perlen und für seiden und wolt im das zustören,
er het das als auch für einen schimpf.
Mancher thut sich grosser kunsten geuden, ir mugt das auch wol hören,
ich sprich furwar es pringt keim gelimpf.
Ir meister und ir merker guet, mir ist umb einen kundt,
' noch hab ich gesanck in meinem mut, das ist beruren den grünt
wol der mir mit seim gesang wil nahen, ich wil in schon enp&hen.
das bort ir zu haut aus mainem mundt.
3. Hun well wirs also lassen beleihen, und lob ich weiglich guete
und auch die rainen frowelein, wo ich pin.
Koch ich mich wol in iren willen schreiben, si erfreut mir mein gemuete,
maria rerleich mir witz und weisen sin.
Bas ich ir nit vergesse gar das dunkt mich gar guet,
von der wart got gepam, der uns mit seinem -pluet
ewiklich foehuet vor grosser helle gluet.
maria hat uns hie und dort wol in huet.
^) Danmter von der Hand des Dilbftom : *et stat in des mames wildem den.'
326 ADOLF H0LTZMA19N
Cod. 392H'8. 680(^ 68. Oörres 226. IN DER KORWEIS.
1. Ich wil gar frelich heben an mit meiner kunst auf diser pan.
in meiner hant für ich ein van, darauf sieht man geziret stan
ein krenzelein yon rosen schan, wer mir den abgewinnen kan
mit schallen und mit singen.
5. Ich han ein krenzlein ausgehenkt und es an meiner stangen schwenkt^
wer sich nach seinen plumen senkt, der kum mit kunsten unbekienkt.
ob er die recht mas bedenkt, im wer daz krenzelein geschenkt,
ich wil ims selber pringen.
Das krenzlein ist gepunden da mit einem seiden faden gra,
10. rot rosen drein und yejel pla, mit ganzem fleil^ gemachet.
nach lust gespiegelt als ein pfa, und wer das krenzlein anescha
er denk in seinem herzen ; ja wer ich mit kunst besachet.
sein kunst er dennoch fliese la gar züchtiklich on alle dra,
das er die plumen nit verha, dardurch er wert geschwachet.
2. 15. Wer umb das krenzlein singen wel, der acht das er die reimen stell,
der silbe zal darron nit rell, weis unde wort er nit verbrel
das recht gesang von herzen schnell, und er kein valschen don mtgtelt
dardurch er wert geletzet
Hat er zu ganzen kunsten fleis und singt gar züchticlich und leis
20. wan er sey junk alt oder greis , erwirbt er hie mit kunst den preis
so wil ich selber sein as weis, ich peit im meines kranzes reis,
er wirt im aufgesetzet.
Ich wil im geben weise 1er, wie er sich zu dem krenzlein ker,
das er der pletter kain rerrer, wil er dan singens pflegen
25. Ton einer keuschen magt her, ain tail von'gottes leiden mer,
der für uns wart gemartert ser und auf den kreuz gelegen,
singt er Ton der planeten zwer Yom firmam'ent und die agsper,
so wirbt er umb des kranzes er, ich trag im den engegen.
8. Nu merkigar eben was ich sag zal unde was im herzen drag,
30. schände laster Ton im jag, ob er mein 1er behalden mag,
die ich im zaig nacht unde tag, so sing das man nit ab im klag,
ab weis und auch ab werten.
Ich main gut gselle überall , die singen wellent nach der zal.
1. froUch wil ichs b. mit meim gesang 6. — 2. daran fint 6. — 3. ein kränz ton losen
wolgetan 6. — 5. hab b. wie schön es an der stangen. — 6. senkt] lenkt 6. der wirt tn b.
— 7. und ob er b, rechten 6. verdenkt b, im] dem b. krenzlein hie b, — 10. rot] liecbt b,
darinnen [und] b, mit] nach b. — 11.' Inst] wünsch b, anesach 6. — 12. der denkt b. >]
Jach b, wer er 6. — 13. dan entfliessen b, [gar] b. — 13. die] der b, — 15. drachi —
16. der silbe zal] zal unde mas. [er] — 17. schnell] schell, er] auch. — Id. ganzen] gnettA*
singt er zohtlich nnd anch. — 20. [wan]. der hie schon gewinnet pr^ils. — 21. wi]]pin<
seinas] wol so. — 24. kain] nit, wen er singens wil pflegen. — 25. smgt er Ton der. «m
teils. — 26. der ist fnr uns. nnd an dem. — 27. der] dem. die dement und die aeh iper*
•— 28. krenzles. den drag ich im. — 29. Nu] Hört. [gar]. — 30. scfaant nnd laster. ob]
uid — 31. die ich im zaig] nnd was ich im sag. so] er. — 32. ab] mit. ab] mit. — 3S. H«i
ir hem uberal. die da.
MEISTEBGESlKGE DER XV. JAHBHUI9DEBTS. 327
jeiliehem don sein rechten ral und das kein rortail da nit lial,
35. erkennt man das an seinem schal, man sest in inn der maister sal
und schleul^t im auf die pforten,
Sa rechte kunst verborgen leit. der las erschölle es ist zeit,
nun merk was ich im mer bedejt, den kränz den sei er giesen
mit guter kunste wol gefreit, und allen vortail ye yermeid ,
40. has unde neid Tom herzen reit, so thut sein lob entspriesen
in allen landen rer und weit, darumb man im das krenzlein geit.
ich sprich das er nit lenger peit, er las sein kunst her schiessen.
Ich stelle hieher noch zwei Gesänge Michel Beheims Cod. 312, Fol. 44,
in dessen kurzer Weise.
WIE EIN SINGER DEN ANDERN VORDERT.
1. Ich michel behn lass mich hie sehn, ist kein geselle
Her kummen im der jubilirn kürtzweilen welle.
On allen zorn
8ol daz beschehn, mit hübschen zirn
sol man uns hie verhorn.
2. Xan er die kunst aus herzenbrunst reht mässe geben
Hauch singens val silmen und zal, der kümpt mir eben.
Hit dem wil ich
nach huld und gunst uf diser wal
hie singen lüstiglich.
3. Ist hie kein man, der singen kan, der sol her eilen,
Vir schnellem just nach herzenlust well wir kürzweilen.
Wol zu her schir
uf diser bau, ich bin gerust
heb an und antwürt mir.
Dß IST EIN ANTWORT SO EIN SINGER DEN ANDERN MIT SINGEN VORDERT.
1. Ghit gesell wol her, du bist mir mer, und kumst mir eben.
Ich aht ein cleins, daz wir hie eins umbs ander geben.
Aus der geschrift
ist mein beger, wir wellen keins
daz geekerej betrift.
2. Hur gut gesank, damit wir dank erwerben mügen.
Und aller zorn soll sein verhorn mit hübschen fügen.
Kurzweilen wir
an allen zank. wert es bis mom,
es ist kein zorn in mir.
35. so sitzt er aoff der — 36. [im] auf sein pforten. borte a. — 37. Da rechte kunst]
Wo guet gesang. es] sein. — 38. fnonj. im] euch. — 39. mit gaetten werten, und] ganz.
— 40. Neid und gesang von.
328 FEDOR BECH
3. Es wer dann gwan, daz mich ein man nit weit irlassen
Von solcher not, und mich mit spot begünd furrassen.
Bis leg wir hin
und heben an, und loben got
und auch die muter sein.
'Eine strauff nf töreht singen von Michel Beheiro, worin anch das Alter
des Volksliedes vom Moringer bezeugt ist, steht gedruckt in Mones An-
zeiger 1839, 560. ADOLF HOLTZMAM.
SPRACHLICHE ERLÄUTERUNGEN
zu DEM VON
K. BARTSCH HERAUSGEGEBENEN GEDICHTE „DIE ERLCESUKG".
(Quedlinburg und Leipzig. Gottfr. Basse 1858.)
V. 19 : wie sich der erden hunder hat pesetzet under^ bunder ist wohl nicht
mit dem Herausgeber von binden abzuleiten; sondern = pundety
mhd. phunder, über welches Schmell. I, 319 und Passional. 192, 5
ed. K. zu vergleichen sind. Dem mit der lateinischen Sprache ver-
trauten Dichter (Bartsch in der Einl. S. III) schwebten aus dem
Anfang von Ovids Metamorph, die Worte vor: telltis ponderibus
librata suis und {tellus) pressa est gravitate suai ohnehin ist seine
Auffassung der ürelemente ebendaher entlehnt. In ähnlichem
Sinne steht bei unserem Dichter gepunde, V. 874.
V. 66 : geivuht^ statt des vorgeschlagenen gewruht ist vielleicht gevruht
= gevruhtet zu lesen, wie solches im Loheng. ed. R. 7573 sich ge-
braucht findet.
V. 101 : dise rede ist ein emsütch gefar'\ ob einlich gevarf dieß gäbe hier
einen passenden Sinn; der Dichter hat zuvor gesagt, daß er nicht
verstehe (V. 85 fg.) vil gesmieren noch die worte gezieren u. s. w.;
der Schreiber konnte durch den folgenden Vers: des rede ich emest-
liehe dar verfuhrt sein.
V. 144; sie gmrren unde sungen] das nach der Anmerkung zu dieser Steile
„bisher nicht belegte girre gar gurren^, welches nach Weigand
(Zeitschr. 6 , 486) noch in der Wetterau geläufig ist , scheint nur
dialektisch verschieden von dem im rahd. Wörterb. 1, 821 verzeich-
neten kirre (quirre) kor kwrren. Der Einrichtung jenes Buches
wäre es freilich entsprechender gewesen die auf S. 592 — 593 be-
findlichen Wörter gurre, ergurret u. s. w. mit ihren Verwandten zu-
SPRACHLICHE £ItLlUT£BüNO£N. 329
sammenzustellen. Zu dem aus Lanz. 1555 angeführten er gurret
ist noch J. Titurel. 2172, 2 ed. Hahn (coli. 1680, 4) nachzutragen.
V. 233 : erjage ich den selben grdt besitzen^ Der Dichter hatte im Sinne
Jesaias 14, 12 — 14, wo es nach der Yulgata lautet: „quomodo
cecidisti de coelo, Lucifer, — corruisti in terram qui vulnerabas
gentes, qui dicebaa in corde tuo: in coelum conscendam, super
astra Dei exaitabo solium meum, — ascendam super altitudinem
nubiam, simiiis ero Altissimo.^ Hiernach könnte man für das
seltene erjagen mit seinem Infinitiv vermntheu : er jach^ ich mac
(oder ich wil) den selben grdt besitzen u. s. w.
V. 429: w^e daa allez sannen schtn^ wegen V. 426 und nach dem Zu<-
sanunenhange muß es wohl heißen : w^e daz allez samen[t\ schin.
V. 436: von sechen Ufas sin latte'\ Der Herausgeber vermuthet in der Ein-
leitung S. IV, dafi unter sechen eine Holzart verstanden werde, und
schlägt dafür eichen zu lesen vor, während er in der Anmerkung zu
V. 1509 wieder an seche= „Sichel"" und an „sichelförmige Bogen^
denkt. Man vergleiche indess v. d. Hagen MS. 1, S. 69, 9, wo
Bruder Eberhart von der Maria singt:
du gelichest wol dem schrine,
aberguldet nach dem schine^
wol gewirket von sechine ,
daa man niht erwerden siht,
der dajs himelbrdt beslozzen
hat u. 8. w.
wozu V. d. Hagen 3, 592 bemerkt: sechine scheint eher sethine^.
Unter dem schrine wol gewirket von sechine, mit dem die Gottes-
mutter verglichen wird, ist die Bundeslade zu verstehen, von der es
Exod. 14, 1 nach der Vulgata heißt: yjecit autem BeseUel etarcam
de lignis setim'' (hebr. D'^tpttS), welches Luther mit „Föhrenholz",
neuere Erklärer mit „Akazie" übersetzt haben; auch die y^tabulae
tahernaculi de lignis setim"^ 26, 15, und 36, 20 sind zu nennen; r-
endlich gehört hierher eine Stelle aus der Schilderung des Palastes
des Priester Jöhan im J. Tit. 6104 ed. H.: zethim ein holz genennet
den palas ist ez habende^ da^z holz man sus erkennet^ sin sma^ der
si die Uut an kreften labende u. s. w. Hiernach kann an unserer
Stelle, in der das himmlische tahemäkel mit dem Throne Gottes
beschrieben wird und wohl nicht ohne Bezug auf Exod. 26, 15
u. s. w., nur jenes setim, sethin gemeint sein. Ob auch der silen-
boum, mit dem Y.2545 Maria verglichen ist, mit Rücksicht auf
unsere Stelle einem setinboum weichen mäße, wage ich nicht zu
entscheiden.
V. 459— 460: die ReimwöTter dinster : jßnster müßen wahrscheinlich umge-
330 FEDOR BECH
stellt und in fenster : denater verwandelt werden, so daß fenster hin-
fort das Subjekt zu 465 bildet; hierdurch würden zum Theil die
Einleitung S. V bemerkten Schwierigkeiten beseitigt. Über denster
= dinster sieh Gramm. 2, 185.
V. 484: Zu der Anmerkung bei dieser Stelle ist noch zu vergleichen Grimm
z. Athis S. 76 (V. 126).
V. 790 : des ire unrt ge/eilety und stn werde rtcheit den widersachen wiii
geleit, daz sie ez mogent stören^ Das Punkt nach richeit ist zu
streichen; statt itnrt geleit hieß es vielleicht ursprünglich vur ^eW^
oder hin geleit/
V. 894: und ich] wand ich?
V. 898—899: duz ich iht mehte verdrozzen mit langer rede keinen nm\
^mehte ist nicht = mohte, sondern = mhd. machete, ingleichen
verdrozzen nicht wie B. meint = „verdrießlich machen", sondern
Particip. Grade so Boner 40, 14: verdrozzen wil ich imver Üben
fnachen.
V. 1025: den helletal erSsen] das Wort tal findet sich als masc. gebraucht
noch in den von Grimm herausg. Mar. Lied. <Zeitschr. X) 114, 1:
der hellische dal, im Pass. ed. H. 133, 41: zuJdsaphät in dendd
Vgl ferner Pfeiffer's Jerosch in S. 232, wo viele Beispiele stehen.
V. 1106: als einen himelischen vagt der sin gnäde niht versagt] fikvagt
(Hand sehr, vogt): versägt ist wohl zu schreiben vogt : verzogt; cfr.
Loheng. 4878 ed. R. : swaz bristen da der tSt beifügt, die enuurben
4wege freud; daz wart verzogt den heiden. Auch bei unserem
Dichter findet sich verzogen V. 4139.
V, 1213: er und ouch stn Säfrd] vom Abschreiber scheint eher das seltenere
chone als wtp, das B. vermuthet, mißverstanden und unterdrückt
worden zu sein; ich lese daher :^ und stn chone Sdrd; und grade
so steht bei Diemer 353, 12: dtn chone Sdrd.
V. 1247 — 1463: daz riclie unrt nimmer m^
genom>en in der Juden ^
von dem könne daz Judas birt,
und in leider ouch enwirt
von siner hoffe nimmer gnomen,
der herre st dann zu ^ste komen u. s. w.
Diese Verse sind übertragen aus Genes. 49, 10: „non auferetur
sceptrum de Juda et dux de femore ejus, donec veniat qui mittendus
est, et ipse erit exspectatio gentium"; in Fundgr. 11, 77, 30 — 33:
vone Judä neunrt niemer ginomin daz chumchiiche sceptrum, noch
von sinen huffen gebristet chuonere herzogin, unze wirt gibom der
al die weite sol nSHn, des chunft alle die beident, die der über die
werlt eint gibreitet = Maßm. D. Gedd. S.303 (5508 folg.). Bier-
SPRAGHUGHE ERLÄÜTEEüNGEN. 331
nach ist hofe nicht = Hoffnung, sondern = mhd. Aw/, hüffe = fe-
mnr; ferner muß es statt und ir leider wohl heißen: noch ein
leider (= nioderator, dux).
V. 12Ö4: er ist uns breiden edle lant] vielleicht: er ist, des beiden alle
lant, oder: Orisfus erheiden alle Zant = „ipse erit exspeetatio gen-
tium" nach der Vülgata.
V. 1308: 8ol ist zu tilgen.
V. 1364 — 1358; nu schouwet wie gar wannen
glich der herre kume,
alse sanfte jd lüme
regen in die wölken slü/et
und druf üf erden tr&fet,
vermnthiich hieß es:
nu schouwet wie gar wonnen
glich der herre kume,
alsam üf die plüme
regen üz wölken slü/et u. s. w.
hierzu vergleiche Psalm 72, 6: „descendit sicut pluvia in vellus et
sicut stillicidia stillantia in terram." plüme ist hier wie vHere
vom „flaumigen Pelzwerk" zu verstehen ; vergl. auch pflamv^dere.
V, 1466 — 1467: du sali schrtben die geschiht, überlanc sie noch geschiht^
d^r „rührende Reim" ist hier wohl zu entfernen und zu schreiben
die gesiht mit Bücksicht auf die Worte der Yulgata (Habac. 2, 2
^o\g.): „scribe visum — qnia adhuc visus procul et apparebit in
finem" etc. Gesiht = „Traumgesicht, prophetisches Gesicht,
Offenbarung", erscheint in diesem Sinne als neutrum Mar. Legg.
XXI, 367 ed. Pfeiffer, Ruother. 3854, Pass. 17, 13 ed. K., aber
auch als femininum Pass. 354, 19, Mar Legg. ir, 233; auch V. 2182
bei unserem Dichter muß es heißen in der gesiht der naht = »in
vbione noctis" nach der Vulgata.
V. 1463: wan er komet sichtlich unde Uzet des niht sich^ B. vermuthet
unterm Texte erUzet; aber es soll wohl heißen: „er kommt ge-
wiss und säumet nicht", entsprechend der Vulgata: „quia veniens
, veniet et non tardabit"; statt Uzet muß also gelesen werden
lezzet = mhd. hizzet Über sich hizzen = „säumen" sieh die
Stelle aus Parz. 824, 16 im mhd. Wöiterb. 1, 942.
V. 1507: von der aneginne änfano] der aneginne ist wohl für gen. plur.
zu halten ; das vermuthete femin. ist bisher ohne Beispiel.
V. 1574: sich hat verspart der erden rigel] mich hänt verspart d, e. n,
gemäß der Vulgata: „terrae vectes concluserunt me in asternum."
V. 1624: verren wec^ verre enwecf,
V. 1656: wer mohte wu bedrahten den tac einer hmfte ;rft] an diesen
332 FEBOR BECH
Worten ist nichts zu ändern, da es in der Volgata heißt: „qois
poterit cogitare diem adventus ejus."
V. 1660 — 61: zum Verständniss der beiden Verszeilen war nöthig Ma-
lachiaslü, 2 — 5 (Vulg.): „ipse enim quasi ignis conflans et quasi
herba fuUonum et sedebit conflans et emundans argentum et
purgabit filios Levi" etc.
V. 1678 — 79: vielleicht daz ich (oder deich) iht mit fluche enslage rüder
daz ertrtchy sS ich kome wider; denn in der Vulgata steht:
^ne forte veniam et percutiam terram anathemate."
V. 1798—1801 : aldd erduzet üheral
ein ffrulich busunen schal
in die werlt eunder clage :
er kündet den järnertage.
Der Dichter sucht wiederzugeben die Worte des Sibyllenorakels
V. 23 — 24: „et tuba tunc sonitum tristem committit ab alto,
orbe gemens facinus miserum variosque labores"; aber in diesen
Zusammenhang passt weder sunder clage noch sunderclage:
vielleicht hieß es : s6 under klagen er kündet den jämerta^en.
Über die bei dem Dichter übliche Deklination der mit tac tage
zusammengesetzten Wörter sieh zu 985.
V. 1804^1806 : so sehent alle lüte goi,
böse und unreht [den] höhen dSt,
disen heiligen unde gM.
im Sibyllenorakel 4 — 5 heißt's: „inde deum cernent incredulas
atque fidelis celsum cum sanctis"; vielleicht ist also zu schreiben:
hose und rehte den hohen vogt, zusehen heilic unde gut Wegen
des Reimes gotwogt^ dessen sich, der Dichter einige Male be-
dient hat, sieh die Anm. zu 2359.
V. 1813: hier muß gelesen werden: die sunder 4mc flamme negt, denn
die Sibylle singt V. 12: „tradenlur santes aetemaque flamma
cremabit^; an ein Compositum sunder^wig zu denken verbietet
hier der Sinn wie die Vergleichung.
V. 181 6 — 1 820 : ouch himel und erde wirt verbrant,
mer brennen beche sä zuhant
drucken werdent aüe,
daz ertrtch allenthcdben
her nach zerbrochen sol vergdn.
auch diese Zeilen lassen sich mit Rücksicht auf das Sibyllen-
orakel „(exuret terras ignis pontumque polumque — aequantnr
campis montes, et caerula ponti omnia cesscinjtnt , tellus con-
fracta peribit: sie pa/riter font4s torrentw^ [nicht „terrentur"]
fluminague igm)"" durch Umstellung so herstellen:
SPRACHLICHE ERLÄUTERUNGEN. 833
himel und erde wirf verbrant,
ouch hrormen beche sä jtehant,
drucken werdent alle mer,
daz ertrich allenthalben her
nach zubrechen sol vergdn.
V. 1832; daz leste lebende urteil] ist aufzufassen wie der lebende tac, daz
lebende jär, nach Gramm. 4, 65.
V. 1862: daz der ßamme höhe üf dranc] das auffallende genus beseitigt
sich leicht, wenn man lohe fär h6he schreibt ; eine ähnlich lau-
tende Stelle bietet dann der Renner 13963: s6 slehet der lohe
des viuree 4/1
V. 1854: auch hiez er schdfbanden anfiizen unde anhanden dr&kinder]
ganz in derselben Bedeutung findet man im Pass. 660, 37 ed. K.
schächhanden: d6 liez er dementem schächbanden mit f uzen
unde mit handen; auch diese Composition ist im mhd. Wörterb.
nicht verzeichnet.
V. 1918: statt die kini lies dir, leint; vergleiche die betreffenden Worte
aus Virgil in der Anmerkung zu dieser Stelle.
V. 1947: dem Sinne wie dem Metrum angemessener scheint kauf schätz
statt des handschriftlichen koufmanschafL
V. 2030 — 32 : man sol ouch in den selben tagen
die swert zu pflüge tragen (?)
zu sicheln dt glevtnen.
Die Conjektur von B. zu dem (?) 'pfl'&ge slagen scheint mir nicht
wahrscheinlich. Auf das Ursprüngliche mag vielleicht führen die
Stelle des Jesaias, welche der Dichter hier wiedergeben will,
c. 2, 4 (Vulg.): „et conflabunt gladios suos in vomeres et lanceas
in falces." Hiemach lässt sich vermuthen , daß hier ein Wort
stand, welches dem mhd. blasen geblasen verblaejen in der Be-
deutung „schmelzen, durch Schmelzen bereiten" (sieh mhd.
Wörterb. 1, 196; Schmell 1, 231) oder unserem nhd. prangen
(sieh Lohengr. 4877; Schmell. 1, 342 und 351) verwandt war.
V. 2123 — 2127: in diesen Versen hatte der Dichter vor sich die Stelle im
Jerem. 33, 16: „in diebus illis salvabitur Juda et Israhel hai>i-
toMt confidenter"^ etc. Daraus ergiebt sich, daß ehemals unsere
Stelle so lautete: Israh^ sol ein wanhaftwesen ouch gar fride-^
liehe hän ( : man} ; wesen = hahitatio ist genugsam bekannt ;
wanhaft = mhd. wonhaft , welches sich auch noch V. 3715
findet.
V. 2334: über * ufnd über "hagel] mir scheint udnt vor und ausgefallen
zu sein.
• V. 2497 : flir daz vielleicht A>, bezogen auf Maria, die rehte rose.
334 FEDOB BECH
Y. 2902 : die juncfrowe ir kindelin gebar] anstatt kindeltn ist wohl JbWza
lesen; auch an andern Stellen hat der Schreiber beide Ausdrücke
vertauscht und so das Metrum gestört, so V. 2962: dem Idnde
ein wazzerhat (lies kindelin); -V. 2419: dcLZ kint sol werden
ffrSs (lies kindelin); Y. 3490: seht des selben kindeUnes leben
(lies kindes).
Y. 3049: ir Kunde ketten ir^alp] die mhd. Form galf ist den Yerfassern
de&mhd. Wörterbuches nicht entgangen 1, 618 — 519. Yielleicht
wurde hier gelesen gegblp^ entsprechend dem im Wörterbuche
vermerkten mhd. gegelfe = „Geschrei"; unser Dichter in seiner
Sprache liebt nämlich die Formen mit ge-<, z. B. gebovel 4598,
gerüefe (?) 4273, getrebe ebendaselbst, gepwnde 874, gekriute
1954, gebacke 6493, gejgtm/te 3164 und 3382. '
Y. 3186 — 87 : auch solde ein ho/eUcJie kraß erkennen von der heiden-
'Schaft] für erkewnien ist wohl zu lesen er kamen; dieft würde
auch mit der Yulgata stimmen, Jesaias 60, 5: „videbis et
affines -: quando — : fartitudo genUum venerit äW"; dazu
vergleiche auch Y- 3260 : daa mr mit gäbe kamen im; ir be-
zieht sich .auf Jerusalem. Das Wort hofeUche scheint in der
vorliegenden Stelle wie in dem Ausdrucke: hofeUche schar
Y. 6008 und 6339 die Bedeutung von „ansehnlich, groß" z«
haben.
Y. 3190: camelin = „Kamel** lautet sonst gewöhnlich kemhelin kämbeUn
kenibel kemel, und in dieser Gestalt ist es im mhd. Wörterb. li
795 nicht vergessen; sieh die Anmerkung von Bartsch zu dieser
Zeile; vergleiche auch Crane ed. Bartsch 2447, 2749 u. s. w.
Y. 3226—28: er wolte mit in sprächen^
die herren nü votbrdchten
des sie aisS Herodes bat
hier ist wohl statt nü volbrähten zu schreiben rdht verbrächen
= „unterließen nicht, weigerten sich nicht zu thun." Ebenso
findet sich das Wort im Pass. gebraucht, z. B. 671, 69 ed. K.
des wolde er niht verbrechen u. s. w.
Y. 3237: er (= Herodes) kordclich als6] es wird gelesen werden müSen
kijvndicUch (kondiclichf) = „listig, schlau".
Y, 3247 — 48: besser lauten beide Zeilen jedenfalls so:
luie er sol geweltic wesen
über uns und alle konicrtch.
Y. 3363—64: vielleicht hieß es: •
daz was ein offenbdrekeit
der gewalt und hSrlikeite ( : gereite)
vergl. 3525 : ein lieht der offenbärikeit des volkes immer mA^
SPRACHLICHE ERLÄUTERUNGEN. 8S5
V. 3427: dciz umbe daz geschiktßy daz] das gesohihte ist schwerlich hier
a^ sahst zu fassen; der Dichter sagt sonst, wie B. zu dieser
Stelle bemerkt, nur die geschiht; es scheint vielmehr das mnd.
praeteritum (= mhd. geschacK)^ welches W. Grimm zu den
Mar. Liedern (Zeitschr. 10) p. 138 bespricht. Zu vergleichen
ist auch bei unserem Dichter Y. 5915 und 6458.
V. 3576: ir segelftnc des mndea bldcK\ ebenso des windes bldch V. 927.
Das Wort bldch, welches B. von blaejen in der Anmerkung zu
dieser Zeile ableitet, scheint dasselbe Wort zu sein welches im
Pass. = vldge (z. B. des tvindes oder des Sturmes oder des
wazxers vläge\ auch pfldge^ (ed. Hahn 280, 34) pldge (337, 6)
lautet und im mhd. Wörterb. 3, 335 seine Stelle gefunden hat.
Über Abwerfhng der Endvokale sieh Bartsch z. 5451 und 3263.
V. 3595 : sin kröne wurde iezu verdruct] iesd f
V. 3599:* vor zome ich mosten niht enkan] man könnte Axif'mdzen oder
reuten rathen; indessen beim Stricker im Karl 1837 findet sich
mosten ahnlich gebraucht:
dem wos er horte erbolgen
und lies ez liitzel meisten.
V. 3919 — 20: ndch mir kämet er zuhont, der von mir gemachet wart]
von ist in vor zu ändern, vergl. Johan. I, 27 (Vulg.): „ipse est
qui post me venturus est, qui ante me factus est, cujus ego non
sum dignus ut solvam ejus corrigiam calceameuti.^
y. 4160: sie danzte unde wiherte in] die Handschrift hat: si dozdzet und
wieherte hin ( : in); jedenfalls steckt darin das bei Graff I, 708
aufgeführte wichön = saltare gesticulare, wichunga = gesticu-
latio, wohin die dort aus vocab. theut. erwähnten Wörter wicken
(praestigiari) und uncker (praestigiator) gehören; und ebenso
kennt Frisch 2, 446 die Formen wicker, wickerei, wickerung,
ufickersche, wickersen und andere in gleicher Bedeutung.
Y. 4205—4206 : die töten det er üf stgn,
die hinken det er springen.]
Das Wort hinke = „Hinkender" hat sich im md. bis jetzt
nirgends gefonden; möglich also, daß es ursprünglich hieß: die
hinkenden (er)springen, oder auch dafi der Schreiber das ihm
unverständliche holze, welches sich gerade in dieser der Bibel
entnqnmienen Schilderung bei andern Dichtern oft findet, durch
sein ihm geläufigeres hinke verdrängte. Ebenso scheint ein
seltenes Wort wie onetuht in V. 802 — 803 durch des Abschreibers
Hand verloren gegangen, so daß man dort vielleicht zu lesen hat:
da von des t&fels ojnetuM wirt verwundet (venuunneh?) über al;
die Handschrift giebt ungefug ( : vruht) , wofür B. ungenuht in
V. 4361:
V.
4548:
V.
4666:
V.
4798:
V.
4935:
336 FEDOB BECH
den Text gesetzt hat; über anetuht sieh Graff 6, 368 und atfh
duht in Litan. 1136 (?).
V. 4272—73: ich vermuthe:
ddz sich von dem volke ikt hebe
ein gerufe und ein getrehe.
Die Handschrift hat: ein grasen; durch gerufe und getrehe
wollte vielleicht der Dichter das bei Matthaeus befindliche „tu-
multus" wieder geben, 26, 6: „dicebant autem: non in die festo,
ne forte tumultus fieret in populo." Wie hier geirebe, so steht
V, 4771 ein traben.
zu kUiderltn vergl. Elisab. (Graff. Diut. 1) 390, Zeile 15.
in des ruwen biUerkeit] - Beispiele vom schwach flektierten
mascul. rüwe sieh bei Haupt, z. Winsb. S. 68 und'Himelf.
Mar. 327.
der Juden volc mit grimme lam"] im mhd. Wörterb. werden von
Ictm zwei, nicht wie B. sagt nur ein Beispiel angeführt, und zwar
aus Helbl. und Mar. Legg.
zw^he Schacher man^ sch^ches mant sch^chmcm?
fiir cUsän ( : man) vielleicht alzan = (Alezanf
V. 4946 — 48: diese Verse sind mit veränderter Interpunktion vielleicht so
zu lesen:
SU8 wart geleit der heilant.
üf daz grap alsd zuhant
einen stein sie schrieten,
V. 5001 : ockers findet sich außer den im mhd. Wörterb. angezogenen
Stellen noch Altd. Bl. 1, 365, Hätzl. S. 231, 91; besonders sieh
Willir. S.43.
V. 5128: in des tödes geinde : gemmnde'] = „m mortis regione" nach
der Vulgata; geinde noch in Elisab. (Diut. 1) S. 431; geinA^
im Pilat. 344,
V. 5485 — 86 : kein spräche ist nirgeh noch kein rede^ .
man habe an ir stimme s6 stede
gehört der herre da zjisturd.
So die Handschrift. Ich vermuthe: m<m habe an ir stimme ä^
stede I gehört der herren sd zustunt ; oder auch : mmi habe ir
stimme sam ir stede an den herren gehöret dd zustunt,
V. 5680 — 81 : du Wer schöne sunder waly
dtn flecke hat an dir nit mdL
bessern Sinn erhält man, wenn man schreibt:
du luter schöne sunder mSy
die flecke enhänt an dir niht twäl;
vergleiche J. Titur. 5198, 4 ed. H.: vor (Handschrift von) dem
SFRAGHUCHE EBLlUTERüNOEN. 337
keinungeztbere — Mt mht twdles (iffrdles). twdle für zäU hat
B. auch V. 860 gesetzt.
V. 6728 — 5732: wer ist die frowe in dirre wät^
die 80 hheltch fif gdt^
die (if gSnde wirdet sehtn
als ein r&chez gtirtelin
van uftrouch unde merren]
So lautet der Text bei Bartsch; die Handschrift hat rauches
statt des von B. gegebenen rüchez. Das Wahre springt in die
Augen, wenn man vergleicht Cantic. 3, 6 (Vulg.): „quae est
ista quae ascendit per desertnm sicut virgulafumi ex aromatibus
myrrhae et thuris^, so Irie Willir. 24, 6: als ein chleiniu rSth-
gerta (cod. Lngd. riuchgerda); sonach muß hier für rücJiez
gurteUn gelesen werden: rüches gerteltn.
V. 6807: zu dem seltenen partic. geroden ist zu vergleichen Schmeller.
3, 66.
V. 6939: der Ausdruck üf gevidert findet sich ähnlich gebraucht im J.
Tit 4345, 2. ed. Hahn.
In dem S.X der Einleitung befindlichen Gedichte, Y. 47 — 48, heiOts:
dS sich gein gote hol der man
vor vorhte^ seht dS müste er sdn
Hz dem paradtse var.
Die Handschrift bietet hatte man statt hat der man; ich würde
dann schreiben:
dS sieh gein gote hoMe (Ädamf) der man
verworht —
vergleiche V. 131, wo dieselbe Ausdrucksweise wiederkehrt.
Einl. S.XIV, 237: der in hat gevangen,
der ist beide ♦ und arc
und ist im leider al ze starc.
Vom Teufel ist die Rede. Ich vermuthe: der ist beide vient
untarc.
Schließlich noch einige Verbesserungen, betreffend das am Schluße des
Buches (S. 376) mitgetheilte Gedicht von der Sibylle. Dort muß es V. 18
heiß^ ah itno anstatt ab uno; V. 20 a^equantur campis statt ae. campus;
V, 22 torrentur statt terrentar; V. 25 dehiscens statt dicens.
ZEITZ, in den Sonunerferien.
FEDOB BECH.
22
338 FRANZ PFEIFFER
BRÜCHSTÜCKE . •
AUS '' .\
IWEIN UND DEM ARMEN HEINRICH.
I. IWEIN.
Diejenigen, die der Meinung sind, in dem von Lachmann aufgestellten
Texte des Iwein sei Alles schön und gut und keiner Verbesserung mehr fähig,
werden einen Abdruck der nachstehenden Pergamentblätter, die der von
Lachmann verworfenen Recension Bb angehören, ohne Zweifel sehr überflüssig
finden : denn wozu alte Schwarten abdrucken, aus denen flir die Wissenschaft
kein Gewinn zu ziehen ist? Ich für meine Person theile jene Ansicht nicht,
vielmehr hat mich eingehende Forschung und Prüfung zu der Überzeugung
gefuhrt, daß 1. die Hs. A den ihr von Lachmann eingeräumten Vorzog in
dem Maße keineswegs verdient, 2. daß in sehr vielen Fällen der echte Text
nur mit Hülfe von B und der mit ihr stimmenden Hss. herzustellen ist, und
3. daß L., abgesehen von der Frage über den Werth der Handschriften, in
keiner seiner Ausgaben der Willkühr und Gewaltthätigkeit so sehr hat die
Zügel schießen lassen, als gerade im Iwein. Ich werde das Alles später ein-
mal ausführlich und mit schlagenden Beispielen darthun; *) für jetzt nur so
viel : der Text des Iwein bedarf einer vollständigen Revision.
^) Hfer eine gelegentliche Probe , wozu eine Lesart des ersten Brachstücks auffordert.
Die Z. 3225 lautet bei Lachmann em akte weder man noch wip , ohne Handschrift. D£b
haben nämlich wie unser Blatt em ahte üf man noch üf wtp» B dagegen liest statt aUe —
hazte, und ebenso die halb niederdeutsche Hs. A hate , d. i. hazte (die in unmittelbarer Ter-
wandtschaft zu A stehende a hau ez). Daß diese letztere Lesart keine Präposition 4^ neben sich
duldet , dürfte klar sein. Anders gestaltet sich das Yerhältniss , wenn man , wie Lachmann
gethan, die Lesart ahte aufnimmt, dann darf» bei einem so correcten Dichter wie Hartmano,
€if hier so wenig fehlen als in der nachfolgenden Zeile: niuwan üf sin selbes lip, denn das
aus dem hl. Georg 2321 angezogene Beispiel ist kein völlig analoges und Reinbot ron Tome
überhaupt nichts weniger als ein mustergültiger Dichter. Diese Bedenken wäreii am Ende
von geringem Belang : wichtiger ist die Thatsache« daß Lachmann die von ABa gebotene echte
Lesart (nämlich hazte) gar nicht erkannt hat. In den dieser Stelle vorhergehenden Zeilen
(3201 ff.) wird der erschütternde Eindrack geschildert, den der Zorn und die Schmäfanng der
Lanete aaf Iwein gemacht haben : er verlor den Verstand:
nach einem dinge jdmert in:
daz er wcere etswd
daz man noch wtp enweste wä
und niemer hörte mcere.
Dann heißt es unmittelbar darauf weiter :
er verlos sin selbes hulde,
wan em mohte die schulde
üf nieman aohders gesogen :
in het ttn selbes swert trslagen.
BRUCHSTÜCKE AUS IWEIN UND DEM ARMEN HEINRICH. 339
Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet wird es nicht so ganz über-
flüssig sein, einstweilen weiteres Material zu einem Umbau zurecht zu legen ,
daram mag man sich den Abdruck dieser Blätter hier gefallen lassei).
1. Ein Pergamentblatt aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, Folio in
Spalten zu 38 Zeilen, im Besitz des Dr. Zahn in Wien, der den Abdruck in
znvorkonunender Weise mir gestattete; er geschieht nach einer schönen,
sorgfaltigen Abschrift, die mir Hr. Anton PernhofiFer freundlich zur Verfügung
gestellt hat. Die Orthographie derHs. verräth einen mitteldeutschen Schreiber:
tt for «0, iie, ä, tu; e fliT ae; i für ie in di, lif^ g^fy Um^ stiz etc., o für oe^
ch für h a. s. w. Der Text stimmt am öftesten mit Bb.
Vorderseite, erste Spalte.
3211. Im . . . fteten mutes
di vorluft des gutes
d* iamir nach dem wibe
d . . enamen finem Übe
3215. vil gar di vreude vfi den fin
nach ein6 dinge iamrt in
daz er were etelVa
daz man noch wip 8wefte wa
vfi nimir gehorte mere
3220. war er cumen were
mit andern Worten: Iwein gerieth in Zorn über tkh selbst, denn er konnte die Schuld auf
Niemand anders schieben, er hatte sieh mit seinen eigenen Waffen getödtet.
em hoste weder mcw noch wip
niuwan ein selbes lip,
10 lauten die weitem Verse bnchst&blich in B : er hegte gegen Niemand GroU und Haf als
gegen sich selbst. Ich frage : kann man einen AngenbUck in Zweifel sein, welche Lesart den
Vorzug Terdient: diese ToUkommen zu dem Voransgehenden passende, einen Tortreff liehen
Sinn gewährende, oder jene matte, Iwein sei gegen die ganze W^t gleichgültig gewesen nnd
babe bloA über sieh selbst gebrütet? Denn wenn in den Anmerkungen S. 299 zur Beohtferti-
jgang dieser Lesart bemerkt wird: 'gerade die0 ist der wahre Weg den Verstand zu verlieren ,
10 ist dabei Übersehen, daA Iwein nicht erst auf dem Wege war, sondern den Verstand bereits
Terloren hatte« indem Hartmann schon V. 3214. 15. gesagt hat: die benämen sime Übe beide
vreude und den sin: seine Selbstrerachtung und der Haß, den er auf sich selbst warf und
die Um bewogen, die Gesellschaft zu meiden, waren die Folge des schon aujsgebrochenen
hrnnns.
Henrorznheben ist noch , da6 hier wie an vielen andern Stellen B allein das nichtige ge-
wahrt A hat mit den Übrigen üf einen selbes lip» Überhaupt scheint mir dieses falsch gesetzte
6/ und das niederdeutsche, von den hochdeutschen Schreibern unverstandene hate = hcuste,
das wohl schon in der Vorlage von A gestanden hat, die Änderung in ahte veranlasst zu haben.
Abgesehen aber von der VeriLennung des Echten haben wir hier , wie noch Öfter im Iwein,
dieselbe «unkritische Veimengung der Lesarten verschiedener Handschriften** die Haupt
(2eit8ehrilt 3, 181. 182) dem Herausgeber des Eraclius mit Becht zum Vorwurf gemacht hat.
8215« vü gar di s Babd. — 3219. gehorte = BDabed.
23«
g^Q FRANZ PFEIFFER
er v*Io8 fin felbes hulde
wan er enmochte di fchulde
vf niman anders gefagen ^
• in het fin felbif fw't irflagen
3225. Em achte uf man noch uf wip
niwan uf fin felbes lip
er ftal fich fwigende dan
daz irfach da niman
vnz daz er qua uor di gezelt
3230. vz ir geßchte an daz velt
do wart fin rvwe alfo groz
daz im in daz hime fchoz
ein zorn vft ein tobefucht
er brach fin fite vft fin zvcht
3236. vft zarrete abe fin gewant
daz er wart bloz fam ein haut
vft lif ouch vbir gefiilde
. acket nach der wilde
D . . di iacvrowe gereit
3240. . V waf de kvnige ftarke leit
d.f h'ren yweines fwere
.fi vragete wa er were
Er wolte in getroftet han
vn bat nach im gan
3245. vft als in da niman vant
nv waf daz vil vnbewant
swaz man nu da gerif
wand* gegen walde Uf.
Vorderseite, sweite Spalte.
ER was ein depn beweret
3260. ein helt vn erveret
swi manhaft er doch were
vft fwi vnwandelbere
an Übe vft an finne
doch meirte in vrowe mine
3266. daz im ein crankiz wip
vor kerte finne vft lip
d*e ein rechter adamas v
rittirlich* tugende was
3225. em achte uf man noch of wip = BEb, - 3229. unz daz = M - 3240 »n^
BDU. — 3241. des h, = Bhd. - 3250. ein helt = BU (und ein ADo\ - 3257. ejie AV,
BRUCHSTÜCKE AUS IWEIN UND DEM ARMEN HEINRICH. 341
der lief nv also balde
3260. ein tore in dem walde
Nv gap im got der gnte
der in uz finir huete
dftncch nicht gar enliz
daz im ein garzü wid' Itiz
3265. d' einen guten bogen tmc
den nä er im VA fbralen gnnc
als in der hnnger befbunt
fo tet er fam di toren tnnt
In in nicht mer witze kont
3270. niwan die eine vme den munt
Er fchoz priflichen wol
euch ginc d' walt wildef vol
swa daz gefbnnt an fin zil
def fchoz er uz d' maze vil
Onch mnfberz felbe irgahen
3275. vfi ane bracken vahen
do enhet er kezzel noch falz
wed' phefBr noch fmalz
sin falfe waf di hnngir not
3280. di iz im brit vn fot
daz iz ein fnze fpife was
VA wol vor hüger genas
Do er def allef nil gephlac
nv lif er tme einö mittötac
3285. an ein nvwez gemete
do uant er nicht me luete
Rückseite, ente Spalte.
Niwan ein einegen man
d' felbe fach im daz wol an
daz er nicht recht* finne was
3290. VA vloch hin da er genas
alsojharte ADad, fehlt B. — 3260. in = ÄEa, — 3266« stralen =: ÄDcd. —
3270. Diwan =: A. — Z274t. 76. irgahen : rahen = Bb (die übrigen yahen : eigahen). Ich
»eiae, sehen die einfache Logik sprOehe für die Richtigkeit der erstem Lesart: erst
»lauft fnan ein Wüd, d, h, holt es im Laufe ein, dann fängt man es, nicht umgekehrt. — -
3275. und ane = BDb. also
oQoh mnose erz selbe eig&hen
und ftne bracken yAhen.
3276. do enbet = Bb. — 3284. nn Hf er = 6 = BD. — 3286. nuwez gemto = BDab. —
'^''. niht me ss Bd.^mihax = BI>Ed. — 3290. vaid=zBJSab.
342 FRANZ PFEIFFER
da nahen in (in hnfelin
da inne wanter ficV (in
vn v'rigelte uafte (in tuer
vfi fbant innen da fuer
3295. D* tore duchte in alza groz
er gedachte tut er einen (toz
di tnr vert uz dem angen
fo ift min lebin irgangen
Ich arm' wi inere ich mich
3300. ZV iügeft da bedacht' fich
Ich wil im minef brotef gebn
fo let er niich uil lichte lehn
Nv gi ein venftir d^ch di want]
da d*ch racter im di hant
3305. vü leite im uf ein bret brot
daz (üzet im di hügirs not
wan er da uor daz got wol weiz
fo iem'licbiz nie enpeiz
waz wold ir daz *er tore tu
3310. er az daz brot vfi träc dar zu
Eins brüne de er da hägen vant
in eime eimir an der want
vfi rumetiz im ouch fa
d' einfidel fach im na
3316. vfi bat gote vil fere
daz er in immir mere
Erlize fulchir gefte
wand er uil lutzel wefte
wi iz vme den tore waf gewant
3320. nv tet d' tore im dar irkant
daz der tore vfi di kint
vil lichtß ZV wenen fint
Er waf dar zv gnuc wife
daz er nach difer fpife
Rückseite, zweite Spalte.
3325. Dar wid' qua in drin tagen
vfi brachte uf im ein tir get^gen.
3291. da nahen Bed. — 3292—94 = Bb. — 3298. so — min leben = BZ>ab. —
3299« imere ich mich] einer ich mich Bb. -— 3300. hediAiter BBaed. — 3303. na = Bl>b. —
3304. racter = Bed. — im die = B. — 3310. = Bb, 3312. an = AEa, — 3315. bat got si
Bb. — 3319. den toren = Ä — 3320. = Bb. — 3321. der tore = ula. — 3322. wenen = B,
BRUCHSTÜCKE AUS IW£IN UND DEM ARMEN HEINRICH. 343
vn warf im daz an di tner
er machte daz er im hinva . .
Defte willeclichir bot
3330. beide fin wazzer vn fin brot
Er uorchte in do nicht me
yfi waf im bezz' denne e
Er vant ie daz bereite
ouch galt er im di arbeite
3335. Mit flnem wiiprete
daz wart mit vngerete
Gegerwet bi dejp foere
im waf der kezzel tuere
Daz falz vfi der ezzich
3340. ze iügeft went pr (ich
Daz er di huete veile truc
vfi coufte in beiden gnuc
Def in zv dem libe waf not
falz vfi bezzer brot
3345. Svf wonte d' vnwife
zv walde mit der fpife
vnz daz der edele tore
glich wart eime more
an allem Arne libe
3350. ob im von gutem wibe
Je dechein lip gefchach
aber iehundt* flper zv brach
Geslnc er fher uz helme ie
ob er mit mäheit ie begie
3365. Decheinen lobelichen pris
wart er ie hubifch xti wis
wart er ie edel vfi rieh
dem ift er nv vil vngelich
Er leufet nv nacket beider
3360. d* finne vfi ouch d' cleider
vnz daz in zv einen ftunde.
nacket slafende vunden
2. Ein Pergamentdoppelblatt, einspaltig, zu 24 Zeilen, Octav, auf der
Liinzer öffentlichen Bibliothek. Ich fand es bei einem Besuche im August
dieses Jahres auf den innem Deckeln einer aus dem 1790 aufgehobenen
3328. er maehto = B, — 3333. er yant = Bb. — ie daz = Ba, — 3338. der kezzel =
Bb. — 3345. wonte = Bb. — 3347. unz daz = BVbd. — 3348. glich wart = BDb. —
3354. ie begie = Bb. — 3359« er leufet nn = Bb. — 3361. unz daz = BDbd,
344 FRAKZ PFEIFFER
Franziskanerkloster Pnpping dahin gelangten Incunabel: 'Textus seqneltiarüm
cü optimo commöto' 4. s. 1. & a. Ich löste das in der Mitte quer durch-,
schnittene Blatt bloß so weit es nöthig war, um das Ganze zu lesen, ohne
es von dem Buche zu trennen. !Es wäxe aber zu wünschen , dafi es heraus-
genommen und mit einem andern dort von mir gefundenen Bruchstücke ans
dem Renner in ein besonderes Bändchen vereinigt würde. Dieses letztere,
ein Pergamentdoppelblatt, 14. Jahrh. Fol. in Spalten zu 40 Zeilen, ist als
Einband zu 'F. A. Sasbovt, in Esaiam proph. commentaria, opera & industria
Com. Verbvrch Delphii in lucem edita. LovaniaB 1558.' 4. verwendet. Die
ersten lesbaren Zeilen sind (Renner 11064 ff.):
wie brimnen springen vnd vögel singen,
wie hlu*men in mamger varwe uf dringen u. s. w.
Das Bruchstück aus Iwein ist sehr schön und was mehr ist höchst
correct, jedenfalls in der ersten Hälfte des 13. Jahrh. geschrieben. Das be-
weist unter Anderm die eigenthümliche Gestalt des z : %^ eine in Hand-
schriften des 12. oft, im 13. Jahrh. nur selteü mehr begegnende Form. Der
Text zeigt, wie das erste Bruchstück, die meiste Übereinstimmung mit ß,
die nun A gegenüber nicht mehr so verwaist dasteht, wie früher. Ich
halte es für zweckmäßig, auch hier auf die Parallelstellen im Einzelnen hinzu-
weisen.
Noch will ich bemerken , dafi zwischen dein ersten und zweiten Blatt
vier Blätter oder zwei Doppelblätter mit 194 Zeilen (eigentlich beträgt die
Zahl blos 192 Verse) fehlen.
V or iamer def wundert mich. 1*
4950. V van ez ift gnf c isemerlich.
S vf f^rte er fi fvr daz bvrgetor.
d a horten fi in rf fen vor.
e r hienge fi alle viere.
0 b man fi niht fehlere.
4955. • M it ir fwefter lofte.
D 0 fp"ch der fi da trotte,
der riter der def levn pflac.
d eifwar herre ob ich mac.
i ch ledige vnfer gefellen.
4960. G ot fol difen vellen.
e r ift ein vnbefcheiden man.
V il harte fterket mich daran,
i wer reht vft fin hochfart.
d az div ie fo groz wart.
4949. Tor = BDh. — 4950. gnyoc = i?. — 4964 = BDb. — 4958. deiswar = BDh. —
4959. ledige ynser gefellen -=3.
BRÜCHSTOCKE AUS IWEIN UND DEM ARMEN HEINRICH. 345
4965. e rne kan fich lafterr niht gefchamen.
d az er fi ir gebvrt yfi ir Damen.
n iht kan geniezen lan.
s waz fi im leidef beten getan.
i chn fol deheinö riter fchelten.
i edoch mf z er engelten.
4970. 8 iner vngewizenheit.
d eilWar mac ich ez wirt im leit.
e r het in kurzen fbvnden. V
d en heim vf gebvnden.
4976. V n waf fchiere bereit.
d az lerte in div gewonheit.
8 in orf fach er bi im Ilan.
V fi hiez die brvcke nider lan.
e r fp"ch diz fol fich fcheiden.
4980. V nfer einö ode vnf beiden.
n ach fchaden vfi nach fchanden.
i ch getriwef mine banden.
d az ich fine dro genider.
d eifwar er mf z iv wider.
4985. i wer fvne gefvnde gebn.
0 de er benimet mir daz lehn.
8 wederz der fol gefchehn.
d az hat man fchiere gefehn.
S vf waf im aü den rifen gach.
4990. 8in lev folget im allez nach.
a If in der rife chomen fach.
d az waf fin fpot vfi fp^ch.
o we ir vil tvmber man.
V vaz nemet ir ivch an.
4995. d az ir aif vngerne lebet
v fi fnf nach dem tode ftrebet.
5191. z allen ziten an fach. 2*
V ft ir 8ch cefrSwen iach.
4965.gerbham6ii = ^. — 4968. deheinen=: j?. so ist (mehÄUest unverkOrst neheinen),
<2. A. mit vi&r Hebungen, zu lesen, der folgende Vers hat bloss drei, wie oft bei Hartmamnt
^Lenn die Behauptung Laehmanns, es sei „für eine Eohheii jgu achten, wenn Zeilen von
drei und vier Bebungen klingend auf einander gereimt werden** ( Wolfram S, XIV), ist eine
go/nz falsche und unbegründete : ^aUe Dichter, ausser Gottfried und seine Anhänger, haben
sich solche Versbindungen gestattet, am meisten, wie ich später zu zeigen hoffe, Wolfram.
— 4969. maoz ei^BBb. — 4971. deiswar = J?Z>. — 4975 = ^06. — 4983. 84. =Ä
_ 4986. = BD, — 4987 = BBb. — 4996. alf = Ä — 4996. = BEb.
346 FBAKZ PFEIFFEB
V il Tchiere Tach er fi fitzen.
V ö waf von finö witzen.
6196. y il nach chomen alf e.
V vande fi fagent ez t^ we,
s wer fine herzeliebe bi.
a IT gafblichen fi.
n V begvnder vmbe fch6wen.
6200. V n fach vil ivncfrSwen.
d ie ir gefindef waren.
d ie begvnden gebaren,
h arte cisegelichen.
V n baten got den riehen.
6206. s i Tp^chen got herre.
V vir biten dich vil verre.
d az dv vnf recheft an dem.
d er vnf vnfer gefpiln nem.
V vir heten ir frvm vü ere.
6210. n vne habe wir nieman mere.
d ,a er ce kemenaten.
G etvrre umbe vnf geraten,
d az vnf min frSwe iht gf tes t?.
a If beide fpate vü frf .
6216. d iv gftiv Ivnet.
V nfer liebiv gefpil tet.
D iz machte im den mf t.
ce vehten ftarch vü gf t.
V n reit dar da er fi fach.
6220. e r hiez fi vf ften vü f"pch.
F r8we nv ceiget mir die.
d ie ivch da kumbernt fint fi hie.
V ü heizet ivch balde ledec lan.
0 de fi mf zen von mir han.
6226. d en ftrit den ich geleifben mac.
V ü fin lev der fin phlac.
d er gehorte fchier finö haz.
V ü trat 5ch hin naher baz.
N V waf div reine gf te magt.
6230. von forhten alfo gar verzagt.
5197. herzeliebe = Ä — 6198. als = J?. — 5204. und baten = 56 — 6208. p^^
= Bb. — 5210. habe = ^. — 6212. = JB. — 6216. geljpü = BDbd. — 6217 = Bl -
6228. balde = Bh, — 6226. = BDa, — 5227. geborte = £6. — 6218. trat euch hin = ^•
— 6230. als = BDh.
BRUCHSTÜCKE AUS IWEIN UND DEM AHMEN HEINRICH: 347
d az fi vil kvme vf gefach.
d 0 geyie fi kraft y& fp^cb.
h erre daz vergelte iv got.
der weiz wol daz ich difen fpot.
5235. V A dife fchande dvlde.
a De alle mine fchvide.
V n bite def vnfern herren.
5238. d az fi iv mf zen werren.
II. DER ARME HEINRICH.
W. 646. vn lanc lip vf d' erde, dv ieheft dv welleft 1'
din leben, dvrch vnfer beid* firowede
geben, dv wilt iedoch vnf beiden, de
leben vafte leiden, de din vat* vft ich g*ne
leben de ift dv(rch d) ich *. waz fcholte vnf
lip vft gvt. waz fcholte vnf werltlich
mvt. fwenne wir din enbseren. dvne
Colocz. Cod. 640. 41. wefen gvt. fo fcholt dv rede vft den mvt 2'
671. feie vft einen fchonen lip. mich lobet man Ib
vft wip. alle die mich fehende fint. ich fi
de fchonefte kint. de fie zir lebene haben
gefehen. wem fcholte (ich) * d' gnaden iehen.
niewan iv zwein n(ach) ♦ gote. def fchol
ich ze ivwerem geböte, iem vil g'ne
680. fban. wie michel reht ich def han.
694. in minen ivngen tagen, mir die finne 2**
827. wen fi och ze vil. wie g'ne ich iv def volgen 3'
wil. de ich iv trivwe leifte. mir felber doch
die meide, weit ( ) * wenden min heil.
fo laze ich ivch ein (tei)l *. e nach mir ge.
weinen, ich enwelle mir erfcheinen.
wef ich mir fchvldic bin. ich wil iemer da
838. hin. da ich volle fröwede vinde. ir habet 5ch
850. d' tot gefchiht. de enlat dich niman 4'
fehen. ez fchol ze faleme gefchehen. da fchol
5237. bite def Dd,
* Loch un Feigament.
348 TRANZ PFEIFFER
860. den erzeigen kvnde. dechein 3*
zvDge in kindef mvnde. fie iahen de d'
volleift
. , . . . fante
u^agen lue, vft in die wifheit lerte . . .
er ze gote kerte. ßn
871. fichbedahte
885. mW vor leide. M gefazen fie beide . . . ec 4'
vn vnfro, vnz de fie fich be
Vier Pergamentstreifen, vonHrn. JodokStülz, reg. Augustinerchorherrn
zu St. Florian, auf dem Deckel einör Handschrift dieses Klosters entdeckt,
abgelöst und mir zur Mittheilung in diesen Blättern freundlich überlassen.
Die beiden größern Streifen, zu je sieben Zeilen, sind aus der Mitte zweier
verschiedener Blätter herausgeschnitten, die zwei kleinem, mit einer und zwei
Zeilen, gehören dem untern Rande jener beiden Blätter an. Es lässt sich
desshalb mit ziemlicher Sicherheit berechnen, daß auf der Seite des vollstän-
digen Blattes 21 — 22 Zeilen mit 29 — 30 Versen gestanden haben. Die
Blätter waren einspaltig, und das Format der Handschrift wird ein zierliches
Klein- Octav gewesen sein. * Beim Ablösen haben die Rückseiten der
Streifen 3 und 4 leider dergestalt Noth gelitten, daß zuerst von der Sqhrift gar
nichts mehr zu lesen war. Durch Anwendung des Giobert'schen Reagens
gelang es , einige Worte , wie sie oben stehen , zum Vorschein zu bringen.
Das nicht mit voller Sicherheit zu Lesende ist mit liegender Schrift gedruckt.
Der Verlust dieser guten und alten Handschrift ist, in Anbetracht der
dürftigen Hülfsmittel, die für den Armen Heinrich zu Gebote stehen , höch-
lich zu beklagen. Daß die Handschrift alt ist beweisen außer den sorgfalti-
gen reinen Sprachformen auch die Schriftzüge, die in den Anfang des
13. Jahrh. fallen. Besonders sind zwei Buchstaben der Erwähnung werth.
Zuerst jenes alterthümliche, dem ^ ähnelnde z, das sich nur in Handschriften
aus dem 12. und aus dem Anfang des 13. Jahrh. findet, und dann das oben
mit dem d verschlungene e, welches ebenfalls dieser Zeit angehört. Beide
Buchstaben, die hier im Drucke nicht wiedergegeben werden können , finden
sich abgebildet in Benecke's Vorrede zum Wigalois S. XXXIV. Jenes z
erscheint V. 675 zir lebene^ 677 zwein, 827 ze vü, 832 l(ize, 852 ez schol,
861 erzeigen, 863 zvnge, 868 ze gote, an den übrigen Stellen hat dieser
Buchstabe die gewöhnliche Form : z. d findet sich V. 646 erde, 673 sehende,
2' rede, ^yi fröwede vinde, 885. 86. leide : beide. Außerdem ist, und zwar
ebenfalls als ein Merkmal von Alterthümlichkeit, noch zu erwähnen das
Abkürzungszeichen — statt ' für er in V. 651 vat— und 679 tein.
So gering diese jämmerlich verstümmelten Blättchen an Umfang auch
BBUCHSTOCKB aus IWEm UND DEM ARMEN HEINRICH. 349
sind» etwas lassen sie ans doch deutlich erkennen, nämlich: dafi wir trotz
der vereinten Bemühangen ausgezeichneter Kritiker weit entfernt sind,
das schöne Gedicht in seiner ursprünglichen Gestalt zu besitzen , gewähren
doch schon die wenigen Zeilen eine auffallende Menge abweichender Lesarten,
die nicht nur dem Echten näher stehen als einer der bisher aufgestellten
Texte, sondern, wie das Alter unserer Handschrift erwarten lässt, das Echte
selbst bieten. Bekanntlich haben sich vom Armen HeinriclTblofi drei Hand-
schriften erhalten: die Straßburger (Johanniter Bibliothek A. 94), die Heidel-
berger (Cod. palat. 341) und der Coloczaer Codex. Die beiden leztern
haben, Einzelheiten abgerechnet, nur den Werth Einer Handschrift, die das
Gedicht überdieß in einer, bald erweiternden, bald verkürzenden Überarbei-
tnng enthält. Die kritischen Herausgeber waren daher vornehmlich auf die
Straßburger Handschrift verwiesen, die aber, wie sich nun erst recht heraus-
stellt, ebenfalls voll willkührlicher Änderungen und Entstellungen ist. unter
diesen Umständen müßte die Auffindung einer vollständigen dritten Hand-
schrift für die Herstellung eines echten Textes von unschätzbarem Werthe
sein. Einstweilen geben unsere kleinen Bruchstücke, freilich fast mehr durch
das was sie andeuten, als das was sie, in ihrem verstümmelten Zustande,
wirklich leisten, beachtenswerthe Fingerzeige, indem sie uns. erkennen lassen,
daß die Überarbeitung dem ursprünglichen Text oft näher steht als die
Straßburger Handschrift. Eine Erörterung der einzelnen Stellen wird diese
Bedeutung ins rechte Licht stellen. Ich eitlere nach der Verszählung in
W. Wackemagels Ausgabe (Basel 1858, kl. 8.).
.646 lanc Up] lange leben A, ein lano leben B. lancUp ist gewiss die
ältere echtere, V. 1514 auch in A erscheinende Form, und danach wäre auch
V. 712 Icmcleben in lancUp zu ändern, wie Haupt im zweiten Büchlein 116,
wo die Handschrift ebenfalls langUben bietet, gethan hat. — 647 ieheat
fehlerhaft für gihest wie B liest, A spricJiest — 648 durch] unib AB. —
beider = A^ zweier B. — frowede'] alterthümliche , auch der alten Heidel-
berger Handschrift des Iwein (A) eigene Form, so auch 837 iahd. fratjuida);
fröide A, vreude B. — 649 iedoch] zeware A: do mite wilta uns
h. B. iedoch ist hier die allein richtige Lesart, als Gegensatz zu der vor-
hergehenden Zeile: du sagst, du wollest dein Leben um unsrer beider Freude
willen hingeben» im Gegentheil, du willst uns unser Leben betrüben. —
651 daz din vater unt ich] genau so auch B, während A w(m daz dtn vater
unde auch ich liest. — Nach 652 weichen unsere Bruchstücke von AB völlig
ab, es ist aber nicht leicht zu erkennen ob diese vier Verse an die Stelle der
in AB unmittelbar folgenden getreten, oder ob sie in diesen ausgefallen sind;
wahrscheinlich ist indess das Letztere der Fall, indem 8 Zeilen mit 13 Versen
fehlen und diese Lücke durch B, die hier, wie sich gleich ergeben wird, mit
unserer Handschrift stimmt, gerade ausgefüllt wird. Der unvollständige
Vers mag etwa so gelautet haben : dune seit uns sua niht ewasren^ sondern
360 FRANZ PFEIFFER, BRUCHSTÜCKE AUS IWEIN UND DEM ARMEN HEINRICE
da sollst meine liebe Tochter, unsere Freude, unsere Liebe, unser Licht,
unsere Augenweide etc. sein.
Nach 662 hat B noch folgende Verse:
mltu uns, tohter, weaen ffuot,
s6 8oltA [die] rede und den muot
durch unsers herren hulde län
die ich von dir vemomen hdn.
Die beiden letzten dürften umzustellen sein. In der Ausgabe der Brüder
Grimm S. 73 werden diese Verse unbedeutend genannt , dieser Ansicht moß
auch Haupt gewesen sein, da er sie nicht einmal einer Stelle unter den Les-
arten werth hielt Sie waren aber, wie man sieht, auch in unserer Hand-
schrift enthalten und sind ohne Zweifel ßo echt als irgend ein Vers iiii
Armen Heinrich.
673 und aUe AB; und steht liier ganz überflüssig, eben so sprechentA
in der folgenden Zeile, oder daz (ich st), wie B. liest. — 675 zir lebene] zer
werlte A: ie B. — 677 mewari] me dan A; itran uch beiden neheet gote B.
— 678 Statt des hat A der, doch ist es wohl nur ein Lesefehler. — ze\
nach A. — - 679 iemer] iemer me A. — 680 des] d* zuo A.
827 ri ouch] ist ein teil A. — 828 wie fehlt A. — 830 wwV] und wir L
— 832 iuch vil liht ein teil A, zwar ich laz ucK ein teil B. — 835 mir
Setter seh. AB. — 837 volle = B, ganze A. — 838 h(d>et ouck] höhet
noch B. hamt doch A.
Nach 852 folgen in A noch zwei Verse
dd sol uns viere der tSt hesen
von der hellen und von den geisten boesen,
die Lachmann , wohl wegen des zweiten Verses und weil sie mit dem un-
mittelbar darauf folgenden Verspaar auch in B fehlen, ausgeworfen hat.
Darin sind ihm alle spätem Herausgeber gefolgt. Sie standen aber, wie die
zwei Worte da schol lehren , auch in unserer Handschrift und sind daher
gewiss echt, wenn schon der zweite Vers vielleicht anders gelautet haben
mag, etwa von den hellegeisten boesen, denn die Nachsetzung des Adjectivs
ist unbedenklich, vgl. Erec 1821 daz er sinen sweher alten \ zweier kiuser
lieze walten.
862 dehein] deheine B, kein A. — 870 sich bedahie] dieser Lesart scheint
sich die von B zu nähern : si bedahten sich, A liest und ddhten. Das Übrige
bietet der unsichern Lesung wegen keinen Stoff zu weiterer Besprechung.
Der wirkliche Gewinn , der aus unsem Bruchstücken für den Text des
Armen Heinriph erwächst, ist, wie schon bemerkt, allerdings kein sehr großer;
der neckische Zufall lässt sie fast immer gerade dort abbrechen , wo erst
voller Aufschluß zu erwarten wäre. Das aber wird zugegeben werden müften,
daß ihre Lesarten überall vor AB den Vorzug verdienen.
FRAN^ PFEIFFEB.
JOSEPH DIEICER, KLEINE ]£ITTHEILUN6EN. 351
KLEINE MITTHEILÜNGEN
VON
JOSEPH DIEMER.
1.
BRUCHSTÜCK EINES AHD. GLOSSAR S AUS DEM K. JAHRE.
Ein kleines Oktavblatt anf feinem Pergament ans gleicher Zeit, dessen
Mittheilang ich der frenndlichen Güte des hochw. Herrn Bibliothekars im
Stifte Melk, Theod. Mayer, verdanke (vgl. meine Beiträge ThI. 2, 88). Auf
der ersten Seite Z. 3 befinden sich die Worte : 'In libro Comite', was schlieBen
lässt daß diese Glossen zn dem Liber Gomes gehörten. Es war dieß eine
Sammlung von Lesestücken aus allen Theilen der h. Schrift, eine Art
Lectionarium, wie unser Etrangelienbuch , ans welchem der Geistliche an
Sonn- and Feiertagen in der Eircbe den Gläubigen einige Stücke vorlas und
Manches ausf&hrlich erklärte. Von dem 'Liber Gomes' bestanden nach den
verschiedenen Ländern auch verschiedene Recensionen, eine römische, eine
gallikanische und eine spanische, deren Inhalt in F. H. Rheinwald^s Kirch-
licher Archäologie, Berlin, 1830, S. 442 ff. zusammen gestellt ist. Die
älteste soll der h. Hieronymus geschrieben haben, was sich jedoch nicht
streng beweisen lässt Für jeden Fall ist das Buch sehr alt, denn schon
Karl der Große ließ es im Jahre 797 einer neuen Durchsicht unterziehen und
anf dem Concil zu Aachen vom Jahre 802 wurde den Geistlichen auf das
Strengste lefofalen, es zu lesen und zu studieren.
Die lezte Redaction hat wahrscheinlich Alcuin besorgt. Es lässt sich
dieß aus einigen Versen vermuthen, welche sich in der Ausgabe von
dessen Werken durch Frobenius den Abt des Stiftes St. Emmeran 1777,
Bd. II, pars IL p.612 aus einer Regensburger Handschrift des IX. Jahrh.
mit folgender Überschrift abgedruckt finden: 'Versus ad librum qui Gomes
dicitur, quem Alcninum pariter scripsiffe quidam memorant.
Ad librum Comitis.
Inchoat hie Comes in Christo cognomine codex
Festa ministerii sacri solemnia complens,
Annua flanmiivomi redeunt dum temporax Phcebi.
Catholic» ecclesiaB roman» jura retexens
Ex ortu innitens Domini nascentis in orbe
Atque ad «eundem iterum pertingit rite recursu.'
Die Glossen selbst reichen auch in die Zeit Alcuins Unauf , was schon
ans den darunter vorkommenden Dativen pl. aufm hervorgeht, z.B.forprohr-
hanem dismptis; forduu/Uem augom, depressis luminibus. Um Vieles
362
JOSEPH DIEMEB
jünger sind die Tegernseer, Salzburger und Monseer Glossen. Vgl. Weite-
res über diesen Gegenstand:* Rudolph von Baumer, Die Einwirkung des
Christenthums auf die ahd. Sprache. Stuttgart 1845. S, 221. Binterim,
Denkwürdigkeiten d. christkathol. Kirche. Mainz 1827. IV. I. S. 230;
Augu^ti's Denkwürdigkeiten aus d. christl. Archäologie. Leipzig, 1821.
4, 271. und Ed. Reuß, die Geschiphte d. h. Schriften N. T, Braunschweig,
1853. S. 365.
Erste Seite.
Deficienf,. camodenti,
DefluxiiTe,
INUBROCOMITe,
Deligatum
Diffipatarum
Dudum aer
Deuotare
Decurio
Difcolif. unfempften
Dipondio
DecoUauit,
Decapoleaf
Difceffio, aplit,
Delibor
Deuotio, urteilida
Defertur,
Defraudaui,
Dragontopede,
Deplere^ euacuare,
Deplet, euacuat,
Decipula, laqueuf
Demon, fciuf quia scientia inflat,
Difcrimen, difcretio vel periculum
Difcrimina, milTalihu, vel diuverfa,
Difiunctü, zafceidanan
fori faran,
Deni zehani,
tiurlihan,
zafpranctero,
edo forin,
anachundeon,
zehanzoherofbo,
DifpTit, zateilit,
demo kauuage,
piftum pl6ta
zehan purgeo,
Diluuii flooti,
pim gaoffarot,
Difcretore. urteillent,
ift katragan
ih pilimeta,
homo eft qui caudü habet draconif,
vel exinanit,
edo falla.
Dedicant,
Difparuit, arfuant,
Diftrictum
[precefjfor
Difcerpi
DeliberaCTe,
Difruptif,
Diriguit,
Zweite Seite.
kahelizzant,
Deriuare, rinnan,
ftarchan ,
foragengeo,-
forflizan,
kamahhon,
forprohhanem,
kaftarchetay
KLEINE HITTHEILUKQEN. 363
Damnationem , nidari ,
Dilatio, altinod, Difcernar, zafceidiT,
Diftiüctio iir[t]eilida Deprimunt, forduhent,
Difiblntione , zalofida.
Difcreuiirey zaarteillenne,
Deliberatam kamahotan«
Dep'llir luminib ; f ordnuhtemaagom ,
Defolationem zalaofida,
Diftrictiuf, ftarchor,
Difparatai; kaurauanter ,
DilTerenf arfkeindanti ,
Dioceß pifcoftSm,
Difparuit, kauracta,
2.
BRUCHSTÜCK EINES UNBEKANNTEN GEDICHTES AUS DEM Xffl. JAHRH.
Ein Pergamentblatt in Folio aus dem 14. Jahrh., das im Benedictiner-
stifte Melk von einem Bachdeckel der dortigen Bibliothek abgelöst wurde.
Jede Seite hat zwei Spalten mit je 46 Versen; nur die erste ist noch zu
lesen, die zweite aber so abgewischt und verstümmelt, dafi man meistens nur
einzelne Wörter ohne Zusammenhang herausbringen kann , weßhalb ich hier
anch nur die erste Seite mittheile. Das Bruchstück scheint entweder zu
einem der verlornen Alexanderlieder oder zu einer Weltchronik zu gehören.
Vorderseite, erste l^alte.
Hamafch von richer kofbe
nach fevres varbe glolte
Daz der werde an [im?J fvrte
daz ors mit kraft er rvrte
6. Vf den vnverzagten helt
des ors mit I)prvnge maz daz velt
Alda fach man die vieren
fvnder feilieren
Beider fit vertvn die fper
10. mit tyoft nach werder ger
Daz fie doch bede befazen
ich wene fie niht vergazen
Die fwert fach man fie ziehen
ir deheiner wolde fliehen
15. Mazevs was zv ftrite klvc
Der furfte an fchilde vf helme trvc
I. 23
354
JOSEPH DIEMEB
Bely der Babylone gat
dem lener fwere flege bot
Ir beider hamafch daz was got
20. des bliben vor wunden fie behvt
Waz fie vor tevrer koft bevienc
dar vber der beide fbrit gienc
{D]ife bede manheit riebe
vahden vil menliche
26. Vf ficb ir vngefvegez bem
[Do] fach man wol in beden hern
Ir ftriten lange het gewert
ir fchilde ir helme waren verfcbert
Ir kleinote rieh verferet '
30 dem dar ab gederet
Verhowen gar [die famet tevre]
nach im flegen fach man fevre
der hohe erUieken
vz ir hehnes randen dicken
36. Wie fol ich den beiden
vnde den kriechen gefcheiden
Sint ir deheiner wil verzagen
vnde fie doch folden wider Tagen
Jeflicher in fin felbes her
40. der veinde gelege vnde ir wer
Sie waren beide mvde vil
dem Babylon daz fwert enphil
Von vberfiage daz gefchach
do daz Evmenido gefach
46. Er l^rach neme ich ev nv den lip
fo flvge ich als mer ein wip
Vorderseite, zweite Spalte.
Nv wirt hie ftriten gar gelan
gvten rvm fvet ir han
Daz evch die wer werde wider
60. die mine lige ouch da nider
Ob ir fo von mir wurdet erflagen
des mvfte min werdicheit verzagen
Do ,daz der Babylon erfach
ZV dem krieeben er fpraeh
66. Ich danke dir menlicher helt
min leben zv tode was verfelt
KLEINE MmHEILüNGEN. 355
Des mich dm manheit hat begeben
ich Fol nach dime gebot leben
Nv ße gar prifes gewin
60. vnde ovch der fick^gantzer din
Den mit ellenthafter tat
din hant an mir erltriten hat
Wizze des höhet ßch din pris
fage mir herre wer dv fis
66. Dvrch dine menliche werdicheit
ift dir bereit min ficherheit
Er f)prach ich heiz Enmenido
vnde habe niht geworben fo
Daz ich zv prife [h]abe phliht
70. des mir euwer [zuhte] vergibt
Ovch fit ir dez von mir erlan
daz ich von ev wolde enpfan
Riecheit die ir bietet mir
die wil ich daz ir
76. - Von mir alhie enphahet
vnde des balde gahet
Ja hetet ir helt mit gewalt
fig vnde pris an mir bezalt'
Des ich evch ficherheit wil iehen
80. Wer der val niht gefchehen
Alfo bin ich vor ev genefen
lat mich enwer dienest wesen
Des dvrfb ir evch nimmer gerchamen
ich wefte ovch gerne euwem namen
85. Er fprach wer mich kennet
Mazevs er mich nennet
In Babylon ich vogt bin
herre wen ir komet da hin
Da wirt iz evch wol erboten
90. des fwnr der herre bi finen goten
Da wart ein fvne vnder in getan
da mit fie kerten von dem plan
3.
BRUCHSTÜCKE DEITTSCHER GEBETE AN DIE H. DREIEIKI6KEIT.
Zwei Pergamentblätter in Dnodezformate, deren oberer Theil weg-
geschnitten wurde, ans dem 14. Jahrb., erhalten von Herrn Gymnasialdirector
23*
356 JOSEPH DIEMER
des Benedictinerstifbes Melk,' Theod. Mayer. Die Verse sind anabgesetzt, die
Überschriften roth und die Strophenanfange mit rothen Buchstaben ge-
schrieben.
BI. r. wol
Do von dir niman ligen fol
Kieman dich betrigen mag
Dir iil die vinller als der tag
5. Dein craft ift groz lanch vnd breit
Tief. höh. als die fchrift feit
Nieman dine Iltige chan
Ervehten weder tier noh man
Mane fvnne planeten ganch
10. Vor [dir chvnjnen chainen wanch
Namen vnd [au]ch der ft'nen zaL
Die waiftu h're wol vb'al
Von den dementen vier
Du haft befchaffen menfch vnd tier
16. Toet vnd leben in dein gebot.
Slot gar hilf mir herre got
Daz ewige leben erwerbe da
Da nieman fiech wirt chranch noch gra.
Einer ift reich der ander arm
20. Difem ze ehalt und dem ze warm
Difer fpart fo iener zert
Der dritte noh dem gewinne vert
Difer weint fo iener fiDget
Difer wenchet fo iener fpringet
25. Einer ift iunch der and' alt
Die flnt alle in deiner gewalt
In vier zeit geteilet ift
Daz iar auch des du meifter bift.
Dem tage div fvnhe geit daz liecht
30. Der naht d' mane vnd anders nicht
La mich daz ewige liecht da hau
Da dich die engel fehent an
Bl. 1\ ... gar Hn hertz lat.
In deine gnade vnd deinen rat.
35. Heile mich mein hertz ift chranch.
Richte ebne werch gedanch
KLEINE MITTHEILÜNGEN. 357
In (Saiden han ich mich y*legen
Do ich folde in deinen wegen
Deinen willen ervollet han
40. Gein mir foldu zorn lan
Herre chrift vnd gib mir rat
Daz ich diene der trinitat.
Von dem fun. (roth.)
Alliv creatnre ir reht.
Beheldet gar fon ift niht reht
45. Der menfch dir durh dein leben.
Hie wart in den tot gigeben.
Dn geift fprache gehoevde chvnft.
Der werld grvz der engel gvnfl.
Ich bin riech du gift gefvnt
50. Ich c^an niht (]prechen dv geifl mtt
Mich durftet fer dez wazzers leben.
Daz da haft daz foltn geben
Meiner (ele div fenet fich
Noh dir herre nv mache mich
' 55. Reine von fvnden vnd vri
Daz ich lobe div namen dri.
D^z ift von dem fnne. (roth.)
Herre dein wäre menfcheit
Hat ze neven mich gefeit
Dir ih bin chriften du bift chrift
60. Ich bin chranch du chreftich bift
Dein tauf dein chreutz dein bitter tot
Brohte mich von d* helle not.
Du bift ....... .
Bl. U*. .... hilf mir daz dar.
65.' Da ich fehe der engel schar
Vngeteiltiv vnitas
Vnd die hohiv trinitas
Der engel forme def menfchen troft
Hat von panden vns erloft.
70. Hilf uns h're zv dir hin.
Da wir nut vf ouden ymmer fin
Da ift vroude an traurichait
Ganziv riwe an arebait
Immer leben an den tot
358 JOSEPH DIEMER
76. Da leidet xuman chainiv not.
Da ift liecht an vinfber gar
Dan wirt niman milTevar
Da ift ivgent vnd altet niht
Dan wirt niman von werche enwiht
80. Dan blichet niht div fchone da
Dan wirt nieman blint noh gra
Da ift aller wnnne vil
Mer dann ieman wunfchen wil
Div chain avge nfe vberfach
85. Noch nichain hertz nie gebrach
Da hilf vnB hin an chranchen Tarnen
Daz wir dich loben vater amen
Dz ift ain gepet von dem heiligen geifte. (roth.)
Ich bit dich herre heiliger geift
Wan du mich in fvnden weift
90. Daz da durh die namen dri
Mich inacheft gar von fvnden vri.
Dv erwlft gar die iungen gotes
Mit deinen gnaden deines gebotes
'L*er mih hie mit fleize phlegen
96. Gib mir helf zuht ... .
Bl. 11\ ... die zwelf von dir hant
Die da leTten vber die lant
Vrfprinch aller gnaden vol
Vertireip den dürft den ich dol
100. "Weiflieit gib dem hertzen mein
Daz ich erchenne die lere dein
Rehten glauben zuv'fiht
Vefte d' waren mynne phliht
Herre geift dem hertzen mein
106. Gerfche geben chvnft vnd fin
Lernigen fin daz ich onch mvge
Haben deiner zuht gehuge.
Der werld erlevchter njir vertreip
Des finnes vinfter vnd bleip
110. Bei mir mache mein hertze Jb^^r
Vor fVnden fvezzer herre gar
Sf z vnd weiflieit givz dar in
Zuht vnd diemvet fuln da fin
KLEINE MITTHEILIJNGEN. SS9
Von Mem meile wafche dein mvet
115. Vnd gib auch mir ein e^e gvet
Reiner gedanche minner her
Den mf t mit geilUicher 1er
Enzvnde vnd givz die falbe drin
Div heilet baz oel oder wein
120. Gib ein liecht der befcheidenheit
Mache mich deinem gebot bereit.
Ablaz der fvnden hoher geilt
Vmb üben gäbe ich aller meift
Flehe dich div Toltn geben
125. Gotes forhte vnd reinez leben
4.
DIE 6ÖTTWEI6ER ABSCHRIFT DES OTFRIED.
In seiner Ausgabe von Otfried*s Evangelienbuch, Einleitung S. 149, 150,
berichtet Herr Professor Kelle, daß nach der ausdrücklichen Versicherung
des hochw. Herrn Bibliothekars des Stiftes , Göttweig Gottfried Reichart,
keine Abschrift von Otfried*s Evangelienbnch in der dortigen Bibliothek vor-
handen sei, und daft somit Dr. H. Heinrich Hoffmann sich wenigstens im
Orte geirrt haben müsse, wenn er Fundgruben 1, 42 sagt, im genannten
Stifte eine solche mit der Bezeichnung G. 29 gesehen zu haben.
Die Sache klärt sich auf folgende Weise auf. — Ich habe bei meinem
letzten Besuche Göttweigs selbst die von Hoffroann bezeichnete Abshrift, so
wie auch eine gleichalte der Kaiserchronik nach der Münchner Hs. Codex
germ.37 aufgeftinden. — Bei der jüngsten Beschreibung und Umnummerirung
der dortigen Hdss. hat man es, wie dieß leider so häufig geschieht, unterlassen»
die alt^ Bezeichnung mit aufzunehmen und von ihr auf die neue zu verweisen.
Auch scheinen damals, als die Anfrage gestellt wurde, die neuern Hdss.
überhaupt noch nicht in den Katalog eingetragen gewesen zu sein, weßhalb
diese Otfned's nicht zu finden war. — Sie ist in kl. Folio, hat 62 Lagen, jede
zu 6 Bl., in der Mitte sind nach der 49. Lage, mit welcher Otfried schließt,
mehrere BL weiß. In der Lage 60 befinden sich Otfned's Dedication an den
Bischof Saiomon imd jene an den König Ludewig. — In der Lage 52 beginnen
'Emendationes in Otfridi theodiscam et metricam Evangeliorum paraphrasim
ex antiquisissmo et coevo fere codice Frisingensi coUata.*
Lage 57 bl. 5 eine genaue Beschreibung der Freisinger Hds., Lage 58,
aber auf drei Bl. althochdeutsche Glossen aus Tegemseer Hdss. des IX. Jahrh.
gedruckt in Docen's Miscellaneen und von Graflf bereits für den Sprachschatz
benüzt Hierauf folgt Lage 59 aus der Wiener Hds. CCXIV. Der Anfang
360 JOSEPH DIEMEB
des altern Physiologus 'de Leone & Panthera.' Fundgruben 1, 17. 18 und
endlich La'ge 60 und 61 in 12 Vi. ein niederrheinisches Sprachdenkmal aus
dem Ende des XII. Jahrh. , eine Abschrift der in der Hs. Nr. 426 (früher
B. 26) enthaltenen und von Hoffmann (alt. Blätter 2, 85. 86) schon
besprochenen „Minnerede".
DEUTSCHE PREDIGTENTWÜRFE AUS DEM
XIII. JAHRHUNDERT.
(S. 1.) brinnen muzen ewiclichen an ende. Dem tode ift dehein
ander tat gelich, er ift idoch allen fundern leider vilellicli. Alle die mich
heizent herre, chvt der heilige crifb, befitzent durch -daz niht daz himelrich.
Die dar chomen wellen die behalten minef uater willen. Wir hehsen got
herren vn ift daz billich, wir tun ez uon rehte wan er felbe ze unf gefprochen
hat. Ir heizent herre alf wol vbel Hute alf gute. Den vbelen ift unnütze wan
fi den willen finef uater niht behalten. Waz der wille finef himmelifchen
uaterf [sie] fi daz chundet unf der wiflage der [ze] unf fprichet. Ich chunde
dir menfch, daz er chut homo menfch. Da mit mant er unf daz wir geden-
chen waz wir fin. Homo ab humo dictum est. Er mant unf daz wir gedenchen
waz wir fin wanne wir bechomen ßn daz wir ze der bröden erden werden füln.
Vfi fprichet Ich chunde dir menfch waz dir gut fi. waz got ze dir uorderet.
ob du ez uerfumeft. ' Rehtez gerihte nim dich an ze dir felben vn fwa du
mugift oder fulift ze andern liuten. allen vliz diner arbeit chere ze got.
uon dem dir der arbeit werde gelonet. Verneme wir difiv wort daz wir fi
behalten mit den werchen. def mrt unf wol gelonet. Wir erwerben damit
die ewigen ureude. diu gegeben wirt ze einem lone allen den die fi vmbe fin
hulde in difem lebenne mit arbeiten uerdinent.
Dominica Villi Sedäi Lvcam.
Min V. 1. faget daz heil' ew ein bizeichen. Ez waf ein richer man der
het ein amman. Der wart im gerflget daz er fin gut ze uurecheret an finö
ambet. do fänt er nach im uü fpräch alfuf. Ich han uon dir uemom daz du
mir gefchadet habeft an minem ammet. Vü gebot im daz er im antwort uon
den ammet. daz er im beuolhen hete. Do fprÄch der amman. in finö hercen.
Waz fol ich nu tön. nu ich rede ergeben mVz» vmbe daz amment daz mir
beuolhen ift. ich han def niht gewont daz ich fchelclich werch wrche. fo
fchame ich mich fol ich daz almufen nemen. Ich han mir einef gedahte. daz
ich min ivnger die in mine ammet ßnt. e fo handeln wil. fwenne ich daz
amment ff gebe, daz fi mich behalten in ir hufe. Nach difen Worten ßUit
DEUTSCHE PREDIGTKfNTWORra AUS DEM XIH. JAHRH. 361
er nach finef herren fcholn. vn fprach ze einö. Waz folt du minö herren.
Ich fol im. hundert einher olef. (S. 2.) Do fprach der amman. Nim din
tanelen vfl fcrib fivnzec. Do fprach er ze dem andern. Wi vil folt dn mine
herren. Ich fol im hundert fchaf weizef. Nim din tauelen vn fcrib ahzec.
Ein fite ill in dirre werlt der lobelich ift. vfl ^rfam ift allen livten die den
mit libe lonent. diin mit triwen haben gedienet. Den fit habe wir ze einö
bilde uon got. der finen holden nach fin felbef gewizzen wol lonet niht nach
dem fit anderre livte, die der tngende. der hercen niht erchennent. Von im
ift gefcriben. Die liute lon[en]t nach ir gwizzen. diu uurbaz ninen chumpt
Diwan alf fi gefehent ufl gehorent. Got der lonet ouch nach finer gwizzen.
diu durch brichet di tilgende der hercen vn lonet ouch nach dem willen der
hercen. Nv ful wir wizzen wer den herre fi. vfl wer der amman fi. waz daz
amment fi da uon im gedienet fol werden. Daz ew git def urchunde er fi
ein richer man. vfl woPmag alliz daz wir mit dem libe vfl mit den finnen
eruarn mngen daz ifb alliz fin. Wer mag daz baz fin danne der herre der
gewaltic ift vber himel vfl vber erde, der den wiftfim ufl den rihto. finen
holden hat enpholhen. daz fi ze rehter zit nach finö willen im dauon dienen.
Wer fint fine holden, niwan di im mit triwen dienent. alle criften liute. Den
hat er gegeben finen rihtAm. die uon finen tugenten gönt. die fivnf finne die
er hat iglichem nach finen durften geteilet. Er wil ze allen ziten uon unf
nilliclichef dieneftef gwarten. Chere wir die finne ze tugenlichen dingen, fo
werde wir def vber daz wir im von menfclicher brode iht antwrten. Chere
aner wir fi ze unnutzen dingen, fo rofize wir im non fing ammet. von den
fivnf finnen die er unf enpholhen hat antwrten. Wenne ffil wir ze dem gerihte
ften. Swenne einef ieglichen menfchen feie, fich «on dem libe fcheidet. vfl
fwenne wir ze dem urteilichö tage, def uorhtlichen gerihtef ften muzen. da
wirt alliz daz ze unf geuordert, fwa wir unf nu an finö dieneft uerfvmen. Daz
gerihte eruorhte der amman. vfl waf dar nach gedenchende wi er fin dinch
nach finer gewarheit gefchaffen mohte. Er chut. Er weffe wol daz er nach
dem tode dehein fin geuure gefchaffen mohte. die wil im daz muzlich waf e.
der tag chome daz er nmbe fin unreht antwrten folt. do fchüf er fin dinch fo
urvmeclich daz er vor dem herren gelobet wart. Wi wir ouch unfir felber
dinch fchaffen fuln. daz hat er unf nach finen uaterlichen gnaden mit difen
Worten geraten. Er chvt. Er retet unf daz wir unf mit unrehtem gwinne
frivnt machen fwenne unf def libef zeririne. die unf ze den ewigen gnaden def
himelriches (S. 3) enphahen. Difiv wort ful wir rehte uerften ufl fuln def
niht wenen daz unfir herre unrehtez gvt ze eifle dieneft uon unf welle en-
phahen. Von finö gebot hat der wiflage gefprochen. Swer unferm herren
dehein unrehtez gvt ze einö dieneft bringet, daz ift imalfo widerwertich. fam
der ein chint ze finef uater angefihte erflehte. Vnrehtez gvt heizet er den
rihlfim dirre werlt. daz doch mit rehte gewnnen ift. ufl doch mit gitecheit
vfl mit angiften behalten ift. der mer geminnet wirt danne. got. vfl alle div
362 ' JOSEPH DIEMEB
lere di wir haben uon got. da uon wirt er vnrehter gewin geheizen. der Fol
zerteilet werden, vü fol den dürftigen dermit geholfen werden, daz fint die
frivnt der wir bedürfen. Wir bedorfen ir ze der feie, fi bedürfen unfer ze
' dem libei Ir gebet hat oach die crafb. daz ez die himel porten enfluzet. vfi
unf git di himelifchen herberge. Diflv dinch fint unf nur geleit ze einer lere.
daz wir ze allen ziten delte baz gewarnet (in. uü unferem herren tegelich
dinil erbiten. def wir im fchuldig fiu. von dem ammet daz er unf hat benolhen.
Nv fol er daran gedenchen daz er menslich brode wol erchennet. fwawiraof
uerfumet haben, da chom unf On gnade ze hilfe. daz wir im alfo gedinen
muzen. daz er unf mit den ewigen urouden Ionen müze. Amen.
Däica X. See. Lvcä.
Min V. I. unf faget daz heil. ew. daz wir hAte gelefen haben, ein iemer-
lieh mere. Ze einen ftunden do unfer herre ze irlm gienc. Do er die Itat
anfach. do begunde er ze weinen vfi fprach. Libiv ftat wefiif du daz ich
da weiz. du mohtift ouch weinen. Ez choment dine uiande mit vrloge vf
dich vü beützent dich, vft genotent dich. v& werfent dich ff die erde. vA
lazent ein Hein ob dem andern niht. M. v. 1. alle di ftet die unfer herre ie
gefchuf di waren im fo lip niht fo ierlm alf er wol erzeiget hat. Er wart ze
bethle^pi geworn [so] daz lit nahen dabi. er wart ze irim geuangen vfi
gemartert, vfl erftarb an dem cruce. vzerhalp def pSrgetorf. wan er die
ivden fo meintetich dvhte. daz fi daz vmbillich dvhte. ob fi in innerhalp def
pvrgetorf heten gemartert. Daz unfer herre vber die ftat weinet uü ir wiffaget
die creftigen not diu ir chvnftich waf. daz gefchach nach finer martir vber
zwei uü vierzec iär. do unfer herre got die zwelfpoten vü alle die an im
waren, zv im genumen het. vü dannoch di ivden die ftat befezzen heten.
mit ungelJben. fehte wa ein chunich der hiez uefpefianus. vü fin fun tituf.
von rome chom in daz ivden laut, vü betwngen daz vü elliv div caftel diu in
dem lande waren, div zeuürten fi gar. vü uerwftendazlantfärvnzev(S.4)an
ierltid. Do fi do hin chom. wan vmbe die ftat dri creftige mure giengen. do mohten
fi mit vrlSge dar zv niht getun. idoch lagen fi fo lange uor der ftat. vnze ß
fie erhungerten, wan da waf fo unmugeHch vil livte inne. ze einen oftem.
ob fi allef gutef ze vil gehabet heten. fi enmohten ez niht gegerbet haben,
da fturben die livte inne vor bofem fmache. vü vor grozzer hitze. Ze ivngeft
wart der hvnger fo groz. daz ein wip diu dar in chom waf. ir eigen chint äz.
Ze ivngeft di gwaltigen romer. ilSgen der luden fo uil. daz fi felben betra-
get vü leiten fi fo manige not an. daz unmugelich ze fagen ift. fi uerchooften
fi gelicher wif. alf di ivden unfern herren taten, vmbe drizec phenninge.
alfo uerchovften romer die ivden. ie drizech vmbe einen phennincg. So ge-
tan not fiden fi dar vmbe. daz fi unfern herren marterten. Do der alm. got
uor iamer alfo geweinde. vü der ftat alfo creftiv m6r het vor gefeit. Do
gienc er in daz tum. da vant er fitzen m&nzer vü wehfeler. vü chäflfer.
vü uerchoflfer. vü treip fi uflrder. vü warf den münzem. vü den wehfelßm.
DEUTSCHE PREDIGTENTWOBFE AUS DEM XIH. JAHRH. 363
ir taneln vft ir phenninge vf die erde, vii fprach. Ez ift gefcriben. Min hvf
fol heizen ein bethvf. daz habet ir gemachet ze eine hol der ehter v& fchacher
vft habet daz gotif hvf gemachet ze einö choffe hvfe. vn ze einem weher hvf.
Set. ieronimns fprichet. daz min trehtin die wil er hie enerde were dehein
zeichen fo grozez begienge fo an der ftat. daz er eine mit einer geifel fo
manig tvfent vz dem gotif hnfe treip. Do min trehtin fin hvf alfo norderlich
gereinde. do lert er in dem hvfe vü faget in daz gotif wort. Nv bitet in
wan wir an in niht gntif getnn mugen. daz er unfer lerer vfi anfer wifer fi.
daz nnf fin barmherce vfl fin gotlich gnade vor chom. vft nach chöm. daz
wir in find fcherme leben in difem libe daz wir den ewigen lip befitzen
mnzen.
D. XI. a Lv.
Die rede mit der unfer herre got diz ewnerendet hat. an dem er nnf die
heiligen demAt geraten hat wände er l)prichet: Omnis qni fe exaltat
Mit difen Worten retet nnf her faloili. daz wir unf ze der demute gehaben
mit wif liehen worten. Er fprichet zv nnf dem vbermutigen volge daz lafber.
der dem? tigef geiftef fi dem noige diu ere. Nv difin wort alfo geveftent ßnt
uon got nfi-onch non dem herren. dem er mere wiftumef gegeben hat danne
anderf ieman. fo fAl wir wizzen welch lafter der vbermute nolge. vn welch
ere der demöte volge. Der vbermSte ift daz ein lafter. Daz er ein fchalch
üt. def ledigen vjndef. der ein orthabnnge ifl aller ^
(S. 9.) under ftent. alf teilet der heil' geift witen fin gäbe in der men-
fchen herce. Diu ipeichel def heiligen gotif mandef. daz ift daz urön gotif
wort, def heiligen ewangelii daz got gefendet hat in dife werlt. daz fi (ich be-
cheren vfi bezeren uon ir milTetat. Do der Hohe man min trehtin zugeuflrt
wart, vft er alfo fine uinger liez in finiu oren. vfi mit finer ipeichel rfirt fine
Zungen, do fach er hin ze himel vfi rufte vfi fprach alfus ze dem fichen.
Effata .... Daz ift ein hebraifc wort, ufi wirt getutet tiffe. daz fprach er
bediu ze den oren uft ze der znngen. Zehant wrden def fichen mannef oren
offen vfi wart erlöft daz baut finer zungen. Daz min trehtin e er daz zeichen
tete hin ze himel fach vn fo zehert. da mit mänt er unf daz wir alle unfer
ahte hin ze himel rihten fuln. Do min trehtin daz lobelich zeichen alfo be-
gieng do uerbot er die ez gefehen heten daz fi fin iht gewogen, fo er in ie
mer uerbot fo fi ie mer predigeten fin lob ufi fin ere. ufi fine gnade ufi
fprachen alfuiü Dirre uil heilige man hat ellev dinch wol begangen, er hat
ungehomde gehomde gemachet vfi di ftummen fprechende. Mit difen dingen
daz min trehtin daz zeichen tet. vfi gebot daz man fin iht gewöge, vfi er
idoch fo ftarche uermeret wart da mit mänt er unf daz wir uon unfern tuge-
den uon unfern guten werchen nehein werlt rfime noch nehein lop gerne, wan
(Wer fin gfit git dvrch wertlichen rüm dem lont euch diu werlt vft hat daz
gotif lont uerlom. Nv. m. v. 1. alle uwer gutet alle uwer tugende cheret ze
dd himelifchen lone fo gewinnet ir lob heil, üft felde ze libe ufi ze der feie.
364 JOSEPH DIEMER
D. XIIL S. Ivca."
ünf Taget daz heil. ew. wie unfer herre got mit finen lungern libcbofet.
vfi fprach difiu ffizen wort zv in. Seiich fint diu 5gen diu daz fehent daz
ir fehet Do got hie in erde^was. do waren iuden ufi andeiTe Hute genüge.
die fahen an menfclichem bilde, un anderf uon im nihtweffen. noch wizzen
wolden. er en were alf ein ander man. der ogen heizet min trehtin niht
felich. Er meint der zwelfpoten ogen. die mit im zallen ziten giengen. uü
mit im azen die in uon munde ze munde urageten. den er ouch ff tet ellin
diu tovgen diu er uon fine uater uernumen bete, ze den fbunden ftunt eiu
ivden meifter vf un uerfuchet unfern herren mit difen Worten. Meifter waz
gefchit mir ze tun daz ich den ewigen lip befizze. Wi liltu an der e. Do
antwrt im der chunftige man. daz geblutet diu e. Dv folt got minnen uon
allem dinem hercen. von aller diner feie, uon allen dinen creften. uon allem
dine gjemute. un folt dinen neheften minnen alf dich felben. Do fprach unfer
herre ze dem iuden. Meifter du haß; rehte (S. 10) gantuurt. Nv tu daz falbe
un befitze den ewigen lip. Der iuden meifter wan im liber waf der werlt röm
danne daz gotif Ion. do begunde er ze uragen. Wer ift min nehfter den ich
minneu fol alf mich felber. Do antwrt min trehtin de hohuertigen urager
mit einem fchonen bizeichen da mit er in bewifet wer fin nehfter were. Ez
gienc ein man uon irflm hin ze iericho. vn chom geftozzen vf fchachere. die
in beroubeten allef finef gwandef. vn wndeten in fo fere daz in liezen unr
toten ligen. Do der arme man vnberucbet lac. du uuren zwen man iȟr in
hin uon der iuden lande: ein bifchof befunder. fin caplan dar nach. Der
enweder tet alf er den armen man fehe. vn uuren hin nur. dar nach uur da
hin uure ein man uon famaria uon eine uremden lande, vn fach den wnden
man vmberucheten ligen vn erbarmet fich vber in. vn ftunt abe fine roffe.
vn fatzet in dar vf vn uurt in ein hvfe. vn bant im fin wnden vn wfche im
fin wnden mit Avine. vn falbet fi im mit ole. vn enphalch in ein hüf. vn gab
dem wirte den fundern Ion. daz er ßn wol phlege. Waz duz fchone bifpel
bezeichen daz fvl wir iv mit gotif hilfe zerlofen. fo wir belle chunnen oder
rangen. Der man der uon ierlm uür hin ze ihericho. bezeichent heren adS
der der erfte man waf. den got nach im felber gebildet hete. vh in alfo ge-
fchaflfen het. daz er untotlich were. vn ouch ane funde were. Do der erfte
man mit der herfchefte. alfo vil- unlange waf. do mir er uon ierlm. Jerlm
vifio pacif. Daz quit. ein befchivde def uride£ von dem paradifo. von dem
hufe def himilifchen uridef. wart er uerftozzen der her adam durch fine vn-
gehorfä. vn uur ze einer ftat diu heizet iericho. daz wirt bedint. der mane.
un bezeichent dife werlt. Alf der mane ab nimet. alf nimet difiu werlt abe.
uon tage ze tage unze ir nimmer ift. Do der erfte man uon dem himelriche
uerftozzen wart, do geftiez er vf di fchacher. die fchachere bezeichen den
tivel. vn ßn here. die beroubeten den erften man finef gwandef, Wan fi im
abzvgen die ere der vntotlicheit. daz er un allez mannef chunne erfterben
DEDTSCHE PBEDIGTENTWOBFE AUS DEM Xm. JAHRH. 365
mvzen die felben vbele geilte wndeten ouch den man do fl in den tot an Tanten,
do Tanten fi in ouch manige fände an , der er e niht hete. damit er alf wol
an der feie erfbarb. alf an dö Übe. Do der arme man uon def tivelf reten
alfo geuallen waf. do chom nur in geuam ein ewarte v& ein leuite vz der
luden lande, di lizen den man alfo ligen. daz bezeichent daz diu alte e. vA
di wifTagen in der iudenfcheite. niht ze helfe chom mohten dem armen man
der uon flnen funden in di not chomen waf (S. 11) wan di felben di im da
helfen folden. mit femelichen funden beuangen waren. Ze iungelt chom ein
uremeder man der waf famaritan geheizen. famaritanus betdtet ein huter.
daz ilt der gotif f&n. v& der megde. Wan er der waf. der an funde waf fo
waf mngelich daz er dem chome ze hilfe. der uon def tiuelf rate fo fere
geuallen wa£ Der gotif fun bindet dem wnden man fin wnden fo er fprichet
[nemet] di riwe an ivch uA buzet uwer funde. Er giuzet den win in [die]
wnden. fo er dem funder zv fprichet Der boum der niht guten weher
bringet der wirt vz gef lagen vA wirt uerbrennet. Er falbet die wnden mit
ole. fo er daz gute wort fprichet Ez nahent daz himelrich. daz rof da er den
wnden man vf fetzet daz in diu heilige menfcheit wan er unfer funde trug
an einem libe an dem heiligö cruce. Nv. v. 1 wir haben iv gefaget wer der
nebfte fi. den wir minnen If In. alf unf felben daz ilt der alm. got der unf
erlöft hat von dem ewigen tode der feie. vA hat unf gegeben nach difem
libe den ewigen lip.
D. xiin.
An der epiftel diu hiüte ze gotif dinfb gelefen ilt. fprichet fct pauluf zv
unf gotlichiu wort, beheltet an unf broderliche minne. alf er daz gebot uon
got felbe enphangen hat. Mit michehr arbeit finef libef hat er im felben vmbe
daz himelrich geworben, durch daz gebot der heiligen minne. gan er unf ßn
alf wol alf im felben. Er retet unf ouch daz wir dar vmbe werben, daz wir
gewamet fin. ze einö vrlSge daz unf zu get. Ez ist daz vrlSge. daz wir
teglichef haben mfizen. mit dem leidigen uiande. vA ein iglich menfch mit
fin felbef libe. der widerbrohtige ilt. dem willen der feie. Welle wir unfer
dineh nu wol vberwinden. fo mfize wir ze ietwederin vrlSge haben ein
chemphen. ze dem leidigen uiant. den heiligen crifb. ze dem libe den willen
der feie, wan der ietwederz ilt mit mifieheUe. An dem willen zihent fi niht
gelich. an den reten fint fi ze allen ziten ungelich. Gvt fint di rete def
heiligen geiltef vnnutze fint die rete def leidigen niandef. N v f&l wir doch
dar uuden fin gewamet. wan unf ir ietwederre mit finem willen mänt. In
dem ante ilt ouch Iteticlich der lib. vA diu feie, diu feie gerte gotif Ulfe vA
fin hulde vA fachet felde vA ere. Der lip fuchet auer anderf niht niwan ge-
mach uA fin felbef gemdte. Nv retet unf fct pauluf. daz wir unf zu dem hei-
ligen geilte gehaben. vA dem leidigem mant ze find willen wider fagen. daz
wir Qolgen den tugenden der feie. vA widerften dem gemache def libef. vber
bore wir den rät ez chumt gewilllich ze un . . . en. (S. 12.) wir geuallen m
366 JOSEPH DIEMER, DEUTSCHE PREDIGTENTWÜfFE AUS DEM Xm. JAHRH.
den fibtuin der vnzellichen fanden daz wir angeneme werden allen criften
livten Yü den heiligen englen die unf ze gnozen haben wellent. ob wir nnf in
rehten dingen erzeigen. H^te^ fcribet unf daz heilige ew. daz unfir herre ze
ierlm närn wolde. vfi waflin geaerte durch zwo ilete di beide in felben be-
zeichent. diu ein finen namen diu ander die arbeit dirre werlt, di arbeit er
vber uarn wölde. Samaria cuftodia interpretatur , danne er famaritan' &
cultof humani generiü > Ein hdter der menfchen wirt er gäheizen. Galilea
bezeichent daz er alle arbeit dirre werlt vber uarn wolde. Wan er wart ge-
beizen ein huter der menfchen. fo wolde er mit dem namen vber nam alle di
arbeit dirre werlt. In dem geuerte begeginte im die liüte die fin bedorften
ze ir noten di milTelfuhtec waren, von den unzellichen funden. Si getorllen
ßch im niht erzeigen, uon uerren fteten li gnade fuhten. vfi fprachen alfoH
Jefu preceptor miferere nobis. Sie hizen in einen heilant aller dirre werlt
er were def gewaltic daz er fi mit eind werte fine gebot wol begnaden mohte.
an aller flahte arbeit. Alf er den globen uon in nemäm. do begunde er fi
mit finer erbarmede fie ze fehenne. vü gebot in daz fi fich zeigeten dem
ewarten. alf wir daz gebot an der alten e gefcriben vmden. Warvmbe fant
er fi ze den ewarten do er felbe def gewaltef waf. daz er an die ewarten fi
wol beruchen mohte. Daz tet er darumbe daz er finiv wort niht uerwandehi
wolte. diu uon fine gebot an der alten e gefcriben waren. Wir fuln def niht
wenen. ob wir fchentliche funde di wir begangen haben vor einö alter mit
riwegem hercen erclagen unferm herren mit dem willen daz wir unf der fun-
den enthaben wellen daz wir der fö zehant ledich ßn folt ez fo lin. fo hete
unfer herrre die fichen di den funder bezeichent. hin ze den ewarten niht
gefendet. di euch gefunt wrden. e fi ze den ewarten choäi. alf da gefcriben
ftet. Er ift def gewaltef daz er unf uon den funden an den ewarten wol be-
ruchen mach, er hat* doch den ewarten den gewalt uerlazen daz fi nach der
ahte der bihte handelent mit dem antlaze. vfi mit der buze. Mit michelr
girde def hercen bogen wir die funde welle wir die an werden, fo m4zeii fi
unf mit der bihte. vfi mit der buze fwere werden. Ez ift ein harte unfenftez
dinch ob wir andren liuten di funde lagen fuln. der wir wider unf felber
fchamen raüzen. daz wir fi geurumet haben. Nv wir auer uon got haben die
lere vö unf def niht irret niwan menfclich brode. die ruche er in linön gna-
den an unf uerwandeln. daz wir mit luterre bihte. mit rehter buze im hie fo
gebuzen daz wir reine vfi fchone mit im die ewigen fr5de befitzen mnzzen.
D. XV. S. math. Nemo poteft duobus dominis servire . . . Difiu vort
def heil. ew. diu wir hie uernumen haben diu fint niht ge . . .
Zwei Doppelblätter von Pergament in Duodezformate aus der Mitte des
13. Jahrhunderts , welche Herr Professor Dr. Constantin Höfler in der eiz-
FRAfiZ PTEIFFEE, ENTGEGNUNG. 387
bischöflichen Bibliothek zu Prag anffand und mir gefdlligst zur Benutzung
übersandte. Die Schrift ist sehr klein und oft kaum leserlich : der Text so-
wohl wegen der Darstellung als der reinen und oft seltenen Sprachformen
nicht uninteressant. Er läuft in Seite 1—4 und 9—12 ununterbrochen fort,
in der Mitte fehlen jedoch die innern zwei Blätter der Lage oder Seite 6—8.
Die vielen darin vorkommenden lateinischen Stellen aus der hl. Schrift, die
meistens nur durch die Anfangsbuchstaben der Wörter angedeutet sind,
glaubte ich föglich weglassen zu dürfen weil sie im Lesen oft nur stören, und
ohnehin jedes Mal übersetzt beigefügt sind. Nur die Abkürzung s für ^
und einige ähnliche wie sp'chet für fprichet, fp"ch för fprach, c'ift für Christ
habe ich aufgelöst, sonst ist der Abdruck genau nach der Handschrift.
JOS. DIEHER.
ENTGEGNUNG.
Das eben erschienene Heft der Zeitschrift für deutsches Alterthum 11,
238 — 243 enthält unter der Aufschrift „Nochmals über Freidank" einen
Aufsatz von W. Grinmi, worin derselbe ein paar in meiner Abhandlung
(Germania 2, 129 — 171) vorgebrachte Beweise und Ausfuhrungen zu ent-
kräften sucht Ich muß vorläufig auf eine Antwort verzichten : erstens habe
ich nöthigere Dinge zu thun , und zweitens verdrießt es mich, immer in das
nämliche Loch zu bohren und schon Gesagtes in anderer Form nochmals zu
wiederholen. Überhaupt scheint mir der Gegenstand erschöpft zu sein, es
ist für und wider die Hypothese genug gesagt, um Jedem ein eigenes Urtheil
möglich zu machen. Wie dieses sich schließlich gestalten werde kann ich
ruhig abwarten, bis jetzt glaube ich nicht im Nachtheii zu sein.
Jener Aufsatz enthält aber eine Stelle, die, wo nicht meinen Charakter,
doch die Wafifen, mit denen ich kämpfe, zu verdächtigen sucht, und daher so-
gleich eine Berichtigung erfordert
Nachdem W. Grimm (S. 242) aus seinen frühern Schriften einige Sätze,
in denen er Freidanks strenge Beachtung der feinern metrischen Gesetze be-
hauptet hatte, wiederholt, fahrt er ako fort : „Das kann sich natürlich nur
auf die metrischen Gesetze beziehen , die fitr das einfache Reimpaar bei den
guten Dichtem jener Zeit galten, und ein Missverständniss scheint mir nicht
mögUch. Dennoch hat ein unbefangener Forscher meinen Worten einen an-
dern Sinn zu geben gewusst Ich soll behauptet haben, der Bau von Freidanks
Versen sei strenger als das Volk und selbst die höfischen Epiker und sonst
368 HOmZ RODLER .
Didactiker ihn geübt , sei beinahe ganz so streng als in der Lyrik geregelt
Er hat sogar HäckcWn hinzugefügt, als seien das meine eigenen Worte und
Gedanken, und man könne sich auf die Richtigkeit seiner Angabe verlassen.
Daß eine solche unverständige Übertreibung mir nicht in den Sinn gekommen
ist, brauche ich kaum zu sagen. Nur wer nicht weiß , daß die metriBchen
Gesetze des Liedes und des einfachen Reimpaars verschieden sind, der
könnte auf den unglücklichen Einfall gerathen , diese nach jenen Regeln zu
wollen."
Ich werde hier mit unverhüllten Worten geradezu der Fälschung ange-
klagt. Gewiss war dieser Streich eben so gut gemeint als gezielt. Zum
Glück für mich hat W. Grimm, um einen Ausdruck des Mittelalters zu
brauchen, über houbet gevohten, er hat in seinem Eifer einen Lufthieb geführt,
oder daß ich mich richtiger ausdrücke, mir wähnte er einen TreflPzu geben,
er hat aber, zu seinem eigenen Schaden, einen Andern getroflFen : fatalerweise
gerade den einzigen Anhänger seiner Hypothese. Für die „unverständige Über-
treibung" wird sich an meiner Statt W. Wackemagel bedanken, denn von ihm
sind jene, wie sich's gehört, mit Häkchen versehenen Worte, sie stehen buch-
stäblich so in seiner Litteraturgeschichte S. 28L Daß diese Worte von
W. Grimm herrühren , habe ich natürlich nicht gesagt, das ist bloß eine , in
litterarischen Kämpfen wohl auch schon angewandte Kriegslist meines Geg-
ners, erfunden, um mich in Nachtheil zu bringen und minder aufmerksamen
Lesern Sand in die Augen zu streuen; denn es wäre doch auffallend» wenn
jene auf seinen eigenen Behauptungen fußende Deutung , wenn jene „unver-
ständige Übertreibung'' W. Wackernagels ihm verborgen geblieben, wenn
er nicht gewusst haben sollte, von wem sie herrührt
WIEN, 23. September 1858. FRANZ PFEIFFEB.
P R I A M E L N
lOTGETHEILT VON
MORIZ RODLER.
Ch. C. Nopitsch hat durch die Hebung des reichen Schatzes der gnomi-
schen Litteratur ^) aller Kulturvölker die Freunde der Litteraturgeschichte
besonders verpflichtet. Wir können daraus entnehmen, wie ausgedehnt dieser
*) Litteratur der SpiichwOrter. Nürnberg, J. L. S. Lechner, 1822«
PBIAMELN. 369
Zweig der cüdactiscben Dichtung sei und in welch* tiefen Wurzeln ded natio-
nalen Selbstbewusstseins er fa0e. Der angebome Hang, die Resultate sitt-
licher und politischer Lebensbeobachtungen kurz und sinnreich auszudrücken,
sie in bestimmte Formen einzukleiden, war nicht nur den Griechen, Römern,
Arabern und andern Völkern eigenthümlich , sondern entspricht ebenso wo
nicht mehr dem germanischen Charakter. Die zahlreichen Spruchdichter des
14., 15. und 16. Jahrhunderts liefern dafür genügende Beweise.
Im Anfange, als der Spruch noch ausschließliches Eigenthum des Volkes
war und unmittelbar aus dessen Munde hervorgieng, war er kurz und bündig
und wusste in wenigen sinnigen Worten oft mit schlagendem Witz sein Ziel
zu treffen. Damals war das Sprichwort auch Wahrwort. -Erst, als man
anfieng, sich in allen Verhältnissen des socialen Lebens im schwerfälligen,
sententiösen Ton zu gefallen , wurde die Form eine gedehnte und gesuchte :
nicht jedes Sprichwort war zugleich Wahrwort. Schon bei den Griechen
finden wir verschiedene Benennungen, die, wie yv(afi7j, Xe^ig, Xoyogy loyiov,
^Cig, ^fux, ^T^a in modificierter Bedeutung unserem Spruch — naQotfuov,
noQoifiüc, äivog unserem Sprichworte, dem lateinischen dictum, verbum,
proverbium, adagium synonym sind. Sie hörten aber dann auch auf, Eigen-
thum desVolkeszusein, aus dessen richtigen Sinnen sie ursprünglich hervor-
gegangen, und wurden formgefesselte Produkte des geschulten Dichters, bloß
zur witzigen Tändelei bevorzugter Kreise geschaffen. Diesem Culturprocesse
verdanken namentlich die Deutschen ihre Spruchgedichte , und unter diesen
die eigenthümliche Form der Priamel.
Eine vollkommen genügende Definition der Priamel (entstellt aus
praeambulum Vorspiel, Vorbereitung, synonym mit praeludium, intro-
ductio etc.) gibt der ausgezeichnetste Kenner deutschen Witzes und Scharf-
sinns, Lessing, *), der die Sonderheit ihrer Form also hervorhebt: „daß zu
mehreren Subjecten, oder zu mehreren Vordersätzen, deren eine ganze Reihe
nach einander aufgeführt wird, am Ende ein einziges, gemeinschaftliches
Prädicat, oder Ein gemeinschaftlich auf alle Vordersätze anwendbarer Nach-
satz gesetzt wird , worin entweder die Gleichheit oder die Unverträglichkeit
der angeführten Subjecte angegeben oder auch ihr gemeinschaftlicher Werth
oder Unwerth bestimmt wird. Manche darunter haben zugleich ein oder
mehrere Gesellschaftsstücke oder Parodien neben sich , worin das nämliche
Pr^icat oder dessen Gegentheil auf andere Subjecte angewandt wird. Frei-
lich entsteht durch diese ähnliche Form und deren öftere Wiederkehr eine
gewisse Monotonie, die für den, der mehrere Stücke hinter einander liest, bald
ermüdend wird; für sich genommen hat aber doch diese Form etwas sehr
epigrammatisches und die beiden wesentlichen Bestandtheile des Sinngedichts,
*) Leiang's mid Esehenburg's Beiträge zur Oeschichte txnd litterator. Ans den Schätzen
der henogl. Bibliothek zu WoUenbütteL Brannsehweig, 1781.
•XHJUIIIA. UJ. 24
370 MOBIZ RODLER
Erwartung und Aufschluß, im vorzügltchen Grade, wiewohl dieser letztere
nicht immer gleich überraschend und befriedigend ist.^
Der Name ist lateinisch und offenbar der Musik entnommen, wie ans
das Beispiel in dem von Oberiin herausgegebeneu Scherzischen Glossar zeigt,
wo es in der Ordn. des gerichts, a. 1482 heißt; y^des ersten macht ein Harf er
ein Priamel oder Vorlauf, daz er die Hut im uff ze merken bewegt. Dies
dürfte bei den poetischen Wettkärapfen der Meistersänger der Fall gewesen
sein. Die Form der Priamel überhaupt reicht ins 12. Jahrhundert hinauf;
auch im altnordischen Havamal findet sie sich; Sprüche in Freidanks Be-
scheidenheit haben ihre Gestalt. Die zahlreichste Sammlung hat bisher
Eschenburg geliefert; auch Adelbert Keller's *) Beitrag ist ein schätzens-
werther und so noch anderer; doch die bei Weitem größere und ursprüng-
lichere Zahl fipdet sich noch in Manuscripten des 14. u. 15. Jahrhunderts.
Vorzügliche Sammlungen enthalten die Handschriften der Münchener, Dres-
dener, Wolfenbüttler und Hamburger Bibliotheken. Ich habe mir die Auf-
gabe gestellt, eine umfangreiche Sammlung der Priameln zu bewerkstelligen,
nur muß ich bei diesem Unternehmen im voraus gestehen , daß hiebei an
Vollständigkeit nicht zu denken ist , da eine große Zahl dieser Sprüche in
Manuscripten deutscher Bibliotheken einzeln und zerstreut vorkommen mag,
von denen Kenntniss zu erhalten überhaupt schwer und für mich nicht wohl
möglich ist.
Was nun den Inhalt der Priameln betrifft, so sind es dieselben Objecte,
die Wilhelm Körte in den Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten
findet und die er in der Einleitung zu seiner Sammlung also bespricht: Vor
ihm (dem Sprichwort) ist, wie vor dem echten Gesetz, Alles gleich; jeder
Stand, jeder Glaube, jede Klugheit und Einfalt, kurz Alles wird von ihm
gleich derb (kurz und gut) neckisch und rund heraus censiert, ohne Ansehen
der Person. Es hält streng auf das rechte Recht, vor welchem weder Gunst
noch Gaben etwas gelten. Es sagt muthwillig, witzig und spitzig, wie es ist;
streng und unumwunden, wie es sein sollte. Das Schöne und Gute schmückt
es gern mit zierlichem Bild und Gleichniss, während es der Thorheit wie dem
Laster allen erdenklichen Schimpf anhängt.
Wie das Sprichwort, nimmt auch die Priamel Ton, Farbe, Ausdruck,
Gleichniss, Klang und Sang, wo sie ihn irgend ihrer Absicht und Laune ent-
sprechend findet, aus dem Heidenthum, Judenthum oder Christenthum, gleich
viel; bald vom Altare, bald vom Markte, bald vom eignen Herde. Was ihr
behagt und einleuchtet, was ihr ergötzlich und erbaulich scheint, sie hält's
^) Alte gute Schwanke. Leipzig, 1847. Eine Umarbeitung dieser Priameln, mit Aus-
nahme zweier, ohne Druckort und Druckjahr, befindet sich in der k. k. HoTbibliotbek in Wien,
unter dem Titel: «Dje höfflichen Weydsprüch (inn Reimen gestelt) KartEweiUg Timd firncbt-
bar so lesen«**
PRIAMELN. 371
fest und macht sich's mundgerecht. Religion, Politik, Hanshalt, das gesellige
Leben gibt ihr reichlichen Stoff.
Die Sprache ist in vielen klangvoll, der Rhythmus melodisch — der
iusdmck aber hänfig nur zu derb und ohne Rückhalt gewählt; doch der Leser
kann sich dabei an Agricola erinnern, der sagte: „Dieweil ich Sprüchwörter
schreibe, so kann ich nit allwege Seide spinnen; es wird auch wolgrob Garn
mit unterlaufen."
Über den cultnrhistorischen Werth der Priamel in meiner Sammlung.
Die Autorschaft der einzelnen Priaraeln feststellen zu wollen, wäre ver-
gebene Muhe, nur einige der älteren lassen sich dem Hans Rosenblüt und
Hans Folz mit einiger Sicherheit zuschreiben.
Die nachstehenden noch ungedruckten Stücke sind einem Dresdener
Codex *) entnommen der die Überschrift führt: „Hans Rosenplüts Gedichte
ondErzählongen". Die ersten acht parodieren einige Handwerke, die letzten
drei haben in spöttischem Tone und etwas unzüchtigem Ausdruck die Ge-
brechen des Alters zum Thema. In sämmtlichen herrscht Ein Ideenkreis,
so daß man, mit Rucksicht auf die Geläufigkeit und Leichtfertigkeit der Rede,
sowie einige Spracheigenthümlichkeit, den Schnepperer ungescheut als Autor
nennen kann.
SCHUSTER.
Ein Bchuster, der mit rechten Sachen
Zeh leder ausz pappir konde machen,
Und smer konde machen ausz kukot,
Das im gut were zu leder und drot.
Und ein frawen hett, die soUichs kont besinnen ,
Das sie guten drat ausz hew kont spinnen.
Das er der dreier keins betorfb kaoffen,
Und gut schuhe macht, dorinnen man lang mocht lauffen.
Und mit behender erbeit im niemant wer gleich,
Der wurde gar balde mit dem hantwergk reich«
SNEIDER.
Ein sneider, der vil knecht hett,
Der yeder nach seinem willen tet,
Und die nicht Ions nemen und auch nicht eszen.
Und über tag ob der erbeit seszen,
Und mer mochten machen dann man zu kon(t) sneiden ,
Es wer von samat oder von seiden.
^) Beschrieben in: FalkensteinK., Beschreibung derkSmgl.öffentl. Bibliothek za Dresden.
Dresden, 1839, pag. 382.
24*
372 MORIZ RODLER
Und hette dann ein frnme dinstdiern,
Die aasz past konde spinnen guten zwirn.
Und woit er dann vast erbeiten und meszlich zeren,
So wurde er sich mit dem hantwergk gar sanft neren.
HAFNER.
Einem hafoer, dem sollich kanst kont werden,
Der hefen konde machen ausz roher erden,
Und auf der schewben sie konde bereiten!»
Das er sie weder prennen bedorft noch eiten, *)
Und zwen ee gemacht dann er einen zuprech,
Und vein grün konde machen mit pech.
Und krug macht, die selbs über den prun lieffen.
Wenn die hauszmeide des morgens legen und slieffen,
. Und über tag hett kauffleut genungk,
Der wurde auch pald reich, sturb er nicht Jungk.
WEBER.
Ein weber, dem got sollich kunst hett geben,
Das er gut tuch ausz pintzen kont weben.
Das varb hett, die man gern trug.
Und die da niemant verslug. j
Und an der varb auch nicht abnem,
Und zeh wurde, wenn es ins alter kem.
Und macht adlasz, zenndel und taffat, i
Und ob der erbeit ein wasser laffet, ') I
Wolt er vast erbeiten und das weinhausz meiden.
So bedorft er im alter keinen mangel leiden.
SCHREINER.
Ein Schreiner, der holtzs gnung hett umbsnst.
Das edel wer nach seines hertzen lust,
Und der sein handwergk als wolt kont,
Das im jedermann seins gelts wol gont,
Und nimmer kein böse erbeit nicht mecht
Ausz allem holtz krump oder siecht.
Und hawen und hofein als sanft tet.
Als ob er trunck wein und met.
*) eiten 1. inpra/ntit. glühen^ brennen; 2. trcmsit. brennen, durch Feuer ff Uihend oder
heiee maeJ^enf ?ieizen^
') laffen, Ablauteverb ifu läppen, mit der Zunge trinken wie ein Hund; eehlür/m, <*
Ideinen Zügen trinken: Sehmelier 2, 486.
PBIAHELN. 373
Wolt er erbeiten, das in der sweisz WDrd netzen,
Der bedorft ninimer kein pfant under die Juden versetzen.
GOLTSMIT.
Ein goltsmit der mit knnstenlichen sacken
Veia golt ansz rohem kupflfer konde machen.
Das dreinndtzweintzig karat hett,
und auch zu allertzeit recht tett,
und qnecksilber also konde toten.
Das es sich smiden liesz nnd loten,
Konde er die zwu metall abentewern , *)
Das si bestonden in allen fewem,
Seit er bey den kansten allen petteln gen,
So mnst es gar obel in der werlt sten.
RATTSMIT.
Ein rattsmitt, der seiner sinne konde genieszen.
Das er alle sein erbeit ausz pech konde gieszen,
und konde es also habschlich pringen her,
Sam ob es zwir geprennter messig wer.
Und also eben konde gieszen , das man es nicht dorft bereiten.
Darnach man oft gar lang musz peiten,
und an dem gieszen nicht verdarb,
und im nimant die kanst ab erwarb ,
Er wolt dann gar stadfawl ') sein.
Er gewänne damit fleisch prot und wein.
BAWER.
Ein bawer, dem got sollich kanst wolt fagen ,
Das im die ecker ungeackert tragen.
Und im kein fracht aaf dem veld verdarb.
Und im nimmer kein vihe abstarb,
und im kein wolff wonet bei ,
Und were vor allen raabem sicher and frei.
Und aber jar in gatem fried sesz.
Und messiglich tranck and esz,
Und im sein herr alle jar galt liesz varen.
Der mocht im alter wol ettwas für sich sparen.
0 abentewern vgl Sehmelier 1, 9. 10.
') stadfawl, unbeweglich wie eine Siud, ein Pfosten^ Pfeiler; eehr faul führt Sehmeiler
3* 616 mn Eom$ Sache an.
374 MOBIZ BODLEB, PBIAHELN.
DAS ALTER.
1.
Das alter ist sogetan,
Das es macht zu einem kinde manchen weisen man.
Es machet newes gewant beschaben,
und machet stille manchen freien knaben ,
und. machet manchen wilden zam,
Und machet manchen geraden lam,
Es machet plosz manchen rawen kocher.
Es machet vinstere und swartze arsziocher,
Und machet manchen frawendiener entwicht;
Das ist des alters Zuversicht.
Ich vind in meiner synnen teych
Das alter ist einem rauber gleich,
Es nimpt der glocken ir gedon.
Und nimpt den hübschen frawen ir schon,
Und nimpt den ochszen iren zugk,
Und nimpt den vögeln iren flugk,
Und nimpt dem man sein starkes ringen.
Und nimpt den painen ir springen ,
Und nimpt den fuessen ir snelles draben.
Und nimpt die erbeyt im nachtgraben ,
Und nimpt dem eylfften vinger sein leng:
Das sind des alters nachcleng.
3.
Vor alter wirt der man swach,
Im alter wirt löcheret manig dach.
Im alter wechst auf hecken dorn,
Im alter wechst einem rind sein hörn,
Im alter wirt manches weiszes hawpt
In synnen 1er und dartzu tawp,
Im alter wirt der man pertet,
Im alter wirt der hafen schertet,
Im alter wirt er gar zu scherben.
Im alter wechst schimel in der arszkerben.
WIEN.
LITTERATUB. 375
LITTEßATIJR.
Bie Werke der Hrotsvitha. Herausgegeben von Dr. K. A. Barack, erstem Oon-
senrator und SecretAr der Bibliothek des germanischen Museums. Nürnberg , Bauer
n. Raspe (Jol. Merz) 1858. 8. LXIY und 362 S. (2 Thir. 20 Sgr.)
Wenn auch nicht als Zeugniss Tolksthüml icher Poesie, sondern gelehrten Stu-
dien entsprossen und gelehrten Zwecken dienend, haben doch die Schriften der
Hrotswitha für uns Deutsche ein besonderes Interesse: weniger ihre versifizierten^
Legenden als ihre Dramen, die in gewissem Sinne unter die Anfänge des deutschen
Drama's gerechnet werden müßen. Aus dieser Rücksicht mag es erlaubt sein über
die neueste Ausgabe der Dichterin in dieser Zeitschrift zu referieren. Daß die Werke
der Gandersheimer Nonne bis jetzt ungenügend herausgegeben worden sind, darüber .
kann heut kein Zweifel mehr herrschen : eine rühmliche Ausnahme machen nur die
beiden in den Monum. Germ. VI gedruckten historischen Gedichte. Dennoch fühlte
man das Bedürfiaiss und J. Grimm (lat. Gedichte des zehnten und eilften Jahrhunderts
S. X) hat es ausgesprochen. Durch seine Äußerung zunächst angeregt hat Herr
Dr. Barack eine kritische Ausgabe s&nuntlicher Werke versucht. Natürlich mußte
zunächst auf die Hs. selbst zurückgegangen werden, die Schurzfleisch bei seiner
Ausgabe gar nicht, Magnin nur für die Comödien, Fertz nur für den FanegyricUs auf
die Ottonen benutzt hatten. Die einzige Hs. in München, dered Beschreibimg sich
der Herausgeber erlassen hat, indem er auf Fertz verweist, mußte demnach dieser
wie den frühem Ausgaben zu Grunde liegen. Doch hat Herr Dr. Barack noch ein
secundäres Mittel zu benutzen Gelegenheit gehabt, nämlich eine in Fommersfelden
befindliche Abschrift der Münchener Hs. vom Ende des fünfzehnten Jahrhunderts.
Bethmann, der sie auffand, gab sie als eine Abschrift des Geltes*schen Druckes an
(Pertz, Archiv 9, 534): daß sie das nicht ist, zeigt Herr Dr. Barack (S. LXI), hätte
aber nicht nöthig gehabt Bethmann*s kleinen Irrthum so stark zu betonen. Diese
Abschrift ist dadurch besonders wichtig, daß sie vor den Celtes'schen Radierungen
im Münchener Codex gefertigt ist , mithin in manchen Fällen den unleserlich ge-
wordenen Text der Hs. errathen lässt. Mit diesen beiden Hilfsmitteln, so wie dem
nicht in der Münchener Hs. befindlichen Gedicht über Ganderheims Gründung, dessen
Hs. verloren ist , hat der Herausgeber versucht 'den verdorbenen Text der Aus-
gaben auf seine ursprüngliche Beschaffenheit zurückzuführen . Der Herausgeber
hat sich , wie aus der Einleitung hervorgeht, den Text der Münchener Hs. als den
ursprünglichen gedacht, wiewohl die Lesarten ausweisen, daß derselbe durchaus
nicht fehlerfrei ist. Wir wollen diesen Irrthum, der freilich ein principieller ist,
nur erwähnen : der Herausgeber hat sich also die Aufgabe gestellt den Text der
Münchener Hs. möglichst treu wiederzugeben, von Schreibfehlern u s. w. gereinigt.
Wo die Yerderbniss stärker war , mußte zuweilen eine Conjectur angewendet wer-
den: man muß es zum Lobe des Herausgebers sagen, daß er überflüssiger Conjeo»
turen sich enthalten und den älteren Ausgaben gegenüber die Lesart der Hs. mög-
lichst vertheidigt hat, was aus seiner Ansicht vbn der Hs. folgern mußte.
Indem wir vorläufig speciellere Bemerkungen über den Text unterlassen, wollen
wir der Einleitung gedenken. Dieselbe behandelt in vier Abschnitten das Leben,
.376 LITTERATÜB.
die Schriften, die Sprache der Dichterin, so wie Ausgaben und Übersetzungen ihrer
Werke. Dem Herausgeber i^t es darum zu thun 'in Bezug auf das Leben eine
Reihe haltloser Behauptungen über die- Person unserer Dichterin zu beseitigen*.
Betrachtet man dieselben aber näher, so wird man finden,, daß es längst veraltete
Ansichten sind , die etwa nur in neuere Werke yon Dilettanten noch Eingang ge-
funden haben, die aber hier mit großer Ausführlichkeit widerlegt werden. Dafi
Hrotsvitha die einzig richtige Form des Namens sei, wie S. III behauptet wird , ist
irrig: denn so wenig als Ruolant neben Hruotlant eine unrichtige Form ist, ebenso
wenig Hroswith oder Roswith neben Hrotsrith. Die albernen Deutungen des
-Namens 'weiße Rose' etc. hätten nicht wiederholt werden sollen , seit J. Grimm das
Richtige längst gesagt hatte. Die Abhandlung über Leben und Schriften bringt
keine neuen Resultate. Die Detaillierung der Schriften enthält manche Unrichtig-
keit. S. XXII wird eine Frau Namens Ganea erwähn^, was aber gar kein Eigen-
name ist, sondeAi scortum bedeutet. Zur Legende des Pelagius, die Hroswith nach
dem Berichte eines Augenzeugen schrieb , wird in der Anmerkung die Reise des
Mönchs Johann de Gorze citiert und Magnin: die Ausgabe der Vita Johannis
Gorciensis, die noch obendrein in demselben Bande der Mon. Germ, wie die Gredichte
der Hroswith steht , scheint der Herausgeber demnach gar nicht zu kennen. Die
neue Entdeckung, daß die Faustsage 'keine neue Dichtung' sei (S. XXVI) wird frei-
lieh überraschen. S. XXV werden Celtes und Schurzfleisch widerlegt, die Sicilien
als Heimat der Theophilussage angeben, und doch steht Theoph. 2 (S. 250 der Ausg.)
Sioiliam. Die Anfange der dramatischen Poesie in Deutschland sind nach der An-
sicht des Herausgebers , 'wenn es hoch kommt' bisher ins zwC^lfte Jahrhundert ge-
setzt: er weiß also nicht, daß sich dramatische Dichtungen aus der Zeit vor Hros-
with erhalten haben. Bei den Dramen sucht der Herausgeber hauptsächlich gegen
Magnin den Beweis zu fuhren, daß sie nicht zur Auffuhrung bestimmt gewesen sein :
seinen Resultaten und Beweisen wird man ohne Bedenken beistimmen dürfen. Eine
zweite Frage, die sich an die Dramen knüpft, ist die von Bendixen angeregte, ob
die in ihnen herrschende Reimprosa auch formell in Verse abzuüieilen sei. Der
Herausgeber neigt sich zur Darstellung in Prosaform und hat dieselbe in seiner
Ausgabe beibehalten. An eine wirkliche Abtheilung in Verse kann man doch auch
nicht im Ernste denken, imd der Herausgeber hätte sich seiner Bemühungen, Ben-
dixens Ansicht zu der seinigen zu machen (S. XLH) fuglich entschlagen können.
Der dritte Abschnitt der Einleitung (S. XLVI-LV) handelt von der Sprache. Er
stellt die Eigenthümlichkeiten der hroswithischen Sprache zusammen , die nach des
Herausgebers Ausspruch 'den vollsten Ausdruck ihres Innern zeigt. Wir können
nicht sagen, daß Hroswiths Sprache auf uns diesen Eindruck machte. Um es zu
beweisen hätte doch vor allen Dingen an gleichzeitigen Dichtern gezeigt werden
müßen , daß sie nicht diese hroswithische Seele haben. Aber von der gleichzeitigen
Litteratur erfahren wir bei dieser Gelegenheit kein Wort. Diese grammatische
Zusammenstellung vom Standpunkte der klassischen Schulgrammatik aus ist also
werthlos. Die Eigenthü^nlichkeiten, die hier als hroswithische bezeichnet werden,
sind nichts weniger als das. Zweierlei was in diesen Abschnitt gehört hätte wird
gar nicht erwähnt , einmal das Verhältniss ^es hroswithischen Lateins zur Volks-
sprache, und andererseits das Verhältniss zu Plautus und Terenz. In letzterer Be-
ziehung war durch Bendixen schon etwas vorgearbeitet. Der letzte Abschnitt be-
LITTERATUB. 377
handelt aasffihrlich . beinahe tu weitlittflg die bisherigen Ausgaben, und bietet
nicht« Neues. Von den Übersetzungen ist die älteste deutsche, die der Komödie
Abraham durch Werner Ton Themar 1503 (in einer Heidelberger Hs. erhalten,
Wilken S. 394) flbersehen worden.
Ein Hanptmittel «ur Verbesserung des Textes, den durchgängig angewendeten
Reün. hat der Herausgeber nur gelegentlich erwähnt und der Behandlung desselben
bei Hroswith keine besondere Darstellung gewidmet: was doch bei der Wichtigkeit
des Reimes entschieden nothwendig gewesen wäre. DaB erden Reim nicht m seiner
Bedeutung eAannt hat. zeigt der fehlerhafte Text mehrerer Stellen. Ich will der
Reihenfolge nach die Verbesserungen, die mir eingefallen sind, hersetzen, und auch
auf die unverbesserlichen Stellen wenigstens noehmaU auftnerksam machen. Ge-
legenüich schalte ich die nicht seltenen Druckfehler ein. Maria 315 Ue» proprio.-
397 ist ohne Zweifel prae virginitaU zu lesen. 408 fehlt eine Sübe, was doch
durch ein Sternchen oder irgendwie hätte bezeichnet werden müBen. Celtes er-
gänzte mox. 416 ist wohl vero zu lesen, denn t : o reimt nicht (Aber die Reimfrei-
beiten nachher). 479 lies ro^tor«. 555 1. i>rMp«»«. 625 schrieb Hroswith dem Reim
zu liebe wohl danti (:«W) d. h. »tqm mit dem Datiy. 680 1. jutao (-.ergo).
674 1. tmdUa. 705 fehlt eine Silbe, was der Herausgeber gar nicht bemerkt hat:
man lese quqe «rt lassata. 712 liest die Hs. ohne Zweifel *a«r«ft> ( ■I^'^) »«»«
wann sie wirklich «wran, liest, mu«te schon das Metrum und Celtes wie Schnrzfleisch
auf das Richtige führen. 732 ist doA wohl aubmiesa zu lesen wie auch 812 steht.
746 1. modiei ( :/o«m) des Reimes wegen. 796 pardümm bloß Druckfehler för
poradtsttm oderin der Hs. stehend? aber Hroswith brauchtalsfttnltenFuJkeinenSpon-
deus. 825 1 Somtem ( : urbem); wiewohl man auch m : n zugeben darf. 891 schreibt
der Herausgeber gegen beide Hss. gemtori, mH Verletzung des Metrums. — Ascensio &
müfite nach- der Ausgabe scandiert werden ütper/i mödö: ohne Zweifel ist mundo
zu lesen, yielleieht stand inödo, woraus modo wurde. 17 1. Udmn fttr u»dem.
62 1. Äd-^. — Gongolph 87 lies mit M./mw. weil Juri das Metrum verletzt. ^
gibt einen guten Sinn: wenn der Herausgeber einen Grund hatte >n zu schreiben,
mntte er die Bedenken des Metrums zu beseitigen suchen; aber sie scheinen für ihn
gar nicht vorhanden gewesen zu sein. 95 1. praedaros ( : oeuloi) wie auch F. liest,
106 soll domifmm ein Dactylus sein, lies domnum. 118 «Ära quam ereda, »pem
duMam adms, ein Pentameter! In der Anmerkung wird vermnthet dm», ebenso
&lsch. Aufier dem Metrum Ut auch der Reim verletzt: ich schlage vor ultra guUm
^«ras spem dubiam reteras (du erschlieBest mir): der Vers gehört schon zur Rede.
303 maehinam mundi, Schlu« des Hexameters! Wenige Verse vorher schlieKt em
Pentameter jure rogis maehinam. Das hätte auf die Besserung fShren soUen . man
stelle um maehinam dto tnxmdi. 306 fungier die Hs. aber metrisch unrichtig: lies
fungi 369 liest die Hs. ut eapit lattbra» Olapaa per artas , Herr Barack schreibt
ergänzend üti ci,plt istä mit unerhörter Quantität! metrisch richtig wäre etwa «t
vero cepit. aber auch capit kann man dulden. 503 lies almi» ( : dietis) zn mmtu,
gehörig. 518 1. languidoU». - Pelag. 188 l. locuplete,n. 200 es ist aus der An-
merkung nicht klar, ob der Vers in der Hs. jünger geschrieben ist: denn «>»» Fehlen
desselben in P. soll doch wohl nichts beweisen ! 282 1. vasta ( : unda). 380 fehlt
ein Fn»,-ohne daß der Herausgeber es bemerkt. 404 1. ferretne in einem Worte —
Theoph. 13 1. tophiM. 21 1. prterat. 32 1. damat, yne das Metrum verlangt.
378 UTTEBATUE.
125 fehlt dederat in der Hs , aber mit dieser Ergänzung wird cUqvie to-tum ein Dac-
tylus. Man lese oigtM dedit totum, wo freilich der Reim durch Assonanz vertreten
wird. 152 1. perüsse. 172 1. dicturus f. ducturus, wie schon Celtes besserte. 215
l. prever/o corde. 228 1. f&rvescere, 243 1. multi vario; das Komma ist nach mdü
zu setzen, aber überhaupt überflüssig (was von der überladenen Interpunction der
Ausgabe im Allgemeinen gilt). 257 fehlt wohl eine Silbe, denn pröphetiae zu scan-
dieren hat bei Hroswith keine Analogie. 259 ein rythmisch schlecht gebauter Vers, den
man durch Umstellung aolvendi guanvis leicht berichtigen kann. 543 wie hat der
Herausgeber scandiert ? Man lese ut für uhi. Die Reihenfolge der nächsten Verse
ist unrichtig, denn 345 gehört offenbar yor 344. Wie sie dastehen, geben die Verse
einen Unsinn. 351 ist Reim und Metrum verletzt, denn proles hat ö. Man lese
patri. ■— Basil. 83 1. ehri/tlcoU^ vgl. Odd. 241. — 137 besser w2/«ra«. IS^l, UUras.
— Dion. 171 1. ftudiose. — Agn. 107 1. contscum. 143 1. egroti, denn ein Diphthong
kann nicht kurz sein. 156 wohl ciUiis, vgl. Agn. 182. 348. Oddon. 480. — 292
1. teßifieOf wie 258 steht. — 412 metrisch unrichtig, 1. obdormit : obdormivit entstand
wohl aus obdormiit — Odd. 140. /amo/o? 270 L ingmte ( : dolore). 435 wird uns
zugemuthet exoptana sibi praeata/ri vemae munus dtdöe für einen Hexameter zu
halten. Pertz , dem die das Richtige bietende Pommersfelder Hs. nicht zu Gebote
stand, schrieb nach Conject. exoptans vemae dux praestari fibi immus ; mit Ver-
letzung des Reimes. Man lese optans prciestan vemae munus sibi dtUce, wobei
veniae : dulee reimen. — 561 1, triste ( : invidiaeX vgl. zu 270. — 830 1. seculum femUi
vgl. zu Agn. 143. — 875 1. regalis, des Metrums wegen. — Gandeshem. 1611.
tradimus, 350 1. quidm für quod nunc ( : discutiendi). 441 1, primula, mit Bezug
auf pignora. 560 1. circum/tanium, — Job. 6 1. dextra. Letzteres Bruchstück
(361 — 62) sowie ein kleines Gedicht von 8 Zeilen (360) waren bisher noch nicht
herausgegeben. Bei diesem kürzeren,, welches ein unvollendetes Acrostichon ist,
hat der Herausgeber nicht eimal bemerkt (S. XLVI), daß die zum Acrostichon be-
stimmten Worte einen Hexameter bilden: Dicat amen quicunque mam cupit tre
saiuHs, Von diesen beiden Bruchstücken, die in der Hs. zwischen den Dramen und
dem Gedicht auf die Ottonen stehen , gehört das auf den heil. Johannes wohl der
Dichterin, das andre nicht. Schon daß unter den acht Versen drei reimlose sind,
zu denen als vierter noch der zum Acrostichon bestimmte kommt, würde die Unecht-
heit beweisen. Auch Elisionen wie spontsa hymino eandtans (1. Hälfte eines PentanL)
und gmum affeetu tuiera^ sind nicht im Sinne der Dichterin. Die Elision findet sich^
so häufig der Hiatus ist, bei Hroswith äußerst selten. Mar. 360 Phoebo ascendentei
vielleicht 448 Rebecca Abigea. Gong. 467 jfgwew w«, wo ut vielleicht spätere Ein-
schiebung ist. Gong. 565 indomitwin inpoMenter ist wohl verdorben, denn ^um ist
Reimsilbe, darf also nicht elidiert werden. Basil. 57 steht concede ergo. Odd. 178
mewH infUUaret, Das sind alle Fälle. Daß Hroswith den Hiatus zulässt liegt im Geiste
der deutschen Sprache. Im Übrigen behandelt sie den Hexameter ziemlich correct.
Die Prosodie wird im Ganzen selten verletzt. Trochäen begegnen nicht häufig.
regia Mar. 279. reetai^ vielleicht reatat et Gong 529. <i(wecPelag. 112. Theoph.342.
ievt^Pelag. 155. quod häc Basil. 156. per/ecit omnia Gandesh. 379. fuit Odd. 220.
vel exauperare 221. iata Agn. 393. boni Gandesh. 596, Einige andere Verstöße
gegen Prosodie sind aua aponte Basil. 246» librorum Dion. 124. eredidiaae 129.
LITTERATUB. 379
laudabäis Agn. 87. egrecU 298. Zu bemerken ist auch das anapästisoh gebrauchte
rispuit. Ascens. 59. Pelag. 43. r^spuant 108. 260. respuisti Mar. 874.
- Der Reim ist, wie W. Griumi (zur Geschichte des Reims S. 141) schon bemerkt
hat, bei Hroswitha durchgeführt. Wo er daher fehlt ist wohl Verderbniss des
Textes auzunehmen. Er fehlt Mar. 48. 83. 150, wenn man nicht psalmorum : pero-
rat als Assonanz nimmt. 231 (seata : diei, oder yielleicht das in der Senkung stehende
mzcUei?). 287. 361 (solito: diei 1) 711. S21 (juvemsiif^ft). 8bl (dominua-pol"
Ima? prirnua zu lesen?) Gong. 54 (fasiu : erig^itur , im Pentameter , als Assonanz
rielleicht zu dulden), eaperet : poateritate 345. clau/ae : aures 515 (Assonanz?)
diffestia : quievit Pelag. 61 (ygl. Mar. 621) meriti : minoris 397. — Basil. 66, yielleicht
ein später eingeschobener Vers, cenkena : princepa Dion. 31. parUa : adivit 141.
digwtia : requiedt Odd. 589. — Gandesh. 64. 66 135. 455 {Uli : mtdta^), doch haben
die letzten beiden Zeilen Inreim. Von diesen Stellen sind aber die ia : it zu streichen,
weil wahrscheinlich Assonanz anzunehmen ist.
Ich will hier was der Reim Bemerkenswerthes bietet zusammenstellen, als
Nachtrag zu W. Grimm, der die Dichterin kurz behandelt, und als Nachtrag zu der
Ausgabe, die Yom Reim gar nicht spricht. — 1. Ungenaue Reime. Am häufigsten
begegnet die Bindung a : o, bezeichnend genug, weil auch in deutschen Quellen die
Reime d : 6 einerseits begegnen, andererseits zwischen a : o namentlich in zum Nie-
derdeutschen neigenden Quellen eine nahe Verwandtschaft stattfindet. An folgen-
den Stellen: Mar. 16. 29. 30. 46. 50. 56. 71. 116. 180. 183. 184. 224. 258. 260.
300. 331. 341. 382. 4^. 446. 458. 464. 472. 486. 492. 493. 505. 513. 542. 554.
585. 586. 598. 608. 628, 630. 652. 670. 700. 718. 736. 747. 750. 774. 779. 782.
787. 832. 839. 840. 847. 857. 865. 875. 896. Ascenc 8 9. 47. 55 56. 66. 74.
130. 137. 150. Gong. 13. 20. 21. 30. 40. 49. 71. 112. 113. 162. 221 241. 247.
260. 265. 267. 273. 302. 327. 336. 338. 365. 388. 425. 426. 428. 437. 438. 439.
469. 484. 485. 497. 526. 570. Pelag. 15. 21. 28. 67. 81. 85. 88. 95. 97. 135.
218. 222. 242. 245. 265. 275. 322. 330. 336. 362. 398. Theoph. 88. 113. 139.
158. 181. 198. 273. 294. 301. 304. 343. 344. 349. 356. 357. 443. Basil. 26. 86.
121. 195 (lies ««a)..223. 258. Agn. 26. 35. 41. 46. 57. 67. 81. 108. 112. 169.
175. 181. 194. 309 (lies jocutida). 325. 335. 339. 352. 356. 404. 407. 410. 412.
720. Odd. 47. 50. 59. 81. 88. 96. 129. 151. 160. 193. 215. 224. 247. 258. 348.
355. 364. 410. 436. 475. 485. 514. 650. 672. 704. 707. 749. 755. 763. 838. 860.
877. 879. 905. Gandesh. 27. 31. 35. 48. 57. 71. 75. 91. 96. 129. 166. 192. 214.
227.242.288.305.323.335.364.415.422.461. 472. 498. 507. 576. 582. Joh. 27.
Eine dem ähnliche aber viel seltner Yorkommende Reimfreiheit is (m : oa, ter^
rigenaa : habiiuroa Mar. 213. tfirgaa : aacerdoa 442. referaa : heroa Gong. 371.
deitaa i natoa Odd. 98. und andere Assonanzen , oa : aa, viroa : <ynvnea Mar. 435.
poitrioa : morea Pelag. 40. eaiaa, caüea :ßdereaa Gong. 480. eaiia, virtutea : aigma
Dion. 245. regia ifiddea Odd. 288. fragilea ; camia Mar. 719. ua: aa, tribua : duo-
denaa Mar. 432. ua : ia^ camunibtta : Davidis Mar« 213. precibua ifuaia 460. ea : ua,
IctcUMttea : artua 723. em : am^ aobolem : uUam Mar. 168. hlcLaphemam : rati<mem
Pelag. 260 . um : am, aeoretum : relinquam Ascens. 7 9. ehriaücolam : Unctum Pelag. 246.
em : tem, teattm : egregmm Gong. 512. Ferner in/dix : audax Gong. 355. princepa :
aupplex Pel. 65. gemtrix : pietaUa Theoph. 368. jubet : rogitabat Mar. 444. quaa-
rant : vMnatrent 647.
380 LITTERATUB.
Der klingende Reim begegnet bei Hr. ziemlich häufig; und zwar wie der stumpfe
entweder ungenau oder genau.-^ I. ungenau , klingende Assonanz. Ungenauigkeit
der Vocale. sali : capitcUi Felag. 334. dignanter : patenter 376. paueorum : dierum
Theoph 57. juri^ : in/eriaris 81. errcmiem : eupientem 107. la>etam : vitam 151.
errcmtem : mewtem 156. octdU iprolis 216. fJerus : decorus 311. parva : eaiervaMl.
vivum : aeuum 320. splendor : ca/ndor 425. gaudebit : properabit Basil. L5. iäi : lu-
eelli 43. incautis : ecdliditatis 77. diri : retineri 142. certum : portwm 192. per-
gens : spargens Dion. 44. gentiUs : auaddis 49. nutU ipietaUs 57. aerpentea : eru-
dantes 78. solvendi : ligandi 131. eonatanter : p'aüenter 184. fa^Aor : r«c<or 210.
mgnavit : r«jt«^m^ 241. cunctamm : mii^ii«rtem Agnes 14. ergo i virgo 25 (v«r^o.^).
speravie : neqtuvit 54. parem : imnor^m 74. splendor : candor 79. nwtem ipietatem 185.
taZi« iprolis 279. re$man<«m : <en«n^em 320. «rron^em : t/o^en^em 324. .»«etofuiut»:
agendum 353. guaesivi : amat;» 358. j?ro^« :/<2e^2 438. gentee : habitantea Odd. 5.
0Cf76an^ur : j9ro6en<ur 27. /orfi« : artis 123. legatoa : eautos 147. cunctorum : mu-
lientm 165. nt<d!aöan^:/9re6an^ 173. r^rt^m : variarum 465. menäs : amantis 501.
comp^^ : ^ocafo'iS 758. malis : fuaddis Sl*7, gratanter: /apienter S37 . carcuiamon
851. paucorum : diarum S12. tantarum : rerum 903. ßmtis : replieatis 906. r»-
rum : Aartim Gandesfa. 7. 88. majoris : juris 23. videns : credens 55. praeUUamxm:
j^norum 120. pergebant : vi/itaJbant 12^ , signari : tueri 15T. a/ta/ates:referenUs 230.
ptteUarem : ptuiorem 336. no/trarum : sororttm 393. ptidlaris : pudoris ^05. sar-
varet : doeeret 412. conjunctorum xfororum 417. vere : honore 432. procurandum :
tuendum 491. pra^atarum i/ororum 492. wdlarwm : rert«fi^497. deniienter : amon-
^«•617. noftrarumifororum 542.^563. lamdamites i ferentes Job. 19. «jonfemimon-
tem 28. — Ungenauigkeit der Consonanfen, viel seltner, cesslt i tahescit (lies taheffii)
Theoph. 79. pridem : adirem Basil. 204. peccatum : amarum 215. plebemifide-
lern 229. scriptis : ^*cfo« Dion. 42. virtutes : plures 147. m^roe« : perpes 181.
to^ : ^a^ 209. dedigneris : regis Odd. 31. famo/i : 8aIomoni55. regem ißddem 212.
j>^«6em : jii<i«i^ 243. germamieari 26^. 751. egitiredemit 2Sß, antiqtä : ininuci
276. ampleriißddi 374. r«pie> : maddis 378. r«^ i^c^i 396. r^a^» : no6i?s-
^aft' 550. personas : sederosas 584. comm«n^tem : d^ZeyuJbm 801. jttraanento'.fM-
tuende S4t4. ctmetis : sectmdis 910. moMstietae : jubetur Gandesh. 258. — Voca-
lische und consonantische Ungenauigkeit zugleich, temptamenüs : n^andis Theoph. 78.
vestrum'.Cfmstwfn'BAsil. 85. denos : amnos Odd. 93. sola ipueUa 518. gentem.ean-
dem 693.
Klingende genaue Reime, cantamen : amen Pelag. 313. dabant : levabaini32S.
sanctorum ; virorum 343. dabant : locabant 347. fomacem : minacem 385. naiur-
ram : perituram 399. summorum : meritorum Theoph. 29. cararum : variarum 66.
mentem : patisntem 67. harum : in/idiarum 74. stihjectorum : pcpulorum 140. und
ebenso 174. 176. 200. 308. 322. 328. 404. 447. 454. Basil. 38. 50. 68. 92. 150.
156. 163. 183. 213. 224. 265. Dion. 19. 101. 124. 206. 236. Agn. 24. 36. 59.
65. 68. 96. 116. 123. 124. 145. 152. 255. 164. 184. 186. 250. 280. 301.310.314.
340.349.365.376.393. 401. 425. 329. Odd. 12. 17. 23. 77. 167. 187.244.
278. 319. 332. 346. 366. 456. 576. 659. 725. 746. 850. 868. 876. 880. 896. 912.
Gandesh. 100. 143. 155. 159* 186. 161. 175. 208. 256. 26,3. 280. 294 300. 369.
394. 477. 495 (?). 502 504. 522. 523. 549. 551. 586. Job; 3. 14.
Der Reim föUt der Regel nach auf den Schlul) des Verses und auf die dritte
UTTERATTTR. 381
oder rierte Anis , beim Pentameter natürlich ans Ende der beiden Hälften. Von
dieser Regel weicht Hr. nur selten ab. Zuweilen ist es Binnenreim , und der End-
reim fehlt. Mar. 399 ewpiJTe cum vero tnannit guia virgo potenter. 445 out mox
fudieüs dUHme ifta jiubenitwr (ygl. 492. 493). fi/Mtemis merito vulgo bene credula noti
Pelag. 413. hee non aeeenso praedaro lumine semper Gandesh. 183. senßt adeeae
suis votis promptum fni/ertri 255. Statt auf die Hebung fällt der innere Beim auf
die Senkung. ecuteUo proOnus apto Odd. 699. cura non pigritana Gandesh. 3,
ygl. auch 183. Oder er fUlt auf eine andre als die dritte oder rierte Arsis ; auf die
fünfte languore dolore Odd. 170. populum dare eiÜum 686. fignis eoMa aptis 809.
dau/tri faciendi Gandesh. 97. Auffallend ist der Reim , wenn überhaupt der Vers
gereimt ist» Gandesh. 113 dum locus itwe/tigari poseet fapHa aptua.
Einige Spuren des gekreuzten Reimes zeigen sich schon bei Hr., wiewohl nicht
alle absichtlich, patricte : honore; pompae : amore Theoph. 142. 143. ju/tum-Uhe^
roffultiin, tnjuftumidohdum Odd. 376. 377. fctcU : venerandaSi percerte : amandae
495. 496. ctAUmem : honorem^ in gentem : honorem 711. 722.
Was die ComOdien betrifft, so bietet die Ausgabe im Ganzen einen bessern
Text: aber der Mangel an kritischer Sicherheit macht sich auch hier bemerkbar,
indem der Herausgeber bald den altem Ausgaben folgend, den Text der Hs. ändert,
baid beibeh<, aber ohne festen Grundsatz.
Einen ftutem Mangel des Buches müßen wir noch rügen , daß nicht über den
Seiten der Name der einzelnen Dichtungen fortlaufend angegeben ist : dadurch wird
das Nachschlagen bedeutend erschwert.
KARL BARTSCH.
HfUU Sachs. Eine Auswahl aus dessen Werken herausgegeben tou D. Georg Wilh. Hopf.
2 BAndchen. Nürnberg, J. L. Schmid. 1856. kl. 8. Yin und 342, lY und 342 Seiten.
(1 Thaler 15 Sgr.)
Während für die Behandlung mittelhochdeutscher Texte das kritische Verfahren
sieh seit dreii^ig Jahren festgestellt hat, gibt es für Herausgeber yon Schriftstellern
der Reformationsperiode noch keine allgemein gültigen Regeln und Gesichtspunkte.
In der Zeit, wo noch überhaupt weder yon diplomatischer Treue noch ron geregelter
Kritik auf dem Gebiete der altdeutschen Philologie die Rede war , übertrug man
die Schriftsteller des sechszehnten Jahrhunderts meist in die moderne Schreibweise.
In neuerer Zeit hat man ein doppeltes Verfahren beobachtet, ron denen jedes seine
Berechtigung für sich hat. Entweder gab man buchstäblichen Abdruck der Schrif-
ten , und das haben die meisten Herausgeber gethan , oder man yersuchte , unter
Hinzuziehung der yerschiedenen Ausgaben eines und desselben Werkes und unter
Aufstellung allgismeiner Gesichtspunkte für die Schreibweise, kritische Texte zu
liefern, wie sie Uhland, Schade u. a. gegeben. Letzteres Ver&hren , wiewohl das
wissenschaftlich einzig richtige , hat seine eigenthümlichen Schwierigkeiten in Be-
zug auf die Schreibweise, wegen der überaus grollen Verschiedenheit, die oft in
einem und demselben Autor herrscht.
£ine yollständige neue Ausgabe yon Hans Sachs' Werken ist noch immer pin
firommer Wunsch geblieben. Zwar hat man seit Göthe immer und immer wieder
382 LITTERATÜR.
dem Dichter Aufinerksamkeit zugewendet , aber vor der ungeheuren Anzahl seber
Dichtungen schreckte jeder Herausgeber zurück. Daher entstanden eine ziemliche
Anzahl von Blumenlesen aus Hans Sachs. Dieselben sind jetzt zum größten Theile
veraltet und nur die Auswahl yon Götz (Nürnberg 1823 — 30. 4 Bändchen) ist nocli
brauchbar. £ine neue yollständigfe Ausgabe yon Hans Sachs* Schwänken ist uns
durch den in Hannover gegründeten litterarischen Verein yerheij^n. Es ist gewiss
anzuerkennen , dafi ein Nürnberger dem bedeutendsten Nürnberger Dichter seine
Aufmerksamkeit zugewendet hat. Herrn Hopf veranlasste die Bemerkung, die er
' über die Götzische Auswahl gemacht hatte , daß sie so' wie auch die früheren viele
der anmuthigsten Gedichte gar nicht enthält , und wirklich darf man zugeben , daß
diese neueste Auswahl mit großem Geschmack gemacht ist. Es sind, so weit es der
Umfang der Sammlung gestattete, alle interessanten Dichtungen des alten Meisters
aufgenommen. — Wenn wir von dieser Seite das Geschick des Herausgebers aner-
kennen, so dürfen wir andrerseits unsem Tadel über die Behandlung des Textes
nicht verhehlen. £s war dem Herausgeber, wie er in dem Vorwort ausdrücklich
sagt, im Gegensatz gegen die früheren Sammlungen hauptsächlich darum zu thun,
einen correcten Text zu liefern, d. fa. genau das Original wiederzugeben. Er hatte
außerdem noch das Glück , neben der Gesammtausgabe mehrere Stücke in Einzel-,
Originalausgaben zu benutzen: um so mehr war man berechtigt einen Originaltext
zu erwarten. Aber dem Herausgeber scheint, das metrische Gesetz de« sechszehn-
ten Jahrhunderts, die Silbenzählung, nicht einmal zum äewusstsein gekommen zn
sein , sonst würde er nicht an so vielen Stellen den richtig überlieferten Tezt ver-
derbt haben. Er tadelt Götz (Bd. I, S. IV), daß er die Vergleichung der verschie-
denen Ausgaben für überflüssig erklärt habe : wenn der Herausgeber dieß einsah,
so hätte er vor allen Dingen den in einer Ausgabe fehlerhaften Text durch Ver-
gleichung mit einer andern berichtigen sollen. So finden sich gleich im ersten Ge-
dichte folgende Fehler , die in der alten Ausgabe nicht stehen. 1, 3 Herrn für
Herren. 5 Novembris ftir Nouemhrü^ während doch Herr Hopf immer schreibt vnd,
94 waren für warn, 100 geschriben für guckriben. 115 Epistel für Episä.
147 trawrigm für trawrign, 232 ühda für vbels, 5, 65 erden für erd» 96 gewift
für gtjüi/t 105 sechzig für sechtzg» 2, 42 fehlt vor auch das vnd der Ausgabe.
2, 63 lies/orcÄ^ Gottes für furcht Ootts. 39, 17 fehlt dw vor höret. Bei Nr. 12
(S. 92) dem bekannten Liede ' Warumb betrübst du dich mein Herti macht der Her-
ausgeber im Begister (S. V) die Bemerkung: ob dieß Lied von H. Sachs sei, wird
von Manchem bezweifelt. Daß es nicht von ihm sei, hätte der Herausgeber, wenn
er der kritische Herausgeber war , far den ersieh ausgibt, wissen müßen, da die
Zeichen der Unechtheit sehr auf der Hand liegen. Nr. 14 und 15 sind aus den
^Dreytgehen Psalmen zu singen etc. Hans Sachs. 1526' entnommen, also einem der
Separatdrucke, die der Herausgeber 'so glücklich war zu benutzen. Wie 'glück-
lich* diese Benutzung ausgefallen, möge die Vergleichung zeigen. 14, 1, 2 steht
meiner £va meinr. 1, 3 fliegen far fliegn. 1, 5 allefa/nt &a aUsant. 3, 1 Sein^
Seine. 4, 2 schwind für schwefl. 15, 1, 5 behüten für bekiUten. 2, 3 JSrot far Prot
3, 2 Stareken für starckenn. 3, 3 Jänder für kinnder. '3, 7 u/emis für wens. Für
einen Mann von dem kritischen Gewissen des Herrn Hopf werden nun zwar diese
Abweichungen nichts bedeuten: för andre um so mehr. Ich habe mir die Mühe ge-
noDunen noch einige Stücke mit der von Hm. Hopf benutzten Ausgabe zu vergleiclieA
UTTERATUB. 383
und theile die Resultate mit. 39, 83 steht Samt für 8ai/h, jhn für jn. 84 Gold für
Golt, 87 jhrem für jrem. 91 gewiften für gwiftm. 92 jAr für jr. 94 Narrenkleid
TviT Nasrrenldeyd. ^^ naekren für nacArAen. 43, 1 liest die Ausgabe Franckfurt.
2 Baubstatt 5. jß^^^ermon. (: Person). 15 fehlt sehr nach ^ar. 19 frembdes.
29 Ätn für «*«. 37 Jr, 41 rÄ^wf. 52 jhn. 68 eylendts. 75 herauss, 78 dqpffer.
83 Sachsen. 97 vngenfMehas. 53, 1 ^o««. 3 tnn. 7 jm. 15 trrdm. 16 ^ef^A.
\1 /ammlet. 20 Fn^töm6. 22 Fmm. 32 Daruon. abnamb. 39 Lämmblein,
40 zweyntzig. 42 Ma<;At<o^^0tuiefn. 44 vherblitb. 48 diengen. 51 H^yf^. 89 thotter.
9S anzeygen. 9ß Enddich, 98 <;nrAafo. 98 tm^Ara^n«. 106 ITau;^. 112 J9e»A.
117 jAn. 118, 122 J5««Ä. 141 e»k?<?2cA. 142 JA«w. 162 «rrdwcA. — In dem
Vorwort zum zweiten Bändchen beme^t der Herausgeber , für diejenigen , die auf
die Sprachformen ihr Augenmerk richten , da0 er in diesem zweiten Bändchen die
Orthographie des Originals der Verständlichkeit zu lieb in so weit abgeändert habe,
als es die Rücksicht auf den Torherrschenden Brauch des Zeitalters gestattete.
Wenn diejft eine Entschuldigung für die Nachläßigkeiten des ersten Bändchens sein
soll, so ist es eine sehr schlechte , denn sie trifit in den meisten Fällen nicht zu.
Und warum nun auf einmal diese Ungleichheit und dieß yeränderte Verfahren ? —
Am Schlüsse jedes Bändchens hat der Herausgeber ein Verzeichniss alterthümlicher
Wdrter und Redensarten gegeben. Dabei enthält das zweite Bändchen Nachträge
zu dem Wortrerzeichniss des ersten. So finden wir im zweiten 'Entwicht, nichtig^
nichtswürdig i als fehlend im ersten Bändchen : aber es fehlt nicht, es steht da 'Ent-
wicht, entweiht (sie!), böse, unnütz T 'Garten (i, 3, 37) bettdnd herumziehen, von
Garte (Garde), Haufen abgedankter Soldaten ist im zweiten Theil auch unrichtig,
denn Gart (vgl. 61, 9 zerrissen, frostig auff der €hrt) bedeutet nicht Garde. Ähnliche
Ungenauigkeiten und Halbheiten finden sich unter Arras entisch, kemnat, leichnam,
musika, nerlieh, ring, thurren, winnig.
Die Ausstattung der Sammlung ist sauber , das erste Bändchen aul^rdem mit
einem Porträt yon H. Sachs geschmückt.
KARL BARTSCH.
La vie de sainte Enimie von'Bertran von Marseüle, in provenzalischer Sprache
zum ersten Male Tollständig herau^^gegeben Ton C. Sachs. Berlin , Weidmann* sehe
Buchhaodlang. 1857. 8. 65 Seiten. (10 Ngr.)
Der Zweck dieser Zeitschrift, die ja das romanische Element nicht aysschliei^t,
wird eine kurze Besprechung einer proyenzalischen Dichtung und deren Ausgabe
rerstatten, zumal da die vorstehende Legende durch ihre Beziehungen auf das frän-
kische Königshaus auch wieder einen Antheil an deutschem Boden hat. — £ine
kurze Vorbemerkung des Herausgebers spricht sich über die Hs. die die Legende
enthält zunächst aus, aber ungenau , denn eine Hs. 8 Nr. 7 der Arsenalbiblothek in
Paris gibt es nicht. Auch daß ^la vie madame saincte Enimie* der Titel des Gedichtes
in der Hs. sei ist unrichtig, jene Worte sind, wie sehen die Sprache zeigt, von einer
viel jüngeren Hand beigeschrieben. Die catalanischen Formen des Gedichtes
wären auch vom Herausgeber noch zu belegen. Die Bemerkung Crescimbenis
Bertran von Marseille sei identisch mit Berta^ui Garbonel aus Marseille, dessen
384 LITTERATUB.
Sprüche ich in meinen provenzalischen DenkmäL S. 5 — 26 herausgegeben, hätte der
Herausgeber nicht für 'unglaubwürdig' halten, sondern widerlegen sollen. Die
Sprache beider Dichter ist ganz verschieden , der Reimgebrauch sichert Bertran
Carbonel eine riel firühere Zeit, zu als dem Dichter der heil. Enimia. Dankenswerih
sind die Nachrichten über Geschlecht und Abstammung der Heiligen, die S. 2—4 ge-
geben werden.
Den Text gilbt Herr Sachs getreu nach der einzigen Hs. , aber mit Interpunk-
tionen, Apostrophen, Scheidung Yon j und «', v und te. Leider aber ist die Abschrift,
die er von der Hs. genommen, sehr ungenau und roll Yon Fehlem. Viele hätte er
schon aus dem ersten Theile des Lexique Roman, der das Gedicht im Auszug gibt,
berichtigen können. Ich beschränke mich darauf die schlimmsten Fehler zu be-
zeichnen oder yielmehr die stärksten Abweichungen von meiner Abschrift , die ich
meiner Ausgabe des Gredichtes in den Denkmälern der proyenzalischen Litteratar
S. 215 — 270 zu Grunde gelegt habe: wer das Richtige hat mögen Kenner beiir-
theilen. An eine Berichtigung der zahlreichen uncorrecten Verse (zwar hat Herr
Sachs nur vier bemerkt, S. 4) hat der Herausgeber nicht gedacht — eben weil er
ihre üncorrectheit nicht bemerkte. 108. 109 lies/a^. 201 tota für tele, 225 eof
engres. 287 e donmencha que fay son deman^ zum folgenden Satze zu ziehen.
358 volra. 391 fay, 425 brocon, 432 escondutz aendiers. Herr Sachs liest es-
eoudatis seudiere! 460 f*ey may; d. h. oimai^ oimads oder wie spätere Hss. schrei-
ben, hueimais, nach 461 fehlt eine Zeile. 472 on ha una balma prianda, nach
528 fehlt eine Zeile. 547 gpiea dessan, ut sibi darent wörtlich. 734 eua, 749 gawre.
753 cujava, 761 sega. 782 wir dcmamon als ein Wort geschrieben. Die Hs. liest
<m auion: ich habe cm gestrichen, was offenbar nur fehlerhafte Wiederholung der
beiden folgenden Buchstaben ist (wobei n = u). Der Text des Hm. Sachs gibt gar
keinen Sinn. 787. 88 wird durch fehlerhafte Auslassung eines Wortes Herr Sachs
zu einer Goigectur yeranlasst, die beide Verse metrisch unrichtig macht. Er über-
sah gaire ( : repaire)\ aber auch so fehlt dem ersten Verse eine Silbe, die ich durch
gea in der Anmerkung ergänzt habe. 830 domehM^ Herr Sachs donch us! ich habe
damenha geschrieben. 1059 dece gud, Herr Sachs liest viu qu*d. Nach 1096 nimmt
der Herausgeber eine Lücke an , während doch dem Sinne nach nichts fehlt. Die
Stelle ist freilich yerderbt, wie der mangelnde Reim zeigt: in der Anmerkung zu
245, 36 habe ich sie zu bessern yersucht. 1121 lies comfua für conUar. — Doch es
wird an diesen Proben genügen : die weitere Vergleichung beider Texte will ich
mir ersparen. Hr. Sachs stellt uns Specialausgaben mehrerer Troubadours des
zwölften und dreizehnten Jahrhunderts in Aussicht, yon Bertran yon Bom, Peire
Cardinal etc. So yerdienstlich auch dieses Vorhaben an sich ist, so möchte Hrn.
Sachs yor allen Dingen zu rathen sein, daß er erst Handschriften lesen lernt, denn
die zahllosen Lesefehler dieser seiner ersten Ausgabe eines proyenzalischen Dichters
sprechen nicht sehr für seine paläographischen Kenntnisse.
KARL BARTSCH.
•» Jbi 9<^f>tftlf4iF*- '\ -
Draok der J. B. Metsler'achen Buohdrnckeni in Stuttgart.
BEITRAGE ZUR KENNTNISS DER QÜANTITATS-
VERHÄLTNISSE DER THÜRINGISCHEN MÜND ART
IM XV. JAHRHUNDERT.
▼OH
REINHOLD BECHSTEIN.
Seit der Herausgeber dieser Zeitschrift in seiner Ausgabe der Deutsch-
orden^hrontk des Nicolaas von Jerofchin (Stuttgart 1864) eine sorgsame
ZosammensteHang der sprachlichen Eigenthümlichkeiten dieses Gediclites
gegeben hat, wird Niemand mehr das Vorhandensein einer älteren mittel-
deutschen Sprache gegenüber dem Mittelhochdeutschen und dem Mittelnieder-
deutschen leugnen wollen oder können. Es ist ferner hinlänglich bekannt»
welch einen bedeutenden Einfluß die mitteldeutschen Mundarten und die aus
ihnen hervorgegangene mitteldeutsche Schriftsprache auf die Entwickelung
des Neuhochdeutschen gehabt haben. Obwohl wir nun schon verschiedene
treflfliche Untersuchungen, unter welchen die erwähnte von Pfeiffer unbe-
stritten die erste Stelle einnimmt, über diese höchst eigenthümliche Sprache
besitzen, bedürfen wir doch noch gar vieler bis in's Einzelne genau eingehen-
der Vorarbeiten, ehe die Lücke, welche für die Vorgeschichte des Neuhoch-
deutschen in Jacob 6rimin*8 Grammatik sich vorfindet und von diesem selbst
zugestanden und gerechtfertigt ist, vollkommen ausgefüllt werden kann.
Solche Vorarbeiten werden selbstverständlich die älteren mundartlichen
Sprachdenkmale zu bemcksichtigen haben.
Die ältere thüringische Mundart ist von Heinrich Rückert in seiner Aus-
gabe des Lebens des heiligen Ludwig von Friedrich Ködiz von Salfeld (Leip-
zig 1851) nicht mit Unrecht als der mitteldeutsche Dialect xare^ox^Jv be-
zeichnet worden. Von dieser älteren thüringischen Mundart besitzen wir bis
jetzt nur in der genannten Ausgabe eine zusammenfassende grammatische
Darstellung. Die beiden geistlichen Spiele von der hl. Katharina und von
den zehn Jungfrauen, beide zusammen herausgegeben von Friedrich Stephan
in ekem faat unbekannt gebliebenen Buche, betitelt 'Neue Stofflieferungen für
25
386 BEnmOLD BECHSTEIN
die deutsclie Geschichte» besonders auch für die der Sprache, d«s Rechts and
der Litteratur' (Mühlhausen 1847)» und das zweite, das Spiel von den zehn
Jungfrauen, später noch einmal herausgegeben von Ludwig Bechstein (Halle
1855), stammen aus Thüringen und sind in thüringischer Mundart abgefasst.
Beiden Herausgebern lag die grammatische Seite fern. Auch Ludwig
Friederich Hesse hat in seiner Ausgabe der thüringisch-erfurtischen Chronik
von Konrad Stolle (32. Publication des litt. Vereins , Stuttgart 1854) das
Sprachliche unberücksichtigt gelassen und sich auf Rückert's Arbeit bezogen,
in welcher auf Stolle's Sprache Bedacht genommen wird. Von dem anderen
sowohl für die Geschichte als auch für die Sprache höchst wichtigen thü-
ringischen Schriftwerke, von Rothes thüringischer Chronik, ist im Namen des
Vereins für Erforschung thüringischer Geschichte und Alterthumskunde zu
Jena von R. v. Liliencron eine kritische Ausgabe mit genauen sprachlichen
Untersuchungen und einem Glossar veranstaltet worden , deren Erscheinen
in Kurzem zu erwarten ist.
In allen diesen Ausgaben ist mit Recht von der Quantitätsbezeichnung
abgesehen. Es fehlt eben der Prosa das wichtigste Hülfsmittel für die Er-
kenntniss der Quantität, der Reim. Und die wenigen vorhandenen Dich-
tungen, die noch dazu von geringer Ausdehnung sind, geben nicht über jedes
einzelne Wort Aufschluß.
Aber trotz der verhältnissmäßig geringen Ausbeute, welche im Ver-
gleiche mit dem Mittelhochdeutschen , wo viele Tausende von Reimen die
feste Regel erkennen lassen , die thüringischen Denkmale für die mittel-
deutschen Quantitätsverhältnisse gewähren, ist das Vorhandene immer noch
ergiebig genug, und darum erscheint eine Benutzung des Materials, im Sinne
eines Beitrags und einer Vorarbeit gehalten, nothwendig und gerathen.
Denn daß die Quantität überaus wichtig ist in der Sprache wie in jeder
Mundart, ist eine ausgemachte Sache. Sie bildet ja mit den Lauten im
Gegensatze zu dem musikalischen Bestandtheile der Sprache den materialen.
Insbesondere die Erforschung der mitteldeutschen^ Quantitätsverhältnisse
kommt vor Allem der Grammatik und der Geschichte des Neuhochdeutschen
zu Gute. Denn dieses hat sich auch nach dieser Seite hin nicht allein auf
naturgemäße und geschichtliche Weise entwickelt, sondern ist auch durch
landschaftliche und mundartliche Einflüsse zu der ihm eigenthümlichen Ge-
stalt gelangt, welche in so vieler Beziehung vom Mittelhochdeutschen ab-
weicht, während die südlichsten deutschen Mundarten, besonders die ale-
mannische, zum größten Theile auf der Stufe des Mittelhochdeutschen stehen
geblieben sind.
Das hauptsächlichste Denkmal für unsere Betrachtung ist Rothe's Ge-
dicht vom Leben der heiligen Elisabeth. Leider ist die einzige Ausgabe,
welche wir besitzen, (Mencken: scriptores rerum germanicarum. tom. B-
XXVm. Sp. 2033—2102) nach der schlechtesten aller Handschriftea
BEITR&6E ZUR XCaniTKISS DXB TlORINa MUNDABT. S87
gefertigt und obne Sorgftitigkeit'von Seite des Herausgebers. Eine neue
Ausgabe dieser trockenen Reimerei zu veranstalten , würde kaum der Mühe
werth sein, besonders jezt, da Rothe's Sprache durch die bevorstehende
Ausgabe seiner thüringischen Cluronik hinlänglich erforscht ist. Für den
vorliegenden Zweck die andern besseren Handschriften zu Rathe zu ziehen,
wäre wohl vortheUhaft gewesen, war aber keineswegs unbedingt nothwendig,
da wir ea assschlieftlich mit den Reimen zu thun haben. Und die Reime
gewähren ja immer trotz später und schlechter. Überlieferung einen festen
Maßstab fnr die Kritik und können nur in seltenen Fällen werthlos werden.
Wo daher sich verdächtige Reime vorfinden, sind sie nicht in den Kreis der
Betrachtung gezogen worden. Eine Ergänzung findet die Ausgabe von
Mencken in der kurzen Einleitung des Gedichtes, in welcher sich Rothe als
Verfasser nennt (Bragnr 6. Bd. 2, S. 140 — 142). Ferner gehört zu den
poetischen Denkmalen der älteren thüringischen Mundart die gereimte Ein-
leitQBg ZB Rothe*8 thüringischer Chronik (Mencken: Tomus H. XXIV«
Sp. 1633 — 1635). Endlich dient zur Benutzung die in Versen geschriebene
Episode Von der geschieht des herzogen von Bnrgundien' in StoUes Chronik.
(Ausg. V. Hesse S. 109—126.) *)
Die Rechtschreibung ist, wie immer in den jüngeren Handschriften, voll
von Ungleichheiten und Willkührlichkeiten. Desshalb musste yon der diplo«^
matischen Überlieferung abgewichen werden, soweit es rathsam schien. Die
unnöthigen Consonantenverdoppelungen nach entschieden langem Vocale
wurden nicht beibehalten. So findet sich auch Vocalverdoppelung bei kurzem
Vocale. Von besonderer Eigenthümlichkeit ist das in der Handschrift vom
Leben der hl. Elisabeth häufig vorkommende e nach t, o und u, wo es durch-
aus weder ein Zeichen des Umlautes noch auch ein Zeichen der Dehnung ist.
gehoert ist nicht = gehört, sondern = geh&rty indem jener Umlaut der
Mundart völlig fremd ist. Es steht auch nach kurzem Vocal und vor Con-
sonantenverdoppelung: ruek nicht = rück oder riüb, sondern = ruck ^^^
rucken. Maochmal ist da, wo die überlieferte Rechtschreibung von Bedeu-
tung schien, eine Bemerkung in Klammer hinzugefügt.
*) Was die ZSbloDg der Yenseiien »olangt, so sei Folgendes bemeikt: Stolle wird citiert
nach Seiten nnd Zeilen. Die Stellen im Bragnr nach Seiten and Strophen , Ton denen Jede
▼ier Verse enthält. Die Einleitung zn der thar. Chr. yon Bothe steht, wie oben angeführt,
Spalte 1633—1635. Danach wird citiert. Dagegen im Ged. t. d. hl. Elisabeth wird der
Kurse wegen die Zahl 20 (= 2000) hinweggelassen. In der Menckischen Ausgabe soll nicht
nach Zeilen geslhlt werden wegen des grölen Formats , sondern nach den zwischen beiden
Spalten stehenden grölen Buchstaben A, B» C, D. Die Zahl allein bedeutet, dal der Vers
sich findet Tom Anfang der Seite bis dahin» wo A steht. Die Zahl mit A beseiehnet den Raom
▼on A— B n. s. w. Die Spaltenbezeichnung 2045 und 2046 findet sich zweimal. Damm
Ist fftr die zuletzt stehenden Spalten das Citat 45^ u. 46^ gewählt worden.
25 •
388 EEINHOLD BECHSTEZN
I. Zunächst ist es nöthig, die Quantitätsverhältnisse in der Conjngation
zu betrachten. Nur wenige mhd. Längen sind im Nhd. gekürzt worden.
Die Praeteritafonuen der 6. Conjugation auf oz hatten im Mhd. langen Vocal:
verdr6z^ flSz u. s. w. Aus -^z wurde im Nhd. -o««, -^98 : verdroa», ßo98 n. s.w.
(vgl. mein Schriftchen über die Auspr. des Mhd. Halle 1858. S. 80). Die
thüringische Mundart des 15. Jahrh. hat hier noch entschieden die alten
Verhältnisse bewahrt: verdrSss (ge&chr. verdroes): Zrf* (ledig, frei), 69 A.
beffSss : ffrSss f 58 A. beschSss (geschr. beschoüa) : g^Sss. Stolle 117, 12.
schloss (y. sehlieseen): schSss (heute geschr. iScAoo««) 75. — Dagegen weicht
das Praeteritum der 8. Conjugation auf -n^ im Thüring. nicht allein in der
Form, sondern auch in der Quantität vom Mhd. ab , gerade wie es im Mhd.
der Fall ist (vgl. Ausspr. d. Mhd. S. 83*). Zwar wird heute von Vielen die
ursprüngliche Schreibart fieng, fiengen u. s. w. anstatt /n^, fingen beibe-
halten, allein in der Aussprache wird doch//n^, ßngen u. s. w. fiir mundart-
liche Betonung gelten müssen. Der Singular müsste, wenn die mhd. Form
sich vorfände, thüring./^, gt, M heißen, während er gleich dem J^hd.fing,
ging (hing) lautet. Die Kürze des Vocals im Sing, wie iüi Flur, wird durch
Reime bewiesen: entfing (wenn auch ent/ieng geschrieben): ding 74 C.
-.ging: ding 35 D. 43 D. 70 D. 91 A. 92 B.: jungeUng 53 A. 88 C. 89 C.
ginge i geringe 6\. — gingen : dingen 35 A. 69 D. 81 B. 85 B. 90 C:
ringen 89 B. : Afterdingen 42 B.
Bei Weitem mehr organische Kürzen sind im IShd. zu Längen geworden
als organische Längen zu Kurzen. In der gebildeten Sprache der Jetztzeit
wird die Quantität des ersten Ablauts von der des zweiten , wo sie im Mhd.
noch wechselt, nicht mehr unterschieden. Das Altthüringische dagegen hält
noch zum größten Theile an den alten Kürzen fest Dieß ist im Einzelnen
zu betrachten (vgl. Ausspr. d. Mhd. §.41).
1. Conjugation. — befehlen (mhd. bevelhen) gehört nicht mehr wie
mi Mhd. zu dieser, sondern zur zweiten Conjugation. Die thüring. Form
des Praet. ist der nhd. gleich; in Hinsicht der Quantität scheint sich dess-
halb, weil sie mit aU im Reime zusammengestellt wird 88 A, das mhd. Yer-
hältniss zu zeigen, so daß also das Thür. zwischen dem Mhd. und Nhd. die
Mitte hielte: mhd. bevcMi, (gesprochen ^^wrf<7Ä), thür. befal (geschr. beuall),
nhd. befäl (geschr. befahl). — Die Form wart v. werden wird gerade in
Mitteldeutschland meistens = wärt gesprochen. Das Thür. jener Zeit hat
wie das Mhd. kurzen Vocal: wartihart Bragur 141, 3. Mencken 86, 87B:
Ermegart 33 C.
3. Conjugation. — Hier zeigt sich uns fast ohne Ausnahme die ur-
sprüngliche Kürze des ersten Ablauts, der besonders in -Betracht kommt,
durch den Reim belegt. 1) Das Praeteritum was (nhd. war) wird im Reime
zusammengestellt mit folgenden unzweifelhaften Kürzen : daa&bJ). 69 C.
64 C. 67 B. 81 A.; haae 68 D. Stolle 118, 7: basa (meUus) 63 A: Wf*w
BEITRÄGE ZUR KERIVTNISS DER THORINO« MUNDART. 380
Stölie 120, 20: etwas 55 A. Dagegen hat das Bchwach flectirte Participium
im Gegensätze za dem mhd. gewesen (nhd. gewesen) langen «-Laut wie
meistens in den Mnndarten: gew€st : aUemSst (geschr. aüemehisty mhd.
aÜerniBhedt) 42 A. — Durch die als unzweifelhaft anzunehmende Thatsache,
dal( der Vocal in wue k^rz gesprochen wurde y kann nun dieses selbst zum
Beweise der Kürze in anderen Praeteritaformen dieser Conjugation dienen. — «
t)a$8 (y.eseen): tvas (eram, als kurz angenommen) 77 C. — S^vergassidcie
48 0: um (eram) 54. 59 B. — 4) sase : badefaes 45*^ D : das 65 B. 86 B :
bass 97 B: lass (piger) 76 C: was (eram) 44 G. 65. 82 A. 91 A. 96 B.
99 A. — 5) gab:ab, herab 34 C. 45 B. 64 C. 76 D. 79 C. -^ 6) saeh
(nhd. sä, geschr. sah): Isenach (geschr. Eisenach) 52 C. 102 A: Leimbaoh
88 C. Ob gemaeh 83 B für sach ein beweisender Reim ist, kann fraglich
sein, da in Mitteldeutschland raeUt gemacht ^^mcpcAZtVA gesprochen wird;
eher dfirfte seteh für gemach entscheiden. — 7) Für geschach (nhd. geschd)
fehlen unzweifelhafte Belege; es reimt einmal mit gemach 74 C. und dreimal
mit nach 53 A. 58 D. 98. Dennoch ist wohl die Kürze anzunehmen ; nach,
im Grunde dasselbe Wort wie nahe, wird in Ausgaben mhd. Schriftwerke
immer als lang angenommen» Als Praeposition , wenn nicht auf ihr ein be-
sonderer Nachdruck liegt, wird es heute kurz gesprochen: nach dir, nicht
vor dir: dagegen : nach dir, nicht nach mir. In Norddeutschland wird
immer nach gesprochen, selbst wenn es getrennt vom Verbum steht: erfolgte
dir nach, während in Süd- und Mitteldeutschland die alte Länge zur Geltung
kommt: er folgte dir nach. Diese Quantität hat gewiss auch die altthür.
Mundart gehabt, wesshalb ohne großes Bedenken im Reime sach : na^h Kürze
und Länge anzunehmen ist — 8) bat (v. bitten) : stat (Stätte und Stadt) 47 A.
77 D. 86 A. 90 C. Vereinzelt steht bat : tat (die That) 88 A. —
9) trat: stat (Stätte und Stodt) 40 B. 42 B. 44 A. 92 C. — 10) 2a^ : das
68. 97 B. was (eram) 33. 84 D. — 11) genas : was 46 B. — Außer dem
Praet. haben auch mehrere dieser Verba den Vocal des Participinms im Nhd.
verlängert: mhd. gegeben, nhd. gegAen u. s. w. Welche Quantität im Thür.
gegolten hat, lässt sichvaus dem Gebotenen nicht erkennen. Das Versmaaft
gewährt ebenfalls keinen Anhaltspunkt.
2. Conjugation. (Diese Conjugation ist nachgestellt, weil belegte
Kürzen der dritten selbst zum Belege herbeigezogen werden.) Hier scheint
sich in Hinsicht der Quantität des ersten Ablauts ein Schwanken zu zeigen.
1) Die Kurze in sprcu^h (nhd. sprach) wird bewiesen durch folgende Reime:
Eechenbach 44 A: sach (als unzweifelhafte Kürze ddr 2. Conjug.) 44 A.
42 A und öfters: geschach 70: gemach, ungemach (als kurz angenommen)
85 A. 87 B. — 3) brach : sach 40 C : geschach 63 D. — 4) quam : man
(angenauer Reim). — 6) Dagegen wird gebar nur mit Längen gereimt: jdr
33. 66 A: klär 68 A. — Über die anderen Praeterita dieser Conj. lässt sich
wegen Mangels an Belegen nicht entscheiden , wie auch über die Quantität
390 BEINBOLD BECHSTBB7
der im Nhd. lang gewordenen Participta wie gebaren (mhd. gehörnt nhd*
geh&ren) n. a.
5. Gonjugation. — In dieser CoDJngation kommen der zweite und
der dritte Ablaut in Betracht. Im Mhd. haben beide kurzen Voqal, im KM.
dagegen langen: mhA^ynt schinen^ geechinen, nhd. wir scMnen^ gesehenen
(geschr. schienen^ geschienen) u. s. w. Im Altthür. begegnen wir schon dem
heutigen Quantitätsverhältnisse. Das Praet. von euu^gen (nhd. schweigen)
lautet im Plnr. wie der Infinitiv ewigen (geschr. echwiegen)^ da der Reim
hrtgen (geschr, wie nhd. kriegen ^ mhd. kriegen) folgt 36 B. Daß vom
Praet. auf die Quantität des Partie, geschlossen werden darf, liegt auf der
Hand.
6, Gonjugation. — Im Participium zeigt sich die alte Kürze bewahrt
in: erJeom (nhd. erkoren): Beinersbom (Reinhardsbrunn) 74 A: zam 88 A:
unverwam (v. verwerten) 84 A. Dagegen wird das Partie, geboten (mhd.
geboten^ meist in Urkunden und Hss. geschr. gebotten) mit einer Länge ge-
reimt: entp^en : tSten (d. i. täten ^ sie thaten; falsch gelesen vom Heraas-
geber teten) 78 A.
IL Wir gehen über zur Betrachtung der Quantitätsverhältnisse in ein-
zelnen Worten (Hauptworten, Eigenschaftsworten, schwachen Zeitworten und
starken in Hinsicht des Praesens und des Infinitivs , Partikeln u. s: w.). —
1) Die organische Länge haben einige bewahrt. So wä/en (geschr. wie im
Nhd. Waffen): eUfen 41 B. — 2. Das Wort «^a«^<? hat im Mhd. entschieden
langen Yocal; ebenso verlangt ihn die gebildete und bühnengültige Aussprache
der Jetztzeit. Dagegen wird in SüddeutschlÄnd und hier namentlich in
München, Strasse gesprochen. In mitteldeutschen und insbesondere in thfi-
ringischen Mundarten ist mir Strasse anstatt ^fo*^«^ noch nicht vorgekommen.
Wenn demgemäß Strasse auch für das Thür. der damaligen Zeit anzunehmen
ist, kann dieses Wort zum Belege dienen für mdsse (mhd. mäze^ nhd. die
Masse) 60 B. — • 3) Ebenso reimt Strasse mit lassen (mhd. Idzen^ nhd.
lassen) 40. 75. Dagegen reimt ablass (mhd. ahUz, nhd. Ablass) mit was
(eram) 99 C. — 4) Das Wort nach, dessen Länge im Thür, wohl unbezweifclt
ist, wird überdieß mit gäch (mhd. gäch und gcehe, nhd. jüh) zusammengestellt:
Stolle 118, 5 V. u.
Auf der anderen Seite haben sich vielfach die organischen Kürzen er-
halten. — 1) oH (nhd. die dH): Beinhart 36 A. — 2) barte (nhd. Mrfe.
dem Barte): warte (= warten) Bragur 140, 4. — 3) fart (nhd. fdrt, Fahrt):
Beinhart 46 C: Mainhart 72 A: bastarl Stolle 110, 2 v. u. wart (als karz
angenommen) 39 B. 62 D. 70. 90 C. 96 D. — 4) zart (ühd. zdH): wart
44 A. — b) gUs (vlM. das glas): lass (piger) 1633 C: was (eram, als
kurz angenommen) 56 B. — 6) gi^am (nhd. gräm adj. u. der Qrdm):
Wbl/eramU: Herman 46 B. — 7)zal (meist zaü geschr., nM.zäl, ZaU):
ah uberai 72 C. 98 A: befal (geschr. beuaU, nhd. befahl; als kurz ange-
BEITRAGE ZUR KEinillll88 IHR IBtttlKO. MUNDART. 39^1
immmefi: 8. o.) 100 C. ^«mA (gezählt): oft 53 B. 100 B. verzalUheBtaU
(bestellte) 71 A. — 8) geferie (nhd. gefcBrte, Gefährte): derte (= drete,
driüe) Bragor 141, 4. — 9) gebet (nhd. Geh^t): Mieabeth 64 C. —
10) kele (nhd. kOe, Kehle: helle (unser 'Hölle') 95 G. — 11) redey gerede
(öfters geschr. red^ anch rydt\ nhd. BMe): mete, damete (meist fälschlich
geschr. nut) 47 B. 71 D. 83 D. 98 A. redenisteten (manchmal geschr.
ateden; Städten) 56. 58. 81 C. retU (geschr. redte, redete): bette (das
Bette) 73 C. 74 C. 87 C. — 12) nnede (= smeden, nhd. schnöden,
schmieden): medei=mete9 mit) Bragor 141, 2. Daß das unter 11) und
12) zum Beweise angeführte tnet und ^n£t€ nicht mit und mite gesprochen
warde, ist aas den BximmMieabH 47 B. 57 B. 59 B. und eteU (Städte)
$9 zu ersehen. — 13) verzert (nhd. verz^t^ verzehrt: wert (geschr. mrt^
Wirth) 44 D. — 14) gezimi (geschr. geztmbt; nhd. geztmt, geziemt): nimt
62 B. — 15) vil (meist geschr. vill; nhd. vU, viel): ml 62 A. — 16) ge-
bort (gescbt. geburt; nhd. Oebürt; Kürze erhalten in gebürtig): /art(geschv.
fürt) 36 A : tvort 44 A. — 1 7) Zweifelhafter ist eon (mhd. eun , nhd. edn^
Sohn): von, da in manchen Gegenden Thüringens vdn gesprochen wird. —
18) und (meist geschr. woU; nhd. wöly wohl): sol 46^ B: vol 40 C. 72 A.
82 B. 85 D. 87 C. 92 A. 99 A. — 19) hol = holen (fälschlich geschr.
hole, holn und holden; nhd'. hSlen): vol 70 A: wol (wenn es, wie sich ans
Nr. 18) ergibt, als Kürze angesehen wird) 39 G. 74 A. 91 B.
IIL Während in den angeführten Worten zumeist die ursprüngliche
Qnaotität bewahrt ist, finden sich nicht wenige , welche schon die heutige,,
vom Mhd. abweichende besitzen. — 1) Zu den Kürzen, welche ehedem Längen
waren, gehören vor allen h4U und haUe; hat (zsgz. aus Ao^e^ demgemäß mhd*
Jkctt^ nhd. hat) zeigt kurzen Vocal; es reimt nach meiner Zählung Hmal mit
«toi (Stätte and Stadt) Bragur 141, 6. 142. Mencken 44 CD. 51 G. u.s.w.
In den Beimen hatiConrät 84 B. 101 sind dflrum Länge und Kürze zu-
sammengestellt. Ebenso reimt die 2. Person Plur. hat (= hal>et, mhd. hät^
nhd. habt) mit etat 82, so daft auch für diese Form die Kürze anzunehmen
ist Und in der That wird vom Volke heute noch 'ihr ha£ gesprochen. Wie
die 2. Person PInr. Praes., so hat auch das Particip gehat kurzen Vocal 60 G.
Daft von hat anch 9LXxf hast (mhd. hast), für welches Belege fehlen, geschlossen
werden kann , scheint nicht allzugewagt — 2) In gleicher Weise gilt die
KSrze in hate (meist wie immer in späterer Zdt hatte geschr.; mhd. häte aus
habete): statte (=staUete, gestattete) 70 D: bestatte (=i bestattete) 35 D.
52 A. 84 A. hatten: gestatten 76 D: bestatten 46* D. — 3) Das Praeteritum
wie auch das Particip von denken haben im Mhd. langen Vocal : ddhte^ ge»
ddhL Heute gilt Kürze dachte, gedacht. Im Niederdeutschen, wo überhaupt
die Gatturalaspirata einen kürzenden Einfluß auf den vorhergehenden Vocal
aoatibt, ist diese Kürze schon in sehr früher Zeit anzutreffen. Auch das
ältere Thöriagiscb zeigt dieses Verhälluiss : bedacht : erwacht 87 C. —
392 WSUBBßUX B£0tB9R0l
4) Mehr Belege fioden sich f&r brachte und ffebracht (mbd. brdhiej ffdftM):
achte 63 C: nacM 42 B. 48 C. 79 D. 85: macht 73 A. 87 B. — 6) Zu
den Worten^ die anstatt langer Quantität kurzen Vokal erhalten haben,
gehurt licht adj. und das Licht (mhd. mit Diphthongen: lieht, in sad^
deutschen Mundarten lücht, beinahe liacht gesprochen). Da die mittel-
deutsche Sprache anstatt des Diphthongen ie langes i hat, so müsste, wenn
die alte Quantität bewahrt wäre , im Thüringischen und auch im Mhd. Ueht
die Regel sein, wie z. B. im Hennebergischen gesprochen Vird. Daß aber
in Thüringen im 15. Jahrhundert wie heute licht galt, dafür spricht der
Reim lichte : geeichte 95 G.
IV. Der entgegengesetzte Fall besteht darin , daß organische Kürzen
zu Längen werden. Bekanntlich ist dieß in tiberwiegendem Maße geschehen.
Das Thüringische des 15. Jahrhunderts lässt schon die AnfUnge dieser
Störung der Quantitätsverhältnisse erkennen. So finden sich mehrere kleine
einsilbige Wörtchen, deren Quantität im Mhd. einmal wie das anderemal ist,
die aber heutigen Tages auf doppelte Weise betont werden , je nachdem sie
ihre Stellung haben. Im Reime werden sie immer lang gebraucht. Dahin
gehören dar, gar, her, vor. — 1) dar: (mhd. dar): clär94 C: ofenbdr
44 D. — 2) gdr (mhd. gar; Kürze bewahrt in: gerben): Fritzlar 102. —
3)M* (mhd. her, Raumadv. hierher): m^ (geschr. meMr, mhd. mwre) Stolle
109, 1. Die thüring. Form h^e reimt mit n^e (näher) 66 D. — 4) r *•
(mhd. vor; Kürze bewahrt in vorn, vorder und fordern): KlingesSr 35 C.
46 G. ' — Ihnen schließen sich folgende einsilbige und stumpfroimende Worte
an, die ehedem kurzen Vocal gehabt: 6) h^r (geschr. heir; mhd. Aer, nhd.
ÄÄ», Heer; Kürze bewahrt in Herzog): m^r (geschr. mehir; mehr) Stolle
HO, 17. — 6) mtr (mhd. mtr): echtr (mhd. schiere) 1634: Ur (geschr.
thier, mhd. Her) 93 C. — 7) ir (mhd. ir, nhd. tr, ihr): scUr 67 C —
8) StfrÜ (geschr. Seyffrid und Seyfridt; mhd. Sigefrü, Si/rit, nhd. %-
frit, Siegfried): zit 97 B. 99 B, — Klingreimende sind folgendet 9) fdren
(mhd^fam): wären 63 A: fdren 63 D. — 10) g^^ : et^ (mhd. stwte,
stets) 74 A. 88 B. — 11. w&e (mhd. were, nhd. wA'e, Wehre): m^
(masre) Stolle 113, 24. — 12) {pflegen) gepfl^ge: verzage (geschr. verziehe,
mhd. verzihen, nhd. verzichten und verzeihen) 83 B. — 13) w&den (mhd.
werden; nhd. werden. Kürze bewahrt in 'du wiret, er wird"): gefSrden
(mhd. gefcerden, pl. Betrug) 76 B» — 14) bSten (mhd. böte, meist botta
geschr.; nhd. B6te, Kürze bewahrt in JBiittel) im unreinen Reim zusammen^
gestellt mit geraten und beraten 45 C. 46' D. 56 B. — 15) boren (mhd.
boren, ^öm,*nhd. boren, bohren): waren (= wären, erant) Stolle 116, 18.
Y. Indeß bieten selbst mhd. Sprachdenkmale ans der besten Zeit Ab-
weichungen von der ursprünglichen und organischen Quantität und Schwan-
kungen finden sich bei einem und demselben Dichter, weil er dem Reime
Zugeständnisse machen muß. Wie das Yerhältniss solcher Silben and Worte
. BdTBlGE ZUR KEMKTinSS DEB THOEINO. MT7KDART% 3A9^
im älteren Thüringisch gestaltet ist, muß hier berücksichtigt werden (vgl.
Ausspr. d. Mhd. S. 79 u. 84). Wir gewahren hier ebenfalls einen Wechi^el
zwischen alter und neuer Quantität, doch überwiegt das Verhältniss, welches
mit der Zeit in der nhd. Sprache vollkonimen durchgefiihrt und zur Einheit
gebracht wurde. — 1) Nur das Wort herre ist, wenigstens was den Keim
anlangt» durchaus auf der alten Stufe stehen geblieben: Mrren (mhd. hSrre
ans Mrere^ später die gekürzte Form herre, aus welcher unser Herr): irren
67 A: 4ren (dat. pL) 81 B: kiren ib\ 96. Stolle 116, 19: miren (ver-^
mehren) 88 G. 96 G: awSren (mhd. aweeren^ Schmerzen) 86 B: heswiren
(mhd. hemuHBren) 46 D. Der Reim — der gute her: — sine muUer 71 B.
nach welchem her (==: herre) kurz gebraucht wäre, scheint zweifelhaft.
2) riUer (mhd. rUer und ritter) hat kurzen Yocal, wie sich aus dem Reime
Bitter (Eigenn.) 72 G ergibt — 3) Die Silbe -iich (mhd. Uah, seltener
lieh, nhd. immer lieh mit Ausnahme von gleich, geleich, gelich) wird
lang und kurz gebraucht; -tf^A, glich (in der Hs. immer gleich geschr., was
sellwtyerstandlich zu berichtigen ist) 46. 67 B: rieh, ertrich u. a.: 63»
64 G. 73 A. 96 G. Stolle 116.. Die Länge der Silbe in der Flexion beweist
äev Reim: manigfeldigUchen : riehen (den Reichen). Dagegen -lieh: ich
96: mich 41. 66 D. 71 D. 87 B. dich 66. 91 D: rieh 1633 A. 65 A»
90 G. — 4) Ebenso wird die Silbe -nVA in Heinrich und Friderich bald
lang, bald kurz gesprochen: -^ich : gUch 71 A. 72 B. 99 A: Konigrtch
(geschr. Kamgreich) 73 A. Unentschieden bleibt Friderich : adelich 99 A*
Dagegen ist gewiss herügUchen: Heinrichen 8\ B. anzunehmen. — rieht eich
33 A. 33 B. 41 A 70 B. 76 C. 102 B. — [Anreihen lässt sich hier der
iäg^mame Ludwig. Zusammengesetzt aus ItU, ahd. htüi und wig, wie (der
Kampf), ist in der alten Zeit die letzte Silbe immer laug und hochbetont,
weil auf wie als dem Hauptworte im Kamen der Sprechende Nachdruck legen
maft. Mit dem Yerschwinden des luhaltes aus dem Sprachbewusstsein wurde
-wig wie eine Endungssilbe behandelt und der Hauptton auf die erste Silbe
lud-' gelegt. In Rothe*s Gedicht wird -wig im Reime immer lang gebraucht;
doch ist hierin wohl die Ursache in der dem Lateinischen nachgebildeten Form
Ludöwig zu suchen: JLudawig : krig (geschr. krieg, mhd. kriec) 69 B.
64 A 70 G : zwig (geschr. zweig) 62 B. In der Flexion : Ludawigen : er^
krigen 73 B]. — 6) Die Silbe -«n (mhd. -^/i, sehr selten -«n, dagegen häufig
die gekürzte Form ^inne; nhd. immer -4n) wird meist kurz gebraucht; -in
noreiumal: helferiniin (geschr. ^?n, nhd.ein) 61 B. Dagegen lardgreßnimn
(Sinn) 67. 63 B. maarkgrefin : gewin 64. In der Flexion nur die Kürze;
für^vnenxmmen 39 B* lantgreßnnen^eginnen 64 D.
Ein Wdrtchen, das in verschiedenen Gegenden Deutschlands verschie- >
dene Quantität hat, ist an. Während in Nord- und Süddeutschland die
uri^pi^gli^ Kürze in allen Fällen zur Geltung kommt, wird in Mittel^
deataddaad Ai gesprochen , wenn es Raumadverbium ist: an die ^adi.
384 RUKBOLD BEGHSTBUr
bbgegeo drehen, ich ^ehe dick an. Doch hat der ^fid» und Norddeutsche
Didit das peinliche Gefühl einer falschen Aussprache, wenn dn^ noch auch
der Mitteldeutsche, wenn an gesprochen wird. Um reinen Reim herzustellen,
sprechen Vorleser bald an und bald dn. Insofern kann man das Adverb in
der heutigen Sprache als anceps betrachten. Es fragt sich, welche Quantität
in der thüringischen Mundart des 15. Jahrhunderts die allein gültige oder
die bevorzugte gewesen. Nach den Reimen zu sehließen, ist die organische
Kürze in an zu damaliger Zeit noch gesprochen worden, indem es in unsem
Quellen 29mal mit einer Kürze zusammengestellt wird: an : man (vir) 40,
76 A. u. s. w. Stolle 111, 1 u. s. w. : Herman Bragur 141, 6. 142. Mencken
43. 48 B. u. s. w.: kan (potest) 61 C. 66 C. 87 A. 92. 96 A. B: dan
(mhd. danne) 72. 76 A: be^an 76 C. Dagegen wird es nur 11 mal mit
L&igen gereimt, und zwar ausschließlich mit getdn 39 B. 46 G. 47 D.
u* 6. w.
VI. Bis jetzt wurde die Quantität betrachtet in Rücksicht auf das ur-
sprüngliche und organische Verhältniss, wie es uns im Mhd. in fast unge-
trübter Reinheit entgegentritt, und in Rücksicht auf die Störung dieser
Harmonie, welche das Khd. zum Abschluß brachte, endlich in Rücksicht auf
ein Wechseln und Schwanken in der Aussprache, welches einmal immer
vorhanden sein mufi und welches wir in einer Zeit, die auf der Gränze zwi-
schen dem Alten und Neuen steht, gerade am Platze finden müssen. Jetzt
ist esnöthig, diejenigen Quantitätsverhältnisse, welche im Gegensatze sowohl
zum Mhd. als auch zum Nhd. stehen, welche also rein mundartlicher Nator
sind, in's Auge zu fassen. — 1) Es wurde V» (am Ende) der Reim an: getan
erwähnt und in ihm Kürze und Länge angenommen. Da nun in mehreren
Theilen Thüringens , wie auch in dem an Thüringen grenzenden Hennebeig
(welches in Hinsicht der Mundart zu Franken gehört) vom Volke nicht ge-
tdn, sondern getan gesprochen wird, so könnte vermuthet werden , daß diese
Sprechweise auch dem Dichter Rothe und mit ihm allen Gebildeten in da-
maliger Zeit gerecht gewesen wäre; und diese Yermuthung fände durch den
erwähnten Reim ihre Bestätigung , da gegen die Kürze von cm nichts einzu-
wenden ist. Dazu kommt, daß fast in sämmtlichen Reimen auf a, in deneo
im Mhd^wie auch im Nhd. Kürze und Länge gebunden sein würde, das Wort
getan vorkommt: getan : man 45^ B. 97 A. Herman 33. 71 A: han 69 B:
daok (danne) 57 : epan (v. spinnen) 86 B. — 2) Zweifelloser ist &e mund-
artliche Kürze in han (mhd. Mn aus haben, nhd. haben). Wie hat (er hat
und ihr habt) kurzen Vocal iBesitzt (s. III., 1.), so kann er auch lur han
(Infinitiv und 1. und 3« Person Plur. flräsentis) gelten: han: dan 65 G: gan
(von gönnen) 91 : ma/n 53. 59. 62 C. 63 G: Ucknam 9S G: gewan 56 A:
an 13mal Stolle 118, 16. Mencken 41 B. 55 a 59 D u. s. w. Mit einer
entschiedenen Länge wird han nie gereimt, nur mit. der zweifelhaften Unge
und wahrscheinlichen Kürze in g^an 60 A. .84 A. 90 B. 96 A. —
BEITRlOE ZUR KENimilSfi I»EA' THDRING. MUNDART.
3) Fraglich bleibt die Quantität in ftu/nt (mbd. friwd^ nhd. Freund). Ist
frAnde (geschr. frennde) : 9unde (Sttode) 86 B. 88. Orlamunde 64 anzu^
nehmen oder die VerkQrzung frunt? Heutigen Tages hört man vielfach in
Thüringen /ran< anstatt /riflnt — 4) In Rothe*8 Gedicht kommt in allen
Reimen auf o, welche, nenn die mhd. und nhd. Quantität gilt, Länge und
Kmrze binden würden, nur eine Form von hören (mhd. und nhd. hören) vor,
meist das Participium gehört, erhört^ überhört. Die Hs. bietet fast immer
hoeri, natürlich falsch, gehört eic: nort 1634 B. 43 A. 44 C. 56 C.
82 A. 92 G. 95 B. D: dort 41 D. 48 B. 100 C: fort 58 A. Deshalb
liegt die Vermnthnng nahe, daft in gehört der Yocal im Gegensatze zum
Mhd. nnd znm Khd. kurz ist Doch kann auf den Infinitiv hören anstatt
kSren nicht zurtickgeschiossen werden.
YIL Schließlich sei der Reime gedacht, in denen langer und knrier
Yocal zusammengestellt werden. Zwar kann in vielen zum Belege ange-
fahrten Reimen Länge nnd Kürze angenommen werden , allein solche Reime
unterscheiden sich doch wesentlich von denen, in welchen ohne jeglichen
Widerspruch verschiedene Quantitäten in Anwendung gebracht werden. Und
dieser Reime sind es sehr wenige. Einige derselben wurden schon gelegent-
lich erwähnt Die andern sollen hier verzeichnet werden. — a\ d: stai
(Statte und Stadt): tätbl A. 77 B; Conrdt 71 C. — i?: ^ist mir nieht be-
gegnet. — iitim Yerhältnisse zum Mhd., wo dieser Reim fast niemals vor«
konunt, verhältnissmäfiig ziemlich häufig : sich : Osterieh (geschr. Osterreich)
40 A. 65 D. Kotägrtch Bragnr 140, 1. domitiltt (geschr. liedt, Lied)
33 A. ftm<?A^ (berichtet: bScJU (geschr/ beicfite) 73 G. sittenihniten (knieten)
67 C. — o:S:got:clen6t Stolle 121,6. — u:ü fehlen, wenn man nicht die
anter YI. 3) hierher rechnen will.
Die Ergebnisse, welche aus diesem Reimverzeichnisse liervorgehen,
branchen für den Sprachkenner nicht dargelegt zu werden, da die gegebenen
Beispiele für sich selber sprechen. Überdiefi kann eine Yorarbeit, wie die
voriiegende , den Gegenstand nicht erschöpfen und zum Abschluß bringen.
Died wird erst möglich sein können, wenn die Quellen reichlicher fliekn
werden. Dennoch kann schon jetzt ein Urtheil gefällt werden, in wiefern die
Ansicht Rückerts hinsichtlich der Quantität im älteren thüringischen Dialect
stichhaltig ist und in wiefern nicht 'Das organische Yerhältniss der alten
Längen und Kürzen ist bereits vollkommen gestört'. Stände in diesem Satze
das Wort 'vollkommen' nicht, so würde^nichts einzuwenden sein. Eine voll-
kommene Störung aber ist keineswegs eingetreten. Eine beträchtliche An-
zahl Silben, sowohl lange als kurze, klingreimende und stumpfreimende, zeigt
noch die mhd. Quantität und nicht die neuhochdeutsche. Es ist wahr: 'es
gilt im Allgemeinen die Regel, daft in einfachen Wörtern jede betonte Silbe,
3M '^^^ WEiSER
insofern sie nicM durch Position geschärft ist, dnrch den Sprachaccent ver-
längert wird*. Das beste Beispiei, durch welches auch erkannt werden kann,
wie die neuere Sprache die Einheit der Quantität in einem und demselben
Stamme aufgibt, ist fart und fdren (s. IT, S.u. IV, 9.). Aber der angeführte
Satz ist nur zum Theil wahr. Erstens: in manchen Worten steht keine
Position und der Vocal ist dennoch kurz geblieben: vgl II Nr. 9, 10, 11.
Zweitens : in einem Worte steht Position und der Vocal scheint doch lang
geworden zu sein: vgl. IV, 13). Vollkommen richtig ist es, weön gesagt
wird, es lasse sich nicht einmal die von J. Grimm Gramm. P, 251 für das
Mittelniederdeutsche aufgestellte Regel , daß wenigstens in den einsilbigen
Wörtern die alte richtige Quantität sich erhalten habe, behaupten. Wenn
auch einsilbige Worte zum größten Theile kurz geblieben sind, wie die ersten
Ablaute der 3. Gonjugation , so sind doch andere schon zu der heutigen Be-
tonung gelangt (IV, 1 — 7).
NÜRNBERG.
ZWEI GESPRÄCHE ZWISCHEN SEELE UND LEIB.
HERAUSGEGEBEN
V05
MAX RIEGER.
Nachdem neulich Bartsch (die Erlösung mit einer Auswahl geistlicher
Dichtungen, S. 311) zu der schon bekannten alten eine zweite fast neuhoch-
deutsche Paraphrase der visio S. Philiberti (abgedr. in Earajans Frühfiogs-
gabe 1839) veröffentlicht hat, darf sich auch wolil das Gedicht zu Darmstadt
hervor wagen, von dem bereits Hoffmann Altd. Bl. 1, 380 Nachricht gab.
Sprachformen, Orthographie und Schriftzuge stimmen völlig zu dem
niederrheioischen Leben der h. Elisabeth, das in der Hs. voran geht und von
1421 datiert ist: einem Werke, das beiläufig gesagt mit dem in Graffs
Ditttiska auszugsweise Mitgetheilten gar nichts zu thun hat. Daß die Mund-
art dem Dichter, nicht nur dem Schreiber gehört, zeigt ein Blick auf die
Reime: und ebenso daß der Schreiber sich jüngerer Sprachformen bedient
als der Dichter, denn V. 116 soll w^s (2 sg. ind.) auf Mre reimen. Zu-
gleich dürfte die Zerrüttung und die Überladung zahlreicher Verse mit unge-
hörigen Worten auf eine längere Überlieferung deuten. Auch dieses Ge-
dieht ist eine Nachbildung des lateinischen , aber von allen mir bekannten
die freieste. Die eine von Earajan und die von Bartsch herausgegebene sind
2WEI GESFRiCHE ZWISCHEK SEELE UND LEIB. 89t
ziemlicfa genaue Übersetzungen» nur daS die lextere, die auch die metriBche
Form des Originales wiedergibt, die 16 einleitenden Verse über Phiiibertus
weg l&sst Das andere Stück bei Karajan, '^Der eile Hag^^ wie es sich
selbst Y.601 betitelt, ist eine freie Bearbeitung, die Einzles fallen lässt und
Andres erweitert, im Ganzen aber den Gedankengang des Originales treu
wieder gibt; die Ys. 384 — 411, die keine Grundlage in diesem haben, sind
eiue störende Interpolation. Das niederländische Gedicht *Van der jgielen
ende van den lichfm%e\ von Biommaert 1836 mit dem Theophilns herausge-
geben, verfahrt auf die selbe Weise, nur mit viel kürzerer Fassung. Das
voriiegende niederrheinische hat mit ihm nur den Titel gemein. £s fasst sich
noch kürzer und geht mit dem Originale so frei um» daft es dessen Bestand-
theile umstellt: es verwendet z. B. die lateinischen Langzeilen 230 — 235
bereits in seinen Vv. 51 — 62, wodurch eine Rede der Seele ausfallt und
zwei des Köi-pers in eine zusammen fließen. Mächstdem ist es das reichste
an eignen nicht im Vorbild enthaltenen Zügen: dahin gehört hauptsächlich
die Beziehung auf Dismas den begnadigten Schacher (s. W. Grimm zu
Wemhex vom Niederrhein 12, 7), ferner 91 —99, 196—197. Auffallend ist
bei sonst abweichender Behandlung der Stelle die Übereinstimmung von
V. 215 mit 486 in 'Der sele klage' iV anüi^ iww wol warmen breit i das
Original hat davon nichts. Alle drei Gedichte übertreffen das Original weit
an poetischer Lebendigkeit. Im niederrheinischen ist das Pathos am höch*
sten gesteigert, in 'Der sele klage* der trockne dialektische Ton weniger übejr^
wunden; der Niederländer bewegt sich ungewandt in der vierzeiiigen Strophe
ndt einem Beim.
Es wäre wünschenswerth etwas von dem Gedichte zu Herdeiberg zu er-
fahren, auf das, wie auf das unten folgende Bäselische, Bartsch a. a. O.
LXVII aufmerksam macht. Von den übrigen ist keines oberdeutsch: Kara-
Jans Pars^hrase ist thüringisch , die von Bartsch herausgegebene und 'Der
sele klage* stammen aas Nürnberg, wozu ihre Sprachformen passen , so weit
sie dem Alter nach aus einander liegen; mitteldeutsch ist auch die Bearbei««
tung ein^ Leipziger Hs., die Altd. Bl. 1, 114 verzeichnet wird. Und in die
mittleren Gegenden weist nicht minder das diesem Stoffe verwandte Basler
Gedieht, auf das nun die Rede zu kommen hat.
Die Pergamenths. B. X. 14 der öffentlichen Bibliothek zu Basel enthält
in ihrer ersten Hälfte das Bach des Basilius Me. institutione monachorum',
eine Sammlung 'sermones ad monachos' von alten Kirchenlehrern undlsidors
Schrift 'contra Judaeos', dazwischen auf leergelassenen Blättern Briefe der
Päbste und kleinere kirchenrechtliche Stücke. Auf das Buch 'contra Judaeos'^
folgt eine kleine Sammlung päbstlicher Eriasse in Sachen des Predrgerordens
und der Ketzer nebst einem des Bischofs Berthold von Würzburg, der von
1283 datiert ist, und mehreren Stücken verwandten Inhaltes; den Schluft
bitden, ohne Überschrift^ dvaash einen Initialen h^vorgehoben^ von der Bück-*
SAft ICAZRIXGEB
Mite des 26. bis aaf die des 26. BUttes dieser Sammlaog die deotsdien
Verse; die zierliche Hand, ider sie angehören » beginnt mit dem Briefe des
Wfirzborger Bischofs. Es folgen einige Nachträge von spätem Händen; des
Rest des Bandes fällt eine zweite größere Sammlung päbstlicherErlasse, des-
selben Gegenstandes wie die erste.
Die Reime ^pmch : laff 1, ffemach: stach 67, ruwe : vrawe 11, w-
driezen : wheizen 33, gelit : giht 47, sSlen : t^lin (=^ teilen), gescbufi gemihi
79, Wen: gibSren (= gebaeren) 95, ordinieret : iSret 107, onmihus : iw
(z=zuz) 109, gi^'.me 119; daneben die vereinzelt stehn gebliebenen Formen
gemeten (l sg.) 5, b6ch 38, «(^A^2^ 91, varbunden 93, giricktet 111: diese
Umstände beweisen daß das Gedicht ans dem Mitteldeutschen umgeschrieben
ist. Die alterthümlich ungenauen Beime hunger i sunder 69, geschu/igenulU
79, xvere i givuore 83, tragent : ladent 99, nicht zu reden von gewan:engän
59, scher ; ofenbär 103, werden eher %'on der Ungeübtheit des IKcht^rs aU
von seinem frühen Zeitalter zeugen. Denn es findet sieh sonst nichts , das
dem 12. Jahrhundert entspräche. Die Verse sind, w^n man nachhelfen will,
regelmäßig: Senkung fehlt nur 17. 20. 50. 55. 69. 70 (da man vielleicht bm
nicht zu ergänzen, sondern aus bi herzustellen hat). 119, und unter so we-
nigen Fällen vielleicht ein paarmal dnrcfa fehlerhafte Auslassungen; zwei-
silbiger Auftact sicher nur 22 und schwerfalliger 6 (vielleicht hieß es daz
iti); drei Hebungen bei klingendem Schluß mit vieren gebunden häufig: 10.
12. 34. 40. 46. 62. 64. 71. 78. 88, wenn man nicht einigemal den längeren
Vers nüt zweisilbigem Auftact lesen will. Dagegen zeigt sich auch an der
Wortstellung und dem Verhältniss zwischen Satz und Vers, daß sich der
Dichter durch Reim und Maß beengt fühlte: s. 10. 12. 25—27. 29. 44.
62—65; 101—107; wider die Betonung verstößt 74.
Gleichwohl ist das Gedicht nicht ohne naiven Reiz, in jeder Beziehimg
aber eigenthüinlich. Mit dem angelsächsischen Bruchstück im Cod. Vercell.
hat es nur die Hauptsache des Motives gemein: sogar die Situation ist eine
andere, indem dort die Seele bereits abgeschieden ist und, wie in jenen an-
dern Gedichten die verdammte , den Leichnam besucht. Der Eingang des
Bruchstückes stempelt es zugleich ausdrücklich zur Fortsetzung oder zum
Gegenstück der vorhergehenden Rede der verdammten Seele: das deutsche
Gedicht, wie es in der Situation nicht entspricht, vermeidet jede solche Be-
ziehung und stellt sich unabhängig hin« Dennoch wird die Anregung dorther
gekommen sein. Gibt es noch andere Gedichte über denselben Gegenstand
und auch hier eine lateinische Grundlage ? Die lateinischen Brocken im vor-
liegenden Stücke, die Erwähnung der Farcen eingerechnet, verbunden mit
dem etwas gezwungenen Ausdrucke, scheinen doch auf eine solche zu deuten.
Auf keine deutet das ags. Stück: sie wtffde ein Ganzes mit deijenigen
gebildet haben , auf der die Rede der verdammten Seele beruht, dann aber
die Nachbildung schwerlich im Cod. Expn, hinter jener fehlen« Nnn hat jene
ZWEI QESPBJLCHE ZW10CHEK SEELE UND LEIB. 390
Bfde ia einer Bdhe von Zügen nnverkennbare Gemeinsohaflt mit der Tieie
Phiiiberti, während sie in der Anlage des Ganzen völlig abweicht: hier findet
sich keine Eiokleidnng als Gesicht, sei es des £rzählei*8 oder eines Dritten,
vor Allem kein Wechselgespräch, auch keine Teufel. Im lateinischen
Gedichte schlieft die Seele ihre erste Bede damit, daft sie non scheiden m&sse
nnd vom Körper keine Antwort erwarte: worauf der Körper dennoch, qu<m
revi^ssetf zu antworten beginnt, doch aber am Schlüsse der Antwort 143 f.
zugibt, daS es ihm die Wurme schwer machen. Der ags. Dichter fahrt, nach-
dem die Seele, wie dort, den Körper zum Schluß auf die einst gemeinsam mit
ihr zu duldende Pein verwiesen hat, in eigner Person fort, 'sie wird dann
hinweg fahren, suchen der Bolle Grund — es liegt der Staub wo er war, er
vermag nicht einige Antwort zu geben', und um dieß zu begründen folgt eine
in der visio Y. 65 dürftig angedeutete Schilderung des Wurmfraßes, der auch
die Zunge zu Kichte macht: damit schließt das Gedicht, man muß gestehen,
viel natürlicher als die visio fortfährt, denn das Beden des modernden Körpers
bleibt einer gesunden Einbildungskraft anstößig, um so mehr als es entschul-
digt wird. Ich denke wir gewinnen hier Einsicht in die Entstehung der
visio: sie ist aus dem lateinischen Vorbilde des ags. Gedichtes fort-
gesponnen und die einseitige Anklage des Leibes durch die Seele zum Aus-
gangspunkt einer Disputation zwischen beiden gemacht, worin sich der wahre
Sachverhalt richtiger und völliger herausstellt; da die Seele schon V. 99, nach
dem alten Gedichte, |sagt 'non possnm hie amplius stare^ dann 145 abermals
beginnt *adhuc volo stare et dum tempus habeo tecum' disputare' , so war es
natürlich die sich verspätende durch Teufel abholen zu lassen; die Ein-
kleidung als Gesicht eines bekannten Yisionärs kam hinzu damit das Werk
eine Autorität hätte. Es lässt sich dagegen nicht einwerfen daß eine Stelle
des ags. Gedichtes (Cod. Exon. ed. Thorpe 371, 15—372, 2) deutlich einen
Zug enthält, der im lateinischen erst gegen Ende der Disputation (333 — 336)
vorkommt: denn es ist nicht zu verwundern, wenn der Dichter der visio aus
dem Werke, das er umarbeitete, Züge wegnahm um sie in seine Fortsetzung
zn verpflanzen, da er ja andres aus^ der ersten Bede in den folgenden wieder-
holt (182 f. 186—189. 223—227. 230); was überhaupt an poetischem Ver-
mögen vorhanden ist drängt sich in dieser ersten Bede zusammen. Der
niederrheinische Dichter hätte also durch sein Verfahren mit eben jenem
Zuge etwas Ursprüngliches wieder hergestellt.
Es gibt übrigens noch ein drittes ags. Monument, das hierher gehört,
nämlich das Bruchstück, das Thorpe unter der Überschrift'The grave* in den
Analecten S. 142 herausgegeben hat. Es trifft viel genauer mit der ersten
Rede der visio zusammen als das Gedicht zu Vorcelli und Exeter. 'Nicht ist
dein Hans hoch gezimmert das Dach ist deiner Brust sehr nahe ge-
bantf; 'scheusslich ist das Erdhaus, da du wohnen sollst, und Würmer zerteilen
dich'; *da hast keinen Freund, der zu dir kommen wolle^ daft er je nachsdien
400 laxftiEdBA
wolle wie dir das Haas behage'. Der Zeit nach wäre wohl tnOglieh, dat
dieses Werk bereits auf der visio beruhte , deren Entstehung Karajan 'm
12. Jahrhundert setzt, aber das Bruchstück gehört ganz in die erste Bede
der Seele. Die weitlänftige, obgleich eigenthümlich ergreifende Manier des
Dichters Hefte dann anf ein Werk von beträchtlichem Umfange schließen.
Man verzeihe diese angelsächsische Abschweifung. Ich habe noch
Rechenschaft über die kritische Behandlung meiner Texte zu geben. In
Kro. II sind die zahlreichen Abkürzungen aufgelöst, wobei aus vnn nach Be-
dürfniss und oder unde gemacht ward, sonst Alles treu wiedergegeben: nur
daß einige Composita zusammen zu schreiben und einige Verse wo es der
Schreiber vernachläßigt hat abzutheilen oder abzusetzen waren. In Nro. I
habe ich die Orthographie vereinfacht, damit sich das Gedicht nicht unnütz
durch ein barbarisches Aussehen schade : es ist also überall für y, das hier
nicht etwa die Längen bezeichnet, i gesetzt, u und v unterschieden, w\m
Anlaut einigemal in v verwandelt, h nach t gestrichen, die ohne Grundsatz
gebrauchten U, ff, ü, ck, 88 auf den Inlaut nach kurzem Yocale beschränkt:
nicht tjp, weil z auch für auslautendes s und tz 117 fv[T t8 steht; wohl aber
sind ^ und i unterschieden. Außerdem habe ich nach Anleitung des Reimes
116 überall das s der 2 sg. ind. prät. starker Verba getilgt. Nur die Besse-
rungen, die der Reim gebot, sind in den Text gesetzt. Es wäre leicht ge-
wesen zahlreiche Verse durch Schreibung für's Auge herzustellen; aber
einigemal that die W?ihl zwischen mehreren Mitteln weh und viele Fälle
wären doch übrig geblieben , wo nur stärkere und zum Theil wenig sichere
Mittel geholfen hätten : so daß sich hätte einwenden lassen, es seien hier
überhaupt keine regelmäßigen Verse beabsichtigt. Ich mache also nur für
jene schwereren Fälle Vorschläge: leuchten sie ein, so wird mit den leichten
Jeder selbst fertig. Herr Prof. Wackemagel ist mir mit Besserung und Er-
klärung zu Hülfe gekommen. Auszuwerfendes ist eingeklammert, Ergänzungen
cursiv gedruckt, Vorschläge zur Besserung fehlerhafter Stellen stehen unter
dem Texte.
I.
BIT IS VAN DER SEELEN ÜNB LICHAM.
Ich hain gehoirt van wisen luden . mit groisen sorgen overdacht,
dat £u wile dreume duden: des ich ran rechtem gruwel leit.
des mois ich sagen wat ich sach ich nement wail up minen eit
in eime droume, da ich lach dat ich ne quam In meirre noit.
in einre winterlicher nacht 5 mich duchte ein richer man wer doit; 10
2. [dato = datii? -P.P.]
7. des] lies dei.
8. nement = nihd. nim ec.
ZWEI GESPRÄCHE ZWISCHEN SEELE UND LEIB.
401
die sele tut sime eorper geinc,
bitterliehen si an reine
ond user maisen sere kreiß.
si sprach 'hei verwasen vleiß!
ge«teren wer du geweldich riehe,
Dtt liges du arme in diseme sliche :
we sal it dir ummer vmt ergain?
de lant waren dir underdain,
dir Tolgedin ritter ind knechte,
mit schonen rrauwen was din
plechte :
wa sint knappen, wa [is nu din] gesinde?
och armet rleiß, du were so swinde,
dat du neu gedenken in woldis
dat du leider sterben soldis. [El P ]
15
20
wat douch dir nu din schone bu,
din [schone] palais ind bürge nu?
silyer goult ind edel gesteine,
dat in kan dir nu gehelfen inkeine,
des du nu vil hais gelaisen.
och armet vleifi yerwasen,
din groser bu dich deine yerreit:
din rirst [nu] dir up dine nase steit.
da heildi dich in der werelde prise :
DU bistn [worden] der worme spise,
du stinkes as ein Tulit ais.
owi o wach! der hellenfrais
hait uns beiden einen stoel bereit,
de so deif in der hellen steit,
dat wir nummer komen us:
dat hait gemacht din yleißgemus
25
30
35
40
o wach! yerwasen si din bloit
um manichcr hande yelß goit,
dat du dine dage hes gedreyen:
des mois ich in [duser] pinen beyen
bis an den enxstelichen dach, 46
dan du is hallis hores gewach,
und dan mois ich in dich yaren. [2]
och ! da yort in is gein sparen :
yan ewen zu ewen moisen wir birnen,
des in kunnen wir neit iuternen. 50
o we der bitterlicher noit,
dat it mich neit steryen in doit
zu male alg doit [ais] ein vee!
och leider dat ich ee
so rechte edel wart geschaffen, 55
dat ich in pinen bin yerlaff(^
ummer mit den hellenhunden !
o wi der bitterlicher stunden
dat ich ee geschaffen wart!
' o yri der bitterlicher yart 60
dat ich neit in wart ein hunt,
do mich got sante in dinen munt!
och ! dat ich ee quam zo dir*
dat heit leider geyromet mir
herzeliche quäle [ummer] %yn ende: 65
dat neman in leyet so behende,
de ummer mer geschriyen möge
ein gelich, dat dar zu doge,
gein der minster miner pinen.
och oyer den licham dinen, 70 [2 ^ ]
dat du mich her in hes gedrungen !
11. [wo« yur sinen? F. P.J
15. geweldich] l%e$ gewelde.
17. [dir na ergain? vgl. übrigens V. 67, wo eben/cUlt ummer allein tteht, ohne mer. F, P,]
21. sint] liesim,
22. Uet gedenken neit. Dieser Vers steht am Anfang der zweiten Seite noch einmal
25. Ar. bou.
28. [inkeine = deine? F. Pj
40. gemensch hei B. Sachs, s, SehmeUer 2, 641.
46. hallis für allis; gewach /Or gewacht, memoria, mentio.
50. Es. in theruen. At$eh 77 steht thnme.
52. Ues steryen neit.
53. [lies zu male doit (= tot) als ein yft, oder: zu mMe als ein doit yft; ais = as =
als KfW r. 35. [F. P,]
64. lies geyromet leider.
^. Ues da m leyet neman.
•miAau m. 26
402
MAX RIEQER
wa Esint] nu alden, wa [sint] nu [dine]
jungen,
die din hoe gesinde waren ?
wa sint nu dine stolze gebaren ?
wa [sint nu] dine ros, wa [is nu] din ge-
sinde? 75
war tzo were du so swinde?
wa sint nu dine turne ho
mit quadersteine gemachit also,
dat man ne so kostelichen in vant?
wa is nu din siden gewant? 80
wa sint nu dine schone bette?
nu liges du arme in diseme leite
bedecket mit eime busem duche.
wa sint nu de gesuche?
war stoint dir arme din gedanc? 85
din huis is seven vose lanc,
dat gewulre up din nase liet!
dine huisvrauwe nu din gar yerswiet,
dine kinder haut dich lange yerclait:
dine huisyrauwe na eime andern stait.
wafen, ummer wafen!
ich mois die moder strafen,
die dich droich und dich gewan,
dat dich in irme liye dan
[dich]* de masen neit in aisen
(des moises du sin yerwaisen) :
so in were ich in dich neit gesant!
nu mois ich leider ein ho pant
yur dich lasen ewelich.
antwerde mir, des gerei) ich.'
90
[3]
95
100
DE CORPER.
Up leinde sich der corper trege:
he sprach alg he des liyes plege
'wat het he gereit zu mir?
bistu mine sele« so säin ich dir,
du hais gesprochen ein deil [dat is]
wair 105
und ouch gelogen offen bair.
ich gein dir und han mich des erkant
dat ich dich dicke hain intwant
zu male yan guden werken :
nu saltu selyer mirken 110
din unrecht na diner clagen.
we dat is dat wil ich dir sagen,
du gees dat du gebildit sis
na deme de da is in deme paradis:
de dei sele wirkde mit sinre hant 1 1 5 [3 *• ]
* * *
sint du sus wis und edel were
und yerstentenisse hatg und grose lere,
war umb lese du mich minen willen hain
und geye [du] mir neit tzo yerstain
dat Dismas sele irme corper det? 120
de was wis und ir gebet
yolgeinc alda tzo stunden.
du were doch ungebunden
und wurde mir tzo troiste gegeven:
du hais mir und dir dat leyen 125
benomen mit dinen schuldin grois,
also dat dich is ne in yerdrois.
mine were si in ducht&n dich [alle] neit guit:
73. [hofgesinde? F.' P,]
74. [Auch 'hier dürfte sint zu streichen sein, F, P.]
79. lies kosteliche.
80. gewant] lies wänt.
82. lies bedacht nach V. 6. lies bösem.
84. Vielleicht war sint nu komen dine gesncha.
96. lies mois..
99. ffs. ewelicbe.
107. des] lies es,
114. ^m pardis.
116. Hs. wers/. were.. Hiernach ist diese Form der et, V. überall gebessert ausser 153,
wo leis in der ffs, steht.
118. war umb lies wes. [lies leise = lieze v^l. 164. F, P.]
120. ffs. deet.
128. [si ist wohl zu tilgen, F. P.]
ZWEI GESPRÄCHE ZWISCHEN SEELE UND LEIB.
40S
wuldes du mioh mit truwen bain behoit,
du in bettes zu wilen gehenget neit, 1 30
dat mir din doreit dar tjo reit,
sonder #Bb in mochte ich neit leren:
du hais mich und dich dein sweren
also dat wir rerdomet sin.
ganc van mir, de schoult is din . 135
w
140
DE SEELE.
De sele sprach 'ich in wil neit gain,
ich wil langer bi dir stain,
mit dir wil ich disputeren.
wer leirde dich dit allit fateren ?
du sprichis mir gar harde t^o
und deis minre pinen unro
und geis zu male de schoult nu mir:
des wil ich sus antwerden dir.
dine bitterliche wort doint [mir] ein deil
recht :
' it was wail wair, ich was din knecbt 145
nu was de [oyerstulzicbeit und] yersumit-
heit din ,
du in wouldis rolgen geinre leren min.
ich künde dir wail geraden dat beste:
nu was din relg hertge al so veste.
dat neit godes dar in in mochte. 150
ailmösen yaaten beden viren dir nett in
dochte,
umme kirchganc und missen was dich
deine:
du leis mich gewerden alleine.
also was ee gewest din rait;
dir was leif alle misdait. 16$
din hoemoit hait mich diekt Terleit
und an deme S2atze ich mich versneit,
und ich wainde so lange in dir sitzen
bis ich leider dich mochte gewitzen.
nu is uns beiden [der wech] under-
gangen: 160
des moisen wir leider sin gerangen
ummer in der hellen deif.' [4*]
[DE CORPER.]
al weinen der corper al da reif
und sprach der seien aver t^o :,
'wainsdis du gisteren morgen vro 165
geyen moichte und lien,
gebeden setzen und Terzien ,
129. mich mit tmven] lies din trawe.
130. lieswi\e,wis F. 2.
149. allit fateren] lies alinfanteren ; alenfans = alefanz. Wmekema^el,
141. pine. nnro = unruoch, vffl. nhd, gerahen statt gerochen.
142. de] lies der. geis = gies = gihes.
154. bitterliche] lies bitter, doint lies haint.
145. [it ins, wohl besser xtht F. P,]
147. wooldis Tolgen] lies yolgdis.
- 152. was] lies vac. Diese beiden überlangen Verse müssen aus den Trümmern v&n jw
zweien zusammen gewachsen sein, [Sie dürften etwa sö herzustellen sein:
viren beden dir neit in dochte ,
noch Tasten noch almissen ,
umme kirchganc unde missen
wac dich harde deine,
almisse ist die niederrheinieche Form für Almosen: Teuton. 6». und Glossar gmn
Seelen' Trost, pl. de almissen. F, P.]
153. lies gewerren. Wackemagel. alleine] lies eine.
157. lies dime schätze. Waekem. [ande hier und in der /olgenden Zeile zu tilgen? F, P.]
1^9. Ues dich beider. TTacibem.
160. [ovel (d. t. übet) ergangen? F. P.)
163. [alweinde? vgl, Seelen Trost Glossar, F, P.]
165. fo'Mwaindis.
404
MAX RIEGEB
und hatte stede bnrge und lant,
^It BÜTer und edel gewant ,
Stare gesinde, alg du wail weist: 170
nü 8B,ge mir, du yil lierer geist,
we sulde ich dan getruwen des,
dat ich queme in sulche beses,
alg ich han in diseme graye,
und dat ich die wOrme lare 175
mit so kostelioher spisen?
des in kau mich neman sin bewisen,
die schoult in si zu maile din :
want du min meister soldes sin
und dir mcisterschaf was gegeven, 180
' dat du berechten soldes min leren,
du were dat lieyen und ich neit :
wat ich dede dat is gescheit
yan dinre gewalt, ich was din knecht:
was du begerdes, dat was [wail]
recht 185 [5]
dat ich dat yolente.
wer dich neit in bekente,
de weinde wail du hettes wair.
nu yragen ich dich sonder rair,
hais du die helle eit beschauwen, 1 90
sint da herren, sint da yrauwen
die sich mit gude mögen losen
yan den hellenduyelin bösen?'
DE SEELE.
'Dem leider sprach die sele unyro:
'weren din alle berge ho 195
edel golt yan Arabien
und du der aller suldis yerzien
und dir hülfe alle de werelt biden.
81 in künden alle [gar] neit gfereden
dat dir wurde eine deine stunde 200
eine sele user [der] hellen gründe.*
DE SEELE.
Do de sele dat gesprach,
ich swartger bech noch ne in gesach
als zwene duyel quamen.
ich mois pinsen und ramen 205
we dat si geschaffen waren
(si begunden der seien [zo] yaren):
ir lif was al^ ein gelOndich hecken; [5 ^]
si hatten * up eren necken
« * «
homre grois und ungeschaffen, 210
dan uz ran swegel ind bech;
ir nasen waren [krump] alg ein sech;
ir zende waren krump und laue,
dan uis yur so unreine stanc;
ir oren alg ein wanne grois , 215
dan ug manige slange schois ;
eins drachen lif, eins slangen zail,
lewen vose, duchten [mich] stail,
si griffen de sele zu hant :
der ein nam si in sinen zant, 220
der ander zuich ir aye dat yel:
dat gekrysse [yan] der seien dat was hei.
in wenich mochte si reden noch :
de sele sprach 'och got, och ochl
stant dinre armer creaturen 225
durch dinre gotliche gewalt zu sturen
und benade mich [armer] zu duser stuntf
zu hant do sprach ein hellehunt
'dat bidden din dat is zo spade:
169. lies silver golt, wie K 27.
177. [sin seheint mir neben des, das hier nicht der adv, gen. ist , entbehrlich , vgl Pctst.
K, 79, 79; wes ich dich hie bewise. F, P.]
188. lies wainde.
194. Dem] lies Nein. Wachem,
201. SEELE] Km DÜVELE.
.209. Bs. nacken.
213. [ir zende krump unde lanc? F, P.]
216. lies manig.
219. Ues de sele griffen si.
226. /«Mdine.
ZWEI GESFBlCHE ZWISCHEN SEELE UND LEIB.
40S
neit iA rerlais dich up geine genade ! 230
genade is dir aTegedaiii: [6]
dio ongen in kunnen gein leit int&in.
diae pine mois wesen sonder ende;
wir seien dir schurgen die heliebrende/
si gussen der seien da zu stunt 235
wellich bli in eren munt:
mit geiselin siegen si si sere
nnd spraichen su; danere:
'dit dein wir allen den genen,
de in unser menen 240
up ertriche levent
und yan guden werken sweyent.'
und alsus suloher Sachen
ich erschracte und wart wachen
und hoif [up] mine hant und sende
mich 245
und bat got minneclich ,
dat he mich behude
vur der hellen glude.
des gunne uns moder und malt
durch dinre heiligen Trmitait, Amen. 250
n.
Ein sele zuo dem übe sprach
de 81 Ton minnen nider lag
'ich danke dir
dn hilfest mir *
daz ich mich genieten der suzzekeit,
daz habe ich Ton diner arbeit.
Erschrekke niht der mere
und si dir nut swere :
8wie wir yon einander scheiden,
wol uns gelinget beiden.
Din tot ist ein sanfte ruowe :
ich mich der seiden vrowe,
alse ich den widemen rinde,
mit dem ich yar so swinde
in luterre gottes minne.
lieht über alle sinne
ist mii du kentnisse tief,
yon der sante paulus rief
'O diyitiarum altitudo.'
der bruchunge bin ich yro,
wider der alles daz ist ein wiht,
deme men wollust oder wunne gibt.
[Sp
10
2]
15
20
Swie groz und ungemezzen
ist daz ich han besezzen,
iedoch ich mich nach dir sene : 25
wan du daz kar nnd ich du bine,
In dem ich mähte razen.
kume mak ich yirlazen
dich, so getruwe min giselle,
ich studens und du du celle, 30
Dn daz hus und ich der gast,
du lucerne und ich der glast.
der wile la dich nit yirdriezen ,
in der du must erbeizen:
wände cum te consumptum putayeris 35
soltu wesen des gewis, [3]
orieris ut lucifer:
des ist Jobes hoch gewer.
[Das sprichet] wanne du wenest sin yir-
swunden,
so wirstu enbunden 40
yon des todes brodekeit
unde wirt dir sa bereit
Snelle clarheit ane liden,
232. lies din enge in kan. leit = liet = lieht.
234. solen dir schurgen] lies schurgen dir.
246. ^»Minneclich.
247. J7#. behüte.
2. ntme ist ausgekrcUit und van cmdsrer, aber van cUtsr Hand an den Rand geschriehsn
snachheit.
3. «. 4. Der Sehreiher seheint aus einem Verse jswei gemacht und dafür einen andern
weggelassen zu haben,
25. [iedoch sene ich mich nach die (= dir): bie? F, PJi
37. ories a/ttsgestriehen, am ^Romd van der abigen Hand orieris.
38. /o6 11,17.
406
MAX RI£G£R^ ZW£I GESPRÄGBE.
corperhafte groze miden.
Sich, men bevilhet dih der erden:
kein har mak niht yerwerden
von dir noch kein geht,
also uns du warheit selbe giht.
Der same, so er stirbet,
fruht groz erwirbet :
ein kirne von der yule kumet;
ein kleiner schade dike vromet ^
Der lip sprichet zuo der seien
'lat, vrowe, gegen uch teh'n
ein rede mit zuhten ,
wan ir mit ginahten
hant mich getröstet mines schaden
ja ezzent wazzer alle staden:
alles daz ie liep gevan
mag deme tode niht engan.
Ich bin der rede unerschrokken :
wan Kloto, du den rokken
dinset, du muoz liden
wan Atropos abe sniden
wil des libes siden vadem.
ja ist mir daz grab ein gadem
Tor tot und alles ungemach,
Tor blikkezze und yur donreslag,
Tor durst und vor hunger.
swen ich bin bi sunder
in miner rowe veste,
haben urloub alle geste.
Swie lange der man ist pilgerin»
doch gert er der heinmute sin.
was solte nu der rede me?
45
50
55
60 [4]
65
70
75
'oaro mea requiescit in spe*:
Daz sprichet David in gehugede.
Geist, nu var geringe
zu deme herren, der dich gescfauof:
wunne grozze und der genuht
hat er frunden dort bereit:
ende hat din arbeit,
mit de du bikumberet were
alles umbe min givore
und umbe die noturfb mine.
min slaf ist ane pine
unze mich du busune wekke,
daz ich die arme strekke
Gegen dir, vrunden zarte.
du tohter von der warte,
die in der schole bis gewesen,
da du ♦ has gelesen
die warheit unvorbunden :
dar umbe in den stunden
soltu mich tumben leren
wie ich sol geberen
in des hoves schalle,
da die herren alle
kunecliche crone tragent,
uns zu der kur^ewile ladent.
Da sint in der himelowen
ritter gut mit juncfrowen
geteilet under engel schar:
ein lieht daz machet offenbar
swas iegliches herze treit:
daz hofegesinde wol gereit
under eime kunige ordinieret.
85
[5]
90
95
100
105
44. Körperhafter Masse enthoben zu sein.
59. lies lip.
67 — 69. lies vor. u in vur ist ausgestrichen und o übergeschrieben, o in aüen vier vor Ui
von anderer Hand auf die Stelle eines at*spekratzten Buchstabs geschrieben.
70. Von der Band, die V. 2 und 37 besserte, ist bin a/n den Rand gesetzt und dwreh
Zeichen zwischen ich ur^ bi verwiesen^ [bin gehört nicht her wnd
71. ist statt Teste zu lesen reste, die gewöhnliche mitteldeutsche Form für raste, rasten.
vgl. Pa$8. K. Wörterbuch, Jeroschin S. 210. Karlmeinet Benecke 79 : dorg resten
hielt he up den plane; Lachmann niederrhein. Bruchst. II, 127: resten : besten. F.P^
77. gehugede ist as/tsgestrichen und von einer zweiten jüngeren Hand gedinge an dm
Rand gesetzt.
83. ^'m mit der. .
91. ie in die steht von anderer Hand au/radierUr Stelk r lie9 du.
103. ;m« und der.
FRANZ PFEIFFER, PREDIGTMÄRLEIN. • 407
des wisheit da si leret singes mit den Togellin: 115
was got si in omnibus. daz sin die flukken seraphin :
si gangen in, si gangen us, 110 sanctus sanctus ist ir sanc,
si rindent ane giricfatet, [6] oirkelmazze ir nmbeswanc.
ane urdruz wol geiihtet da weis men minre noch me ,
Die iemer werende spise, wa wek uz der gotte gie." Amen. 120
von der du, werder zise,
PREDIGTMÄRLEIN.
HERAUSGEGEBEN
VON
FRANZ PFEIFFER.
Unter Predigtmärlein verstand man im Mittelalter größere oder kleinere
Erzählungen, Legenden, Sagen, Beispiele, Fabeln, Anecdoten, geistlichen und
weltlichen, erbaulichen oder auch nicht erbaulichen Inhalts , die zu mehrerer
Yeranschaulichung und zu besserer Einprägung der vorgetragenen Moral in
die Predigten eingeflochten wurden. Derlei Märchen sind in fast allen
Predigtsammlungen der mittleren Zeit zu finden und noch jetzt sind sie, und
zwar mit Recht, nicht überall völlig außer Gebrauch gekommen. Auch
Bruder Berthold hat, in der richtigen Meinung, es werde im Gedächtnisse
seiner Zuhörer leicht tiefer haften bleiben als sein ganzer Vortrag , in einer
seiner Predigten ein solches Märchen eingestreut. Es steht im Cod. palat.
Nr. 24, Bl. 241*f.
— aisö viirhtet niamc mensche die huoze, daz sin niemer rät wirt.
Und da von ml ich tu ein mosrlin sagen^ daz behaltet ir vil lihte baz danne
die predige alle sami, Ez was gräwes Ordens vor ztten ein bischofy gar ein
heilig man, gereht unde gewahre mit predigen unde mit der bihte , und dem
kam ze einem male gar ein rtcher man ze handcn, der bat in^ daz er sine
Mhte hoerte, und er sprach zuo im, daz er ga/r vil unrehtes guotes h^.
Uiide dö der bischof, der heilige man, daz horte, daz er vil unrehtes guotes
h4te, do sprach der bischof zuo dem riehen vnanne : 'nit ganc hin unde gtp
einer arm^n witwen dines komes zwei maUer durch got^ Er sprach: j^,
gerne, unde tet also, unde kam hin wider unde seite dem heiligen herren :
'ich hän also getan, herre, als ir mich Mezef, und er wolle ivcenen, daz er
aller siner simden da mite abe kommen wcere. Dö sprach der guote herre:
'mi ganc und koufe diu zwei nudter wider von der frouwen umbe dtne
120. ^ waa 'wek nf ; gie 90 viel aU jö = jehe, Wachemageh
408 . FRANZ PFEirrER
pfenminge^ Er tet alsS, Er kam aber unde sprach : *^herre, ich hdn ouck
daz gestand — ""Niiy daz ist guot; so tuo noch einez: so lege diu zwei malter
in einen sunderltchen karten ^ da eht nihtesniht weder uz noch in müge
komen^ unde sliuz du vaste zuo* Er tet daz auch unde kam hin wider
unde sprach: ""herre^ ich hdn auch daz getan? — *iVi« daz ist guot, nu hin
holde unde sich, wie ez geraten habe din almuosen? Und er gSt unde tuot
den kästen nf: do was ein kom niender so kleinez, ez wcere ein ndter oder
ein krote unde/uoren die nätem unde die kroten als griultche under ein-
ander, daz der /reise nie niht glich wart, unde sie fuoren gein im cdse sie
in hih wolten ziicken, D& sluoc er den kästen zuo itnde seite ez dem, herren,
wie griultchen sie fuoren unde wie inte tvas geschehen. 'iV« slch^ sprach
der herre, ^daz ist din aXmuosen, Wie wcenest du danne daz dir geschehe
mit dem guote, daz du mit unrehte gewannen hästf — ""Herre^ »pra^h er,
*gnäde! wie sol ich danne tuonf Do sprach der herre: ""wilt du mir
volgen, ich tuon dir einen rät, daz du vor morgen aller diner Sünden ledic
wirst? — "^Jd, Iierre, gerne? — So lege dich in den kosten zuo den nätem
allen unde zuo den wurmen, und ich wil des bürge sin , daz du also gesunt
her wider üz scheidest, als du ietzunt bist? — *^Nein, herre, du scehe räht,
wie sie zabelten unde wie sie wispelten! ich wolle 4 iemer in der hellen sin.
— ^Nü sich!* sprach der guote herre: "^ob danne die wwrme alle glileweten
sam Hn zunder in dem fiure unde du daz ^iclichen dulden müestest, so
wwre dir wceger ein einige naht ze liden danne iemer und iemer? — ^Nu
d^st al ein! ich wil 4 liden ivaz ich geliden nmc^ und er beleip dne huoze
van dirre vorhte und erfüor in die helle, dar inne er immer muoz sin* Nu
seht, also lit ez umbe die vorhte der buoze.
Ähnlicher, wenn auch vielleicht heiterer Art, mögen die Ostermärlein
gewesen sein, welche aus Anlass einer Stelle des auf den Ostermontag ange-
setzten Evangeliums (et factum est, dum fabularentur, Lucas XXIV, 15)
in Baiern bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts in die Predigten dieses
Tages mit moralischen Nutzanwendungen pflegten eingeflochten zu werden
(Schmeller baier. Wörterbuch 2, 606). Erst unter Churfürst Max III. wurde
dieser Gebrauch abgeschafft, der wie Schmeller gut bemerkt, cum grano salis
gehandhabt, dem klaren, gesunden Sinn der Menge gewiss besser zusagte,
als die oft wässerigen und gehaltlosen Predigten der neuern und neuesten
Zeit. —
Die auf den nachfolgenden Blättern mitgetheiten Predigtmärlein ent-
nehme ich einer Papierhandschrift, welche, vor einigen Jahren von Dr. Georg
Scherer bei einem Straßbürger Antiquar erworben, nun auf meine Veran-
lassung in den Besitz meines Freundes Grieshaber übergegangen ist Es
ist ein starker Folioband von gegen 400 in Spalten geschriebenen Blättern.
Die erste kleinere Hälfte enthält eine deutsche , oft sowohl handschriftlich
als gedruckt vorhandene Übersetzung des Vitas patrum; die zweite, 231
PREDIGTMiRLEIN» • 409
Blätter zählende Abtheilnng bildet eine umfangreiche Sammlang von Legen-
den , Sagen und Erzählungen der manigfachsten Art. Eigentlich beginnen
die Predigtmärlein (dis sirU bredigen merlin) erst mit dem 205. Blatt, es
sind deren 37 im Ganzen und jedes fuhrt die Überschrift: ein ander inere;
doch unterscheidet sich die Mehrzahl der auf Blatt 1 — 204 stehenden Er-
zählungen in nichts von den als Predigtmärlein bezeichneten , ja es werden
manche der vorausgehenden unter diesen wiederholt, daher ich diese Benen-
nung auf die ganze Sammlung ausdehnen zu dürfen geglaubt habe. Ob diese
Märlein zum praktischen Gebrauch für Prediger zusammen gestellt, oder ob
sie aus wirklich gehaltenen Predigten gesammelt und in ein Buch ver-
einigt wurden, lasse ich unentschieden; doch scheint mir eher Lezteres
der Fall.
Ich habe die Auswahl vorerst auf 30 Stücke, die mir vor andern der
Mittheiiang werth schienen , beschränkt; später könnte immerhin noch eine
kleine Nachlese gehalten werden, doch glaube ich versichern zu können, da^
das Beste und Interessanteste, was die Sammlung gewährt, im Nachstehen-
den enthalten ist. Eine sorgfältige Auswahl scheint mir in solchen Fällen
immer das Gerathenste, während ein vollständiger Abdruck kaum einen
andern Erfolg haben könnte , als daß das wirklich WerthvoUe unter einem
Wüste von Nichtigem und Unbedeutendem erstickt würde.
Was ich hier biete möchte ich als einen, hojSentlich willkomüienen, Bei-
trag zur erzählenden Prosa des 15. Jahrhunderts, als ein oberdeutsches
Seitenstück zu den aus dem „Seelentrost^ ansgehobenen niederrheinischen
Erzählungen (s. Deutschlands Mundarten von Fromman 1, 170 fif.) betrachtet
wissen. Den vorliegenden Novellen fehlt, was jenen in so hohem Maße eigen
ist^ das Weiche, Anmuthige, Einschmeichelnde des Vortrags, aber vortreff-
lich erzählt wird man auch hier das Meiste finden, und man wird auch hieran
wiederum erkennen, wie unrichtig und wenig begründet die oft gehörte und
immer von Neuem wiederholte Behauptung ist, das Mittelalter habe keine
Prosa gehabt, sondern diese habe sich erst im 16. Jahrhundert gebildet. Im
Gegentheil darf, wenn man Luther ausnimmt, dessen angebornes ungemeines
Talent erst durch fleißige Leetüre der Prosaiker des Mittelalters und durch
semen Verkehr mit dem Volke die hohe Ausbildung erhielt, die wir an ihm
be wundem, getrost behauptet werden, daß das 16. und 17. Jahrhundert im
Vergleich mit den drei vorausgegangenen eher Rück- als Fortschritte in der
Prosa gemacht hat, daß an die Stelle des frühern einfachen natürlichen Rede-
flusses häufig ein unbeholfenes Gestotter und Gestammel getreten ist, das
man nicht ohne peinliches Gefühl lesen kann.
Die Quellen für die einzelneu Erzählungen nachzuweisen muß ich Andern
überlassen, die in der lateinischen Novellenlitteratur des Mittelalters besser
bewandert sind als ich; nur ein paar Bemerkungen will ich hier machen.
Nr. 1 ist der Legenda aurea des Jac. de Voragine entnommen, Gräße
410 FRANZ PFEIFFER
' C. 178 (vgl. Germ. 2, 246). Auch der Stricker hat dieses Beispierbearbeitet,
ich habe es raitgetheilt in Scholls Litt-Gesch. 2. Ausg. 1, 340 — 342.
Die Sage vom Landgrafen Ludwig von Thüringen steht auch, nach den
thüringischen Chronisten Baage, Gerstenberger und Rothe bearbeitet, in den
deutschen Sagen der Brüder Grimm; die vorliegende Version stimmt am
meisten mit Rothe (bei Mencken 1686 und 1687) überein; aber allen fehlt
der bedeutsame Zug vom Glückspfenning und der eisernen Platte , auf der
er dem Sohne Ludwigs dargereicht wurde.
Der als Gewährsmann von Nr. 13 genannte Herr H^sse der Schreiber
ist der von Rudolf von Ems in der litterarischen Stelle des Wilhelm
(s. Wackernagels altd. Lesebuch S. 606, 1 — 5) gerühmte meister Hesse von
Strdzhurc der schrihcere, Rodensheim, auch Rodesheim, nun Rosheim, liegt
in Niederelsaß (vgl. Schöpflin, Alsatia illustr. 1, 730). — Die Erzählung
vom Könige der nie lachte (Nr. 21) ist ebenfalls vom Stricker bearbeitet:
ein kiinic was so ernsthaft u. s. w. (Colocz. Cod. Nr. LXXV), und noch im
15, Jahrhundert von einem ungenannten Meistersänger (s. Wackemagel
altd. Lesebuch S. 1029—1032).
Poetische Bearbeitungen von Nr. 22: 'des Juden Sohtf finden sich in
Hahns Gedichten des 12. und 13. Jahrhunderts S. 129 — 134 (,,daz Jädel")
und Marien-Legenden Nr. XXV, S. 237-^260.
Nr. 23 erzählt die bekannte Geschichte, die auch im „Mönch Felix'*
(Gesammtabenteuer 1 , 609 — 623) poetisch behandelt ist (vgl. J. Pauli's
Schimpf und Ernst. 1536. Cap. 536).
Der Pariser Canzler Herr Philip (Nr. 26) ist der berühmte Phil!M> de
Grevia f 1237 (vgl. Jöcher 3, 1523).
Nr. 30. Denselben Stoff hat auch der Verfasser des Passionais bear-
beitet, Marien-Legenden Nr. IV, S. 34 — 39, nur daß, was von Interesse ist,
in unserer Erzählung der Name des Ritters, Walther von Birberg,
genannt wird. .
Die letzte Nr. (31) erzählt die Geschichte vom „Gang nach dem Eisen-
hammer", ausführlicher und lebendiger als eine der bisher bekannt gewordenen
alten Versionen.
Noch habe ich über die Geschichte und Heimath der Handschrift einige
Worte zu sagen. Sie war einst im Besitze des J. G. Scherz , der sie, doch
nur für wenige Ausdrücke, für sein Glossarium benutzt hat, wo sie als *Vitae
Patrura' (vgl. S. VI) bezeichnet wfrd. Noch früher gehörte sie , wie ans
einer auf der Innenseite des hintern Deckels eingeschriebenen Bemerkung
hervorgeht, dem St. Magdalenenkloster zu Straßburg: Dts buoch ist der
Ruwerin sant Maripen Magdalenen zuo Strossharg* Aber nicht bloß Eigen-
thum dieses Klosters war die Handschrift, sondern sie ist auch ohne Zweifel
im Kloster selbst geschrieben: nicht nur verräth sich die Hand deutlich als
eine Frauenhand und ist der Inhalt der Art, wie er bei Klosterfrauen von jeher
PREDI6TM1RLEIK. .411
beliebt war, aach die Mundart gibt sich überall als elsäßische, ja speciell
als strafiburgische zu erkeoneD. Die wesentlichen Merkmale dieser Mundart
bestehen in Folgendem.
e steht für a in mm^man 66', 66', 68*, 75", 109', 112'; in der=dar
68', 122', 103\ 160*; €rbeH»^\,entwortent 84'; für d in heet 77', 78',
110', 120'; durchwegs für <c, den Umlaut des langen d^ z. B. g^e^
wineuj wSre^ sw^re etc. 6 steht fast immer statt d: sSsaent 64", mölea
64*, n6he 64% worent 64', »pdten 64°, frogete 64' u. s. w. ö unorganischer
Umlaut des o, oder auch statt ü: dort 77', obersten 110', ich vörhte 66',
zörtdieh 77'; « (m) für i: zwüschent 66', 77', eübenzig 68', i(;tM-<, w^^rfe*,
MfÄre«n68', 77', 110*, verwarren9b\ würser96\ 9ia>enden\\(i*\ würtschaft
1106. — rf für ^: keilber zweimal 65', 66'; ü statt e und o in der Praep.
ver, vor : füirmnahi 66', fürhofe 84', fürniachet 89*, filrbringet 97', fördenken
112*; mco für w* 64', 77', 78', 84', 92', 205', dieß auch schon bei Gottfried
im Reim mit itio 5,15. 139, 1 1. u. s. w.
Zwischengeschobenes g findet sich in eppettge 102', c?W^^ 120', vigerd-
Schaft 206'; für^* steht es mfrüege 119', glüegende 116*.
Unorganisches n wird zwischengeschoben in der 2. Pers. Plur. Praes. ir
luogentf lebentt besitzent 65", ir g6nt 67' u. s. w.; unorganisches t angehängt
1. öfter bei der 1. Pers. Plur. Praes.: z. B. tmr hänt 64', wir wellent 77',
wir geduont 77' ; 2. durchwegs im Plural des Praet. hettent 64*, getrunkent
ebd., gereiterd 64', /^Zm<64', A<?r^^n^65', ic;wrdew< 65', joA^n/ 66', sproche--
tent 110' etc.; 3. dem adv. Dat. Plur. allerwegent = allerwegen 66', 68',
75', 96', und den Wörtern zwüschent 66', 77*, nebent 65', 90', ntergent
77' etc.
Femer ist als eine ganz besondere Eigenthümlichkeit der elsäßischen
Mundart bemerkenswerth der fiectierte Infinitiv auf ende statt erme , z. B.
mo kaufende 64', sMfende 77', 96', sterbendes 84', zürnende 92', sehende
84', versuochende 88', gewinnende 97', tragende 102', bihtendes 104', Z^-
r^nrfö 109*, behebende 109' etc.; dem entsprechend auch der Genitiv Z^^^n-
ei^« 65' statt lebenmes oder Ubenes, Hiezu gehören nicht nur die unverkürz-
ten Formen des Prtet. der langsilbigen Yerba schwacher Conjugation:/teZZ^
77', wuehete 77', merkete 89*, ^Z^^ 119', sondern auch die Erweiterungen;
^oZete 96', «pjZ^ 116'.
Diese kurzen Andeutungen mögen vorläufig genügen. Eine aasilihriiche
Darstellung der elsäßischen Mundart und ihrer vom Mhd. abstehenden Be-
ßonderheitei}, sowohl derjenigen die ihr allein zukommen als auch jener, die
sie mit dem Schweizerischen und Oberschwäbischen gemein hat, bleibt einer
eigenen Abhandlung über die alamannische Mundart im Mittelalter, deren
Sporen ich schon länger nachgehe, vorbehalten.
412 FRANZ PFEIFFER
1.
(5^) Arsenius der apt sas in siner seilen, zao deme sprach ein stimme
'kumher üs und sich der liate werg!* Do sach er einen menschen wasser
schöpfen in eime sode und schütte es in ein löchereht vas, dar uz kan es
wider in den sot. Dannän ging er fiir baz und sach ein moere , der hieg
(so) holz und bant ein bürde; die wolte er uf heben und enmöhte, wan siu 5
was zuo gros. Do leite er me druf und versuochte sich aber an der bürde,
dö möhte er siu nit erwegen. Dennoch leite er ie me üf, dö wart sin aber
swerer. Nuo ging er aber für baz und vant zwene jüngelinge, die rittent
nebent einander nf (6^) zwein rossen und fuorten ein gros holz langes vor
in und drungen mit einander wider strit in eine stat., Dö was daz tor des lo
holzes lenge niht volle wit und wolte ir einer nach dem andern niht riten,
dar unibe blibent siu vor der stat. — Bi deme der daz wasser schuof wart
ime bezeichent der mensche, der sin almuosen git und sich dar uf lät daz
er sich von grossen sünden niht hüetet, der fürliuret siu almuosen. Der
mcßre bediutet den manschen, der sine sünde bihtet und aber denne dar is
üf sündet; der verüuret sin erbeit. Die üffe den rossen daz holz fuorten
die bezeichent höchfertige liute, die inidt der tiufel so demüetig nit sin,
daz einer welle deme andern wichen an deme engen gottes wege, dar umbe
blibent siu mit einander vor deme himelrich.
2.
(64^) Es sössent eines möles wilde liute bi einem wine bi ein ander 20
und hettent dö vil seltzener rede mit ein ander, und dö siu wol getrunkent,
dö sprach (64*') einer under in 'der pfaffe der seit also viel von der seien,
wolte nuo ieman mine sele koufen , ich gebe siu ime zuo koufende und wil
siu ime nöhe geben.' Und dö siu dö von alse viel geseitent und also wörent
an grösseme schalle, so kummet ein grösser man hin in gän, und was daz 25
der tiufel, und sprach zuo in^'waz ist iuwer rede?' Dö huob einer under in
üf und jach *wir hänt eine sele veile.' Dö sprach er 'des koufes gange ich
irre', und sprach zuo dem , der die sele veile hette : 'wie wiltu mir siu
geben?' Dö sprach er: 'ich gibe siu dir umbe ein pfunt.' Dö sprach er:
'so wil ich siu haben,' und zalte ime die pfennige und gap in den \nnkouf. 30
Und dö siu dö getrunken und es geriet spöten, dö sprach der tiufel: 'es ist
zit, daz menigelich heim gange,' und frögete siu einer frögen also und lies
siu dar über ein urteil sprechen und sprach zuo i|i 'koufet ein man ein rint,
ist nit euch daz bintseil oder die kauwe sin am rinde?' Dö daz urteil umb
kam, dö spröchent siu alle jö. Dö erschrag ienre, der die sele hette ver- 35
koufet, und geriet ime also ange st werden, daz (64^) ime der sweis üs trang.
Dö erkripfete in der tiufel und sprach: 'geselle, wol dan mit mirf und
nam in dö mit libe und mit seien und fuorte in zuom tache üs und zerrete
in daz dach, daz die ziegel üf die andern fielent.
PBEDIOTMlRLEIN. 413
3.
(66*) Es was ein ncher burger in einer stat, der hette nüwent ein
einige dohter und was die gar schoene nnd was vil gewerbes umbe sin, daz
sin in die weit solt kämmen sin. D6 sprach die jungfrowe (650 zuo irme
vater: 'ich wil mich gotte zno eime spilmanne machen: men git den spil-
Huten die alten kleider, also wil ich nitduon: ich wil gotte geben die nüwen 5
kleider , und wolte dö dem vatter nit volgen nnd kam in ein klöster und
wart ein heiiger mensche.
Es was ein grdfe in welschem lande , der hette nüwent einen sun.
Hie kam es, daz der gröfe einen diener hette, der was guotes le'bendes und
guotes wandeis. Dö kam es, daz des gröfen sun und der selbe diener lo
hortent iren Kppriester bredien nnd was daz sin bredie: es mag nieroans
dem töde entrinnen, der junge alse wol also der alte , men treit also vil
keilber hinte zno merkete also rinder hinte', nnd sprach zqq den liuten ge>
meiniich: 'sit daz es ist daz der döt also gemeine ist, so luogent daz ir
lebent also, daz ir die ewige fröide besitzent.' Und do sin üsser der kirchen is
wnrdent gonde, dö sprach des gröfen sun zuom diener: ^'weistu nit waz er
gebredigethet?' Dö sprach der diener: 'jö, ich (66') habe es wol gebeert:
men treit alse idl keilber hinte zuo merkete also rinder hiute.* Dö sprach
des gröfen sun zuo ime: 'in was ordens möhte ein mensche sine sele aller
bast behalten?' Dö sprach der diener: 'daz dnnket mich in Eartüser 2o
orden.' Daz nam der jnngeling in sinen sin. Dö was [es] ettiewie ferre dö
von dannän ein klöster Eartüser ordens und dö bat er den prior umbe den
orden. Dö jach der pripl: *ich vörhte, daz üwer vatter der gröfe verheriget
unser klöster' Dö bat der jungeling in so vaste und wolte ouch nit abe lön.
Dö enpfingent siu in gemeinliche. Dö sprach er : 'weites ist daz für- 25
smebte)ste) ambaht ime clöster?' Dö jöhent siu, daz wer rinder melken
und schöf. Dö hettent siu wol ein vierteil einer milen weges eine swei-
gerie. Dö nam er allewegent ein lögel uf sinen hals und malk die rinder
nnd bröhte in alle die milch heim. Hie zwuschent dö hies der gröfe üs
faren sine dienere daz siu ir soltent suochen , und in künde nieman finden, so
Dar noch über lang wart dö starp der gröfe. Dö wart daz (66*) laut erbe-
lös, daz es keinen herren hatte. Dö hies des Jungherren muoter in ander-
werbe suochen. Hie kam es von ungeschiht, daz er zuo in kam und truog
ein logel uf sime halse und wolte zuo sime clöster gön. Dö spröchent siu
zuo ime: 'kumment heim, uwer muoter die het noch inch gesant und ist 35
üwer vatter döt und het daz laut keinen herren ,wanne iucb.' Dö sprach
er: 'daz laut gewinnet herren genuog, ich wil also hie bliben.' Dö woltent
sin in mit gewalt hän genomen. Dö sprach er: 'nement ir mich mit ge-
walte, wenneich denne mag, so loufe ich von iuch, daz ir mich niemer mö
414 FRANZ FfESFFER
gesehent' Do siu do soheot sinen ernest , dö liessent sin in nnd dd wart
ein heiliger man üsser ime^
5.
(67') Es was ein frouwe die hatte binen in eime binenkorbe und be-
dühte siu, wie die übel woltent geroten, und klagete daz ireii nochgebüren,
wd siu gesas. Do sin daz vil getreip, do gehörte es ein unselige iächene- 5
rin *) und sprach ^wellent ir tuon, daz ich iuch rote, iuch bekoment
alle iuwer bienen deste baz.' Siu sprach: *j6 wol, gerne/ — *S6 gont en-
weg und nement unsers herren licham und stossent den in in den bienekorp,
siu gerötent alle deste baz.' Und siu det also und ging zuo dem priester
und enpfieng' unsers herren licham in den munt und (670 truog in heim lo
und sties in zuo eime loche in in den bienekorp und vermachet es ussewen-
dig zuo. Die bienen fuorent zuo und mahtent einen schoenen alter mit
honige und mit rässen und eine schoene kappelen und leitent unsers herren
licham dar uf und hettent dö grosse fröide und grosse wnnne mit unserm
hdrreir und tribent es daz jör unz daz die zit kam daz die frowe wolte be- i5
sehen ire bienen und zuo irme honige und brach ir bienekorp üf und wolte
den bienen hau genumen des honig und die waben und daz wahs , wanne
es was gar wole geröten und hettent gar wols zuo geleit und was vol ho-
niges und wahsses worden. Und dö siu es üs nimmet und kummet üf die
stat^ dö unser herre lag, so siht siu eine schcene cappellen dö inne gemäht 20
mit rässen und in der caj)pellen einen schoenen altar und uf dem altar so
lit unser herre, und siu erschrack und versinnete. sich, wie siu gefaren hette,
und weinde sere und lief zuo dem lippriester und verjach ime weinende,
.wie siu gefaren hette und waz siu gesehen hette. Der lippriester nam sine
kirchliute zuo ime (68') und gerwete sich und ging dö hine und vant es 25
also siu ime vor geseit hette, und sach er und alle sine kirchliute das wander.
Sit nuo die bienen unsern herren erent, so süUent ouch wir in eren.
6.
(68*) Ich hörte einen barfuossen bredigen , der was zuo Lamparten
gewesen manigen tag, det seite : Es was .ein höher burger zuo Grimnn ^
in der stat, und was ein höher meister von den rehten (die höhen bnrger 30
sint meisteilich alle gelert in Lamparten), der engelie nie keine bredige
weder von barfuossen noch von bredigern , dar er ehte möhte komen , er
kam der und hörte siu und treip daz wol sehzig jör, daz er allewegent
bredie hörte, und nie bekert wart, daz er sine sünde ie gerüwete oder ie
gebihtete oder unsern herren ie enpfinge. Nuo sas er eines tages und 85
*) Iftchenerin ausgestrichen tmd von anderer Hand unten an den Rand gesetgt: heziot
^) Cremo&a.
PREDIGIMÄRLEIN. 41g
leite einen salter för sich pnd vant einen vers geschriben , der sprach also
zuo thiosche: 'unser herre sendet sin wort üs in die (68^) weit und weichet
alle berte herzen.' Do er daz gelas, do gedöht er: entweder du verst&st
dis wort nit rehte oder ez ist aber gelogen, und sas lange also verdoht und
stuont uf und ging zuo den barfuossen un<} nam den gardion und fuorte 5
den in daz cappitelhüs und huop üf und seite ime, waz er geschriben fünde,
wie daz unser herre sante sine wort üs in die weit und erweichete alle herte
herzen, und sprach: 'herre, ich verston antweder dIs wertes nit rebte, oder
es ist aber gelogen; und wil ich iuch daz sagen war umbe* Ich habe
ZOO bredigen gegangen wol fünfzig jör oder sehzig und habe daz gottes 10
wort gehurt und enkunde noch nie min herze also erweichen, daz mich nnne
Sünde noch nie geruwetent, daz ich ie gebihtete oder unsern herren ie
enpfienge/ Do sprach der gardion: Venent ir daz daz gottes wort alle
die erweiche und bekere, die ez hoßrent? Es gont drier hande Jiute zuo
bredigen und hoerent daz gottes wort. Die einen die gont dar umbe dar, 15
■daz siu andäht und m\ve gewinnent, die bekert daz gottes wort und weichet
(68*") die aller schierest. Die andern die gont dar umbe dar daz siu wise
werdent und daz siu ettewaz dö fürnement, daz siu wise mache; die werdent
euch ettewenne bekert, aber kümer *) denne die efsten. So g6nt die dritten
Hute dar umbe dar, obe siu etwaz gehoerent, daz siu dem brediger verkeren 20
mügent und in zuo schalle mügent bringen, also die boesen Juden unserm
herren dötent; die werdent viel küme iemer bekert, und des wiUch iuch
eine glichnisse sagen oder geben. So der sne vellet, so ist er lücke und
mag vil lihte die snnne dar üf geschineh, daz er versmilzet. Also mag es
euch uf die jungen Hute , die käme sint ahtzehenjerig oder zwenzig, (den) 25
gottes wort wart gesant, daz es wuochir biret und ir herzen weichet und
bekert werdent. * So denne der sne also langer gelit, daz er gefriuret und
zuo ise wurt, so muos die sunne lange ie heisser und ie heisser dar schinen,
e daz daz is z'erget und versmilzet. Also beschiht euch den liuten, so siu
koment an ir vierzig jör oder (68**) an ir fünfzig: den muos men daz gottes 30
wort vil vaste bredien und herteclichen ,• e men de^ menschen herze ge-
weiche. Die werdent vil kümer bekert denne die jungen. So vindet man
geschriben, daz daz is also lange ist gelegen, daz es ettewenne ist worden
zuo herten steinen, also cristallen; dö mag die sunne lange üf schinen, e
daz es smelze. Also beschiht euch den alten sündern , die in den sünden 35
sint gewesen sehzig jör oder söbenzig, die kan daz gottes wort küme oder
minre erweichen. — Lieber herre, also ist euch iuch geschehen : ir sint
verhertet in den Sünden lihte sehzig jör oder wol sübenzig, und mag man
lach daz gottes wort lange für legen und bredigen^ e daz men üwer herze
erweiche, die wöre sunne die mag lange üf iuch sehen, e siu iuch versmelze,' 40
*) kommer Bit., van ijxUer&r Hand in knminerlicher verändert
416 FRANZ PFEIFFER %
und gehrediete und geseite dem bürgere also vil, daz er sas und weinde
alse ein kint, und gerou in alle sine sünde und sas uf (690 <^6r stat nidere
und bihtete und enpfing buosse und gedet dar noch nie hoiibetsünde und
wart ein selig man und geschach ime gar wol. Also müesse ouch uns be-
schehen; do von sol men gerne daz gottes wort hoeren.
(75*) Es was ein öbeldetig man, der was ein rouber, der wolte alle-
wegent bi dem wine sin und so sine friunde sprochent zuo ime, war ambe
er es dette, es geneme niemer ein guot ende, wenne er as und trang, so
sprach er allewegent: 'is hals und gilt hals'. Daztreiper also lange, unze
daz er gefangen wart, und do er verurteilet wart zuo dem tdde, und dornen lo
in ÖS fuorte, daz men in enthoubete, und do ime daz houbet wart abe ge-
slagen, do det daz houbet drige Sprünge und sprach do zuo dem ersten
Sprunge, dö es von dem libe sprang, do sprach die zunge in dem munde:
*is hals und gilt hals*. Zuo dem andern sprunge sprach es: *hestu gessen
hals , so best du ouch vergolten hals*. Zuo dem dritten möle , do daz is
houbet den dritten sprung gedet, do sprach es: *hestu genossen hals, so
hestu ouch vergolten hals', und der zuo Hp und sele iemer me one ende
eweclich.' Do wart des armen (76') Sünders Sprichwort ein eruest und
wart ime wore, daz er gar dicke bette gesprochen lebende. Do von ist daz
ein wor Sprichwort, daz ein guot leben machet ouch gerne ein guot ende, 20
und ein boese leben machet ouch gerne ein boeses ende.. Do von so duont
ouch alle wol, so beschiht iuch wol.
8.
(77*) Es worent zwei Gliche gemechede,.die worent ein ander also
liep und lebetent also bescheidenliche' mit ein ander, .daz siu beide ein
ander nie erzumtent. ^ Ging daz eine in, so stuont daz ander gegen ime
üf; daz eine enas nütznit, es ingebe ouch dem andern oder brehte es ime. 25
Ir ietweders gesprach dem andern nie anders denne 'liebes büelin*, und
tribent daz mittenauder wol zwelf jor. Nuo kam es also, daz der würt,
der zweier eines, der fuorte sinen kdufmanschatz in ein ander stat und sas
dö in eines würtes hfis obe tische , der gap ime gar genuog und gap ime
mit maniger hande trabte und mit dem besten wine, den er ie getrang. 30
*Ach,' sprach er, 'liebe frowe würtinne, lühent ir mir ein legelin, daz ich
dis guoten wines dar in gedete, daz ich in miner würtin brehte, daz sia
sin ouch getrünke: er ist so rehte guot.* — 'Zw6^^ sprach die würtin, *sit
ir üwer frowen also getruw.e sint, so wil ich iuch joch ein guot barellin
geben' und füllete es ime vol guotes wines und er hing es an sinen sattel 35
') erznmeDt J7s.
^ PREDIGTMÄRLEIN. 417
und sas xU ond wolte heim riten. Und do er kam in einen walt, d6 geriet
io släfende also vaste, daz er abe sas und bant sin pert (77^) an einen
boam und nam daz bareiiin nnder sin houbet und wolte gesläfen hän.
Uod dö er sin houbet nider geleite üf daz bareiiin, dd sach er üf und siht,
daz alle die bärsten und bonme und bösche die sossent alle vol tiufele, 5
Dtid er erschrack und were gerne anderswo gewesin und er getorste sich
nit ^eregen und er det also er sliefe und sihet wo der tiufel eine michel
schare koment und brobtent einen stuol und sastent den nider und kam dd
eine grosse schare von tiufeln und brobtent die einen fürsten, einen tiufel,
nod sastent den uf den sessel und köment alle sament fiir den und seite 10
denne ein iegelicher was er geschaffet bette. Einer sprach : 'ich hän ge-
machet einen grossen strit zwüschent cristen und heiden^ einer seite sus,
der ander sd, einer seite von stelen, einer von rouben, einer voft ebrechen,
einer von meindät, einer von verrätenne. Dö siu alle geseiten, dö sprach
er zuo eime tiufel: 'sage an, waz hestu geschatfet?* Der hörte die zwei is
eliche liute an , wann ein iegelich mensche het einen tiufel , also was d6r
tiufel eines nnder den zwein. Der tiufel sprach : *ich inkan nit (77") ge-
schaffen. Ich bin zwein elichen liuten mitte gefolget zwelf jör, daz. ich
nie künde under in geschaffen, daz eines ie zörnlich wort mit dem andern
wolte gereden.* Der grosse tiufel sprach: *var in weg in die heile, du bjst 20
niergent zuo nütze.' — 'Owe, meister!* sprach er, 'lasse mich hie üsse, er
lit dort und släfet und lit iine ein bareiiin under sime houbete und ist dö
inne win, den wil er siner würtin bringen, daz siu in trinken stille. So
wil ich vor in daz bareiiin varn und wenne siu dar us trinket, so wil ich üs
dem bareiiin varn in siu , und wenne ich denne in siu kumme , so wil ich 25
gegen ime reden die unselde und die meindät, daz er ir niemer holt würt.*
— *Da best wol gedäht,* sprach er; *nuo blip hie üsse und schaffe daz du
mäht.* Der guote man lag und wachete und was ime vil angest und ge-
torste sich nit geregen und gedöhte doch: 'zwöre und kummestu in daz
bareiiin, so inkeme du nie in leider loch', wan er bette es alles wol gebeert 90
weg sich der tiufel vermessen bette. Der tiufel fuor in daz bareiiin. Der
guote man sluog (77*) die haut für daz loch und sprach : 'ich beswere dich,
übeler tiufel, bi dem vatter und bi dem sune und bi dem heiligen geiste,
daz du mir noch keinem menschen niemer geschadest und euch niemer
usser dem bareiiin enknmmest, es si denne mit minem willen,' und hing es 35
wider an sinen sattel und sas üf und reit gegön der herbergen. Daz
bareiiin fuor alles an dem sattel tanzende und spratzelende , wan er wör
gerne hie üsse gewesen, dö enmöhte er nit üs komen. Er kam heim, die
würtinne die lief ime engegene und hiez in gotte wilkum sin und frögete in,
waz er ir brehte, wan siu was sin gewone, daz er (nie) öne bringen keme, 40
er hette ir e einen apfel bröht. 'Und dö siu in frögete, waz er h: brehte,
dd sprach er: *ich bringe dir den tiufel!* Siu sprach; 'ach, Heber, wie
•BMuiru ni, ^
418 FRANZ PFEIFFEE
tnostu so, wie redestn so!' Er sprach: Hch sage dir wor' Er nam daz
barellin und hing es an eine siule an einen nagel und (es) spratzelte und
tanzete rehte alse es ouch in dem grasse hette gedon , do er von erste
drin fuor. Die würtin (78') lief dar und sprach: ''ach, lieber, wie duot dis
so?' Do sach siu daz barellin tanzen an deme nagele. 'lenä, lieber,' 5
sprach siu, 'die triuwe, die du mir solt, daz ist guote triuwe, waz bringestu
mir?' Er sprach: ''ich bringe dir den tiufel.' — *Ach, lieber, sage wör.'
Er sprach: 'sihestu nit, wie er tanzet?' Siu sprach: Mch sihe es wol,
waz ist es?' Do seite er ir von ort unze ende, wie der tiufel in daz barellin
kummen was, und siu gingent essen. Dar noch sprach siu: 'ach, lieber lo
wtirt, du solt zuo rote werden, waz du dar mitte duon wellest' Er sprach:
'er muos do hangen, sit er uns het zwelf jor noch gegangen, er gemüeget
uns niemer m.e.' Do er do gehieng wol fierzehen tage, do sprach siu: 'inä,
lieber , gedenke etwie , wie wir mit disem boesem wihte geduont : er^t
nit ein guoter nöchgebür.' Er sprach: 'er enmag uns nit geduon.' Sia 15
sprach: 'ist es diu wille, ich hon eins guotengedoht.' Er sprach: 'wie?'
Siu sprach: 'dirre herre, der hie zuo disera closter appet ist, der ist ein
heilig man , zuo dem süllent wir in tragen und süllent in rotes frogen,
(78*) wie wir unser ding mit ime ane gefohent.' Er sprach: 'du best wol
geroten,' und nöment daz barellin und gingent in daz closter. Do siu der 20
appet ane sach , do lachete er und hies siu wilkomen sin und sprach : 'ich
weis wole, waz ir wellent' (wanne unser herre hette es ime vor gekündet)
und sprach: 'nuo beitent hie und essent und bietent es iuch selber wol,*
und hies die glocken stürmep alle die in deme closter wörent, und sante üf
die bürge und in die stette und in die dörfer und hies alles daz dar kummen 25
dä^ in dem lande was und sprach , er wolte in frömede mere, sagen. Er
Seite ouch wore, und kam dar ein michel volg. Er huop üf und bredigete
gar wol und seite, (wie) es ergangen was von den elichen liuten nnd wie
der tiufel in daz barellin kam und seite in , daz es ime got vor gekündet
hette, e siu dar koment, und nam do daz barellin und huop ez üf undzöugete so
es aller der weite und sprach do: 'ich beswere dich, unreiner tiufel, daz
du her üs farest und uns dich lössest gesehen alse schoene also du in
deme himelriche were, also daz kein leit nieman von dir geschehe und daz
wir dich (78°) mügent erliden zuo sehene.' Der tiufel fuor üs dem barellin
und (was) der ^choeneste engel, den ie kein mensche ie gesach, daz siu es 35
küme möhtent erliden, do siu in also schoene ane gesöhent, rehte als der
in die sunne siht. Dar noch hies er in werden zuo eime grüwelichen
tiufel, also da^ siu es (nit) möhtent erliden zuo sehene, und er wart also
grüwelich geschaffen und an zuo sehenne, daz alles daz erschrack, daz do
was, daz siu rehte in unmaht fielen t. Der appet sprach: 'sit du nuo woltest 4a
dise guote liute also verirret hän, so &i dir daz zuo einer buosse gegeben,
daz du farest in die wüeste, do nie mensche in kam , und niemer mensche
FBEDIGTHlBUm. 419
in komen sol, und daz da d^ blibest und niemer mensche d& mtiegest anze
an den jungesten tag. Daz gebiute ich dir bi dem vatter und bi dem sane
mid bi dem heiligen geiste!' Er fuor enweg mit dem grasten geschrei und
mit dem groBsten brochseinde und mit dem groesten gestanke, reht alse
obe er alle berge und hioser wolte zerzeret hän, daz siu es alle söbent, und 9
genösent die eUchen |iute und wurdent do noch (78') besser. Aisd ge-
schehe uns OQch allen. Amen.
(84*) Der lantgr^fe Ludewig von Düringen der zöch eime bischoffe
in sime lande vil kirchenguotes abe uod nam ime daz mit gewalt und mit
unreht, hiute einen walt, denne ein wasser, denne eine matte « denne ein <o
g^hte. Der bischof wart so siech , daz er sich sterbendes versach. D6
MSante er den lantgrdfen und sprach zuo ime: ^'herre, wissent daz ir unser
kirchenguotes vil hänt wider got. Ich lade iuch vor gottes gerihte an
die stat, daz ir mir dö entwnrtent umbe mtn kirchenguot.' Der bischof
der starp. Der lantgröfe der hette dise rede für ein gespötte und hette is
sin keine ahte dar uf. Muo wolte der lantgröfe eines tages riten und was
ez nf den tag, also er geladen was für gerihte, und kam mit sime sune
Ludewige und mit anderme gesinde von ungeschihte an daz gerihte. Zuo-
hant dö kam ein grösser vinster nebel und in dem nebel wart er, der alte
lantgröfe, verzucket mit rosse (84^) und mit manne, daz kein man nie er- 20
vorsehen künde , war er ie beköme. Koch des vatters töde mähte der
junge lantgröfe, sin sun, eine bette und ein glubede : obe ieman were, der
von sines vatter seien die wörheit ime gesagen künde, wie ez umbe siu
stüende, dem wolte er geben eine guote gäbe. Daz erhörte .ein armer
ritter, der hette einen bruoder, der was ein priester und was gar wole u
geleret in den swarzen buochen; deme leite er dis für und sprach:
'lieber bruoder, tuont es iemer durch minen willen und erfarent mir, war
min alter herre hine komen si und wie ez umbe in stände: so wurt mir
eine grosse göbe.* Der bette versagete ime der bruoder. Der ritter liez
Bit abe und sagete ime von siner armno^und von der gäben so vaste, daz so
der pfaffe sinen gunst und sinen gehelle dar zuo gap und ruofte dö eime
tiufel, den beswuor der pfaffe. Dö sprach der tiufel: Vil tu mit mir gän,
ich wil dir in zöigen, und swer dir bi der tugent des almehtigen gottes und
(84') bi sime jungesten gerihte, wenne getrüwestu mir, so füere ich dich
dar und her wider gesnnt' Der pfaffe sas üf des tiufels hals und er fuorte 35
in kiirzliche für der hellen porten. Zuohant sach er dar in und dühte in
die pine der helleschen stette grässelich und gross von maniger hande
pinen und sach einen tiufel, der was forhtsam und grüsseliche an dem
tore und dem förhofe der helleschen porten , von des angesihte er erbide-
meteund erschrack. Der selbe tiufel sprach zuo dem tiufel, der denpfaffen 40
27»
426 FRANZ PFEIFFER
traog: Ver ist der, den da treist? trag in harin* Er antworte and sprach:
'er ist anser friant and habe ime gesworn keinen schaden ZMo tnonde.' Der
tiufel vor der fiarin porten blies ein hom alsd kreftekliche, daz den pfaffeo
duhte, daz alle die weit glaote and brante. Da noch was ime , wie ein
hellisch barn, ein pfütze , ös würfe swebeliche flammen, ünder den ga- s
neistem des hellischen fiares kam der lantgröfe and gap sich zao (84')
sehende dem pfaffen and sprach zao ime: 'sich, ich bin der unselige lant-
gröfe. Wolte got daz ich nie geborn were' Der pfaffe sprach zuo ime:
'ich bin her zao loch gesant von iuwerme sane, daz sol ich sagen, ^ie ez
umbe iach stände, und daz ich ime die wörheit sage, wo mitte men loch lo
von pinen gehelfen müge.* Er antworte and sprach : 'da sihest nuo wole
mine j6merliche erbeit, in der ich allermeist gepJniget würde; daz ist von
besitzunge and niezende kirchengaotes , daz ich mit anrehte nam and ez^
minen kinden in der wisen liez, also es gereht gaot were, und habe in dai^
zao erbe gelözen. Daz selbe guot, gebent siu ez wider, ez were mir ein is
gröze minnerange miner erbeite.* Der pfaffe nam ein Wortzeichen von dem
lantgrofen, daz nieman wüste danne sine kint, and was daz ein glückes-
pfennig, den bekantent sine kint wole, wan er faorte den selben pfennig
alle zit mit ime. (86') Der pfaffe wart wider heim gefüeret von dem
tiafel, and die wort, die er mit ime rette, die sagete er sinen kinden und 20
daz Wortzeichen, den pfennig, den gap er sime sane üf eine iserin schiene,
alse er geheissen was. Do brante er durch die schiene und viel wider
durch daz ertrich sinen weg. Er gelobete dem pfaffen und verendete aber
nit der werke, also in sin vatter hiez. Der junge lantgröfe bot ime die
göbe, also er vor geglobet hette. Der pfaffe der wolte der goben nit noch 25
weltlich richtuom, der wart ime nit liep: m6 wie er die hellesche pine, die
er sach, möhte gefiiehen, dar ndch stuont sin gedang, and kam da noch in
einen orden and besserte dö sin leben.
10.
(88*) Es was ein ritter der was gar riche and was ein hofemeister
des herzogen von Sahsen. Er was gewaltig und manhaft. Er hette eine so
eliche frouwe, die was edele and zart. Eins tages gefüegete es sich, daz
siu rede mit einander hettent (88*) von unser maoter Evan missedät von
des gebottes wegen , daz in got gap in dem paradise. Des herren frouwe
huop an, also der frouwen sitte ist, und sprach unser maoter Efän gar
herteklichen zuo von ir unstetikeit und urteilte siu, wie frowe Efä über- 35
gangen hette. Der herre, ir man, sprach zuo ir: 'nit verurteile siu, wenne
da vil lihte m solichem versuochende bettest ouch alsd getan, und wil dir
ein anders gebieten, daz minre ist, du mäht es noch minre behalten.*
Siu k§rte sich umbe und sprach: 'waz ist daz gebot?' Der ritter sprach:
'ich gebiute dir, daz du in dem tage, so da gebadest, des selben tages«.
PEEDIGTlflBLEIN. 421
solta mt mit bldssen I&essen darch die pfiiele gän, die in nnserm hofe stönt.
An dem andern tage 8d dno da wie da wilt : gang üs und in.' Es was ein
smackende wasser von unsnferkeite und von miste , daz in allen enden von
deoie hofe zao samene flos. Der herre satte ein gebot dar uf aod sprach:
'bistu gehörsam und stete, so wil ich dir fierzig marg Silbers geben. Daostu s
es nit, so gip da (89*) mir also vil' Es gefil ir wol. Dö satte der herre
heimeliche haote , daz es die frowe nit bevant , das men des pfuoles war
naoh Ein wanderlich ding geschach. Dar noch wart von dem tage, wenne
die frowe, die erber and schemig was, durch den hof gie, sd sach siu den
pfaol an, and wanne sin von dem bade gie, so viel siu also dicke in be- lo
kornnge and glnstete sin denne in den pfnol zuo gände. Und eines tages
wart do sprach sin zao irre jungfrowen : Mch ingä denne in den pfuol und
geniete mich sin, es ist anders min döt, ich vollendes denne alle zao
hant' Dö garte sia sich und bereitete sio sich dar zuo und sach umbe
sich, obe es ieman sehe. Dö siu dö nieman sach, ire jangirowe volgete ir is
noch, sin haop uf ire kleider und gie in den pfuol unze an ire kniu, sia
ging har und dar in der pfützen noch allem irme gelüste, und daz wart
zuo hant irme manne gesaget. Er was sin frö, dö er siu sach, er sprach:
'frowe, hästa nit (89^) hiate wol gebadet?' Siu antwurte und sprach:
'jö, ich hän gebadet' Er sprach: *wä? in einer bütten oder in eime 20
pfaole?' Dö siu hörte, daz sia libertretten hette von irre unstetekeit, siu
fiweig and dachte ^) sich und merkete wol , daz er erfaren hette , waz siu
getan hette. Dö sprach der herre: 'frowe, wo ist nuo üwer stötikeit, mit
derir swechelicher and leweklicher iiirsaochet sint denne frowe Efä: ir
sint schemelicher gefallen denne siu, geltent daz ir schuldig sint.' Dö die 2i
frowe des gaotes nit enhette, dö mitte siu gelten möhte, der hörre nam
alle ire kieider and gap siu enweg allerhande armen liuten durch got. Er
He sia etliche wile mangel nnd bresten h&n an iren kleidern , daz siu es
doch bessern müeste.
11.
(92*) Es was ein alt wip, eine toerin, die lag siech und hette die eine so
dohter, die was ein guot mensche, die ging zuo ir muoter und sprach:
'liebe muoter, du solt bihten, du solt dich verrihten und solt dich bewaren.*
Die muoter sprach: *nuo habe du keinen angest, ich stirbe noch nit, ich
verrihte mich noch wol,' und geriet zürnende. Die dohter ging zuo iren
nöchgeburen nnd bat siu durch got, daz siu zu irre muoter gingent und siu 36
underwisetent, daz siu sich bewarte, und ir Seiten, daz siu übel dete und
sterben wolte. Die nöchgeburen die gingent zuo ir und bötent siu, daz
siu sich verrihtete, und söhent wol, daz siu sterben wolte. Und dö siu es
422 fltAN2 Pr£IFF£ft.
vil getrib^D, dö sprach sin: *nuon dnon ich es doch nit* Sio frögetent «in»
warombe? Siu sprach: 'ich stirbe noch nit, daz weis ich wol! Siu frogetent
sia, wie sia daz waste. Siu sprach: 'daz weis ich wol, ich hörte den gooch
gucken, der seite mir, ich solte noch fünf jor leben , d6 von weis ich wol,
daz ich noch nit stirbej* Waz siu gesertent , daz siu (92^) sich verrihten 5
. sollte — wanne siu söhent wol, daz siu sterben solte — es enhalf nit, siu
sprach, siu wer witziger denne siu alle. Und also balde siu dannän köment,
dö starp ouch die alte gurre, die betroug der gouch. Do von sol meoge-
lich gewamet sin, daz es sich nit lasse den gouch betriegen : e es der
mensche wisse, so ist er döt. lo
12.
(93") Es fuorent gedellen über mer mit ein ander und warf sin der
wint in ein (93') laut und dö fundent siu fünf seien an einem boume hän-
gen. Die biigerin frogetent, waz daz bediute, daz siu also jemerlich dö
hiengent. Siu spröchent, siu wörent seien, 'und ist dis unser wissene,* *)
wanne es ist an manigenhalben in der weite wissene.' Siu fuorent über is
mer und köment aber her wider in daz selbe lant, also ez got wolte, und
fundent dö nüwent eine sele hangen und siu frogetent siu, waz daz bediute,
daz si also dö hinge alleine? ISiu sprach, ir gesellen werent erloeset anze
an siu. Siu frogetent, wo von daz were? Dö sprach siu: *siu hattent ir
firiunde, die in hülfen. So bin ich also lange in disen wissen ^ gehangeD, m
daz mine friunde, die für mich soltent bitten, die sint alle döt und ist min
vergessen.' Den biigerin die erbannetes also vaste, daz siu spröchent:
^sage an, mag dir nieman gehelfen?' Die sele sprach: 'mich hiifet joch
daz gemeine gebet.' — 'Mag dich eine merevart iht gehelfen?' sprach der
eine biigerin. Die söle sprach: *owe, jÜ' Der biigerin sprach: (94')*sd 25
nime ich daz criuze für dine sele und für dine stinde : also balde so ich
heim kumme, so wil ich her wider über mer faren für dine sünde.' — 'Ach,'
sprach die sele, 'nuo löne dir der riebe got, so wil ich ingenöte zuo himel-
riche fam,' und fuor also zuo himelrtöhe. Also ist manige sele in deme
vegefiure, der ir nüwent fünfzig paternoster spreche, siu würde erlöset. 30
13.
(94*) Also was ouch hie vor zuo Rodensheim (her Hesse der (94*)
schriber sach es und seite es ouch), dö was eine fröwe , die hette unsem
herren enpfangen an des heiligen Cristes tage zuo winahten, und noch
mittem tage kam ouch ir unelich man zuo der irowen in ir kemenäte und
sündetent dö mitte ein ander. Und alzuohant dö siu mit einander gesun- s5
*) wisene Hs,
^ wisenJS«.
PREDIGTMÄRLEIN. 423
detenty dd fiior der tinfel in siu beide. Man sante noch dem pfaffen , der
kam dar und beswoor den tiufel nnd sprach: 'da unreiner tiufel und du
boßse wiht, wie getorstu in dise frowe kernen, siu enpfing doch hiute unsern
herren: wie getorstu in dis vas komen?' Do sprach der tiufel: ^'owe, wie
redesttt so toerliche? joch weis ich wol, daz min schöpfer bi ir was, e siu 5
sündete mit deme unelichen manne. Do siu dd sündete mit ime , dö fuor
unser hdrre ns mid fnor ich in siu.' Dar umbe sol man sich gerne bieten,
daz man kiuscbe unde reine blibe, so man unsern herren enpfohet, sit daz
der tinfel selber seit die worheit.
10
14.
(95^) £z was ein tiufel der ging zwein gelieben manigen tag und jor
noch, eime ritter und siner frowen, zwein elichen Hüten, und künde siu nie
verleiten mit ein ander. Zuo jungeste kam der tiufel zuo eime alten wibe
und gelobete der zwene schuohe und fünf {95*) Schillinge pfennige, daz siu
solte die zwei gelieben verwurren und daz siu tibellich soltent mit ein ander 15
leben. Daz alte wip ging enweg zuo des ritters frowen und sprach: 'ach,
frowe« ich minne inch alsd vaste von üwer grossen tugent, die ir an iuch
hänt, daz ich üwer laster und öwer leit nit me mag vertragen , wenne ich
hän es lange genuog vertragen, got müesse es iemer erbarmen,' und mähte
der seligen frowen also angest, daz sin kumme erbeittete , unz daz siu es 20
ire geseite, nnd sprach: 'sage antalang, waz wirret mir iasters und leides?'
Do sprach daz alte wip : 'dö müeget mich , also schoene alse ir sint und
also wol gezogen , daz min herre iuwer man pfliget mit anderen wiben
bo&ser fuore.* — *Wie so?* sprach die frowe, *daz gioube ich gar kume.'
Das alte wip sprach: 'ich wil es inch lössen bevinden. Ir wissent wol, 25
er ntet alle tage mit sinen hunden und mit sime habiche zuo velde beissen,
so ritet er alle tage in daz dorf zuo des meigers dohter und get mit der
umbe und lit bi ir und (95*) duot iuch untruwe,* und mähte es der frowen
also sw^e, daz sin wonde daz es wor were. Daz alte wip ging ouch zuo
dem herren nnd sprach daz selbe: wenne er üs ritte beissen zuo velde, so so
spulgete sine frowe andere manne, und seite dem ritter So küntlich, daz er ^
w&ide, es were also, und ging dar noch daz alte wip zuo der frowen und
Sprach: 'frowe, wellent ir, ich wil iuch leren daz ir ime duont, daz er niemer
me keiner frowen mag nütze werden wanne üwers libes , und ich tuon daz
mit kleinen dingen, daz er es niemer gewar wurt nnd iuch noch ime niemer 35
schade mag werden an Übe noch an seien und er es ouch niemer befindet.'
Die frowe sprach: 'daz es ime noch mir nit inschade und er es ouch nit be-
finde, sd tote ich es wol. Er ist mir also liep, «daz ich wolte daz er es
iemer befände« daz ich ime iutzit tete, e wolte ich in lössen tuon waz er ^
wolte.' Daz alte wip sprach: 'er befindet es niemer, also ich iuch sagen 40
424 FRANZ PFEIFFER
wil. Ir süllent ein niuwe gesliffen schardas , da nie mitte geschora wart,
und sont daz in uwein buosen stössen und (96*) wenne er zuoLinittem tage
slöfet in uwerm schösse, so sont ir daz schardas nemen üs uwerem buossem
und süllent ime abe sniden wol sehs. hör, het er ston an siner kelen an
einer warzen; so slofet er und wurt sin nit gewar, so süllent ir mir die 5
hör geben, so wil ich ime der mitte duon,'daz er niemer dekeiner frowen
me mag nütze gesin wann üwers libes und befindet es ouch niemer.'- Die
frowe sprach; *daz wil ich duon,' und bereitete ein nüwe gesliffen schardas
in iren buossen. Daz alte boese wip ging aber dar noch zuo dem harren
und sprach: *herre, nuo wenent ir, daz ich iuch gelogen habe von uwer lo
frowen, daz ich iuch geseit habe, daz siu ander manne piiget. Nuo wil
ich iuch die worheit lassen selber befinden. Ir spulget allewegent zuo
mittem tage zuo släfehde in irme schösse. So hüetent iuch also liep iuch
der lip si, daz ir nit entsläfent, wanne siu hat eine nuwe gesliffen scharsas
in irem buosem und wartet also balde so ir entslöfent, so hüetent iuch, so 15
snidet siu iuch die kelen abe, und ich (96^) enbitte iuch [nit] daz ir mirs
niemer gegloubent, unz ir es bevindent selber.' Der herre erschrack xmd
gloubete es gar kume und gedohte doch: *du solt wol die worheit oder die
lügene bevinden,' und leite sich zuo mittem tage in siner frowen schös,
alse er vor allewegen spulgete , und det also er sliefe und rüssete gar 2»
vaste. Die frowe wönde nit er sliefe und ziuhet daz scharsach asser irme
buosseme und grifet mit der andern haut an sine kele und wil ime die her-
lin ab sniden abe der wartzen. Der ritter vert üf und erkriphete ir die
hant, da daz schardas inne was^ und brichet ez ir üz ir haut und e siu zuo
Worte möhte kummen , daz siu ime geseite, war umbe siu ez getön hette, 25
do hette er siu erstochen zuo töde. Also hette daz alte boese wip ge-
schaffet daz der tiufel nie künde geschaffen. Dar umbe ist ein alt bisse
wip würser denne der tiufel und joch tüsentstunt würser: wanne der tiufel
was in noch gegangen manig jör, daz er nit anders hette gegert wann daz
siu übetlich hettent mit ein ander gelebet, und enkunde ez (96') nie ge- so
schaffen. Do von fuor der tiufel zuo und nam einen altea stecken oder
stap und nam fünf Schillinge pfennige in ein tüechelin und hieng die yornäa
an den stap und hing zwene schuohe ouch vornan an den stap und ging
zuo dem alten wibe (daz siu got verfluoche!) und stuont verre von ir und
bot ir die schuohe *) und die pfennige und sprach : *nim an din geheisse M
und dine gäbe, wanne du bist wirser danpe ich, und daz ich nie künde zuo
bringen in manigen ziten, daz hast du zuo l^röht in kurzen ziten.' Do von
so hüete sich mengelich vor boesen alten wiben, wanne ez sint allessament
lächerinne, wanne ir baut wol gebeert, daz ir der tiufel die miete nit ge-
torste bieten mit der hant, alsd vorhte er siu. Do von hilete mengelich 4i
PREDIOTMARLEIN. 426
stnes wibeft und siner dohter vor in, wanne sin verrötent 8iu mit soliohen
listen, die alle manne nit erdenken künden. Ez wart nie niht sd guot
alse daz gaote wip ond wart nie niht so boßses also ein bcese wip.
15.
(96') £2 was ein richer man, der hette gar vil pfennige und nam die
Pfennige gar dicke und schatte sin öf ein zalbret und zallete sine Pfennige 5
und was im denne gar ^sanfte der mitte. Dis treip er manig jör. Zuo
jQogeste hette er aber (d7*) sine pfeunige für sich geschüttet üf ein bret
und zaiete sin aber noch siner gewonheit, alsd er dicke vor tet, wenne ez
vas ime die beste knrzewile, die er künde hän. Do er sin wol halber ge-
zalete, dö rief eine stimme üs den Pfennigen und schrei gar lüte und sprach: 10
'wir sint alle hie, wir sint aber nit diu , wir sint Waithers* und sprach daz
wort Der riche man erschrag und det die pfennige gehalten , und zuo
hant wart der man siech und starp in fier wachen, und nam die frowe einen
andern man, der biez Walther, und verzeret der daz guot. Also beschiht
Doch manigem man. Dö von gewinne mengelich rehtvertig guot wiben 15
und kinden, wanne ez würt dicke unrehten erben.
16.
(97*) Ez was eine wittewe, die hette einen sun, der was töreht, dem
gap sin ein krüegelin und gap ime einen pfennig und hiezT in koufen ein
pfennewert oleyes in daz krüegelin und hiez in, daz er mit niute vergesse,
er hieze ime geben (970 zuobuosse, und ging onch nüwent ein pfennewert 20
in daz krüegelin, und bevalch ime daz gar genöte, daz er des zuobaosses
nit vergesse. Er ging inweg und dö er ging den weg anhin, dö sprach er
allez zuo iiilo selber: 'zuobnoz, zuobuoz,' daz er ehte der zuobuoz nit ver-
gesse. Und dö er dö hin kam zuo der oleyfrowen, dö sprach er: 'frowe,
gebeut mir in daz krüegelin eins pfenniges wert oleys.' Sin gap ime daz 25
krüegelin vol, wann dö ging nit mö in. Er sprach: 'liebe frowe, gent mir
ouch zuobuoz.* Siu sprach: *war in? es ist doch vol?* Er kerte dem
krüegelin den bodem üf und hiez ime zuobuosse geben uf den bodem. Dö
hatte er daz pfennwert üz geschüttet. Siu gap ime den zuobuoss uf des
kröegelins bodem, und dö er heim kam zuo siner maoter, die frögete in 30
umbe den zuobuoss. Er kerte dem krüegelin den bodem üf and wönde es
dinne hän: dö hette er die zuobuoss und pfennwert verschüttet und verlorn.
Wer ist dise witewe? (97') Daz ist die kristenheit. Wer ist dirre dörehte
sun? Daz ist manig mensche in dirre weite, daz mit rehtem guote solte
umbe gön und solte daz teilen mit gotte und mit der weite rehtfertekliche, 35
und nimmst der unrehter zuobuosse also vile. So er denne kummet an
dem Jungesten tage für unseren herren und dem rechenunge sol geben von
sime guote imd von allem sime lebenne, so het er der zuobuosse also vile
426 FRANZ PFEIFFER
genomen üf sieb, daz er verloren het eins mit dem andern» sin reht gnot
mit dem unrehten , wanne unser herre förbiutet niht rehtvertig guot zno
gewinnende. Rlche linte werdent'niht verlorn mit irme richtuome, eht siu
in teilent mit gotte und mit armen Unten.
ir.
(102'') In der zit do keiser Friderich was, des jungen keiser Pride- s
ricbes atte, zno einer zit wart eine eppetige fedig,^die von keiserlicbem
rebte in an hörte. Es wurden dö selbes zwene eppete erweit, siu inwoltent
nit über ein komen under in selbes. Der eine under den zwein gap grot guot
dem keiser, daz er von des closters guote gesammet bette, dar umbe, daz
(er) ime bi stüende unde ime helfen solte. Der keiser nam daz guot und lo
gehengete ime als6 es sin wille were. Dö noch kam ime für, wie sin
widersache, der ander appet, ein einfältig geordinierter guoter man were.
Der keiser wart zuo rate, wie er dö mitte dete, wie er den ersten appet
abe satte und den umbe sine tugent bestetigete. Einer sprach zno ime:
*^herre, dö von ordens wegen sint die müniche alle schuldig ein nölde bi in ^) is
zuo tragende. Ir süllent sitzen zuo capittel und sprechent danne zno
ime, (102*) der dö ungeordinjeret ist, daz er iuch sin nälde lihe, ir wellent
siu bruchen und nützen mit uwern vingern, und so er siu denne nit bot, so
vipdent ir Ursache wider in und anspräche , daz er wider stnen orden und
sine regele tuo. *ünd dö daz der keiser gedet und der erste appet nit ') 20
der nälden bi ime truog, der keiser sprach zuo dem andern appete dem
guoten herren: Uihent ir mir ein (wenig) uwer nälde."* Der herre zöch
siu zuohant her üs (er was vU lihte gewamet vorhine). Der keiser sprach
zuo ime: 'herre, ir sint ein geordenieret münich, dar umbe sint ir würdig
solicher eren in appetes wise, also dar zuo gehoeret. ich wönde mit 25
üwerm widersachen geeret und gehoßhet hau , aber er hat mit sime unge-
ordenten leben sich selber unwürdig gemäht.' Mit solicher kündekeit sties
er den appet abe und den einfaltigen erboehete er.
18.
(103^) Bilgerin ette^vie vile gingent von thiuscheme lande zuo sante
Jacobe, und ein valscher bruoder was under in , der ^as under wegen zuo so
in komen und gesellete sich der zuo in eines nahtes , und eines morgens
früege, dö siu von der herberge zougetent, der valsche bruoder ging in
nach, an der stette porten zuo haut (lOS"*) erkriphete er ein under in und
huop in und rief umbe sich und sprach: ^'dirre het mir ein pfert verstoUi,
uflPe deme selben pferde er dö ritet, daz het er mir meintetekliche genomen.' 35
Die bilgerin wurdent von dem rihter betwungen, daz siu wider in die her-
*) ime.
») mit.
PREDI6TMABLEIN. 427
berge varen maoBtent Die bilgerin allesament beziagetent and dätent ir
onschalde» daz der selbe, den er ansprach , were (ein) einveltiger heiJger
gaoter man ein gerehter. Der rihter der det wisliche. Die wile der diep
nit dö was, dö hies er alle zöime und settele, die zao den pferden hdrtent,
abe dnon and die pfert wider in den stal taon. Do daz beschach» er sprach s
zuo dem diebe, der do klagete : *gö her m und friere din pfert hin üs.' Er
ging hin in and fiiorte ein pfert her üs; ez was aber nit daz pfert, daz er
an der pforten der stette hette gesprochen, ez were ime genummen, er in-
bette sin nit wol war genomen. Ez söhent alle die dö wörent, daas der diep
ein nnrehte pfert nam und hette valschliche üf den gaoten bilgerin gelogen, lo
Der selbe meindötige bilgerin, der sich valschliche (103') zuo in gesellet
bette, der wart dö gehenket schemeliche an den galgen.
19.
(lOS**) Her Berhtolt der pfalzgröfe von Withelisbach *) der was ein
strenger rihter; er was auch also strenge, wenne er us fuor, daz er seile
oder strenge mit ime nam an sinem gürtel , daz ehte die übeltötigen liate lo
nit gefristet würdent. Eines tages wart dö er früege af stuont und ein
seil an sinen gürtel hiqg, er erhörte eine stimme in dem lafte ruofende:
'Berhtolt, wisse, der erste, der vor diner bürge dir bekomet oder dir en-
gegen loufet, den henke an den strig, den da bi dir hast.* Er ahtete die
stimme von gotte dar gesant, und zuohant dö er äs fuor, dÖ begegente ime 20
der schultheisse, der was sin ambahtman, dem er gar holt was. Dö er in
sach, er erschrag gar vaste. Er sprach zuo ime: 'ez ist mir leit, daz du
mir begegent bist' — *War umbe?* sprach der schultheisse. 'Dö muostü
hangen und muost sterben.* (1 04') Er sprach : 'war umbe muoz ich hangen ?'
Der pfalzgröfe sprach: 'ich enweiz. Bereite dich mit niwe und mit bihte 26
und ahte nuo , wie du din guot verrihtest , daz ez diner seien nütze si,
wanne ich engetar der gottes stimmen nit widerstän.* Dö er sach, daz ez
oit anders mdhte gesin, er sprach: 'unser herre got ist gereht: ich habe
es wol verschuldet, ich habe vil liutes verderbet und erstochen, die bi mir
berbergetent, und vil liutes beroubet, und ich inwas iuch, herre , euch nit so
getruwe, ich was den armen Hüten herte.' Ez wunderte siu allesament,
wie er verjach in bihtendes ^se , und dö bekanten siu , daz es von gotte
dar kam, daz er den döt müeste liden.
20.
(lOQ*') Ein schuoler, ein jung münichelin, gieng alle tage früege so
ez zuo schuolen solte gön durch die kirche, und in (109*^) der kirchen dö
fttuont unser lieben frowen bilde df dem alt£ur mit deme kindelin. Daz 3$
^) dliWittobbaclU
428 FRANZ PFEIFFER
münichelin hette die gewonheit, daz ez zuo deme bilde ging unde von
grösser einfaltikeit sin br6t, daz ez zuo schaolen truog, daz bot ez deme
kindelin Jesu, daz in siner muoter schösse saz. Ez sprach dise wort:
'gnote herre and du allerliebestez kindelin, wann du allewegent arm were,
do du in dirre weite were, nit versmohe zuo essende von mime brote* Do 5
daz kint dise wort gesprach, dö sach men, daz J^sus, daz kindelin, daz in
siner muoter schösse saz, daz nam von des mänichelins bröte und az mit
im^. Daz münichelin daz was gar frö, wanne ez wart güetliche getroBStet
dö von , nit zuo einem möle , wenne fiissekliche und allewegent , so ez
durch die kirche mit dem bröte ging, so truog ez daz bröt zuo dem kindelin, lo
daz ez mit ime esse. Vil einfaltek liehe und demüetekliche bat ez Jesum.
Deme kinde wart von gote die gnöde, daz es guoten sin hette zuo lerende
und zuo behebende (110*) wes er bedurfte, unde zuo jungeste, dö ez eines
morgens mit dem bröte kam, ez beduhte, wie Jesus, der in siner muoter
schösse sas , also sitzende sprach zuo ime dise wort : ^wie lange sol ich is
mit dir din bröt essen und du nit mit mir issest?' Daz kint oder münichelin
sprach: 'du bist arm und enhest nit: ich esse gerne mit dir, wanne du
bist hörre got und herre Jesus.' Daz kint Jesus antwurtete : 'ich wil dich
rüefen und wil dich laden zuo den süessesten trabten,, udd allez daz guot,
daz du mir mit dime bröte dicke best getön, daz wil ich dir wol gelten.' 20
Daz kint gedöhte an die gelübede, ez wart von herzen frö. Ezbat ime
sagen den tag und die stunde, wanne ez kummen solte zuo den trabten,
die Jesus daz kint ime gelobet hette. Ez sprach, an d^em subenden tage
so solte daz geschehen. Ein guoter bruoder, von den alten münichen
einer, der was ein andehtig man, der stuont in eime winkele, er sach, wie 25
die zwei kint mit ein ander spröchetent und er hörte ez, aber daz junge
münichelin wüste (110^) sin nit dö. Dö noch wolte daz kint sicher sin
von der würtschaft. Daz kint Jesus sprach : ^'daz sol dir ein zeichen sin,
daz der guote man din äbpet der sol mit dir in der würtschaft sin und mit
uns nützen und essen der süessen trabten, und der guote andehtige münich, so
der uns mit ein ander hörte reden.' Daz kint sprach: 'wie sol min appet
daz wissen und bevinden?' Jesus antwurtete ime: 'du solt ez ime veikün-
den, daz er zuo der würtschaft mit (dir) und mit dem guoten bruoder sol
^gän.' Daz kint sprach: 'lieber Jesus, wanne sol in daz geschehen?' Jesus
sprach: 'sprich zuo dime appete, daz er sich mit den münichen mit gebette S5
und mit bihte bereite , wann dir sol über drissig tage der appet und über
üerzig.tage der guote münich noch varn; aber du solt von ersten komen
vorhin: du solt über süben tage komen.' Und dise wort seite daz kint dem
appete. Der appet wolte des kindes rede nit glouben. Er seite ez sinen
münichen, wie daz kint gesprochen hette zuo ime, und zuo jungeste seite 40
er ez dem guoten müniche alse den andern, wie (110'') daz kint gesprochen
hette. Dö sprach der guote bruoder, der münich: 'herre nun appet» wis
PREDIGTMlRLEIN. 429
inch daz Uni seit, daz gloabent ime in der wdrheite, dö von, wenne ich ez
mitroinen ougen gesehen habe und mit mmen ören gehceret, daz (daz)
kint mit dem lünde JSsus dise wort (was) sprechende' Dö starp daz kint
daz jange münichelin und fnor dö zuo den trahton und zuo den obersten
fröidea des ewigen paradises. Dö der appet daz sach , er erscnrack und .5
gloobete dö des kindes rede; er bereitete sich mit guoten andehtigen ge-
betten und mit ganzer bihte und mit wärem rdwen. Dö die drissig tage
ns köment, er fuor dem kindelin noch. Zuo jungeste, dö fierzig tage üs
kömenty der gnote münich nam ouch ein guot ende, alse der appet. Siu
fiiorent zuo den trabten des paradises mit ein ander sölikliche. 10
21.
DIZ IST VON DEM KÜNIGE DER NIE ERLACHETE.
(11 r) Ez was ein künig in Kriechenlande, der ahtete die zergeng-
liche zitliche fröide für eine dumpheit und für eine üppekeit. Er was alie-
wegent trurig geschaffen » kein man ersach in nie gelachen , er was ouch
alle zit so ernsthaft, daz (111**) in nieman getorste frögen, war umbe er
Qogelachet were. Nuo bette er einen bruoder, der was der allerschimpt- 15
licheste gemelicheste man bi den Unten, der ie solle gesehen werden, er
was rehte [alse ein man] als men sprichet: der liute spilevogel. Und dö
eines möles zuo eime grossen höchgezit hatte der künig gar vil herren ge-
laden und bette gar einen gröissen hof und eine grosse würtschaft, der ritter
und der herren giengent ettewie vil zuo des küniges bruoder und bötent in, 20
daz er wolte den künig frögen, war umbe er alle zit so trurig wcre und
Dieiuer erlachete, und frögete in daz der bruoder den künig und sprach:
'lieber herre, sagent mir, war umbe sint ir alle zit so trurig, daz ir niemer
erlachent? wustent wir, waz iuch were, wir woltent alle sterben oder wir
rechent ez.' Der künig sprach : *daz wil ich dir zuo dirre stunden nit sagen, 20
ich wil dirs dö sagen, dö du es alles bevindest und sihest *) daz in mime
kÜDigriche ist: dö muoz ez allen den kunt werden, die dich ie zuo mir
(112') dar umbe gesantent.* Nuo was ez des landes gewonheite, vor we-
lichem ') hüse des küniges her hörner erschüUent, daz er den döt muoste
iiden. Der künig sante sine knehte för sines bruoders hüs mit den her* 30
hörnern. Dö siu dö vor bliesent und erschuUent, die knehte döhtent
also. ') Dö daz sin bruoder erhörte, er erschrack, er wönde, er müeste
sterben. Die ambahtliute, die obe den liuten rihtent, die nöment in ge-
fangen und fuortent in enweg, alse ez der künig geheissen bette. Der künig
der det allem sime volke in sime künigriche zuo samene rüefen, man mähte 35
*) lies d& ez allez daz beyindet and sihet.
*) weliches?
^ ? daz ri siu d6 Tor Uieaent und enchnlleiit. Die knehte dötent also.
i
430 FRANZ PFEIFFER
ein hoch gezimber und einen grossen gebuwe , der üf faorte men des kü-
niges brifoder and zöch in nackent üs. Do noch bröhte men fier scharpfe
glefen and satzete ime eine vornan an sin herze and die ander an den
rücken and die andern zwo an die siten , and haobent die fier knehte die
glefen also nohe an in, daz sin ime uf der hiate staondent. Er erschrack 5
nnd wart geiwer denne ein wahs. Men salzte nach aller (112'*) hande
Seiten spil nnd pfifen and videlen, die gar froelich nnd gaote gedoBne mah-
tent, nmb in. £z gap aber ime kein gemüete. Der künig sprach: ^braoder,
war umbe bistu so trürig? war nmbe lachesta nit und bist froBlichgemuot?^
Er sprach: 'gnediger herre, wie solte ich gelachen in disen noeten? wann 10
rege ich' mich, so stechent die spere alle fier in mich.' Der künig sprach:
'woltesta einem furdenken, daz er nit lachen möhte, der allewegent die
fier spere nmb sich hette stonde?' — 'Nein* sprach der brnoder, 'wen ich
wüste in solicher not, ich wolte imm^r mit imme trüren anze er genese'
Der künig sprach : 'so sich mich an : ich bin der, der alle zit die fiere spere 15
nmbe sich het stönde, und ich wil dir die bediuten. Daz erste spere ist
die grosse bitter martel und pine, die got leit an dem criuze flir mich und
für alle sünder: wann ich gedenke, daz der also ein hoher herre ist and
also grosse martel und armuot und versmehede leit, so stichet mir ez in
min herze also ein sper und benimet mir daz allez min lachen und fröide. 20
Daz ander sper ist der döt, des (112*) ich alle zit wartende bin. Wann
von dem habe ich ouch solichen angest, daz ich nit weiss wenne er kummet
und mir lip und sele scheidet, oder wie er kummet oder welicher hande
döt ich nime, oder wä er kummet, üf dem velde, üf dem wasser: daz stichet
mich alle zit in min herze also ein sper. Daz dritte sper daz ist daz 25
Jungeste gerihte, zuo welher hant ich dd geste, zu der rehten oder zuo der
lirken hende. Daz fierde sper daz ist die grosse pioe und die ewige ver-
dampnisse der hellen, wie ich der entrinne. Nuo sich, bruoder , dis allez
machet, daz ich öne lachen bin nnd mich ziehent von dirre weite.' und
also was dem bruoder geantwurtet siner frogen. so
22.
(113*) Eines Juden sun der wonete flissekliche bi cristen Hüten kin-
den. Eines tages dö men in der kirchen messe von unser frowen sang und
daz ambaht beging und men die Hute bewaren solte, die zuo gotte woltent
gän, dö trungent vil schuolerlin und ander kinder zuo dem altar, daz siu
got woltent enpföhen. Daz judeKn trang ander in vaste noch, ime wart 35
ouch unsers herren licham und sin bluot, wanne sin der liupriester nit be-
kante. Ez was frö und ging wider heim. Der jungeling wart von sime
vater zwüschent (113*) sine arme enpfangen, er frögete in, wo er were
gewesin ? Der knabe sprach zuo sime vatter , er hette mit fröiden zuo-
gangen mit den andern knaben. Der jade erschrack, wftnn er vorhte» 40
PREDianORLEIN. 431
befünde ez die jüdischeit, sia nement ime den lip und sprechen!, obe er
nit solte siner kinde war nemen , and vergass zuohant vetterlicher milte-
keit durch daz er Moyses e reche und daz unreht irre gewonheit Mit
hertem grimmigem muote begreif er den knaben und warf in in einen ofen
vol fiures und warf do holz vaste zuo ime, daz er deste swinder verbrande. ^
Aber die götliche erbermede, die die driu kint üs den ofen erloste, die
was dö nit verswunden. Do des kindes muoter hörte sagen , wie er den
SUD verbrande, dd lief siu balde, daz sia in erlidigete und siu schrei vaste
und sere. Daz grosse geschrei und daz gerüefe daz erschal in die stat.
Dö daz die cristenliute erhortent, dö liefent siu hin zuo und zugent daz lo
fiar usser dem ofen und siu fundent daz kint also ganz , also were es die
wile äf rösen gesessen. Aber der vatter der (11 4') wart snellekliche und
balde in den ofen geworfen und wart dö zuo stunt von der flammen ver-
slanden und verbrant» daz men küme daz gebeine spürte. Die cristenliute
die frögentent daz kint, war umbe die flamme und daz fiur ime nit getön is
hettent? Der knabe sprach: 'die frowe, die in der kaffetzen uf dem sessel
sas, dö ich daz brcBtlin nam in der kirchen, die hette ein klein kindelin in
irre schösse, daz selbe kindelin daz was bi mir und deckete mich mit siner
muoter mantel vor dem fiure.*
23.
(1140 WIE TUSENT JORE VOR GOTTES ANEGESIHTE KÜRZER
SENT WANNE DER TAG DER GESTERN WAS ÜF ERTRICHE.
Es wunderte einen münich in einem orden , wie es möhte sin , wie in 20
deme himelriche ewige fröide möhte sin öne vertriessen und wie ein tag
uf ertriche lenger were denne tusent jöte m himelrich, alse Davit selber
sprichet. Nuo solte er eines tages messe singen zuo chöre, dögedöhte er:
*nno gang vor üz disem clöster in daz hölzelln, unze (114*) men zuo messen
würt Hütende und sprich also din gebet* Ein fogelin daz wart von gnöden 25
göttelicher süessekeit dar gesant und daz sang also wole , alse were ez
aller fogel gesang und getoene üsser deme pafadise , unde deme gesange
hörte der münich zuo in dem walde in woluste und in grösser fröiden und
wunnen zwei hundert jöre, und dar noch floug der fogel enweg und wart
men euch eine glocke Hütende. Er gedöhte: daz ist zuo der messe ge- 30
liutet, gang heim. Er ging wider zuo dem clöster, er wart kume enpfan-
gen, wenne in bekante dö nieman und er enbekante ouch nieman und er
enwuste nit, wie ez gefarn was. Men suochete in dem selebuoche und vant
sinen namen dar an und rechetent, daz es zweihundert jör was, daz man in
verlor und ouch nieman enwuste, war er bekomen were. Sit nuo dem 36
bruoder in eime doetlichen libe von einem deinen fögelins sänge die lange
zit'alsö kurz dühte, waz würt denne von dem milten Jesu und von der
vunneklichen schar der heiigen anegesihte?
432 FRANZ PFEIFFER
24.
(116*) Es was ein kint ein knebelin nohe bi Burgundien in dem
lande in eime closter sant Benedicten orden. Es was von der zit daz es
US der wagen kam einfaltekliche und unschadeber von guoter gewonheit
Der appet in dem selben closter lies durch guot daz knebelin kurzewile
hon mit schimpfe und mit ander hübescheit. Ettewenne hies er es hin us 5
gon mit den sinen, do men die pfert besluog vor dem hüse, do denne der
smit gesessen was. Den jungen bruoder den wunderte von einfaltikeite,
waz es were, wanne er nie kein glüegende isen me hette gesehen. Er nam
daz isen also glüegende in sine hant blös ön alles bürnen und öne smerzen
.der hende, er huop es üf und handelte es wie er wolte. Dar umbe erschrag lo
der appet und alle die bi ime worent, siu ahtent, wie schalkber und wie
einfaltig er were. Siu brochtent es dar zuo, daz er anderwerbe versuochet
wart an der gedät, siu ahtent in für (116") einen guoten jungen bruoder.
Dö noch wart der apt und die sinen unmüessig von andern sachen« Zuo-
hant dö ging der junge bruoder hin in in daz hüs innewendig. D6 sach 15
er des smides frowe sitzen mit eime kindelin , daz hette siu üf ir schösse.
Ez wunderte aber den jungeling, wie er mit eime kleinen kindelin die frowe
sach sitzen; er gesach nie kein kindelin me. Er spilete und hette hübsche
kurzewile mit dem kinde. Die frowe wart von irire krangheite geneiget und
gereisset zuo sünden an dem jungen bruoder. Siu sprach zuo ime, obe er 20
ein solich kindelin wolte hän. Er sprach: *nie kein ding hette ich also
gerne.' Siu nam in zuo hant dö siu sach, daz er also einfaltig was, und
ISrte in mit unkiuschekeite umbe gän und bröhte in dö zuo den werken der
gedät, und siu sprach: *mit solicher gedät werdent kindelin.* Der junge
bruoder der was beroubet siner megetlicher reinekeit. Er ging hin üs und 25
wolte aber daz glüegende*) isen handeine mit blosser hant, also er von
erste det Er wart swerliche und vaste verbrant, (116*) Er schrei vaste
und sere gar lüte. Der appet wart betrüebet zuo möle vaste. Ez wun-
derte in und gedöhte in sime gemüete, daz des jüngelinges sele innewendig
were verseret, daz niüeste vil lihte machen, daz er üssewendig gebrant so
hette erlitten, unde also in sin unschulde und sine einfaltikeit vor aller
missedöt e bedecket und behüetet hette vor dem fiure, so were es dö noch
umbe in anders gefaren, daz er von dem glüegenden *) isen dö noch
verbrant were so vaste. Der appet der fuorte in in daz münster. Er
frögete in minnenkliche und güetliche, daz er ime die wörheite seite, waz 35
ime beschehen were in kurzer stunden. Er seite ez ime einfaltekliche die
gedät, die er mit der frowen begangen hette. Dö noch also er gehörte
undvernam, daz ez sünde was, er weinde vaste und sere den grossen
schaden, der ime beschehen was von der missedät, und erschrag gar innekliche.
*) gliegende Es,
FREDIOTMÄRLEIN. 433
26. 9
(IIS') Ein ritter der stuont öf von stner frowen eines nahtes dö ein
angewitter was, er ging 2ao einer andern frowen und beging dö sünde und
missedät. Und der noch dd der möne wart schinende, er ging wider
(11 9') heim zno sime hüse, und do er wolte gön in sin hüs, sin gliche
frowe die erschrag, sin bedühte, wie siu eins manschen antlitz durch ein 5
fenster sehe und siu rief vaste und grüsselich mit heller stimme, und von
dem rnefende wart daz gesinde des selben hüses zuo. samene ^) loufende.
Zuo haut bedühte siu, wie ez ir herre wäre. Siu ruofent zuo samene, er
were ') von dem tiufel verleitet. Dö daz der (ritter) ersach , er verkSrte
sin antlitze und wolte es ungestellet machen, also obe es ein ander wSre. lo
Er wart von gottes urteil und von sin er sünden unde ime selben zuo un-
eren ungeschaffen also ein vihe, dar umbe verbarg er sich bitze früege und
dö ilete er zuo der kirchen und klagete er dem liupriester sine missetät.
Er bat in, daz er got über sine missedöt bette, daz im got sin erste gestalt
Bins antlittes wider gebe. Und dö zuo der selben stunt wolte daz vihe üs 15
gön zuo weiden, die rinder und die pfert. Dö daz selbe vihe noch dö verre
zao ime hettent, dö huobent sin zuohant an und luogetent und die pfert
die wihettent in glicher wise , also obe siu sich vorhtent von griusselne
(119^) an sin er anegesihte. Daz vihe liefe alles hünder sich und fluhent
ond daz selbe döten euch die hirten und alle die, die ime engegen gingent, 1H>
die fluhent. Der liupriester der sas an der kirchtören und wolte sin tage-
zit sprechen, und zuohant dö er in ersach, er mähte ein criuze für sich und
ging in die kirche und beslöss noch ime die kirchture zuo. Der ritter
der streckete sich für die kirchture und sprach: 'lieber herre, erbarment
ioeh über einen unseligen sünder. Ich bin nit der, dar für men mich siht, 25
es ist mir beschehen von miner sünden wegen.' Und zuohant dö der ritter
mit also wunderlicher pinunge mit ime selber det und mit weinenden trehe-
nen sine sünde mit grossem r&wen bihtete die mere und die schände , die
er mit siner missedöt verdienet hette, dö wart ime abe geweschen und ganz
vergeben, und dö wart ime euch wider gegeben die örste gestalt sins so
antlitzes mit siner eigenen formen in der selben wise, also er vor was, und
dar noch wart er guot und besserte sin leben und erte got und vorhte in.
Also (119") wart er von jamerlichen flecken und von üssern flecken von
des libes gebresten mit der bihte gereiniget.
26. .
(120') Her Philips, der dö was ein guoter meister der geschrift, und
er was canzeler zuo Paris, dö er von siechtagen der zuo kam, daz ersterben 95
*) samende Ht.
*) was Ä.
•■BHAHIA U|. 28
434 FRANZ PFEIFFER
w^te, der bischof von Paris der kam selber zuo ime, daz er in getroestete
ambe siner seien heil und ime zno helfe keme. Der bischof bat den can-
zeler, daz er sine gotes göben üf gebe ime in sine hant und Eine gottes
gobe behüebe und daz ouch mit guotem willen dete , und were es , daz er
wider gesunt würde , er wolte ime sine beden kint besorgen und ime also 5
vil wider geben sins eigenen guotes, also vile er üf Hesse durch siner »seien
heiles willen. Er sprach, er wolte es nit duon, und sprach, obe es denne
Sünde (120*) were, daz men vil gottes goben hette, oder verdampnet dö
von würde ? und also starp er, und über unlang dar noch, do der selbe bi-
schof von Paris mettin hette gesprochen und betten wolte, er sach zwüschent lo
ime und deme liehte alse eine schettewe eins menschen gar swarz. Er
huop sine hant üf und segente sich. Er sprach: *ich gebiute dir, daz du
mir sagest, wer du bist, obe du von gotte bist her komen.' Er erschein
ime und antwurte ime ; *ich bin frömede von gotte und von allen seiden
und bin doch sine wunderliche hantgedat.' Der bischof sprach: 'wer i5
bistu?* Er sprach: ^ich bin der canzeler, der lange zit der unseligeste ist
gewesen.' Der bischof sprach ander werbe siufzende mit lüter stimmen:
'wie ist dir, daz du so gross jamer und leit lidest?* Er sprach: 'ich bin
verdampnet also die aller bcesten mit dem ewigen töde.' Der bischof
sprach: *owe und ach, wo von kummet daz, 'daz du sust verdampnet bistf 20
Er sprach: (120") *ez sint drige Sachen. Eine ist, daz ich daz überige
gelt und gülte, des ich niht bedorfte, nit mit armen liuten teilte und es in
gap, und ich es in grites wise üf hüffete. Die ander sache die ist, daz ich
wider daz reht und wider daz urteil grosser wiser *) meister von den ge-
gesetzeden des rehtes, daz men nit vil kirchen- und gottesgoben mit rehte 25
mag gehaben, daz ich do wider frefenliche det und siu beschirmete. Dar
an det ich dcBtliche sünde mit grösser schulde. Die dritte sache ist, daz
ich mit unkiuschekeite über die rehte mosse swerliche ^nd tiuffeliche ge-
sundet hau, und die sünde was die swereste und die groeste under disen
*drien sünden.' Er sprach zuohant ander werbe zuo dem bischoflfe: 'ist der so
weite keine zale oder mag siu ein ende genemen?' Der bischof sprach:
'mich wundert, daz du der hast geierteste man .were und du daz frogest,
wie du mich sihest lebende und wir alle sterben müessent die noch lebent,
ez ist ein notdurft des jüngesten gerihtes, e [si] denne (120*) die weit ein
ende habe.* — 'Herre der bischof, es habe iuch nit wunder: wer in die 35
helle kummet, der het nit kunst noch wisheit oder bescheidenheit.' Und
do er daz gesprach , die schettewe verswant vor sinen ougen , daz ez in
wunderte. Der bischof der bredigete es der noch in siner bredigen den
pfaffen. Er sprach, er hette es selber gesehen. Er kündete es ganz und
gar in allesament waz er dd gesehen hette. 40
PKEDIGmAALEm. 4S5
27.
(120*) Einem pfaffen wart gebotten , daz er solte bredigen in einer
samenniige der bischoffe, dö sin bi ein ander wörent und zno röte woltent
werden, waz der cristenheite nütze w^re. Der pfaflfe was besorget und
hette angest, waz er würdiklichen vor solichen vorhoubeten und preläten
der cristenheite solte bredigen , und dö er an sime gebette lag , got siner 5
gnöden zuo bittende, der tiufel kam zno ime und sprach: 'waz hestu
angesty daz du disen pfaffen und bischöffen bredigen solt? Sage in dis
und kein anders und sprich also: die (121*) helleschen fursten die dankent
und gnödent mit irme gruosse den fursten der cristenheite, wir helleschen
fursten sint alle sament frö und sagent iuch dank, wanne mit iuch preläten lo
und bischöffen wer^ent ir und äwer underdön uns geantwurtet und von
iuwer versumunge zuo uns braht vil bi alle die weit Ich sage es dir un>
gerne,' sprach der tiufel zuo dem pfaffen, 'dis ding und dis gedät, wann
daz ich ez von gottes geheisse muoz tuon und ez betwungenliche tuo.'
Der pfaffe der antwurte und sprach: 'bredige ich dis und sage ez in, so 15
engloubent siu es mir nit/ Der tiufel der ruorte ime sinen backen, er
sprach: 'sich, dise swerze an dime antlitze daz ist. ein wörzeichen, daz dö
ungewönhch ist. Dis zeichen soltu nit rüeren, e du gebredigest, wanne
ez were dir kein nütze die wile dran, und noch der bredigen so soltu es mit
wihewasser abe weschen/ Der pfaffe ging enweg und wolte den bischöffen 20
und den preläten bredien, also er ouch det. Daz swarze zeichen an sime
backen verwunderte siu allesament. Er brediete (121^) nüwent daz er
geheissen was, er bewegete ir herze zuo grösser vorhte und zuo eime
grusselnde, daz siu erschräckent und got desto me für ougen hattent Dis
wart zuo Paris gekündet und gesaget vor aller der pfaffbeit und ouch dem 25
andern volke, dö men von gottes gebürte zalte des selben jöres tüsent
' und zweihundert und ahtzehen jöre. Alle menschen gedenkent dar an und
hnetent sich vor Sünden.
28.
(1220 In der gegene bi Köllen zuo Bunne dö was eins priesters
firiundin oder ein zuofrowe. Der pfaffe erhieng sich selber. Die frowe ao
erschrag des förhtenlichen tödes, siu kam in ein frouwenclöster. Der tiufel
versuochete siu mit» etlichen werten, die zuo liplicher süntlioher minne
b(Brent. Siu huop stetekeit ires gemüetes. Er kam flissekliche zuo ir,
er ving an mit solicher rede: 'guote Adelheit, volge mir, so wil ich dich
machen der &ouwen meisterin.' Und dö er naht und tag ir nach ging mit 35
bcBsen reten , siu mähte ein zeichen des heiligen criuzes vor ir oder be-
sprengete sich mit wihewasser. Er fuor enweg eine kleine wile und kam ^
zuohant her wider. Siu nam rät von eime bidermanne , daz siu solte daz
436 FRANZ PFEIFFEB
ave Maria sprechen , sprach er^ and dd sia daz gesprach, er fidch (122')
gar swinde, also were er tro£fen,mit eime schösse, und getorste nit näher
bas kämmen, and enliess sia doch nit gar mit einander der von. Do wart
ir geraten, daz siu irme prior solte bihten dangnemelickc, also würde sia
mit einander baltliche erloeset von deme tiafele and von sime gespenste. 5
Und dö sia zao bihte wolte gän, dö ging ir der tiafelengegene and sprach:
'Adelheit, war gesta?* Sia sprach: 'ich gö daz ich dich geschende.' Er
sprach: *nit tao es, kere wider.' Sia sprach: *da best mich dicke geuneret
and geschendet, nao wil ich dich zao laster and zno schänden bringen."" Er
enknnde sin mit süessen Worten noch mit trowende dar zao nit bringen, io
daz sia der von wolte sin, er ging ir als noch anze zao der stat , dd sin
bihten solte und oach wolte , er floag in dem lafte über ir also ein wihe.
Dö sia iren mant üf gedet zao bihtende , er rief and verswant and enwart
dö noch von ir nie me gesehen noch gebeert.
29.
(123**) Ein ritter der was begraben, der was genant Friderich von 15
KöUen. Er erschein eime (1230 bargere von Andernach üf eime gar
swarzen hantrosse, and von sinen naselöchern gingent us flammen and
roach and es was bedecket mit schäffes blatten and bette einen ha£fen
erden üf siner ahsseln. Der burger sprach zao ime: *sint ir es, her Fri-
derich?' Er sprach: *ich bin es.' Er sprach: 'wannän kämmen ir? waz 20
sint die zeichen, die ich sihe?' Her Friderich sprach: 'ich bin in den
groBsten pinen. Dise hiate nam ich einer wittewen, die büment mich gar
-vaste. Dö noch sihesta üf minen ahsseln einen hüffen erden, daz was ein
teil eines ackers, daz mir anreht wart gegeben zuo kouffende: von des
laste und bürde wurde ich getrucket. Geben t dö mine kint daz wider, s6 25
würde mine pine vaste geminret.' Und also dö verswant er. Dö daz sine
kint hörtent von dem bargere des vatters wort and sine klage, sia woltent
e daz er in der ewigen pinen were denne sia daz guot wider göbent.
30.
(160") Ein ritter hies her Walther von Birberg. Dö er was in der
blüegenden jugeut weltlicher ritterjschefte, in der er manhaft und nötveste 30
zuo den eren was, er huop an von sinen kintlichen tagen, daz er anser
frowen vor ougen hette und liep, er erte siu mit flissigem dienste zuo allen
ziten. Der selbe herre faor zuo einer zit zuo einem turnei dö nöhe bi.
Er hette mit ime in siner schar vil ritter. Siu rittent und fuorent für eine
kirche, er manete siu, daz siu die messe hörtent. Es was in nit wole zuo 35
muote, siu enhettent nit andäht der zuo und spröchent: 'wir süment uns
• zao lange.' Siu fuorent alle enweg, aber er bleip aldö, er hies ime eine messe
sprechen von unser frowen and opferte. Dö die messe üs kam, er reit
P&EDIQTMÄRLEIN. 437
alleme noch. Ime bekament vil Hutes en gegen gände und spröchent, der
tarnei w£re zergangen. Er frögete, wer der beste w^re? Sin sprdcheot:
'her Walther von Birberg, den hänt alle die linte für den besten zuo ere
and (160') zno lobe.^ Sd köment aber an^er liute und vil liutes, die
spröchent ouch alle sament also. Es nam in wunder, wie es sich also s
fäogete oder waz es were. Er kam doch zuo der selben stat gewoffent mit
andern rittem und fnor der ritterschefte noch, er det doch wenig manheite
oder grösser eren. Do der tumei zergangen was, etliche ritter fuorent
in sin herberge dar umb, daz er in gnöde und miltikeit erzöugete. Siu
spröchent, daz sin von ime in dem tumei gefangen werent und in dem ritter- lo
spiL Er sprach, es wer nit war: 'ich enving üwer nit.' Siu antwurten:
'in der wdrheite, wir wurdent uwer hantsiege gewar hiute und söhent üwer
ritterlichen zeichen dd und hörtent üwer stimme dö.' Er bekante, daz
daz beschehen was von der gnoden unser lieben frouwen.
31.
(205*) Es was ein reicher herre und hatte der. ein emigen sun und m
was ime der üsser müssen liep. Und dö der sun gewuohs und zuo sinen
tagen kam, dö lustet in, daz er gerne andere laut hette gesehen, und bat
sinen vatter, daz er in liesse andere lant gesehen, daz er ime erloubete
zerfarende. Dis was sime vatter swere und leit, und bat den sun zuo
blibende, und hette in gerne gewendet. Dis enmöhte nit sin, der sun wolte 20
der verte nit abe gön oder sin. Dö der vatter sach , daz es nit anders
möhte sin, dö sprach er: 'lieber sun, sit du nuo nit enberen wilt du wellest
vam , so wil ich dir zwei ding befelhen , daz du die stettekliche an dir
habest, war du kumest Daz eine ist, daz du niemer tag öne messe solt
gesin so du es getuon mäht. ^) Daz ander ist: war du komest, zuo welher 25
hSrschaft du iemer komest, obe du eime herren werdest dienende, so soltu
war nemen wanne din herschaft betrüebet sint und ungemuot sint, so soltu
ouch ungemuet sin; wanne siu aber froelich und wol gemuot sint, so soltu
mit in froelich sin.' Diser jungeling sprach: 'vatter, daz wil ich tuon,' und
nam urlöp zuo sinem vatter und fuor enweg und kam in ein lant und wart so
dö dienende eime herren und diende dem harren und siner (2.06^) &owen
so wol, daz siu in gar liep und wert hettent, und det als in sin vatter ge-
heissen hette: so er sine frowe und sinen herren betrüebet sach, so was
er ouch betrtiebet, so er siu froelich sach, so was er ouch froelich.
Nuo was ein ander diener ouch dö in des selben herren hof , der was 35
röt, den verdrös gar sere, daz dirre jungeling also wert dö ze hoffe was
und daz in der herre und sin frowe also liep hattent, und gedöhte, wie er
disen jungeling möhte verleiten gegen sime hörren, und hette war genomen.
^) mast A.
43S rttAN2 PFEIFFER
wie dirre Jüngling alle zit trArig was so sin hSrre nnd dtn fi*owe trftrig
%6rent, und gie der zuo sime hörren und sprach; *herre, icb bin iuch truwe
schuldig, ich sol iüch billiche warnen vor uwerem schaden, wo ich den weis,'
und sprach: *herre, do ist üwer diener dirre jüngeling, dem ir dö also
heimlich sint; so sönt ir wissen, daz der mit uwer frowen zuo schaffende s
het, und han ich daz wol war genomen' Dö sprach der herre: *dis mag
ich nit gelouben , dar zuo getrdwe ich ime ze wol mtnes libes und mins
guotes.' Dd sprach der Röte: 'herre, ich wil iuch es bewisen, daz ir es
befindent daz es wor ist* — 'Wie mag ich daz befinden?' sprach der herre.
Do sprach der Rote : 'herre, do süllent ir mit (205*) uwer frowen einen lo
krieg ane haben und süllent ir einen beckeling geben, daz siu betrüebet
werde: so befinden ir daz dirre jüngeling leit und ungemach und ungemüete
mit ir het' Der heiTe det also und huop einen krieg mit siner frowen an
und wart der krieg also starg, daz er ir einen beckeling gab. Und dö er
die frowen gesluog , so wart die frowe trurig und ungemuot. Der herre i5
nam sin war, wie der jüngeling sin diener geboren wolte. Dö sach er, daz
der jüngeling ouch gar trurig und ungemnot was , also in sin vatter ge-
leret hette. Der herre der erschrack und gedöhte, daz es wör wäre alse
ime der Röte geseit hette. Dö kam der Röte zuo dem hörren und sprach:
*herre, wie dunket iuch nuo? weder hän ich wör geseit oder nit?' Dö sprach 20
der herre: 'es ist wör, es dunket mich an siner gebärden. Nuo rot zao,'
sprach der herre zuo dem Röten 'wie wir ime getuont, daz wir sin ledig
werden und in gedoetent.' Der Röte sprach: 'herre, dö wil ich iuch einen
guoten rot zuo geben. Ir haut einen kalgofien hie nöhe ligeade, dö snllen
ir senden noch den oflPenknehten und süllent in (206*^) bevelhen : der erste, 25
der morne fruoge zuo in kome von üwem wegen und zuo in spreche, obe
siu getön habent daz ir siu geheissen hänt, daz siu denne den selben
nement und in für sich in den offen stössent^und in verbrennent, er si wer
er si, und gebietent in daz bi üwem hulden. Und so ir in daz bevelhent,
so sendent denne disen jüngeling dö hin, so werdent ir sin ledig.' Der so
hörre sprach: 'du hast mir wol und reht geröten.' Der herre sante noch
sinen offenknehten und sprach zuo in: 'ir hörren, ich gebiute iuch bi minen
hulden und bi üwerme libe und bi uwerme lebende , der erste der morne
früege zuo iuch kumme für den offen und spreche zuo iuch: hänt ir getön
daz iuch min herre bevolhen het? daz denne den nement und in verbrennent 35
in dem offen, er si wer er welle, und wissent, duont ur des nit, daz .ir
darumbe sterben müessent.' Siu spröchen: 'herre, daz sollen wir tuon,'
und gingen wider heim zuo dem ofen. Des morgens früege dö sprach der
herre zuo dem jungelinge sime knehte: 'var hin zuo dem kalgofen und sprich
zuo den ofen(206')knehten, obe siu getön h&nt, als ich in gestern befalch?' 40
Der jüngelmg sprach : 'herre , ich tuon,' und sas uf sin pfert und reit Un
und wolte zuo dem ofen. und dö ^r üf die strösse kam, dö hörte er ist einer
PBEDIGTMlRLEIN. 439
cappellen» die stant üf der strdssen, liaten zdo einer messen. Dd ge-
döhte er an sines vatters lere, daz er tages solte eine messe hoeren, und «
dohte: 'g& in die cappelle und hoer die messe ^ du kummest noch danne in
zit genuog dö bin,' und gie in die cappelle und hdrte die messe. In disen
dingen, die wiie er die messe horte, daz geriet sich etwaz lange verziehen 5
von der messe wegen ; dö gedöhte der Röte , daz er ietzent wol verbrant
were, und sprach: 'herre, ich wil riten zuo dem ofen und wil gesehen, wie
es diseme ergangen si,' und reit hin zuo dem ofen. Noch dö was der junge-
ling nit zuo dem ofen komen, wan in die messe sümde. Und dö der Röte
zno dem ofene kam, dö sprach er zuo den ofenknehten: 'ir herren, haut ir lo
getön daz iuch min herre befolhen het?* Sin spröchent: 'nein, wir haut
es noch nit getön, (206**) wir wellent es aber tuen,' und nöment den Röten
und stiessent in für sich in den ofen. Er schre vaste und sprach, er en-
wSr sin nit. Die knehte spröchent, siu wustent wol, waz siu ir herre ge-
heissen hette, daz wolten siu euch tuen. Der Röte wart in dingen (?). 15
Dö was die messe gesprocljen , die der jüngeling dö hörte in der capellen,
dö sas er üf sin pfert und reit hin zuo dem ofen und wolte sine botschaft
werben, als in sin h^rre geheissen hette. Dö er zuo dem ofen kam » dö
sprach er zuo den knehten: Mr hörren, hont ir getön daz iuoh min hörre
befolhen het?' Siu spröchent: ^'jö, wir h&nt es getön: er lit in disem ofen 20
hie und brennet in dem fiure.' Der jungeling sprach: 'wer brennet in dem
fiure?' Siu spröchent: 'daz tuot der Röte." Dirre jungeling der erschrack
and gedöhte , daz es über in solte sin gegangen , und gedöhte dö zuo im
selber: 'herre in himelrich, wie mag dis komen? nuo enweis ich doch
niutzit uf mir, dö mitte ich daz verschuldet habe. Wie mag dis komen?' 2»
und gedöhte: 'har umbe wil ich doch minen herren nit fliehen, sit ich niut
uf mir weis,' und faor hin wider heim. Dö in der (206") herre ersach, dö
erschrack der hSrre gar sere und gedöhte dö, daz es übel gefarn was» und
sprach zno dem jungelinge, wie es gefarn. Dö sprach der jungeling:
'herre, dö hont siu den Röten verbrant in dem ofen.' Dö sprach derhörre: so
'wie komet daz, daz der Röte verbrant ist: es solte doch dir geschehen sin?
Wo sumdest du dich, daz er e dar kam dann du?' Dö sprach der junge-
ling: 'herre, daz wil ich iuch sagen. Dö ich üf die strösse kam, dö hört
ich hüten zuo einer messe in der cappellen, die dö üf dem wege stöt. Dö
gedöhte ich: hoere die messe, du kumest noch denne wol zuo dem ofen, 95
und hörte die messe; hie zwuschent kam der Röte zuo dem ofen, — und
wü iuch sagen, hörre, wie daz kam, daz ich die messe hörte. Dö ich von
minem vatter schiet» dö befalcb er mir zwei ding, daz ich die tuon solte
alle zit. Daz eine daz was; war ich iemer keme zuo dienende, so ich
denne mine hörschaft trürig und ungemuot sehe, so seit ich mit in trürig 40
sin; so aber ich siu wolgemuot sehe, so solt ich mit in froBlich und wol-
gemoot (206*) sin. Daz ander was, daz ich niemer tag solte geldssen,
440 FRANZ FFEIFF£B
ich solle alle tage eine messe hoeren, so ich es getoon möhte. Dd ich do
Jiörte zuo der messe liaten, do gedohte ich an mines vatter lere und horte
die messe.' Und dö der herre des jüngelingesrede vemam von den zwein
Sachen, die ime sin vatter befolhen hette, dö gedohte er, daz er rehte sache
gefueret hatte , das truren, daz er do det von siner frouwen wegen, als 5
ime der Rdte hatte geseit, daz er daz in gnoter meinunge geton hatte
von der l&ve wegen, als ime sin vatter befolhen hette, nnd erkante der herre
dö, daz er unschaltig was an den Sachen , die ime der Röte hette geseit,
und daz es ime der Röte durch vigentschaft hette getön. Und was der
herre frö, daz dirre jangeling lebende was beliben , und hette in dö verre 10
lieber denne er vor in je gehette. Dö von sol euch ein iegelich mensche
Diemer öne messe gesin, ez süUe tages eine messe hören, so ez es getuon
mag; wenne man wil, daz keine messe nie nützet gesümde.
ANMERKUNGEN ZU DEN PREDIGTMÄRLEIN.
412, 4. hieff = hieb = hdew, wohl nur verschrieben. — 7. erwegen»
von der Stelle briegen. — 9. langes adv. Gen. der Länge nach , vgl. mhd.
W.B. 1, 931. — 10. widerstrit, um die Wette. — 11. lenge^ Dat. von uM
abhängig: für die Länge des Holzes nicht breit genug. — 12. Bckuof^ st
Prst. von schöpfen, schon im ahd. bei Tatian 45, 7. sie schuofen daz waazer^
hauserant aquam (Graff 6, 443. 44). daa waazer schuof er selbe Exodus
Fdgr. 2, 89, 40. Die Stelle aus unserer Hs. hat schon OberUn mitgetheilt
in s. Glossar 1445. — 13. dfor u/Z^^, darauf verlässt. da/r üf, daraufhin.
— 20. wilde Hute, zügellose, ausschweifende Leute. — 24. ndhe^ wohlfeil.
— 26. uf heben y anfangen, beginnen. — 28. irre gin c. Gen. heiftt sonst
etwas verfehlen; es wird hier wohl vdhJt fehlen: dem Kaufe weiche ich nicht
aus? — 30. wirJamf» der Trunk, der zur Bestätigung eines Kaufes den Be-
theiligten und Zeugen gereicht wird. Vgl. mhd. W.B. 1, 867. — 31. ge^
raten, anfangen: ez geriet späten, es begann spät (Nacht) zu werden. —
32. memgeltch, quilibet, vgl. mhd. W.B. 1, 972*. Gramm. 2, 509. 70. 3, 63.
64. — einer frage fragen, eine Frage zur Beantwortung vorlegen. —
34. bintseil, Halfter, Leitseil. Diefenbachs Glossar 97^. — hauwe stf. das-
selbe, vgl. mhd. W.B. 1, 831. — : 35. umbe kom^n, ringsher umgehen, einen
Ejreis umlaufen: als alle ihr Urtheil abgegeben hatten. — 37. wol dan, Aus-
ruf, wohl auf, allons, vgl. J* Grimm, Zeitschrift 5, 498. mhd. W.B. 1, 303.
— 38. zerren, reißen, auseinander reißen, in ist vielleicht = eis, nicht die
Praep.
413, 2. vil gewerbes, es bewarben sich viele um sie^ um ihre Hand*
— 4. spilman, PL spilliute, fahrende Sänger, vgl. mhd. W.B. 2, 46.
Wackemagel Litt.-G. 102 fg. — 9. hie, da> nun, so auch; ich kann hie in
PBEDIOTlOBLEIN« 441
diesem Sinne sonst nicht nachweisen. — 11. Upbriester, assimiliert ans
liutpriester, Pfarrer, vgl. BL 67^ — niemans, diese anorgan. Form ist der
alamannischen Mundart des 15. Jahrh. eigen und in einigen dieser Dialecte
noch jetzt gebräuchlich: iemes und niemes, \gh Hebel memes rothet, was
Werke 1. 112. (Glossar zu den alam. Ged.) mhd. WB. 2, 40. 41. Zarncke
zum Narrenschiff 51, 2. — 12. <dse wol = eben so wenig. — 16.^" wurden
gände^ Umschreibung für sie ffiengen. — hast^ unumgelautete alam. Form,
für hestj vgl. 434, 32. — 21. ettiewie = etes^^ etwie; etwie verre^ in ziem-
licher Entfernung; etwie vile 426, 29., ziemlich viele. — 23. verherigen^ zer-
stören, verheeren; mhd. verhem, verherjen, verhergen: mhd. W.B. 1, 662.
— 25. ffemeirdiehe Ai\, mit allgemeiner Zustimmung? vgl. mhd. W.B. 2,
102. — weUez = welkez^ die alamannische Form weUz ist die gewöhnliche
schon bei Motker (Graff. 4, 1211). — 26. fürsmgkteste statt versma^teste,
das niedrigste, verächtlichste« — ainbahty so lange hat sich diese ahd. Form
statt des gewöhnlichen mhd. ambet, ampt im Elsaß noch erhalten , auch bei
Tauler findet sie sich, s. Wackemagels Lesebuch 859, 19. vgl. 427, 21., om-
bahfynany Amtmann. — ein vierteil einer milen = eine Viertelmeile. —
sweigerie stf. Viehhof, Sennerei, vgl. Schmeller 3, 531. — 28. ISffel, später
öfter Ugelin stn. ahd« Idgela , aus dem lat. lagena^ Fässchen. Das
elsäfi. 6 ist beweisend für die Länge des a. vgl. mhd. WB. 1, 929, wo das
Wort mit kurzem a aufgestellt ist. — 32. anderwerbe, Adv. zum zweiten
Male; häufiger im mitteldeutschen, doch kennen auch oberdeutsche Mund-
arten diesen Ausdruck. — von ungeschikt, durch unglücklichen Zufall« —
34. hals, Nacken.
414, 2. üsser = üz, ans; üsser im, schon wie nhd., was ist aus ihm
geworden. — 4. iü>el geraten, nicht gedeihen, missrathen. — 5. Idokenerin
stf. Zusprecherin, Zauberin, Hexe, vgl. mhd. W.B. 1, 925. — 6. bekamen,
gedeihen, sich erholen, vgl. jnhd. W.B. 1, 904*. — 7. jd wol, bekräftigend,
wie nhd. — 8. stössen, stecken. — 11. zuo vermaohen, verschließen. —
12. zuo vam, rasch herbei kommen, zn Werke gehen, bei Boner öfter, vgl. .
mhd. W\B. 3, 246. — 18. zuo Ugen^ zunehmen, gedeihen, fehlt in dieser
Bedeutung im mhd. W.B. 1, 992*. — 22. versinnen, sich, sich erinnern. —
25. iktrüA2ru^, Pfarrkinder. — gerwen^ sich, sich umgürten, nämlich die
geistliche Kleidung, das Gingulum anlegen. — 32. ehte, Adv. nur, immer. — -
33. der, geschwächt aus dar.
415, 16. üf heben, anfangen, beginnen (zu. reden). — 20. verhören,
verdrehen, missdeuten. — 21. zuo smblle bringen, lächerlich machen. —
23. lücke, Adj. locker, Schweiz. Ugg, vergl. mhd. W.B. 1, 1024*.
416, 6. übeU^g, Adj. maleficus, vgl. mhd. W.B. 3, 149*. — 9. c> Aofo
und giü hals = was der Hals, der Schlund, isst, das soll er auch gelten,
zahlen. — 10. verurteilen, wie nhd., auch bei Tauler, s. Wackei:nagels Lese-
buch 868, 27. — enthoubeten, wie nh^., auch in Closeners Chronik S,« 14.—
442 FttAN^ FTETttm
18. emest, mit dem nnbestimmten Artikel, ohne Beleg im mbd. W.B. 1, 447.
— 19. einem war werden y an ihm in Erfüllung gehen. — 22. gemechede,
stn. Ehleute; Gliche gemechede ist eine Tautologie; später Mche Hute, —
26. n&tzmty wie auch ützüt (= niutsmut)^ alamannische Formen för rdUes-
vihty iktesikL — 26. hüeltn stn. von buoley Geliebte, hier Kosewort: Schätz-
chen, fehlt im mhd. W.B. — 27. mittenandery die verkürzte alamannische
Form begegegnet schon im 12. Jahrh., z. B. öfter in der Stuttgarter Inter-
linearversion der Benedictiner-Regel (mitanander), und so durch alle Jahr-
hunderte bis auf den heutigen Tag. — 34. barelUn stn. mit. hoHlluSy
franz. bareil, Pokal, Becher, hier Fläschchen, vgl. mhd. WJ3. 1, 89.
417, 2. geriet in sldfende (vielleicht ist sldferende zu lesen), ihn fieng
za schläfern an, überfiel der Schlaf. — pert nd. für pfert, eine der Spuren,
daft die Predigtmärlein zum Theil aus niederdeutschen Quellen geschöpft
sind. — 6. kwrety hier schwach gebraucht, Busch, Hecke, vgl. mhd. W.B. I,
734. — 7. ufrf = wäy vgl, Iwein wu, seht wd dort her reit ein riter 694. 3102.
Er« 173. — li.vmtevolgeneinenhy einem nachfolgen, begleiten, vgl. mhd. W.B.
3, 367. — 19. gömiichy adj. zornig; der Umlaut in diesem Worte ist der
alamannischen Mundart eigen, wie Z. 22 in dort. — 26. einem die unsSlde
reden und die meintät = einem Schande und Laster sägen. Ich weiß diese
Redeweise im mhd. sonst nicht nachzuweisen. — 37. spraizeln, und noch
einmal 418, 2., ahd. spratalön und sprazalön, palpitare (Graff6, 392); vgl.
sprätifen, eprätzeln Stalder 2, 386.
418, 5. iendy und Z. 13 indj wohl eine Interjection , wie na nn, düb
aber; ich weiß keinen Beleg zu geben. — 9. von ort unze ende, vom Anfang
{ort = Spitze, Beginn) bis zu Ende. — 16. eins guoten gedenken ^ etwas
Kluges aussinnen, ausdenken. — 24. die glocken stibmen, die Sturmglocken
läuten. *— 27. ein michel volg, eine große Menge.
419, 4. brocheelny vgl. ahd. brochieon, frangere (Graff 3, 269. 70), und
das Straßburger Memorialbuch (Grieshabers Hs. Bl. 21'): dö viel dctz Ms
mder mit soUcheme grüweclicJieme wfigehiwreme gr688em£ gehrohtze wßd
er^kröcketdichem gekrechtze^ daz mengelich möhte verzagen. — 31. sinen
gunst tmd stnen gehelle, gunst sowohl als geheUe (Zustimmung) kennt das
mhd. W.B. bloß als Feminina. — 38. vorhteam, Adj. furchterregend.
420, 5. geneigter stf. ahd. gancLstraj Funke, vgl. mhd. W.B. 1, 462. —
16. 21, Wortzeichen =■ Parole, Wahrzeichen. — 17. glückespfenrdg stm.
ea ist mir nicht bekannt, daß der in den Märchen eine so große Rolle spie-
lende Glückspfenning schon aus so TOher Zeit nachgewiesen wäre. — 21.
schiene stf. Metallplatte. an heben = ö/" heben, zu reden beginnen. — 34.
imo sprechen, beschuldigen, anklagen.
421, 1. 7. pfaol = wie Z. 17 pfütze. — 22. duckte sich, wohl = imckU
sitShy bengte» unterwarf sich. — 24. Uwediehe, zum abd. Uw, Uvoes (vgl.
Graff 2, 295), male« — 32. verrihten, in Ordnung bringen, d. h. soviel ab
\\
beichten oder die letzte öhlntig nehmen oder geben; nnd bewarm ^ das
Abendmahl nehmen = dem schweizerischen verwaren^ die Sterbsacramente
nehmen, vgl. Scherz- Oberlin 147.
422, 1. nuon = nune, mit angehängter Negationspartikel* — 3. ffOfAch
stm. Kacknk. — gucken, wie der Kuckack schreien, vgl. mhd. W.B. 1) 558.
— 7. witziff, Adj. gescheit, klag, verständig, vgl. Trist. 384, 31. und Erec
921. 8701 : witzige und tumbe. — 8. gurre, stf. schlechte Stute, vgl. mhd.
W.B. 1, 592, hier aber, und so noch in der Schweiz = schlechtes, lieder-
liches Weibsbild, vgl. Stalder 1, 499. — 14. 15. wizene, stf. häufiger, wie
auch Z. 20. verkürzt wtze, Pein, Strafe, Bestrafung. — 28. ingendte =■ iege-
mte, Adv., sofort. — 34. un^ich, illegitimus, im Ehbruch lebend.
423, 14. Schillinge pfennmge, ausgemünzte, baare Schillinge; nur
pfenmnge waren wirkliche, Schillinge bloß ideale Rechnnngsmünze, vgl.
Habsb. urbar 355. — wie s6 = dem nhd. — 31. spulgen, pflegen , con-
sDescere, frui, vgl. Graff 6, 335. — künüich, Adv. genau, bestimmt»
deutlich.
424, 1. schardas öfter =- schaarsas Z. 14. schcarsach Z. 21 = sohar^
ssbs, stm. Schermesser. — 20. r&zen, schnarchen. — 35. geheize, stm. der
verhei^ne Lohn, vgl. mhd. W.B. 1, 660.
425, 5. zaWret, stn, Zählbrett, ein mit einem Rande umgebenes Brett
zum Geldzählen, fehlt mhd. W.B. — 12. gehauen, aufheben; erdet gehalten,
ein bemerkenswerther Beleg für den auxiliaren Gebrauch von tuen, vgL
Grammatik 4, 94. — 19. mit niute =• ja nicht, woraus das nhd.'m2^ nihten,
im mhd. häufiger W mute. — tdreht, Adj. einfältig. — p/ennewert, stm. sonst
festbestimmte Taxe, Eaufmannswaare, die im Kleinen verkauft wird, hier:
am den Werth eines Pfennings = Pfenning. — 21. genöte, Adv, eifrig, an-
gelegentlich. — zuidmoz stm., und zuohuoze stf. Zugabe, Zuwage, fehlt
mhd. W.B. — 22. amMn, Adv., so für sich fort; in der schweizerischen
Mundart ane, vgl. Stalder 1, 103. — 23. ehte, ob, wenn, vgl. 427, 15. eUe,
im Sinne von: ja doch.
. 426, 6. aUe, swm. Großvatter, vgl. Closener 26 : Konradin woü rechen
0inen aUen heiser Friderichen, und mhd. W.B* 1, 67. — eppetige, stf. Abtei.
— 7. 8. selbes, adv. Gen., nhd. selbst, das also wohl nicht, wie Grimm Gr.
3, 92 anzunehmen geneigt war, superlativisch ist. — 8. gröt, niederd.
= groz* — 11. gehangen, einem, zulassen, behilflich sein. — 14. abesaite,
Praet. von aJbesetzen, wie nhd. — 19. anspräche, stf. Anklage, hier eigentlich
Grund, Stoff zu einer solchen, vgl. Tristan 387, 22. — 23. vor hin, vor hin,
zuvor, wie nhd., so auch 29'. — 27. kimdekeit, stf. Schlauheit, List. —
i2.zougetent = zogeten, zogen. — 35. meint^tecKche, Adv. verbrecherischer,
diebischer Weise. Diese Ableitung fehlt im mhd. W.B. 3, 149*.
427, 1. 2, unschulde tmn, seine Schuldlosigkeit betheuem, darthun.
19. ahten, dafür halten.
444 FBANZ PFEIFFEK, PREDIGTMÄBLEIN.
428, 9. wewM^ sondern; nicht bloß einmal, sondern wiederholt und
immer. — 13. beheben, behalten, das Gelernte.
429, 8. uz kamen, zu Ende gehen, um sein. — 15. der allerscMmpf-
liehest, ffemelieheete, der zu jedem Spaß und Scherz Aufgelegteste. —
17. BpiUvogel, Vogel mit dem man seinen Zeitvertreib hat, Spielball, Ziel-
scheibe des Witzes, vgl. mhd. W.B. 3, 358.
430, 5. glefen, stf. = glevtn, glavtn, Wurfspieß, Schwert, vgl. mhd.
W.B. 1, 547. — 8. gemüete, Frohsinn, Heiterkeit, Erheiterung. — 27. Urk
Adj. link, vgl. mhd. W.B. 1, 1005.
431, l.jüdischeü, stf. Judenschaft. — 16. kaffetze = kafee, Kapsel.
24. Ulzeltn, stn. kleines Gehölz, Wäldchen, fehlt im mhd. W.B. 1, 706. 707.
— 33. eilebuoch, stn. (nicht zu verwechseln mit aaUmoch), necrologium.
432, 3. wage, swf. Wiege. — einvaUecUche , einfältig im guten Sinne,
arglos. — unschadebosre , unfähig etwas Böses zu thun, unschädlich; das
Wort steht auch im Tristan 475, 31. — 5. hübescheit =^ hövescheit, höfische
Kurzweil, Zeitvertreib. — ettewenne, einmal, einst. — 9. bümen, mittel-
deutsche Form = brennen. — 10. handeln, behandeln, mit der Hand er-
greifen, vgl. mhd. W.B. ], 632. — 11. schalkbcere, seltenes Wort, hier wohl
in der Bedeutung von kindisch, thöricht gebraucht. — 30. gebrant, wohl stm.
Brandwunde. — mo^^tfecA, jungfräulich, vgl. Mystiker 1, 271, 25.
433, 10. ungeateUet machen, entstellen, verunstalten. — 15, avMt
alamannische Form (auch an^Zit^) für anüiitze, antlitze. — 17. Ißegen^
lüejen, brüllen, vgl. mhd. W.B. 1, 1050. — \9,wihenen, wofür sonst wiheleay
wiehern, seltenes Wort; vgl. Lanz473 weien, — griuseln, gruseln, grausen.
434, 6. üf Idzen = üf geben, vgl. Myst. 1. 214, 3. — 9. über unlang,
bald darauf, kurze Zeit nachher, derselbe Ausdruck auch bei Glosener S. 23,
vgl. mhd. W.B. 1, 931. — 11. schettewe, swf. Schatten, vgl. die ahd.Dat.
scatewe, scatowe, seatuwe (Graff 6, 424), wo es indess nur, wie auch im mhd.,
ein masc. ist, — 23. grit, elsäßische Form = gtt, Geiz, Habsucht, vgl. mhi
W.B. 1, 577. — 24. meieter von den gesetzeden des rehtes, = Jurist, Doctor
Juris.
435, 4. vorhoubet, der Vorgesetzte , fehlt in dieser Bedeutung im mhd.
W.B. 1, 719. — \2,vil bi, nahezu. — 14. tuo = tuon. — 30. zuofrouwe,
Beischläferin, Kebsweib. — 33. heben, bewahren. — 38. bidermmi, wie nhd.
436,6. gespenste, stn. Trugbild. — l*7.hanfyros, Handpferd. — SO.nSt-
veste, Adj. tapfer, vgl. mhd. W.B. 3, 274.
437, 12. hantslae. Schlag mit der Hand, Streich. — 26. hSrschaft,
wie nhd.
438, 14. beckeling, Backenstreich, vgl. mhd. W.B. 1, 76.
*440, 12. tages, adv. Gen. jeden Tag.
SAN KARTE, WOLFRAM TON ESCHENBACH UND OÜIOT TON PROYINS. 445
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND GüIOT
TON PROVINS
vow
SAN MABTE (A. SCHULZ).
Während Lachmann (Parz. S.XXIV) nnd Gervinus (Deutsche Nat.-
Lit. 1835, 1, 358) die Meinung: dafi Guiot von Provins, Verfasser der
„Bible" (bei Meon, Fabl. et Contes, 2, 307 folg.), derselbe Kyot sei, welchen
Wolfram von Eschenbach im Parzival als seinen Gewährsmann nennt,
mit Geringschätzung dieses Dichters zurückweisen, dagegen für W. Wacker-
nagel nach Auffindung lyrischer Gedichte Guiots aufs Neue ebendiese ver-
worfene Meinung an Wahrscheinlichkeit gewinnt (Altfranz. Lieder und Leiche,
1846, S. 24—32 u. 191), tritt A. Roöhat in diesen Blättern (3, 81 fgg.) in
seiner überaus dankenswerthen Vergleichung unsers Parzival mit den Contes
del Graal des Chrestiens de Troyes der Meinung der erstem beiden Gelehr-
ten mit Entschiedenheit wieder bei. — Diese entgegengesetzten Ansichten
so achtbarer und bedeutender Stimmen lassen in Rücksicht auf die von
Rochat mit Recht hervorgehobene Wichtigkeit der Frage es wohl der Mühe
lohnen, den Mann , um' den es hier sich handelt, einmal näher ins Auge zu
fassen; nnd die Unbefangenheit wissenschaftlicher Forschung erheischt,
bevor wir das Urtheil Rochats über Guiot, „den ohnehin schon genug un-
bekannten'' (S. 82) unterschreiben, und ihn „gleich einem trügerischen
Meteor dahin schwinden lassen'' (S. 120), auch dem audiatur et altera pars
sein Recht zu geben. Mir am wenigsten wird man zutrauen , die Dichter-
größe unsers Wolfram , der seit fast 30 Jahren wie ein belebender Früh-
lingshauch in uDgeschwächter Frische mir zu Festtagen die Tage weihete,
an denen ich bei ihm einkehren durfte , durch den Nachweis einer fremden
Quelle schmälern zu wollen; und ebenso dürfen wir uns versichert halten,
daß, wenn auch die ächte Quelle wirklich noch gefunden werden sollte , sie
uns dennoch nicht berechtigen wird, auf den Titel unsers deutschen Parzival
zu schreiben: „Aus dem Französischen ins Mittelhochdeutsche übersetzt
von W. V. Eschenbach" (S. 81). Dafür sind uns die französischen Roman-
ciers, so weit wir sie kennen, und ist uns Wolfram selbst Bürge! Gleich-
wohl ist. das Urtheil über das Mafi seiner dichterischen Selbständigkeit
abhängig von seiner französischen Vorlage, und darum der Wahrheit zur
Ehre in Erforschung jener nicht vor der Zeit nachzulassen.
Guiot von Provins will in seinem Buch (Bibje) der verderbten Welt,
die ihn umgiebt, einen Spiegel vorhalten, und beginnt mit den kräftigen
Worten :
446 SAN KARTE (A. SCHULZ)
V. 1. Die Welt, graunvoll und faul genug,
Zwingt mich zu schreiben hier ein Buch ,
Mit Stachelwort und Geißelhieben
Ein großes Beispiel auszuüben.
5. Nicht voll von schmähungssücht'gem Lug —
Treu, wahr, gerecht, so wird das Buch.
Ein Spiegel sei's für alle Welt;
Nichts — Gold nicht, noch auch Silber — hält
Zurück mich, daß die Schrift ergehe
10. Und vor Vernunft und Gott bestehe.
Was ich darin erzähl* und sage ,
Lockt Falschheit nicht noch Zorn zu Tage;
Doch Tadel will der Welt ich singen,
Sie strafend zur Vernunft zu bringen:
15. Und Spruch und Beispiel zeig* ihr an.
Wo Jedermann sich spiegeln kann.
Dem Einsicht nicht und Glaube fehlt.
Denn allen Ständen in der Welt
Halt ich mit Worten gut und schön
20. Den Spiegel vor; und die's versteh'n.
Die Edlen, die sich bessern mögen ,
Mögen mein Wort, sich spiegelnd, wägen.
Er spricht mit dem Autorstolz eines Menetrier wie Wace und Ghrestiens,
und wie solcher auch unserm Wolfram (P. 4, 2—8) nicht fehlt, aber auch
mit dem berechtigten Selbstgefühl eines rechtschaffnen Mannes, der sittlich
empört ist über die Sünden und Laster der Welt, der das Edle und Bessere
will, und der hofft mit seinem Werke sowohl denen, die er darin belobt, als
auch sich selbst ein ehrendes Gedächtniss bei der Nachwelt zu stiften
(V. 227, 488, 496). Zunächst erhebt er mit Preis die Könige, Fürsten
und Adligen, die mit Tugend, Tapferkeit und Edelsinn ihr Leben zierten;
aber sie sind dahin gegangen, and ein kleineres Geschlecht voll Bohheit,
Feigheit, Liederiichkeit, Habsucht und Geiz neben wüster Verschwendungs-
sucht füllt jetzt die Höfe und Schlösser, und Juden und^ Wucherer richten
diese Schuldenmacher vollends zu Grunde (V. 87 — 667). Er rühmt die
Edlen, die er gesehen hat und die ihn beschenkt haben (V. 493), die fürst-
lichen Knauser wünscht er ins Feuer (V. 170, 264), die Freigebigkeit und
Gastlichkeit (Milde) ist ihm, wie allen französichen und deutschen Epikern
und Minnesingern, eine der vorzüglichsten Tugenden der Fürsten und Barone,
und die höfischen Feste der frühern Zeit, denen er einst beiwohnte, und die
Pracht ihrer schönen Ruhesitze ^) und Schlösser erhebt er hoch über das
müde Leben der Jetztwelt (V. 119, 170, 196, 268).
^) Bim Bont perda li biaa repaire (Pelrapeir!) U grant pales •— .
WOLFRAM VON ESCHENBACH CNl) OUIOT VON PROTINS. 447
Sodann wendet er sich (V. 558 — 787) gegen den Pabst und Rom, gegen
die freche Habsucht der Bömlinge, Kardinäle and Legaten, and ihre herrsch-
süchtigen Übergiiflfe (schärfer als unser Freidank, Walther von der Vogel-
weide a. A. m.) gegen die Erzbißchdfe, Bischöfe and die Geistlichkeit zweiten
Ranges (H commanal ClergiÄ — V. 788—1043).
„In Sund* and Lüsten doch erfand
1030. Ich also Viele ganz verzweifelt.
Daß sie die Menschen mitverteofelt, *
Die ohne Glauben sind, fürwahr.
Sie selbst sind es auch offenbar.
Das brachten die Römer allein ihnen bei, .
1035. Denen nicht Furcht noch Schmeichelei
Ich zolle: denn die sind preisgegeben,
Und Schmach belastet ihr Lasterleben.
Das Gesetz mit Füßen treten sie
Durch ihre Sünde der Simonie ,
1040. Durch schmutzig Leben and Sadelthat.
Sie säen aus die böse Saat;
In ihrer Lehr* und Werke Spur;
Da keimt und wächst die Verzweiflung nur.
Zu den Mönchsorden ferner sich wendend geißelt er hart die Clunia-
censer, denen er angehört:
„Wird der schwarzen Mönch' und Aebte gedacht,
1045. Dann packt Verzweif hing mich mit Macht
An manchem Ort und Hofe hält
Mich drum gewaltig kurz die Welt,
Und mit gemeinen schlechten Worten
Seh* ich verfolgt mich aller Orten.
1050. Einer beraft sich auf den Andern.
In meinem Schatz nicht können wandern
Die Mönche, die arg mir mitgespielt.
Sei mir*s von Gott zum Heil bezielt.
Daß so mein Glaub' und die Beschwerde
1066. Mir segenvolle Buße werde. —
Von unsern Abteien sagt Jedermann :
Sie staunen bestürzt ihre Aebte an.
Die bringen Zerstörung in ihren Schoos! —
So heißt's. — Und nun schelten auf mich sie los!
. 1060. Wahrhaftig, ich möchte Abt nicht so
Von Clngny sein, noch von Giteaux.
Sie hetzen und quälen, erzürnen mich heiß
Durch Eränkong — bloß, weil ich nicht weiß
448 ' S^^ MARTE (A. SCHULZ)
Ihnen Recht zu geben. — Sie treiben es fast,
1066. Daß lieber davon ich gieng* in Hast."
V. 1072: „Ich gäbe bereit
Für einen Freund zwölf solcher Brüder."
V. 1078: „Ich stehe wider AU' in Kampfl"
Sonst walteten in ihrer Kirche drei Jungfrauen als Gebieterinnen, denen
das Heil der Seelen anvertraut war; das waren Liebe, Wahrheit und Ge-
rechtigkeit {Charitez, Veritez et Droiture). Aber die sind entfährt, und
drei alte hässliche schmutzige Vetteln sind ihnen untergeschoben , Venath,
Heuchelei und Simonie {Traisons, Ypocrisiey Symonie.). — Nicht besser er-
geht es den Cisterciensern (V. 1188 — 1327):
„Den Äbten und Kellermeistern lassen
Ihr Hab' und Gut sie zum Verprassen,
1 270. Fleisch und Fische und Gefieder.
0, was für, Gesellen, was für Brüder!
Sie haben ein zwiefach Krankenhaus;
Selbst trinken den klaren Wein sie aus.
Den trüben Schicken sie in den Saal
1275. Für die, die seufzen in Arbeitsqual,
Indess sie beim trefflichen Mahle sitzen
Und erhitzt vom Essen und Trinken schwitzen.
Das nennen sie Buße thun, und glauben,
Rechtgläubig sei's, sich das zu erlauben.
1280. Solche Brüderschaft ist aufgegeben!
Lieber in Persien möcht' ich leben
Als in einem Kloster, so gottlos und schlecht"
Und dennoch übertreffen sie in Habgier noch die Cluniacenser, so daß
er desshalb diese noch jenen vorzieht (V. 1306 fg.). Es scheint sich hier die
tief gewurzelte Eifersucht beider Orden gegen einander selbst bei einem
Manne wiederzuspiegeln, welcher doch einen wie den andern mit der beiften-
den Lauge seines Tadels überschüttet. — Die Karthäuser (V. 1328—1443)
finden einigermaßen Gnade vor ihm, aber ihm misstallt ihr allzustrenges Leben»
indem sie selbst zu Mördern ihrer Kranken durch Entziehung der nöthigen
stärkenden Kost werden. Den Grammontensern (V. 1444 — 1681), die
einen gewissen Anstand in ihrem Leben beobachten, auch ihren Reichthom
zum Wohlthun und zu Kirchenbauten, neben eignem Wohlleben, mitverwen-
den, wirft er allzugroße Heuchelei und Hochmuth vor, und sie stehen zu sehr
unter der Zuchtruthe der Konversen, die ihre Obmacht über Priester und
Mönche bei Verwaltung der weltlichen Geschäfte missbrauchen, und selbst
WOLFRAM TON &SGHE19BACH UND GÜIOT VON PROVmS. 449
in den Kirchendieost herrisch eingreifen, und sie finden darin Unterstützung
darch Bestechung in Rom.
„Das war ein neues Gebot im Land,
Daff den Wagen man vor die Stiere spannt.
Die schlechtesten Praktiken in der Welt,
Die Sünde, die sich in Schmach gefällt,
1680. Air Unordnung — sie werden gebilligt
Von Rom, wird Geld ihm dafür bewilligt.
Bei den Prämonstratensern , den schwarzen und weißen Canonicis,
namentlich den regulirten Chorherren (V. 1582 — 1697) gefällt ihm die
größere Freiheit, Anstand und die noblere Kleidung:
1660. Das ist der Orden des heil'gen Augustin.
Und der war höfisch (cortois), bei Sanct Martin,
Mehr als der heilige Benedict.^
In diesen Orden würde er gern eintreten : allein Verschwendung und
schlechte Wirthschaft richten ihn zu Grunde. — Einen merkwürdigen Gegen-
satz zu den scharfen Geißelhieben, die Guiot schonungslos nach allen Seiten
hin austheilt, bildet sein hohes Lob und der sehr milde Tadel über den
Tempelherrnorden.
„Lieber im Tempel — gesteh' ich ein —
Als im schwarzen Orden möcht* ich sein,
1700. Und in irgend andrem, so weit ich sie kenne:
Nur daß ich nicht aufs Fechten brenne.
Seine Ordnung ist gut und schön fürwahr»
Doch ist fatal mir die Schlachtgefahr.
Vortrefflich ist's mit ihm bewandt;
1706. Er hält sein Gut in bestem Stand;
Die Templer sind ehrenhaft und fein.
Denn Bitter treten dort nur ein.
Welche die Welt mit ihren Gaben
Gesehn, geprüft und gekostet haben.
1710. Da fuhrt nicht jeder eigne Kasse;
Ihr Gijat ist allgemeine Masse.
Das ist der Orden des Ritterthumes.
In Syrien stehn sie in Fülle des Ruhmes;
Den Türken sind sie ein Graun und Schauer ,
1715. Dieweil sie stehn wie Burg und Mauer.
Sie fliehen niemals in der Schlacht.
Fürwahr^ ich war' in Pein gebracht.
Wenn ihrem Orden ich angehörte:
Da sicher ich leicht zur Flucht mich kehrte.
450 SAN MABTE (A. sGHin:^;;)
1720. Wozu, daß ich auf Hiebe harre?
Da war' ich wirklich doch ein Narre.
Sie schlagen sich mit größter Wuth;
' Doch Gott verhüt's, daß Kämpfermuth -
und Ehre in den Tod mich bringe!
1725. Schätzt lieber mich als feig geringe,
Als daß mich todt Ihr höchlich preiset.
Gewiß der Templerorden erweiset
Als gut sich, schön und treu im Rechten,
Doch gesundheitsgeföhrlich bleibt sein Fechten. —
1730. Sie halten sich mit Ernst zum Tempel,
Und sind im Dienst drin ein Exempel.
Weiß Gott, nicht umsonst sind ihre Werke,
Und Pünktlichkeit ist ihre Stärke.
Ihrer Hören würd' ich gern mich freuen,
1735. Air das im Mindesten nicht scheuen
Und ohne Fehl in Allem dienen.
Doch völlig fehlen würd' ich ihnen
In der Stunde der Schlacht. — Ich kann's versprechen:
Da würd' ich mein Gelübde brechen;
1740. Ihr Zuspruch hülfe nichts, und retten
Würd' ich mich vor Tod und Ketten;
Will's Gott, so hüt' ich mich vor die&en.
Doch seien sie stets geliebt und gepriesen.
Denn es regiert Vernunft ihr Walten.
1746. Ihre Häuser sind sauber gehalten;
I Ihre Gerechtigkeit ist groß und strenge:
Das ist ihres Ordens schönstes Gepränge.
Durch zweierlei doch sind sie verschrieen,
Und werden des Tadels oft geziehen:
1750, Und sie begreifen's zu wenig fast.
Da Gott doch mehr kein Laster haßt.
Habsüchtig sind sie, und berüchtigt
Durch Stolz, wie Jeder sie beztichtigt. *
Die Sünden sind's nur, die ich weiß ;
1755. Nichts Andres mindert ihren Preis.
Reich sind sie, herrlich angesessen,
Geehrt, geliebt auch unerm^ssen ;
Doch jene beiden Laster fraßen
Verderblich um sich sonder Maßen,
1760. Ich fleh zu Gott, daß sie sie büßen!
Daß Jeder es sagt — sie soUen's wisseol
WOLFRAM VON £SCHENBACH UlfD OUIOT VON PROVINS. 45]
Von Demath sei ihr Sinn genährt,
Da Gott sie also hoch geehrt.
Der weiße Mantel soll und das Kreuz
1765. Bestät'gen ihr Wort und Werk allseits.
Des treuen Biedermannes Lehre,
Die ist wohl werth, dafi man sie höre;
Mit Sicherheit darf er verkünden:
Einen Spiegel soll der Templer finden
1770. In Kreuz und Mantel. Recht und klar
Mach' ich es ihnen offenbar:
Der weifie Mantel, der ihm gegeben,
Bedeutet Demuth und reines Leben;
Das Kreuz die Büß* und heil'gen Stand.
1776.' und zweifellos werd' ihm bekannt:
Vorn auf den Mantel ward gesetzt
Das Kreuz, daß Stolz und Habsucht jetzt
Und nie dahinter sich bergen darf.
Wie nach der Schrift der Lector scharf
1780. Hinschaut, wiU die Lection er können,
So soll der Templer schaun und rennen'
Dem Kreuze nach, als jenem Pfad,
Auf den ihn Gott gewiesen hat.
Heil, wer sich hält aufrechten Wegen;
1785. Dazu geh* ihnen Gott den Segen!
Entsagen sie Habsucht und Übermuthe»
So wünsch* ich ihnen alles Gut^.
Ich liebe sehr ihr Leben und Treiben;
Sie mögen stets im Wachsen bleiben.
1790. Ihren Heldenmuth auch duld' ich gern.
Doch ihren Schlachten bleib* ich fern.^
Die Hospitaliter dagegen (V. 1792-^1931) sind ihres Gelübdes ver-
gessen; Glaube und Liebe, die das Hospital gegründet, sind daraus «ge-
wichen. Am übelsten kommen die von Durand, dem Zimmermann, im Jahr
1182 gestiftete Secte der Kapuciaten. und die Laienbrüder des hl. Antonius
weg (V. 1992 — 2096). — Indem er die Laienschwestem und Nonnen be-
spricht (V. 2096—2237) erinnert er uns unwillkürlich, an den schalkhaften
Ton und die humoristischen Aussprüche unsrer ritterlichen Epiker und Ly-
riker, wenn sie über das Wesen der Minne und der Weiber Betrachtungen
anstellen. Nur schüchtern getraut er sich, ein ürtheil über die schwer Er-
gründlichen zu fällen, und Y. 161 ist er galant genug zu befürworten, daß
er die VerderbtheH de» jetzigen Gesehlechts keine&wegs den Frauen und
29*
452 SAN BCARTE (A. SCHULZ)
Müttern — „deren Ehre vielmehr stets rein bleibe" — sondern den Vätern
zur Last lege.
. „Von den Laienschwestern und den Nonnen
Hab' ich nicht ganz Überzeugung gewonnen,
Ob ich die Wahrheit zu sagen weiß.
Die Weisesten kommen aus dem Geleis ,
2100. Sollen Urtheil über ein Weib sie sprechen.
Drum will mir's fast an Muth gebrechen ,
Ihr Leben und Wesen zu nehmen in Schau.
Ihren Meister — wähn' ich — hat keine Frau,
Und Niemand wird sie ganz durchschauen.
2106. Wer dennoch wagt, sich's zuzutrauen,
Verliert dabei Sinn und Verstand;
Denn just entschlüpft sie seiner Hand,
Wenn fest er glaubt, sie sei gefangen.
Dahin wird Niemand je gelangen, •
2110. Ein Weib zu schätzen. — Thöricht Streben,
Zu ergründen ihr Wesen und Leben —
Nehmen die Weisen mir das nicht flau! —
Niemanden fürchtet und scheut eine Frau;
Ein Weib wird niemals ganz besiegt,
2115. Da nie ihr Innres olOfen liegt.
Es lacht ihr Herz, wenn's Auge weint.
Und aoders spricht sie, als sie's meint.
An Gram weiß Keine lang' zu kranken.
Und äußerst kurz ist sie von Gedanken.
2120. Was sie geliebt in sieben Jahren,
Ist In einem Tag dem Gedächtniss entfahren.
Fraun sind gemeinhin falsch gesinnt
Und beweglicher als der Wind.
Ihr Sinn ist zu oft wandelbar;
2125. Die Klügsten täuschet sie sogar.
Die Alten treibt sie in Schweißes Gluth,
Lässt zittern vor Kälte das junge Blut,
Und heldenkühn macht "Sie den Feigen.
Das — wie ich's sage — ist ihr eigen.
2130. Wollt' Einer auch von ihr sich retten.
Ihn hielten dennoch ihre Ketten ,
Sobald sie fest ihn halten wollte ,
Daß er zu Gnaden kommen sollte." •^—
„Wohl schätz' ich gutes Weibeai Werth,
\
WOLFBAH VON ESCHENBACH UND GÜIOT VON PROVINS. 463
Weiß, daß ihr nichts fehlt, was sie ehrt.
Der Guten Preis kann nichts erreichen;
2225. Es ist kein Schatz ihr zu vergleichen.^' —
,,Von allem Geschaffnen im Weltenkreise
Hat höher Gott kein Gut gestellt
2255. Als die Jnngfrau, nnd jene Welt
In welcher er Fleisch und Blut geworden,"
d. h. Jesus Christus,
2260. „Und von dieser reinen Magd
Ist uns die neue Freude gebracht.
Die neu sein wird in Ewigkeit."
2270. Um ihretwegen weiht um so mehr
Den guten Weihen Lieb* und Ehr'.
Den Besten gebiihrt der Zoll der Liebe;
Die Bösesten strafen Tadelshiebe."
Zum SchluB lässt er die Theologen, Juristen und Ärite (V. 2274—2691)
in nicht minder derber Weise, wie den Glerus, Spießruthen laufen.
Über die Lebensumstände dieses Guiot ist außer dem Wenigen, was
er selbst darüber in seiner „Bible" mittheilt, nichts Näheres bekannt ge-
worden. Andre Schriftsteller und die Handschriften seiner Werke bezeich-
nen ihn als einen „von Provins", jener Stadt in Nieder-Brie, die schon zu
Karls des Großen Zeit bekannt war, und an 320 Jahre lang von den Grafen
von Yermandois einer Linie, und von Blois und Chartres andrer Linie be-
sessen ward, bis sie wieder mit der Krone vereinigt wurde. Sie erhielt große
Privilegien» hatte von sehr alter Zeit her Münzrecht, und die Grafen von
Champagne und Brie ließen dort einen Palast erbauen , wo sie öfters Hof
hielten. In dem großen Saale des Schlosses ließ Thybaud IV., Graf von
Champagne und Brie, die Lieder, die er für die mit ihm im Jahre 1200 ver-
mählte Königin Bianca, Mutter Ludwigs des Heiligen, gedichtet, mit dem
Pinsel an die Wände malen (Martiniere, Lex.). Aus diesem Zunamen und
der daraus zu schließenden Heimathlichkeit des Dichters erkläft sich , wess-
halb Guiot der Grafen von Champagne und der dortigen Barone und Adligen
mit einem besondren Nachdrucke rühmend erwähnt, z. B. V.326, 328, 477;
auch in den Minneliedern spricht er von der deuce Cfhampagne. — Die
Schule besuchte er zu Arles (V. 70), und scheint hier auf dieser , von jeher
mit jenem alten erzbischöflichen Sitze verbundenen angesehenen Schule,
obwohl sie keine Universität war, seine höhere Bildung empfangen zu
haben. Der Zeitpunkt, nach welchem er seine „Bible" schrieb, ergibt sich
ziemlich bestimmt aus der Angabe der Personen, die er bereits als verstorben
454 SAH MABTE (A. SCHULZ)
beklagt, und die er gleichwohl noch persönlich gesehen und gekannt haben
will. Es sind deren einige neunzig, deren er rühmend gedenkt, u. A. König
Amalrich von Jerusalem (f 1173), König Ludwig VII. von Frankreicb
(f 1180), Heinrich II. von England (f. 1189),' König Richard I. von Eng-
land (t 1199), Graf Heinrich I. und IL von Champagne (f 1180 und 1197),
Graf von Clermont (f 1191), Graf Thybaud IIL von Champagne (f 1201),
Graf Philipp von Flandern (f 1191), König von Avragonien (Alfons IL f
1196). — Der Zeitpunkt, vor welchem Guiot sein Buch verfasste, bestimmt
sich dadurch, daß er V. 1946, 1950, 1962.2038,2081, den Antoniusbrüdem
vorwirft, dafi sie keine Kirchen und in ihren Hospitälern keine Priester
haben, und all' ihr reichlich zusammengebetteltes Gut, und die einträglichen
Einkünfte aus ihrer übermäßig ausgedehnten Schweinezucht doch nicht dazn
verwendeten, sich ein stattliches Gotteshaus zu erbauen. Pabst Innocenz UI.
erlaubte ihnen aber erst im Jahre 1208 den Bau einer eignen neuen Kirche,
und erst Honorius IIL gestattete ihnen, die bis dahin Laien waren, im Jahre
1218 die drei Mönchsgelübde abzulegen. Somit muß die „Bible" m den
Jahren von 1202 bis 1207 geschrieben sein. Ohne Zweifel war damals aber
schon der Verftisser bei Jahren, denn er hat, wenn wir irgend seinen An-
gaben Glauben schenken dürfen, ein vielbewegtes Leben geführt, sich weit
in der Welt umgesehen , und die ausgedehntesten Bekanntschaften an den
Höfen und auf den Schlössern der Fürsten und Barone in allen Theiien
Frankreichs gemacht. Es fehlt an einem zureichenden Grunde , diese Be-
kanntschaften mit so vielen Edlen seiner Zeit, deren er sich rühmt, f&r eitle
Grofiprahierei und reine Lüge zu halten, da ja hinreichend bekannt ist, wie
gern die Sänger und gelehrten Clercs an den Höfen gesehen wurden, um
durch Vorlesung oder Recitation erzählender Gedichte , auch wohl Vortrag
von Liedern zur Unterhaltung und Verschönerung der Feste beizutragen.
Der verächtliche Seitenblick auf die Schmählieder und Gassenhauer der
Jongleurs ^) lässt erkennen, daß er selbst sich nicht zu dieser geringeren
Klasse poetischer Herumtreiber, welche Philipp August im Jahre 1181 ans
seinen Staaten zu jagen befahl, zählte: nachdem Zeugnisa seiner Minnelieder
gehörte er vielmehr zu den feineren und höher gebildeten CfhanUrres und
m^n^triera. Nach V. 275 ist er bei dem großen Hoftage des Kaisers Fried-
rich I. im JaAr 1184 zu Mainz zugegen gewesen, wo antch der französische
Adel in sehr großer Anzahl erschienen war. Er versichert femer (V. 1792,
1794) die Hospitaliter zu Jerusalem selbst beobachtet zuhaben; was er von
den Tempelherren in Syrien berichtet, wird daher gleichfalls auf eigener
^} Die Fürsten behandeln jetzt die treuen YasaUen so unwürdig:
209: „Zur Harfe, Leier oder Geige
SoUt man die Wahrheit daron erzaUen,
Uad «• fixatiOMT m Bei beUlen.
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND GÜIOT VON PROVINS. 455
Anschaauog beruhen. Den im Jahre 1173 in der Blüthe seiner Jahre und
seines Ruhmes verstorbnen König Amalrich von Jerusalem sah er im Orient
selbst (V.348). Im Jahre 1147 war aber der zweite, und 1190 der dritte
Kreazzug, woraus in Verbindung mit der von ihm offen kund gegebenen Ab-
neigung vor dem Waffenhandwerk erhellen dürfte , daß er nicht als Krieger,
sondern irgendwie als friedlicher Diener im Gefolge eines Fürsten oder
Barons oder auch auf eigene Hand, und zwar vor dem Jahre 1173 eine Fahrt
in's gelobte Land gemacht hat, wohin zu jener Zeit ein steter lebhafter Ver-
kehr ans Italien und insbesondere Frankreich statt fand. Wollen wir wei-
tere Yermuthungen im Hinblick auf unsem Parzival wagen, so kann er bei
der Gelegenheit auch selbst die Reiseroute Trevrecents von Aquileja durch
Friaal nach dem Rohas und der Greian in Steier zurückgelegt, und davon
Anlafi genommen haben, Gandin, Lamire und Ither von Gahevieß mit Steier,
und das steirische Wappen, den Panther, mit dem Hause Anjou zu ver-
knüpfen (s. San Marte in Germania 2, 386. 98. Parz. 498, 27; 499, 8;
496, 15. Haupt, Zeitschr. 11, 47).
Nach V. 1193 und 1202 warGuiot auch im Kloster zu Clairvaux; aber
man hat es ihm sehr übel genonunen , daß er bei den Gisterciensern daselbst
nur vier Monate ausgehalten hat. Er war Gluniacenser und trug die schwarze
Kutte zur Zeit, als er die „Bible" schrieb, bereits länger als zwölf Jahre
(y. 1092, 1124). Vor seinem Mönchsstande, also in seinen jungem Jahren,
wird er als höfischer Minnesänger die Welt gesehen, und ihm das heitre
Leben auf den Schlössern besser behagt haben, als nun die ascetische
Kasteiung im Kloster. Es fehlt indess auch nicht an Beispielen , daß selbst
Mönche als Minnesänger, trotz ihrer Kutte und ihrer Gelübde, an den Höfen
in aller weltlichen Freiheit sich und Andre ergötzten. Wir erinnern u. A.
nur an den Mönch vonMontaudon (1180 — 1200) inDiez, Leben und Werke
der Troubadours , S. 333. Daft Guiot sich zuletzt in ein Kloster zurückge-
zogen, lässt vermuthen, daß er vermögenslos und nicht adliger Abkunft ge-
wesen ist. Diesen vermögenslosen Gelehrten und Dichtern war die Frei-
gebigkeit und Gastlichkeit der Großen und Reichen erste Lebensbedingung,
und die Hist. Iit6r. de la France, T.XVIH, p. 806 folg. macht daher Guiot
wegen «eines Preises dieser Tugend zu schnell und ungerecht den Vorwurf,
daß er in seinem Kloster alle Habgier, allen Eigennutz und die niedrige Ge-
sinnung eines Menetrier von Profession auch als Mönch beibehalten habe.
Vielmehr zeigt sich Guiot in dieser Schrift als ein Mann von gelehrter Bil-
dung, von durchdringendem Geiste, scharfer Beobachtungsgabe und voll
beißenden Spottes. Seine Vergleichungen und Exempel sind von durch-
bohrender Schärfe; er hat eine genaue Bibelkenntniss, und führt häufig und
mit Vorliebe Stellen aus der heil. Schrift zur Bestätigung seiner Aussprüche
und zur Rechtfertigung seiner Vorwürfe an. Seine Sprache ist scharf und
hart, der Gedankengang in den Übergängen oft springend, und seine Rede
456 ^^^ MABTE (A. SCHULZ)
wimmelt von Sprüchwörtern und sprüchwörtlichen Ausdrücken, die den
Übersetzer auf die Marterbank legen. Indem er mit vollen Eimern seinen
edlen Zorn, galligen Tadel und bittren Spott über Fürsten und Adel, hohen
und niedren Clerus und falsche eigennützige AftergMahrtheit ausgießt, liebt
er es doch fast immer hinzuzufügen: freilich gebe es auch rühmliche Aus-
nahmen ,^ nicht Alle seien so schlimm , auch manches Gute geschehe noch,
und dergleichen mehr. Allein seine Anschuldigungen und Vorwürfe boden-
loser Verworfenheit sind dennoch so stark und durchschlagend, dafi man
diese Vorbehalte und Bevorwortungen von Ausnahmen nicht als einen vor-
sichtigen Bückhalt und Einwand gegen etwa bedrohliche Angriffe , die ihm
daraus entstehen könnten , auslegen darf; im Gegentheil dienen sie zur Er-
höhung und Verschärfung des Gegensatzes zwischen Guten und Schlechten;
und es ist weniger aufrichtige Absicht, als Ironie und Humor, wenn er mit-
unter sich nicht abgeneigt erklärt, von den verbotnen Fruchten der frommen
Brüder, die sie sich zu Nutze machen, mitzugenießen , und an ihrem Wohl-
leben theilzunehmen. Wir vermögen nicht mit der Bist. lit. de la France
aus dieser Schrift in Guiot einen Mönch zu erkennen, y^imt& contre le monde
au milieu du quel il ne peut plus vivre", erblicken vielmehr in ihm einen
Geist, der, gebildet in der Schule des Lebens, viel gesehen und erfahren
hat ; der ein scharfes Auge mit gediegenem Urtheil über die Gebrechen aller
Stände verbindet; der lebensfrisch der Poesie zngethan sich einen freien
Blick, erhaben über die Vorurtheile seiner Zeit, bewahrte; der mit männ-
lichem Muth, trotz seiner Klpsterfesseln, fest und entschieden auftrat gegen
die Sünden der Mächtigen; der Tugend, Recht, Wahrhaftigkeit und frommen
Glauben überall als erste Bedingungen wahrer Würdigkeit und des ewigen
Heiles fordert^ und schonungslos die Sünde in ihrer ganzen Nacktheit auf-
deckt und geißelt, wo er sie findet. Er unterscheidet sehr wohl die ächte
Frömmigkeit von der heuchlerischen Scheinheiligkeit , den wahren Glai^ben
und die aus dem Glauben entspringende Gutthat der Liebe von der gottver-
gessenen Werkheiligkeit, den hohen Beruf des Gott Geweiheten von der
sündlichen Maske des Ruttenträgers, und die Missbräuche des Eirchenregi-
ments von der Heiligkeit der christlichen Kirche. *) Die Wahrheit geht ihm
über Alles, sie ist seine Leuchte , und in ihrem Strahle entwirft er das Bild,
in dem die verderbte Welt sich spiegeln^ und dadurch sich bessern solL
^) Ich darf hoffen, da0 dieses Urtheil Bestfttlgang finden wird, wenn in der ron 6. Wohl-
fahrt, Professor am hiesigen Domgymoasinm , und mir vorbereiteten and Tielleicht bald er-
scheinenden Ausgabe der Bible und lyrischen Gedichte Guiots, französisch und deutsch, mit
Wörterbuch und Erläuterungen, der Dichter selbst in unverkürzter Vollständigkeit zu uns
reden wird.
WOLFBAM TON ESCfiENBACH UKD OOIOT VON PBOVINS. 457
Wenden wir nns nun näher zu der oben erwähnten Streitfrage , so be-*
merken wir hinsichts der Zeitverhältnisse: Aach den Untersachungen
Hollands, W. Grimms n. A. m. blühte Chrestiens de Troyes etwa von 1160
bis 1190, und hinterließ seine Contes del Graal an vollendet. Wolfram
dichtete seinen Parzival von 1204 bis etwa 1210. Guiot, ein richtiger,
wenn auch an Jahren vielleicht etwas älterer Zeitgenosse Wolframs, schrieb
seine ,^Bible" zwischen 1202 und 1207. War Guiot zu der Zeit schon 12
Jahre Mönch im Kloster Ciagny, so hatte er dennoch vor dieser Zeit und nach
Chrestiens Tode von 1190 bis 1195 hinreichend Zeit, Chrestiens Contes del
Graal kennen zu lernen, und bei deren NichtvoUendnng denselben Stoff
gleichfalls zu behandeln und in seiner Weise zum Schlufi zu fuhren; und es
bleibt von 1195 bis 1204 noch ebenso hinreichend Zeit, da0 seine Hand-
schrift des Parcival nach Deutschland und in Wolframs Hand gelangen
konnte. Auf Grund der jetzt fest bestimmten Zeit der Abfassung der „Bible^
nehme ich daher willig meine frühere Vermuthung (Leben und Dichten
Wolframs von Eschenbach 2, 404): Chrestiens habe den Kyot derb abge-
schrieben, dahin zurück: daß ich Chrestiens allerdings die Priorität seines
Romans zugestehe.
Bei dem nicht verhehlten Autorstolze, den Guiot mehrmals hervortreten
lässt, und der Bedeutung, die er seinem Werke beilegt , erscheint es auf*
fallig, daß er in der „Bible" nicht seiner übrigen etwa verfassten Werke ge-
denkt, wie diefi namentlich Chrestiens gleich andern Schriftstellern jener
Zeit gern thut. Allein eine sachliche Kothwendigkeit gebot ihm solche Be-
zognahme nicht, und es folgt aus deren Mangel daher nicht, daß die „Bible^
sein einziges Werk war; sondern nur: daß er in diesem Werke ebensowenig
auf ein etwa früher verfasstes Epos hinzuweisen für gut fand , als er auf die
unzweifelhaft von ihm herrührenden lyrischen Gedichte Bezug nehmen
mochte. Ebensowenig lässt sich behaupten, daß er ein Epos nur vor seinem
Mönchstftande, also etwa bis 1195 hätte verfassen müssen; denn wenn
Mönche in ihren Klöstern Minne-, und selbst frivole Bänkelsängerlieder dich-
teten, warum nicht in Clugny Ritterromane, so gut wie in St. Gallen Volks-
epen? Y. 1045 (s. oben S. 447) lässt sich sogar dahin deuten, daß er selbst
als Mönch noch mit den Höfen in Verkehr stand:
En maint Uuz et en maintes oart
M'en tient li decUs forment cort
MoU me dehotent par paroles
Qui 8ont et vileines et folea. . . .
Es entspricht der allgemeinen Geistesentwickelung , daß Guiot in seiner
Jugend und während seines Wanderlebens sich der heiteren Lyrik hingab,
im gereiften Mannesalter in einem Epos ein tief in der Seele entsprungenes
Ideal ritterlich-christlichen Lebens darzustellen sich -gedrungen fühlte, im
höheren Alter, vielleicht nach vielfachen Enttäuschungen, dagegen sich zur,
468 SAN HARTE (A. SCHULZ)
reinen Wirklichkeit in einem Lehr- and Strafgedicht wandte. Ich wage
nicht, Guiot die epische Idee unsers Parzival, die unverkennbar daraus ent-
gegentritt: nämlich die Erlösung der Menschheit von der Sünde und den
Weg zur Heiligung zu singen, schon jetzt unterzuschieben, obwohl er wohl
der Mann scheint, zu einer solchen Idee sich erheben zu können. Ich mag
auch hier nicht die mehreren Stellen aus unserm Parzival anfahren , welche
sehr genau wie Reminiscenzen aus Guiots ^Bible^ anklingen, gleich als ob
Guiot in seinem Romane Sentenzen und Grundsätze ausgesprochen, die er
in der ,,BibIe'' wiederholt hätte. Ich will mich vielmehr an das näher liegende
Thatsächliche nur halten, das uns mahnt, diesen Dichter nicht aus den
Augen zu verlieren. — Höchst merkwürdig bleibt in dieser Beziehung das
hohe Lob und der milde Tadel, der in der That fast mehr als Warnung denn
als Tadel klingt, wie er den Tempelherrenorden bespricht. Da treten nur
Adlige, kein t;2to2n, ein; es ist der Orden des Ritterthums. Im „Leben
und Dichten Wolframs v. Eschenbach", B. II, S. 372—376 habe ich nach-
gewiesen, wie treu das Tempeleisenthum dem Tempelherrenorden nachge-
bildet ist. Zu Ende des 12. Jahrhunderts stand dieser Orden noch in seiner
ungetrübteu Glorie, in seiner vollen Reinheit , frei von den spätem Sünden
und Anschuldigungen , die ihm seinen Untergang bereiteten , in der Blütbe
seines Ruhmes und seiner Macht; und die gesammte Laien- und ein großer
Theil der kirchlichen Welt, Bernhard von Glairvaux an der Spitze, erkannte
in ihm das höchste Ideal des christlichen Lebens , indem Mönch und Ritter
sich zum alleinigen Dienste des Kreuzes in einer Person vereinigten, — eine
Ansicht, die auch Guiot in früheren Jahren getheilt haben mag. Gleichwohl
tritt er dieser allgemeinen Verehrung des Ordens in diesem Gedicht dadurch
scheinbar entgegen, daß er keinen Werth auf sein Kämpfen gegen die Heiden
zu legen scheint, wjraigstens für seine Person seine Haut dabei nicht zu
Markte tragen mag. Die Hist. lit. de la France wirft ihm desshalb unrühm-
liche Prahlerei mit seiner Poltronnerie vor. Allein Guiot ist Theologe ge-
nug, um zu wissen, daft nach der Kirchenlehre seiner Zeit wie der früheren
selbst der ^fichtgetaufte die christliche Märtyrerkrone und das ewige Heil
gewann, wenn er bei Vertheidigung des Christenglaubens die Bluttaufe
empfieng. Geringschätzen konnte er daher dieses Ordensgelübde des Kampfes
gegen das Heidenthum nicht; wohl aher schimmert die gleichfalls in der
Kirche oft genug geltend gemachte Ansicht durch , daß es eben nicht Sache
des Mönchs sei, zum irdischen Schwerte zu greifen, um blutig das Christen-
thum zu predigen , sondern daß sein sieghaftes Schwert die überzeugende
Predigt des Wortes , getragen von rein christlichem Wandel und Glauben
sein solle. Auch in der „Bible" tritt Guiot nicht als Fanatiker gegen das
Heidenthum, das er niederkämpfen will , auf, sondern als Eiferer gegen die
Sünde innerhalb des Christenthums, und vorzugsweise gegen die Sünden
derer, welche ihr Priester- und Mönchskleid zum Deckmantel derselben
WOLFRAM VON ESCHENBAOH ÜIO) 6UI0T VON PROVINS. 459
gebraachen, und, indem sie vorgeben , eich ganz Gott zu weihen , ihn um so
schändlicher verleugnen. Er tritt damit der Ansicht der erleuchteteren
Geistlichen und Laien bei, welche schon damals auf eine gründliche Ver-
besserung der Eirche an Haupt und Gliedern mit reformatorischem Geiste
hinarbeiteten, von dem ewig wahren Grundsatze ausgehend: daß jeder, um
das Bessere um sich und in Andern zu schaffen , bei sich selbst mit der
Besserung anfangen müsse. — Wir halten es nicht flir einen zufälligen
Einfall, sondern för eine durch die ganze Richtung jener religiös gewaltig
und tief bewegten Zeit kurz vor dem Jahre 1218 (diesem Wendepunkt der
altramontanen Reaction zu ihrem Siege) bedingte und begründete Idee, daO
oQch in unserem Parzival nicht der Kampf gegen das Heidenthum oder
filr die sichtbare Kirche der Weg zum Gralkönigthum ist, sondern die Be-
siegung des Feindes in uns selbst, der Sünde im eigenen Herzen, und nur
Reue, Buße und Demuth zur Erlösung und Heiligung führen; wesstialb auch
der Pabst zu Rom wie der Barttch von Bagdad außer aller Beziehung zum
heiligen Gral bleiben. — Femer aber ist auch zu beachten , daß bereits die
Vorrechte, welche die Bulle Omne datum Optimum vom 7. Januar 1162 dem
Orden verlieh, verbunden mit der fortdauernden höchsten Bevorzugung des-
selben Seitens des Pabstes, ihn zum Gegenstand der Eifersucht, des Neides,
und später des glühendsten Hasses der Geistlichkeit machten. Unter dem
Großmeister Odo von St. Amand (1170 — 1179) entfaltete er seine höchste
und schönste Biüthe, und unter ihm scheint der Orden auch die Wendung,
Anfangs leise und noch* kaum wahrnehmbar, begonnen zu haben, eine mäch-
tige Adelsverbindang auf Seiten der Päbste zu werden , zugleich aber auch
eine selbständige Politik zu verfolgen, die nach der Alleinherrschaft im
christlichen Orient strebte. Der Orden sollte gegen die Heiden kämpfen;
dazu gehörten Männer und Burgen, und dazu Geld und dreimal Geld, damals
wie jetzt zum Kriege. Die Pracht seiner Ordenshäuser und die Ausrüstung
der Ordensbrüder bewies, daß das Geld, welches von Europa so reichlich zu
ihm nach Syrien strömte, nicht allein vom Kriege verschlungen wurde. Und
was nicht allzu lange nach Guiot als offener Schaden und unzweideutige Ab-
irrung von der ersten Weihe des Ordens zu Tage trat, wird die Aufmerksam-
keit der tiefer und weiter Blickeaden auch schon früher vorhergesehen
haben; und zu solchen gehört Guiot. Darum seine Warnung vor Habsucht
und Übermuth, die ihm schlimmere Feinde des Ordens als die Heiden zu sein
scheinen. — Ariost verkündigt dem Ritterthum den Untergang durch die
Erfindung des Schießpulvers; Guiot sah mit noch mehr prophetischem Geiste
schon vor dessen Erfindung den Verfall des Ritterthums voraus durch die
aosgedelmtere Ausbildung und Anwendung der Femwaffen:
Y. 182. „Der Ritter hängt erschreckt die Ohren;
Denn ihre Zeit ist hin, verloren;
ArmipctstachiitMa und Mineure ,
460 San harte (a« sghülz)
Mangenmeister ') und Ingenieure ,
Die werden hinfort viel werther sein."
Hochfahrt stürzte den Amfortas; Demuth und Buße erhoben Parzival;
so lehrt WolfranL — Guiot gibt den von ihm wirklich hochgeschätzten
Tempelherren keine andre Lehre. Eine Reformation dieses Ordens im Sinn
und Geist des Templeisenthums , wie wir es in unserm Parzival finden,
kann ihn daher wohl in frühern Jahren begeistert und dahin geleitet haben,
seinem Ideal eine poetische Hülle zu leihen , wie unser Gedicht sie uns auf-
bewahrt hat. Lässt sein Humor hier in der ,,Bifale" ihn dabei zugleich in
der Maske des Feiglings auftreten, so erhöht er damit nur den gepriesenen
Orden» indem er sich erniedrigt. Denn daß es ihm überhaupt an Muth nicht
fehlt, zeigt zur Genüge eben sein Buch, worin er die Machthaber der Kirche
und seinen eignen Orden, in dessen Gewalt er sich befindet, und der ihm
auch seine Bache scheint sehr fühlbar gemacht zu haben, so energisch
angreift.
Rochat gelangt bei seiner Vergleichung unsers Parzival mit Ohrestiens
Contes del Graal zu dem Besultat:
« 1) daß Wolframs Berufung auf seinen französischen Gewährsmann Eyot
eine reine Erfindung und ein fals£;hes Vorgeben «ei (i. c. S. 104, 106);
2) daß er, den Stoff anlangend, wesentlich nach Ohrestiens, doch mit
selbständiger Freiheit, gearbeitet habe (S. 82, 307, 117);
3) daß ^r Namen und Geschichten , die bei Ohrestiens sich nicht finden,
selbst erfand und einschob (S. 102, 108, 113, 118);
daher muß Kyot verschwinden, und soll Ohrestiens mit Wolfram vereint als
ein glanzvolles Gestirn am mittelalterlichen Himmel aufsteigen (S. 120).
Allein es scheint mir zu schnell, aus unserm Nichtbesitz eines Epos
von Eyot auf dessen Nichtsein überhaupt zu schließen, und ebenso : diesem
Guiot ohne Weiteres die Befähigung, ein solches zu dichten, abzusprechen.
Welt-, Menschen- und Bibelkenntniss , Humor und bis auf den Knochen
brennender Witz, Kraft und Gewandtheit der Sprache, ein Herz für das
Große und Edle, und ein Auge für das .VerdammUche ist ihm nicht wohl ab-
zuerkennen. Es sind dieß Eigenschaften, die wir vornehmlich auf Grund des
Parzival auch Wolfram von Eschenbach beilegen. Aber ich frage: wer
wird nur auf Grund seiner lyrischen Gedichte, der Titurelfragmente und des
unvollendeten Wilhelm von Orange Wolfram die hohe dichterische Begabung
in' Kraft der Gestaltung, die energische Beherrschung eines ungeheuren
Stoffes, kurz die schöpferische Größe eines Epikers, der eine solche erhabene
Idee, wie sie oben bezeichnet ward, dichterisch auszufuhi^en sich vorgesetzt
hat, mit Überzeugung beilegen können, wenn er den Parzival uns nicht
hmterlassen hätte? Gewiss, der Ruhm und Preis , den wir ihm in dieser
*) pemUr, mhd, pfeUrm^, Fuhrer der Worfinwchinea (Blangen).
WOLFRAM VON ESCHENBACH UND GÜIOT TON PROYINS. 461
BeziehoDg jetzt zollen , würde gich bedeutend ermäßigen müssen und guten
Theils hypothetisch bleiben.
I^och gewagter will es mir scheinen, Wolfram der Unwahrheit und eines
falschen VorgebenB hinsichts seiner französischen Quelle zu zeihen, und ich
mag diesen Schatten auf seinen Charakter nicht werfen. Wenn er ohnehin
als Dichter sich Manns genug fühlt, es mit Dreien zugleich in seiner Kunst
aufzunehmen (P. 4, 2), wozu glaubte er zur Weckung des Interesses der
Leser noch eine fremde Autorität vorschieben zu müssen? Seine Anfuh-
rungen über Kyot sind zu bestimmt, seine Berufung auf die Aventiure, der
er nacherzählt, zu folgerecht durchgehend , und das Beispiel der deutschen
Dichter namentlich von Arthusromanen, nach fremden Vorbildern gearbeitet
zu haben, bei fast allen Epen der Art zu sicher erwiesen, als daß wir der
Annahme unsers aufrichtig hochgeachteten Gegners Raum göben könnten.
Nehmen wir daher auch unsem Wolfram als einen Mann der Wahrheit, und
betrachten unbefangen sein Zeugniss.
Er nennt Kydt einen meüter^ uiSsy wol bekant (P. 828, 14; 456,2;
453, 11). Als er liddamus bei Namen nennt, beruft er sich ausdrücklich
aufKyöt. P. 416,20:
KySt in selbe nennet eus.
Kydi la sohantiure *) Mez
den ein kunet des niht erUeZy
er ensunge und eprmche s6f
die noch gewuoge werdewbfr6.
Daß Guiot von Provins gesungen, und mit Beifall an vielen Höfen und
auf Schlössern gesungen, entnehmen wir ans seinen lyrischen Gedichten,
seinem Wanderleben and den Geschenken, die er dabei erhalten hat. Daft
er aach zu sprechen verstand, lehrt uns seine „Bible^, und er selbst sagt
V. 11 : Ce gueje vueil canter et dire,
eet sam/elonie et eanz ire.
La chantiure heiftt nach den mir zu Gebote stehenden Wörterbüchern weder
altfranzösisch noch provenzalisch „der Gesang^; dagegen le chantires
(echanterres) altfr. der Sänger, chantre, chanteur, auch m4nitrier (Roque£
910 ff.); und hier wie anderswo öfter wird uns Wolframs gründliche franzö-
sische Sprachkenntniss verdächtig. Wolfram nennt ferner Eyöt einen
Provemälen (S.416, 25; 805, 10; 827, 5), der aber en franzoy» geepraeh^
was er in der Aventüre von Parzival fand (P. 416, 28), die aber von Pro*
venz in tiusehe lant kam (P. 827, 9). Wir lassen hier Kyöts angebliche
Quellen bei Seite,' und heben nur hervor, daß mit Ausnahme der entschieden
wälschen und deutschen die grofte Mehrzahl der vorkommenden Personen-
namen, sofern sie sich begrifflich verständigen lassen, femer alle eingemischte
*) XoMofUJur» Dd. laMkmtmc O. latiohfmtwr g.
462 SANMARTE (Ä. SCHÜL2)
französische Brocken and germanisierte französische Wörter im Par^ival
die Angabe Wolframs bestätigen, daß Kyöt enfranaoye^ d« h. in demjenigen
Französisch geschrieben hat, welches in Isle de France (dem eigentlichen
IV<mcrtche) und Champagne gesprochen ward, un^ welches Wolfram auch
verstand ui^d zu sprechen wusste (W. 237, 5). Daß Wolfram seinen Eydt
wirklich für einen Provenzalen gehalten hat, ist nach den oben angefahrten
Stellen außer Zweifel ; aber in Dunkel ist dennoch, ob Kyot sich selbst einen
Provenzalen genannt hat? Die Einwohner von Provins heißen nach Roque-
fort*s Gloss. : Pravenestfiy Ptovemsien^ Provifien; da Wolfram selbst nicht
lesen und schreiben konnte, so kann füglich in Frage gestellt werden, ob sein
Vorleser ihm nicht das WortGuiot de JVov/rw in einer Weise vorgesprochen
hat, daß er es für Proveno (Provence) nehmen , und so wieder niederschrei-
ben lassen', änd demnach den Provisien in einen* Provms^^^^ verwandeln
konnte. Jeden Falls liegt die Annahme eines solchen Missverständnisses bei
einem lesens- und schreibensunkundigen Nichtfranzosen näher, als die, daß
ein wirklicher Provenzale nicht in seiner Muttersprache , sondern in einem
ihm ursprünglich fremden Idiom ein so umfangreiches Gedicht hätte schreiben
sollen. Daß Wolfram jene Stadt W. 437, 11 Prov^ oder Pruvis nennt,
widerlegt nicht die Annahme jenes Mißverständnisses, denn dieser Name ist
nach sicheren urkundlichen Zeugnissen unrichtige und beruht auf falscher
Leseärt, sofern nicht etwa im Yolksmund der richtige Name also korrumpirt
ward.
Die höchst verdienstliche ani^hrliche Vergleichung unseres Parzival
mit Chrestiens Gontes del Graal führt uns näher in die Methode jener
nodttelalterlichen Epiker, fremde Stoffe zu bearbeiten, ein. Aliein die zwi-
schen Beiden gefundene , allerdings oft große und überraschende Überein-
stimmung liefert doch noch nicht den vollen Beweis , daß Wolfram gerade
nach Chrestiens, und nur nach ihm gearbeitet habe; sondern nur: daß auch
Kyöt sich theilweise mit, jenem in enger Übereinstimmung gehalten haben
maß, wenn Wolfram uns Wahi^eit über seinen Kyot berichtet; woraus mit
gleichem Recht der zwiefache. Schluß gezogen werden kann: entweder hat
Kyot den Ohrestiens derb abgeschrieben: oder auch: Beide haben gleich-
artige Quellen benutzt, aus deren treuer Beil^ehaltung diese Übereinstimmung
^entsprungen ist. — Lange nahm man aus der vielfachen, oft wörtlichen
Übereinstimmung unseres deutschen mit Chrestiens französischem Erec an,
daß Hartmann von Aue nach dessen Werke gedichtet habe; gleichwohl will
Haupt (Erec, S. XII) dieß nicht zugeben, da es sich nicht aus der ihfli damals
zu Gebot gestandenen Abschrift der ganzen ersten Hälfte von Chrestiens Erec
bestätigt haben soll. Dies Beispiel lehrt um, wie leicht eine Täuschang hier
m^lich ist Wir haben nicht Ursache , eme allzuhabe Meinung von der
Discretion dieser Romandichter und ihrem Respect vor fremdem littersffischem
Eigenthum zu hegen. Denn darüber ist wohl kauuft noch Zweifel und Streit,
WOLPBAM VON ESCHENBACH UND OUIOT VON PB0TIN9. 46S
daS diese Clercs den Rohstoff ihrer Erzählungen in der Hauptsache nicht
zuerst neu erfanden , sondern bereits in mancherlei Gestalt vorfanden , nnd
aus mancherlei Mund und Schrift überliefert erhielten, und die oft zerstreuten
imd zersplitterten Aventüren nur zu einem zusammenhängenden großem
Epos verflochten, ergänzten, kurz mit mehr oder minderem Geschick und
Geist verarbeiteten. Es verhält sich ganz ähnlich mit der langen Reihe
z. B. der brittischen Chronisten, von denen stets Eiuer auf die Schultern des
Andern steigt, und ihn ohne Rückhalt ausschreibt Eine solche Be- oder
Verarbeitong altem Rohstoffes hat Chrestiens uns in den Contes del Graal
hinterlassen , und nach Wolframs Zeugniss Kydt dessgleichen. Eine dritte
Bearbeitung desselben Hauptgegenstandes findet sich im Beraer Ms., das
zum Theil mit Chrestiens, zum Theil mit dem Mabinogi ^Peredur" über-
raschend zusammenstimmt. Eine vierte Bearbeitung liefert endlich aus
Wales das Mabinogi selbst, des altenglischen Liedes von Parcivall nicht zu
gedenken. Hier ist die Thatsache dieser mehrfachen Behandlung desselben
Stoffes durch Verschiedene zu verschiedenen doch nicht zu lang getrennten
Zeiträumen (1160 bis etwa 1200) für jetzt uns wichtiger, als das Verhält-
niss dieser Gedichte unter einander. Wir finden nun außerdem im jungem
Titurel und auch bei Wolfram eine Menge Aventüren nebst Anspielungen
auf Personen nnd Geschichten, die in jenen übrigen bekannten Arbeiten
nicht erscheinen , und der Titurel hat wieder Derartiges unendlich viel mehr
als Wolfram. Wir dürfen dem jungem Titureldichter eher Alles, nur nicht
eigene Erfindungsgabe, dagegen das größte Geschick der Compilation, des
Aufgreifens und Ausweitens fremdes Stoffes und einen unermüdlichen Eifer
in weitschichtigster Ausschmückung des benutzten Fremden zutrauen. Wo-
her und ob aus Kydt er seine Zuthaten zu Wolframs Parzival- und Gral-
geschichten entnommen hat, wissen wir nicht; aber daß- sie irgendwo in
deutschen oder französischen Dichtungen vorhanden waren, aus denen er
schöpfte, ist uns im höchsten Grade wahrscheinlich. Ähnlich dürfte es sich
mit dem, was Türlins Krone hierher Gehöriges erzählt, verhalten. Nicht
minder ist der Umstand, auf den ich bereits früher (Arthursage S. 326, Et-
läutemngen zum wälschen Geraint ab Erbin) aufmerksam gemacht habe, zu
beachten , daß in Hartmanns Erec die Namen Titwrel (V. 1650) Marlivlidt
vonKatelwnge (1688; P. 186, 22; Tit. 23, 1; MmpßySt), Oanatulander
(1690 für Schtanatalander), Qalo^s (1661 und 1513), 8ehomb6r (1676;
etwa Sennabor des jüngeren Titurel? trotz des Anachronismus, da Letzterer
ihn zu Christi Zeit leben lässt), vorkommen, zwar ohne Geschichte , nur als
Figuranten; aber sie sind doch da! Hartmann konnte um 1204 diese Namen
noch nicht aus Wolframs Parzival entlehnt haben, denn dieser war damals
noch nicht gedichtet; sie finden sich nach Haupts Nachweis (Erec. S. XV)
und, wie man sich nun aus dem vollständigen Abdruck in dessen Zeitschrift
10, 373 ff. überzeugen kann , auch nicht in Chrestiens Erec. Hartmanns
464 SAN ICABTE, WOLFRAM VON ESCHENBACH UND GUIOT VON PROVINS.
französi8ch.e Quellen muß sie aber doch gehabt, folglich müssen diese
Personen auch in der französischen Poesie bereits ihre Geschichten gehabt
haben, und Wolfram führt dieselben aus Kyöt an. Oder sollte Hartmann
diese Nainen aufs Gerathewohl auch erfunden, Wolfram sie aus dem Erec
entnommen, und ihnen ihre Geschichten hinzugedichtet haben? — Gewiss
nicht; die positiven Zeugnisse Wolframs, Hartmanns, des jüngeren Titorel
sind dagegen; dagegen sind alle bekannten Beispiele anderer Dichter dieses
Sagenkreises. — Wenn wir sonach gegen Rochat Wolfram dieses selbständige
Hinzudichten von Aventüren absprechen, so geschieht es doch wahrlich nicht
aus dem Grunde, weil wir seine dichterische Fähigkeit dazu, sondern nur,
weil wir seinen Willen in Abrede stellen, etwas Anderes zu bieten^ als frm
AvewUure^ d. h. die ihm überlieferte Sage, ihn zu sagen lehrte. Das ver-
sichert er zu oft wiederholten Malen, und dem glauben wir.
Ganz anders dagegen verhält es sich mit der dichterischen Vergeisti-
gung des vorgefundenen und benutzten französischen Vorbildes. Je tiefer
ich mich in die Theologie des 12. Jahrhunderts und in die Dogmengeschichte
bis dahin , so wie in die religiösen Bewegungen und Kämpfe dieser Periode
hineingearbeitet habe, desto lichtvoller und erhabener tritt in der dichteri-
schen Hülle der Geist des Evangeliums hervor, der den Dichter unsers
Parzival erleuchtet hat. Die obenbezeichnete Idee unsers Gedichtes kann
ihre Wiege in Deutschland» aber ebensowohl auch in Frankreich gehabt
haben, wo ja die religiösef Bewegung während der Lebenszeit des Guiot von
Provins weit tiefer in die Massen des Volks ebensowohl wie in die Gemüther
der Begabtesten der Zeit geschlagen hatte, als in Deutschland, wo diese
Kämpfe mehr einen politischen und dynastischen Charakter annahmen. Oh^
wir den Vater und ersten Träger dieser Idee und den Dichter dieses Gottes-
reiches auf Erden, des Gralreiches und des Templeisen thums mit seinem
darin vorgezeichneten Wege zur Erlösung von der Sünde Guiot oder Wolfram
zu nennen haben, welches Verdienst diesem oder jenem daran beizumessen
ist, — das bleibt bis zur endlichen Auffindung von Guiots Gedicht frei-
lich zu unserem aufrichtigsten Bedauern noch im Dunkel. Bis dahin aber
bleibt und gebührt der volle Dank dem, der uns diese kostbare Perle mittel-
alterlicher Poesie in so unübertroffener Fassung überliefert hat: und das ist
unser Wolfram von Eschenbach.
MAGDEBURG.
JOB. KELLE, DIE FRAGE& HANDSCHRIFT DER »ERLÖSUNG**. 46(
DIE PRAGER HANDSCHRIFT
DER
„ERLÖSUNG".
Im 37. Bande der Nationalbibliothek veröffentliclite Karl Bartsch ein
Gedicht, das er mit Bezugnahme auf Andeutungen im Gedichte selbst nicht
anpassend: „Erlösung" nennt, nach der einzigen (ihm bekannten) Hand-
schrift, welche sich auf der Stadtbibliothek in Nürnberg befindet, und der
zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts angehört.
Eine zweite ungleich ältere Handschrift dieses Gedichtes befindet sich
in der fürstlich Lobkowitz'schen Bibliothek in Prag (Sig. Nro. 519). Pertz
hat im nennten Bande des Archives , wo er die Ergebnisse seiner im Jahre
1843 unternommenen wissenschaftlichen Reise zusammenstellt, diese Hand-
schrift verzeichnet, und die An&ngszeilen derselben mitgetheilt, und schon
froher hat H. Hoflbiann die Handschrift in Händen gehabt, und wahrschein-
lich, wie auf andere, so auch auf diese Handschrift der Lobkowitz'schen
Bibliothek irgendwo Bezug genommen. Hoffinann erinnert sich indess nicht
mehr, ob und wo er dieHandschrift beschrieb, und selbst darüber Untersuchungen
auzustellen, fehlt es mir jetzt an Zeit und hinreichenden Hülfsmitteln. Der
Codex ist gleich dem Nürnberger unvollständig, doch kann der letztere zum
Glücke noch an einer Stelle ergänzt werden. Er enthält dermalen noch zwei
Lagen Folio von je vier Doppelblättem , und eine Lage (die mittlere) von
drei Doppelblättem , bei der das erste Doppelblatt fehlt. Die erste Lage
enthält 1152 Zeilen, welche Änderungen, Zusätze und abweichende Lese-
arten, aufweiche ich zurückkommen werde, abgerechnet, zu Bartsch 3232
bis 3287 und 1191—2279 und zwar in folgender Anordnung stinmien:
3232—3287; 1191—1260; 1313—1326; 1261—1312; 1327—1613;
2170—2189; 2104—2169; 1514—1635; 1984—2103; 2190—2225;
1636—1983; 2226—2279. Die zweite Lage enthält 864 und die dritte
1150 Zeilen, welche unter denselben Modalitäten zu Bartsch: 3340 — 4203
und 4342—5361 passen.
Auf der rechten und linken Seite jeder Golumne ist eine Linie von dem
obem bis zum untern Rande gezogen, und in der Mitte laufen zwei Linien
neben einander, und theilen die Seite in zwei Spalten» in deren jeder stets
36 Zeilen stehen zwischen Linien, welche von der einen äußersten Vertikal-
linie zur anderen gezogen sind. Jede Zeile beginnt mit einem großen An-
fangsbuchstaben; die Initialen der einzelnen Absätze und die stellenweise
vorkommenden Überschriften sind roth eingetragen.
4M ^^^^ KELUi
über die Schreibart der Handschrift bemerke ich in möglichster Kürze
Folgendes. Als Umlaut von a dient e^ bei dessen Anwendung aber nicht
gleichmäOig. verfahren ist. Scheinbarer Riickumlant findet sich bei: ver-
kort, gelart etc. Häufig erscheint a statt o: wanen etc. Stets bei van,
meistens bei 8al und wal. e steht häufig statt mhd, i: gereckte^ ger etc.
^ bedient sich die Handschrift sowohl in Stämmen als bei der Wortbildung
und Wortbiegung sehr oft statt e: lidich, mirkin etc. dir steht manchmal
statt der; ir-^ int-y vir» etc. stets statt er*, ent^^ ver- etc.; ic- wechselt
mit ec'y in (Negation) steht immer statt m. Der Inf. endet immer auf -eti,
das part. praet. schwacher Gonj. stets auf -it. Häufig gebraucht die Hand-
schrift i statt ie: Mit, wili etc. o ist durch o oder u bezeichnet; kaum kann
überall o:u als Reim angenommen werden, u ist in den meisten Fällen ü
geschrieben; in ummer, nummer erscheint es stets statt i; statt mhd.u steht
manchmal o, ö findet sich in appitgöde und mögen.
Statt ä begegnet zuweilen ai : hemaioh : intfaich, schMf; besonders
häufig ist dieses ai bei haben: ich hain, du hais, haist, er hadt; wir hain.
i schreibt die Handschrift stets für a^ : m^re, w&re etc. Statt 6 findet sich
manchmal oe: doit, moist etc. oe begegnet bisweilen als oe oder 6: irloerin,
hoeae, irhihit etc. ie ist geschrieben erstens für i : vriede, siede, hdemü etc.,
zweitens für tisie, vrie, hie etc. Statt iu setzt die Handschrift stets fl (ü):
/fir, vriint, irl&httt, dr& etc; fi steht aber auch für uo, so daß dieses Zeichen
u (theilweise o), ü, iu, uo bezeichnet, ü und ile erscheint in der Mundart
der Handschrift nicht, sondern dafür steht beziehungsweise u oder Üj in der
Handschrift also beide Male gleichfalls fi. Bisweilen finde ich statt & ohne
Beziehung auf einen bestimmten zu bezeichnenden Laut: f. Statt au ist
allemal au geschrieben, und sein Umlaut durch eu bezeichnet. Oft setzt die
Handschrift irriger Weise hiede, lüde statt lüde.
r in dem Worte der wird meist abgeworfen,- statt mit setzt die Hand-
schrift meistens bit. Für b tritt manchmal v ein: loveb&e, blivit etc., das
selbst hin und wieder durch b vertreten wird: zu höbe, oben etc. Statt ff
ist immer p gesetzt. / habe ich im Anlaut und Auslaut nur einige Mal ge-
troffen : friat, vonf, sonst steht immer v. d schreibt die Handschrift für i
im An-, In-, und Auslaut, doch erscheint es im Inlaut am häufigsten. Statt
jg im Auslaut ist manchmal t geschrieben; h ist im Auslaut und Inlaut meist
weggelassen: vorte, virgien, virgin etc., oder in beiden Fällen in ^verwandelt
Statt ha ist immer einfaches a gesetzt.
Noch bemerke ich: die 2. Ps. praes. sg. endet meist auf«, die 2. pl.
schiebt bisweilen »ein; die 1. Ps. praes. s. endet stellenweise auf n. Das
schwache part. Praet. hat stets die Endung -»Y bewahrt, he schreibt die
Handschrift immer statt er.
Die Handschrift stammt sicher aus dem Anfange des vierzehnten, viel-
leicht sogar noch aus dem EQde d^s dreizehnten Jalurhanderts» steht also der
DIE PRÄGER HANDSCHRIFT DER ^ERLÖSUNG''. 46Y
Zett der AbfasBQDg des Gedichtes, wenn diese wirklich in die Mitte des letzt-
genannten Jahrhunderts zu versetzen ist, ziemlich nahe, und ist daher jeden-
falls für eine unmittelbare Abschrift des Originals zu halten. Daß die Ab-
schrift mit Treue und Sorgfalt gefertigt ist, dafür trägt sie die Beweise in sich.
Vielleicht ist aber die Entstehungszeit des Gedichtes etwas zu hoch hinauf-
gerückt , und die Handschrift für gleichzeitig mit der Abfassung des Ge-
dichtes zu halten. Nicht unmöglich wäre es, daß uns in P die Stamm-
handschrift selbst vorliegt.
Auch die Nürnberger Handschrift hält der Herausgeber für eine mit
seltener Sorgfalt gefertigte Copie , die es, da der Dichter noch überdieß ge-
nau reimt, ermöglicht, die ursprüngliche Gestalt des Gedichtes mit wenigen
Ausnahmen ohne große Mühe herzustellen. In diesem Falle wären beide
Handschriften gleich gut, und von der älteren wenig Ausbeute , höchstens
einige unwesentliche Varianten zu erwarten.
Eine Vergleichung der beiden Handschriften zeigt jedoch, daß P wie
einen älteren, so auch einen im Allgemeinen weit vorzüglicheren und im Ein-
zelnen richtigeren und sachgemäßeren Text enthält. Ohne aufs Einzelne
einzugehen verweise ich auf die unten stehenden Lesearten zu: 1252. 1488
bis 1491. 1641. 1572. 1574. 1647. 1698. 1751. 1962. 1965. 2003. 2125.
2126. 2127. 2276. 3241. 2243. 3261. 3262. 3354. 3469.3479.3542.3717.
3767. 3869. 3946. 4072. 4470. 4494. 4608. 4639. 4686.4691.4699.4701.
4794. 4796. 4819. 4894. 6019. 5051. 5230, aus deren Betrachtung sich
die Richtigkeit dieser Behauptung sattsam ergeben wird. Die Vergleichung
der beiden Handschriften zeigt aber auch, daß N keineswegs eine sorgfältige,
sondern eine höchst nachläßige Abschrift ist, welche noch dadurch bedeutend
an Werth verliert, daß der Abschreiber sehr viel Spätes theils absichtlich,
theils sein Original missverstehend unabsichtlich eingemischt, und da es ihm
überhaupt nicht um treue Wiedergabe der Vorlage zu thun war, im Einzelnen
Manches ausgelassen und beigesetzt hat.
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist N sogar von P copiert. Eine in N
eingeklebte Urkunde vom Jahre 1466, in der die Familien Hirschhorn und
Helmstadt genannt werden, lässt, wie der Herausgeber richtig bemerkt, mit
ziemlicher Sicherheit vermuthen, daß die Handschrift in den Neckargegenden,
wo beide Familien begütert waren (Hirschhorn bei Ravensburg an der
Schnßen) , geschrieben worden ist. Eben in dieser Gegend befand sich da-
mals aber auch die jetzt Lobkowitz'sche Handschrift. Sie gehörte nämlich
der Abtei Weißenau bei Ravensburg. Im Luneviller Frieden erhielt Graf
Sternberg die Abteien Weißenau und Schußenried , und kam dadurch in den
Besitz der prachtvollen, manuscriptenreichen Sammlung, welche nach seinem
Tode Fürst Lobkowitz kaufte.
Wie nachläßig und gedankenlos der Abschreiber seine Vorlage , es sei
diese nun P gewesen oder nicht , copierte^ beweist unter Anderem , daß er,
30*
468 JOH. KELLE
statt des Satzes: Johannes sprach, der herre Crist nach mir hcmit
er zvhant, der vor mir gemachit wart (Ipse est, qui post me ventnrus est,
qui ante me factas est. Job. 1. 27) copierte: der von mir gemachit wart.
Die AnmerkuDg zu 3920 besagt: dem Sinne nacb sollte man: gemeldet oder
etwas Äbnlicbes erwarten. Niebt viel besser ist, wenn es 1257 statt: regen
in wolle alufii beißt: in die wölken, wozu der Herausgeber nicbts ange-
merkt bat. 1719. 1720 bietet P: bit ich daz wehel v/nd daz warfunz aldä
hin hän gedragin; daraus macbt N: Hz ich daz woffel in daz warf, und
aidd in hän getragen. Die Anmerkung erkennt nur in dem Worte: wofel
einen Irrtbum.
Der Herausgeber bat bereits mebrere Stellen der Handschrift als fehler-
haft erkannt , und in den Anmerkungen oder Noten zu verbessern versacht.
P bietet in allen diesen Fällen einen fehlerfreien Text, und beweist nebenbei
häufig die Richtigkeit der vom Herausgeber vorgeschlagenen Verbesserung.
Ich verweise auf die unten stehenden Lesearten und die Anmerkungen zu:
1361. 1540. 1647. 1912. 1922. 1977. 2031. 2046. 3366. 3663. 4839.
Manche Emendationen erweisen sich aus P als irrig.
In der Stelle z. B.:
2126. Israhel sol wärhafb Wesen
ouch gar fridelich *
seht diz ist got, kein ander man,
kein ander mac ez niht gesin
sind die Worte: kein ander man nicht offenbar aus Vers 2128 in Vers 2127
gekommen, desshaib zu streichen und zu emendieren :
ouch gar frideliche, .
seht diz ist got der riebe
sondern mit P zu lesen :
und Israhel sol wonhaft wesen
gar getruweliche dan ,
sit, dan ist got kein ander man ,
kein ander mac ez niht gesin.
Sehr häufig aber werden auch Wörter und Formen , welche gleich den
angeführten Stellen vom Abschreiber verschrieben, oder wenigstens ihm zu-
zuweisen sind, vom Herausgeber, der seiner Handschrift mehr Vertrauen
schenkte, als sie verdiente, und der Kritik nicht jene Rolle zuwies, welche ihr
zuerkannt werden mußte, sollte der Text seiner ursprünglichen Gestalt naher
gebracht werden, nicht als Fehler oder spätere Änderung erkannt, sondern
für richtig und dem alten Texte eigenthümlich angesehen, daher entweder zu
erklären versucht, oder als bisher aus mhd. Quellen unbelegt aufgestellt.
1264. er ist uns breiden alle laut
und daz volc ouch über al
DIE FRAGER HAM)SCHRIFT DER ^ERLÖSUNG". 469
enthält keinen Beleg für wesen mit dem Inf, wie die Anmerkung erklärend be-
sagt, sondern ist verschrieben för :
des da beident alle lant
nnd daz volc ouch aber al
das auch allein in Verbindung mit dem vorhergehenden Satze einen entspre-
chenden Sinn gibt.
Die Anmerkung zu
1354. nn schouwet wie gar Wonnen
glich der herre kume,
alse sanfte ja lume
regen in die wölken slüfet etc.
meint, es ^eijoch &ta,tijd zu lesen, und lume habe die Bedeutung von: matt,
sanft. Die Stelle ist indess fehlerhaft und lautet in P richtig:
wunne-
cliche dirre herre kumit,
also senfte er sich nit sümit etc.
In Anmerkung zn 1765 ist darauf hingewiesen , daß heidenischen nicht
mit r^ zu verbinden, sondern: Männern dazu zu ergänzen ist. Die Stelle
lautet aber in ihrer richtigen Gestalt :
daz si so wol gekundit hat
godis heimlichin rät.
5327 liest P richtig: waz du kais vemomen und die Umstellung: tüa^
hcbtil vemomen gehört, wie manche andere in der Anmerkung zu genanntem
Verse aufgezählte, nur dem Abschreiber an*
BetrüMk^ scheint mit Recht im mhd. Wörterbuch zu fehlen und eines
besseren Beweises zu bedürfen , da es in der einen Stelle , in der es N aus-
weist, sicher dem Abschreiber angehört. P hat dafür 1571 das gewöhnliche:
irubnUse, Auch das Wort zanbizen 1815, wofür P zende Hz liest, gebührt
dem Abschreiber. — 8cMß>anden 1854 „mit schaf ledernen Riemen binden (?)"
ist sicher nicht als eine bisher unbekannte Composition aufzufassen, sondern
vom Abschreiber aus scMchhanden^ das P hat, verlesen oder verschrieben.
mnder^mc 1813 ist keine Verstärkung von ^ivic, sondern dafür mit P zu
lesen: die «andere Swige (flamme negit). — 4892 soll „nur an dieser Stelle" :
ez Udet sich als Reflexivum aufzufassen sein, doch P belehrt, daß lüdet ein
grober Schreibfehler statt dudit^ das schon kaum fünfhundert Verse später
5209 wieder vorkommt. — Das Wort kunkelieren 4713 ist nichts anderes
als ein Schreibfehler für knuUeUeren, das P bietet. — samät statt somit
4708 ist entweder Eigenheit oder Fehler des Abschreibers. — Auch fragt es
sich, ob ein starkes, bisher nur theoretisch aufgestelltes Zeitwort glirn^,
gleimy glimen (Grammatik 2, 45) durch die Stelle 3583 genugsam belegt ist.
P liest für gleim — scJiein (: kein).
470 ^OB' KELLE
Daz gesckiehte dstff aaf Grund der Einen Stelle 3427 sieher nidit aoge-
noramen werden, da P ausdrücklich: doch um die gesoMckte^ derimdiemne
gäben schult liest. — Site mhd. als schwaches Subst ist durch 3898 nicht
bewiesen, denn wie P ausweist, ist der Plur. gesetzt {er hiez sie alle wandern
nach goäichin siden), dem der Abschreiber irriger Weise dem vorgeset:&t
hat, wenn man nicht annehmen will, daß der Schreiber nicht seiner Vorlage,
sondern dem theilweisen Gebrauche seiner Zeit folgend, site schwach decli-
niert hat. 3136 bietet N noch ein Mal nach dem alten siden; diese Stelle
fehlt in P, wird aber gleichfalls irrig, oder wenigstens dem Abschreiber zuzu-
weisen sein. — 1862 bietet keinen genügenden Beweis für M cum Acc, da
statt bt mit P : bisihin zu lesen ist , das auch einen viel angemesseneren Sinn
gewährt. — 1852 steht P das allein richtige: die flamme y und der flamme
ist, wie auch schon der Herausgeber fragend vermuthete, eben so gut Schreib-
fehler als 3263: oberlant statt oriant, und vielleicht auch die vereinzelt
vorkommenden der bam, 3570 und der ort 2068. — 4710 hat P das ge-
wöhulicbe von dornen eine kröne statt dorne bei N. — .4146 und 4156
steht frowe als Acc. sing, bei N. ; P bietet beide Male wib; frowe ist dem-
nach als Eigenthum des Abschreibers aufzufassen.
Der Herausgeber rügte femer oft mit Recht die theilweise unrichtig
oder wenigstens nachläßig gebauten Verse, und schlug häufig Verbesserungen
vor. Nur selten aber finden sich diese falsch oder nachläßig gebauten Verse
in P wieder, kommen also gleichfalls auf Rechnung des Abschreibers, der
theils durch Schreibfehler und Änderungen , theils durch Umstellungen der
Wörter den Versbau störte und beinahe nie die Feinheiten beobachtete,
durch welche sich das Gedicht auszeichnet.
Allerdings hat z. B . 2 1 22 eine Hebung zu viel, aber nur bei dem Abschreiber,
nicht bei dem Dichter. In P heißt der Vers : gereht ist unser herrewol stM:
gerehUkeit ist unser herre voL Auch der in derselben Anmerkung ange-
führte Vers 4770: daz er daz crüce muse helfen tragen, heißt in P richtiger:
daz er daz cruce muse heben, enthält also keinen dreisilbigen Auf-
tact. 1947 enthält keinen Beweis für Betonung des zweiten Theils eines
Compositums, denn koufwAinschaft gehört dem Abschreiber statt des rich-
tigen koufschatz. — Der ungenaue Reim heilant : d(m ist dem Abschreiber
beizumessen, denn P hat heiler : kumit er 1526; u. s. w.
Specieller einzugehen ist gegen meine Absicht, und außerdem durch
den Raum, den ich für diese Mittheilung in Anspruch nehmen kann, ver-
wehrt, das Angeführte wird jedoch genügen, um das Verhältniss der beiden
Handschriften zu einander und den "Werth von N für eine kritische Ausgabe
zu erkennen.
Eine vollständige Aufzählung der Lesearten aus P scheint mir uner-
läßlich. Dabei bemerke ich aber, daß ich Alles, Wias al$ bloß orthographische
DIE FBAQEB HAMDSCBRIFT D£B „ERLÖSUNG^
471
Abweicbnog angeseben werden konnte, ansgescUosflen habe. Auch habe leh
die Stellen nicht angemerkt, fai denen P im Dat. sg. des Pr. poss. das
tonlose e auswirft, die Endung des Adj. weglässt und Ähnliches. Der Text
hat mit wenigen Ausnahmen das geschlechtlose pers. Pronomen ir durch-
geführt; ich habe die Fälle nicht aufgezählt, in denen P hiefÜr das Pr. poss.
verwendete.
Zwischen 4415 und 4416 fehlt in N ein Blatt. P weist aus, daß 135
Zeilen fehlen, die ich zuerst in einem treuen Abdrucke (nur Interpunktion ist
beigefügt) mittheile :
Daz sungin sie io dirre wis:
Oeawna in exedsis !
Nu sihit, wie gar schone
In sülchme sangis done
5. Vnse herre intfangin wart
An dirre lobelichin vart.
Wie die inden wider got sw^ren.
Dir iuden oonrent daz remam,
Sie wüxdin im in trdwen gram,
Sie beriedin abir sieh,
10. Iz sülde wesen ewelich,
Daz man Jhesum fienge,
Wanne daz vulk zmgienge,
Wanne man Stade mochte habin.
Sie wuldin weren im knabin,
15. Daz si des sangis balde swigin ,
Vnd des lobis sich yirzigin.
Hie sprach mse herre zd:
'Ja, swiegin uwer kindir nu,
Die steyne hubin einin schal,
20. ÜBde riefin rbiral f —
Oar schier in dirre zit geschaoh
DsBE Sjmon ynsin herren sach
Ja^ Symon pharisens.
Mit ime fürte he in zu hüs
25. He sulde mit ime ezsin.
Nu waren sie gesezsin,
Da des Maria wart gewar;
Sie hüb sich endeliche dar,
Die edele magdalena,
30. Sie baut vf eine buzse da
Dan HZ sie eyne salbe goiz,
Die Jhesu sinen Üb beyloiz.
De sie van sandin karte ,
Vnd heylig leben larte,
35. Van sundin he sie reynegede ,
Mit got he sie vireynegede.
Die salbe reich so rechte wol,
Daz hüs wart edels rochis yol,
Sie was kreftig vnde stark,
40. Sie stünt auch me dan ein mark.
Daz sach de böse man iudas,
De doch der zwelfir einre was,
He hüb ein engistliche not,
De hose iudas scarioth.
45. De sprach: Vas dochte dis verlüst?
Het uch der dinge also gelüst,
Man hette dise salbin
Virwant wol andirs halbin,
Man hette mit ir gelt geloist,
50. Vnd armer luede ril getrost.* —
Da daz unse herre sach,
Mit lutirkeide he do sprach:
Waz ist argis hie gedan?
Ir mogint arme luede han
55. Zu allin ziden, wan ir wolt,
Vnlange ir mich doch habin solt.* — •
Warvmme Jadas Crist viniet.
Judas des pennigsakis wilt,
Da man die almüse innehilt,
DaYon im der zinde wart ;
60. Des ducht in virlust so hart,
Daz im der zinde abegieng,
Hieran he bosin willin vieng.
Van dannen gieng he sa zu hant.
Da he bi ein die iudin Tant,
472
JOE. KELLE
65. He sprach: Virnemit herren ir,
WaE wolt ir gerne gebin mir.
Das ich rch minen meister geben?
Wült ir ynime alle ding sin leben,
Ich wil mich ych yirbindin,
70. Daz ir in mogit vindin,
Vnd sichirliche yain/ —
Sie sprachin: *Ia, was wiltdii han?
Daz dA des werdis ylizigf —
Da hieseh he nit wan drizig
75. Penninge ran den fftrstin,
Hienach liez he sich durstin.
Daz wer der zinde wol gewesen.
Also ich han gehorit lesen,
Van der salbin so gedan,
80. Der sie yirkaufit sulde han.
Sus gab he sinen heilant.
He nam die drizig sa zu hant,
He sprach: rch sie hie zuschin
£in zeichin, wen ich küssin,
85. Den yeit und grifit ane f —
Mit der rede gienc he dane.
Das Christ sinen jongeren sin lichnam gab.
Nil waz iz abir nahir baz,
Daz man daz ostirymbiz az ,
Daz man da heizsit pascha ,
I 90. Vnse herre sprach alsa:
' *Wir gein z& Iherusalem wert,
Wan ich mit ylize han begert,
Daz- ich diz abintymbiz df
I Mit rch, e ich doch morne yru
f 100. Lidin muze mine not.' *—
; Man drüg dar win und brot
Vnd auch ettelichin yisch,
Do was bereit de abintdisch.
Niedir sie da sazin ,
105. Vnd mit einander azin.
Da unse herre sin gebet
Vnd auch sinen sen gedet
Vbir brot und ubir win.
He sprach: ^Diz sal daz leste sin,
110. Daz ich mit ych ezsin sal,
Des dut mir diz ymbiz wal.' —
He gab in in der seibin nacht
Sinen jüngeren dise macht,
Daz sie priestere, siildin sin.
115. He gab in brot, he gab in win:
*Diz ist min fleisch, diz ist min blüt,
He sprach , diz selbe ir na mir düt.
Ich wil lieben sagin doch,
Daz ich yerradin werdin noch,
120. He ist alhie gesezsin.
Mit mir hat he gezsin,
De gebruwen hat den rat,
We he yminer doch hat*. —
Jeglichir sprach, alda he saz:
125. £7, herre, sage wer ist daz.
Wer iz yndir uns zweifln si.* —
Numqmt ego sum raby?
So sprach iudas.de böse man:
'Meystir, sage bin ich iz dan?* —
130. Abir sprach der herre da:
'DA hast gesagit recht alsa.' —
Wan des menschin kint nii get,
Als yan im geschribin stet,
We mxiz he ymmer iedooh han,
135. De dise yntruwe hat gedan.
1199. Zfi mambre. 1200. Irkante. 1203. die dri, wie sie gescheidin
sint. 1206. sus und so öfter statt also des Textes, 1208. an dirre.
1209. doch fehU. 1214. soldm. 1216. do wart geborin in ein son.
1219. so] do. jaren] dagin. 1221. got] he. 1224. als] sam und so Öfter.
1225. wirdiciichen] wundirliche. 1228. zfi wisene. 1231. sicha.
1233. sam als. vollen /<^A2t 1234. inkeinen. 1237. van wnd so himer,
1238. was fehü, 1243. heimelicbir. 1244. recht alse he gezägit hat.
1245. wie he uns sante. 1261. in] ein. 1262. hfit 1263. herre sie van
erste kernen. 1264. des da beident alle lant. 1260. wizer dan kein
milch. 1278. sit. 1280. jach, ich biten] breide. 1286. uz uren.
DIE FBAGEB HANDSCHBIFT DEB »EBLÖSÜNG«'. 47$
1287. wiffcio. 1 290. ioch virhort als iz gezimt. 1291. sinis] irs.
1292. onch fehU. 1296. wart] det. 1298. sterrenglast 1301. be-
quam. 1302. sterren her balaam. 1307. gan. 1308. intstan. 1312. al
ertriche. 1316. io die. 1316. als he vfirgesagit hait. 1320. und
wie. 1321. Bihet] sich. 1326. dine. 1328. kfining xmd ao meistens.
1329. hatte auch. 1330. seltirs sänge. 1331. geprediet und.
1332. gar fehU. 1334. wäre. 1336. uns gewat. 1342. brudegome.
1346. gar fehU. 1360. widirvan. 1363. an die sfinne. 1364. wAnne-
cliche dirre herre kfimit, also sanfte er sich nit sfimit. 1357. in
wolle. 1361. vfir. manen. 1363. der stolzen] die kändegere. er fehU.
1368. im auch. 1374. gar] vii. 1378. werilde und so immer,
1383. gesiebte] gelich. 1384. gesament] gesegent. 1386. eweliche.
1390. gabin gint im. 1393. geeret sie sin name g&t de die wfindir
eine dfit.
1404. Dinir. 1406. heidenen. 1406. wort] vorte. 1408. gar] vil.
UU.me fehU. 1412. wand. 1416. vdr in m. 1417. kfinnent. 1420. bis
ein got 1421. dine zeichin and. 1423. inthene. 1426. denke. 1428. dine.
1429. Habacuc mit. 1431. got sich wfilde. 1432. menschlich. 1433. in.
1435. die werilt auch. 1439 fehlt 1440. dine gehorde horte. 1441. da*
van ich sere vorte mich. 1442. dine] die. 1446. lebende. 1460. an din.
1461. konic] k&mit. bereit. 1463. dan] dar. 1464. antworte. 1466. schri-
ben die geschrift. 1468. zä lest sd. doch fehlt 1469. und sagit.
14^0. Triste lange noch. 1461. sin beidin doch. 1463. und sal nit lange
sSmen sich. 1466. sin sei in im nit rechte stat. 1466. gegebin. 1468. hat
gesprochin sus. 1479. virgan. 1481. s&llint bewegit. 1482. ander] alre.
1488. bereit 1489. mit fehlt 1490. der. 1491. da wirt vriedin vfillir
8chiD. 1493. vorgescheidenliche. 1498. iudeenlant. 1499. minste.
1602. Als ich vil rechte han vemfimen. 1607. anbeginne. 1609. si-
chelen slain. 1617. vrideliche. 1620. gantzin trüwin. 1623. sis.
1626. din heiler. 1627. armfide k&mit er. 1629. einin esil. 1630. ziden.
1631. allin. 1633. ynrt fehlt, mer bis zfi. 1636. biz] und. 1639. ge-
losit. 1640. da nit wazsere inne gent. 1641. verstent. 1643. wirdet]
Wirt da. 1647. ieso. 1649. da det. 1667. vfiUich bit. 1668. sit.
1660. noten] pinen. 1664. flüt] bl&t. 1666. van geschieht. 1667. ane*
sieht. 1668. dine. 1671. trfibnisse. 1672. din rfifin hait mich umgenfimen.
1674. sich] mich. 1576. noch] doch. 1677. doch] noch. 1578. was also.
1679. abir do. 1682. dinen. 1583. da daz gebet. 1684. zS. 1592. er-
kante] sante. 1596. daz. 1596. nnderwegen ist nit. 1597. hat auch.
1603. Slehit. 1608. da. 1609. als iesa. 1610. bereit. 1614. ge-
wisit 1617. ei. 1619. noch werdin sol. 1621. minste. 1624. verre
ewich daz minste deil. 1630. minste he. 1631. hellen. 1637. auch ein
ho. 1638. onch /^Att 1641. gotheide wol. 1643. euch feJdt 1647. sit.
474 J<^ CELLE
sendin. 1660ii. 1651. aal kftmoi de herre faeilant in sinen tempil so li
haBt. 1653. er] ir. 1661. gelich ubir ßilber värit 1667. sol] wol.
1678 tt. 1 679 fehlen. 1680. Ayel] her Ezechiel. 1683. düwer] mit trfiwen.
1684. kenfin. 1688. heimelichin. 1689. wißsage auch. 1691. davan he
alsus aach sprach. 1692. ab man sihit. 1694. in vortet nit, sit gemeit
1696. bereit. 1698. den s< ir ubir nch gesihin.
1703. Sint gelich in allen was. 1711. ewelichis leben. 1713. ju-
dischin. 1716. igenod geswigin. 1719. webel und. 1720. nnd]
nnz. in] hin. 1721. alhie nfi. 1722 u. 1723. wie den heidenin ist wordin
kfint dise dinge alzfi stfint. 1730. hait. 1732. nf ist woL 1736. auch
sie den irkennen liez. 1737. k&oden. 1738. und den luden dun bekant
1740. mensche uf der erden. 1743. gezuch. 1751. nit gekundit
1755. warumme hat unsir got verzigen. 1757. heidenen. 1758. ort] wort.
1759. wunder vort. 1762. an dirre. 1764. wol gekündit. 1765. godis
heimlichin rait. 1772. iz k&mit ein kuning. 1780. dan gar. 1782. dan
fehlt 1783. porten] propheten. 1793. aUiz ein geliche wer.
1799. trülich.
1801. Daz kündet nns jamerdage. 1805. böse unrecht den hoen vot
1806. tfischer heilich unde gut. 1811. der heiligin vlfich doch iesa.
1812. gar rilich wirt ane gelegit. 1813. die sondere ewige flwnme negit.
1814. sam zustund. 1815. zende biz sin kfint 1816. ouch fehlt
1817. mer berge bfirnint alzufaant. 1819. al bit alle. 1822. ertriche also
ergeren sal. 1824. rinnen] schiezin. 1825. ouch] al. 1826. nü sit
1832. bibinde urteil. 1834. armen, intstat. 1837. zeichinbere blibio.
Nach 1837 steht:
Wer die heubit buchstabe Ordinliche irschinen
Van obin an bit niedin abe Disin namen grändelos
Ordinlichen lesen kan Jhesus* Cristus. Agyos
Da schawit unde sihit man Theu und darna sother
In kriechin an latinen Dis prube ein man dis vindit er.
1838. hain wir noch hievor. 1842. gesichtecliche ansach. 1843. doch
1846. diz. 1851. vur wair weiz. 1852. die flamme. 1853. die richte,
" 1854. schachbanden. 1856, um. 1862, bisihin daz. 1872. nn] ioch.
1881. sit nemet der dinge war. 1885. ubiral gelich. . 1886. myrkit wie.
1893. bekant. 1894. noch hain wir einin helt. 1895. ist irwelt.
1900. Gekündit. 1901. heidene virgilius. 1903. sol] ist. 1905. uns
sal kämen eine magit. 1912. iezic] isem. 1917. riezent. 1918. bereit.
1919. daz sie irkinet. 1922. man] mande. Nach 1923 stehen:
In der selben zit geschihit, Mit den heiligin ubiral,
Daz he gemischit herren sihit und in ir ieclich schawin sal.
1925. got sal werden dan. 1926 w. 1927 fehlen. 1936. sich geaert] abir
yert. 1838 u. 1839 fehlen. 1844. so daz kint in jaris vrist. 1947. kaof-
DIE FBAGER HAND6CHRIPT D£B »ERLÖSUNG**. 47g
schätz. 1952. doit der. 1954. cr&t er feUUt. 1965. ouch feUL
1967. \tm fehlt inhat. 1969. in vfige. 1966. irbiebit. 1973, kfim, herre,
nie langir belibe. 1977. kein. 1992. sprach] sade. 1996. sin name saL
2002. Oach/^A2^. 2003. da godis geist sal in kämen. 2004. nf ime
rage. 2008. sal auch. 2010. he do. 2014. geslacht. 2023. kein ende
hat. 2027. berichtin. 2031. die swert z& sensen alle slagin. 2033 u. 2034.
sälche vriede irschmen hal in den selben ziden dan. 2036. dan] so,
2036. De wise her. 2039. mensche geborin. 2040 u. 2041. daz halt he
uns allis gesagit Wie godis m&dir wer ein magit. 2042. he sade,
2045. die wäre minne gebot. 2049. der helle] im. 2058. dise. clagelit
2064. wir han in gesihin z& vrist 2065. zfigangin. 2068. an daz legte
ort. 2069. des wir. 2071. söchede ist. 2072. maledich. 2077. iedoch]
gar. 2079. gewfint biz an den dot. 2081. in keine rede. 2087. ^i^nfehU.
2093. alsQs hat er vnrgepredegit. 2095. und also.
2106. vor virnfimen. 2107. selbe wölde. 2110. do sprach he alda.
2112. Sit 2113. sprichit. 2114. daz ich wil. 2116. eine. 2122. gereht,
wol. 2125, 2126 ti. 2127 und israhel sfil wonaft wesen gar getr&weliche
dan, Sit dan ist got kein andir man. 2129. doch] he. 2133. eime knechte,
dem. 2137. sit. 2140. sagit. 4143. doch fehlt. 2147. demonstrasti.
2146. machtis, tsm feUt. 2160. virdeilin. 2162. me] hie. 2169. un-
sanfte han ich dir virgin. 2171. ervunt] gewan. 2172. yfo\ fehlt. 118L
de sprach. 2182. in die. 2184. dort her komen. 2189. daz da daz volc.
2198. nud nnmmer»
2201. DochfehU. 2207. den der vadir. 2209. ufleit in der gotheit.
2216. oach/<?AZ^. 2220. dich herre. 2221. Aen fehlt. 2222. daz reine.
2225. Sit. 2226. dirre. 2248. mit ganzir. 2249. vrunt fehU.
2252. saltfi. 2253. si. 2255. in si dan van erst geborn. 2256. her fehU.
2257. wart. 2261. und] daz ich. sol] noch. 2264. van den. 2271. ein
ieclich sonderliche. 2276. in.
3232. die van benie. 3234. zuchtecliche. 3236. was. 3240. mit.
3241. s&chint. 3243. herre. 3247. sulde. 3248. ubir alle kuninge rieh.
3255. erden hat gebot. 3257. wesen. 3259. ir habit. 3261. si sprachin
bis herre ane zom. 3262. die rede. 3263. oberlant] oriant. 3275. ir
wissagin. 3276. han na nch. 3280. wirt. 3281. sit des wil ich berichtit
sin. 3289. Malachias.
3342. Inne. 3345. da fehU. 3353. was. vot. 3354. ufgedan,
3355. kuninge san. 3358. wunderliche. 3362. &\q fehlt. 3365. der men-
scheit. 3368. in der selben zit geschach. 3369. ein engil in dem. 3371.
ir insfilt nit da. 3376. heim. 3379. bereit. 3385. welch ir wechtir sfilde
sin. 3394. machte he. 3395. dise herren uz tharsin. 3398. sfindir gar.
3399. waren.
3400. So] da. 3401. in grozsin schreckin he quam. 3403. hant die
476 JOH. KELLE
herren mir gelogin. 3406. van dem ich han horin sagen. 3407. daz iz.
3412. jadeenlant. 3413. ie zuhant. 4415; ligin] blibin. 3425. in beidin
ftit gedagit ^427. doch um die geschichte.' 3428. de. 3436. zä. 3438.
richelichir. 3445. waz sfilde der reden mere. 3447. wan daz.
3450. kinder dote. 3457. wille. 3461. genomen. 3464. da was da.
3466. harte. 3467. zur. 3469. welch vrowe ein sf n hette. 3479. ir] sin.
3480. des auch. 3482. vgglin. 3488. wart. 3490 sit. kindes. 3491. in
einin val ist gegeben. 3492. davon doch. 3495. höre. 3497. dine.
3499. was.
3501. sal he nit e gesien. 2504. den henden. 3505; genende.
3506. daz se sterben wfilde wanne daz he sulde. 3520. les iz. 3534. nit
lange. 3539. herodes hait. 3541. des qnam. 3542. gadem] gftdeo.
3647. daz fem. 3549. sin fehü. 3855. ho ubir. 3558. zu. 3564. he
bfirte sich uf und vfir hin. 3570. der] daz. 3573. und als he zu.
2577. de wint in alliz blate nach. 3581. biz he z& lande sich geschielt.
3582. hein. 3583. gleim] schein. 3591. also hait he. 3595. iezn feUt
3596. darzü sin. 3598. und min. 3599. zom ich mazen.
3603. Sie bfiden mir z& grobin schach. 3605. daz ichs verdragin nit
inmag. 3606. hie. 3607. mir gehiezin sie. 3608. her wider süldin kämin.
3610. also gedan. 3611. süldin. 3612. sie betrugen mich. 3613. hin/^AZt
3615. &o fehlt. 3619. m fehü. 3621. ixgen feUt 3622. weiz got alle
slayn. 3623. oxichfeUt 3627. hie wa wer. 3628. hie gein. 3629. erwer]
gener. 3630. von danne was de. 3632. n& da. 3633. begab. 3634. zö.
3635. der nieder. 3640. also. 3642. die kindir bie. 3643. etzwie nahin.
3644. mochte. 3648. und vierzich dirre kint. 3650. sarracen. 3651. det
uf alsulch leit irsten. 3656. van. 3663. rama. 3666. die liede.
3667. ubir alle ir. 3670. wüldin nit getroistit. 3671. van u-en trfiden.
3675. daz sich ein ende anevienc. 3677. sichir selbe. . 3681. und mfiz da
lidin ach. 3683. was. 3689. nu fehU. 3693. nufehlL 3695. sin] die.
3697. gesendet 3698. vortin dut dir me kein not. 3699. ist] lit.
3701. BsifeMt 3703. bürte. 3707. v&rgeschribin disen. 3711. sam
van. 3713. geheischit. 3717. me] e. 3718. sagt] sihit 3720. quainen.
3721. rugin lachtin. 3727. und an. 3729. gert. 3732. zfi spraichin und
zu rede. 3733. des fehU, 3734. seltirsange iesa. 3736. als he doch^welf
jar alt wart. 3737. uf hüb. 3739. gaxfehU. 3745. dar daz vfilc in wiedir
strit. 3747. So iz do ende nam. 3749. Jhesus beleih. 3762. begunde he.
3763. sin] den. 3764. Do was abir. 3765. Daz sine vrfint virnomen.
3767. daz he zu scholin were. 3768. Daz sie daz kint. 3786. In iegiichin
stfindin. 3787. mundin. 3789. gar fehU. 3790. gotliche. 3791. Hoe
und manigvalt. 3794. ez fehlt. 3795. ie gehören. 3796 u. 3797. daz
s&lche wunder ie geschege, Als man an dem kinde sege. 3799. sich hüb.
3800. Eine hoe Wirtschaft. 3801. wfilde sin craft. 3802. Jedoch wfilde.
DIE PRÄGER HANDSCHRIFT DER »£RLÖSUNG^ 477
3805. und alda. 3811. schrifte hant 3812. ein wib. 3813. Des. 3815.
so na] Da. 3819. Si mohtis nit. 3821. denke. 3820 u. 3821. verBteUL
3822. Daz. gebrostin. 3827. irzengin. 3835. dan nz so dede he vliezsin.
3836. win edelin. 3837. da feUt. 3838. alzn. 3841. der wirt] he.
3842. brfldegamen. 3843. ei namen. 3846. diz. 3847. Hatte nnsir herre
da. 3850. sieder. 3852. dirre. 3858. Weriltlicher ere. 3860. zfi.
3864 In die. . gegeben. 3865. heilegis. 3868. noch keine. 3869. ieman]
gerwen. 3872. in dem walde. 3873. bfime. ' 3876. daruf. 3880. al ubiral.
3881. Sine stimme al amirschal. 2883. suldin geben. , 3884. Rechtes ge-
wichte. 3885. he rechte richte. 3886. und wie die Ifide otmfldekeit.
3888. He kauft. 3889. Rfiwe al irre. 3890. beilege lerte. 3891. bekerte.
3993. Zfi geldene, widir gebene. 3894. ob iz so verre were. 3898. dem
fehU. 3899 u, 3900. He hiez sie alle haldin vriedin zfi einandir ubiral.
3901. Dise mer. irschal. 3903. Sie machtin einin convent. 3904. be-
sprachin. 3906. Daz uns sint komen mere. 3910. vrageden. 3913. machis.
3914. dafife. 3915. antwerte begunde. 3919. k&mit 3920. vfir.
3921. ist auch also. 3922. Als&lche wirde hoet in. 3924. Daz ich die
riemen abetf . 3915. sine. 3926. de herre. 3929. Van iren sfndin rein-
gin sal. 3933. in alle wis. 3935. mogin. 3939. Machit godis weg.
3942. Recht als her. 3943. schrifte. 3945. lag die rede niedir. 3948. den.,
3953. sus] San. 3958. An dem ich mir bevallin hain. 3959. Den horit und
Sit. 3960. Herzfi. 3961. wissentliche. 3962. werbil. 3963. gelich.
3965. hatte. 3966. hatte, verkorn. 3967. grobelichin. 3968. zfi dem.
3969. Wan he begienc den ungev&ch. 3979. inzfischin. 3981. zwelf.
3985. Zfi lazene und zfi gebene. 3988. Sie lerten auch die jüngeren.
3989. dfirstin hungeren. 3990. ho gebet. 3991. Waz hievor der herre det.
3993. zwelfe. 3994. iedoch] also. 3996. ganze] alle. 3997. da spisen
iobar. 3999. wisen«-
4000. iezfi in. 4001. heilige. linfeKU. 4005. he auch id. 4Ö13. Gar
geduldecliche nu. 4016. in des. 4017. Wan. 4020. Zfi allir hoest.
4021. der/eAft. Sathan. 4032. zefinde. 5036. neigis dine. 4037. ane-
bedes. 4042. dienen. 4047. alzfi. 4050. dirre. 4055. find also.
4059. Daz he vil lüde bekerte. 4063. sanc] smac. 4065. rede. 4066. se-
lege. 4070. Habit rfiwe und si uch leit. 4072. Auch wisset liebe sfinder
var. 4079. Lat ure sfnde uch rfiwen. 4081. Wand ich sag in uch vfirwar.
4086. balde] wal.
4101. Trfiweliche. 4106. rein ist. 4108. Die sint sin alsundir wan.
4119. gnfig dort. 4121. uch die l&de. 4125. und ummer werindis.
4126. an. 4128. dort obin. 4132. dise. 4133, uf /^«fe 4134. Mit luder
stimme rief ein wib. 4136. herre hat. 4141. Die gerne horint gfidis leben.
4144. iezfi fehlt. 4146. brfider wib. 4149. andir rede. 4150. hatte.
4153; ei vr&nt. 4156. brfider wib. .4163. Efirzelich biz einin dag.
478 JOE. KELLE
4166. nnz/ehU. 4167. so. 4169. danzede und wichte hin. 4171. des
sprach. 4174. lustelichis. 4176. kSning her. 4177. nit dan. 4179. sit.
4182. sine kfinincliche. 4183. AIsus begienc. 4184. Sus leit lohannes.
4185. im auch unse herre inbot. 4188. gar /?AZ^. 4189. e\n fehlt
4194. den laden hin van. 4195. den/eJdt 3199. also irhal.
4200. Zu disin ziden auch. 4202. geschehen] gesihin.
4343. ime. 4344 üi 43iB .fehlen. 4348. gebenediet ummif sie.
4353. kinde. 4357. sänge. ' 4359. hüben nf. 4363. unse herre ihesas.
ruich 4363 Btehen: Zfi ihemsalem gerieden ünlange si da biden. 4366. sie
giengin scharaft uz ir stat. 4370. gein ime. 4371. mfeUt 4373.kanft.
4377. ane. 4378. al um irhal. 4379. schal. 4383. alzu. 4389. chore.
4393. Numme invorte. 4397. rechte wordin.
4402. kindir. 4414. obe: 4419. dine. 4425. haue. 4426. zvirint
kree. 4432. vollequam. 4442. selbir. 4443. zu. 4446. gart. 4448. er
fehU. 4449. YiiefehlL 4550. jüngeren, ime. 4453. Da daz oleibeumechio
stet. 4454. dahin. 4464. gesin. 4470. an mir irge. 4471. daz.
4474. De trost und sterkede in. 4483. uffe. 4489. det langin. 4490. Und
satzidis wider an alsns. 4491. Der knecht der hiez malchns. 4494. Die
riefin ihesnm nazaren. 4496. Diz was der herren Widerrede. 4499. zwi-
rint da.
4500 u. 4501. In kuste iudas. sa zu hant Begriffin sie den heilant.
4606. gen der stede. 4508. ime ach und we. 4509. lange rede.
4512. doch fehlt. 4613. gezfige. 4517. vfilgede alliz. 4520. sach.
4621. sprach. 4522. sit der. 4526. Und sag in ane. 4527. auch began.
4528. irkant. 4543. Roft. die. 4544. und die. 4546. hete/^Aft. 4648. Vär
grozin rfiwen bittirkeit. 4549. Angist wfis im unde leit. 4550. Und unsihir
rfiwe. 4567. alle sa. 4560. arme. • 4561. daz. 4564. gegeben.
4567. wfis abir ir mfit. 4571. iedoch fehlt 4573. wo! die. 4576. Auch
vflrgesichtecliche. 4576. iesa] also. 4581. ie doch. 4582. so.
4589. da. 4692. und 'ir spot. 4593 u. 4594 fehlen. 4597. nu] alhie.
4598. popil.
4603. so virspiet. 4606. heilant. 4608. do fehU. 4612. Die her-
schaft hatte van der stat. 4613. luden her. 4616. v^n fehlt. 4617. sach.
4624. ubils/jAft. 4625. So wer he nit gevangin. 4631. sin. 4632. in den
sal hin dan. 4635. libe. 4637. antworte he doch. 4639. Sag an sag an
wie. 4647. Geweide lutzil. 4648. Were si dir nit oben her. 4649. vir-
l&hin. 4654. hinvure. 4658. fif ime noch kein not. 4669. damit. 4660. ein
gewohheit. 4662. lazene. 4663. Einen uf den ostirdag. 4667. sie spra-
chin nein laz.' 4668. de da. was gewesen. 4669. sie jagin laz uns den
genesen. 4679. geislen. 4681. uzir mazen. 4683. horin. 4684. iz wal
vfirwar. 4686. Vil gar wart. 4689.'Die waren nfi vil garwe. 4691. willec-
lich. 4694. vorgeschribin. 4699. Hat mine ser ie man vemomen.
DIE PRAGEB HABDSGHRIFT DER «EBLÖSUNG**. 470
4701. bt dite pin iemanne kfiat 4706. vot 4708. ein kfiiUDg kleit
ein samit rot 4709. vlachtin. 4710. dornen. 4713. darof geknfltte»
lieret 4718. der joden. 4727. also. 4728. Van dem herren iedoch ge-
sihin. 4731. ofBrstat. 4735. gewant he. 4743. waz ich d&. 4746. keine
not. 4749. wart fehU. 4751.' hdl io. 4767. sa zfihant 4758. ge-
walt in ir gewer. 4770. mufe helfen tragen] m&ste heben. 4771. volc
ein drebin. 4772. zogtin nz ir. 4783. ieglichir« 4794. vol 4796. nihft
fML 4797. omb] uf. 4798. schachman.
4814. Do] Daz. 4819. unde feUt. 4830. hatte ire. 4836. sine.
4838. diz. 4839. tr&weliche. 4842. schachman. 4847. redes.
4860. nfi horit waz man nch sagin sal. 4864. Züspr&ngin nnd zfislizin.
4869. aach gein dirre nngnadin. 4871. so. 4881. man dar mit gallen.
4884. im daz. 4885. n& iz. 4892. iz dfidit. 4893. min got 4894. biz.
4902. Dine. 4903. sihit also. 4904. do. 4908. die hellin.
4909. sinin. 4912. wand iz. 4919. irm. 4921. und] er. aldar. 4928. Da
ine he den heilant stach. 4929. dan uz. 4935. daz irwan. 4938. hiez er
fehlt 4939. babemin. 4940. ein. 4941. allen vliz. 4942. den lichamen.
4960. unbekant 4976. He wände daz. 4981. bekümen. Nach 4982
tiUldx w&ndirs hat he vil began. 4985/^^2«. 4994. ist he. 4996. sit
4999. werde.
5000. bekomen. 5001. wer iz auch. 5004. stören] st&rmin.
5011. sinen. 5016. hellin. 5019. wer davor. 6022. Ein k&ning rechte.
5028. aber] balde. 5043. seltirsange. 5047. die selben] dise. 5048. alle
ding. 5050. wnnnenclichir. 5051. selben] den seien. 5054. alsa.
5075. wäre. 5079. in sinre. 6085. der eren. 6094. der werde abrahant
5096. schepper.
5111. Und die mit im irvreuwete. 5113. wand. 51 14. der eren.
5117. in dirre. 5119. Hiev&r so trfiweliche las. 5126. gesihin. 6132. hel-
lin. 5141. Des milden herren gotheit 5142. Von den seien abiral.
6143. Hub sich ein wänneclichir schal. 5144. Si snngin und. 5145. iedoch
alle so. 4146. bereit. 5149. Daz du geweldeclichir. 5150. hint. dirre
seibin. 5155. Ir langit. 5160. n& wordin gewar. 5161. wfinnecliche schar«
2164. nut/^AZ^. 5168. Da beiibin die vierzig. 6170. danft. 5171. E daz
morginliecht intfieng. 5177. bleich als ein. 5187. Daz der dodin also vil.
5188. ime da. 5190. Daz sie wol mochtin schawen. .5191. ja mede man
und vrowen. 5192. der lobesame. 5196. he uns den. 5197. irbibit.
5198. gerfiwit. 5199. der herre heilant. '
5205. daz fehü. 5214. iedoch. 6219. lindin la&b. 5220. den bäu-
men. 6222. ünde sleit dar und dar. 5226. In alre wise det alsus.
5228« Ja sa. 5230. gespannen wart. 5231. Geslagin und. 5233. Da wart
man zu haut gewar. 5238. in der. 5241. Bereidit. 5258. So sprach.
5263. Wand. 5265. naher] vffohir. 5268. irschrekin. 5277. zäme.
480 FRANZ FFEIFFEB, ÜOSEZZEL.
5283. jüngeren Sagit in. 6284. sagit in und petro. 5289. beleih.
5298. bi ir.
5300. Nahe. 5301. Ein spade. 5304. nnd] he. 5306. Ihesnm, herre,
von nazareth. 5307. trost min. 5308. gewar. 5314. Mit namen er.
5316. bevloz. 5318. Gebenediet mftst da sin. 5325. dfl sag in. 5327.
waz dS hais vemomen. 5328. lange. 5333. zwelfir. 5338. mine.
5349. von der beswere. 5361. irstat
PRAG. JOH. KELLE.
ÜOSEZZEL.
Ich möchte das mhd. Wörterbuch gelegentlich vor einem Worte bewah-
ren, das dort zu stehen gar kein Recht hat. Ich meine den Ansdnick
w)B€zzel Lanz. 6023. Es ist von dem Wundermantel die Rede, der nur
derjenigen Frau vollkommen passt, die sich AexstCBte^ der ehlichen Trene
rülunen kann. Da heifit es:
al umbe uüd umbe er*r rehte kam
wan ein michel loch gie drin:
daz solte vermachet sin
mit eim uosezzel breit,
der ir doch was nnbereit.
uoBezzel ist auf Betrieb Lachmanns gesetzt, der dazu auf Graff 1, 69 nnd
Gramm. 2, 784. verwies, uo (ags. 6) ist untrennbare Partikel = r^-, pod\
damit zusammengesetzte Wörter sind schon im Ahd. überaus selten, im Mhd.
zeigt sich davon keine Spur, und gar uosezzel^ Rücksessel, reclinatorium, ist
weder im Ahd. noch Ags. nachweisbar. Überdiefi wäre es sonderbar sich
mit einem Lehnsessel ein Loch im Mantel (es ist nicht gesagt, wo es sich
gezeigt habe) zu vermacheriy zu verstopfen, zu bedecken. Die Wiener Es.
hat vofezzely die Heidelberger irfeaaede; es wird fOirfezzede oder ßkrfezzeX
zu lesen sein; eine Verwechslung von / und / ist -nichts ungewöhnliches.
Ahd. heifit /a^^m Schleier, /?^8>a;^ö Schweißtuch (Graff 3, 733); Schweiz.
fetzeuy fätzU linteolum, lineamentum beim Zürcher Pictorius, vgl. Frisch I,
264*; ahd. gefazzidi %^x(^vDxiSA^ ein Pack Kleider, /Äte^fe, auafäzete^ gefäiz
Schweiz, ein Stück Tuch, y^fatzelety fatzeneüi (it. fazzioletta) Sacktuch,
Handtuch, fürfezzede oder farfezzel wird hier in der Bedeutung von Für-
tuch, Schürze stehen, was sich zum Verdecken eines Loches im Kleid ungleich
besser zu eignen scheint als ein Lehnsessel.
FRANZ PFEIFFER.
LmXRATUB. ' 4gl
LITTEEATUß.
Def ItilUieiailgf Frflhling. Heraasgegeben tod Karl Laehmann und Moris
ELaapt Leipsig, S. Hirzel 1857. 8. Yin und 840 S. (2Th]i.)
So ist denn die^ Buch, das schon vor zehn Jahren yerheißen war, endlich er-
schienen. Es trä^ ganz den reinlichen Charakter in der Ausführung, die alle frühe-
ren Ausgaben beider Herausgeber auszeichnen , und birgt in seinen Anmerkungen
einen reichen Schatz Ton Gelehrsamkeit. Wie es schon der Titel des Buches zeigt,
umfasst dasselbe die Liederdichter aus der ältesten Zeit des deutschen Minnesangs:
es beginnt mit dem Anfong der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts und
schließt mit dem £nde des Jahrhunderts , mit Hartmann Ton Aue , der die Grenz«
scheide bildet zwischen der früheren mehr oder weniger noch unrollkommenen Lyrik
und der in Form und Inhalt gleich ToUendeten, die ihren Höhepunkt in Walther er-
reicht. Voran stehen die namenlosen Lieder, unter ihnen die dem Wernher von
Tegemsee fälschlich zugeschriebene Strophe (3, 1 — 6), zwei aus der Hs. der car-
mina burana entnommene (3, 7 — 16), und dann einige unter bestinmiten Dichter-
namen überlieferte Lieder. Aber nicht immer mit hinreichendem Grunde , will mir
scheinen, ist hier der fiberlieferte Name getilgt worden. Wir werden im Unklaren
gelassen , wie es sich mit dem in A bei vielen Strophen stehenden Niune verhält.
Daß unter diesem Namen eine Reihe von Strophen und Liedern zusammengewürfelt
ist, die nicht von einem Verfasser herrühren können, ist klar: aber was der Kern
dieses Namens ist, ob nicht doch einige dieser Strophen einem so genannten Dichter
angehören, darüber sagen die Herausgeber nichts. Über die in den Hss. dem Kaiser
Heinrich zugeschriebenen Strophen, die in der vorliegenden Sammlung ebenfalls un-
ter den namenlosen Liedern stehen, kann ich um so eher schweigen, als J. Grimm
erst jüngst dieselben wieder dem Kaiser zugetheilt hat (Germ. 2, 477 ff.).. Ihrer
Ansicht zu Liebe haben die Herausgeber die in den Hss. überlieferte Folg«^ der
Lieder umkehren müf en. Warum nun Walther von Metz ganz aus der Reihe unse-
rer Liederdichter gestrichen werden soll , leuchtet mir noch nicht ein. Wenn ihm
auch nicht alle in A beigelegten Strophen gehören, was >schon aus der verschiedenen
Beimbehandlung hervorgehen dürfte (sieh zu 4, 1) , so darf man doch nicht ohne
Weiteres den Dichter ganz tilgen. An Gautier von Metz mit Waokemagel zu
denken wird nun freilich nicht mehr erlaubt sein. — 16, 12. die Vermuthung Liach-
manns, es möchte vor nide zu schreiben sein, ist überflüssig; denn ebenso sagen
auch provenzal. Dichter per mal, wie hier, von den Neidern, neben per evw^a. Die-
selbe Vermuthung Lachmanns wendet Haupt auf eine andere Stelle (S. 298) an,
wo das überlieferte von leide ebensowenig anzutasten ist. — Die unter Spervogels
Namen S. 20 — 31 stehenden Strophen gehören doch, wie schon Pfeiffer (Germ. 2,
494) mit Recht bemerkt hat, in keinem Falle Einern Dichter an. Darauf hätte
schon die Verschiedenheit der Reime fahren sollen : während die Strophen 20, I — 25,
12 regelrecht und genau reimen, haben die übrigen S. 25, 13 — 31, 6 freie Reime,
lassen die Senkungen weg, brauchen nach Art der epischen Poesie klingende Reime
31
jgl UTTERATUB.
für zwei Hebungen, was Alles in den yorhergebenden Strophen nicht Yorkemmt.
Die Hss., die neben Sperrogel einen jflngem Spervogel überliefern , wenn auch die
Bezeichnung nicht zutrifft , weil unter dem letzten Namen gerade eine Menge von
Strophen des altem Dichters stehen , haben doch die richtige Erinnerung bewahrt.
Ich möchte daher auf 20, 18 0^9« mfn geseiU Spturvogd s<jmc (wobei eigentlich Spere-
vogd zu les^n wäre , weil der jüngere Dichter die Senkungen nicht auslässt) mehr
Gewicht legen, als Haupt S. 238 zu thun scheint. Aus dieser Zeile ist wohl der
junge Spervogel hery orgegangen, wober yielleicht eine falsche Lesart (min genanne?)
mitwirkte. In den Anmerkungen (S. 242 — 245) stehen noch eine Reihe Strophen,
die für unäoht erklärt- werden. Jenem Speryogel, der 25, 13 — 31 , 6 dichtete,
können sie freilich nicht gehören : warum aber nicht dem andern Dichter, mOge er
nun auch Speryogel geheißen haben oder nicht? Sprachlieh steht nichts entgegen,
und aueh der Inhalt der meisten Strophen ist dafür kein Hinderniss. Und selbst
wenn dieß wäre: warum muß denn gerade jeder Dichter in einer ganz bestimmten
Manier gedichtet haben, warum kann ihm nicht etwas gehören was einmal aus dieser
Manier heraustritt ? Ich muß gestehen, auf die Gefkhr hin für kurzsichtig gehalten
zu werden, daß mir die Gründe dieser schweigend yerwerfenden Kritik nicht immer
klar sind. In der Strophe V. 61 — 76 (S. 244) ist doch wohl die Versabtheilung in
den Stollen anders zu machen.
Der alten rät versmdhet nü den landen.
unbetwtmgen eint die jungen; dne reht wir leben.
Für die zweite Zeile beweist den Inreim die Elision in 69. 70 menege schände uns ist
vür fföide gegeben^ so wie die Übereinstimmung mit der Schlußzeile der Strophe (76),
die keinen Inreim hat.
Was die Dichter betri£Ft , die romanische Weisen und zum Theil bestimmte ro-
manische Lieder nachgeahmt haben , so haben sich die Herausgeber darauf be-
schränkt, die bis jetzt gelieferten Nachweise aufzunehmen r Neues in dieser Be-
ziehung hat des Minnesangs Frühling nicht geleistet. Eine Vergleichung der bei
diesen Dichtem yorkommenden Strophenbildungen mit yerwandten romanischen
wäre wünscbenswerth gewesen. So hat Friedrich yon Hausen , wie ich in meinem
Berthold yon Holle S. XXXVII bemerkt habe, eine Strophenform Bemards yon
Ventadorn nachgebildet, in Versmaaß und Stellung der Reime, was nicht zufällig sein
kann. Eine Entlehnung anderer Art habe ich in dieser Zeitschrift 3, 304 ff. bei
Heinrich yon Meningen nachgewiesen. Den Ursprung der dactylischen Verse in
der deutschen Poesie, die sich grade bei den hieher gehörigen Dichtem finden, haben
die Herausgeber gar nicht berührt , und doch hat Lachmann selbst dieß für einen
wichtigen Punkt erklärt. Hätte dieß nicht in die Anmerkungen gehört? In den
•dactylisch gebauten Versen ist meist durch die nicht selten angewendeten Accente,
— die meist bei zweisilbigem Auftact und in klingenden Reimen stehen, wenn diese
für zwei Hebungen gelten (aber sonderbar ist die Anwendung des Accentes bei
Heinrich yon Veldeke 57, 10) — das Lesen erleichtert worden. Über die Behand-
lung der Dactylen, mit der ich nicht überall einyerstanden bin, werde ich ein ander-
mal ausfiihrlicher sprechen. — Die Behandlung der Lieder Heinrichs yon Veldeke
betreffend , hat sich Haupt im Vorwort ausgesprochen. Man wird die gewaltsame
Art EttmüUers , die alle Überlieferung über den Haufen stößt, um einen 'reinen
Dialekt Zugewinnen, gewiss nicht biüigen: allein eine größere Übereinstimmung
UTTERATÜR. 4jg3
der liMiie hftUe doeh wo^l erreioht werden kOnnen, ohne den Hss. zu nahe su
ireieo. Dasselbe ^It in noeh höherem Grade tob d^i mitteldeutschen Dichtem der
Sanunlung , für die festere Grundlagen zu geben waren , als für die schwankende
niederrheinische Mundart.
59, 7. 8 ist zusammenzuschreiben, wie die Elision in 59, 19. 20 beweist,
wclgstäne votisches äne
tiehter varwe srhUichet garwe.
denn einen jambischen Vers 59, 20 anzunehmen ist in diesem rein trochäischen
Ltede nicht erlaubt. Die auf S. 259 angeführte Strophe Wan sd dm vrowen disnen
unde spreeken^ die 'nicht nach Heinrich von Veldek' aussieht, ist doch wohl nicht
anzuzweifeln. Schon der Reim der Strophe, die im Abgesange die Keime der
Stollen wiederholt, yerräth romanisches Gepräge und würde demnach recht gut zum
Veldeke passen, und warum soll dieser Dichter nicht auch eine ^bedeutende
Strophe' gediditet haben? — Zu 71, 7 yerwuthet Laehmann bewani, worauf durch
Umstellung der folgenden Zeilen ein sargen bani als Reim gewonnen wird. Aber
dal^ in diesem Absätze des Leiches, der riermal wiederkehrt, 70, 26 — 33. 71, 6—12.
75, 13 — 20. 75, 34 — 76, 1 aoht&oher Reim angewendet ist, scheint er übersehen
zu haben. — 91, 36 — 92, 6 ist d^ Abgesang zu schreiben
swer si vor mir nennst^ der hat gar
ndch u fritmds ein ganzea jdr^ hei er mich joeh verbreimetf
denn nur so ist die Überein Stimmung zwischen Stollen und Abgesang ersidlitlich ;
indem die drei Theile der Strophe stimmen bis auf das Geschledbit der Reime , das
im Abgesang un^kehrt ist. — 115, 27—33 ist in der ersten und dritten Zeile der
Strophe ein Inreim bei zit und gtt anzunehmen. — 124, 38 hat LAchmann, denn die-
sem kommt die Herstellung der Strophe dem Register nach zu, übersehen, daß dieser
Strophe eine Zeile fehlt. £s ist ohne Zweifel zu lesen 124, 38. 39
also kument mir diehe
ir wol liehten äugen bliche
in min herze, da si vor mir gdt.
Der gleiche Anfang der nächsten Strophe hat den Ausfall des einzigen Wortes
blii^ bewirkt, während Lachmann das Metrum verstümmelt. — 126, 8 — 32 sind
die beiden ersten Zeilen des Abgesanges zusanunenzufassen und zu schreiben
mir ze unstaten sten, mae si dan rechen sich.
Aus mehreren Gründen, 1) weil alle Verse dieses Liedes troohäisch beginnen,
2) weil durch die Zusammen&ssung in ^inen Vers dieser der ersten Zeile des StoUens
gleich wird, der Abgesang also den ganzen Stollen um&sst und die erste Zeile des-
selben noch einmal widerholt (ähnlichgebaute Strophen sieh in Germania 2, 292). —
132, 3. 5 schreibt Lachmann sSjeißSje, um die yerschiedene Quantität in sdteiß^
zu yermeiden , aber eine Form s^ ist noch nicht belegt. Bekanntlich haben die
mitteldeutschen Dichter die Verlängerung ursprünglich kurzer Vokale am frühesten
angewendet: einige Beispiele hat Pfeiffer zum Jeroscfain S. XXXVIH Anmed:. fta-
gefuhrt. Eine Verlängerung anderer Art hat Morungen 140, 32. 34 in sumerikwm'
msr. — 133, 29 warum nicht hrSmst? — 136, 25 ff. sind die beiden ersten Z«tkn
der Strophe zusammenzufassen , und ebenso die dritte und vierte. Daft die Strophe
durch das Zusammenfassen yierzeiÜg wird macht nichts aus. Genötlngt werden
wir^dazu «inmal durch die Übereinstimmung mit d^ letzten ISt&ophemBoUe ufid daop
81'
484 LITT£BATUB.
durch die Trennung, des Ac^ectirs stoßen \ frowen ld7, 6. 7., die beim Endreim nur
selten begegnet. — 166, 3 ist nUn für min übersehener Druckfehler. — 179, 3 ff.
ist der Abgesang wohl zu schreiben
nu verbieten cUsö dar und hUeten
da% ei eich erwüeten! wi wee nemewt ei war?
denn dadurch werden diese beiden Zeilen dem Stollen gleich, bis auf den weiblichen
Ausreim der ersten Zeile. In der Zusammenfassung bestärkt mich 180, 6 der Yers-
sehluß waz ruoeh ich. Zwar wird aus Reinmar (zu 193, 8) noch 159, 12 lid ich
als ebensolcher Versschluß angeführt, aber dort liest man doch wohl lieber umb und
lide ich. Der jambische Vers 179, 29 der einigermaßen gegen die Zusammenfiusung
zu sprechen scheint, ist durch daze trochäisch zu machen. — In den proyenzalisclien
Texten, die in den Anmerkungen mitgetheilt werden, ist S. 264, letzte Zeile zu lesen
eneauf/a; zu 85, 21, Z. 4 noca.
Was die Entscheidung über die Unechtheit Yon einzelnen Strophen betriift, so
haben wir schon bei mehreren Zweifel ausgesprochen. Die Gründe für die Dnecht-
heit sind nicht immer genügend: S. 303 heifit es 'die einzelne unbedeutende Strophe
84 hat wenig Gewähr des Verfiissers^; Die beiden Strophen S. 314, die Haupt
selbst für reinmarisch hält, warum sind sie nicht in den Text aufgenommen? Und
warum können die S. 318 — 320 aufgeführten Strophen nicht yon Hartmann sein?
bloß weil sie 'nichts yon seiner Art* haben ? Aber das klingt doch gar zu subjectiv.
Wollte man so mit unsern neuern Dichtern yerfahren, wie Vieles würde gestrichen
werden miUJen, was 'nicht in ihrer Art* ist?
ROSTOCK. KARL BARTSCH.
2.
Das oben genannte Buch ist wichtig genug, um eine doppelte Bespreehong zu
yerdienen und yon yerschiedenen Seiten beleuchtet zu werden. Leider gebricht es
mir in diesem Augenblick an Zeit , um dem im zweiten Bande der Germania S. 491
gegebenen Versprechen in dem Umfange, wie ich*s damals beabsichtigt hatte, nach-
zukommen. Aber ganz will ich das dort Versprochene doch nicht schuldig bleiben.
Stäts bereit, fremdes Verdienst, wo ich's auch finde, offen und rückhaltslos an-
zuerkennen, stehe ich nicht an, in das eben yon Bartsch und schon früher (Genn. 2,
480) yon J. Grimm dem Buche gespendete Lob mit aller Aufrichtigkeit einzustimmen.
In der That ist hier für unsere älteste Liederdichtung sehr Bedeutendes und alles
Dankes Werthes geleistet, und wir haben Ursache, über die schöne und rein-
liche Gestalt, in der die Lyriker des 12. Jahrhunderts hier auftreten, uns zu freuen.
Diese Anerkennung kann mich aber so wenig als jene beiden verehrten Bütarbeiter
bewegen , in das anderwärts yernommene , ungemessene Lob einstimmend , Alles
was und wie es hier steht tadellos zu finden und mein Auge yor den der Ausgabe
noch anklebenden Mängeln zu y erschließen. Haupt scheint zwar, indem er sich
auf seine und Lachmanns reifliche Überlegung steift (S. VII), zu glauben, Andre
hätten dieser Überlegung nichts als Einfalle , Einfalle aus dem Stegreif, entgegen
zu setzen. Bei ruhigerer Betrachtung wird er indess wohl selbst auch zugeben, da0
LITTERATUB. 48S
die Überlegung nicht das Priyilegium Dieses oder Jenes ist, sondern daß auch Andre
noch als bloß er und Lachmann derselben fUhig sind , und überdieß wird er aus £r-
ÜEkhrung wissen, daß oft einem plötzlichen Einfalle gelingt, was lange fortgesetztem
Nachdenken sich entzogen hat. Es scheint mir daher nicht klug gethan , von Ein-
fällen mit solcher Wegwerfüng zu reden.
Mag jedoch seine Ansicht über diesen Punkt sein, wie sie will, so soll uns das
weder schrecken noch von einer Prüfung abhalten, im Gegentheil , gerade in der
hochmäthigen Art, womit hier im Voraus jeder Vorsuch einer Verbesserung zum
Einfall gestempelt wird , erblicken wir die Aufforderung, die Ausgabe einer ein-
gehenden Prüfung zu unterwerfen imd nöthigen Falls unsere Meinung der seinigen
gegenüber zu stellen. Wer dann ein Urtheil sich zutraut , mag entscheiden , wo
der EinfkU ist, hüben oder drüben. '
Ich wende mich zuerst zu Einzelheiten und werde mit allgemeinen Betrach-
tungen über die Ausgabe, ihre Einrichtung und Anordnung, schließen.
Gleich die Änderung 7, 17.
daz min fr&ide dez minmst
ist wmh alle ander man.
kommt mir nicht so gelungen vor , als J. Grimm (Germ. 2, 480) sie gefunden hat.
dez ist hier des Metrums wegen für daz gesetzt, nach Wackernagels Vorgang (Fdgr.
1, 264). Der Sinn ist: daß meine Freude, mein Wohlgefallen an allen andern
Männern das Geringste ist, d. h. daß ich mich um alle andern Männer gar nichts
kümmere. Die Hs. liest daz minfröide ist der minniat urnbe^ eine Lesart, die schon
Yon Wackernagel am a. 0. für verderbt erklärt wurde , unter Verweisung auf eine
ähnliche Stelle in der Kaiserchronik : din dr6 ist uns alzoges der minnist Hier
lesen aber beide Haupthss. , die Vorauer Bl. 47* und die Heid. 66» (= Maßmann
10,936), übereinstimmend der mirniist^ wesshalb man sich doch bedenken sollte vor-
schnell einen Fehler anzunehmen. Auch drö als masc. zu nehmen, wie mhd. W.B.
geschieht, scheint mir bedenklich. Ebenfalls in der Kaiserchronik finde ich Heidelb.
Hs. Bl. 71* mich dunket der beste daz ir si vermidet, die Vorauer (Diemer S. 361, 2)
daz beste. Dieses mehrfache Vorkommen des Masculinums: der minmst, der beste,
statt des Neutr. dürfte doch Vorsicht empfehlen: es kanii hier ein Sprachgeheimniss
verborgen liegen, dessen Enthüllung fortgesetzter Forschung wohl noch gelingen
dürfte. Jedenfalls aber kommt mir das hier in den Text Aufgenommene verfehlt
vor: minnist ist klingt unerträglich. Warum nicht, wenn durchaus geändert
werden soll:
daz min firowede diu (oder des) min
ist tsmb 'alle ander man ?
wie bei Heinrich von Veldeke 62, 18. 65, 3. diu min, eo minus. Der Sinn bliebe
hier wie dort derselbe.
S. 8, 17 ff. lesen wir
^Swenne ich stdn alleine
in mtnem hemede,
und ich gedenke ane dich ,
. ritter edele ,
so erbliuget sieh min varwe
als rose an dorne tuot.
486 LITTERATUR.
Die einzige Hs. (0) hat erbluot statt trUiuget, Was heilt erblhtget? erhlAffm (es ist
nur einmU belegt, s. mhd. W.B. 1, 215) ist ein von blüc^ verecundus, schüchtern,
Ikbgeleitetes Verbum, eingeschüchtert, blüe werden. Also: die Farbe meiner
Wangen wird eingeschücbt-ert (yerschämt meinetwegen), wie die Rose am Dornbusch.
Ein sonderbares Bild ! Hier hat offenbar die .^Überlegung" über das Ziel hinaus-
geschossen und der Scharfsinn etwas nicht sehr Sinnreiches sea Stande gebracht.
Von erhlügen ist ein TransiUyum nicht nachgewiesen, wohl aber ton erblüht
Mch trhlüegeni mhd. W.B. 1, 216. »Wenn ich Nachts Dein gedenke, so erblüht
meine Farbe wie die Rose am Strauch.** Ist das nicht poetisch sch&n und yollkom-
men richtig ausgedrückt ? Und wer erinnert sich nicht , bei Dichtem aller Völker
dieses Bild, diese Vergleichung der jungfräulichen Scham , der schamhaft erröthen-
den Jungfrau mit der blühenden Rose gelesen zu haben? Auch die Tilgung des
Artikels vor röße scheint mir unnöthig, und statt <m dorne würde ich am d, yorziehen.
12, 1. 2. 8wer werden wtben ddenen solf
der ecl semdiehen vom,
so B, eeiedichen C. Was ist der Sinn yon aeinelichm? Es ist wohl die umgelautete
Form für sameUch; ahd. eamal^h^ samdih^ similis« par (Graff 6, 32. 33.); also
würde aemdiehen pariter, similiter bedeuten, und s, vam: sich auf ähnliche, gleiche
Weise benehmen, mithin auch wert sein, gleich den Frauen. Kann das der Dichter
hier sagen wollen ? Ich glaube , er würde sich anders , verständlicher ausgedrückt
haben, und halte die Stelle für verderbt: es wird scemeUchen zu lesen sein (scame-
lih, yerecundus, pudibundus: Graff 6, 493, vgl. Tristan 20, 25. Bhmacheflür sprach
vU sehamdiche, Bari. 124, 4. 6.): wer reinen Frauen dienen will, der soll sich
schamhaft, züchtig betragen. Dann erhält das Folgende , die Ermahnung da0 der
Frauendiener oft die schmerzliche Sehnsucht still und tief in seinem Herzen ver-
bergen müße und erhält namentlich der Schluß der Strophe : daß ein nnkeusches
Herz nie echter, wahrer Treue und Liebe zu reinen Frauen fähig sei, ich sage, daqu
erst erhält die ganze Strophe rechten Sinn und Verstand. Man vert rehu^ schöne,
werdediehen, heaeheidenlichm (vgl. mhd. W.B. 3, 244 ^ ), warum nicht auch «cAam«-
Uehmf
13, 4. si geuid mir ie bag tmd ie baz
Hier ist der zweisilbige Auftakt verdächtig, und das zweite ie erscheint überflüssig (wie
in der folgenden ^eile, lies ie lieber unde lieber) ; ie bax unde bag ist das gewöhn-
liche, vgl. mhd. W.B. 1, 94. Aber auch baz unde baz, ohne ie, kommt vor (z. B.
Gudrun 1018, 1), und so zu lesen verlangt hier das Metrum.
13, 24 — 26; staechens üz ir ougen,
mar rätent m^ne sinme
cm deheinen andern man,
ir ougen, wer soll sich die Augen ausstechen? Die Merker? eine sonderbare Zn-
muthung! Und wo bleibt der Gegensatz , den die sinne verlangen? Nur wenn
stcbechens üz mtn äugen gelesen wird, erhält man einen passenden Sinn: alle mögen
wissen, daß ich seine Geliebte bin — und stächen sie mir auch meine Augen aas, so
würden mir doch meine übrigen Sinne zu keinem andern Manne rathen. Die
Kürzung mtn für m^niu ist gar nicht seltep: m£n ougen hdnt ein wip ersehen,
Walther 47, 13. frouwe, daz hdnt mir getan mtn ougen und din röter munt MF. 137,
16. sin äugen wurden üf getdn Pantaleon 659. Diese Stelle verlangt auch, daß die
UTTERATUR. 48t
folgende Skrojpke: mir wtUen wniniu au^m eimn kindsäehan mant Yorangestellt werde»
beide stehen im genauesten Zusammenhange. — Noch ist zu bemjerken, dafi wenn
man wie hier Mtasehena statt des hs. «Uehmt ei liest, im folgenden Verse nicht der
Indicatiy des Praesens stehen darf, rielmehr verlaogt dann der Sinn wie die Gram-
matik den CoigunctiT des Praet.: rietm (B hat raten).
In dem ersten Liede des Grafen Budolf von Fenis lauten die Zeilen 80, 14 — 16
(das Versmafi ist dactjlisch):
mit aehoenm ffebaerden d nueh ge ir brdhte
und leitet mich cds boeee gdtaere ie hdnty
die wol geheizent und geltes nie dähten,
ie hdnt ist Ton Haupt an die Stelle des hs. tuat (=^ BC), und ebenso die Plurale ge-
heizent und dähten statfc der Sing. geha£eset — gedahte gesetzt. Er nennt das S. 262
selbst eine gewagte Änderung. Ich bin ganz damit einyerstanden : eine Emendation,
die eine Reihe yon Änderungen im Nachsätze nacb sich zieht , ist immer gewagt :
hier scheint sie gewählt worden zu sein, um eine schlechte Lesart der Nibelungenhs.
A zu Ehren zu bringen, mit wenig Erfolg. Ich lese mit nur leichter Änderung der Hss. :
und leitet mich de boeeea gdtaeren liant,
der vü geheizet und gdtea nie däkte.
mdt der hont (= manu) leistet man Versprechen , yerheißt etwas (d. i. durch den
Handschlag und durch das Aufheben der Hand = den Schwur) , und mit der Hand
leitet, führt man auch, ygl. nü het oueh in der hUnec genomen an stfie hant und leite
in hin Trist. 4332. ale in des mamaerea hant wol geleiten künde ebd. 7397. Zu boeae
gdtaere h&tte auf den Iwein 7164 verwiesen werden können, wo dieser Ausdruck
(= schlechte Zahler) ebenfalls vorkommt.
Eine andere Strophe des Gr. Rudolf von Fenis 82, 19 — 22 beginnt:
Ir sehoenen Itp hdn ich da vür erkennet,
er tuot mir als derfürstdin daz lieht:
diußiuget dran, unx si eich gar verbrennet:
ir gröziu güete mich also verriet.
Statt /ttrtftfe^n, wie B hat, liest C vledramue. Die Strophe gehört zu einem Liede,
das Übersetzung oder Nachahmung eines Gedichtes von Folquet von Marseille ist.
Zu dem sonderbaren ja unmöglichen Femininum /Or^^V» macht Haupt die Anmerkung,
er wisse nicht, ob es dem parpalhos des Folqnet genau entspreche oder etwa Licht-
motte bedeute. Die Lesart der Hs. B ist ganz richtig, aber man muß sie
recht lesen, nämlich viurstelin, d. i. die Feuerstehlerin = Lichtmotte. laidorus
spricht, daz der prem daz lieht liep hob, also daz er sich pei weilen verprenn an einem
prinncBdem lieht, aber daz tuot ein ander vögMl, daz haiztman dnfewereteln (Vor,
fewretd, -etal, furetdhr) und ist sam ain veivalter geetalt: Konrads v. Megenberg
Buch der Natur S. 299, 17 meiner Ausgabe. Diu viwrstdin oder das schwache
^osAt.d»vkBrstde, gebildet wie «^<!p«6« , ahd. sigugeba, rätgebe, rdtgebin, Ittgebe,
Utgebhi. (Helbeling 1, 337), erbeneme, vededese (in einem ungedruckten Gedichte des
Königs V. Ottenwalde), bedeutet also einen Lichtdieb , gewiss eine passende, ja
schöne und poetische Benennung für den um das Licht flatternden glänzenden
Schmetterling. Der griechische Name ist nvQaXlg, nvQavorrjs; der provenzalische
Ausdruck ^of^o^Ao*, parpaülos, ital. parpaglione bedeutet dagegen zunächst wohl
BW den Schmetterling (vom griechischen noQanäkXm) , also den hin und her sich
488 LITT^RATUR.
SohwingendeD, und erst entfernteT dann anoh die Motte; vgl. übrigens anchDiefen-
bachs Glossarium S. 411 ■; fuwateUer, feumfcAter.
Das bekannte Taglied Dietmars von Aist begegnet uns S. 39, 18 ff. in folgender
Fassung: Sldfeat duy min friedd?
wan wecket unsieh Uider schiere*
ein vogdfn ad wcl getdn
daz ist der linden an daz sswt gegdn!
5. 'ich was vü sa»0e entdd/en:
nu rüefestu kint wäfen wd/en,
liep dne leit mac mht gesfn,
6waz du gebiutst, daz leiste ic\ friunddn min^
Diu frouwe begunde weinen,
10. ^du rttest Unne und last mich einen,
wenne wüt du wider her?
owi dufUerest minefröide dar»
Hier baben wir eine recht mutbwillige Änderung , ja Entstellung des anmuthigen
Liedes. Noch im Jahr 1834, in der Vorrede zum Wolfram S. XIII. haite LachmanD,
sich nur an zwei Stellen von der Überlieferung entfernt, indem er Z. 2. imaieh (be-
kanntlich eine Lieblingsform Lachmanns) statt uns , und in der 6. Zeile das eine
wdfen hinzusetzte. Seitdem hat, wie man sieht, die Kritik Fortschritte gemacht:
noch einen Schritt weiter auf dieser Bahn, und das Liedchen ist bis zur Unkenntlich-
keit entstellt. '
Betrachten wir die Änderungen der Reihe nach. Statt min friedel liest die
Hs. friedd ziere. Es möchte schwer zu errathen sein , was hier zum Abgehen von
der Hs. den Anlaß gegeben hat: der Ausdruck ziere^ oder metrische Spitzfindigkeiten.
Aber schon im Ahd. ist ziari , zieriy decorus, ornatus, diligatus (Graff 5, 699) viel-
fach belegt, ygl. heü magad zieri, tidafima so scöni Otfr. L 5, 15., und die schwebende
Betonung in Sldf^t ist ja etwas, auch bei den Liederdichtern , ganz Gewöhnliches,
ygl. in einem andern Liede Dietmars: mtmu wol standen ougen MF. 37, 22. wīen
uns scheiden ebd. 9, 16. zwisch^ zwein vr&uden an die jaemerifche stoit Walther 13,
20. Erec 7310. 8429 etc. Walther, ich solte lieben dir Walther 24, 34. Vgl. Hahn
zum Stricker XI, 15. Schade im Weim. Jahrb. 1, 39. Dazu kommt, dsS friedd :/Mrt
gar keine mhd. Jleime sind , auch nicht des 12. Jahrhunderts , wenigstens bei den
Lyrikern nicht, r reimt regelmäßig nur wieder mit Liquidis , am liebsten mit A
z. B. Sre : sHe, ausnahmsweise auch mit ä, z. B. sähe : wäre, beide , die Liquidae wie
die Spirantes sind halbvokalischer Natur; d aber mit b und g, z. B. spiegd: friedet
Pfefliinleben 709 (altd, Bl. 1, 235). Sollte sich indess auch in einem entlegenen,
8chle<)htgereimten Denkmal ein solcher Reim auftreiben lassen, so bewiese das für
den Yorliegenden Fall gar nichts.
Die Yertauschung des hs. uns in unsieh in V. 2 und die Verdopplung des Aus-
rufe wc^en in V. 6 sind reranlasst durch Z. 10, wo indess hinne offenbar ganz ent-
behrlich, und rftst zu lesen ist; denn einem Dichter, dem eine Kürzung wie z. B.
gebiutst gerecht ist , wird man auch weckt und ritst zutrauen dürfen, ebenso gut als
dem Meinloh yon Seyelingen 11, li6 heizt, dem Ulrich yon Gutenburg 74, 32 wagt,
dem Hartwig yon Raute 117, 19 stigt und noch öfter. Der Accusatiy uns txir un-
sieh hat YQllends nichts Bedenkliches , ist er doch schon im Goth. gebräuchlich wie
LFTTERATUR. 4&i
im Ahd., und auch in Kürenbergs Strophen finden vir 9, 16 ich ttnd min geedle
tnüezm uns scheiden. 9, 19 der uns zwei verauonde, wo uns ebenso gut und mit dem-
selben Recht in unsich yerändert werden könnte.
Aber die schönste , allerdings Yon reiflicher Überlegung zeugende Änderung
gew&hren uns die beiden letzten Zeilen. Die Hs. liest : wenne wilt du wider her zuo
mir? owS du faerest min fröide samene dir: d. i. wann kommst du wieder zu mir?
Ach, du nimmst meine Freude mit dir fort. Diese Lesart enthält nichts , was ein
80 gewaltsames Umspringen rechtfertigen könnte. Neben den obengenannten
Körzungen wird wenn und ß^st nicht unerträglich sein ; ja ersteres ist ohnehin
durch den sonst durchaus jambischen Bau der Verse geboten. Was wird nun an
die Stelle der Überlieferung gesetzt?. Zuerst ein ganz unerlaubter Reim heridar,
dergleichen sich keiner der in des Minnesangs Frühling vertretenen Liederdichter
je gestattet hat. hsr wellen für: zu mir kommen wollen, möchte, obwohl ganz un-
gewöhnlich, noch angehen ; dar aber heißt im Ahd. und lihd. durchaus nur : da hin,
hier hin, dort hin, huc, illuc, hier aber wird es unerhörter Weise im Sinne yon fort,
weg gebraucht Solche „überlegte ** Änderungen sind in meinen Augen schlimmer
als die wohlfeilsten Einfälle.
Die beiden Gedichtchen Dietmars ^, 4 — 17 und 18 — 29 sind keine eigent-
lichen Lieder, denn es fehlt ihnen jede erkennbare strophische Gliederung. Eher
könnte man sie — denn beide gehören wohl zusammen — mit W. Wackemagel
(Lttt.-Gesch. 228) einen Leich nennen. Darum hat auch der zweisilbige Auftakt V. 7
sd gescbch si valhen fliegen
nichts Auffallendes. Aber während der Auftakt hier zugelassen wird, hat Lachmann
ihn an drei andern Stellen des Gedichtes zu entfernen gesucht , indem er gegen die
Hs. V. 11 mmy V. 13 seihe man und V. 15. weiten schrieb. Eine merkwürdige Gon-
sequenz! Es ist überall die überlieferte Lesart herzustellen .*
einen böum der dir gevalle,
ich erkds mir selbe einen man
den erwüten mfniu ougen,
Anch die Änderung des hs. liebes in liebe kommt mir unnöthig Tor; beim Verbum
warten im Sinne yon ausschauen, spähen, steht eben so häufig der Gen. als
der Dat.
38, 23 — 26. Der dl die wdt geschaffen hat,
der gebe der liehen noch die sinne
deich si mit armen umbevd
und mich von rehtem herzen minne.
£s ist mir unmöglich, den Unsinn dieser Zeilen auf neuhochdeutsch wieder zu geben.
Sollte bei dieser Emendation gleichfalls die „ Überlegung" gewaltet haben? Da diese
Starophe mit den dr^i yorausgehenden desselben Metrums im Register fehlt , so weil^
ich nicht, „gegen wen sich mein Tadel zu kehren"* hat (s. S. V). Ich lege also im
Allgemeinen Protest ein gegen solche Änderungen, denn die Hs., die uns die Strophe
überliefert, trifft keine Schuld; sie liest: daz si (d. i. dazs) mich mit armen umbevd,
also: Gott gebe der Geliebten in den Sinn, daß sie mich umarme und mich yon
ganzem ELer^en liebe.
In der nächstfolgenden Zeile scheint mir auch nicht Alles richtig: atAit durdcent
muß es dünken heilen: mögen mir auch noch andre Weiber ge&llen, oder: bin ich
490 UTTEBATUB.
avch nicht imempfindlich gegen die Beize anderer Frauen, dennooli. ist keine det'
selben im Stande mich 'recht 2u erheben, zu begeistern.
40, 35 — 41, 4: ' Waz w^zet mir der beste mcm?
ich habe im leides niht getan;
erfröit si dne schulde,
daa er in hdt von mir geseit^
da» ist mir Mute und immer leiL
$rfröitsi: Wien? Die Leute? Es geht nichts Yoraus, was diese Beziehung recht-
fertigte ; und wie könnte die beleidigte Geliebte sagen, er macht ihnen ohne Grund
eine Freude ? Die Hs. liest laxer fröit sich und in der folgenden Zeile (so wenigsten»
Bodmer, upd man ist yersucht die£ trotz v. d. Hagens Angabe für das Bichtige zu
halten) iu; beide Lesarten geben einen durchaus passenden Sinn: er hat keine Ur-
sache sidi zu freuen, denn was er Euch (das Mädchen, dem der Dichter diese Strophe
in den Mund legt, wendet sich hier an das Publikum) von mir erzählt hat (sie meint
die unzarte Anspielung 40, 34., vgl. 41, 6), das werde ich ihm nie verzeihen: er
verliert meine Gunst. Es ist alles sinnvoll und klar.
In dem Liede des von Kolmas 120 — 121 ist das daktjflische Metrum vollständig,
zum Theil auch der Sinn, zerrüttet. IcB will eine Herstellung versuchen. 120,
2. deich von. — 4. drunU>e. — 5. als %r hdnt gesehen (Ausg. und Hs. hdnt wcl g). —
7. wi das (statt owi). — 8. und ez mit nChte ieman wenden enkan. — 9. nu rüoehm
wie lützd wir d^rumbe gesorgen: nun merken, beachten, erwägen wir sorgfaltig, wie
wenig wir uns darum kümmern; Hs. nu enruochen swie, Ausg. nu enruocht uns. —
18. da enirret riechendez noch trief endez dach, da stört uns kein Obdach, in dem es
raucht, und durch welches der Begen dringt. Hs. da mirret riechmd hus noch trie-
fende dach, Ausg. da enirrent riechendiu hüs noch triefendiu dach: wer kann diesen
Vers lesen? — 19. nie nieman; nie fehlt. — 22. daz wü- ez. — 23. d& milte got;
Hs. d. vil mäte. — 25. gelangen-, Hs. langen. — 27. wnd merket, al yninder dest gen
dem ein wint. — 28. s{st Kristes müoter und üt doch s^ Unt. Hs. muoter von UmeU
rtche, Ausg. von himeU: es ist bloß der Schreiber, der diesen und die ihm entspre-
chenden Verse um einen Fuß zu strecken gesucht hat. — 121, 4. bestechet? bleibt
stecken, hängen, Hs. stecket. — 7. ^uir süln durch mht läzen bereiten den wirt: wir
sollen ja nicht unterlassen den Wirth (Gott), der uns geborgt hat, zu bezahlen, mit
ihm abzurechnen. Hs. wir bereiten. — 9. gelten (zahlen wir! die Hs. und Ausg.
gdt im) : ez smilzet diz leben als ein zin. — \0.ez gdt an den ahmt, der morgen ist hin;
Hs. abent des libes , von der Vergänglichkeit des Lebens ist schon in der vorher-
gehenden Zeile die Rede und eine Wiederholung scheint unnöthig.
In dem bekannten Liede Heinrichs von Morungen: von der dbe wirt eiOsinvä
mamc man wird in der dritten Zeile der zweiten Strophe 126, 18 'mit CC* in den
Text gesetzt hei wan solt ich ir noch s6 geuangen s^. einem oder eines gevange^sin
heißt doch wohl eines Andern Gefangner sein, in Gefangenschaft sich befinden;
vgl. Iw. 2239: ir müezet ir geuangm wesen, Parz. 306, 15: daz min 11p immet ir
gevar^en st. Man sollte aber nach dem übrigen Inhalt das gerade Gegentheil
erwarten. Wirklich liest A : hei wan muoste ich ir also gewaltic sin, daz si mir mit
triuwen waere M ganzer tage drt und etediche nahtl Welche Lesart die richtige ist.
erhellt aus der letzten Zeile dieser Strophe: nu ist si leider vor mir alzefri. Der
Dichter sagt im Eingang, seine Geliebte herrsche und gebiete in seinem Henen und
LITTEBATDE. 49]
flbe grAftere Gewali über dMselbe aus als er selbst. Dafür wünscht er nun umge^
Kehrt, seine Geliebte nur drei Tage und einige Nächte in seiner Gewalt zu habeUt
dann würde er nicht, wie es nun der Fall ist, all* seine Macht und Kraft verlieren.
Aber leider, fügt er seufzend hinzu: sie ist yor mir nur gar zu firei, d^ h. es ist nicht
daran zu denken, da0 ich jemals solche Macht über sie gewinne. Wie nichtssagend,
ja verkehrt erscheint, was die beiden andern, aus ^iner Quelle geflossenen Hss.
bieten, gegen diese sinnvolle Lesart von A. Man wird hienach geneigt sein , auch
an andern Stellen desselben Liedes dieser Hs. den Vorzug einzuräumen, also Z. 15
dax mfn Up vor umnnen nvuoz zergen; die schwache niederdeutsche Form wunnen ist
nicht anzutasten; Z. 29 werdekeit, das Heinrich auch 133, 5 gebraucht statt
eddk€it.
Da0 mit Ausnahme der sechsten Zeile alle Verse dieses Liedes trochäisch
beginnen, hat Bartsch richtig bemerkt; aber desshalb 5. 6. in Eine Zeile zu schreiben
scheint mir nicht nöthig , man braucht, um den ungehörigen Auftakt zu entfernen,
nnr die verlassene "Überlieferung wieder herzustellen, indem man liest: Z. 13 mae ei
danns rechen sieh: danne (statt des dafür gesetzten dan) lesen alle Hss.; Z. 21 unde
eUdiehe naht; Z. 29 unde ir schoene, ir werdekeit; unde haben auch hier alle; Z. 37
unde waren der vrouden mfn.
Auch 127, 32 zeigt einen Auftakt, der den entsprechenden Zeilen der vorher-
gehenden Strophen mangelt; in A fehlt sU, in G baz, die Aufnahme beider Wörter
ist eine schädliche Vermischung : das schon an sich hier sinnlose sft ist wohl nur
ein alter Lesefehler für bai = baz, also jd moht ich bat einen boum mit miner bete
mnder wäfen nider geneigen,
£s würde mich zu weit führen, wenn ich das ganze Buch in dieser Weise durch*
gehen wollte. An weiterem Stoff zu Berichtigungen fehlt es mir nicht, um so
mehr an Baum und Zeit. Bei manchen Stellen sind es allerdings vorerst mehr ^
nur Zweifel und Bedenken, die ich aussprechen, als fertige Ergebnisse, die
ich vorlegen könnte ; man wird aber von einem Eecensenten nicht verlangen wollen,
daß er in wenigen Monaten leiste , wozu die beiden auf diesem Gebiete als Meister
geltenden Herausgeber Jahre gebraucht haben. Die herausgehobenen Stellen be-
treffen Einzelheiten, die den Werth der ganzen Leistung nicht herabsetzen, nur in
etwas gemäßigterem Lichte erscheinen lassen werden. Um Wichtigeres handelt es
sich in Nachfolgendem, nämlich um Grundirrthümer, um Fehler der gesammten An-
schauung und der Richtung, welche die beiden Herausgeber vertreten.
Mit der Erforschung der altem deutschen Mundarten , so unerläßlich diese für
einen Kritiker auch scheint, hat sich Lachmann nie einstlich beschäftigt, oder wenn
es doch geschah, so ist er damit nie recht ins Reine gekommen. Dieß lässt sich aufs
Deutlichste aus mehrern bestimmten Äußerungen Lachmanns entnehmen, und alle seine
Ausgaben mhd. Dichter gewähren hiefur unzweideutige Beweise. Seine Verwunde-
rung z. B. über den ^wunderbaren Mangel an Spuren des Niederdeutschen" in
Wolframs Parzival (s. S. XIX) konnte nur Jemand aussprechen , der für die Eigen-
heiten der thüringischen Mundart, deren Einflüsse in Wolframs Werken auf jeder
Seite in zahlreichen Reimen und Ausdrücken mit Händen zu greifen sind , entweder
kein Auge oder kein Verständniss hat.
Im Lanzelet des Ulrich von Zatzighofen , eines Thurgauers , finden sich be-
492 LITTERATÜtL
kannilioh mitten unter einer Fülle alamannischer Sprachnormen zuweilen aucli
niederdeutsche Reime (z. B. beide : breide 4663: wdrheide 5086 u. s. w.), deren
Erklärung nur in einem längern Aufenthalte des Dichters im nördlichen Deutsch-
land gefunden werden kann. Wir lesen darin unter Anderem 5524:
si bcOin dcLZ er an widerspräche
ßtere mit ir üf die bnrchf
diu w<M durch ttnde durch
gezieret wümneneUche,
In einem Werke von gedachter Beschaffenheit dem in allen niederdeutschen
Denkmälern so häufigen Reime bwrch : durch *) zu begegnen, sollte, meint man, Nie-
mand auffallen. Dennoch schien er Lachmann (Iwein 484) „unglaublich" und er
war der Ansicht, „die Stelle ktonte von dem Fehler leicht, durch Einschaltung eines
dar und gar^ befreit werden," also:
füer mit in üf die burc dar,
diu was durch und durch gar
gezieret würmecltche.
Damit war er aber schließlich selbst nicht zufrieden, und er verleitete Hahn zu einer
andern Einschaltung, daher man in dessen Ausgabe nun liest:
füere mit ir üf die burc,
diu wa>3 durch und dwreh hure etc.
Man schlage das mhd. W.B. 1, 830 nach, um zu sehen, wie trefflich hure hierpasst.
Wir wären begierig zu erfahren, wie Haupt solche Emendationen nennt. Uns
scheinen sie stark in die Kategorie der Einfalle zu gehören , aber der schlechten,
Hier wurde die Stelle angeführt, um Lachmanns Begriffe vom Niederdeutschen
festzustellen.
Im Jahre 1820 legte er in seiner Auswahl S.IV das Bekenntniss ab, „es sei
ihm unmöglich gewesen, mit Veldeke's Mundart ins Reine zu konunen." Zu jener
Zeit war das begreiflich; er war aber zwanzig und dreißig Jahre später um keinen
Schritt weiter damit gekommen. Hätte er sonst S. 367 des Iwein sagen können,
„Manches in den Lesarten übergangene Niederdeutsche in A (der Heidelberger Hs.
des Iwein) werde künftig noch ihm, oder einem rascher entschlossenen Arbeiter, bei
der Eneide gute Dienste leisten" ? Gewiss nicht, und zwar desshaJb nicht, weil die in
jener Hs. herrschende niederdeutsche Mundart eine von der des Heinrich von vel-
deke vielfach verschiedene ist, und heutzutage jeder Philologe wissen könnte, daß die
niederdeutschen Mundarten des 12. und 13. Jahrhunderts fast noch weiter unter sich
abweichen, als die oberdeutschen desselben Zeitraums. Aus dieser Äußerung Lach-
manns geht aber doch hervor, daß er der Mundart Heinrichs wenigstens gerecht w
werden die Absicht hatte. Nun halte man damit die merkwürdige Stelle in Haupts
Vorwort zu MF. S. VII u. VIII zusammen, worin es heißt: „treuer als unbedingtes
Streben nach dem Echten es geduldet hätte ist die Überlieferung in den Liedern
*) Vgl. Eneat treib si darme unjg gü Lawrente in die bwrch die sträze al durch ww
durch Eneit 319, 33. daz (ßr) vi^arf er va zuo der burch, da mite brante &r t* «' ^"♦'^J
Wide dureh Alexander (Diemer) 210, 19. 201, 8. 209, 21. 215, 28. HagensKötoer Chronik
2564. 2584. 2613. 5752 u. s. f.
^LITT£BATUJL 4$f
HeiorichB ron Veldeke befolgt worden. Aber die geringe Kunst »ie in eine gleioh-
fönuige niederdeutsche Mundart umzuschreiben , habe er so wenig als Lachmann
üb^n wollen." Wie reimt sich das zusammen? Lachmann muß eben nach der Hand
doch ein Haar darin gefunden und die Überzeugung gewonnen haben , daß mit den
„guten Diensten der Hs. A** zu diesem Zwecke nichts anzufangen sei, darum hat er,
wie mit der Ausgabe der Eneide, so auch mit der Bearbeitung der Lieder gezaudert,
und jene Oskar Schade , diese schließlich Haupt überlassen. Statt aber offen zu
sagen, wie es sich damit yerhält , wird die Sache mit einem hochmttthigen und ge-
ringschätzigen Seitenblick gegen Ettmüller kurz abgemacht.
Was man aber auch gegen Ettmüllers sprachliche Behandlung Heinrichs ein-
wenden mag (auch ich bin nicht überall , namentlich in der Eneit , damit einyer-
standen), so yiel wird doch Jeder gestehen müssen, daß er sich redlich bestrebt hat^
mit Heinrichs Mundart ins Beine zu kommen , und wenn ihm dieß auch nicht yOllig
gelang, dem Echten steht seine Ausgabe in dieser Beziehung weit näher, als die
buntschecfcigte Schreibweise in des Minnesangs Frühling. „Soloher Gleichförmigkeit
fehle die sichere Gewähr", wird zur Beschönigung hinzugefügt, „▼ielleicht seien
aus dem yor Kurzem aufgefundenen Seryatius festere Bestimmungen der Mundart
des Dichters zu gewinnen :, daß er aber der Sprache seiner Heimath in der Fremde
durchgängig treu geblieben sei werde sich schwerlich erweisen lassen" (s. Vorrede
S. YlII). Lauter nichtssagende Ausflüchte! Wo findet die deutsche Philologie
sicherere Gewähr und festere Bestimmungen für die Mundart eines Dichters als in
den Reimen? Die ganze mhd. Lautlehre ruht auf ihnen, sie sind ihre festeste,
sicherste Grundlage. Jacob Grimm hat das oft genug wiederholt: „selbst die ge-
nauste ahd. Accentuation kommt dem^Vortheil nicht bei , den wir aus den mhd.
Beimen schöpfen, weil diese auf dem Gehör beruhen, das feiner gebildet ist, als der
sorgfältigste Schreibgebrauch" (Grammatik 1^, 125). und W. Wackernagel be*
merkt (Litt.-Ge8ch. S. 125): „die Hss. freilich, welche nie mit buchstäblicher Treue
und zum großem Theil erst in spätem Jahrhunderten und in deren Sprache gefertigt
sind, pflegen weder die allgemeine Regel der Hofsprache noch die landschaftlichen
Schattierungen derselben rein und sicher darzustellen , um so weniger als manche
Schreiber außer der Ungenauigkeit sogar geflissentliche Änderung und Fälschung
sich erlaubten : dennoch führt die aufmerksame Beachtung namentlich der Reime,
die solchen Entstellungen weniger ausgesetzt waren , zu einer bestimmteren Er-
kenntniss dessen , was überall im Gebrauche , als was die Eigenart der einzelnen
Dichter gewesen." Das gilt nicht bloß fürs Mhd.: unsere Kenntniss aller übrigen
Mundarten der mittlem Zeit beruht wesentlich auf den Reimen , und auch in Hein-
richs Gedichten predigen die Reime für Jeden, der hören will, laut und yernehmlich
genug die Mundart, die er gesprochen. Damit aber neben diesen auch der Schreib-
gebrauch nicht fehle , haben wir eine beträchtliche , täglich sich mehrende Reihe
niede^heinischer Sprachdenkmäler, deren Aufzeichnung zum Theil noch ins 12. Jahr*
hundert, in die Zeit Heinrichs, zurückreicht, und die uns im Vereine mit den Reimen
ein festes, sicheres Bild jener Mundart gewähren. Schwankungen je nach Zeit und
Ort finden natürlich auch hier statt, aber nicht in höherem Maße als in der höfischen
Sprache der mhd. Zeit. Auch Heinrichs Sprache stimmt nicht yollkommen und in
allen Theilen mit der in jenen Dichtungen überein, die wir niederrheinische nennen,
die aber richtiger kölnische genannt würden. Die Abweichungen betreffen indes»
494 LTTTEBATUB.
nur Eimelnheiten und NobeBpunkte, die gegen die ÜbeTeinstimmung im großeii
Ckuisen und gegen das ihnen Gemeinsajne nicht in Betracht kommen. Ich will diese
Venchiedenheiten und Übereinstimmungen hier kurz aufzählen.
In allen uns zugänglichen Denkmälern der kölnischen Mundart, auch in denen,
die von höherem Alter als Heinrichs Werke sind , erscheint bereits der Umlaut des
langen d : ^ = oe. Beim wilden Mann wSre : aSre 8, 1. ges^ {= saeje) : irge 34, 34.
9^ (= aaejen) : vlSn 37, 16. Mre (= Mrre) : sceppSre 9, 29. Bei Wemher ^e:
nttndSre 59, 24. 65, 26. ^nhSre : seeppSre Q^, 19. ink^t : irvSrit 53, 21. l^e:
inbSre 52. 10. hSre : aeepSre 69, 19. h^m : irvSren 55, 28. 61, 6. Lacbmanns
Bruchstücke niederrh. Gedichte ^e : aceppire HI, 101; beswSre ebd. 181. jtmchere:
mSre I, 164, 2. ISre : sund^e ebd. II, 13. Karlmeinet Maßmann Sren : irvSren 156^:
w^en 157*». hSre : unmSre 157*. Karlmeinet Benecke sere : Affrikere 164:
ToU€tSre 176. wereimSre 65. kSren : m&en 141. Lachmann: bekeren : m/Ä^enl,
165, 24. SrmimSren 164, 10. fteaie/^m : herm III, 330. ^m : swSren 71.* 6«-
swSrit : tntSrit 361 u. s. w. Heinrich dagegen gebraucht das lange d , mit der ein-
zigen Ausnahme des Coigunct. gedehte : rehte 40, 5. gedehtm : rehten 138, 25., durch-
aus ohne Umlaut: rdte : späte: bäte Lieder 57, 26. järe : kläre : offenbare : mdre
ebd. 59, 8. Tgl. 57, 34. 58, 23. 62, 14. ungemache : spräche, und die aus derEneit
Ton Ettmüller gesammelten Reime Vorrede VII wäre, wären, hSe (=Äa«?e), wdne^
wänen, täte. Dieser Mangel des Umlauts findet in der den Niederlanden angränzen-
den Heimat Heinrichs seine Erklärung, wo noch bis ins 14. Jahrhundert das alte
unumgelautete d herrschte.
Ein weiterer Unterschied zwischen der Sprache Heinrichs und der kölnischen
besteht darin, daß bei jenem die 3. Pers. Sg. Praes. Ton stän, gänlstät, gät, in dieser
aber steit, geit lautet. Beweisende Reime fiir die d-Form auch des Infinitivs bei
Heinrich wän : umbevän : getan : stän Lieder 57, 9. ergdn : missetän : entstän : umbe-
vän 57, 27. getan : vergän : umbevän : wän 59, 36. getan : stän : wän : ergdn Lieder
64, 26. pfän : stä^n, : vergän : undertän 65, 29. Für die 3. Pers. Sg. Praes. hdtistdt
60, 15. gestät : rät 67, 9. stdt : ergät : umbeuät : slät 68, 6. Vgl. Eneit vdtigät
104, 33, bestät : ersldt 287, 35 etc. Ettmüller hat häufig dagegen gefehlt.
Daraus folgt, da£ st^t : slSt : gev^ 65, 22 falsch und in stät : slät : gevät zu ändern ist;
denn ^«t/^ ist nicht, wozu diese Schreibweise verleiten könnte, das Praes. von ^
v^hen, sondern von gevähen, einen site geuähen = sich etwas angewöhnen , vgl. mhd.
W.B. 3, 206. Beweisende Reime für die Formen geit, steit gewähren die kölnischen
Dichtungen in großer Fülle. W. Grinmis Wernher ; geit {= gSt) : ötmüdicheit^y 23.
avegeit : stedieheit 27, 30. begeit : drtualdicheit 48, 15. irgeit : sichei'heit 25, 5. xuo-
geit : stSdicheit 30, 13: wfsheit 49, 20. steit (= stSt) : girheit 8, 31 : godiheit 64, 7:
tddcheit 36, 9 : reinicheit 45, 11 : r^eheit 9, 25 : wfsheit 2, 13. 9, 11. 49, 12. ane-
steit : bireit 24, 3 : sicherkeit 24, 23. — vursteit : wfsheit 47, 22. widersteit : mildi-
cheit 10, 29. — Das Alexanderlied bei Diemer *) geitigeleit 190, 27: ktmdicheitlSS,
^) Ich berücksichtige hier mit Absicht aasschließlich den zwar vielfach lückenhaften,
aber unüberarbeiteten Text der Vorauerhandschrift , die auch außer dem Beim viele nieder-
rheinische Sprachformen aufweist , recht zum Beweise , daß auch diese Abschrifib ans einer
siederfheinischen Vorlage geflqssen ist. Vgl. eal 192, 27. 196, 28. manch 205, 13. ted«
SX^ IZ. 205, 3. thadm 204t, S. 12. stude 189, 19. s^ »tsd9 198, 12. dfruog, imiM Mi
UTTEBATUR. 495
9 : germt 192, 19 : wUheU 188, 3. wnbtgeit : HdaMt 183, 17. ^ Heit : bttit 187, 2 :
siireU 198, 18. 202, 23. besUit : arMt 199, 21 : nmonchMt 184, 1. Lacbmann
steit : 6ret> II, 59 : wärhät 37. 101. — - Hagens Kölner Chronik geit : Hat 2386 : ge-
rmt5l9S : Imt 3370. steit : und&rsehät 1664 u. s. w. — Nodb auf zwei andere
Wörter dehnt sieh diese Brechung des € in H aus ; Uit, deit, veit (= hut, daet, vaet\
Weniher ddt : bannKergieheit 41, 12. irsldt : girhdt 31, 27. nicUrskit : rteheit 38,
34: vonm&UdkMt 37, 21. — ve»^ : manievaldiehdt 2, 17. imbet^dt : 6r«sf 68, 12.
^«Ä : airbdt 38, 30. Alexander ^«^ (= laet) : ßrumiekdt 210. 26. — a^«« : m« 219,
14. — Hag«n deit : er gdt 3536.
£ine speeielie Eigenthflmlichkeit der kölnischen Kondart ist die 3. Person Sg.
Praes. ron tuen : deit für tuet (vgl. oben 2, 38. 39.). Auch hiefÜr gibt es ^ahbreiohe
Beime. Wemher dätigirhdt 39, 34: jameri^Y 21, 15: bigeitSO, 21 : ingdt 57, 12:
aleit 11, 15: steit 39, 28. 42, 16. wid^rdeit: bistdt34, 5. 36, 20: widerstdt 32, 29.
Alexander ddtirdt 198, 2. 218, 8: smdckdt 194, 22: stdt 191, 7. 186, 14: v«r-
««»«214, 10. Lacbmann <itfi« : stediehdt III, 279. ygl. 432. Hagen: ddt : Z«&
2447. 6254 :;«n 620. 4733 : 6er<»« 938 etc.
IMese Form kennt Heinrichs Sprache nicht, er reimt düt (d. i. tuot) aufmüt:
früt : gut Lieder 60, 21. missedüt : früt : gut : müt 61, 29. tiU : geblüt : miU : gd>üt :
müt (= gdmozt^ muoz) 64, 22. £neit ^: ^« 265, 13 etc.
Im Kölnischen lautet das Part. Praes. Yon geschehen : gesehiet. Wernher ge-
schiet :metl,3. 2. 15. 33, 9. 42, 4, 49, 3. 51, 1 iliet (=lieht) 31, 11. Alex.
gescUetiniet 190, 25. 211, 2: zft 226, 6. Lachmann gesehiet : niet I, 165, 12.
m, 369. Karhneinet Maßmann 157 >>. Hagen 335, 1792 etc. Bei Heinrich
findet sich kein Beispiel dieser Form, er scheint das Part. Praes. ron geschehen über-
haupt zu meiden.
Da£ Heinrich den Diphthongen t£0 nicht kennt erhellt aus zahlreichen Reimen,
in denen uo mit langen ü gebunden wird, z. B. fuor : sür 29, 13. 90, 31. müren :
/uoren 23, 37. 35, 2. ndchgeb^en : st gefuorm 89, 19. buch : truoch (= truoc) 133, 9.
etc. iwm : Turnfum 329, 3: Tarcün 241, 1. (ygl. Ettmüller S. YIU). Der kölni-
schen Mundart dagegen scheint teo nicht abgesprochen werden zu können , die mir
bekannten Denkmäler wenigstens gewähren keine Beispiele yom Gegentheil , yiel-
mehr wird in den Hss. uo yielfach ausgedrückt; die Form des Ady. duo für dö in
Reime auf zuo wäre dafür kein Beweis , denn es ist ein Versehen Ettmüllers , wenn
er S. Vni sagt, Heinrich binde dö mitfröy höy so; wie in allen niederrheinischen Ge-
dichten, so erscheint es auch bei Heinrich nur im Reime mit zu =^ zuo) Eneit 96, 9.
109, 21. 111, 7. 21. 142, 31. 159, 21. 189, 5. 194, 19. 196, 35. u. s. w.
Wemher 56, 10. 62, 21. Lachmann H, 105. Karlmeinet Maßm. 155«, 157^,
(•>nM> 156^). Benecke 139. 157.
16. wos = wuoi = wuchs 199, 2. tez=set = sehe 195, 24. smae= smahe 213, 16.
hoiste 216, 17. /arten 211, 2, gemchlU,^, 198, 27. rdf, hdg i=:^ rief, hiet) 191,
16. 17. reit (= riet) 197, 22. naf (= nap/) 194, 24. Hhte (= rehte) 198, 16. haben
ich 192, 24. n. s. w. Diemer, der den Alexander früher für Oesterreich zu retten gesucht,
bezweifelt nun den niederrheinischen Ursprung nicht mehr , und auch W. Wackemagel wird
seine Meinung, der.Alexander der Straßburger Hs. sei „nur die Übertragung eines ursprüng-
lich süddeutschen Werkes in die Sprache und Kunst des Niederrheins'* (Litt.-6esch. 123.
T{^. S. 171), nidit langer festhalten.
,496 UTTERATÜB.
Hmriehs Mundart fremd scheint der Übergang von ^ in die Spirans Äin dea
Wörtern sagete, legete, gtaaget, geltget. Wilder Mann geeahtimaht 23, 1. 28, 27. 42,
20 : seaht (=sc<rft) 1 1, 23. gHaht : mäht 18, 26 : gidaht 15, 7. sahtea : voüdrakkn
3,^. lahtm : ahten 14. 1: brahten 13, 19. WUeiindefUe 1$, 29. Me^. prcOUiger
eaht 215, 3. gedehten : ane Ukten 193, 12. Lachmann III. naht : geacM 218. «dto:
^^A<m 59. n, CToht : geaaht 11. Karlmeinet B. vaht : ^e^oA^ 17.
Auf diese wenigen Fälle beschränken sich die Abweichungen zwischen Hein-
richs Mundart und der kOlnisch-niederrheinischen. In allen übrigen Punkten, die
hier in Betracht kommen können, ist die Übereinstimmung eine ToUkommene.
1. a für o in den beiden Wörtern sal und wal, w<ü: al Lieder 61. 8. Eneit 81,
11. 97, 37. 108, 29. 109, 11. 261, 29.: gewdiaiee, 14. wcdival 66, 13. du
salt : halt Eneit 96, 31. Vgl. Wilder Mann sai : val 9, 27. wale : s^aU 2, 19. 4, 31.
Wember waleigale 56, 28. Diese Beiden auch iwmen : manen 19, 12: gispcmm
70, 30. waneidarcme 50, 5. Lachnann wale : sale lU, 55. 139. Karhneinet
Maftm. 157 1>. Alexander «o^ : ««^«ra; 224, 1. wal:»al 188, 2. 204, 8. 224,21.
vanen : wanen 220, 18. Hagen w€tl6 : zote 890, 1632: dale 3086.
2. c (und «) im Beime mit i: bei Heinrich abereUen : wÜlen Lieder 62, 25.
linden : ende : vinde : imderwinde 64, 30. ietweder : nider Eneit 193, 37. rede ifiride
56, 1. 134, 15 und öfter; veder i wider 287, 10. gmesen : risen 104, 40. nd>en : ge-
ecriben 254, 10. vdtiscüt 236, 10. Cleve : sorive 352, 37. liste : swester 72, 30.
v«rti;iVÄ»n : merJkm 309, 39. iirre : vätö 24, 15.~ 20, 21. ferner senden : vinden 164, 1:
ti;iml«n 43, 20. ende \ winde 18, 3. brengen : lengen 36, 25. dinge : ««^« 178, 1.
u. s. w. (s. Ettmüllers Vorrede S. VII u. Vllt). Dazu halte man Wilder Mann
brengitiverhengit 31, 13. 33,17. 42,22. welle: gestille IS, 30, M^ emher lenge:
brenge 50, 19. 62, 24. sndle : wellen (= willen) 51, 26. nest : list 68, 13. neste :
Kriste 69, 7. Lachmann houbetstede : vreden II, 81. vollebrengen : lengen ebd. 121.
'A\ex$jideT willen igeseRen 22b, 10. geveUet: geJuHet 21^, 5, lengen : bringen 215,
14. Wrifc«n:w»«"iben 183, 1. 210,16. rism : wesen 19b , 1. 225,7. veste: listen
209, 12. Karlmeinet Benecke wellen : stillen 73.
3. o für 1« C*). Heinrich holt : scholt (= schult , schulde): gedolt : sdt Liefet
67,37. golt:holt:ungedolte2,24. Eneit holde : wdde ^3, 25. 107,13. 113,27.
schdde : wolde 74, 33: solde 86, 7. Tgl. 69, 23. 70, 5. 72, 27. 76, 17. u. s. w.
flogen (==zflugen): bogen Eneit 322, 20. mohte: flöhte (=fuga) 322, 40. getorsten:
vorsten {=/ürsten) 246, 25. 265, 33. enbotm (= mbuten): gotm 344, 38. ver-
ivorren : torren (= turren, tUrren) 85, 4. son : Flegeton 92, 12. Ä;or«öw (== *ßr^«w):
porten 26, 21. u. s. w. <vgl. Ettmüller S. VIII). — Wilder Mann scoltiholt 16, 10.
gedormt : gemmit 37 , 14. Lachmann holt : unscolt III, 569. 577. Alex, sedt : gdt
214, 5: holt 203, 14. fi-ome : chomen : tome : ^onw 207, 16. 209, 28. Ha^n
goi-neitome 1590.
4. 6 = oe, dem mhd. Umlaut des langen o. Heinrich r6sen:vroudelösen lösen:
lösen ( = oe««*, ;o«««w) 60, 29. schöne : kröne : löne 63. 28. Eneit ören : gehören 85,
13. 97, 27. cröne : scöne 113, 31. löne : «cdw« 115, 19. Ar^wm (=*sro«w»):
Wnm 171, 21. Wilder Mann gihrördt : gilönit 41, 16. 49, 10. Wemher A^
{=hoehefr): köre 66, 17. 70, 4.
5. ^ für ^ee. Heinrich aeöne : h6ne Qoüene). Eneit 131» 17. söne : A^
UTTEBATDR. 497
(=:mon0:kaene) 256, 23. Wilder Mann ndneisöne (^süene) 33, 7. Alexander
nöteiänmöie (=einma€U) 199, 11. 226, 25.
6. Der Diphthong et ist weder in der Mundart Heinrichs noch in der kölnischen
tu Iftngnen; ein Beweis für dessen Bestehen in Lezterer liegt in dem schon be-
rfihrten deit = tuot und im Schreibgebrauch der altern wie der Jüngern Denkmäler.
Auch bei Heinrich spricht kein einziger Reim für das niederdeutsche ^= «i, denn
der schon öfter besprochene, auch ron Wolfram nachgeahmte priester : meister £n. 243,
20. ist meht prSster : mSifter , sondern prmster : mästet zu schreiben. Einmal steht
präster dem presbyter noch näher als priester und dann zeigt die niederrheinische
Mundart schon ron der Mitte des 13. Jahrhunderts an entschiedene Neigung alle m
in et zu rerwandeln. Der. nur einmal Eneit 91, 40 vorkommende Reim arbeit :z(t
steht, wenn überhaupt nicht ein alter Fehler yorliegt, zu yereinzelt, als daß sich ein
Schluß gegen die diphthongische Aussprache und Schreibung des ie daraus ziehen
ließe. Ich bemerke übrigens, daß in den niederd. Psalmen 68, 5. arvfdan, laborare,
im He\jand 106, 8 arbfdheo, 105, 8 curhtdldn, 105, 16. arbUhwere ersdieint.
7. Auch M ist dem Niederrheinischen nicht fremd. Bei Heinrich beschränk!
sich der Gebrauch yon i = ie auf ein einziges Wort, das Praet. des reduplicierenden
Verbums halten : behilt: schilt En. 325, 10. 326, 20. Ich wüsste dem aus der köl-
nischen Mundart nichts zur Seite zu stellen und bezweifle auch, daß Heinrich diesen
Gebrauch weiter, auf andere Wörter ausgedehnt habe, gewiss würden sonst die den
mitteldeutschen Mundarten so geläufigen Reime, wie vine, gine : dine, jwngdina
Q. 8. w. nicht fehlen. — ie entsteht im Niederrheinischen in gewissen Wörtern durch
Ausfall der inlautenden Spirans A, und zwar bei Heinrich in der 3. Fers. Sg. Praes.
▼on sehm^ geschehen : sitt : niet : verrieit : beschiet Lieder 56, 3 ff. niet : riet : gescMet :
ersiet 58 , 4. geschiet : niet : siet : liet (== liez) 60, 5 ; im Kölnischen kann
ich nur den Inf. belegen: gesien: knien Wilder Mann 18, 10: vlisn 28, 3. 31, 21.
Übereinstimmung zwischen beiden herrscht in dem Worte niet^^rnkt, welche Form
sich indessen auch bei oberdeutschen, namentlich alamannischen Dichtern älterer
und späterer Zeit findet.
8. Der Diphthong tu, der ursprüngliche sowohl als der durch Umlaut enstandene»
muß Heinrichs Mundaxt, wie der niederdeutschen überhaupt, abgesprochen werden ;
er setzt dafür entweder tl, oder wo es dem goth. au ror w entspricht auch 6. Be*
weisende Reime für ü sind tl (=m vobis): nü En. 241, 25. hüt : lüt (=lita) stü-
ret : füret (= stiuret : faeiet) 93, 1 1 . füre : türe {= füere i tiure) 94, 37. Im Kölni-
schen fehlt der strenge Beweis, doch ist auch hier, in der altern Zeit, ü = iu nicht
zu bezweifeln; später, im 13. Jahrb., bricht dann ui für iu durch. In beiden Mund*
arten lautet der Nom. Fem. und Nom. und Accus. Plur. Neutr. des demonstr. Pron. (der
bestimmte Artikel) nie diu, sondern durchaus di oder dte, ebenso lauten die genann-
ten Casus des starken A^j. stets auf i oder e aus , fallen also mit der schwachen
Declination zusammen. — d = ahd. mhd. iu vor w begegnet sehr häufig im Reim:
Heinrich fröwe : SSwe : röwen : untröwen : schSwen Lieder 56, 10. fröwen : tröw^
28, 35. 58, 11. fröwe : tröwe En. 68. 38. 69, 22. u. s. w. (Ettm. S. LX). Lach-
mann vröwe : tröwe lü, 277. 489. 565 : ungetröwe ebd. 81. Pat&wen : getröwen 231.
Karlmeinet Biaßm. intröwen : beschöwen 157*.
Der Diphthong (m (goth. au) ist dem Niederrheinischen so wenig zukömmlich
als den übrigen nd. Mundarten, sondern er wird regelmäßig, auch. in den Hs., durch
ttJUMAlliA. lO. ^^
498 LITTEIUTÜB^
S ausgedrückt. Heinrioh geUhei : Mvet (= houbet) : Mt/ee Lieder 63, 29. uHSwihdvt
En. 31, 35. So auch Wemher lob (=uloup) 42, 21. urlöbt bSngart eto. Alex, ge-
l^€tibrM6v€l^^,2,
Vom uOy für welches Heinrich ü setzt, war schon oben die Bede.
So Tiel über die Vokale. In den Gonsonantyerhältnissen herrscht noch größere
Übereinstimmung.
Über die Liquidae ist wenig zu bemerken. Die in allen kölnischen Denk-
mälern häufig begegnenden Beime, in denen m:n gebunden wird (z. B. Wilder
Mann man : ^am 28, 1. ginom : giwan 37, 17. giAi Jerusalem 16, 6. 23, 7.
Alex, man : nam 211, 31 : Frigiam 225, 9: vemam 225, 24. gttuoniruom 194. 19.
etc.), meidet der nach reinem Beim strebende Heinrich. Aber allen gemeinsam ist
die Unterdrückung des auslautenden n. Heinrich linden : ervinde : underwmde : emj«
Lieder 64, 27. winde : linden 66, 6. güden : müde 66, 28. stUle : wiUm £n. 65, 11 etc.
(ygl. Ettmüller S. X). Wilder Mann aUenigeualle 7, 15. gaüen : Uta£U 11, 25.
lande idunden 23, 37. gmmn i achare 23, 11. etc. Wemher eiMn : meine 70, 8.
Alex, mdxe.ldxm 197, 10. Thdemöne : I6nm 197, 24. geUetm : miete 200, 9.
bliisfn 203, 3. etc. Einfaches an die Stelle des Geminierten tritt in dem Worte
harre, das durchaus bei allen hSre lautet und auf Sre, m^e etc. gereimt wird. Da es
so sehr oft begegnet unterlasse ich Belege anzufiihren.
Von den Labialen bleibt das auslautende p haften, wenn es in Verbindung mit
m und n steht, z. B. kämpf: lamp £n. 299, 4., in allen andern Fällen geht es in/
über: darf.starfZl^. 18: <irCt«cÄM/ar/ 264, 15. 324, 7. bnef:U^[z^liep) 126,7.
285, 25. 324, 4. Vgl. Wilder Mann gaf i=gap): eaf (succus) 11, 29. bidaitf\
wmrf (^ warp^ 2, 27. Wemher rmxf (= roup) : kouf 62, 18. Alex, wjoirf: erstarf
220, 16. brief -.lief 22b, 18. 216, 6. scuof : üzhuof 200, 14. Die inlautende Media
b wird regelmäßig zu v: neve : geve (zugebe) 115, 1 : leve 288, 7. lieve : brieue 191,
21. grävenigdven 346, 27. kolven ; wdvm 195, 25. ed&vede : verkövede i:äX' 25, 23.
(vgl. Ettmüller S. IX). Wernher bidrüvit : giprüvit 51, H. 60,34. Alex.fö«f<:
6n«/e 200, 2. gdövet: brüMve 194, 2. grdvm : ^dt/«n 223, 20. etc. pf geht aus-
lautend über in pi kamp : lamp £n. 299, 4. 9^|> (=zMcypf): Aadnadap,
Wernher 51, 13.
/ tritt über in h vor t: berihten : stihten (atiflm) £n. 350, 40. getihUiserihU
254, 14. beddhtizalhaht 118, 24. brüäolu : fmzoJU ^5, 3. (vgl. 5r««^f, nuptiae:
Diut. 2, 225»). hrahtimaht 248, 23: emedthaht 86, 17. etc.. ygl, WüderMwm
<jraÄ*:maÄ* 1, 5, 22, 15. 56, 14: naht 65, 31. luht.vruktm, 14. 44, 31. Alex.
naht : scoM l98, 18. mäht : seaM 222, 1 1 : dienesthaht 191, 24. craht : braht 204, 9.
Von den Labialen steht anlautend, zwischen Vokalen auch inlautend, nur die
Media: dach, diwch, dohter etc. Utde : utride Lieder 66, 2. sehaderki wnstddm £o.
289, 37. brMefr : mii<^ 290, 25. rdde : ^ew^dlö 151, 7. frideiaide 169, 27. u. s.w.
(ygl. Ettmüller S. IX); auch nach Liquiden worde : geborde 121, 31. veLdeigtxddA
179, 37. 6aWe: o/c^e 19, 3. 164, 27. u. s. w. Wemher gnadm : dädin 61, 20.
geburde : wtirde 53, 31. Alex, müder : brüder 185, 21. geburde : wurde 185,4.
Hagen 5142 u. s. w.
Ausgenommen ist hier das Praet. yon haben : hate, hete (= dem niederd. und
mnl. hadde), wo die Tennis haften bleibt.
Auslautend ist im niederrheinischen nur die. Tenuis, nie d^e Media, gebräueb»
UTTERATUB. 490
Koli, soWdM für or^nisehe«, dem koehd. dntspreeliMides «, als ittioli, «od Ewat hier
aas- und inlaotend, für g und z {tz). Beweisend sind hiefÜr die Reime, wo t mit hd.
S (^, Iz), welch* LetjBteres der Biederrhein. Mundart fremd ist, gebunden wird, be-
Mnders aber Reime mit lateinischen Wörtern. Heinrich Hat : etat : gehat (=: gehag)i
dat Lieder 60, 30. btaeMet : niet : sehitt :7t«f (= &>{;) 60, 5. geUüt : ^« : Mt : ^«6a«
{:= gehuozi) : nM {:=:=mAz) 64. 18. Eneit 124, 15. vtrwdtm i verldten : mdtm:
kattätm : Straten 57, 1. vgl. Etmüller S. IX. Wemher dat ; revoeat 59» 16 : Wilder
Haan gisat 10, 23. imot (= buoz) : ^wo^ 24, 7. ^>« (=i. ^*«r): gMcMet (=^e-
m?A«Am) 57, 18. gihuat {gOuozt): guot 34, 11 : dtnuuot 22, ll. 41, 34. gieat : 6a«
2,7. 4,3. 8,21. 30, 7. 44, 23: dat 10, 23 : stat S , 11. 14, 21 45, 15.27.
57, 8. kam (z= ladeten): saien 16, 30. Alex, etat : dat 204, 6. gröt 218, 4.
etatiantaat 193, 24:p««a«215, 17. hateiüfeate 194, 6. 6e«a^0» 193, 28. hatmx
säten 207, 3. 213, 2. heteibesete 193, 14. Der Belegstellen, wo inlautendes t:=:zi
zwischen Vokalen gereimt wird, sind im Ganzen nur wenige; natürlich, denn da in-
lautend die Tennis zur Media wird, so eignen sich für den Reim nur fremde Wörter,
wie kastdisn, oder solche deutsche, wo die Tenuts, ursprünglich mit andern Censo-
nasten yerbunden, durch deren Wegfallen haften bleibt , t. B. gruoten (p:± gruozteh)
suoteni^smckten) Wilder Mann 14, 31. 23, 27. 47, 16. Karlmeitfet Laeh-
maan suotsn : grmftsn 46.
Den WegfSüI des auslautenden t in der 2. Sing, praes. hat das Niederrheinische
auch mit andern Mundarten , niederdeutschen und mitteldeutschen, gemein. Bei
Heinrich sehr häufig ieigewie (Lieder 64, 15. Eneit 26, 39. 82, 3. 87, 27. 108, 19.
(vgl. Ettm. S.IX). Wilder Mann te.güdde {=guotes) 16, 14: heüene 4, 5: hrödie
8, 13. hae (hast) : Sathanas 9, 31. ie: gewis Wemher 59, 26. u. s. w.
Von den Gutturalen kommen in Betracht:
1. das auslautende c, wofür in den meisten niederrheinischen Denkmälern die
Aspirata cA, in einigen g gesehrieben wird; aber auslautendes c kennt die Mundart
nicht« Eneit ich mach : ereeraeh 19, 37. elaeh : geectch 42, 25. beeh : weeh ( : wee)
148, 39. büeh (venter) : irüeh 133, 9. büeh : genüch (= genuoc) 352, 20. gdfeh :
zwiek 169, 25 einurich : eich 259, 27. fmroh: durch 319, 33. floueh (=/ottü):
roueh 97, 25. 192, 15. laueh (=:l(me) oueh 108, 3. 131, 29. Wilder Mann und
Wernhvrdach(=tac):saehi4,9. 2,31. 21, 1: jrpracÄ 17, 8. 19, 14. 20, 11:
stach 17, 34 wach (=wäe) : dar nach 63, 29. dmoch : duoch 4. 1. 6. 17. 27.
26, 27. laehisaeh 26, 13. mach: sprach 53, 29. 56, 18. 58, 8. 66, 11. sSü^^i
9Mch 70, 22. gniuoch:bruoeh 39, 4: huoeh 2, 31. 16, 18. 28, 31. 65,6: duoch 15, 5.
eiuochiviuoch 12, 1. Alex. brach:laeh 210, 27. 226, 10. zd^raeh : lach 195, 6.
208, 2. lach: Ungemach 212, 20. mach : brach 189, 17. geeach : lach 196, 20.
204, 25: slach 218, 10. geschach :lach 219, 22. elaeh : geschach 219, 20: stach
222, 9. tachiungemcu^ 196, 25. suLdUhisioh 193, 1. h&dich : gewddich 185, 12.
wunderlich : strich 189, 20. eich : gmddich 214, 3. volcwlch i rieh 215, 24: Alb-
rieh 226, 18: gelfeh 119, 26. zwich : gelich 204, 12. puoch : gewuoeh 187^ 22.
184, 7: inteluoeh 183, 15. burch : durch 201, 8. 209, 21. 210, 19. 116, 28,
lAchmann U. lach : each 43, 137. vürich : grüdich 139. gnüg : buch 19. itmendieh :
eich 149. m. eprag : dag 559 : mag 235. sig : estrig 169. dach : ungemach 163.
&iir^ t dtn-^ 191. Sadnusinet Benecke sk^ i irsag 45. sprach: mag 105. Mate.
82*
500 * LITTEBATU9*
^h: sprach 156* tt. s w Hagen sich: wich 5642. 3378.. burch : duareh 2613.
2582. 2564. 5752.
2. g tritt an die Stelle yon h in dem Worte sägen = sähen (viderunt). Lieder
gesägen : pßägen 62, 37. Eneit sägen : wägen 35, 21: lägen 47, 17. u. s. w.
Wilder Mann sägen : gibägen 15, 19. 18, 20.
3. Die Abneigung gegen die Spirans h theilt das niederrheioische mit
allen niederdeutschen Mundarten. Die Kürzungen n4, gä, hö übergehe ich,
weil sie sich auch in hochd. Denkmälern finden. Bei Heinrich gesellt sich dazu
noch die (= diech, femur): knie 212, 5. Inlautend zwischen Vokalen: Eneit ^ISn»
(= zihen):frien 117, 9: blfen 264. 35. gedien : /Hen 129, 27. zieiinid 140, 9.
stdl : mS 160. 31. stäle : hole 158, 7. Vgl. Wilder Mann iwdn (= twaken) : giddn
5. 25. vis {=vihe) : hie 39, 20. 47, 26. gedien Werhrien 38, 2. trau {z=tirehm):
selzSne 57, 20. höre (= höheie): kdre 66, 17. 70, 4. — - Vor s\ Eneit ti/otf : v«
(=t;aÄ«) 146. 9: «<w (= «aÄ«) 160, 21. Eneit: was {=.wahs) 282, 13. der
hoste: ze tr6ste 81, 9. hosten \ getrosten 343, 17. Wilder Mann au^r Reim wmd
34, 17. Alex, enwessen : sessen (=sehsen) 224, 3. Hagen hoisten : troisten 1592.
'- Vor f Tgl. oben siet^ met^ geschiet, ferner: Eneit vorte : bedorte 176, 7. worten'.
bedorten 119. 13. 158, 40. 253, 2. Wernher i/or^m (= vorhten) iporten 65. 29:
bedorten (=i bedor/ten) 26, 3. stiote : gruote 23, 27, 14, 31. 47, 16. Alej., fuorkn:
porte 210, 25: bedorten 203, 24. virsuot (= virsuocht) : muot 183, 19. horte :g€-
worhte 202, 18. versmätelhäte 2000, 11. tätin: versmdtin 204, 8. Hagen ^w-
«en:i/or«0n 2465. 7505.
Minder Wesentliches glaube ich hier übergehen zu dürfen, denn ich will keine
Lautlehre des Niederrheinischen jetzt geben, nur meine Behauptung wollte ich be-
weisen durch kurze Aufzählung dessen , worin Heinrichs Mundart von der köhii-
schen abweicht und worin sie mit ihr übereinstimmt. Wer hierin keine Gewähr
und den Weg nicht erblicken kann, den er bei einer Bearbeitung der Lieder Hein-
richs einzuschlagen hat , der will nicht sehen und dem wird auch der hl. Serrstius
die Augen nicht öfinen. Ob Heinrich „der Sprache seiner Heimath in der Fremde
durchgängig treu geblieben"* ist vollends eine müßige Frage, da wir 1. gar nicht
wissen, wie laug er in Thüringen sich aufgehalten und was er aufier dem Schlüsse
der Eneit dort gedichtet hat, und weil 2. die Lieder sowohl als auch die Eneit, nnä
}fi dieser auch das in Neuenburg an der Unstrut hinzugedichtete Ende, überall eben
so deutliche Kennzeichen der niederrheinischen, als Tollständigen Mangel aller Spo-
ren der specifisch thüringischen Mundart an sich tragen. Der trügerischen Meinaog
freilich, auf diese Weise die Sprache eines Dichters so genau und treu darstellen z«
können, als vernähme man sie aus seinem eigenen Munde , wird sich Niemand hin-
geben, der zu der Einsicht gelangt ist, daß das etwas Unmögliches anstreben hieHe.
Aber nach dem Echten oder wenigstens nach möglichster AnnäheruDg an dasselbe,
auch in Beziehung auf die Schreibweise, mit allem Ernst zu streben, diese Mühe
sollte sich kein Kritiker erlassen zu dürfen glauben. In dem vorliegenden Falle
lag noch eine besondere Aufforderung dazu in dem gewiss merkwürdigen UmstaDoe,
daß mitten in der von einem alamannischen Schreiber herrührenden und überall die
Sprachfbrmen dieser Mundart verrathenden Heidelberger Handschrift ein Lied Hein-
richs, 57, 10 — 58, 10, in niederdeutscher Mundart erscheint; ich sage nieder-
deutscher, denn mi für mir ist nicht niederrheinisch, und wahrscheinlich noch Ande-
LITTERATUR. 601
res, aneb «eggen nicht, das in niederrh. Denkmälern stets in der bd. Form sagen ge-
sehrieben wird. Heinrich selbst meidet das Wort fast durchaus im Reime (nur ein-
mal finde ich sie sagen : sie tragen En. 144, 35). Der Schreiber dieser Hs. nun
bat seine nd. Vorlage so gut abgeschrieben, als ers vermochte oder verstand, d. h.
nicht ohne vielfkcb in seine gewohnte alamannische Schreibweise zurück zu ver-
fallen. Dieser lächerliche Mischmasch ober- und niederdeutscher Spracbformen wird
hier in der Ausgabe wiedergegeben, und daz erscheint neben e2af , mir neben m^, ze
neben tS etc. in friedlicher Eintracht. Ganz treu ist aber der Überlieferung doch
nicht gefolgt , und gerade dieses Abweichen davon beweist wieder meine Behaup-
tung von dem Mangel an Einsicht in das Wesen der niederrh. Mundart: statt dem
handschriftlichen nd. gfuke 57, 13. ist nämlich glücke gesetzt, statt vur SO für, statt
sinnen 58, 5. sinne und statt dahie, wie die Hs. = dat liest, dazt. Welcher deut-
schen Mundart die Form dazt angehört , ist mir zur Zeit noch dunke] ; man könnte
sie für einen Druckfehler halten, wenn nicht Lachmann zu 61, 35. statt des über-
lieferten tuet die Verbesserung muozt vorschlüge, dazt und muozt müßen demnach
wirkliche Formen sein, die wahrscheinlich der Lautlehre einer neuentdeckten deut-
schen Mundart angehören.
Ich verweile noch einen Augenblick bei dem in Rede stehenden Liede , indem
ich die erste Strophe mittheile, um daran einige Bemerkungen zu knüpfen.
'leh bin frS, stt uns die tage
liehtent unde werdent Urne*
so sprach einfrowe al sunder Idagi,
früich und dn al getwanc,
des segg ich minen glücke danc,
dat ich ein sulich herze tragi,
daz ich dur heinen boesen kranc
an miner blischaft niene verzage.
Schon J. Grimm hat Germ. 2, 480. und ebenso oben Bartsch gegen die An-
wendung der Accente , von denen hier , ohne daß für den Leser Ein Wort der Er-
klärung beigefügt wäre, zum ersten Mal ein ausgedehnter Gebrauch gemacht ist,
Bedenken erhoben. *) Wenn indess die Accente bei dactylischen Versen , um die
Hebungen, oder in alterthümlichen Versmaßen , wie z. B. dem des Spervogels , um
die scheinbar klingenden Reime damit als stumpfe zu bezeichnen, verwendet werden,
so kann am Ende bei einigem Nachdenken Jeder der Sache von selbst auf den Grund
kommen , obschon es eine Rücksichtslosigkeit ist und bleibt , solche Neuerungen
stillschweigend einzufuhren. Anders verhält es sich mit den Accenten, womit in
vorstehender Strophe die Wörter tage, klage etc. geschmückt wurden. Sie müßen
für Jeden, dem man nicht Aufschluß gibt, ein unlösbares Räthsel sein. Sonst
pflegte Lachmann mit dem Gravis den Tiefton zu bezeichnen, hier in des Minnesangs
Frühling wird er öfters zur Hervorhebung des Auftacts gebraucht. Auftacte gibt
es aber bloß zu AnfiEing eines Verses , es soll also durch den Gravis hier wohl der
Tiefton angedeutet sein. Dem Tiefbon muß aber nothwendig der Hochton voraus-
gehen. Wie ist es aber möglich, daß Wörtern wie tage, klage, trage, die nach
*) Zuerst finden sie sich , wenn ich nicht irre , in Haupts Ausgabe der Lieder Gottfrieds
von Neifen. Leipzig 1851, S. 87.
502 LITTEBATÜR,
mhd. Lautlehre und Metrik nur die Geltung Einer Silbe haben, der Hcieh* und
nebenbei der Tiefton zugleich zukommen kann? Am besten kommt man aus diesem
Dilemma, wenn man, ohne sich den Kopf zu zerbrechen , einfach annimmt. Diejeni-
gen, die hier auf das auslautende e nach kurzer Penultima den Gravis gesetzt, haben
nicht recht gewusst, was sie aus diesen Reimen machen sollen, und in der Verlegen-
heit dem Leser ein « für ein u gemacht.
In den übrigen Strophen dieses Liedes stehen in den entsprechenden Yenen
lauter klingende Reime : stunde : gtmde : gtmde : künde ; rate : späte : bäte; wäre : cfim-
bare; unmäre : enbä/re; minne : sinnen l inne : gewinne. Daraus geht nun nach unserer
Ansicht mit Bestimmtheit hervor, daß der Dichter auch die Reime tage: klage: trage:
verzage als klingende betrachtet wissen wollte. Solche Verwendung zweisilbiger
Wörter mit kurzer Penultima und einfachem Consonanten , die nach hochdentscber
Lautlehre nur die Geltung Einer Silbe haben, also nur stumpf reimen, zu klingenden
Reimen, ist bekanntlich bei den meisten niederdeutschen Dichtern gar nichts Selte-
nes. So braucht z. B. Wizlau von Rügen körnen :vemomen:vromen MSH. 3, 78*,
wesen : gelesen 80 • , leben : geben 80 ** , 83 * , tragest : verjagest 83 * , t/aren : scharm
84^ als klingende Reime. Bei Heinrich selbst fehlt es nicht an einem zweiten
Beispiele, 63, 29 : gddvet : hövet (= houbet) : tdb^; diesen Reimen entsprechen in
der zweiten Strophe : gute : mute : hüte. Ebenso wird in einem Liede des Meifiners
(Wack. L. B. 689) loben : toben f. ferner ebendaselbst habe : rohe (igäbe) zu
klingendem Reim verwendet, und W. Wackernagel, der von solchen Dingen
auch etwas versteht, nimmt keinen Anstand, an beiden Stellen diese Wörter
mit dem Circumflex zu schreiben. Besteht schon an und für sich kein Zweifel,
daß auch an den beiden Stellen tage : träge^ gdöbet^ tobet etc. zu schreiben ist, so ge-
währen dafür Heinrichs Lieder noch einen weitem, schlagenden Beweis : in sämmt-
liehen in des Minnesangs Frühling abgedruckten Liedern des von Veldeke wird
kein einziges Mal ein zweisilbiges Wort mit kurzer Wurzelsilbe und einflEUsher Con-
sonanz zu . st^n^tfem Reime verwendet , vielmehr sind in Heinrichs Liedern die
stumpfen Reime stets nur einsilbige Wörter ; «m, sanc^ Här, tot etc. Wer dieft
etwa für einen bloßen Zufall zu halten geneigt wäre , der möge sich überzeugen,
daß (mit Ausnahme von zweien nur je mit Einem Liede vertretenen) bei keinem
andern Dichter in des Minnesangs Frühling, wie gering auch sein Umfang sei,
Reime wie klagen : sagen; leben : gegeben etc. fehlen. ^Heinrichs Lieder aber um-
fassen 13 Druckseiten mit über 400 Versen. Dieser Gebrauch zweisilbiger kurzer
Wörter zu klingendem Reim gilt zunächst allerdings nur für Heinrichs lyrische Ge-
dichte, für welche ja überhaupt vielfach andere Gesetze gelten, als in der Epik;
doph begegnen uns auch in der Eneit Spuren desselben, z, B. getriben unde getragen
und leiten manegen wagen 137, 33. diez von den buchen sagen, die müder die si tragm
144, 35. enboten unde geklaget, ze jungist quam ein maget 161, 1.
Noch eines will ich hier bemerken. Bekanntlich bilden alle niederdeutschen
Mundarten, wie das Mittelniederl., die 3. Pers. Plur. Praes. nicht mit -ent^ sondern
auf -en, d. h. sie fallt mit der des Coiyunctivs zusammen. Hiefür bei Veldeke zrfü-
reiche Beweise; si ösen(t) : lösen Lieder 60, 34. si niden(t) : miden (Inf.): mit (kn
bUden : lfden(t) : durch ir ntden : versnfden (Inf) 60, 10. schdden(t) : vergelden(t):
melden (Subst.): seiden (Adv.) 61, 26. lindm : vinden(t) 62, 26. die buochen : »
suo€hen(t) 62, 32. vgl. ferner 65, 11. 29. 67, 28. Dicht neben diese» Reimen er-
scheint hier im Texte singmt 56, 3. 58, 28. lii^htent 57, 11, nemmtBS, 13. 62, 22.
UTTEBATUR« 503
«prmgetd 58, 27. öringmt 59, 28. vemement 59, 26. erigeigmt 60, 30. Ufdkt 61,
24. getment 61, 32. jeA^ne 62, 23. Nur 62, 25 ff. ist l(m!>m, gruonm gesetzt,
weil es bier dem alamannischen Schreiber gerade gefallen hat, die Wörter ohne t zu
s<^reiben.
So yiel über die Sprache des Heinrich von Veldeke. Daß ich demnach die Be-
ivbeituDg seiner Lieder in des Minnesangs Frühling für eine ganz falsche, verwerf-
liche halte, Tersteht sich yon selbst. Was dagegen den hier aufgestellten Text anbe-
langt, so übertrifft er an Echtheit und Gorrectheit den yon Ettmüller bei Weitem,
obgleich ich die Herstellung nicht überall für gleich gelungen halten kann und
Manches zu bemerken hätte. Auf Einzelheiten mich einzulassen, verbietet mir für
diefmal der Raum, den ich fär Anderes in Anspruch nehmen muß.
Auf ähnliche Weise wie mit dem Veldeker verhält es sich mit den Liedern des
Heinrich von Morungen. Auch hier haben wir einen Dichter , in dessen* Reimen
beträchtliche Abweichungen von der mittelhochdeutschen Lautlehre hervortreten.
Lassen jene die niederrheinische Mundart erkennen , so tragen diese die unverkenn-
baren Merkmale wenn nicht geradezu der niederdeutschen , doch der stark nieder-
deutsch gefärbten mitteldeutschen. Wozu hilfls? was dem Einen recht war, ist
dem Andern billig: darum erscheinen des Morungers Lieder, mit Ausnahme der
Reime, wo man ihm wohl oder übel gerecht werden mußte , in demselben Gewände,
das drei alamannische Schreiber aus dem Ende des 13. und aus dem 14. Jahrhundert
ihnen umzuhängen für gut gefunden haben. Aber nicht einmal eine Entschuldigung
hat man bei diesem für nöthig erachtet, im Gegentheil: Lachmann versichert, er
wisse wohl wie der Dichter gesprochen habe, er wolle aber nicht so schreiben.
Die betreffende Stelle ist zu merkwürdig, als daß ich sie nicht aus den Lesarten,
wo sie doch den meisten Lesern entgehen wird, hierher setzen sollte. Zu Z. 132, 2
summ ich si sihe, mim et von herzen wol etc.
bemerkt Lachmann S. 281 u. 282 wörtlich Folgendes: ,,der Dichter sprach swan ich
si s^\ aber ich habe seine Mundart nicht genau herstellen wollen." Ich enthalte
mich hiezu jeder weiteren Bemerkung, und will nur so viel sagen, daß diese Äuße-
rung aus dem Munde eines Kritikers mit Lapidarsohrift der philologischen Nachwelt
aufbewahrt zu werden verdiente.
Ich verzeichne die vom Mhd. abweichenden Reime des Morungers : git : w/^evit
(= vfdj :j4t (=giht) 122, 3. s^ : qu^e : bev^e : atSle 142, 3. die schSvie (= diu
s€hoe9^):hr6ne 122, 7. 129, 29. htdmst {= kröne ist) ; sehömttt (= diu schoenest):
lönist J33, 29. /runde {=:fnunde): künde isunde 130, 7. gefirunden'.kanden 131, 10.
fröwe : getröwe (-^frouwe : getriuwe) 124, 30. versmdn : hdn 122, 10. bevdt : gdf
129, 28. versmde : engdt : enp/ät 134, 16. gdnt : sldnt 131, 22. Jddr : wdr : ndr
(=ndher) 123, 8. se {=sehe, sihe) : gS 125, 18. 136, 34. owS 128, 4 : snS : we:
JOS 140, 38. s^ : ßSe (— /t^) 132, 3. mtsSn : vSn (= mtsehm : vehm) : stSn : zer-
gSn^26,d:zergSn:gSn:gesekSn 126, 33; jinlßSn 133, 30. 3St{=siM):gSflSß,29.
hd :fr6 122, 12:dö: also 13, 30. 143, 12. ich bestS (^bestSn) : wS : gS 123, 17.
summm-ihummer {^sumerikuTnber) 140, 32. (so auch der von Weißensee [bei Erfurt]
tmmmeriJoummerlsmnmerldS. 2, 14»». Der Dürmg eb. 2, 25. Wolfi-ams Titurel
88, 3. 4.). bwom: verlorn 133, 18. 134, 30. morgensteme : veme : gerne 134, 36.
(vgl. Eilhart Fdgr. 1, 234. 41; ungeme : v«m«. Weißensee MS. 2, 24. Gramm?.
12,462.).
504 * LITTERATUR.
Also ^ fär o«, 6 statt des Umlauts o«, t für e, te='m, 6 = ou:=ztttw; ferner
SjDkope und Apokope der Spirans und Aspirata (A und ch)^ Gemination der ein&chen
m und mb; Formen wie veme für verre, bevom, was bedarf es mehr, um die mittel*
deutsche Mundart festzustellen und den Weg zu zeigen , den man bei der Bearbei-
tung eines Dichters , dessen Lieder solche Reime aufweisen, zu betreten hat? Ich
unterlasse es , Belege aus andern Dichtern beizubringen , da ich von jedem Philo-
logen voraussetzen darf, daß er Grimms Athis und Prophilias , Frommanns Herbort,
meine Mystiker, die Marienlegenden und den Nicolaus von Jeroscfarn , wo sich eine
Fülle Yon Beispielen findet, kennt. Lachmann hat freilich irgendwo — ich kann
im Augenblick die Stelle nicht finden — die Bemerkung gemacht, die "Reime hrönist:
schönist llSnist seien unhöfisch, als ob höfisch gleichbedeutend wäre mit mittelhoch-
deutsch. Dann waren auch der Yeldeke, ja selbst Wolfram keine höfische Dichter.
Hätten die Herausgeber diesen Dingen einige Aufmerksamkeit geschenkt, wie sie
es so augenscheinlich nicht haben , so würden sie sich bedacht haben, die Lieder
130,31 — 131^24, in welchem zweimal der Reim n?*^r:^'^; erscheint; femer 137,
10 — 26, wo (abgesehen rom unreinen Reim an : hän : getan 137, 11, deren sich in
den echten Liedern Heinrichs keine finden) der Imperativ «tcA (imich) und nein:
snzwein begegnet, nicht minder 145, 33 — 147, 3. dem Morunger beizulegen.
Solche Kriterien sind bei Fragen über Echtheit und Unechtheit unendlich wichtiger
als alle Versschlüsse (wie ob ich 126, 30. und ähnliche) zusammen genommen.
Diese Missachtung und Geringschätzung aller mundartlichen Forschungen
kann man aber, ich wiederhole es, in allen Ausgaben Lachmanns beobachten. Wie
anders liei^e es sich sonst erklären, dafi Sprachformen, die entschieden nur dein als-
maijnischen Dialect und zwar zum Theil erst seiner Gestaltung um die Gränzscheide
des 13/14. Jahrhunderts zukommen, in Ausgaben von Dichtem Eingang gestattet
wurde, deren Mundart dieselben zu allen Zeiten fremd waren? So wan f. man bei
Dietmar ron Aist 39, 19. und häufig im Walther von der Vogelweide 36, 4. 73,35,
83, 38. 103, 6. 106, 84. 120, 27. «MfeW beim KÜmberger 8, 1. nienenGuißu-
bürg 70, 13. Morungen l28. 4. dim, heinlich Mor. 130, 20. 137, 37. 140,9.
144, 37, 132. 37. dur (= durch) ebd. öfter 143, 23. 144, 25. mm (=m(m)ehä.
147, 19. fröide, sdcher u. a. m. Daß wan, mm, dim, dwr, nimm, nehtint, fr&id^ ete.
specifisch alamannische, allen übrigen Mundarten unbekannte Wertformen sind, das
steht so fest als etwas. Wer sie in Ausgaben österreichischer, fränkischer und
mitteldeutscher Dichter aufnehmen zu dürfen glaubt , der hätte auch nicht nöthig
kilche in kirche, beschäm in geschehen u. ^. w. (vgl. Lachmann zu Waliher 11, 3.
92, 36 ) zu ändern. —
„Weiter als 1170 gehen die Namen der Liederdichter nicht zurück." Dies ist
ein Fundamentalsatz der Lachmannischen Litteraturgeschichte und er wird mit einer
seltenen Hartnäckigkeit verfochten. Ihn auch zu beweisen hat man sich nie die
Mühe genommen, denn den Wortein, die jene Behauptung begründen sollen , «weil
Meinloh von Sefiingen und Spervogel schon überschlagende Reime haben, und Dietmar
von Eist sich sogar zu den künstlich verschlungenen Versen der folgenden Dichter
bequemt", wird wohl Niemand irgend eine Beweiskraft zugestehen, so lange nicht
der Beweis gefuhrt ist, daß und warum vor 117.0 verschränkte Reime und ver-
schlungene Verse ins Reich der Unmöglichkeit gehören. Daß die Lyrik firuher als
am Rhein und unberührt von provenzalischem Einfluß in Oesterreich zuerst ihre
liirTERATtTB. 506
SehwiflgeD entfiüiet habe, ist eine allgemein zugestandene Thatsache. Waren aber
die dstliclien Dichter im Stande , aaf Grundlage des epischen Volksliedes eine neue
Dichtart, das lyrische Lied, zu erfinden, so wird man ihnen auch eine von jeder neuen
Kunst unzertrennliche Fortbildung und Weiterentwicklung , die sich ja zunächst in
manigfiütigeren Weisen und Formen zu äufiem pflegt, zutrauen dürfen. Einer
muS der erste gewesen sein, der den überschlagenden Reim und die yerschlungenen
Verse erfand und in die Lyrik einführte. Finden sich diese schon bei Dichtern, die
Ton fremdem Einflüsse erweislich frei geblieben sind, so wird man annehmen dürfen,
dat sie wie die Gattung so auch die Weise und Form selbständig von sich aus weiter
gebildet haben. Diese künstliche Ausbildung der Strophenform knüpft sich Tor-
zugiich an den Namen eines Dichters, über dessen Person und Lebenszeit wir glück»
lieber Weise bestimmte historische Zeugnisse haben: an Dietmar yon Aist 1143 bis
1170. Eine Kritik nun, welche diese frühe Ausbildung leugnet, hat den Weg zu
betreten , der schon Ton Wilh. Wackernagel (altfranz. Lieder S. 202) angedeutet
wurde: sie hat zu untersuchen, ob hier nicht eine Vermengung zweier Dietmare
oder aber eine Vermischung von Liedern yerschiedener Dichter statt flnde. Den
Versuch zu einer derartigen Untersuchung hat nun Haupt S. 245 u. 246 anzustellen
Miene gemacht. Da er aber yon dem Jahr 1 1 70 als unverrückbarer Schranke aus-
gieng, so darf man sich nicht wundem, wenn er, statt das nahe liegende sichere
Ziel zu erreichen, sich in ein Labyrinth yon haltlosen Vermuthungen verlor, in
dessen Dunkel nur Ein Stern ihm leuchtete : die tröstliche Gewissheit , daß Lach-
mann sich nicht geirrt haben könne. Man mufi die ganze Untersuchung selbst
lesen, um sich zu überzeugen, daß es sich hier nicht mehr um aufrichtige unbefongene
Lösung wissenschaftlicher Fragen, sondern um bloße Rechthaberei handelt. An
Allem wird gezweifelt, nur an dem Einen nicht: an Lachmanns Unfehlbarkeit. Wem
fällt hier nicht die schöne Strophe aus Hamlet II, 2. ein, die mit der Änderung eines
einzigen Wortes f&r unsern Fall wie gemacht ist?
Das litt. Centralblatt 1858, S. 156 macht uns die Zumuthung, den Beweis der
Identität zwischen dem von 1143 — 1170 in Urkunden erscheinenden Dietmar von
Aist und dem Dichter dieses Namens zu führen. Das ist aber, da es überhaupt nur
Einen Mann dieses Namens und Geschlechtes gab (kein Historiker hegt darüber den
leisesten Zweifel), wohl nur ein Scherz. Jener Dietmar, der zuerst im Jahr 1143
uikundlich erscheint, starb im Jahr 1170 oder 1171 als betagter Mann , kinderlos,
als der letzte seines Geschlechtes, und die , wie es scheint nicht unbeträchtlichen
Besitzungen, giengen an seine mit Engelbert von Schonheringen Vermählte Schwester
Sophia über. Nach diesem Jahre gab es keinen Dietmar von Aist mehr und über-
haupt keinen Aister. Wenn man also nicht annehmen will , er habe noch aus dem
Grabe gesungen, so bleibt nichts Anderes übrig, als- entweder zuzugeben, daß die
deutsche Lyrik über 1170 zurückreicht, oder zu beweisen, daß alle unter Dietmars
Namen überlieferten Lieder diesem falschlich unterschoben sind. Einen dritten Weg
gibt es nicht. Denn wenn auch nur einige der alterthümlichem ihm zugesprochen wür-
den, so ist jene Schranke schon durchbrochen. Ein solcher Beweis hätte aber seine
Schwierigkeiten. Die Erkenntniss, daß die Strophen 20,1 — 25, 12 nicht jenem
Spervogel angehören können, der die Strophen 25, 13 — 31, 6 dichtete, ist zwar
leicht; aber einen gewissen Fortschritt in der äußern Form wird man bei
jedem Dichter von Begabung und bei längerer Kunstäusübung doch wohl vor-
606 LrrTERATUB.
ABSsetiseji dürfen. Wie anders will man sonst bei Heinrieh ron Bugge z. B. die
unreinen Reime in seinen Liedern (tvfpilti 103, 10, hdnikan 103, 31. enkcm'.tftdn
1 03, 36. sinne : minne : gedinge 1 06, 35. hohen : vermgen : treten : klagen : scigen 1 07,
21. genuoge : truobe 108. 27. naht : ^oA« 109, 19. vihe : ^^fte : vertribm 111, 2)
und den vollständigen Mangel solcher Reime in seinem Leiche 96^—99 erklaren?
Bisher waren wir des Glaubens, das unumgelautete lange d, wo es bei hoch-
deutschen Dichtem im Reime erscheint, sei das Kennzeichen eines hohen, noch über
die Mitte des 12. Jahrhunderts hinaufireichei|den Alters („wer den Ursprung des ae
in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts setzt, dürfte wenig fehlschlagen** Grammatik
1 ^ , 173). Solche Reime finden sich wirklich bei Spervogel (Be€h€idr6:mdre=maare
26,3. grdwelalufdre^aiwaere 27, 13.) und Dietmar (sdhe=:^s<iehe:zewdr€31,26.)^
Statt nun diese Reime als das zu nehmen , was sie unzweifelhaft sind , als Beweise
für das hohe Alter jener Lieder und ihrer Dichter , wird , consequent zwar und ent-
sprechend jenem Jahre 1 1 70, aber rein willkührlich, nicht nur saehe (dies möchte noch
angehen), es wird auch Bechdaere und graewe geschrieben, Formen also, wie sie nie
in Deutschland, in keiner Mundart und zu keiner Zeit je erhört sind. Bechden
haben allerdings, dem ihnen widerstrebenden Reim zu lieb, die beiden Hss. AG,
aber wir wissen aus den Nibelungen und andern Gedichten genau, welches die rich-
tige übliche Schreibweise war (noch heute lautet es unumgelautet PöcMam) , and
warum wurde bei Heinrich Ton Veldeke 59, 23. nicht auch jere : dSre nach G ge-
schrieben statt jdr«, ddre? graewe dagegen ist Erfindung Lachmanns (A liest ^aw«:
alwere), sie steht jenen monströsen Formen wie kuont, fuohs etc. im Wolfiram eben-
bürtig zur Seite. Also nur um recht zu behalten wird die mhd. Lautlehre auf den
Kopf gestellt und werden unmögliche Sprachformen eingeschwärzt« Dieses Ver-
fahren könnte man ergötzlich finden, wenn es nicht betrübend wäre, betrübend durch
die Betrachtung, bis zu welchen Yerirrungen der Eigensinn fuhren kann, betrübend
auch desshalb, weil dadurch eine Menge Schüler, die jenen beiden Männern blindlings
zu folgen gewöhnt sind, irre geleitet werden.
Die Ausstattung des Buches , um noch ron dieser zu sprechen , Druck und
Papier , ist eben so ansprechend und yerlockend fur*s Auge , als die innere Einrich-
tung unbequem, nüchtern und kalt. Gleich der Mangel an Colunmenüberschrifben
— die Dichter sind bloß mit römischen Zahlen bezeichnet — ist so hinderlich nnd
unpraktisch als möglich. Um beim Aufschlagen zu wissen , welchen Dichtier man
Tor sich hat, ist es nun nöthig, jedes Mal entweder das Register zu befragen oder
nach vorwärts zu blättern oder die Zahlen auswendig zu lernen oder endlich, was
am meisten zu empfehlen ist, jeder Seite die betreffenden Namen überzuschreiben.
Diese Unterlassung ist nicht etwa die Folge von Verg«8slichkeit oder eines bei
Gelehrten nur zxl häufig Torkommenden Ungeschicks , nein , es ist yielmehr Grund-
sate , nichts zur Bequemlichkeit der Leser zu thun. Darum auch hier , wie in
den meisten aus diesen Händen herrorgegangenen Ausgaben , die fast yollständige
Abwesenheit aller Erklärungen, die dem Leser über sachliche und sprachliehe
Schwierigkeiten hinweghelfen und das Verständniss erleichtem und befördern könn-
ten. Alle solche Erläuterungen, die über gelegentlich beigebrachte Parallektellen
oder über metrische Feinheiten etwa hinausgehen , werden geflissentlich gemieden,
aws Besiorgntss, dadttrch die angebenden Jünger, wenn man ihnen die Sache gar zu
leicht naeht,. zur Trägheit zu yerletten und d^n Dilettaautismus Vorschub za leisten;
LFTTERATDIL ' 507
als wenn es in der altdeutsohen Philologie sonst keine Schwierigkeiten zu über*'
winden gäbe , und als wenn die Denkmäler altdeutscher Poesie bloß für Studenten
und einige Philologen Ton Profession da wären ! In der That wird die nicht unbe-
irftekttiebe Anzahl unter den Gebildeten, die ein Herz für die Vergangenheit unser»
Volkes haben, und toü Eifers und guten Willens sind, diese aus den Quellen kennen
zu lernen, als nicht vorhanden betrachtet. Wie könnte sonst, statt sie liebevoll zu
sich heranzuziehen und ihnen bei ihrem löblichen Bestreben hilfreiche Hand zu
bieten. Alles so absichtlich drauf angelegt werden , sie abzukühlen und abzusteigen,
dadurch daß man ihnen -ungenießbare , unverständliche Bücher in die Hände gibt?
Diese kahlen, aller Erläuterungen haaren Ausgaben sind dann auch die Quelle jener
trsnrigen Zwittergeschöpfe , die nicht altdeutsch und nicht neudeutsch sind , ich
meine jener sprachverderbenden, handwerksmäßigen Übersetzungen , die mit er-
schreckender Sdinelligkeit sich mehren , und , indem sie das Nichtverstandene wohl
oder übel dennoch übersetzen , statt eine richtige Kenniniss der mhd. Poesie zu be«
fördern, davon nur ein Zerrbild liefern und jedes ernstliche Studium der alten Sprache
und Litteratnr mehr und mehr untergraben.
In der einen, durch Beneokes Sorgfalt ausgezeichneten Ausgabe des Iwein hatte
sich der exegetische Eifer der Schule schon im ersten Anlauf erschöpft , und ein
zweiter Versuch , der diesem ersten nur entfernt gleich käme , ist nicht gemacht
worden. Lachmanns Ausgabe des Nibelungenliedes (1826) entbehrte 28 Jahre lang
des so nothwendigeü Wörterbuches, und als es (1854) erschien, war es fast schon
zu spät. Wolfram, der schwierigste aller mhd. Dichter, ist noch heute ohne einen
von berufbnen Händen verfieissten Commentar: weil man nicht gleich Alles hat er-
klären können (so lautet wenigstens die Ausrede), wurde gar nichts erklärt, und aa
diejenigen Leser, welche erklärende Anmerkungen wünschten, wurde die, wir wollen
sagen • — naive, Forderung gestellt: nsie müssen erst sagen, was sie nicht wissen,
was ihnen selbst dunkel scheine, wo sie Hülfe brauchen ** (Wolfiram S. IX)- Mit
solchem Hohn verstand Lachmann die »vorschnellen Tadler" abzuweisen. Darf
man sich unter diesen Umständen wundern, wenn Jeder, der nicht dabei sein muß,
der altdeutschen Litteratur den Rücken kehrt, und wenn der Leserkreis , statt sich,
wie man bei einer so jungen Wissenschaft erwarten sollte , mehr und mehr zu er-
weitem, von Tag zu Tag enger wird ?
um schließlich auf des Minnesangs Frühling zurückzukommen , so wären hier
eingehende, erläuternde Anmerkungen so noth wendig und noth wendiger gewesen,
als bei jeden andern , namentlich epischen Dichtungen, schon weil die Ljrik , diese
subjectivste aller Dichtarten , mit ihren wechselnden Stimmungen und Formen dem
Verständnisse weit größere Schwierigkeiten darbietet, als die epische Poesie. Von
alle dem findet der Leser hier so zu sagen nichts: durch 's ganze, sonst so schöne
Buch, schön durch den Inhalt und schön durch die Ausstattung, weht Ein erkälten-
der Hauch. Wer ist zu einem Commentar mehr berufen, ja nicht bloß das, sondern
verpflichtet, wenn nicht der kritische Bearbeiter, der eben bei der Bearbeitung weit
tiefer in den Sinn und Geist der alten Texte einzudringen hat, als der Leser, dem
es nur zu häufig theils an\ Gerüste (mit unsem größten Wörterbüchern kommt man
dabei nicht weit), theils an Zeit und Kraft dazu gebricht? Selbst diejenigen, die
vom Mittelhochdeutschen etwas zu verstehen glauben, werden hier Manches finden,
was ihnen ganz unverständlich, Vieles wtU ihnen mindestens dunkel ist und worüber
608 UTTERATUR.
man der Herausgeber MeiDimg zu erfohren wohl verlangen dürfte. Wie wird es
erst den Laien ergehen, die durch den ungewöhnlichen Titel und die reizende Außen-
seite bestochen das Buch zur Hand nehmen ? Der Inhalt wird ihnen so spanisch wie der
Titel , er wird für die Mehrzahl derselben ein yerschlossenes Buch sein , Dank der
Vornehmheit, die sich etwas zu yergeben und die Wissenschaft zu profanieren
wähnte, wenn sie für diese Leser den Schlüssel zum Verständnisse gleich beifügte.
Es fehlt nicht an warnenden und klagenden Stimmen aus dem Laienstande über
den verkehrten Betrieb , der in der deutschen Philologie herrscht. Sie haben ein
Recht gebort zu werden, wer aber hört sie ? J. V. Schefiel, der uns in seinem Ekke-
hard (Frankfürt 1856) von dem Leben der obem Lande im 10. Jahrhundert ein so
leben s warmes, anmuthiges Bild entworfen hat, macht über das Treiben und die Me-
thode in unserer Wissenschaft die treffende Bemerkung, sie sei im Ganzen „eine
Litteratur von Gelehrten für Gelehrte , an der die Mehrzahl der Nation theilnahms-
los vorüber gehe und mit einem Blick zum blauen Himmel ihrem Schöpfer danke,
daß sie nichts davon zu lesen braucht"* (S. IL) Noch bezeichnender sind die Äuße-
rungen Julian Schmidts bei Gelegenheit einer Anzeige von Haupts Ausgabe des
Neidhard (Grenzboten 1858, Nr. 12, S. 477): „die Methode des Herausgebers, seine
entschlossene , feste , rücksichtslose Kritik , das mächtige Wissen und die stolze
Sicherheit sind in unserer Gelehrtenwelt bekannt genug. Möge jetzt auch das
Publikum Freude daran gewinnen. Aufrichtig sei gestanden , wir würden dankbar
sein, wenn uns der Herausgeber zuweilen etwas mehr von dem langen und müh-
samen Wege gezeigt, auf dem er zu Resultaten gekommen ist , die jetzt kurz und
glatt vor uns liegen , wie etwas, das sich von selbst versteht. Sein Selbstgefühl
mag der Bewunderung Solcher entbehren , welche aus dem großen kritischen Appa-
rat auf die Größe der Arbeit schließen, aber auch wer achtungsvoll in seinen Wegen
geht , würde ihm Dank wissen , wenn er öfter sein Zeichen an dem Gestrüppe der
Wildniss erblickte, um da irrige Abwege zu vermeiden, wo den Germanenhäupt-
ling ein Wissen leitet, welches ihm fest wie ein Instinkt geworden ist.**
Gewiss muß an dem von uns ausgesprochenen Tadel etwas Wahres sein, wenn
selbst ein so treu ergebener Freund sich nicht enthalten konnte, solche Klagen und
Ermahnungen in sein Lob einzustreuen. /
WIEN, November 1858. FRANZ PFEIFFER
•9' ^ »ij»^Mt»*r«<.<f <
=.==d
REGISTER
ZUM ERSTEN BIS DRITTEN JAHRGANG.
ANGEFERTIGT VON ANTON PERNHOFFEB.
4 = ftn 3, 66.
aadybeel Tel 3, 1.
Aargao, Schweizersagen aus
dem 1, 502. S, 253.
Abraham a S. Clara Ober die
Kindeszacht 1, 152.
Abgesaog; sein Yerb<niss zu
den Stollen 2, 291. Zer-
leguig d. Abgesangs 2, 295.
Aefaenheim, der von 3, 232.
Adalfidns 2, 475.
Addanz 2, 397.
Adelfaeit; von der ubeln A. und
ihrem mann 1, 270.
Adelphos Joh. 2, 505.
Adsednü 2, 477.
Aeboeno 3, 41.
agayt 1, 281.
Agazi, Hag$DS Vater, 3, 180.
Aim^ von Varennes 1, 241.
Aimotnofl 1, 37.
ainlif 1, 19.
Aist, siehe: Dietmar von A.
AI, Johannes 2, 503.
Alamannus 1, 40. Alamanni-
scher Dialect 3, 147.
Alanen 1, 42. 44.
Albaner 1, 42 44.
Alberich Ton Besan^on 2, 30.
449. 459. seine Sprache 2,
460. seine Lebenzeit 2, 462.
Albheid 2, 475.
Albrecht von Kepienaten 1,
295. 319. 321.
Aldinflis und Aldinselae, in der
Eckensage 1, 123.
Aldrian 3, 185.
Alebrand 1, 291.
Alemannisches ELinderlied und
Kinderspiel aus der Schweiz
2,382.
Alezanderlied; Quelle des
deutschen A. 1, 273. 367.
zum provenz. Alezander-
fragment 2, 95. Alezander-
lied des Pfaffen Lambrecht
2,29. Zeitbestimmung2,32.
' Verhältniss der beiden Hss.
2, 32. Verhältniss zum Anno-
liede 2, 37. Sprache 2. 38.
3, 494. Lambert von Hers-
feld als Verfassei* 2, 29.
46. provenz. Bearbeitungen
vor Alberich 2, 454. An-
spielungen in provenz. Ge-
dichten 2, 454. Abfassungs-
zeit des Alezanderliedes von
Alberich 2, 462« zum roman.
Alezander 2, 441.
Alf Hialpreks Sohn 3, 184.
Alfaidus 2, 474.
Alfida 2, 474.
allerwegen 2, 488.
Allofia 2, 89.
Almosen« das warme 1, 262.
Almpni 3, 43.
Alpensagen 3, 253.
Alpbart 1, 292. Alpharts Tod
2, 502.
alswA 2, 486.
Altdeutschen Gesprochen , zu
den 3, 48.
altfiant 3, 18.
alwec, 2, 487.
alwegen 2, 488.
Ambla 3, 44.
Amblardus 3, 44.
Amblinus 3, 44.
Amblulfus 3, 44«
Ambricus, 3, 45.
Ambulfus, 3, 45.
Amelung 1, 33a
Amfortas 2, 391.
Amint 1, 277.
Amlethus 1, 455.
Ampflise 2, 392.
an in der thüring. Mundart 3,
393.
Ancfais 1, 36.
Andfind, die Sage von 2, 230.
Andreas, der heilige 1, 77.
Andvari, 3, 181.
Äneas, ein altfriuz. Gedicht,
über 1, 368.
Angelsächsische Glossen 3,
221.
Angeltheow 1, 299.
Anjou 2. 397. 398.
Annolied; der Dichter des
Annolieds 2, 1. Verhältniss
des Annoliodes zur Eaiser-
chronik 2, 3. Bildung des
Dichters 2, 9. Verbesse-
rung des Teztes 2, 11.
Zeitbestimmung der Ab-
fassuDg 2, 14. 21. Ver-
510
REGISTER ZUM L— n[. JAHRGANG.
hAltniss des Liedes cnr Tita
2, 15. Yerhältniss des Lie-
des IQ Lambert von Hers-
feld 2, 21. Lambert, der
Verfasser d. Amio]iedes2,27.
VerhältnisB zum Alexander-
Uede 2, 37.
Annore 2, 400.
Ansegisiliis 1, 36.
AnsUeubis cnjosdam Gothonim
episcopi glossariam 1, 359.
ant in den Zusammensetzungen
1, 220.
Antenoriden 1, 37.
Antikonie 2, 408.
an]>ar, andar, ander 1, 32.
apensad 1, 280.
Arasvertos 2, 474. 476.
Archives des missions scienti-
fiqnes et litt^raires 2, 505,
Argaid 2, 474.
Argefrado 3, 298.
Aristoteles und Phyllis 1, 25&
bruoder Aristotiles 3, 234.
Amive 2, 395.
amorieus 2, 89.
Arsenius 3^ 412.
Art = Gegend, Landfichait 1, 4.
Arthur 2, 395.
Artus 1, 294. Artus und Os-
wald 2, 466.
Arremeru. dieXrojasage 1, 51.
ascherde, 1, 355.
Asciburgium 1. 48.
asohrco 3, 43.
aspendier 2, 172.
Attila, ein ahfranz. Gedicht
über 1, 368.
Attraction, über einen Fall der
2, 410.
Auftakt im mhd. Vers 2, 107.
az für daz 3, 50..
Azedmär 2, 475.
azdts 2, 475.
Badagad 3, 299.
bägen, sich 1, 226.
Bairisch-Osterr. Yoealismus 2,
252.
Baidur; zum Mythus Ton Bal-
durs Tod 2, 48.
Balthasar von Mecklenburg 1,
59. 60. 61. 241.
balzen 2, 169.
Barbarossa yon Joh. Adelphus
Z, 505.
Bardo, 3, 43.
Barengestim 1, 76.
Basel , vom Kaufiinann zu 1,
270.
Baslerische Kinder- und Volks-
reime 2« 382.
BassuB 1, 37.
beÄcen 2, 354.
Beacums 2, 396.
Bdälzenan 2, 407.
Bebikon 2, 496.
beel Tel aad 3, 1.
Begues Ton Belin 1, 7.
Beheim, Michel 3 , 227. 309.
327.
Beichte, die 1, 262.
Belakane 2, 400.
Benoit de Sainte-More 2, 49.
Auszüge aus seineiti Roman
de Troyes 2, 61. 177. 307.
Beowulflied, das 1, 385. Beo-
wulf Scylding 1, 397. Beo-
wulf Eeg]>edwxng 1, 403.
Berchta 3, 172. 255.
Berfrigus 3, 300.
Bertha, die. Sage tob der rech-
ten und falschen 1, 438.
Berthold&baar, die 1, 90.
Bertran von Marseille , la vie
de sainte Enimie von 3, 383.
Besan^n, siehe Alberich t. B.
Besenfelder 1, 5.
betfagia 2» 89.
biberans 1, 355. 2, 508.
Biene und Bienensegen aus
Pommern 1, 107. Bienen-
vater 1, 108.
Bigandus 2, 504.
Binnenreim 2, 298.
Birberg, Walther von 3, 436.
Birhtinlö 1, 88. Birtinloe 1,
89.90.
Bim, die halbe 1, 259.
biscUbit 3, 1. 4.
Bisenzün» Eiberich von 1^288.
Biuginsoelp 3, 4, 5.
Bizi 2, 170.
bläch 3, 335.
Bligger von Steinach 2, 502.
blilinde 1, 356.
Bliocadras 2, 401.
Blutritt zu Weingarten 1 , 78.
Bogener sieh: Otto der B.
Bolko 11. Herzog Ton Münster-
berg in Schlesien 1, 247.
Bolze 2, 168.
bolzen 2, 169.
bOn für boam 3, 66.
Boner, das beraische Geschledit
der 1, 117.
Bonikt und Parön 1, 9.
Brabant; Lieder Herzogs Jan 1.
von B. 3, 154.
Bracca und Porsa 1, 9.
Brado 3, 42.
Brandan 1, 493.
Breca, Breoca 1, 405.
Bricktts 2, 395.
Britto 1, 40.
Brobarz 2, 407.
brochseln 3, 442.
Brosinga mene 1, 410.
Braehsal 2, 496.
Brumbane 2, 392.
Brünhild 3, 189.
büelin 3, 442.
Bughenscelp 3, 4.
Bukarester Bunenring, der 2,
209.
bulge 1, 355.
bunder 3, 328.
Burtenlay, Burtenlehen 1, 89.
Busant, der 1, 260.
Buse 2, 170.
D.
Dach, Simon 2, 446.
Dsghrefn 2, 353.
Dahenfeld, Siegfried von l,
237.
Daniel von Blumenthal und
Alberich von BesaD^oii 2,29.
449. Abfassungszeit des
provenz. Gedichtes 2 , 462.
Danise, Königin 2, 452.
Dares Phrygius 1, 36.
dan 3, 7.
daz! 3, 7.
St. Denis , der Chronist von
1, 37.
deyne 1, 280.
Diaconus, Paulus 1, 36.
Diebsegen aus Ponuieni 1>
105.
Dieprecht 2, 168. l70.
Dietmar 1, 291.
Dietmar von Aist 2, 493.494.
3, 488. 505.
Dietrich 1, 291. 306.
Dietrich von Bern 1, 121. 30i
315. als Bauem£reimd 1)
340.
Diezelin 2, 168. 170.
Diuolspot 3, 303.
dige 3, 50. *
BSGOSTEB ZUM. L— HI. JAHBOANG.
Sil
doch in der B«d0tttiiiig
mmii bei Zahlen 1 , 26.
Draehensagen 2, 846. Dra-
chensage bei Wnnnüngen
1,305.
Drak 1, 104.
Dral (Dran) 1» 121.
Dreieinigkeit, Gebete an die
hL 8, 355.
dr^ 3, 1. 5
Dnuenloeh b^ Mains 1, 100.
dry, magna l; 246.
Dnodecimalsystem , das dent-
Bche 1, 217. 221.
Dnriacfa, der Ton 3, 230.
Dnme, Beinbot Ton 1, 371.
E.
£4dgUs 1, 414.
£alia2, 355. 857.
Eastra, Eostra 1, 66.
eb3,42.
Ebanleob % 41.
£banolt3, 41.
Eb&rolt 3, 41.
Ebene 3, 41.
Eber, Freis 1, 478.
Ebraneus 2, 401.
£cg>edw 1, 402.
Eekart 1 , 292. Eckart von
Jörg Wickzam 2, 505.
Ecke sieb Eggenlied.
ETangelienharmonie, altsAchs.
1,266.
ETrawo 2, 401.
Efroc 2, 401.
Eggenlied 1, 320. Heimath
der Eekensage 1, 120.
Egtdora 3, 173.
EgUgat 3, 299.
Eigr 2, 396.
Elke Ton Repgow 1, 382.
Eilbirk«n, Wald bei Kelheim
1,77.
eilf 1, 21.
Einheijer in Mn«piUi 3, 19.
Einhim 1, 359.
einlifil,21.
eit , ags. Ad und ahd. eitar 2,
349.
Elbe 3, 172.
Eiberich Ton ßisenziüa 1, 268.
elleTan, eieren, 1, 21.
Eilerbach, Pappli von 1, 382.
Elftfiische Mnndart 3, 411.
Elsentroie 3, 179.
Emeishofen, BtolM ton 1, 5.
Emita 3, 299.
endleofan, entlafon 1, 21.
Enenkel 2, 258.
enforcar 2, 442.
Enide 2, 397.
eolh 1, 125.
Eomaer und Heming 1, 297.
466.
£otaland2,344.
Eotenas 2, 344.
Eppe, meister 1, 3. 10.
Erbnwnnd 3, 303.
Erdmännlein 1, 2.
Erec 2. 397.
Ercblais 2, 392.
Erlösung, die ; sprachliche £r-
Uuterangen dazu 3, 328.
— die Prager Hs. 3, 480.
Ermbrada 3, 43. 46. Erm-
bradns 3, 42.
Ernst, Herzog 1, 461.
Erringen, der von; GOnner
Ulrichs T. Tttrheim 2, 252.
Erziehung der Knaben im
Mittelalter 1, 136.
Eschenbaeh sieh Wolfram.
Esel; von dem lewen, dem
ochsen, dem esel und dem
swein 1, 272. das Esels-
spiel 1,272.
Etiücns Hister 1, 35.
Eticho, Weif 1, 76.
Etzel 1, 293. 269.
ewilendi 2, 101.
Eyrland 1, 489.
F U. V.
Valaskialf 3, 4.
YaUcyrien 3, 176.
Fallende Sucht 2, 377.
Famurgan 2, 395.
FaDggen, die 3, 255.
▼ans bei zusammengesetzten
Zahlen 1, 26.
faera bei zusammengesetzten
Zahlen 1, 26.
Faramnndus 1, 35. 40. 41.
Fasold 1, 292.
Vassus 1, 36. 43. 52.
faz 1, 274.
Feirefiz 2, 404. .
Feldbauer, das Mttre vom
1, 346.
Veldeke sieh Heinrich.
Felix, Bruder 1, 267.
Fenga 2, 508.
Yerena^, Legende von 1» 502.
Vergnlahi 2, 400.
Venreder, van den 2, 172.
Vert; LAnge des Verses aus
den metrischen Begeln Hes-
lers und Jerosohios 1, 198.
Yersschlttsse 3, 68. 69.
2, 108. yenB> in MuspilM
3, 8.
Verschleifong der Sylben 1,
200.
Fidegart 2, 475.
Fidubert 2, 475.
Fierabaccia (ein altital. Ge-
dicht) 1, 368.
fifel 3, 174.
Fillaz 3, 273.
Finn, König der Friesen 2, 351 .
354. 362.
Fiörgyn 1, 484.
firgen 1, 246.
firgenbucca 1, 484.
firgengit 1, 484.
VirgiUus 1, 267.
Fitela 2, 344.
Fizzüo 2, 346.
S. Florencius 1, 77.
Flnrdamnrs 2, 399.
Vogelweide sieh Walther ▼.
d.V.
Eolcwald 2, 351. 362.
F6le 2, 393.
Volker 1, 292.
Volkslieder, über die deutschen
3. 129.
Volksmärchen aus dem Sach<
senlande in Siebenbürgen
2, 120.
Volmar, bruoder 3, 232.
VOlsungar 2. 358.
Völund 3, 176.
Vorarlberg, die Sagen yon
3, 253.
vorhoubet 3, 444.
Vos Beinaerde, van den 3, 121.
Vostaert, Pieter 1, 495.
Fradello 3, 298.
Fradinus 3, 298.
Fradmarr 3, 298.
Frado 3, 298.
Fraganus 3, 297.
Fragenger 3, 297.
Fragibert 3, 297.
Fragiledus 3, 298.
Fraegr 3, 297.
Frahamot 3, 29a
Frahniu 3, 298.
Fraighems 3, 297.
Frakkland 2. 346.
612
BEGISTEB ZVM L->m. JAHRGANO.
Franken, die Trojaiage der
1,34. 2,379. Francil,
44. Francio 1, 35. der
Ton Franken (Prediger) 3,
233. Francu 1, 36. 37.
40. 49.
Frankreich; der König von F.
und der ungetreue Mar-
Bchalk 1, 259.
Fratinus 3, 298.
Fran; die Frau im germ.
Norden 1, 395. Frauen-
zucht 1, 258.
YrAz (nom. prop.) 1, 225«
Fredegarins 1, 34.
Freiberg« Heinrich von 2, 253.
Freidank 1, 294. über Bern-
hard F. 2, 129. die Grab-
ftchrift in Treyiso 2, 130.
der Name 2, 135. der Vor-
name Bernhard 2, 136.
unterschobene Sprüche 2,
138. bürgerlicher Stand F*s
2, 145. sein Reim und
Versbau im Vergleich zu
Walther 2, 152. Flick-
wörter bei Freidank 2, 156.
die Bescheidenheit 2, 158.
Freidank bei Hugo von Trim-
berg 2, 418.
Freigin 3, 297.
Frei's Eber 1, 478.
Freund, Johannes 1, 483.
Frideberg, der von 3, 227.
Friderich von KöUen 3, 436.
Friga,Frigusl,34.43. 3,299,
Frigbod 3, 299.
Frigeder 3, 299.
Frigeridus 3, 299. 300.
Frigeus 3. 299.
Frigueho 3, 299.
Friggjarrockr, Friggero^k 1, 75.
Frigidus 3, 299.
Frigier 1, 34. 43.
Frigigat 3, 299.
Frigius 1, 37.
Frigobert 3, 299.
Frictrung 1, 246.
Frinnt, der 3, 229.
frd und hdrro 1, 235.
Frosch; von dem storg der
frosch got 1, 272.
Fuchs; von dem lewen, dem
wolfe und auch von dem
fuchs 1, 271. von dem fuchs
und der katzen 1, 272.
Vulfilas (das goth Alphabet)
1, 124.
Vundram 3, 302.
Funtan 3, 302.
Vuntbert 3, 302.
G.
Gabeistein, der ron 3, 232.
Gabilün 1, 479.
Gachschepfen, die 1, 238*
6ahevie0, Ither von 2, 397.
Gahmuret 2, 400.
Galates 1, 43.
St. Gallen, der Probst zu 1,265.
Galoes 2, 400.
Gampillün 1, 479.
ganchaft 1, 355.
Gandin 2, 397.
Gang nach dem Eisenhammer
3, 410.
G&rel vom blühenden Thal
3. 23.
Garin der Lothringer 1, 7«
gamasch 2, 87.
Garschiloye 2, 392.
Garulf 2, 355.
Gaschier von Normandie 2. 404.
Gautar 1 , 387.
Gawan 2, 395. 396.
Gawein 1, 294.
Geaten 1, 387.
Gebete an die hl. Dreieinigkeit
3, 355.
Geiger, Conrad 3, 261.
Geistliches Schauspiel 3 , 267.
Gengenbach , Pamphilus 2,
122. Rudolf von Gengen-
bach 3, 227.
Genovefa, die Sage von 1, 437.
St. Georg; altfranz. Bearbei-
tung 1, 371. Leich auf S.
Georg 2, 502. ein Spiel von
S.G. 1,165. 171. Legende
1, 167. 191.
Gerhard und die dankbaren
Todten 3, 199. 2, 256.
Germane; über das Alter des
Germanennamens in der
Litteratur 1, 156. 389.
Germania , Handschrift der
1, 356.
Gernot 3, 177.
Gertrud, Mutter 1, 77.
Gervasiu« von Tilbury 1, 368.
geschsret 2. 87.
Gibich 3, 177. 182.
Gibika 3, 171.
Gicht, die 2, 377«
Gielis van Molhem 1. 493.
GiUis 1, 253.
Ginovre 1, 294.
girre 3, 328.
Girregar Meister 1, 262.
Giukunge 3, 171.
Glasberg, der 1, 425. 426.
2, 241.
Glossen ; Glossar E des Jonios
1, 111. Glossen Ry 1, 113.
angels. Glossen 3, 221.
ahd. Glossen 3, 351. Tegero-
seer Glossen 3, 359.
glückespfennig 3, 442.
Gödekes Grundriß zur Ge-
schichte der deutschen Dich-
tung 2, 491.
Godomar 3, 177.
Goldhaar 2, 121.
Gothen , das Grosshundert bei
bei den 2, 424.
Gothische und langob. Hand-
schriften 1/358.
Gottfried von Hohenlohe 2, 254.
Gottfried von Straltburg, Lob-
gesang 3, 59. seine Reime
3, 62. sein Versbau 3^ 68.
Lied von der Armuth 3, 79.
Götz von Tübingen 1, 15.17.
Graal, Cretiens li contes del
2, 426.
Grabhügel ; Versammlungen
an denselben 1, 95.
Graharz, Gurnemanz ron 2,
393
GrAland 3, 219.
Gialkönige, das Geschlecht der
2,390.
Graumantel, der 1, 484.
Gregor; eine altfranz. Bear-
beitung des Lebens Gregors
1, 373.
grelle, diu 1, 356.
Grendel 1, 400. 2,349.
Grimblandusj Grimlandos 3,46.
GrimhUd 3. 178. 194. 195,
Grimr Oegir 2, 350.
Gringuljet 3, 104. 102.
Grombricus 3, 45.
Grumoldus 3, 45.
Guanna 3, 50.
Güdhere 2, 358. 355.
Gudrun 1,124. Gudrunstrophe
2, 263.
Guülems IX. Graf von Feitien
1,367.
Guiot von Provinz und Wolfram
von Eschenbach 3, 446.
Gniots L^beusiiinstiiide 3,
REGISTER ZUM I.— HL JAHRGANG.
513
453. AbliusimgfiBeit der
Bible S, 454.
Gmnppeoberg^ Christoph Ton;
Beutcer der zweiten Münch-
ner Kibelnngenhandschrift
1,204.
Ganther 1, 292. 2, 358. 260.
. 3, 177.
Gunienle 1, 81.
Gw»o 1, 88.
Gamemanz von Graharz 2, 393.
Gürtl, der 1, 261.
Gnragri 2. 394.
Guthorm 3, 177.
Gnylem de Cerreyra 1, 368.
Gwenhwyyar 2, 395.
Hackelberg 1, 104.
Hsedcyn 1, 403.
HAdaer und die Trojasage 1, 50.
Hagano 1, 38.
Hagen 1, 292. 3, 178.
Haimbradns 3, 42.
Haifrek 3, 185.
HaUe, der Ton 3, 234.
HaItricb,yolkBmArehen2, 120.
Hambrada 3, 43.
Hamleikr 1, 457.
Hamlet 1, 455. 457.
fian in der thflring. Mnndart
3,394.
Hans Sachs; eine Auswahl
ans seinen Werken 3, 381.
har für her im Reime 3, 66.
Härder 3, 312. .
Hardidns 3, 299.
Hardieft Ton Gascogne 2, 404.
Harid 3, 299.
Hartem, Nicolans de 1, 493.
Harm 1, 10»
Hartrehns, Hartnens 3, 299.
Hartman 1, 295.
Hasenbraten, der entlanfene
1, 261*
h<»t nnd htUte in der thüring.
Mundart 3, 391.
haords 3, 3.
Hansen, Friedrich von 1, 480.
3 482.
Heardred 1. 414.
Heidin, die 1, 261.
Heilung durch Anrufung der
Sonne 1, 79.
Heimdali in Muspilli 3, 20.
Heime 1, 292.
Heimo, Gedicht yon 2, 435.
' Hein, Freund 3, l79.
> beinenkleed 3, l79.
■ Heinrich, der arme 1, 126.
3,347.
' Heinrich, König 2, 477.
Heinrich vin Freiberg 2, 253.
i Heinrich Ton Kempten 1, 259.
Heinrich von Meningen 3, 304.
482. 503.
Heinrich, Sohn des Weifen
I Etieho 1, 76.
I Heinrich von Veldeke 3, 492. ff.
I Heinz 2, 169.
. Heldenbuch, das 1, 504.
Heldensage , zur deutschen
2, 344. 507. 434.
HAlias an die Stelle Wuotans
in MuspiDi 3, 17. 18.
HeUand 1, 255.
Helka 1, 293.
HeUebeke 3, 173.
Hellebome 3, 173.
HeUeput 3, 173.
Helm; Ausdrücke dafür im
Beowulfliede 4, 393.
Heming, Eomaer und 1, 297.
455.
Heppid 3, 299.
Herbort von FritsiArund Benoit
de Sainte More 2, 49. 177.
307.
Herbrand 1, 291.
Heremod 2, 362.
Herta, König 1, 6.
Hertething 1, 7.
Hermann von Sachsenheim 1,
361.
Hero und Leander 1, 260.
herre in der thüring. Mundart
3, 393. h6rre 3, 49. h^rro
1, 235.
Hersfeld, sieh Lambert ▼. H.
Herwig l, 293.
Herz, das (NoveUe) 1, 260.
Herzeloyde 2, 392.
Hesler; seine metrischen Re-
geln 1, 192.
Hetware 2. 352.
Hialprekr 3, 184.
HiczenpUcz 3, 273.
Hiez 2, 169.
HUde 1, 293.
Hildebrand 1, 291.
IBldeburg 1, 293. 2,351.
Hildegard, die Sage von 1,
437.
HUdeginiu 3» 297.
Hildegrin 1, 292.
Hilmptrud 3, 46.
hiltim 3, 43.
himilzungal 3, 7.
hinke 3, 335.
Hinze 2, 169.
Hister, EÜiieus 1, 35.
hlav, hlAv 1, 89.
hIaiF 3, 3.
hieithra 3, 3.
hlid 3, 1.
HlidskialfS, 4.
hlin^n 3, 3.
Hnäf2, 351.
Hö und Hoppr 1, 10.
Hoffzucht, die 1, 272.
Hohenloch, Gottfried von 2,
499.
Hohenlohe, Gk)ttfried tod 2,
254.
Höoingas 2, 351.
Holda*s Elbereich 3, 172.
Hoppr und Hö 1, 10.
Horand 1, 293.
Horid 3, 299.
Hörselberg, Sagen vom 2,
232.
houg, hangr 1, 95.
Hrödel 1, 403.
HrödgAr 1, 397.
Hrotghat 3, 299.
Hrothulf 1, 302.
Hrotstitha, die Werke der
3, 375.
Hugas, die 2, 352.
HugbaJd und das Ludwigtlied
1,234.
Hugo*s Ton Trimberg Leben
und Schriften 2, 363.
Hngones 2, 352.
Hugotheodericus 2, 362.
Hnlda 3, 256.
Hülzing 3, 314.
Hünaland 2, 346.
hund, decas 1, 218.
Hund; von dem wolff and dem
hunde 1, 271. Der hont
mit dem bein 1, 272.
Hunding, König 2, 353. Hun-
dingas 2, 354.
Hundland 2, 353.
hundlege 1, 16.
Hünferd 1, 408.
Huon von Bordeaux 3« 243.
hurt 3, 3.
hüttekost 1, 355.
hv 1. 129.
HygelAo 1, 404. 2» 352.
33
614
BEGISTJEE ZUM L— lll. JABBOANG.
I U. J.
Jagd; Wodans Jagd 1, 1Q2.
Jagdhunde 1, 9. 11. Jftger.
brevier 3, 251. Jagermesse
1, IB. 17.
Jan 1. von Brabant 3, 154.
ib 3, 42.
IbliB 2, 409.
Ibnminga 1, 94.
Icel 1, 301.
Ider fyl Noyt 2. 397.
Jean de Calais 3, 203.
Jeroschin; die metrischen Re-
geln des Nicolaus ?. J. 1,
192.
Jgerne 2, 395.
-m in der thüring. Mundart
3, 393.
inaz 3, 48. 49.
Inguse von Bahtarliez 2, 391.
inmethi 3, 51.
Instrumentalis, der deutsche
3, 151.
Joannis • Tragoedia (von Job.
AI) 2, 503.
Johannistag 2, 231. 232.
Johansdorf, Albrecht yon
2, 262.
Jochgrimm 1, 121.
Jotar 2, 344.
Irot 2. 409.
Isidor, zum 1, 462. Zeitbe-
stimmung der Übersetzung
des Isidor 1 , 467. Angel-
sächsisches im J. 1 , 470.
Finnin, Verfasser der Über-
setzung des Isidor 1, 472.
Isolde 1, 294.
Istio 1, 49.
Ither von Gahevieß 2, 397.
Itony§ 2, 396.
Jutnacynn 2, 344.
Iwanet 2, 397.
Iwein 1, 294. 2, 163. 3, 338.
C u. E.
cabir 2, 443.
C&dmons des Angelsachsen
bibl. Dichtungen 1, 244.
Kai 2, 396.
Kaiserchronik , Abfassung der
2, 13. *
Kaiserstuhl bei Kissingen 1,
96.
Kaland, der 2, 50a.
camelin 3, 334.
Campatille 1,489.
Kantelberg, Thomas von 1,
266.
Capelün 1, 479.
Kardeiz 2, 403.
Karel en £legast 1, 492.
Kari der Grosse 1, 75. 76.
268.
Karlmeinet 2, 502.
Karsnafide 2, 397.
Kaspar von der Roen 1, 53.
239. Inhalt der Handsschrift
1,60.
Katechismus , Wolfenbüttler
1,473.
Kater; deutsche Namen des
Katers 2, 168.
Cato, fraui. Bearbeitung des
1, 374.
Katze ; von dem fuchs und der
katzen 1 , 272. von des
schuechters katzen 1 , 272.
kaun 1, 125.
Kaylet 2, 404.
ceir 1, 389.
Kemenaten, Albrecht von 1,
295 319. 321.
Kempten, sieh Heinrich v. K.
Cerveyra, Gnylem de 1, 368.
Keye 2. 396.
Chattuarii 2, 352.
Chauci 2, 351. 353.
ehest 1, 276.
Chochilaigus, König 2, 352.
Chrestiens de Troyes und
Wolfram von Eschenbach
3, 81.
Chrimhildenspindel 1, 74.
kilhouwe 1, 354.
KilUrjacach 2, 404.
Kinder- und Hausmärchen
2,239.
Kinderlied, Alemannisches 2,
382.
Bundloß 1, 70.
Kingrisin 2^399.
Kingrum 2, 407.
Kippid 3, 299.
Klamide 2, 407.
Clarischanze von Tenabrok,
2, 392.
das 1, 273.
clida 3, 1.
Klingsor schwarzer ton 3, 315.
316. 318.
EJinschor 2, 408.
cUth, ditha 3, 3.
Clnse, Matur von 2, 451.
codanus, sinus 1, 385.
KOUen, Friderich von 3, 436.
der lesemeister von K. 3«
241.
Kölnische Mundart , über die
3, 493. flf.
Kolmar , die drei Mönche vod
1, 263.
König, der nackte 1, 264.
2, 431.
Gonciolegis 1, 82. 88. 92.
Konrad von Lothringen 1, 91.
Konrad von Würzburg 3, 257.
Konrad von Tübingen 1, l7.
Contzelech 1, 83. 88.
Korweis, in der 3, 326.
Coslascoyt 2, 394.
kouwe, diu 1, 364.
Krankheiten, Particip. praes.
für 2, 377.
Krebs; von dem wolff, seinem
sun und von dem krebs 1,
271.
Crescentia 1, 259. 438.
Crestien; über eine Handschrift
von Prestiens Credichte li
contes del Graal 2, 426.
Kriemhiltenstein 1, 75.
KröU, sieh Simprecht.
Kübeler, der 3, 229.
Kundrie la surziere 2, 393.
Kundrie la belle 2, 396.
Kundwiramurs 2, 407.
Kunkel, Kunkelberg 1, 74.
Cuncile 1, 82, 92.
Cunzo 1, 88, 92.
Kuperan 2, 508.
Kupferton. der 3, 317» 323.
kuppervlinke 1, 355.
Kuprian 1, 295.
Kuräz 3, 219.
Kürnberger, der 2, 492«
kürsen, kürsenlin 2. 87.
Kuse, der 3, 234.
Czers; der Tumey von dem
Czers 1, 271.
L.
Lachmann&mhd. Metrik 2, 10&
lachter, daz 1, 354.
Lambert von Hersfeld der Ver-
fasser des Annoliedes 2, 27.
und des Alexanderiiedes 2,
29. 46. sein Leben 2,
47.
REGISTER ZUM L-IH. JAHRGANG.
516
Lammlre 2, 899.
Langile 1, 89.
Lao^obardisehe und gotbische
Handscbriften 1, 358.
LaDcelot 1, 493. 294.
Lanselen 1, 89.
Li^ppenhaasen 1, 384.
1»8, bei zusammengesetzten
Zahlen 1, 25.
Lanremberg, Johann 2, 298.
445.
Lanrin 8, 256
Lazaliez 2, 397.
^ 16 1, 88. 90.
Le am Seestrande 1, 235.
Leander, sieh Hero.
Leren, bmoder Heinrich Ton
3, 242.
Leiblein 3, 275.
Leiningen, Friedrich von 1,
254.
LechTelt 1, 85.
Lempfrit, bmoder 3« 231.
Leseh, Albreeht 3, 314.
Lesemeister, der, zno den Au-
gustinern 3, 229. der 1. Ton
Rollen 3, 241.
Letanie 1,311.
leu 2, 442.
Leutold von Pleien 1, 249.
Lew; von dem lewen, dem
wolfe und auch von dem
fuchs 1, 27l. von dem le-
wen dem ochsen dem esel
und dem swein 1 , 272. Ton
dem lewen und der meüs
1 , 272. von dem jungen
lewen 1, 272.
li, le, Uo, lei 3, 48.
Liaze 2, 394
Hb zur bildung von eilf und
zwölf 1, 222.
lidskialf 3, 4.
Lienhart, der heilige 1, 76.
lifl,20.
-lieh in der thüring. Mundart
3, 393.
Lilien, die geistlichen 3» 56.
Liliencron über die Nib.Hs. C.
2, 122.
ling 1,276.
Linouwe, Heinrich von 1, 319.
321.
Livius, HaMdschrift des 1,
356.
Lobgesang Gottfrieds v. Stras-
burg 3, 62. die Reime 3, 62.
Zeugniss Konrads 3, 76.
16gel 3, 441.
Logrois, Orgelouse von 2, 396.
Lohengrin 3. 244. der bair.
Dialect im L. 3, 245.
Loherangrin 2, 407.
Lorrais, Chanson des 1 , 493.
Lot, EOoig 2, 395.
Ludwig 3, 393. bmoder Lude-
wig 3, 230. Ludwig von
Thüringen 3, 410. Ludwig
des Frommen Kreuzfahrt
1,247.
Ludwigslied, über das 1, 233.
Lüftelberg 1, 76.
Lufthildis 1, 75. 76. 78.
Lusaka und Ruska 1 . 9.
Luthers Bibelübersetzung 2,
109.
Lyrik; der Strophen* <au in der
deutlichen Lyrik 2, 257.
M.
Mabonagrin 2, 397.
Madagran, König 2, 452.
moBg 1, 460.
Magnus; über die vita S.
Magni 1, 93.
Mahaute 2, 394.
Mai und Beaflor L 435
Mailehen 1, 65.
Manfred und Sophroniske 3,
208.
Map. Walter 1,6. 493.
St. IVtargaretha (franz. Bear-
beitung) 1, 374.
Märhelde , das Geschlecht der
1.306.
Maria; Marienklage 1, 243.
3, 281, ein altfranz. Ma-
rienleben 1, 373. Marien
Bräutigam 1, 265, Mariae-
rock 1 , 75. Marien Pfarrer
1, 265. Maria und der
Maler 1. 264. Maria und
die Mutter 1 , 264. Maria
und die Sündenwage 1, 265.
Maria und die Hausfrau 1,
265. Marien Ritter und
der Teufel 1, 265.
Marklo an der Weser 1 , 97.
98.
Marslo, Marsle 1, 97. .
Marso 1, 98. Marsberg 1, 98.
Marstem, Marsheim 1, 98.
Massageten und der Sonnen-
kultns 1, 79.
Matelane 1, 489.
Matur von Clüse 2, 451.
Maudi 2, 170.
Mauzi 2, 170.
Mazadan 2. 394.
medh 1, 342.
Meisterges&nge aus dem XV.
Jahrhundert. 3, 307.
Meleranz von Frankreich 2,
600.
Membrada 3, 43.
Memel, Johannes Petros de
2,445.
Merewioingas, die 2, 352.
Mercurius bei den Britten
1, 245.
Metrik ; die metrischen Regeln
des Hesler und Jeroschin
1, 192. Lachmanns mhd.
Metrik 2, 105.
Metrologisches und Geographi-
sches aus dem Wessobranner
Codex 2, 88.
Metta, Magd 1, 77.
mid im Angelsächsischen 1,
343.
Midgardschlange , die 2, 348.
Miese, Mieze 2, 170.
Michel Beheim , sieh Beheim.
Michel von Würzburg 2, 372,
376.
min bei zusammengesetzten
Zahlen, 1, 25.
min im vocativ 2, 464.
Minnerede, die 3, 360.
Minnesangs Frühling 3, 481.
Minss 2, 170.
mit; regiert die Präposition
mit den Accusativ? 1,
341.
Mittelniederländische Gedichte
2, 172. 428. mnl. Umarbei-
tung des Nibelungenliedes
1, 213.
Moissac, der Annalist von 1,
37.
Molhem, Gielis van 1, 493.
Mönch, der schwangere 1,
261
Mönz 2, 170.
Moriaan, der Roman von
1, 500.
Möriant 1, 489.
Morungen , sieh Heinrich
von M.
Möranc 1, 489.
MuU, Mulle 2, 170.
Mundofaeda 2, 475.
516
REGISTER ZUM L— m. JAHRGANG.
Münchner Nibelungenhaod-
Schrift, die zweite 1» 202.
Monsalv&sche 2, 392.
Moriele 1, 89.
Mospilli 1,236. 3, 7. Zer-
legnng in drei Lieder 3,
12.
Motz, Mutiel 2, 170,
Mystiker, Sprüche deutscher
3.226.
N.
Nachtigall, Rath der 3, 129.
Frau Nachtigall 3, 129. die
freie Nachtigall S, 144.
Aussprüche der Nachtigall
3, 146.
Nanteis, Tnmei Ton 2, 503.
Narfi, 3, 301.
nazselida, 3, 48.
Nebelkappe 3, 177.
Neriuog 3, 301.
Nerbo 3, 301. ^ ' "
Neribo 3, 301.
Nets, des Teufels 3, 21.
Neuss; Reimchronik der Stadt
Nenss von Christian Wier-
straat 1, 242.
Nibelinns 1, 293.
Nibelungenlied 1, 202. 207
3, 51. mittelnl. Umarbeitung
1 , 213. Übersetzung 1,
504. Handschrift C. 2, 122.
Nibelungenstrophe 2, 259. d.
Nibelungensage 3, 163. die
nordische Gestalt der Sage
3« 164. die Nibelunge 3,
170. 177. der Nibelungen-
hort 3, 181. der historische
Theit der Sage 3, 195.
S. Nicolaus, Bruchstück einer
-Legende vom 2, 96.
Nicolaus de Hariem 1, 493.
bruoder Nicolaus 3, 229.
Nicolaus und die Ruthe 1,
147.
Niederdeutsche Osterreime 2,
164.
Niederrheinische Mundart, üb.
die 3, 493. u. ff.
Nifland 1, 489.
Nipingr 3. 172.
Niuwenach , Niunach siehe
Nüweftch.
Niuwenburg, bruoder Fride- 1
rieh Ton 3, 228.
Nile, diu 1,311.
Nones 1, 121.
nurahari 3, 44.
Nüweaoh, Heinrich von 1, 10.
Nüzzen, der von 3, 228.
0.
6 = ou 3, 66.
Oberge, Eilhard von 2, 495.
Oddrun 3, 170.
Ogier li Denois 1, 492.
Oegisdyr 3, 174.
Ochs; von dem lewen, dem
ochsen , dem esel und dem
swein 1, 272.
Ongen]>eöw 1 , 404.
Ordinalzahlen , zusammenge-
setzte 1,26. 219.
Orgelouse von Logrois 2,
396.
d*Orleans, mistere du si^ge
2, 505.
örtelin Sicke, bruoder 3, 232.
Ortenburg, Graf Joachim von ;
Besitzer der zweiten Münch-
ner Nihelungenhandschrift
1,203.
Orthographie; die Schrift des
Hieron3rmu8 Wolf: De or-
thographia Germanica 1,
160.
Ortwein 1, 295.
Osning in der Wilkinasage
1, 122.
Ostara 1, 66.
Osteralp 1, 72. Osterberg 1,
72. Osterfingen 1, 72.
Osterfladen 1, 69. Oster-
hom 1, 72. Osterkopf 1, 72.
Ostersonnentanz 1 , 67.
Ostersteine 1, 72.
Österreich 3, 142.
Osterreime, niederd. 2, 164.
Osterza 1. 72.
Oswald 2, 467.
Otia imperialia des Gervasius
von Tilbury 1, 368.
Otfried 1, 37. 2, 384. Hand-
schrift 1,357. die Göttweiger
Abschrift 3, 359.
Otto der Bogener, Gönner Ul-
richs von Türheim 2, 251.
254.
Otto von Turne 2, 444.
Ougestburg , her Heinrich von
3,226.
Pamphilus Gengenbach 2,
122
Parale 1, 77.
Paris 1 , 38. der Schüler zu
Paris 1, 260.
Paron und Bonikt l, 9.
Parthenopeus und Melier 1,
500.
Parzival 1, 293. 2. 81. 405.
über die Eigennamen im
P. 2, 385. eine Emendation
Lachmanns 3« 7l.
Passglftser, zur Geschichte der
1, 477.
Paulus Diaconus 1, 36.
Peicht, dy falsch 1, 270.
Peitieu, Guillems IX. Graf von
1, 367.
Pelrapeire 2, 407.
Pennin c 1, 495.
Percheval li Gaioüs h 125.
Peredur 2, 405.
Perihtilinpara, die 1, 91.
Pessack 3, 275.
Pest, die 2, 377.
Pfaffe, der geäfite, 1, 263.
Pfalzgrafenweiler 1, 2.
Pferdeopfer 1, 73. 79.
Phyllis, Aristoteles und 1,
258.
Phöbus 1, 79.
Physiologus, der ältere 3,
360.
Pieter Vostaert 1, 495.
Piligat 3, 299.
Piligrin 1, 293.
Pirmin 1, 472.
Plaier, der 2, 500.
Pleien, Leutold von 1, 249.
Pleier 2, 500. seine Heimath
3, 25. seine Bildung 3, 26.
seine Quelle im Garel 3, 28.
23. 25.
Plinius über die deutschen
. Kriege 1, 356.
Porsa und Bracca 1, 10.
Praeterita, die ahd. 3, 147.
Predigtbruchstücke 1 , 441-
Predigtmärlein 3, 407. Pre-
diftentwürfe 3, 360.
Predyr 2. 405.
preys 1, 279.
PriameUi 3, 368.
Priamus, erster Kdnig der
Franken 1, 34. 40. 43.
Priarius 1, 43.
REGISTER ZUM 1.-01* JAHRGANG.
617
PrieifcentttKl M den Deut-
schen 1, 222.
Proeessionen nm die Felder
1,78.
prodeluz 1,281.
Psahnenübersetsnng, eine ror-
Notkerische 2, d8.
Pnse 2, 170.
Quakenbrück 3, 4.
qnene 1, 355.
Rftdlein, das 1, 262.
nun; damit susammeogesetste
Worter 2, 383.
Ramm 2, 170
Raptardns 3, 301.
redekorbe 1, 355.
regart 1, 280.
Regenbogen blawer ton 3, 316.
324. langer R. 3, 320.
Reigher, ran den 2, 173.
Reiher, der 1, 261.
Reim; ans den metrischen Re-
geln Heslers nnd Jerochins
1, 197. 201. Ordnung des
Reimes in den beiden Stollen
2« 289. Dnrchfahrung durch
die ganze Strophe 2, 296.
Reim im Mnspüli 3. 8. bei
hSfisehen Dichtem 3, 62.
Reinaert ; ?an den lewen en-
^n beren ende Tan Reinaert
den vos 2, l74.
Reinbot Ton Dome 1, 37l.
Reinhard Fuchs 3, 121.
Reize 2, 169.
Remigius von Rheims 1, 77.
Renner, der 2, 368. 372.
Rennewart, der 2, 250.
Repanse 2^ 392.
Repego wische Chronik 1, 381.
Reptila 3, 301.
Ribalt 2, 169.
-rieh in der thüring. Mund-
art 3, 393.
Richaude 2, 391.
Riedesel 1, 77.
Ring, der (von Heinr. Witten-
weiler) ], 329.
Ringgenberg 1» 119. i
ritter in der thüring. Mundart
3, 393.
Ritter don, grues im 3, 324.
Roen, sieh Kaspar von der R.
Rockenstein, Rockenberg 1,
76.
Roland 1, 294. Zeugniss fOr
die Chanson de R. 1 , 486.
Roelant 1, 492.
Romanus 1, 40.
Romfart, von der 1, 27l.
Rorico 1, 37.
Rossberge 1, 72.
Rüdeger 1, 292.
Rnmolds Rath 2. 81.
Ronenalphabet, das 1. 124.
Runenring, der Buckarester
2,209.
Runkelstein, die Fresken im
Schlosse 2, 467.
Runze 2, 213.
Ruska und Luska 1, 9.
Ruthe küssen 1, 134.
Rutze, Rütze 2, 213.
s.
Sabbins 2, 408.
Sagalo 3, 300.
Saganhart 3, 300.
Sagato 3, 300.
Sagevardus 3, 300.
Sagildis 3, 300.
Saginbuddus, Sagintruda 3,
300.
Sahho3, 300.
Sahmar 3, 300.
Sahnert 2, 474.
Sachs, Hans 3, 881.
Sachsen , Sagenschatz des
Königreichs 1, 370.
Sacbsenheim, Hermann von
1,361.
Saelde 1,294. 2,436.
Salomo 2, 431.
Samanildis 3, 41.
Ssmanolt 3. 41.
Sambar 3, 41.
Samdrud 3, 41.
Samila 2, 473.
Samner, der (von Hugo von
Trimberg) 2, 374.
Samo, SAmo 3. 41.
Samuin 3, 41.
Samuuih 3, 41.
Saner 2, 474.
SangiTO 2, 395.
Sanieldus 2, 473.
Sanila 2, 473.
Savüftuo 2, 474.
Sancoii 2. 474.
Sannon 2, 473.
Sanprat 2, 473.
Santen 1,38.46.
Santinosa 2, 452.
sapi 1, 275.
sanr 1, 279. 2, 442.
Schaff; von dem wolff und dem
schaff 1,271.
Schaf gotsch 1, 78.
Schaiach 1, 2.
Schaich 1, 2.
Schainbuoch 1, 2. 16.
schalkbaere 3, 444.
Schauspiel, ein geistliches 3,
267.
Schehabeddin, die Geschichte
▼om Scheich 2, 432
Scheiblein 3, 275.
Schenteflurs 2, 394.
Schöpfen 1, 238.
Soherilo 3, 120.
Schertweg, Jacob 2, 504.
Scherus 3, 120.
Schianatulander 2, 391.
Schiff; Bezeichnungen des-
selben im Beowulfliede 1,
394.
Schilbonc 3, 4.
schintfessel 2, 345.
Schl&gel, der 1, 262.
Schlauraffenland 2, 246.
Schneewittchen 2, 489.
Schnepperer, der 3, 371.
SchOlielin, der 3, 230.
Schonbuch 1, 2.
SchoOUe 2. 397.
Schoye , ürepance de 2, 391.
Scho76iane2 391.
Schr&tel; das Schrätel und der
Wasserbär 1. 264.
SchrOtel, das 1, 418.
schubestein 1. 355.
schürbrant 2, 87.
M. Schüttenhelm de Augusta
und das Spiel vom beil.
Goorg 1, 169.
Schwanensage; Heimath l,
439. Bezug auf Wuotan 1,
440. die Seelen Gestorbe-
ner als Schwftne 1 , 421.
Schwanfrauen 2, 120. die
Sage vom Schwanritter 1,
418. 490.
Schwert, das 1,^.394.
518
REGISTER ZUM L-IH. JAHRGANG.
Seebarg, Königin snJochgriiniii
1, 121.
Seele und Leib 8» 396. Seelen-
Wanderung 2, 120.
Sege, des tufel8 3»2].
S6gean 2, 358.
Segensfonneln , die Wiener-
3,123.
Segramors 2, 396.
Sehnert 2, 474.
leim 3, 65.
Secgan 2, 358.
secbine 3, 329.
Selga, Fraw 2, 438.
semedips l, 282.
lemgleyr 2, 442.
Senard 2, 473.
Senarios 2, 473.
Senedeas 2, 473.
Senepert 2, 473.
Senera 2, 473.
SeuvarduB 2, 473.
Senila 2, 473.
Seniofred 2, 473.
Senkung im mhd. Verse 2,
105.
Senn, Sennert 2, 474.
Sennovetns 2, 473.
Senoband 2, 473.
Senova 2, 473.
Senocb 2, 473.
Senopus 2, 474.
Senreth 2. 473.
Senrich 2, 474.
sesterai 3» 50.
setim 3, 329.
Sentildns 2, 476.
si Verkürzung aus üzsi, üz
3,49.
Sibille, die Königin 3, 243.
Siegfried 1, 292. 3, 183,
186.
Siegfried Ton Dabenfeld 1,
237.
Siegfried Ton Morland 1 , 489.
Siegwein 1, 295.
Sifrit 2, 358.
Sigebertus Gemblacensis 1,
37.
Sigeferd 2, 344. 355. 357.
359.
Sigefred 2, 358.
Sigemund und Sigeferd 2,
344.
Sigbelberga 2, 474.
Sigipedes 2, 216.
Sigjas 2, 358.
Signy 3, 180.
Signne 1,294. 2.391.
Signrd 2, 358. 508.
Sihora 2, 448.
Sicamber 1, 49.
Sicambria 1, 35. 37. 45.
Sicgas 2, 358.
Siciliana, die 2, 294.
Sicobotes 2, 215.
Simprecht Kröll 1, 170.
sindös 1. 485.
SinfiOtli 2, 345.
Singenberg 3, 6.
Sinopos 2, 474.
Sintarfizilo 2, 345.
Skagofiördr, Skagaströnd 1, 2.
Scagaha 1, 2.
Skagi 1, 2.
Skarenza 3, 120.
Scariberga 3, 120.
Scarius 3, 120.
seealfingstdl 3, 5.
scelb 3, 1.
Skelfir 3, 4.
scelp 3, 1.5.
sc61pan 3, 4.
Scerolf 3, 120.
Skilfingr 3, 4.
Scilpunc 3, 4.
scöpas, die 1, 391.
scufpa 3, 4.
Scyld 1, 396.
SlAvenienbüs 2, 88.
Sleigertächlin 1, 361.
smauda 3, 50.
Solstein 1, 72.
8on in der tbüring. Mundart
3, 391.
Sonek 1, 7l.
Sonne 1, 79. 80. Sonnen-
berg 1, 68. 71. Sonnen-
brunnen 1 , 79. Sonnen-
bnrg 1, 71. Sonnenjoch 1,
71. Sonnkogl 1, 71. Son-
nenlehen 1 , 63. Sonnen-
leitstein 1 , 7l. Sonnen-
spiegel 1 , 79. Sonnen-
spitz 1,71. Sonnentanz 1,
67. Sonnenwendjoch 1, 71.
Sonnenwende 2, 228. Sonn-
tagskinder 1 , 80. Sonn-
tagshom 1, 7l.
sor 2, 441.
SovßoiTTioi 2, 216.
soyientreyr 1, 280.
Spelten , sieh Walther von
Sp.
Sperrogel 2, 493. 3, 481.
I Sperwer, der 3, 233.
Spiegels abenteuer 1, 361.
Spindelsteine 1, 74. 75.
Spödo 3, 303.
Spothild 3, 303.
Spdtmer 3, 303.
spratzeln 3, 442.
Sprüche deutscher Mystiker
3, 226.
Stabat mater in duitsche 3,
161.
Stanze, die ital. 2, 294.
Stapa und Stntt 1, 9.
Staudenfnes 3, 275.
Steinach, Bligger von 2, 502.
Steinberc, Werpbart von 2,
494.
Steinmar, braoder 3. 234.
stempfei 1, 355.
Stemegazze , der von 3, 235.
Stiefeti, der Bannr&uber 3,
254.
Stollen, Verh<niss der bei-
den 2, 288. Verh<Diss
zum Abgesang 2, 291.
Storg ; von dem storg der frosch
got 1, 272.
Strassburg , sieh Gottfried
voh St.
Strassburgische Mundart 3,
411.
gtrasse in der thüring. Mund-
art 3. 390.
Streckefofi, Streckebein 2, 241.
Stricker 2, 498.
Strophe; Dreitheiligkeit der-
selben 2, 283. Siebenzei-
ligkeit derselben 2, 286.
achtzeiiige Strophe 2, 287.
der Strophenbau in der
deutschen Lyrik 2, 257.
stuatago 3, 7.
studfawl 3, 373.
Stutt und Stapa 1, 9.
Suessiones 2, 216.
Suevi 2, 216.
Sugambri 2, 215.
Suleviae, matres 2, 216.
Suliyia, Minerra 2, 216.
Sündenfall , der ; niederd.
Schauspiel 1, 243.
Sunna, Sunno 1, 81.
Sunnilt 1, 81.
Sunnunchalp 1. 310.
Süntel 1. 72.
Suona 1, 81.
Snrdamur 2, 396.
Susanne als Benennung tod
Glocken 2, 383.
REGISTER ZUM I.-in. JAHRGANG.
619
SYdn 2, 215.
swebeleite, diu 1, 354.
Swödani 1. 387.
Bweif 1, 354.
SweoDen 1» 387.
Sykelgaita 2. 474.
Sylbenf enchleilaDg, siah Yer-
schleifong.
T.
Tadid 3, 299.
taihon 1, 21.
taihuntdTis 2, 42*.
tal als masc. 3, 330.
Tämpenteire 2, 393.
töva 2, 425.
Tegerien 1, 89.
t^hund 1, 23. 217.
Teichner, Heinrich der 1»
375.
Tempelherrnorden » Guiot Ton
ProTins ftber den 3, 449.
458.
Tenelant 1, 489.
Tennestetten» der tod 3, 233.
Tewesen, Tewesken 2, 305.
Theopfailns und der Teufel
1, 265.
Tbierfabel in der Predigt 2»
306.
Thomas von Kantelberg 1»
266*
Thorir 2. 347.
Thüringen, Landgraf Ludwig
▼on 3, 410. QuantitfttsFer-
hftltnisse der thüringischen
Mundart 3, 385.
Tibalt, Tibert 2, 168. 170.
tibdh, tibdo 2, 171.
tielloch 1. 108.
tigjas 1, 22.
tigus 1. 217. 222.
Tiibury, Gerrasius tou 1»
368.
Tirol; Heimath der Ecken-
sage 1, 121. die Personen-
namen Tirols in Beziehung
auf deutsche Sage und Litte-
raturgdftchichte 1 , 290.
Tirols Mythen und Sagen
3, 253.
Titnrel 2, 390. Titnrelstrophe
2, 263.
tolf 1, 21.
Thoman, bruoder 3, 232.
Tojgotitf 1, 37. 38.
Torchi 1, 37. 44.
Torqui 1, 35. 44.
Torquot 1, 35.
toyl 1, 274.
Trabe, das Abenteuer vom
2,223.
Trabesan 2, 474.
Trebuchet 2, 392.
treffe yertriben 3, 5.
Trevrecent 2, 391.
Trey in der Wilkinasage 1,
123.
Trimberg, Hugo tou; 2, 363.
ein Franke 2, 364. Lebens-
zeit 2, 367. seine Schriften
2, 367. Handschriften vom
Renner 2, 372. Freidank
▼on ihm benützt 2, 418.
Tristan 1, 294.
Troja , die alte 3, l79. Tro-
jades 1, 38.
Trojasage der Franken 1, 34.
2, 379. bei den Galliern
1, 50. bei Normannen und
Langobarden 1, 47.
TriisiUh 1, 99. 100.
Tübingen , die Pfalzgrafen
▼on 1, 1.
Tnrandot 1, 263.
Türheib, rieh Uolrich von T.
Türing, bruoder 3, 239
Turchot 1, 35. 45.
Turci 1, 35.
Turcus 1, 38.
Turne, Otto ▼on 2, 444.
tuz, sieh zur.
tralepti, tralaftl 1, 221.
tvaUf 1. 19.
Twimant ?on Gereit 2, 451.
V u. ü.
Überkuono (nom. prop.) 1,
225.
ülfilas, die ▼erlomen BUtter
des 2, 342.
Ulixes 1, 48. 49.
Uhrich ▼on Zazikhoyen 2, 496.
3,480.
Unverdorben (nom. prop.) 3,
273.
Ungendus 1, 299.
U|gesmach (nom. propr.) 1,
225.
Unibos 1, 359.
Unmikze (nom. propr.) 1» 225.
Uolrichs von Türheim Renne-
wart 2, 250.
uosezzel 3, 480.
Urepanse de Schoye 2, 391.
Urions 3, 108.
St. Ursenspiel von Job. Wag.
ner 2, 504.
Uta 1. 293.
Uthepandragun 2, 395,
w.
Wagner Joh. (St. Ursenspiel)
2,504.
Wace, Richard 1, 372.
W&leis in der Gudrun 1 , 489.
Walewein, der Roman van 1.
494.
Walgannus 2, 395.
Walganus 3, 40.
Walle und Wille 1, 3. 10.
Wälsing 2, 358.
Walter 1, 293. Walter Map
1, 6. 493.
Waltgina 3, 297.
Walther von Birberg 3, 436.
Walther tou der Yogelweide 1,
250. 475. zwei Lieder 2,
470. sein Tagelied 2, 261.
Walther von Spelten 1 , 248.
250.
Wandalgat 3, 299.
was in der thüring. Mundart
3 388
Wealh>edw 1, 409.
WÄd 1, 101.
Weihnacht, die 2, 229.
Weinschwelg, der 3, 210.
Weissenburg, Otfrid von 2,
384.
Uuelisinch 2, 345.
Welisunc 2, 345.
Weltbaum 2, 121.
weniger bei zusammengesetz-
ten Zahlen 1, 25.
Werner 1, 295.
Wernher von Niederrhein 1,
223. 2,439.
Wessobrunner Codex; Metro-
logisches und Geographi-
sches daraus 2, 88.
Wettenhausen, Kloster 1, 77.
Wiebert 3, 43.
Wicbrad 3, 43.
Wickram, Jörg 2, 505.
Wiedingharde 1, 77.
Wieland der Schmied 3, 176.
S20
REGISTER ZUM I.-III. JAHRGANG.
Wienftraat, ReimchroDik des
Christian 1, 242.
Wigalois 1, 294.
WigUf 1, 416.
ITiglet 1, '56.
Wilde Mk a, der 1, 223.
2,439.
Wilhelm tod Tübingen 1, 15.
W* .e und Walle 1, 3. 10.
Windeck 3, 273
Winsbeke 2, 501.
Wirtemberg, daz jad von
1, 269.
Wirtzeborge, der maier von
1, 262. 271.
Wiselanwe , Tan bere 1, 492.
Withow 1, 3.
Wittenweiler, Heinrich 1, 329.
Wittich 1, 292.
Wöd; de Wöd taeht 1 , 101.
de Wdd' jöcht 1, 102.
Woden; ein Beitrag aar deut-
schen Mythologie 2, 119.
Wolfdietrich 1, 309
Wolf, Hieronymus; s. Schrift
de orthographia Germanica
1, 160.
Wolfenbüttler Katechismus 1,
473.
Wolff; Tou dem Wolff, seinem
sun und von dem krebs 1,
27 1. Ton dem volif und
dem hunde 1 , 271 . Ton
dem lewen , dem volfe und
auch dem fuchs 1, 27 1.
▼on dem wolff und dem
schaff 1, 271.
Wolfhart 1, 292.
Wolfram 1, 295.
Wolfram von Eschenbach ; über
die Eigennamen im ParziTal
2, 385. sein Yerhftltniss zu
Chrestiens de Troyes 3, 81.
sein Yerhftlfcniss zuGniot Ton
Prorins 3, 445.
Worid 3, 299.
Wülffring 3, 275
Wulfgftr 1, 408. .
wünne und wunne 3, 67.
Wunsch, der 1, 484. die dr^
Wünsche 1, 262.
Wuotans Todtenreich 3 , 172.
Wurmelingen , Wurmeringen
1,304.
Würzburg, Michel tou 2, 372.
376. '
X U. T.
Xanthns 1, 38.
Tram, der Herzog 3, 213.
Ytam 3, 213.
Ytas 2, 344.
z.
zusammengesetzte
Zahlen ,
1,24.
zalbret 3, 443.
Zazikhoven, Ulrich Ton 2,
496.
zec, zic 1, 23.
Zimer 1, 355.
Zimmern, Graf Gotfried, Wem-
her Ton 1, 335.
z6 1 , 23.
zuc 1, 23.
Züchtigung nur bei Unfreien
gebraucht 1, 138 für Ver-
gehen gegen die Satzangen
der Kirche 1« 145. in den
Klosterschulen 1, 145.
zuelifi 1, 21.
zur als erstes Glied zusammen-
gesetzter worter 2, 214.
zweiminzweinzig 1, 20.
zweite 1, 32.
ZweizaU 1, 29.
zwelif 1, 21.
zwölf 1, 21.
zwote 1, 33.
26
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